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Epilepsien: Prächirurgische Diagnostik und operative Therapie

  • Martin KurthenEmail author
  • Günter Krämer
  • Thomas Grunwald
Living reference work entry
Part of the Springer Reference Medizin book series (SRM)

Zusammenfassung

Bei Vorliegen einer pharmakoresistenten fokalen Epilepsie ist die Indikation zur Durchführung einer prächirurgischen Diagnostik gegeben, welche über die Aussichten und Risiken einer kurativen epilepsiechirurgischen Behandlung Auskunft geben soll. Die Bestimmung des zu resezierenden („epileptogenen“) Areals erfolgt dadurch, dass die hirnlokalisierenden Informationen aus zerebraler Bildgebung, interiktalem und iktalem EEG und fokaler Anfallssemiologie (Anamnese und Video-EEG-Anfallsaufzeichnung) zur Deckung gebracht werden. Mögliche postoperative Defizite lassen sich durch neuropsychologische Untersuchungen (Testpsychologie, funktionelles MRI, kognitive Testung bei Elektrostimulation über intrakranielle Elektroden) abschätzen. Für epilepsiechirurgische Resektionen stehen standardisierte und auch individualisierte Operationsverfahren zur Verfügung. Das Komplikationsrisiko liegt im einstelligen Prozentbereich, die Chance auf Anfallsfreiheit je nach Befundkonstellation zwischen ca. 50 und 80 %. Falls ein kurativer Eingriff nicht möglich ist, können nichtresektive palliative Verfahren erwogen werden.

Bis zu 70 % der Epilepsiepatienten können mit medikamentösen Therapien eine zufriedenstellende Anfallskontrolle bei guter Verträglichkeit der Medikation erreichen. Bei den verbleibenden mindestens 30 % gilt die Epilepsie als pharmakoresistent, und es stellt sich die Frage nach den Aussichten einer kurativen epilepsiechirurgischen Behandlung. Da nach zwei ausgereizten medikamentösen Therapien der ersten Wahl die Chance auf Anfallsfreiheit durch weitere Antikonvulsiva auf einen Wert von maximal 10 % absinkt (Kwan und Brodie 2000), wird die Pharmakoresistenz pragmatisch bereits nach dem Scheitern zweier medikamentöser Therapien konstatiert. Die Gesamtheit der Untersuchungen, die über die chirurgische Behandlungsoption Aufschluss geben sollen, wird als „prächirurgische Epilepsiediagnostik“ bezeichnet. Diese Diagnostik ist technisch und inhaltlich komplex, ihre Durchführung sollte daher spezialisierten epilepsiechirurgischen Zentren vorbehalten bleiben. Altersgrenzen für epilepsiechirurgische Eingriffe bestehen prinzipiell nicht, allerdings ist bei älteren Personen (über 70 Jahre) und bei Neugeborenen und Säuglingen bis zum 6. Lebensmonat das u. U. deutlich erhöhte allgemeine Komplikationsrisiko zu bedenken, das derzeit sehr alte Patienten faktisch von der Epilepsiechirurgie weitgehend ausschließt. Die pädiatrische prächirurgische Epilepsiediagnostik ist nicht Thema der vorliegenden kurzen Übersicht.

Eine prächirurgische Diagnostik sollte bei sämtlichen pharmakoresistenten Epilepsien zumindest erwogen werden, auch bei Patienten, bei denen eine fokale kurative Resektion nicht möglich erscheint, also z. B. bei Vorliegen einer pharmakoresistenten, aber mutmaßlich idiopathischen generalisierten Epilepsie (IGE) oder bei Verdacht auf Vorliegen einer multifokalen, evtl. gar multiläsionellen Epilepsie. Dies aus zwei Gründen:
  1. 1.

    führt eine gründliche Diagnostik nicht selten noch zu einer Revision der initialen Einschätzung der Epilepsie oder sogar der Syndromdiagnose (z. B. IGE-imitierende Frontallappenepilepsien), und

     
  2. 2.

    können bei nicht kurativ resektablen Epilepsien in einigen Fällen palliative chirurgische Verfahren eine relevante Besserung erbringen.

     
Am aussichtsreichsten ist eine prächirurgische Diagnostik jedoch bei Patienten mit monofokalen Epilepsien. Die prächirurgische Diagnostik hat, allgemein gesprochen, die Aufgaben,
  • das epileptogene Areal – also dasjenige Hirnareal, dessen Resektion zu Anfallsfreiheit führt – so präzise wie möglich einzugrenzen, und

  • zu überprüfen, ob durch eine Resektion alltagsrelevante postoperative Defizite zu antizipieren wären.

Auf der Grundlage dieser Informationen kann der Patient gemeinsam mit dem Arzt eine gut begründete Entscheidung für oder gegen eine Operation treffen.

Prächirurgische Diagnostik

Zur Bestimmung des epileptogenen Areals gilt es, Informationen aus drei diagnostischen Quellen hirnlokalisatorisch möglichst zur Übereinstimmung zu bringen. Es sind dies die Anfallssemiologie, das iktale und interiktale EEG und die zerebrale Bildgebung.

Anfallssemiologie

Aufgrund der topografischen funktionalen Organisation des Neokortex sind Semiologien – also die Veränderungen des Erlebens und/oder Verhaltens als Ausdruck des Anfalls – lokalisatorisch wertvoll: Fokale Kloni entlang des motorischen Homunculus können auf das primär motorische Areal verweisen, olfaktorische Phänomene auf den mesiotemporalen Kortex, elementar-visuelle Pseudohalluzinationen auf den visuellen Kortex, tonisch-posturale Phänomene auf die supplementär-sensomotorischen Areale (SSMA), Hypermotorik auf den cingulären Kortex, Angst auf die Amygdala, vertiginöse Auren auf den parietalen Kortex (Übersicht bei Tufenkjian und Lüders 2012). Allein die genaue Kenntnis der Anfallssemiologie kann schon zu einer tragfähigen Hypothese zur Lokalisation des epileptogenen Areals führen. Die Semiologie wird auf zwei Wegen ermittelt: durch eine sorgfältige Eigen- und Fremdanamnese, und durch die prächirurgische simultane EEG- und Video-Aufzeichnung (sog. Intensivmonitoring) der patiententypischen Anfälle.

EEG

Lokalisatorisch wegweisend ist v. a. die im Intensivmonitoring ausgewiesene „ictal onset area“, also dasjenige Areal, welches zu Beginn des Anfalls von einem iktalen EEG-Muster erfasst ist. Die weitere Ausbreitung eines iktalen EEG-Musters ist allenfalls prognostisch relevant. So können frühe Ausbreitungen zur Gegenseite eine reduzierte Chance auf Anfallsfreiheit durch Operation anzeigen. Ebenfalls informativ, aber weniger spezifisch und lokalisatorisch weniger präzise als das Areal des Anfallsbeginns ist die sog. irritative Zone, also dasjenige Areal, das von interiktaler epilepsietypischer Aktivität betroffen ist (Surges et al 2012).

Strukturelle Bildgebung

Zur Darstellung potenziell epileptogener Läsionen ist eine hochauflösende 3-Tesla-MR-Bildgebung erforderlich, die

  1. 1.

    nach einem epilepsiespezifischen Protokoll durchgeführt werden sollte, das u. a. höchstauflösende 3D-T1-Datensätze für eine EDV-gestützte Nachbearbeitung enthält, und

     
  2. 2.

    von einem in der prächirurgischen Epilepsiediagnostik erfahrenen Neuroradiologen zu befunden ist (Von Oertzen et al. 2002; Wellmer et al. 2013; Kurthen et al. 2008).

     

Sind diese Bedingungen nicht erfüllt, entgehen der Diagnostik häufig die entscheidenden strukturell-bildgebenden Befunde, vor allem kleine fokale kortikale Dysplasien, die in manchen Fällen sogar nur über eine die visuelle Beurteilung wesentlich ergänzende EDV-gestützte Nachbearbeitung der MR-Daten erkennbar werden (Huppertz et al. 2014). Nur selten – z. B. zum Ausschluss verkalkter Läsionen – ist eine cCT-Bildgebung in dieser Diagnostik noch sinnvoll.

Wenn die Informationen aus diesen drei Quellen lokalisatorisch konkordant sind, kann das epileptogene Areal als bestimmt gelten.

Wenn eine teilweise Diskordanz festzustellen ist, aber dennoch eine tragfähige Hypothese zum epileptogenen Areal bestehen bleibt, kann in manchen Fällen weiterer Aufschluss über eine invasive Video-EEG-Anfallsaufzeichnung mit chronisch implantierten subduralen Elektroden und/oder intrazerebralen Tiefenelektroden gewonnen werden. Wenn z. B. Anfallssemiologie und iktales EEG eindeutig auf den rechten Temporallappen verweisen, das MRT aber keinerlei epileptogene Läsion ausweist, kann versucht werden, mithilfe einer solchen direkt kortikalen Anfallsaufzeichnung den Anfallsursprung im rechten Temporallappen noch zu beweisen. Zur Planung eines angemessenen Implantationsschemas kann in manchen Fällen eine funktionelle Bildgebung Entscheidungshilfen bieten: So zeigt das Positronenemissionstomogramm (PET) recht zuverlässig temporale Hypometabolismen bei Temporallappenepilepsien an (Guedj et al. 2015), und vor allem bei extratemporalen Epilepsien kann auch das SISCOM („subtraction ictal SPECT co-registered to MRI“) Hinweise auf das epileptogene Areal geben (Von Oertzen et al. 2011). Auch umschriebene Defizite im neuropsychologischen Testprofil können über ihren hirnlokalisatorischen Gehalt Hinweise zu dem von der Epilepsie betroffenen Hirnareal ergeben. Daher gehört auch eine standardisierte umfassende neuropsychologische Untersuchung obligat zur prächirurgischen Diagnostik. Funktionelle Bildgebung und Neuropsychologie sollen die sog. „functional deficit area“, also das durch die Epilepsie in seiner Funktion beeinträchtigte Hirnareal, anzeigen.

Neuropsychologische Diagnostik

Die neuropsychologische Untersuchung ergibt darüber hinaus prädiktive Informationen zu möglichen postoperativen kognitiven Defiziten. Dies wäre dann Teil der Beantwortung der zweiten Frage der prächirurgischen Diagnostik, wenn die erste Frage nach Lokalisation und Ausdehnung des epileptogenen Areals geklärt ist: Welche Defizite sind bei einer Entfernung des epileptogenen Areals zu erwarten? Bei den häufig durchgeführten Temporallappenresektionen (s. unten) ist bei dominantseitigen Eingriffen vor allem die Frage nach dem Ausmaß der postoperativen Einbußen im verbalen episodischen Gedächtnis alltagsrelevant. Hier gibt schon der neuropsychologische Ausgangsbefund einigen Aufschluss und zeigt ein hohes Risiko insbesondere bei noch recht gut erhaltenem präoperativen Verbalgedächtnis ohne Hinweis auf einen Transfer dieser Leistung nach rechts mesiotemporal an (Helmstaedter et al. 2000).

Apparative Zusatzuntersuchungen

Immer noch kontrovers diskutiert wird die Wertigkeit und vor allem die Verbindlichkeit der Ergebnisse apparativer Zusatzuntersuchungen, wie funktionelle Magnetresonanzbildgebung (fMRI) des Gedächtnisses und Wada-Test (also Gedächtnistestung unter monohemisphärischer kurzzeitiger Anästhesie, die ansonsten eher zur Sprachdominanzbestimmung eingesetzt wird), für die Gedächtnisprognose (Kurthen et al. 2011; Binder 2011). Wenn Resektionen in mutmaßlicher Nähe von oder gar überlappend mit eloquenten Hirnarealen geplant werden, gilt auch heute noch die elektrische Hirnkartierung über chronisch implantierte subdurale Gitterelektroden als Goldstandard: Mit punktueller Elektrostimulation beim wachen, kooperationsfähigen Patienten lassen sich sprachrelevante Areale, der sensomotorische Homunculus, andere primär sensorische (z. B. visueller Kortex) und weitere eloquente Areale wie die Sprach-SSMA oder der „Geschwind-Kortex“ (der für Hirnwerkzeugleistungen wie Lesen, Schreiben, Rechnen essenzielle temporoparietale Assoziationskortex) abgrenzen (Rosenow und Lüders 2009). Das Bestreben, diese invasive Diagnostik durch das nichtinvasive fMRI zu ersetzen, führte bislang noch nicht zu wirklich überzeugenden Ergebnissen – es scheint, als gäben desaktivierende Verfahren doch für den Chirurgen zuverlässigere Informationen als aktivierende Verfahren (Giussani et al. 2010). Speziell der primär motorische Kortex samt der absteigenden Leitungsbahn lässt sich jedoch durch multimodale nichtinvasive Darstellungstechniken (fMRI, transkranielle Magnetstimulation [TMS], Traktografie, somatosensibel evozierte Potenziale [SSEP] und Magnetenzephalografie [MEG]) recht gut abgrenzen; die gewonnenen Informationen können in das intraoperative Neuronavigationssystem eingespeist werden (Kamada et al. 2003; Frey et al. 2012).

Sozialmedizinische/psychiatrische Evaluation

Komplettiert wird eine prächirurgische Diagnostik durch sozialmedizinische und psychiatrische Stellungnahmen. Dabei gilt es, die Erwartungen des Patienten an die Operation abzugleichen mit den mutmaßlichen postoperativen Entwicklungen von beruflicher Eignung, Fahreignung und sozialem Erfolg, und es ist das Risiko negativer postoperativer psychischer Entwicklungen abzuschätzen (Hellwig et al. 2012).

Epilepsiechirurgie

Für die chirurgische Behandlung steht eine Reihe von standardisierten und auch individuell zugeschnittenen Eingriffen zur Verfügung (Lüders 2008). Man kann die Verfahren einteilen in resektive und nichtresektive oder auch in kurative und palliative. Resektive Eingriffe erfolgen üblicherweise in kurativer Absicht; nichtresektive sind meist, aber nicht immer (Ausnahme z. B. radiochirurgische Behandlung der mesiotemporalen Epilepsie) palliativ.

Resektive Eingriffe

Der heute wichtigste, da immer häufiger und erfolgreich durchgeführte Eingriff ist die selektive Amygdalahippocampektomie (SAH) bei mesialer Temporallappenepilepsie (MTLE). Dabei werden über unterschiedliche Zugangswege der Hippocampuskopf und -körper, der zugeordnete Anteil des G. parahippocampalis und der Ncl. amygdalae entfernt. Bei ausgedehnteren temporalen epileptogenen Arealen kann entweder eine anteriore Zweidrittel-Temporallappenresektion (SAH plus 4,5–5,5 cm ab Pol des temporalen Neokortex) erfolgen oder eine individuell zugeschnittene Resektion („tailored resection“), Letztere entweder in Form einer erweiterten Läsionektomie (bei Vorliegen einer epileptogenen Läsion wie fokaler kortikaler Dysplasie, Missbildungstumor, Kavernom etc.: Läsionsentfernung plus Resektion eines einzugrenzenden periläsionellen epileptogenen Areals) oder in Form einer kortikalen Topektomie (bei Fehlen einer erkennbaren Läsion: maßgeschneiderte Resektion des nach elektrophysiologischen Kriterien epileptogenen Kortexareals). Erweiterte Läsionektomien und – seltener – Topektomien sind auch die gängigen Verfahren bei extratemporalen Resektionen. In schweren Fällen kommen auch Entfernungen ganzer Hirnlappen (Lobektomien) in Frage.

Eine Sonderstellung nimmt die Hemisphärektomie ein: Dieser Eingriff hat sich von einem maximal resektiven (Entfernung einer Hirnhälfte) zu einem fast vollständig diskonnektiven und dadurch weit weniger komplikationsträchtigen Vorgehen (Hemisphärotomie ) entwickelt. Diese Operation bleibt Patienten mit schwerer monohemisphärischer Epilepsie (z. B. Rasmussen-Enzephalitis, schwerste früh erworbene vaskuläre Hemisphärenschäden) vorbehalten, wird häufig schon im Kindesalter eingesetzt, ist aber auch bei Erwachsenen höchst erfolgreich mit Chancen auf Anfallsfreiheit von bis zu über 80 % (Schramm et al. 2012).

Fallbeispiel

Eine typische Krankengeschichte eines epilepsiechirurgischen Patienten sei als Fallbeispiel kurz referiert. In diesem Fall einer Frontallappenepilepsie konnte die Operationsindikation schon mit einer nichtinvasiven Diagnostik gestellt werden.

Ein 30-jähriger arbeitsloser gelernter Koch wird seit dem 20. Lebensjahr wegen einer fokalen Epilepsie behandelt. Die Erkrankung ist pharmakoresistent: Behandlungen mit Valproat, Carbamazepin und Levetiracetam haben in Mono- und Kombinationstherapien nicht zu einer durchgreifenden Besserung der Anfallssituation geführt. Der Patient entschließt sich zu einer prächirurgischen Diagnostik.

Semiologisch wird für die Anfälle ein fokaler Ablauf mit gyratorischen Automatismen oder hypermotorischen Phänomenen geschildert, ferner Vokalisationen und glossale Automatismen, fakultativ auch ein Übergang in einen generalisierten tonisch-klonischen Anfall.

Das interiktale EEG zeigt epilepsietypische Aktivität links frontolateral, teils auch bifrontal links betont. Das iktale EEG lässt bei Aufzeichnung von 5 patiententypischen Anfällen initiale rhythmische Beta-Spikes links frontal erkennen.

MR-tomografisch wird bei sonst unauffälligem intrakraniellem Befund eine kortikale Signalanhebung mit Ausziehung nach subkortikal (sog. „transmantle sign“) im anterioren Sulcus frontalis superior links gesehen, also das typische Zeichen einer fokalen kortikalen Dysplasie (FCD).

Somit kann bei deckungsgleichen lokalisatorischen Befunden aus Semiologie, EEG und MRT die Diagnose einer läsionellen Epilepsie mit Anfallsursprung im Bereich der links frontalen FCD gestellt werden. Eine erweiterte Läsionektomie links frontal wäre mit einer guten Chance auf Anfallsfreiheit verbunden.

Zu möglichen Risiken einer solchen Operation: Der Patient ist Linkshänder, zeigt aber gemäß fMRI eine linkshemisphärische Sprachdominanz. Das epileptogene Areal liegt jedoch nicht in der Nähe möglicher eloquenter Areale (Broca-Areal, motorisches Areal). Neuropsychologisch sind frontale Einbußen (v. a. exekutive Funktionen) bereits vorbestehend. Ein erhöhtes Risiko postoperativer Defizite ist somit nicht gegeben.

Es wird die Indikation zur Operation gestellt, der Patient wünscht den Eingriff. Ein postoperatives MRT zeigt eine regelrechte, allenfalls knapp erweiterte Läsionektomie. Histologisch zeigt sich eine FCD Typ II. Postoperativ besteht Anfallsfreiheit, zusätzliche Einbußen treten nicht auf.

Bereits 3 Monate nach dem Eingriff setzt der Patient aus eigenem Entschluss die antikonvulsive Medikation aus Levetiracetam und Carbamazepin schlagartig ab. Die Anfallsfreiheit besteht dennoch dauerhaft für bislang 5 Jahre fort, dies wird auch mittels Langzeit-EEG-Untersuchung überprüft. Der Patient erwirbt im Verlauf einen Fahrausweis und findet in den ersten Arbeitsmarkt zurück mit einer beruflichen Neuorientierung.

Nichtresektive Verfahren

Mit Ausnahme der zum Teil in kurativer Absicht durchgeführten neuroablativen, insbesondere radiochirurgischen Verfahren kommen die nichtresektiven Behandlungen als palliative Eingriffe nur bei denjenigen pharmakoresistenten Epilepsien zum Einsatz, bei denen eine resektive Strategie nicht realisierbar ist. Folgende Verfahren stehen zur Verfügung:

Kallosotomie

Die teilweise (anteriore) oder vollständige Kallosotomie , also Durchtrennung der Balkenfasern, wird vor allem zur Behandlung von epileptischen Sturzanfällen und generalisierten tonisch-klonischen Anfällen mit schneller transkallosaler Anfallsausbreitung eingesetzt. Der Eingriff ist v. a. effektiv für Sturzanfälle, führt aber nur selten zu Anfallsfreiheit (Asadi-Pooya et al. 2008). Präoperativ sind schwerere postoperative Diskonnektionssyndrome durch eine ausführliche präoperative Dominanzdiagnostik auszuschließen.

Multiple subpiale Transsektionen

MST, also regionale vertikale Inzisionen des epileptogenen Kortex mit dem Ziel, die kolumnale Funktionalität zu erhalten und zugleich die Anfallsausbreitung zu verhindern, werden in epileptogenen Arealen durchgeführt, die innerhalb eloquenter Areale liegen. Häufiger als isolierte MST kommen aber Transsektionen in Kombination mit angrenzenden Resektionen vor, wenn das epileptogene Areal nur teilweise mit dem eloquenten Areal überlappt (Spencer et al. 2002).

Neuromodulative Verfahren

Derartige Verfahren (Sprengers et al. 2014; Schulze-Bonhage und Coenen 2013) sind:

  • die tiefe Hirnstimulation (DBS für „deep brain stimulation“) über dauerhaft in das epileptogene Areal oder in netzwerkrelevante Kerngebiete (z. B. thalamisch) implantierte Elektroden mit programmierbaren Stimulationsparametern,

  • die oberflächliche Hirnstimulation mit v. a. subdural dem epileptogenen Kortex aufliegenden Elektroden, die über eine in das System integrierte Anfallsdetektion responsiv zur Anfallsunterbrechung Stimulationen abgeben können (Bergey et al. 2015),

  • die Vagusnervstimulation (VNS) mittels einer spiraligen Stimulationselektrode am linken N. vagus im Halsbereich, verbunden mit einem subkutan thorakal implantierten Neurostimulator zur transkutanen programmierbaren Dauerstimulation,

  • die transkutane Vagus- oder Trigeminusstimulation , nichtinvasiv mit Stimulationen durch Elektroden auf den kutanen Versorgungsarealen dieser Nerven.

Neuroablative Verfahren

Als neuroablative Verfahren (Quigg und Harden 2014) sind hier lediglich zu erwähnen: Thermokoagulation inkl. Ultraschall- und Laserablation und Radiofrequenzablation, stereotaktisch gestützte Radiochirurgie, Letztere mit akkumulierender Erfahrung v. a. bei kurativer Behandlung von mesialen Temporallappenepilepsien, mit dem Nachteil eines stark verzögerten Wirkungseintritts der Therapie.

Outcome und Prognose

Etwa 60 % der resektiv operierten Patienten werden anfallsfrei, zunächst noch unter fortgesetzter medikamentöser Therapie, idealerweise einer Monotherapie (Wiebe et al. 2001). Im Langzeitverlauf über mehrere postoperative Jahrzehnte kommt es bei einer relevanten Minderheit der initial anfallsfreien Patienten zu Rezidiven, zum Teil im Zusammenhang mit Ausschleichversuchen der Medikation (Schmidt et al. 2004). Viele der ursprünglich postoperativ nicht anfallsfreien Patienten erfahren zumindest eine deutliche Reduktion der Anfallsfrequenz. Die Quote der Anfallsfreiheit ist für die verschiedenen Eingriffe unterschiedlich, über 60 % bei standardisierten Temporallappenresektionen und bei Hemisphärotomien, unter 60 % hingegen bei extratemporalen Resektionen. Der wichtigste positive klinische Prädiktor der Anfallsfreiheit ist die vollständige Entfernung einer nachgewiesenen epileptogenen Läsion. Weitere positive Prädiktoren sind eine kurze Krankheitsdauer und das Fehlen präoperativer generalisierter tonisch-klonischer Anfälle (Kurthen und Grunwald 2006). Mit der epilepsiechirurgischen Behandlung geht auch eine Verbesserung der Lebensqualität einher (Liu et al. 2015).

Bei palliativen Verfahren wird naturgemäß nur selten Anfallsfreiheit erzielt, die Quoten liegen im (meist unteren) einstelligen Prozentbereich. Relevante Reduktionen der Anfallsfrequenz werden je nach Verfahren und Grunderkrankung bei 30–60 % der Patienten erzielt.

Perioperative Komplikationen (Blutung, Infarkt, Entzündung, Trauma) mit persistierenden Defiziten (v. a. motorische, sprachliche und sensorische Defizite) kommen mit einer Häufigkeit von 3–5 % vor, die Mortalität bei epilepsiechirurgischen Eingriffen liegt bei 0,1–0,5 % (Hader et al. 2013; Behrens et al. 1997). Häufig und alltagsrelevant sind die in Kauf genommenen Operationsfolgen, die nicht komplikationsbedingt auftreten, z. B. die Verbalgedächtniseinbußen nach dominantseitigen Temporallappenläsionen oder die Gesichtsfeldstörungen bei Eingriff mit Tangieren der Sehbahn oder Resektion oder Diskonnektion des visuellen Kortex, wie z. B. bei Hemisphärotomien.

Wird dauerhafte Anfallsfreiheit auch ohne antikonvulsive Medikation erreicht, kann die Epilepsie gemäß der neuen Terminologie der International League Against Epilepsy (ILAE) (Fisher et al. 2014) schließlich als „abgeklungen“ („resolved epilepsy“) gelten.

Bei pharmakoresistenter Epilepsie ist die chirurgische Behandlung der fortgesetzten alleinigen medikamentösen Therapie klar überlegen (Liu et al. 2015; Wiebe et al. 2001). Korrekte Kandidatenselektion und definitive prächirurgische Diagnostik vorausgesetzt, ist die Epilepsiechirurgie heute somit nicht etwa eine Ultima Ratio der Behandlung, sondern eine wohletablierte Therapie der Wahl bei pharmakoresistenter Epilepsie.

1 Facharztfragen

  1. 1.

    Wann gilt eine Epilepsie als pharmakoresistent?

     
  2. 2.

    Aus welchen drei Quellen stammen die Informationen für die Lokalisation eines epileptogenen Areals?

     
  3. 3.

    Benennen Sie mindestens drei resektive und nichtresektive epilepsiechirurgische Eingriffe.

     
  4. 4.

    Welche Ziele sind durch eine Epilepsiechirurgie zu erreichen?

     
  5. 5.

    Wie ist die Komplikationsrate der Epilepsiechirurgie?

     

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Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017

Authors and Affiliations

  • Martin Kurthen
    • 1
    Email author
  • Günter Krämer
    • 2
  • Thomas Grunwald
    • 1
  1. 1.Schweizerische Epilepsie-Klinik an der Klinik LenggZürichSchweiz
  2. 2.Neurozentrum BellevueZürichSchweiz

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