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Stand der betriebswirtschaftlichen Insolvenzforschung

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Zusammenfassung

Im vorherigen Kapitel wurden die insolvenzrechtlichen Rahmenbedingungen dargestellt und vor dem Hintergrund des reformierten Insolvenzrechts die Notwendigkeit einer stärker betriebswirtschaftlichen Perspektive eingefordert. Dabei wurde das rechtswissenschaftliche Ordnungs- und Vollstreckungsverständnis insbesondere um den Aspekt eines ressourcenorientierten Substanzerhalts erweitert. Es wurde dargelegt, dass eine solche Sichtweise eng mit der Offenlegung und Beseitigung der leistungswirtschaftlichen Insolvenzursachen, genauer der Fehlentwicklungen in der Vergangenheit des Unternehmens, zusammenhängt. Für die empirische Studie dieser Arbeit, die eben eine Prozessbetrachtung bezweckt und organisationales Beharrungsvermögen als Auslöser bzw. zugrunde liegenden Mechanismus für diese Fehlentwicklung aufzudecken versucht, sollen die Erkenntnisse der betriebswirtschaftlichen Forschung über die Ursachen von Insolvenzen als Bezugspunkt dienen. Im nun folgenden Kapitel wird daher zunächst der Stand der klassischen Insolvenzursachenforschung umfassend dargestellt. Hierzu werden sowohl in der Literatur maßgebliche theoretische Erklärungsansätze für Insolvenzen als auch die Erkenntnisse der empirischen Ursachenforschung rekonstruiert und kritisch diskutiert. Im Sinne einer Bestandsaufnahme sollen inhaltlich relevante Bestimmungsfaktoren, d. h. wesentliche und gemeinhin anerkannte Ursachenbereiche, dargelegt und Defizite im Hinblick auf deren Erklärungsgehalt bestimmt werden. Grundlegend kann vorab festgestellt werden, dass trotz der fortwährend hohen Anzahl an Insolvenzfällen das Thema „Insolvenz“ eine vergleichsweise geringe wissenschaftliche Beachtung erfährt. Hinsichtlich der Insolvenzverursachung existieren bislang weder eine geschlossene Theorie, noch einschlägige, widerspruchsfreie empirische Untersuchungen, sodass der Erklärungsgehalt wie auch mögliche Gestaltungsempfehlungen der verschiedenen Ansätze durch die weitgehend partielle und häufig enorm vereinfachte Betrachtungsweise begrenzt bleiben. Darüber hinaus werden bislang insbesondere die Hintergründe des Prozessverlaufs, d. h. vorgelagerte Entwicklungsprozesse, die einen Einblick in die Entwicklung der Ressourcenpotenziale zu geben vermögen, oder auch Verstärkungstendenzen, die aus dem Zusammenwirken der Einzelursachen im Entwicklungsverlauf resultieren, ausgeblendet bzw. vernachlässigt. Zwar erscheinen die bisherigen Ansätze zur Erklärung von Insolvenzen – sowohl empirischer als auch theoretischer Art – insgesamt nicht geeignet, das Phänomen der Verursachung von Insolvenz in adäquater Weise zu fassen. Gleichsam kann jedoch aus den Erkenntnissen einiger neuerer betriebswirtschaftlicher Ansätze aus angrenzenden Forschungsgebieten eine Reihe anschlussfähiger konzeptioneller Erweiterungen gewonnen werden. Diesen organisationstheoretischen Ansätzen soll daher mehr Gewicht einräumt werden. So weisen einerseits Ansätze aus der angloamerikanischen Forschungstradition zum „organizational decline“ bzw. „organizational failure“ eine inhaltliche Nähe zur Insolvenzthematik auf; sie widmen sich bestimmten (dys-)funktionalen organisationalen (Rigiditäts-) Mustern sowie Governance-Strukturen und betrachten die Auswirkungen rückläufiger Entwicklungsprozesse von Organisationen im Allgemeinen. Der Niedergang von Organisationen wird hierbei primär anhand deren Anpassungs- bzw. Reaktionsfähigkeit angesichts auftretender Umweltveränderungen erklärt. Andererseits wird die Theorie der Pfadabhängigkeit vorgestellt, mit deren Hilfe extreme Erscheinungsformen organisationaler Rigiditäten beschrieben werden können. Die Theorie der Pfadabhängigkeit hat in den letzten Jahren die Organisations- und Strategieforschung bereichert und ermöglicht eine noch stärkere prozessuale Perspektive auf die Entstehung und Verfestigung von dysfunktionalen organisationalen Mustern. Wie zu zeigen sein wird, greifen diese Erweiterungen die aufgezeigten Defizite der bisherigen Insolvenzforschung auf und leiten schließlich zu dem konzeptionellen Bezugsrahmen über, der die Grundlage für den empirischen Teil dieser Arbeit bildet.

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