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Freund und Feind — Eine Renaissance partikularistischer Werte?

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Zusammenfassung

Das „Ende der Geschichte“ ist wieder einmal ausgeblieben.1 Zehn Jahre nach dem Triumph des Marktes über den Plan, der Freiheitsrechte über kollektivistische Definitionen des „Guten“, der technisch entgrenzten Kommunikation über Zensur und Programm zeigen sich vielfältige Erscheinungen, die das modernisierungstheoretische Versprechen der Geltung universalistischer Werte in Frage stellen: Religiöser Fundamentalismus bei Christen, Juden und Muslimen, die Wiedererstarkung ethnischer Zugehörigkeiten, Fremdenfeindlichkeit und die Bandenbildung von Jugendlichen. Alle diese Erschei-nungen sind gekennzeichnet durch die scharfe Trennung zwischen „Binnenmoral“ und „Außenmoral“ (Max Weber) in dem Sinne, dass die Loyalität gegenüber dem Freund, dem Bandenmitglied, dem Volksgenossen, dem Glaubensbruder eindeutigen Vorrang hat — auch gegenüber Verfassungsgrundsätzen. Der Siegeszug universalistischer Werte scheint also gebremst durch das Erstarken eines neuen Partikularismus: Man ist erst einmal der Freund seines Freundes, Volks- oder Glaubensgenossen und daher der Feind von dessen Feinden — lange bevor allgemeine Prinzipien von Recht und Gerechtigkeit ins Spiel kommen können. Evolutionstheoretisch könnte dies als „Rückfall“ in frühere und einfachere Formen der Organisation menschlichen Zusammenlebens verstanden werden. Dies würde jedoch der Weltgeschichte eine Eigenlogik unterstellen, und es wäre für die Analyse des Phänomens nichts gewonnen. Vielmehr muss es darum gehen, zu zeigen, wie Orientierungen und Werthaltungen gerade als subjektiv sinnvolle Antworten auf gegenwärtige Lebensbedingungen entstehen und sich kommunikativ verfestigen. Für die Entstehung von Wertorientierungen ist die Jugendphase von besonderer Bedeutung, darum scheint es angemessen zu sein, die Lebenslage Jugendlicher in besonderer Weise zu betrachten.

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 2001

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