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Anything goes. Rien ne vas plus

Organisationswelten als Sinnprovinzen
  • Günther Ortmann
Part of the Organisation und Gesellschaft book series (OUG)

Zusammenfassung

Wirtschaftswissenschaftler haben entschiedene Auffassungen von der Welt. Unbeirrt, fast möchte man sagen: unbeirrbar, beharren sie in ihrem Mainstream auf einer Sicht der Dinge, die ihnen vom großen „Als Ob“ der neoklassischen Ökonomik eröffnet wird (und die ihnen alle anderen Aspekte der Welt verschließt): Das beste Verständnis der Welt erschlössen wir uns durch die Theoriefiktion des homo oeconomicus, durch die kontrafaktische Unterstellung184, die Menschen handelten, als ob sie des Marginalkalküls mächtige Nutzenmaximierer seien. Der locus classicus für dieses „Als Ob“ ist, wie erwähnt, Milton Friedmans berühmter Aufsatz „The Methodology of Positive Economics“ aus dem Jahr 1953 — „the Torah of economic Method“ (McCloskey 1994, 4).

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Literatur

  1. 184.
    Davon sind wir alle als Forscher und Sozialtheoretiker weniger weit entfernt als meist gesehen wird. Wir alle müssen mit Rationalitätsfiktionen arbeiten, wenn wir uns interpretierend dem sozialen Geschehen zuwenden. Nicht darin, sondern nur in der Rigidität einschlägiger Theorieprämissen — und dann natürlich in den Konsequenzen für die Welterschließung — unterscheiden sich Neoklassiker und Neoklassik-Kritiker.Google Scholar
  2. 185.
    Zuerst erschienen in Die Betriebswirtschaft (57) 1997, 445–449.Google Scholar
  3. 186.
    Die Formulierung, ein positivistischer Spott über nicht-induktionistische Prognoseverfahren, stammt von R. B. Braithwaite (1953, 272), der sie selbst nicht direkt auf Verstehen gemünzt hat.Google Scholar
  4. 187.
    mathematical models aim not at realism in detail, but rather at providing mathematical metaphors for broad classes of phenomena.“ ( May 1973, V).Google Scholar
  5. 188.
    Sadowski und Frick operieren dabei mit dem von Coleman geborgten Begriff des Sozial-oder Organisationskapitals. Zu einer (arbeits-)politischen Interpretation der betrieblichen Weiterbildung vgl. auch Hendrich (1994).Google Scholar
  6. 189.
    oder eben durch Rationalitätsannahmen deren Deutungen fingieren; dass das Hauptverdienst gerade klassischer selektionistischer Erklärungen, wie Kliemt (1997, 441) meint, „darin (besteht), auf alle Annahmen einer tatsächlichen Motivation im Sinne einer Rationalwahltheorie verzichten zu können“, trifft zwar zunächst zu und macht auch eine Stärke dieser Erklärungen aus, ist aber nicht ganz so eindeutig wie er glaubt, weil Selektion darin schlicht auf Auslese des Rationalen hinausläuft und genau deswegen so gut in die orthodoxe Ökonomik passt. Auf Als-Ob-Annahmen kann letztere, darin sind wir einig, jedenfalls nicht verzichten, und es ist nun allerdings bemerkenswert, dass die Als-Ob-Annahme der Orthodoxie, die sich so psychologiefrei wähnt, dem erstaunlich nahe kommt, was im Jargon „folk psychology” genannt wird, der Küchenpsychologie der Alltagstheorien, oder des ungesunden Menschenverstandes. Für dieses Argument s. Sturn (1997, 274) mit Rekurs auf Rosenberg (1994, 160); für eine Rosenberg-Kritik vgl. McCloskey (1994, 215 ff). Für McCloskey (z. B. 1994, 14, 342) ist Stiglers „people are following their pocketbooks“ ein Beispiel für diese Art Alltagspsychologie. Vgl. auch die boshafte Bemerkung Arjo Klamers an eine andere Adresse: „Samuelson’s master metaphor (sic,is that people come to their adult lives equipped with utility functions (which they know) and constraints (which they realize), then solve an engineering problem.” (In: McCloskey 1994, 351) Mit anderen Worten: Samuelson entwirft eine Welt von Ingenieuren.Google Scholar
  7. 190.
    Vgl. oben, Fußnote 51. Blumenberg hat den metaphorischen Gebrauch der Formel, dass wir in mehr als einer Welt leben, in dem von Sadowski und Pull zitierten Text in wünschenswerter Deutlichkeit er-lauten: „Man kann das als eine absolute Metapher lesen für die Schwierigkeiten, die uns anwachsend begegnen, auf die alltägliche Realität unserer Erfahrung und Verständnisfähigkeit zu beziehen, was in den autonom gewordenen Regionen von Wissenschaft und Künsten, Technik, Wirtschaft und Politik, Bildungssystem und Glaubensinstitutionen,realisiert’ und dem lebensweltlich verfassten wie lebenszeitlich beschränkten Subjekt,angeboten’ wird, um es schlichtweg begreifen zu lassen, in welchem Maße es unabdingbar schon,dazu gehört’.“ (Blumenberg 1981, 3) Unübersehbar auch sein Rekurs auf Husserl und dessen Kritik an einer neuzeitlichen Maschinenwelt als Modell der Lebenswelt — Bezüge zu der von Kliemt (gegen Sadowski und Pull?) in Stellung gebrachten Modellwelt sind ja unübersehbar (Blumenberg 1981, 7 ff). Heute mag man sich Habermas’ Trennung von System und Lebenswelt oder Luhmanns funktionale Differenzierung in gesellschaftliche Teilsysteme hinzudenken. Um deren, wenn schon nicht autopoietische Geschlossenheit, so doch Verschiedenheit und partielle Unvereinbarkeit und damit nicht-triviale Probleme der Theorie und der Praxis — siehe nur die des Rechts und der Rechtswissenschaft (Kapitel 10) — anzuerkennen, muss man nicht ihre Inkommensurabilität postulieren. Die Rede von der Perspektivität von Standpunkten setzt übrigens ein gemeinsames Koordinatensystem für diese Standpunkte voraus. Insofern hat es jede starke Inkommensurabilitäts-These mit einer inhärenten Paradoxie zu tun.Google Scholar
  8. 191.
    So auch McCloskey (1994, passim) und Sturn (1997, bes. 259 ff), der eine besonnene Diskussion der Frage des Realitätsbezugs der Ökonomik bietet; zu letzterem s. auch Brennan, Buchanan (1995, 62 ff, insbes. 68 f). Mehrdeutigkeit von Regeln thematisieren allerdings auch diese Autoren nur unter dem Gesichtspunkt ihrer Beseitigung (ebd., 145 f).Google Scholar
  9. 192.
    S. für dieses Argument McCloskey (1994, bes. 354–357). Buchanans Bemerkung bezieht sich kritisch auf den Mangel an prognostischer Kraft der Modelle vollkommener Konkurrenz als Modelle individueller Wahlhandlungen, übrigens auch aus diesem, schon von seinem Lehrer Frank Knight angeführten Grund: „in perfect competition, there is no competition.“ (Buchanan 1979, 29)Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 2003

Authors and Affiliations

  • Günther Ortmann

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