Advertisement

Öffentlicher Sprachwandel

  • Matthias Jung
Chapter

Zusammenfassung

Journalistische, linguistische und naturwissenschaftlich-technische Sprachkritik liegen ganz überwiegend falsch, was ihre Einschätzung sprachlicher Phänomene in der öffentlichen Diskussion angeht. Dies ist m. E. ein wesentliches Ergebnis, das sich in der gesamten ‚diskursgeschichtlichen‘ Untersuchung der Atomenergie-Debatte immer wieder herausstellte und in Kapitel 10 noch einmal zusammenfassend dargelegt wurde. Über den Einzelfall hinaus stellt sich die Frage, ob der Topos von der Lenkbarkeit der Sprache bzw. der Manipulation der Meinungsbildung, der den kritischen Thematisierungen sprachlicher Erscheinungen in der nuklearen Kontroverse letztlich immer zugrundelag, nicht einen prinzipiellen Denkfehler enthält. Dies soll im folgenden diskutiert werden, wobei sowohl sprachwandeltheoretische Fragen wie Gesetzmäßigkeiten der öffentlichen Kommunikation allgemein zur Sprache kommen.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. 1.
    Ein ähnliches Schicksal erleiden in der Regel auch die Wortfindungswettbewerbe der Gesellschaft für deutsche Sprache (zum Beispiel IVF-Kind für Retortenbaby). Google Scholar
  2. 2.
    Koelzer 1990. Zum Vokabular dieses Buches vgl. Übersicht 6, S. 246.Google Scholar
  3. 1.
    Eppler 1989, S. 173; Schäuble 1990, S. 46. Vgl. allgemein Keller 1987, S. 116.Google Scholar
  4. 2.
    Fleischer 1989, S. 46.Google Scholar
  5. 1.
    Haß 1989a, S. 171; Fleischer 1982, S. 13.Google Scholar
  6. 2.
    Pörksen 1986, S. 36; Heringer 1990, S. 57.Google Scholar
  7. 3.
    So kann man beispielsweise jede positive Personenbezeichnungen wie Star, Heldin, Retter in Verbindung mit dem Wörtchen Du zu einem beleidigenden Ausruf machen.Google Scholar
  8. 4.
    Zit. nach Gladitz 1976, S. 36 bzw. S. 143.Google Scholar
  9. 1.
    Vgl. Okologiegruppe 1977, S. 136; DAAD-MITTEILUNGEN 3/1990, S. 5; ZEIT 8.2.92, S. 9; Anzeigenkampagne der Elektrizitätswerke zum Beispiel in ZEIT 18.10.91, S. 11.Google Scholar
  10. 2.
    Pörksen 1991, S. 7; Ileringer 1990, S. 57f.; BT 15.6.77, S. 2307. Vgl. oben Kap 9.1, S. 123.Google Scholar
  11. 1.
    Zitat: der prominente Kernkraftbefürworter Maier-Leibnitz in: Kafka/Maier-Leibnitz 1982, S. 255. 2 11.-Ch. Röglin 28.8.91, vgl. auch Röglin 1977, S. 21. Diese Umfragen sind allerdings m.W. nie veröffentlicht worden.Google Scholar
  12. 1.
    Hannappel/Melenk 1979, S. 260.Google Scholar
  13. 2.
    Luger 1983, S. IO bzw. 9; dort auch weitere Kritikpunkte an der simplistischen „monokausalen Erklärungshypothese“.Google Scholar
  14. 3.
    Zit. nach Wolf 1985, S. 95; WELT 22.1.76, S. 2; zit. nach 11aß 1989, S. 460; Haß 1989, S. 457; Radkau 1983, S. 289; Born/Manthey 1977, S. 7; Waas 1978, S. 34; folgendes Zitat: 1 lossner 18.12.1991.Google Scholar
  15. 1.
    BT 10.12.81, S. 4214; ATW 1975, S. 603; vgl. Gerwin 1978, S. 122; vgl. Renn 1984, S. 292; FRANKFURTER HEFTE 11/1979, S. 14.Google Scholar
  16. 2.
    Auf die Bedeutung derartiger Untersuchungen für die Sprachwandeltheorie weist auch Fritz 1988, S. 1626f. hin.Google Scholar
  17. 3.
    Röthlein 1979, S. I50.Google Scholar
  18. 1.
    Kuhn 1991, S. 97; vgl. im folgenden außerdem Kuhn 1991, S. 95fGoogle Scholar
  19. 2.
    Kuhn 1991, S. 96; zu den Multiplikatoren der Nukleardebatte vgl. Schmitt 1985, S. 183ff.Google Scholar
  20. 1.
    Zum soziolinguistisch wichtigen Begriff der Kollusion, der es erlaubt, sprachpolitische Auswirkungen als evolutionär im Sinne Kellers und nicht als gesteuert zu begreifen vgl. v. Polenz 1991, S. 275 (in Anlehnung an Maas 1989, S. 352ff).Google Scholar
  21. 2.
    Zu diesem Material vgl. Röthlein 1979, S. 84ff., und Schmitt 1985, S. 188.Google Scholar
  22. 1.
    Zum Beispiel ZEIT 23.10.87, S. 43 (Hervorhebung MJ). Zu Ausstieg bzw. regenerierbare/additive Energien vgl. Kap. 9.3, S. 132f.Google Scholar
  23. 2.
    Köppers 28.3.1992.Google Scholar
  24. 3.
    Als Beispiel für die simplistischc Sprachkritik an Abkürzungen (hier im Umweltbereich allgemein): Blühdorn 1991, S. 350. Folgendes Zitat: R. Hossner 18.12.91.Google Scholar
  25. 1.
    Rucht 1988, S. 301; das Ballett-Beispiel ist Keller 1987, S. 116, entnommen; Beispiel fìlr PR-Anzeigen der Elektrizitätsindustrie: ZEIT 26.9.91, S. 22.Google Scholar
  26. 2.
    Hannappel/Melenk 1979, S. 323; R. llossner 18.12.91.Google Scholar
  27. 1.
    Burkhardt 1984, S. 67; Jürgens 1984, S. 24. Einen ähnlichen Sprachausgleich bemerkt Böke 1991, S. 216, wenn die Abzeichenfunktion von werdendes gegenüber ungeborenes Leben sich wieder verliert. Zur,Dämonisierung’ des Mediums Sprache in historischer Sicht vgl. Kap. 8.3, S. 115ff.Google Scholar
  28. 2.
    Große/Neubert 1982, S. 6; Keller 1987, S. 114 u. S. 116.Google Scholar
  29. 3.
    Renn 1984, S. 324; v. Polenz 1986, S. 10.Google Scholar
  30. 1.
    Cherubim 1983, S. 28. Cherubini interessiert an der Analyse des subjektiven Moments allerdings nicht die Rückwirkung auf den Sprachwandel, sondern vielmehr wie Individuen Veränderung „erfahren, wahrnehmen und in die Praxis sprachlichen Handelns einbeziehen“ (S. 42).Google Scholar
  31. 1.
    Fritz 1985, S. 750. Mattheier 1985, S. 728, betont dagegen die prinzipielle Einheitlichkeit des Phänomens,Sprachwandel`.Google Scholar
  32. 2.
    Vgl. zum Beispiel Scherfer 1983, S. 22, Cherubim 1979, S. 326 und 1985, S. 809 und Fischer 1988, S. 30E Diese Begriffe wären allerdings zunächst einmal in ihrer Abgrenzung zu klären. Eine grundsätzlichen Kritik der Mehrdeutigkeit von bewußt, intentional etc., die in der Sprachwandeltheorie eine große Rolle spielen, leistet Keller 1990, S. 21 ff.Google Scholar
  33. 3.
    DER SPRACIIDIENST 1977, S. 32. Zur Bewußtwerdung des Bedeutungswandels vgl. Busse 1986, speziell S. 63.Google Scholar
  34. 4.
    R. I lossner 18.12.91. Vgl. zu Verseuchung in diesem Zusammenhang Kap. 11, S. 176ff.Google Scholar
  35. 1.
    Wilss 1989, S. 195.Google Scholar
  36. 2.
    Vgl. Fischer 1988, S. 23 bzw. Schafer 1983.Google Scholar
  37. 3.
    Cherubim 1983 (Titel); Saussure 1974, S. 22; Ferguson 1968, S. 375. Vgl. auch Sehlieben-Lange 1982.Google Scholar
  38. 4.
    Fleischer 1989, S. 25; Stickel 1987, S. 312; Dieckmann 1988, S. I (I lervorhebung im Text); Beck in ZEIT 26.4.91, S. 59.Google Scholar
  39. 1.
    Stickel 1987, S. 312. Zum Zcitgeistcharakter linguistischer Sprachkritik: vgl. Kap. 8.3, 10.3 und 13.2.Google Scholar
  40. 2.
    Zimmer 1986, S. 9.Google Scholar
  41. 3.
    Genaueres hierzu bei Dieckmann 1975.Google Scholar
  42. 1.
    Belege: DER SPRACIIDIENST 1986, S. 2, bzw. Haß 1989, S. 520f.Google Scholar
  43. 2.
    Belege nach Haß 1989, S. 475 u. 531 bzw. DER SPRACIIDIENST 1987, S. 2 (dort auch zahlreiche weitere Beispiele). Außerdem WIRTSCHAFTSWOCHE 17.5.86, Radkau 1987, S. 329, Traube 1988, S. 25.Google Scholar
  44. 3.
    Belege: RHEINISCHER MERKUR 17.5.86, S. 4; SZ 14.5.86, S. 3; ZEIT 9.5.86, S. 1; DER SPRACH-DIENST 1987, S. 2 u.v.a.m. Für die Metaphorisierung von Fallout hatte Schmitt 1985, S. 197, noch keinen Beleg gefunden, obwohl im Englischen/Amerikanischen diese Art der Metaphorisierung schon länger üblich ist.Google Scholar
  45. 4.
    Cube u.a. 1987, S. 234 bzw. ZEIT 27.2.87, S. 22.Google Scholar
  46. 5.
    Belege: DER SPRACIIDIENST 1987, S. 2, DER SPRACHDIENST 1989, S. 67 bzw. S. 70 sowie Haß 1989, S. 475. Außerdem: SPIEGEL 9.11.87, S. 142, ZEIT 15.4.88, S. 28, SPIEGEL 30.6.86, S. 59, GENERALANZEIGER 11.10.89; ZEIT 28.8.92, S. 32; ZEIT 27.2.87.Google Scholar
  47. 1.
    Belege Haß 1989, S. 475 u. S. 531; außerdem FR 3.6.88, S. 28.Google Scholar
  48. 2.
    Peter Handke, Die Geschichte des Bleistifts, Salzburg 1982, S. 90; Wolf 1987, S. 98; SZ 17.02.89; DER SPRACHDIENST 1987, S. 2.Google Scholar
  49. 1.
    Belege (von 1986) nach DER SPRACHDIENST 1987, S. 2. Lediglich bei Becquerel-Geschichten (Ehmke 1987) als Titel einer literarischen Anthologie im Sinne von,Atom-Erzählungen` deutet sich ein Metaphorisierungsprozeß (hier als Metynomie) an.Google Scholar
  50. 2.
    Große/Neubert 1982, S. 9. Zu Mikro-und Makrodynamik allgemein vgl. Nerlich/Clarke 1988.Google Scholar
  51. 3.
    Michael Ende, Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch, Basel u. Wien 1989, S. 90.Google Scholar
  52. 4.
    Mattheier 1985, S. 725 (Ausführlicher dazu Mattheier 1988, S. 1441ff., der intentionale Veränderungen als 6. Variationstyp der Sprache sieht); Pörksen 1991, S. 6.Google Scholar
  53. 1.
    Keller 1990 leitet für den Bereich des Sprachwandels detailliert diesen in den Sozialwissenschaften schon lange bekannte Erklärungsansatz her. Vgl. außerdem Beringer 1982.Google Scholar
  54. 2.
    Bechert/Wildgen 1991, S. 92. In diesem Sinne äußert sich etwa Mattheier 1988, S. 1444 u.ö., bzw. Fritz 1988, bes. S. 1628, der als ein Ansatz zur forschungsmethodischen Konkretisierung dieser Theorie angesehen werden kann. Folgendes Zitat: Heringer 1993, S. 17.Google Scholar
  55. 3.
    So Stickel 1987, S. 312. Zu dieser Diskussion vgl. Keller 1990, S. 124E und Keller 1987, S. 116f, bzw. ausführlich aus Sicht der historischen Soziolinguistik Mattheier 1988, S. 1441–1447. Die These von der Steuerbarkeit der Sprache versucht dagegen schon Beier 1960 — allerdings unter Bezug auf die nebulöse Muttersprachenideologie Weisgerbers — am Beispiel der Terminologienormung zu widerlegen.Google Scholar
  56. 1.
    Altehenger-Smith 1990, S. 145–158, fordert in diesem Zusammenhang, echte Sprachwandelstudien zu aktuellen Beispielen staatlicher Sprachplanung (meist mit dem Ziel, moderne Schriftsprachen zu entwickeln) durchzuführen, da es bisher nur Darstellungen des Sprachplanungsprozesses selbst gebe. In der Realitüt komme es aber zu zahlreichen Überlagerungen von „natürlichem“ und „intentionalem” sprachlichen Wandel bzw. zu zahlreichen nicht intendierten Entwicklungen und Gegenbewegungen. Eher skeptisch beurteilt auch Glunk 1966ff. den Erfolg der NS-Sprachlenkung.Google Scholar
  57. 2.
    Vgl. Keller 1990, S. 100–102.Google Scholar
  58. 3.
    Fleischer 1989, S. 94; vgl. zu diesem Komplex außerdem Clyne 1984, S. 157. Nuklear ist typisch für Texte, die im weitesten Sinne auf anglo-amerikanischen Sprachäußerungen beruhen. So wird im Bericht eines USA-Korrespondenten konsequent nur Nuklear verwendet (WELT 10.7.86, S. 20).Google Scholar
  59. 1.
    Die vordere Linie gibt den Prozentsatz aller Fälle an, in denen Kernenergie-und seine Synonyme mit friedlich kombiniert waren, die hintere Linie den Anteil der Formel friedliche Nutzung der Kernenergie an der Menge aller synonymer Formeln. (Genaueres bei Tabelle 10, S. 245).Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1994

Authors and Affiliations

  • Matthias Jung

There are no affiliations available

Personalised recommendations