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Die politische Regulierung von AIDS

  • Markus Holzinger
Part of the Forschung Soziologie book series (FS, volume 197)

Zusammenfassung

In ihrem Buch The AIDS Bureaucracy von 1988 stellt Sandra Panem fest, daß ungeachtet der Einigung über die Frage, wer das AIDS-Virus entdeckt hat, die Erkenntnis,

„daß HTLV-III/LAV die Ursache von Aids ist, die Art der Bewältigung der Epidemie grundlegend verändert (hat). Vor dieser Zeit tappte die AIDS-Forschung im Dunkeln; danach hatte sie eine Richtung. Die Wissenschaftler konnten darangehen, die Tests spezifisch auszurichten und Strategien zur Behandlung und Vorbeugung zu entwickeln. Koordination und verstärkter Einsatz von Mitteln waren schon immer wünschenswert, aber nun wurden sie unabdingbar. Damit veränderte sich die Diskussion über die Forschungsausrichtung ebenso drastisch wie die Fragen der Informationspolitik.“ (zit. nach Gallo 1991, 297)

Eingedenk dieser Aussage ist für den weiteren Verlauf der Arbeit folgendes festzuhalten: Wie in dieser Arbeit immer wieder argumentiert wird, so ist deutlich zu machen, daß soziale Regulierungs- und Normierungsmaßnahmen nicht „von Natur aus“ oder durch die Natur geboten sind. Die Kontrolle eines Virus ist unmittelbar verknüpft mit dem Wissen um die Geschichte, Ökonomie, Kultur eines Landes, ja sogar einer Stadt, in der die Seuche auftritt. AIDS-Politik mußte daher mehr als Medizinpolitik sein.

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Literatur

  1. 113.
    Auch die sogenannten sozialkonstruktivistischen Soziologen sollten sich dementsprechend Latours (2001, 143) Imperativ zu Herzen nehmen: „Nachdem die Propositionen instituiert sind, bestreite nicht mehr ihre legitime Anwesenheit im kollektiven Leben.“Google Scholar
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    Siehe Perrow und Guillén (1990); Sills (1994).Google Scholar
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    Für Amerika halten Cook und Colby (1992, 84) fest: „If Vietnam was the first,living-room war’ with images broadcast directly into American homes, then AIDS may well be the first,living-room epidemic `.“Google Scholar
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    „Nichts zu tun, reichte nicht mehr aus; die alten Debatten und verhärteten Konflikte mußten rasch von öffentlichen Gremien gelöst werden, die buchstäblich in Todesangst handelten.“ (Street und Weale 1994, 250).Google Scholar
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    Latour (1995a, 148) drückt den Sachverhalt folgendermaßen aus: „Die Wissenschaft ist in der Tat die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, die allein Kraft haben, weil sie radikal andere bleiben.“Google Scholar
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    Der Direktor des United Nations’ special program on AIDS (UNAIDS), Peter Piot, sagt in Science (Vol. 289, 1998, 1863): „We are 17 years into this epidemic. It is not enough to have morality on our side. There is also an economic reality. The price of not acting is going to cost us millions in human lives but also billions in dollars.“Google Scholar
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    TIME schreibt am 16. Februar 1987: „AIDS is posing an economic threat in the U.S. The cost of caring for victims of the disease, many of whom are denied health insurance, is already estimated to exceed a billion dollars a year.“Google Scholar
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    Nach einem Begriff Sloterdijks (1999, Bd.2, 160).Google Scholar
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    Ein britischer Wissenschaftler sagt über die Virusforschung: „It was a,Cinderella specialty’ with poor facilities and second-rate people working in it (…) You could go into genitourinary medicine without a higher medical qualification. (…) It was a pretty poor service in terms of the quality of physicians and facilities. (…) AIDS has helped-it’s made genitourinary medicine a primary career option.“ (Berridge and Strong 1992, 304)Google Scholar
  10. 122.
    Nahezu alle Länder entsandten „AIDS-Abgeordnete“ nach San Francisco, die die dortigen Verhältnisse bewerten sollten.Google Scholar
  11. 123.
    Diese zwei verschiedenen Gesichter der Präventionspolitik stellen Bayer u. Kirp (1994a, 19) auch generell, d. h., in einem internationalen Sinne, als zwei idealtypische Reaktionsweisen fest.Google Scholar
  12. 124.
    Zur strafrechtlichen Diskussion siehe z. B. Prittwitz (1990b, 140ff.); Bottke (1988); Deutscher Bundestag (1990, 366ff.).Google Scholar
  13. 125.
    Der Politiker Gebhard Glück sagt: „Es ist eine Illusion, an das Verantwortungsbewußtsein aller zu glauben und darauf zu hoffen, daß sich damit alles von selber regelt. Deshalb muß der Staat auch zu anderen Mitteln greifen, um die Gesamtbevölkerung zu schützen, so gut es geht. “(Der Spiegel/22, 1987)Google Scholar
  14. 126.
    Schenke (1988, 119) konstatiert: „Derartige Anordnungen, wie sie insbesondere in der Bekanntmachung des Bayerischen Staatsministeriums des Inneren zum Vollzug des Seuchenrechts, des Ausländerrechts und des Polizeirechts vorgesehen sind, erweisen sich, indem sie in besonderem Maße HIV-gefährdete Gruppen und Personen in den Untergrund abdrängen, als durchaus fragwürdig. Da durch solche Maßnahmen Erscheinungen wie Prostitution oder Promiskuität nicht beseitigt werden können, drohen hier wichtige Informationsdefizite verursacht zu werden, die eine Bekämpfung der HIV-Infektion erschweren. (…) Hier wird deutlich, daß ein an das Auftreten von HIV-Infektionen geknüpfter Kreuzzug gegen Unmoral sich u.U. als Hindernis auf dem Weg zu einer wirksamen Bekämpfung der HIV-Infektion erweisen und insoweit kontraproduktiv wirken kann“Google Scholar
  15. 127.
    Auch in deren Ländern läßt sich die Einsicht nachweisen, daß das effektivste Mittel zur Eindämmung der HIV-Infektion in flächendeckender Überzeugungsarbeit besteht. Siehe im Einzelnen: Vereinigte Staaten (Bayer und Kirp 1994a, 46), Frankreich (Steffen 1994), (Dänemark (Alboek 1994, 374f.; 369), Kanada (Rayside und Lindquist 1994), Australien (Ballard 1994, 185). Die große Ausnahme ist Schweden. In Schweden hat eine „Politik des Aufspürens und der Kontrolle“ zur Legitimierung des Zwangstest geführt (Henriksson und Ytterberg 1994).Google Scholar
  16. 128.
    Es seien „keine wirklich überzeugenden und zwingenden Gründe zuzugeben, die schon jetzt für die Einführung einer allgemeinen Meldepflicht der Krankheit oder von Reihenuntersuchungen der Gesamtbevölkerung sprechen würden“ (Beschluß des Bundesverfassungsgerichts 1987 (1988), 172).Google Scholar
  17. 129.
    Anders verhält es sich bei der Forderung eines HIV-Tests nach Begründung eines Beamtenverhältnisses. Solange die Krankheit AIDS nicht ausgebrochen ist, besteht bei Lebenszeit-beamten keine Möglichkeit, einen HIV-Test zu verlangen (vgl. Schenke 1988, 139).Google Scholar
  18. 130.
    „Noch wehren sich selbst CDU-Justizminister gegen die Zweiteilung der Gefängnisse.,Wir wollen keine Leprastationen in unseren Vollzugsanstalten,’ sagt Baden-Württembergs Justizminister Heinz Eyrich. Doch der Druck von unten wird stärker.“Google Scholar
  19. 131.
    So Schenke (1988, 121) gegen Frankenberg (1988).Google Scholar
  20. 132.
    International läßt sich feststellen, daß AIDS überall zu Veränderungen in der Drogenpolitik geführt hat. Zu den einzelnen Ländern vgl. z. B. folgende Beiträge: Niederlande, Dänemark und Spanien (Kirp u. Bayer 1994c), Australien (Ballard 1994, 207f.), Großbritannien (Berridge 1993, 143).Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 2004

Authors and Affiliations

  • Markus Holzinger

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