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Erkenntnisgewinne

  • Carl Böhret
  • Götz Konzendorf

Zusammenfassung

Ist das Ziel erreicht? Welchen Gewinn haben wir auf unserem Weg zur Erkenntnis gemacht? Wir waren aufgebrochen mit dem Ziel der Beantwortung der Fragen
  • nach der wahrscheinlichen Entwicklung der Gesellschaft am Ende des Industrialismus und

  • der dafür „historisch“ adäquaten Funktionalität des Staates.

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Literatur

  1. 36.
    Eine solche Gefahr wäre mit der Weiterführung des spätpluralistischen Paradigmas gegeben. Was sich in der Vergangenheit als funktional erwies, wird für die Weiterentwicklung zur transindustriellen Gesellschaft dysfunktional (siehe hierzu: Hypothesen fünf und sechs).Google Scholar
  2. 37.
    Damit hier kein Mißverständnis entsteht: Theorien sind nicht unabhängig von Machtkonfigurationen, von sozialen und extra-sozialen Ereignissen, und sie verändern „alleine“ auch nicht die Welt. Marx hat dies in der Deutschen Ideologie einmal witzig auf den Punkt gebracht: „Diese unschuldigen und kindlichen Phantasien bilden den Kern der neuern junghegelschen Philosophie, die in Deutschland nicht nur von dem Publikum mit Entsetzen und Ehrfurcht empfangen, sondern auch von den philosophischen Heroen selbst mit feierlichem Be-wußtsein der weltumstürzenden Gefährlichkeit und der verbrecherischen Rücksichtslosigkeit ausgegeben wird. Der erste Band dieser Publikation hat den Zweck, diese Schafe, die sich für Wölfe halten und dafür gehalten werden, zu entlarven, zu zeigen, wie sie die Vorstellungen der deutschen Bürger nur philosophisch nachblöken, wie die Prahlereien dieser philosophischen Ausleger nur die Erbärmlichkeit der wirklichen deutschen Zustände wiederspiegeln. Sie hat den Zweck, den philosophischen Kampf mit den Schatten der Wirklichkeit, der dem träumenden und duseligen deutschen Volk zusagt, zu blamieren und um den Kredit zu bringen. Ein wackrer Mann bildete sich einmal ein, die Menschen ertränken nur im Wasser, weil sie vom Gedanken der Schwere besessen wären. Schlügen sie sich diese Vorstellung aus dem Kopfe, etwa indem sie dieselbe für eine abergläubige, für eine religiöse Vorstellung erklärten, so seien sie über alle Wassergefahr erhaben. Sein Leben lang bekämpfte er die Illusion der Schwere, von deren schädlichen Folgen jede Statistik ihm neue und zahlreiche Beweise lieferte. Der wackre Mann war der Typus der neuen deutschen revolutionären Philosophen.“ (Marx 1978, S. 13 f.) Ein moderner Vertreter dieses Philosophen-Typus ist Helmut Rehder, der Entelechien (etwas, was sein Ziel in sich selbst hat) als übergeordnete Daseinsschicht begreift, die wir nicht wahrnehmen können: „Da unsere Sinne immer nur das unmittelbar Gegenwärtige wahrnehmen, nicht das, was auch nur eine Sekunde vorher war, so können wir auch niemals die Entelechien sinnlich wahrnehmen. Aber unser Denken, das mit Hilfe der Erinnerung die aufeinanderfolgenden Sinneseindrücke miteinander verknüpft, kommt zur Wahrnehmung von Vorgängen, und so nehmen wir durch unser Denken auch die Entelechien wahr.“ (Render 1986, S. 56) Diese Entelechien verändern die Welt, nur wie sie in die Welt kommen, kann Rehder nicht zeigen.Google Scholar
  3. 38.
    Auch für die Analyse der Ko-Evolution gewinnt der Faktor Zeit eine gewichtige Funktion, (vgl. Böhret 1990, S. 126 ff.) Die Zeit ist nicht bloß als linearer Prozeß (Zeitvektor mit Irreversibilität) noch ausschließlich als zirkulärer Prozeß (Zeitkreis mit Reversibilität) zu begreifen, sondern treffender ist das Bild der Zeithelix. Denn: Während der Zeitkreis Geschichte als die Wiederholung des Immergleichen, als zirkulären Prozeß erfaßt, und der Zeitvektor die Gegenwart als punktuelles und damit geschichtsloses Phänomen begreift, ist die Zeithelix eine Synthese dieser beiden Zeitmodi, die es erlaubt und notwendig macht, die Evolution in ihrem dynamischen Prozeß zu erfassen. Die Zeit wird als dynamische Spirale erkannt, die beide Zeitebenen (Horizontale und Vertikale) aufhebt. Es ist weder Einmaligkeit (Irreversibilität) noch gleiche Wiederholung (Reversibilität), sondern dynamischer Fraktalismus, verändernde, temporäre, variierende Ähnlichkeit, die die Evolution charakterisiert.Google Scholar
  4. 39.
    Vgl. auch das „Edmund Burke-Kriterium“: „Ein Staat, dem es an allen Mitteln zu einer Veränderung fehlt, entbehrt die Mittel zu seiner Erhaltung ... Beide Prinzipien, das Erhaltungs- und das Verbesserungsprinzip (wirken zusammen).“ (Burke 1793/94, S. 26)Google Scholar
  5. 40.
    Das schließt auch chaostheoretische Erklärungen der zweiten Stufe, zeit- und lerntheoretische Ansätze ein (vgl. dazu Näheres in Kapitel Abschnitt V.3. — Modernisierte Chaostheorie).Google Scholar
  6. 41.
    Paradigmatisch sei hier verwiesen auf Friedrich Lists frühe entwicklungssteu-ernde und transferorientierte Ansätze (List 1930).Google Scholar
  7. 42.
    Frühe Hinweise zur interdependenten Beziehung von Demokratie, Effizienz und gesellschaftlichem Evolutionsgrad bei Böhret 1970, S. 243 ff.Google Scholar
  8. 43.
    „Die Evolution und Koevolution sämtlicher Organismen, Artefakte und Organisationen vollzieht sich auf zerklüfteten, sich verformenden Fitneßlandschaften. Alle komplexen Organismen, Artefakte und Organisationen unterliegen widerstreitenden Randbedingungen. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn bei Versuchen, gute Kompromißlösungen und -entwürfe zu erzielen, Gipfel auf zerklüfteten Landschaften gesucht werden müssen. Und es kann auch nicht überraschen, daß menschliche Akteure mehr oder minder blind suchen müssen, da der Möglichkeitsraum in der Regel riesengroß ist.“ (Kauffman 1995, S. 365)Google Scholar
  9. 44.
    In diesem Zusammenhang ist auch auf neuere Ansätze in der Politikwissenschaft zu verweisen. So zum Beispiel auf den „akteurszentrierten Strukturalismus“ oder „akteurszentrierten Institutionalismus“ als einer Variante der Strukturtheorie, wie er bei Volker Schneider formuliert wird (vgl. Schneider 1997).Google Scholar
  10. 45.
    Dies wird durch die Geschichte der politischen Theorie eindrucksvoll belegt. Die gesellschaftliche Realität weicht von diesen Zielbestimmungen bislang immer ab (siehe hierzu z.B. „Der Prozeß der Zivilisation“ von Norbert Elias), dennoch haben sie erheblichen Einfluß auf diese. Um ein Beispiel zu geben: Der Einfluß früher sozialistischer Theorien auf die Arbeiterbewegung ist unzweifelhaft gegeben, und es ist wohl ebenso unzweifelhaft, daß die Macht der Arbeiterbewegung bei der Konzeption der sozialen Marktwirtschaft in der Bundesrepublik eine zu berücksichtigende Variable war. Die Bedeutung der (früh-)sozialistischen Theorien ist somit nicht unmittelbar, jedoch vermittelt vorhanden. Keine der (früh-)sozialistischen Theorien wurde — soweit sie überhaupt eine Zukunftsprojektion vorgab — in ihrer „reinen“ Form verwirklicht, doch auch ihr Antipode, der Manchester-Kapitalismus, ließ sich aufgrund ihrer und seiner gesellschaftlichen Implikationen nicht aufrechterhalten. Man kann also sagen, daß nicht trotz, sondern gerade wegen teleologischer Theorien oder Utopien die gesellschaftliche Entwicklung ein offener, sich selbst regulierender Prozeß war. Auf die Frage nach der wissenschaftlichen Begründbarkeit des Telos, bietet die etwas aus der Mode gekommene „ältere“ Kritische Theorie der Gesellschaft einen spannenden Ansatz. Denn: Ideologiekritik nach der Methode der bestimmten Negation ist als immanente Kritik gesellschaftlich formulierter Ansprüche fruchtbar. Der Totalitätsbegriff der Kritischen Theorie — der von Hans Albert im Positivismusstreit angegriffen wurde und der schon im Zentrum der Marxschen Theorie stand — meint die Interdependenz von Teilen und Ganzem, die Dialektik von Allgemeinem und Besonderem und umfaßt auch das „transzendentale“ Moment immanenter Kritik. Die teleologische Perspektive wird nicht a priori gesetzt, sondern entfaltet sich — im Prozeß der Ideologiekritik — aus den gesellschaftlich formulierten Ansprüchen. Dialektik ist das beständige Bewußtsein der Gleichzeitigkeit von Identität und Nichtidentität. Anstelle der Setzung einer Ansicht als höchste Wahrheit kann der Schein, also das, was eine Sache von sich aus sein möchte, konfrontiert werden mit dem, was sie ist. Dabei gewinnt ihr eigener Anspruch ein Moment von Wahrheit, wird zum Telos, das durch die Kritik beleuchtet wird. Wahrheit wird damit „auch“ zu einem historischen Begriff.Google Scholar
  11. 46.
    Beispielhaft sind die Überlegungen von Alexander Demandt zur ungeschehenen Geschichte (Demandt 1986). Sie erschüttern durch das Aufzeigen alternativer historischer Entwicklungsmöglichkeiten unsere — unterschwellig oft vorhandene — Betrachtung der Gegenwart als zweiter Natur und zeigen durchaus „realistische“, alternative historische Entwicklungsmöglichkeiten auf. Damit erschließen sie Denken für Zukunftsgestaltung (bewußte Selektion).Google Scholar
  12. 47.
    Das Erklärungsmuster der Ko-Evolution ermöglicht eine historisch-sozialwissenschaftliche Analyse, die die Zukunft einbezieht. Zukunft erscheint dabei weder als kontingent noch wird sie geschichtsphilosophisch verklärt.Google Scholar
  13. 48.
    Aus der hypothesen-geleiteten Analyse der Systemgeschichte und aus den verschiedenen Erklärungsmustern ergab sich, daß evolutorische Prozesse und ihre (Ablauf-)Strukturen hochkomplex sind, und daß — deswegen — deren Erklärung nicht unterkomplex ansetzen darf: Reduzierung von Komplexität (Luhmann) ist hier nicht angemessen, sondern Optimierung, also etwa die synchrone Nutzung ko-evolutiver, systemanalytischer und (system-)prognostischer Einsichten. Die Eingrenzung kann hier lediglich hinsichtlich der Konzentration auf den politikrelevanten Bereich von Staat und Gesellschaft zweckmäßig sein.Google Scholar
  14. 49.
    „Unsere Theorie von der Demokratie läßt die evolutive, sich fortwährend wandelnde Natur von Kulturen, Wirtschaftssystemen und Gesellschaft weitgehend außer Betracht... Aber vielleicht beginnen wir (nun)... das begriffliche Instrumentarium zu entwickeln, mit dessen Hilfe wir die historische Entwicklung von Gesellschaften ein wenig besser verstehen können.“ (Kauffman 1996, S. 43).Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1997

Authors and Affiliations

  • Carl Böhret
  • Götz Konzendorf

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