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Methoden der Fernsehnachrichtenforschung

Ziele, Möglichkeiten, Grenzen
  • Klaus Merten
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Zusammenfassung

Nachrichten sind nicht zufällig das meistbeforschte Genre der Medienkommunikation. Forschungsfragen an Nachrichtengestaltung, Nachrichteninhalte und Nachrichtenrezeption und die Methoden zu deren empirischer Überprüfung sind daher in großer Fülle vorhanden. Das gilt vor allem für die Fernsehnachrichtenforschung. Der vorliegende Beitrag stellt die wichtigsten Forschungsfelder und die zu deren Umsetzung verwendeten inhaltsanalytischen Instrumente1 vor und diskutiert anhand ausgewählter Beispiele die daran festzumachenden Methodenprobleme.

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Literatur

  1. 1.
    Damit scheiden ideologiekritische, textanalytische, texthermeneutische, filmsprachliche oder anders zu definierende Analyseverfahren, wie sie etwa Hickethier (1994) oder Wember (1983) vorstellen, aus: Instrumente der quantitativen und/oder qualitativen Inhaltsanalyse haben, gerade im letzten Jahrzehnt, eine erhebliche Entwicklung durchgemacht und können mittlerweile mit großer methodischer Tiefenschärfe eingesetzt werden. Zudem läßt sich bei Inhaltsanalysen der Verallgemeinerungsgrad der Ergebnisse bestimmen — ein Vorzug, der es gestattet, die Inhaltsanalyse zur systematischen und gültigen Vermessung von Nachrichten zu nutzen.Google Scholar
  2. 2.
    Aktualität wurde von Hagemann zunächst relativ eindimensional als Regelwidrigkeit und damit als Information im Sinne von Überraschung (Neuigkeit) definiert (vgl. Hagemann 1966: 30 f.). Genauer besehen, ist Aktualität jedoch eine Größe, die durch mindestens zwei Faktoren bestimmt ist: Veränderung (Information, Neuigkeit, Überraschung) und den Gegenstand der Veränderung, also Relevanz (vgl. Merten 1973). Galtung/Ruge (1965) haben eine implizit andere Definition von Aktualität vorgeschlagen, nämlich die Chance eines Ereignisses, in die Medien zu gelangen. Sie haben hierzu zwölf Nachrichtenfaktoren entwickelt (vgl. Schulz 1990: 15 ff.).Google Scholar
  3. 3.
    Selbstredend fmdet sich auch historische Nachrichtenforschung. Sie macht sich jedoch eher am Nachrichtenwesen als solchem (vgl. statt anderer etwa Riepl 1913) oder aber an speziellen Fragen fest (vgl. statt anderer Wilke 1984).Google Scholar
  4. 4.
    Die sogenannten „nonreaktiven“ Verfahren erlauben zwar die Erhebung sozialer Wirklichkeit, allerdings nur auf einem aggregierten Level (Durchschnittswert), nicht jedoch auf einem individuell zurechenbaren Level. Sie bezahlen ihren Vorteil, nämlich die fehlende mögliche Verzerrung (Reaktivität) mit dem generellen Verzicht auf individuelle Zurechenbarkeit, so daß eine Relationierung mit anderen individuellen Variablen (etwa: Alter, Geschlecht, persönliche Mediennutzung etc.) unmöglich ist; vgl. Webb 1981.Google Scholar
  5. 5.
    Der Schluß von durch den Befragten mitgeteiltem Wissen, Meinung oder Verhaltensweisen auf tatsächlich vom Rezipienten angewendetes oder ausgeübtes Wissen, Meinen, Verhalten ist, insbesondere für die Kategorie des Verhaltens, nicht immer valide.Google Scholar
  6. 6.
    Dies gilt nicht für die syntaktische Inhaltsanalyse, die prinzipiell nur die Zählung von genau festlegbaren Zeichen oder Zeichenketten zum Gegenstand haben kann, die man daher auch einem Verfahren der automatischen (elektronischen) Inhaltsanalyse überlassen kann. Der Verzicht auf die Analyse „sozialer Aggregate“, die die syntaktische Inhaltsanalyse fordert, macht sie daher zu einem reaktivitätsfreien Verfahren; vgl. Merten 1995: 341 ff.Google Scholar
  7. 7.
    Für die Nachrichtenanalyse sind zwei Tpyen von Stichproben verbreitet: a) Die Totalanalyse über einen bestimmten Zeitraum oder b) die Bildung einer „künstlichen Woche“, d. h. die Erhebung an sieben (oder einem Vielfachen davon) Tagen, die voneinander durch n Tage (mit n > 1) getrennt sind. Das erste Verfahren wird meist dann angewendet, wenn man nicht die Berichterstattung über bestimmte Themen, Personen, Ereignisse systematisch verfolgen will, das zweite Verfahren, wenn man nicht an bestimmten Inhalten, sondern am Durchschnitt der Inhalte interessiert ist. Hier empfiehlt sich die künstlichen Woche, weil sie indifferent gegen saisonale oder ereignisbedingte Verzerrungen ist; vgl. Merten 1995: 288 ff.Google Scholar
  8. 8.
    Das bedeutet, daß bestimmte Klassen von Themen oder Ereignissen einer semantisch definierten Oberklasse zugeordnet werden. Heißt die Oberklasse etwa „Politik“, so fallen darunter Ereignisse wie Wahlen, politische Entscheidungen, Besuche von Staatsoberhäuptern etc. Die Problematik liegt hier bei der Zuordnung von Ereignissen, die mehrdeutig sind, d. h. auch einer anderen Oberklasse zugeordnet werden könnten, z. B. das Ereignis „Streik“ oder „Medienpolitik“.Google Scholar
  9. 9.
    Man kann unterstellen, daß die beiden Variablen voneinander unabhängig sind, so daß eine multiplikative Verknüpfung (statistischer Interaktionseffekt) sinnvoll wäre. Hier fehlt jedoch systematische Forschung; vgl. Merten 1973.Google Scholar
  10. 10.
    Allerdings ist das gewählte Verfahren der SSI ausgesprochen aufwendig; des weiteren bleibt — beim derzeitigen Stand der Forschung — offen, wie diese und ggf. andere Variablen miteinander zu verknüpfen sind.Google Scholar
  11. 11.
    Dabei handelt es sich um eine Hörfunkanalyse, deren inhaltsanalytisches Instrument prinzipiell auch für eine Fernsehanalyse geeignet ist.Google Scholar
  12. 12.
    Das setzt natürlich voraus, daß relevante Variablen des inhaltsanalytischen Instruments identisch definiert sind.Google Scholar
  13. 13.
    Die Fehlerquellen, die bei statistischen Prozeduren gemacht werden können, sollen hier unerörtert bleiben; vgl. dazu aber instruktiv Krämer 1991. Auch sollen solche Fälle von Nachrichtenanalysen, in denen ein Sender zwar keinen Verkehrsfunk sendet, gleichwohl aber stolz darauf verweist, daß 11 % der Rezipienten den Verkehrsfunk gerade dieses Senders besser finden als den anderer Sender (vgl. Drengberg 1996: 137 u. 141), außen vor bleiben.Google Scholar
  14. 14.
    Unidimensionalität bezeichnet die korrekte Klassifikation entlang eines einzigen Klassifikationsschemas. Bildet man beispielsweise die Kategorien a) Politik und b) Nicht-Politik, so ist die Eindimensionalität eben für das Thema „Politik“ erschöpfend abgedeckt. Würde man zusätzlich eine weitere nominale Kategorie „Musik“ einführen, so wäre die Eindimensionalität verletzt, was sofort den Effekt hat, daß z. B. ein politischer Song nicht mehr zweifelsfrei kodiert werden könnte, weil er sowohl unter „Politik“ als auch unter „Musik“ erfaßt werden kann und damit eine unzulässige Beliebigkeit entsteht.Google Scholar
  15. 15.
    Für das Laborexperiment ist typisch, daß man den Versuchspersonen nicht sagen kann, wozu das Experiment dient, weil man damit die Unbefangenheit der Versuchsperson bzw. ihre natürlichen Reaktionen vorab beeinflussen würde. Dadurch aber erzeugt man einen Informationsmangel, der — ganz typisch — sofort subjektive Prozesse der Erklärung, der Interpretation etc. generiert.Google Scholar
  16. 16.
    Dies gilt auch bei der Verwendung standardisierter Fragevorgaben; vgl. Scholl 1993: 18 ff.; Hippler 1986: 57.Google Scholar
  17. 17.
    Reaktivität wird üblicherweise als (unerwünschte) Reaktion einer Versuchsperson in der Erhebungssituation verstanden. Diese Reaktion kann durch das Instrument (etwa: suggestive Fragen in einem Fragebogen), durch den Versuchsleiter (Interviewer, Beobachter) selbst oder durch andere in der Erhebungssituation wirksame Bedingungen zustande kommen. Theoretisch gesprochen ist Reaktivität ein Typus sozialer Reflexivität, der unausweichlich bei anlaufender direkter Interaktion (Kommunikation) oder indirekt (fiktional) bei der Interpretation sozialer Sachverhalte generiert wird. Vgl. dazu Albrecht 1975: 13 ff.; Scholl 1993: 13 ff. sowie Merten 1995: 92 ff.Google Scholar
  18. 18.
    Allerdings stellt sich auf der denotativen Ebene bereits das Homonymen/Synonymen-Problem: Während das Synonymen-Problem durch erschöpfende Aufzählung prinzipiell gelöst werden kann, erfordert das Homonymen-Problem, also die Mehrdeutigkeit von Wörtern, bereits die Entscheidung eines Kodierers. Nach Dietrich/ Klein (1974: 94) sind 43 % aller deutschen Wörter homonym.Google Scholar
  19. 19.
    Berelson (1952: 19) stellt in diesem Zusammenhang die prinzipiell utopische Forderung auf, daß der Kodierer nur „black marks on white“ in Texten berücksichtigen dürfe. Dies ist prinzipiell jedoch — und darüber geht Berelson arglos hinweg — nur für eine syntaktische oder eine denotativ-semantische Analyse möglich. Analog findet sich auch für die Befragung die utopische Forderung, die Reaktionen des Befragten „haben sich zu beschränken auf die Stimuli, die der Forscher in Gestalt der Fragen ... setzt“ (Esser 1974: 111).Google Scholar
  20. 20.
    Das bedeutet für die Logik der obigen Tabelle, daß sie sich auf eine Zweifeldertabelle reduzieren läßt: Impliziert ein Text soziale Strukturen, so aktiviert seine Analyse notwendig soziale Strukturen des Kodierers und erzeugt also einen Typus sozialer Reflexivität: Reaktivität.Google Scholar
  21. 21.
    Beispielweise fordert die Kodierung politischer Aussagen vorab die Eichung politischer Einstellungen beteiligter Kodierer oder sogar eine Normalverteilung derselben, zumindest aber eine Messung der politischen Parteipräferenz der Kodierer, die als Mittelwert auszuweisen wäre.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1998

Authors and Affiliations

  • Klaus Merten

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