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Zusammenfassung

Die Beispiele, die sich beliebig vermehren ließen, zeigen wohl zur Genüge, daß trotz aller glänzenden Fortschritte der jetzige Betrieb der medizinischen Wissenschaften noch manches zu wünschen übrigläßt, und zwar nicht bloß, weil wir das Bedürfnis haben als Helfer aufzutreten, oder weil wir noch nicht so viel wissen, wie wir wissen möchten, sondern weil wir an vielen Orten unser Wissen nicht richtig anwenden, ja manchmal aktiv von unseren Überlegungen abspalten und unser Denken nicht den Bedürfnissen einer Wissenschaft anpassen, sondern so gehen lassen, wie es im Alltagsleben gebräuchlich ist und daselbst genügen mag.

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Literatur

  1. 1).
    Wenn ich zur Zeit der Abfassung die Arbeit Kretschmers über den sensitiven Beziehungswahn (2.Aufl. Berlin. Julius Springer. 1927 ) gekannt hätte, so hätte ich diese Handlungsweise einem Begriffe der „nichtpsychopathischen Primitivreaktion“ subsummiert. Dahin gehört auch unsere übliche Reaktion gegenüber dem Pfuschertum und ferner in gewisser Beziehung die triebhafte Art, auf jede Frage gleich eine Antwort zu geben (ohne nur zu bemerken, daß man sich die Mühe geben sollte, streng zwischen Realität und Wunsch oder Phantasie zu unterscheiden), wie wir sie bei kleineren Kindern, bei Wilden, bei Ärzten, in der Mythologie, z. T. auch in der Philosophie und dann in krankhafter Weise besonders bei der Schizophrenie sehen. — Diese Art der Reaktion hat übrigens nicht nur Nachteile. Auf diesem primären Trieb beruht überhaupt die Kraft des medizinischen Handelns. Nur der Arzt erfüllt die Pflicht ganz, dessen Hauptmotiv das Wohl und das Leben des Patienten bildet, das Motiv, vor dem alle andern Nützlichkeitsüberlegungen in die zweite Linie zurücktreten (aber nicht ausgeschaltet werden dürfen).Google Scholar
  2. 1).
    Es ist das eine allgemeine Eigenschaft aller Psychismen, die aber aus leicht erklärlichen Gründen bei den Affekten eine ganz besondere Stärke und Bedeutung bekommt.Google Scholar
  3. 1).
    Natürlich ist der Grundsatz des Nichtschadens nur in diesem Sinne zu verteidigen. Niemand wird auf eine lebensrettende und nicht einmal auf eine sehr nützliche Operation verzichten, weil eine kleine Möglichkeit eines Mißlingens und damit eines Schadens vorhanden ist. Abzuwägen sind die Wahrscheinlichkeiten von Schaden und Nutzen im Verhältnis zur Größe der beiden.Google Scholar
  4. 2).
    In weitaus den meisten Fällen ist bei den heilenden Krankheiten der beste Trost, „man muß eben warten, dann kommt es schon gut“, bei den nicht heilenden „man muß sich abfinden”, wobei der Arzt sehr nützliche Räte über das Wie ? geben kann.Google Scholar
  5. 3).
    Kinder haben oft daneben noch einen anderen Grund, „ich weiß es nicht“ zu sagen. Das Wort bedeutet dann: „ich mag nicht antworten”, sei es, daß das Kind sich nicht gerne besinnt, oder daß es sich in der gegebenen Situation nicht wohl fühlt, geniert, im Denken und Antworten gehemmt ist, und vor allem, wenn es eine Schuld eingestehen müßte.Google Scholar
  6. 1).
    Bis zur Banalität wiederholt man, daß der wahre Forscher nur zu der Erkenntnis komme, daß er nichts wisse. Das ist eine reaktive Übertreibung, mindestens so arg wie die Alleswisserei dessen, der erzählt, von wem und wie die Welt geschaffen ist, warum die Neger schwarz geworden sind, oder daß die Natur einen horror vacui in sich habe. Nun ist es richtig, jede einzelne neue Erkenntnis bringt viele neue Fragen mit sich, so daß das bekannte relativ abnimmt; aber je mehr man beobachtet hat, um so mehr lernt man kennen, und die höchste Erkenntnis ist nicht die, daß man nichts weiß, sondern die, daß man unterscheidet zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten, daß man weiß, was man weiß, und was man nicht weiß.Google Scholar
  7. 1).
    Die beherzigenswerte Satire von Raimond: das Buch vom gesunden und kranken Herrn Meier, ist in dieser Beziehung ganz nach dem Leben gezeichnet, indem der Herr Meier durch den Versicherungsarzt, der überall etwas findet, zum Hypochonder gemacht wird. Poetische Lizenz ist es, daß bei ihm der Humor das Heilmittel ist; denn befreiend wirkt nur frisches Ignorieren von als krankhaft aufgefaBten Kleinigkeiten, die nichts zu bedeuten haben.Google Scholar
  8. 1).
    Goldstein und Gelb: Psychol. Analyse hirnpatholog. Fälle. Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psych. 0. 1918. Bd. 41, S. 107.Google Scholar
  9. 2).
    Anmerkung bei der Korrektur der I. Aufl.: es ist doch wieder nützlich.Google Scholar
  10. 1).
    Für die Wissenschaft und den Fortschritt überhaupt sind gerade diese ausnahmsweisen Situationen die wichtigen. Für die Natur, d. h. zur Erhaltung der Individuen und Genera,’ sind umgekehrt nur die häufigen Situationen von Bedeutung. Wir sind deshalb nur auf diese gut eingerichtet. So leisten die Affekte im ganzen ausgezeichnete Dienste, solange nicht außerordentliche Erregung Schrecklähmungen oder Wutanfälle oder ähnliche maximale Wirkungen hervorbringt, wo sie besser unterblieben wären. — Es gibt Funktionen, die nur ganz ausnahmsweise maximal ausgenutzt werden, wie z. B. die Muskelleistung und das Gedächtnis, während viele andere häufig bis zu ihrem Maximum angespannt werden, wie z. B. die Atemfähigkeit, und wieder andere existieren, die, wie eben die Affekte und das Denken, wenn außerordentliche Anforderungen an sie gestellt werden, weniger versagen, als qualitativ und quantitativ auf Abwege geraten. Es wäre interessant, einmal zu untersuchen, welche Funktionen jeder der drei Kategorien angehören und warum.Google Scholar
  11. 1).
    Blevler: Störung der Assoziationsspannung, ein Elementarsymptom der Schizophrenie. A. Zeitschr. f. Psychiatrie. Bd. 74. 1918.Google Scholar
  12. 1).
    Jung: Wandlungen und Symbole der Libido. Jahrb. f psychoanalytische Forschung. I II. 1911.Google Scholar
  13. 1).
    Das scholastische Denken, von dem sich die Jurisprudenz noch nicht ganz frei gemacht hat, ist gerade eine Spezialform des autistischen Denkens.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1962

Authors and Affiliations

  • E. Bleuler
    • 1
  1. 1.Zürich-BurghölzliSchweiz

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