Probleme mit der Postdemokratie

Eine Kritik an Colin Crouchs Diagnose
Chapter
Part of the Staat - Souveränität - Nation book series (SSN)

Zusammenfassung

Der Versuch, die gegenwärtige Lage mit Colin Crouch als „postdemokratisch“ zu beschreiben, wirft vor allem drei Probleme auf, über die auch der große Erfolg von Crouchs Entwurf nicht hinweghilft.

Auf das erste Problem wurde in der politikwissenschaftlichen Kritik fast zeitgleich mit dem Erscheinen des Essays vehement hingewiesen. Die Beschreibung der aktuellen Situation als „post“ – demokratisch setzt, so der Tenor dieser Kritik, voraus, dass irgendwann vorher eine konkrete gesellschaftliche Lage als „demokratisch“ zu bezeichnen ist, vor deren Hintergrund die „postdemokratische“ Situation normativ abfallen muss. Crouch sieht diese Lage tatsächlich „ungefähr in der Mitte des 20. Jahrhunderts“ in Erscheinung treten. Auch wenn Crouch schwankt, ob er den Status dieser Situation nun als idealtypisch oder utopisch verstanden oder doch konkret an die Organisation fordistischer Wohlfahrtsstaaten gebunden wissen will, hat die Kritik an Crouch zeigen können, dass mit der Postdemokratiethese fast unweigerlich eine fast nostalgisch zu nennende Überhöhung der westlichen Wohlfahrtsstaaten eintritt, mit der einige Faktoren, wie etwa das der bürgerschaftlichen Partizipation, in zu rosiges Licht getaucht und andere, wie etwa die ausbleibende Gleichberechtigung der Frauen, ganz ausgeblendet würden.

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Authors and Affiliations

  1. 1.FlensburgDeutschland

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