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Rock Around Socialism. Jugend und ihre Musik in einer gescheiterten Gesellschaft

  • Peter Wicke

Zusammenfassung

Schon Elvis Presley hatte eine nicht eben kleine Zahl von Fans auch jenseits des Eisernen Vorhangs, obwohl die Politbürokraten sich im Eifer ihres wortreich geführten Feldzuges gegen diese „kapitalistische Unkultur“ „amerikanischer Kriegstreiber“ und „Bonner Ultras“ förmlich überschlugen. Ungeachtet seiner Popularität blieb der Rock‚n‘Roll hier allerdings ein Symbol des Anderen, Signal aus einer unerreichbaren Welt, ebenso fremdartig wie exotisch und gerade dadurch attraktiv. Als die Beatles Mitte der sechziger Jahre ihre spektakulären Erfolge feierten, war das nicht mehr nur die begierig aufgenommene Botschaft einer fernen Welt, sondern löste auch im Osten eine musikalische Massenbewegung aus, mündete in Umwälzungsprozesse, die unterschwellig zwar, aber dennoch deutlich wahrnehmbar, eine kulturelle Gegenwelt zu dem verordneten Mief aus angestaubtem Proletkult und überideologisierter Volkserziehung entstehen ließen. Dabei war es gar nicht einmal so sehr das Was und Wie der Songs, die aufmüpfigen Rhythmen und provokanten Texte, woraus diese Musik hier ihre Sprengkraft bezog, selbst wenn das häufig genug zum Gegenstand eines langatmigen Kleinkrieges mit den Zensurinstanzen geriet. Die Brisanz lag vielmehr in der mit ihr eingeleiteten Aushöhlung des staatlichen Kulturmonopols. Massenhaft begannen Jugendliche unbekümmert um Maßgaben und Richtlinien der allzuständigen Partei die von ihnen gewünschte Musik nun einfach selbst zu machen und damit ein ganz erhebliches Stück an kultureller Selbstbestimmung in Form von Sinnlichkeit, Vergnügungen und provokanter Aufmüpfigkeit auszuleben.

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Literatur

  1. 1.
    Sieht man von den ideologisch gefärbten Formen offizieller Selbstdarstellung einmal ab, so gibt es kaum Literatur, die diese kulturellen Entwicklungsprozesse oder auch nur einzelne Aspekte von ihnen dokumentiert. Aufschlußreiches Material für eine ganze Reihe von osteuropäischen Ländern findet sich in den beiden in den siebziger Jahren vom Wiener International Institute for Music, Dance and Theatre in the Audia-visual Media (IMDT, später Media-Cult) herausgegebenen Publikationen mit ausgewählten Beiträgen mehrerer unter Schirmherrschaft der UNESCO durchgeführten Tagungen: I. Bontinck (Hrsg.), New Patterns of Musical Behaviour of the Young Generation in Industrial Societies, (Universal Edition) Wien 1974; und K. Blaukopf u. D. Mark (Hrsg.), The Cultural Behaviour of Youth. Towards a Cross-Cultural Survey in Europe and Asia, (Universal Edition) Wien 1976. Aus journalistischer Perspektive wird die Musikszene Osteuropas in K. Humann/C.-L. Reichert, (Hrsg.), EuroRock. Länder und Szenen. Ein Überblick, (Rowohlt) Reinbek b. Hamburg 1981, zumindest gestreift. Eine ausführlichere vergleichende Darstellung lieferte Timothy W. Ryback in seiner als Doktorarbeit entstandenen Studie Rock Around the Bloc. A History of Rock Music in Eastern Europe and the Soviet Union, (Oxford University Press) New York, Oxford 1990. Ebenfalls auf vergleichender Basis ist der von Sabrina Petra Ramet herausgegebene Band Rocking the State: Rock Music and Politics in Eastern Europe and Russia, (Westview Press) Boulder 1994 angelegt. Einen aufschlußreichen Bericht über die Entwicklung der sowjetischen Rockmusik hat der Journalist A. Troitsky in seinem Buch Back in the USSR. The True Story of Rock in Russia, (Omnibus) London 1987, dtsch., als Rock in Russland. Rock und Subkultur in der UdSSR, (Hannibal) Wien 1989, vorgelegt; vgl. auch R. Rauth, Back in the U.S.S.R.: Rock and Roll in the Soviet Union, in: Popular Music and Society, 8(3/4), 1982; 3–12, sowie P. Ramet/S. Zamascikov, The Soviet Rock Scene, in: Journal of Popular Culture, 240), 1990, 149–174, und P. Riggs, Up From Underground: Sound Technologies, Independent Musicianship, and Cultural Change in China and the Soviet Union, in: Popular Music and Society, 150) 1991, 1–23. Einen Überblick über die Situation in China gibt Andreas Steen, Rockmusik in der VR China, in: PopScriptum. Beiträge zur populären Musik, 3: World-Music, (Schriftenreihe des Forschungszentrums populäre Musik, Humboldt-Universität) (Zyankrise) Berlin 1995, 80ff und in ders., Der Lange Marsch des Rock ‘n’ Roll. Pop-und Rockmusik in der Volksrepublik China, (=Berliner China-Studien 32) (Lit Verlag), Hamburg 1996. Zur Entwicklung in der DDR hat Olaf Leitner mit Rockszene DDR. Aspekte einer Massenkultur im Sozialismus, (Rowohlt) Reinbek b. Hamburg 1983 eine bahnbrechende Arbeit vorgelegt, die durch die ebenfalls als Dissertation entstandene Studie von Michael Rauhut. Beat in der Grauzone. DDR-Rock 1964 bis 1972 — Politik und Alltag, (BasisDruck) Berlin 1993, ergänzt wurde.Google Scholar
  2. 2.
    vgl. hierzu den allerdings sehr offiziell eingefärbten Beitrag von I. Nestjeev, Popular Music in the USSR: Problems and Opinions, in: D. Horn u. Ph. Tagg (Hrsg.), Popular Music Perspectives, ( International Association for the Studies of Popular Music) Göteborg, Exeter 1982, 155–162Google Scholar
  3. 3.
    Zu dieser wie allen nachfolgend erwähnten Bands bietet die zwanzigteilige CD-Reihe Rock aus Deutschland Ost, DSB Berlin 1990ff reichhaltiges Hörmaterial.Google Scholar
  4. 4.
    Anordnung über die Befugnis zur Ausübung von Unterhaltungs-und Tanzmusik, vom 27. März 1953, in: Zentralblatt DDR, Ausgabe B, Berlin 1953, (= Nr. 11 ) S. 137.Google Scholar
  5. 5.
    Anordnung Nr. 2 über die Befugnis zur Ausübung von Unterhaltungs-und Tanzmusik, vom 14. Januar 1957, veröffentlicht in: Gesetzblätter d. DDR, Teil II, ( Berlin 1957 ), S. 54.Google Scholar
  6. 6.
    Später wurden auch noch die Anforderungen dafür per Gesetz festgelegt — Prüfungsordnung für die Ausstellung von Berufsausweisen zur hauptberuflichen Ausübung von Tanz-und Unterhaltungsmusik, vom 30. Juni 1964, veröffentlicht in: Verfügungen und Mitteilungen des Ministeriums für Kultur, Berlin 1964, S. 57f.Google Scholar
  7. 7.
    vgl. ausführlicher P. Wicke, „Der King vom Prenzlauer Berg“. Vom Mythos des Rock in einer sozialistischen Großstadt, in: B. Wilczek (Hrsg.), Berlin — Hauptstadt der DDR 1949–1989. Utopie und Realität, (Elster Verlag) Baden-Baden 1995, 236ffGoogle Scholar
  8. 8.
    Der Jugend Vertrauen und Verantwortung, in: Der Jugend Vertrauen und Verantwortung beim umfassenden Aufbau des Sozialismus, ( Dietz) Berlin 1963, 16Google Scholar
  9. 10.
    Freie Deutsche Jugend — 1946 in der damaligen sowjetischen Besatzungszone gegründete Massenorganisation der Jugend, die, obwohl den Statuten nach auf freiwilliger Mitgliedschaft basierend, durch Benachteiligung nicht organisierter Jugendlicher in der DDR nahezu die Gesamtheit der betreffenden Altersgruppe (14 bis 25 Jahre) umfaßte.Google Scholar
  10. 11.
    Erich Honecker, Bericht des Politbüros an die 11. Tagung des ZK der SED, ( Dietz) Berlin 1965, 71Google Scholar
  11. 12.
    Wie steht es mit unserer Tanzmusik?, Referat des Stellvertreters des Ministers für Kultur, Dr. Werner Rackwitz, anläßlich der Tanzmusikkonferenz, Berlin am 24. u. 25. 4. 1972 (unveröffentlichtes internes Dienstmaterial)Google Scholar
  12. 13.
    ausführlicher und detaillierter auch zum Selbstverständnis der Apparate vgl. P. Wicke/L. Müller (Hrsg.), Rockmusik und Politik. Analysen, Gespräche, Dokumente, (= Forschungen zur DDR-Geschichte Bd. 7), (Links) Berlin 1996Google Scholar
  13. 14.
    vgl. hierzu auch die Interviewäußerungen der Band in I. Hannover/P. Wicke (Hrsg.), Die Puhdys — Eine Kultband aus dem Osten, (Elephantenpress) Berlin 1994, 142ffGoogle Scholar
  14. 15.
    Einen zusammengefaßten Überblick über die Rockentwicklung der achtziger Jahre gibt M. Rauhut, Rock und Politik in der DDR der achtziger Jahre. Ein ereignisgeschichtlicxhes Resümee, in: Jahrbuch für zeitgeschichtliche Jugendforschung 1994/95, (Metropol) Berlin 1995, 76ff.Google Scholar
  15. 16.
    Zum Verhältnis von Staatssicherheit und Rockmusik vgl. den Beitrag von M. Rauhut, Rockmusik im Fadenkreuz der Stasi, in: P. Wicke/L. Müller (Hrsg.), Rockmusik und Politik. Analysen, Gespräche, Dokumente, a.a.O.Google Scholar
  16. 17.
    Zur Rolle des Rock im Prozeß der politischen Veränderungen 1989 vgl. P. Wicke, The Influence of Rock Music on Political Changes in the GDR, in: James Lull (Hrsg.), Popular Music and Communication, (Sage) Beverly Hills 1991, sowie P. Wicke, The Times They Are A-Changin“. Rock Music and Political Change in East Germany. in: R. Garofalo (Hrsg.), Rockin’ the Boat. Mass Music and Mass Movement, ( South End Press) Boston 1992Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 1997

Authors and Affiliations

  • Peter Wicke

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