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Die soziodramatische Gruppenthemen-Aufstellung „Play of Gods“

  • Jochen Becker-EbelEmail author
Living reference work entry

Zusammenfassung

Das „Play of Gods“ ist eine psycho- und sozio-dramatische Variante der Aufstellungsarbeit. Es werden verborgene Kapazitäten (eine Teilgruppe) und Bedürfnisse/Nöte (andere Teilgruppe) aus einem Gruppenkontext heraus aufgestellt, erforscht und verändert. Dabei geht es nicht nur um die Anliegen von einzelnen ProtagonistInnen innerhalb einer Gruppe, sondern „Play of Gods“ bringt die Gruppenmitglieder und das Gruppen-Selbst in Interaktion. Ziel ist die Rollenexpansion in Bezug auf ein aktuelles sowie relevantes Thema. Dabei nehmen nach einer Anwärmungsphase zumindest ein Teil der Gruppenmitglieder die Rolle von „Göttern“ und ähnlichen Wesen/Energien oder humanistischen Werten ein. Die Spiel-Erfahrung wird auf der persönlichen, der Gruppenebene und auf der gesellschaftlichen Ebene ausgewertet. Je nach Kontext ergeben sich Ergebnisse in Bezug auf das Gruppenanliegen/-thema und auf die Reintegration/Förderung von Ressourcen der Einzelnen und der Gruppe, ja sogar der Gesellschaft.

Das Play of Gods, zu Deutsch „Götterrunde“ oder auch „Spiel der Kreatoren“, entwickelte sich eher zufällig 2013 in einem multikulturellen Bildungs-Setting an der Manipal Universität im südindischen Mangalore. Einige dutzend Male wurde diese Aufstellungsmethode seitdem in Bildungsarbeit und in gruppenbezogener Selbsterfahrung erfolgreich eingesetzt. Sie muss mehr als andere Methoden auf die TeilnehmerInnen und das Setting angepasst werden. Sie ist weder exakt wiederholbar noch in Ergebnissen und Verlauf vorhersagbar, jedoch stets kreativ, überraschend, neu.

Schlüsselwörter

Aufstellung Play-of-Gods Psychodrama Vedadrama Moreno Gott 

1 Einleitung

Bereits 1894 spielte Jakob L. Moreno im Kreis seiner Spielgefährten als Vierjähriger „Gott“ und benannte dies als eines der konstitutiven Elemente der von ihm entwickelten Triade Soziometrie/Soziatrie – Psychodrama – Gruppenpsychotherapie. Das „Gott-Spielen“ und seine Identifizierung mit dem Göttlichen/Gott spielte für ihn eine große Rolle als Mensch, Literat, Therapeut, Lehrender und kreativer Entwickler. In seinem Psychodrama-Theater in Beacon/New York war für Götter, Richter und andere derartige Wesen eigens eine Balustrade als typischer Bühnenort vorgesehen (s. Abb. 1).

Das Play of Gods öffnet das Gottesspiel des selbstreflektierenden Einzelnen hin auf eine Gruppenbegegnung (Soziodrama) mit dem Ziel der Heilung über die Gruppe hinaus (Soziatrie). Es verankert sich im multikulturell-religiösen Kontext. Der vorliegende Artikel beschreibt die Anwendung dieser Methode, sowie deren Entstehung. Er liefert Gebrauchshinweise, weist auf Gefahren hin und zeigt den philosophisch-theologischen Kontext auf. Auf Jakob L. Moreno wird durchgängig Bezug genommen.

2 Beschreibung der Methode: Play of Gods

Die Methode dauert mindestens 60, besser aber 90 Minuten. Es nehmen 10 bis maximal 25 Personen teil, die grundsätzlich zur Besonderheit der Methode – das „Götter – Spielen“ – vorinformiert werden.

2.1 Anwärmungsphase

Nach einer allgemeinen Anwärmung einigen sich die TeilnehmerInnen selbst auf ein gemeinsames Thema:
  • Ein anlassbezogenes Thema: z. B. das gemeinsame übergeordnete und bereits vorgegebene Thema einer Konferenz

  • Ein Thema, das die Mehrheit der TeilnehmerInnen beschäftigt: Probleme innerhalb der TeilnehmerInnengruppe oder zu bewältigende Gruppen-Aufgaben

  • Ein grundsätzliches Thema: z. B. zum Weltfrieden beitragen; aktuelle gesellschaftspolitische Themen (z. B.: gesellschaftliche Wut, Trauer und Ohnmacht nach Anschlägen)

  • Ein vorgegebenes Lern-Thema im Bildungskontext: Das Unterrichtsthema des Tages, Beispiel: Bei Palliativmedizinweiterbildungen: „Wie können wir Trauernde begleiten?“

2.2 Themenfindung als erweiterte Anwärmung

Bei Gruppen mit einer TeilnehmerInnenzahl von über 16 Personen ist es sinnvoll, die Themenfindung mit Kleingruppenbildung zu unterstützen. Dies dient auch der Zustimmung und Anwärmung. Das Ziel ist es nicht „das beste“ Thema zu finden, sondern eines, auf das sich die Gruppenmehrheit einlassen kann.

2.3 Aufstellungs- und Aktionsphasenstart mit zwei Varianten

Die Aufstellungs- und Aktionsphase dauert etwa 25 Minuten. Die Aufstellungsphase wird durch den/die LeiterIn nun teilnehmerInnen- und anlassbezogen eingeleitet. Zu Beginn entscheidet sich der/die LeiterIn für eine der untenstehenden Varianten des Spiels. Die Variante A ist besser geeignet bei weniger spielfreudigen TeilnehmerInnen und wenn mit Widerständen zu rechnen ist.

Variante A: Die Gruppe bildet zwei Untergruppen mit Blick auf das gefundene Thema: „Problembehaftete und ProblemlöserInnen“ bzw. „Menschen mit einem Anliegen und UnterstützerInnen“. Die etwa gleichgroßen Teilgruppen positionieren sich stehend im Raum.

Variante B: Die Gruppe bleibt zusammen als Gesamtgruppe. Auch jetzt stehen alle im Raum.

2.4 Anleitungstext zur Rollenfindung und Rollenannahme

Dann wird es in etwa folgende Grund-Anleitung zur Aufstellungsphase geben: „Das Thema, das Problem, das gewählte Anliegen ist groß. Manches ist zu groß für uns. Wir finden keine guten/optimalen Lösungen. Wir hoffen manchmal und vermuten bisweilen, dass Andere eine bessere Lösung hätten. Manchmal denken wir: ,das kann nur (ein) Gott (eine Göttin) lösen‘.“

Nun fordert der/die LeiterIn zur Aufstellung und Rollenübernahme auf.

Variante A: Die Menschen mit einem Anliegen behalten ihre eigene menschliche Rolle und gehen in die eine Seite des Raums. Die „UnterstützerInnen“ werden zu „Göttern“, göttlichen Wesen oder Energien etc. Sie gehen zur anderen Seite des Raums.

Variante B: Alle TeilnehmerInnen gehen in einen Rollenwechsel und werden „Götter“. Göttliche Wesen, Energien, humanistische Werte und Prinzipien – je nach eigener Wahl.

Möglicher Anleitungstext: „Suchen Sie eine neue Rolle für sich aus:
  • eine/n Gott/Göttin; persönliche, personifizierte oder überpersönliche Gottheit

  • eine Menschenkraft-übersteigende-Wesenheit

  • eine verkörperte übermenschliche Energie, etc.

Sie können die Wahl frei treffen. Nehmen Sie gerne die erste Gottheit, die Ihnen einfällt. Wenn Sie an keinen Gott glauben, nehmen Sie eine den Menschen übersteigende Wirklichkeit. Wenn Sie auch daran nicht glauben, nehmen Sie das Prinzip an das Sie glauben (Zweifel, Agnostik).

Ich, die Leiterin/der Leiter, begleite die noch Suchenden jetzt in der Rollenfindung und sage dann an, wann es mit der Bearbeitung selbst losgeht.“

Die TeilnehmerInnen werden individuell von dem/der LeiterIn unterstützt eine Gottheit zu wählen, die sie eine gewisse Zeit verkörpern wollen. Dies ist stark vom Gruppen-, Themen-, TeilnehmerInnen-Kontext abhängig. Es kann der Gott gewählt werden, mit dem man Kontakt hat/den man verehrt. Bei überwiegend nicht-religiös/nicht-glaubenden Gruppen können (über-) menschliche Eigenschaften oder auch Prinzipien gewählt werden. Es kann aber auch eine Göttin gewählt werden, die man immer schon mal sein wollte oder kreative Neuerfindungen von Göttern sind möglich. Eine Ärztin wählte den „Gott der steckengebliebenen Aufzüge und klemmenden Schubladen“, der in großer Not immer im Krankenhaus geholfen hat etwas zur Ruhe zu kommen. Leichter geht es mit „Nimm den ersten Gott, der dir einfällt“. Oder auch: Vorgefertigte Blätter mit Gottesnamen/-bildern – Jesus, Gott-Vater, Buddha, … – zum Auswählen, z. B. auf laminierten Umhängeschildern; Oder: vorgefertigte Blätter mit Gottes-„Familien“ (Monotheistische Götter; Polytheistische Götter; Humanistische Prinzipien; Atheismus als „Nicht-Gott“, etc.).

Es dauert etwa 5 bis 10 Minuten, bis alle TeilnehmerInnen (bei Variante A: alle „UnterstützerInnen“) eine Gottheit oder Wesenheit gefunden haben, die sie verkörpern wollen.

2.5 Spielanleitung zur Aufstellungsphase: Rollenannahme, Rollenwechsel

„Und nun identifizieren Sie sich mit der gefundenen neuen Rolle. Fühlen Sie sich in ihre Rolle ein. Nun bedenken Sie: Aus dieser Rolle heraus können Sie die vorher benannte Problembearbeitung angehen. Sie haben nun Zeit zu dem Thema, auf das Sie sich vorher geeinigt hatten, einen eigenen Standpunkt aus Ihrer neuen Rolle heraus zu finden. Sie können eine neue Lösung finden, oder auch nicht. Lassen Sie sich überraschen, was passiert, wenn sie aus der neuen Rolle auf das Thema blicken.“

2.6 Spielanleitung zur soziodramatischen Aktionsphase

„Bitte beachten Sie: Heute haben sogar alle Götter Beine: Sie dürfen sich bewegen wie Menschen. Sie können ins Gespräch kommen. Sie können sogar Ihre Position und Ihren Standort verlassen und mit Anderen ins Gespräch kommen, selbst mit Göttern, denen sie normalerweise nicht begegnen würden. Sie haben dazu ab jetzt 25 Minuten Zeit.“

2.7 Die eigentliche Aktionsphase

Die TeilnehmerInnen handeln nun ohne weitere Regie selbst und eigenständig. Innerhalb des Psychodramas wird dies „Soziodrama“ genannt. Diese Methode bedient sich des 1924 von J L Moreno (weiter-)entwickelten Methodenspektrums des Stehgreiftheaters (Moreno 1970). Dies geschieht analog ähnlicher Aktionsphasen in anderen Aufstellungsarbeiten, ist jedoch erstmal völlig ohne Leitungsintervention.

Die „Götter“ (bei Nutzung der Variante B) bzw. „Götter und Menschen“ (Variante A) werden in (wechselnden) Kleingruppen zu Zweit, Dritt und Viert miteinander in Gespräch kommen. Öfter bilden sich kleine „Gesprächskreise“. Wenn Lösungsvorschläge und Gedanken ausreichend erforscht sind, gibt es neue Konstellationen. Bisweilen formiert sich auch gegen Ende dieser Aktionsphase die Gesamtgruppe: Die Götter (Götter und Menschen) stehen im Kreis, Beratschlagen und Handeln.

2.8 Optionale Anweisungen: Aufstellungsphase

Bei Rollenwechsel ungeübten TeilnehmerInnen kann ein zusätzliches Rolleninterview helfen in der Aufstellungshase in die Rolle der Gottheit zu wechseln:
  1. a)

    Wir groß bist Du? Wie alt bist Du?

     
  2. b)

    Wie stark/kraftvoll/energiereich bis Du?

     
  3. c)

    Hast Du eine Form oder Farbe? Welche?

     
  4. d)

    Gibt es auch etwas, was Dir an Dir nicht gefällt? Was ist es?

     
  5. e)

    Hast Du etwas bei dir, einen Gegenstand, ein Kleidungsstück, das Dich auszeichnet?

     
  6. f)

    Nun kannst Du überlegen, was dich an dem Thema interessiert, auf das die Menschengruppe sich vorhin geeinigt hatte. Was kannst Du beitragen? Welche Eigenschaften und Stärken werden von Dir hierbei gebraucht?

     

2.9 Optionale Anweisungen: Aktionsphase

Bei spielunfreudigen, starren oder ängstlichen Gruppen, bei denen die erste Zweiergesprächs-Spiel-Konstellation auch nach 10 Minuten nicht variiert wird, wird es sinnvoll sein, die Anweisung „Götter haben Beine“ nochmals zu wiederholen.

Bei besonders angeregten und zielorientierten Gruppen der Variante B kann der/die AnleiterIn auch noch selbst als Mitspielende/r gegen Ende auf die Bühne kommen mit folgender Idee. Die Götter stehen dabei in einem Kreis und die/der LeiterIn kommt von Außen in den Kreis hinzu: „Unten auf der Erde lernen die Menschen nun gerade das Aufstellungsarbeit und Soziodrama. Und ich bin in den Himmel gekommen, um dies nun auch für die Götter nutzbar zu machen. Ich freue mich sehr, dass ich Ihre göttliche Bekanntschaft machen darf. Sie kennen sich ja aus, wie es ist „Gott“ zu sein. Ich schlage Ihnen jetzt mal was Neues vor: Ich bitte nun einzelne Götter doch mal das Wagnis einzugehen „Mensch“ zu werden und auszuprobieren, wie die gefundenen Ideen und Lösungen wohl auf einen Menschen so wirken könnten. Bei uns auf der Erde nennt man das Rollenwechsel. Welcher Gott hätte Lust für kurze Zeit ein Mensch zu sein und sich das anzuhören, was die anderen Götter so anbieten?“ Einzelne TeilnehmerInnen, die gerade ja Götter spielen machen einen Rollenwechsel (hier: Rollenwechsel zweiter Ordnung) und werden zu einem „Mensch“. Sie treten einzeln in die Mitte des Kreises der anderen „Götter“ und hören sie sich an, was die Götter so vorschlagen. Anschließend entrollen sie sich aus der Menschenrolle und werden dann wieder zu Göttern. Dies kann unter Anleitung dreimal oder öfter wiederholt werden.

2.10 Spielende/Entrollen

Mit oder ohne die zuletzt genannten Varianten kommt es nach 20 bis 25 Minuten meist selbst zu einem Ende. Wenn nicht, sollte nach 30 Minuten das Ende durch den/die LeiterIn gesetzt werden, damit noch genügend Zeit zur Auswertung bleibt. Der/die LeiterIn beendet die Aktionsphase und fordert zum „Entrollen“ auf.

2.11 Auswertung des Play of Gods

In einem offenen Stuhlkreis wird nun das Erfahrene auf mehreren Ebenen ausgewertet:
  • Persönliche Ebene: Was habe ich erfahren und wie habe ich mich gefühlt?

  • Gruppenebene: Wie ist die Gruppe das Thema angegangen? Wie geht es den TeilnehmerInnen der Gruppe mit dem Spiel und mit der Gruppe?

  • Themenebene: Hat es neue Lösungen gegeben oder eine Versöhnung mit der Unlösbarkeit des Themas?

  • Gesellschaftsebene: z. B. interkulturelle Weltanschauungsebene – Hat das Spiel dazu beigetragen, den/die Andere/n in der Andersartigkeit wahrzunehmen und eventuell sogar wertzuschätzen? Welche gruppeninternen Dynamiken und welche über die konkrete Gruppe hinausreichenden Dynamiken hatte das Spiel? Entstanden Kräfte zur Gesellschaftsveränderung?

  • Metaebene: z. B. eine Weiterbildungsebene – Reflexion zur Methode; Abgleich mit anderen Methoden; Variationsvorschläge; Experten-Reflexion.

2.12 Optionale Schlussrunde

Das Ganze kann und sollte mit einer kurzen Schlussrunde beendet werden. Hier ist Platz ein Gefallen oder Missfallen zur Methode, zur Anleitung, zum Gruppenprozess oder zur Gruppe zu äußern. Sehr selten bewirkt die Methode bei religiös-ängstlichem Charakteren eine Verwirrung oder Verunsicherung, wenn sie die trotz aller Erlaubnisse (z. B.: Variante A) über ihre religiösen Grenzen gegangen sind. Es sollte Raum da sein, Verwirrungen auszusprechen.

3 Umsetzungsvarianten im sozio-religiösen Kontext

3.1 Umsetzung bei Widerstand gegen das Religiöse

In einer zunehmend säkularen Welt muss der/die LeiterIn nach der Auftragsklärung die TeilnehmerInnen durch geeignete Ausschreibungstexte oder einführende Ankündigungen und Einführungen auf die von AuftraggeberInnen gewählte Methode „Play of Gods“ vorbereiten. Das „Play of Gods“ ist an und für sich in keiner Weise „religiös“. Dennoch können dieser Aufstellungsarbeit von TeinehmerInnen Widerstände entgegengebracht werden, die eigentlich der religiösen Sozialisation gebühren.

Hilfreich ist die ausdrückliche Erlaubnis zu geben „humanistische Werte und Prinzipien“ wie „Liebe“ und „Energie“ anstelle eines Gottes als Spiel-Rolle zu wählen. So können auch AtheistInnen, AgnostikerInnen, Institutionsgeschädigte und vom Elternhaus negativ religiös sozialisierte Menschen im Play of Gods eine für sie geeignete Methode finden.

Um die Wahlmöglichkeit zu erhöhen, sollte die Variante A genutzt werden. Sie ist spielerisch und ideologisch für diejenigen gut möglich, die die Rolle nicht wechseln und problemeinbringende Menschen bleiben wollen.

In sehr seltenen Fällen verweigern sich einzelne TeilnehmerInnen dem Spiel oder der angebotenen Variante ganz, weil eine generelle Skepsis gegenüber allem Religiösen vorhanden ist. Dann ist es immer noch möglich, Einzelnen die Rolle des/der Beobachters/Beobachterin einzuräumen.

3.2 Umsetzung beim religiösen Widerstand „Gott zu sein/Gott zu spielen“

Wenn es dann konkret wird mit dem Gott-Auswählen und der Rollenübernahme zögern nicht wenige Personen mit religiösem Hintergrund:
  • traditionell religiöse Menschen, die es als nicht erlaubte Anmaßung verstehen, „Gott“ zu sein/zu spielen

  • Religionszugehörige aus Bilderverbots-Religionen und Religiöse, die die Möglichkeit der Menschwerdung Gottes nicht kennen oder ablehnen und aus diesem Verbot heraus auch nicht Gott verkörpern und ins Bild bringen wollen.

  • Angehörige von exklusivistisch verstandenen Religionen (= Religionen, die sich als einzigartig sehen und die Existenz anderer Götter und Religionen leugnen, bekämpfen oder abwerten), die zwar ihre eigene Gottheit spielen und verkörpern würden und ein Zusammenspiel mit anderen TeilnehmerInnen schätzen, die auch eine Figur der eigenen exklusivistischen Religion spielen, die es jedoch nicht schätzen, wenn andere Gottheiten plötzlich konkret durch ein Spiel anwesend sind.

Es braucht eine gute Vorbereitung und eine Einstimmung/Anwärmung mit der Gruppe. Modellhaft ist dies im ersten Kapitel beschrieben: Die Gruppe findet ein gemeinsames Anliegen, das zur Lösung ansteht, und die Gruppe will Energien und Möglichkeiten nutzen, die jenseits des Menschlich üblichen sind. Darauf lassen sich auch sehr religiöse Menschen gerne ein. Hilfreich ist dann die „Variante A“ vorzuschlagen. Dann kann es auch gelingen, TeilnehmerInnen mit fixierten religiösen Einstellungen zu integrieren.

Nicht immer gelang es dem Autor alle TeilnehmerInnen zu integrieren – selbst bei guter Anwärmung. Oft gab es einen „alleinstehenden Jesus“ auf der „Play of Gods“ Aufstellungs-Bühne, der nicht an die anderen Götter glaubt und so plötzlich nicht mehr zur Diskussion und Problemlösung beitragen kann und will, weil er sich dem Gespräch entzieht. Dann gelingt es erst in der anschließenden Auswertung einen Sinn der Aktionsphase zu erkennen.

3.3 Umsetzung/Nicht-Umsetzung in speziellen sozio-religiösen Kontexten

Es gibt Situationen, wo es nicht angezeigt ist, das Play of Gods zu spielen: Im Rahmen der Palliativmedizinerweiterbildung an der fast rein muslimischen Yenepoya Universität, Mangalore, Südindien, verhandelte der Autor 2017 mit den anwesenden AssistenzärztInnen und OberärztInnen, ob sie sich auf ein „Play of Gods“ zum Thema „Trauer-Begleitung“ einlassen können. Ein „Gespräch über“ war möglich, ein Rollenwechsel und Spiel war nicht gewünscht. An der gleichen Universität im Rahmen eines Psychodrama Zertifikats-Kurses im Dezember 2018 hingegen, ließen sich die TeilnehmerInnen auf die Methode ein, da neben den gleichen muslimischen Medizinern aus der Region auch mehrere Hindu, Religionslose und Christen als TeilnehmerInnen anwesend waren und diese in der Mehrzahl aus dem Ausland kam (VAE, Qatar, China, Finnland). Insofern speilt die genaue Beobachtung der religiösen Sozialisation, des konkreten TeilnehmerInnenumfelds und der Erlaubnisgebung in der konkreten Vereinbarungsphase für die Wahl oder Abwahl der Aufstellung Play of Gods eine Rolle.

Jeder Methodeneinsatz braucht Feinfühligkeit und KundInnenorientierung an erster Stelle, hier genauer gesagt: KundInnenzentrierung. Der/Die KundIn weiß, was für sie/ihn momentan am besten ist. „Play of Gods“ stellt nicht über die religiösen Grundhaltungen der Kunden hinweg mal schnell den interreligiösen Weltfrieden her, weil der/die LeiterIn es so will.

3.4 Empfehlungen für den/die Anleitende/n

Während es in normalen psychotherapeutischen Prozessen zu Rollenzuschreibungen kommen kann (LeiterIn = Mutter/Vater), ist der Grenze von Zuschreibungen beim Spiel mit einbezogenen Göttern gar keine Grenze mehr gesetzt. Eine mögliche Stärkung vorhandener narzisstischer Selbstüberhöhung bei dem/der AnleiterIn kann nicht ausgeschlossen werden. So vermutet Kellermann (1992, S. 63): „In this way it is probable, that Moreno also satisfied his own narcissistic wish to play god.“ Deshalb sind ein solides Privatleben, eine hinreichende Selbsterfahrung und eine allgemeine berufliche Sicherheit hilfreich, um derartigen Versuchen billiger Ersatz-Zuschreibungen zu entgehen.

4 Morenos „Gottes-Spiel“

4.1 Morenos Spiellust: Auch mal Gott sein

Moreno selbst spielte gerne „Gott“, die Nachbarskinder waren „seine Engel“. Und er brach sich beim Versuch zu fliegen den Arm. Moreno zieht später dieses Fazit: „Das Psychodrama des gefallenen Gottes. Das war, soweit ich mich erinnern kann, die erste ‚private‘ Psychodramasitzung, die ich jemals geleitet habe. Ich war zugleich Leiter und Protagonist. Ich bin oft gefragt worden, weshalb die Psychodramabühne die Form hat, die sie hat. Möglicherweise stammt die ursprüngliche Inspiration von dieser persönlichen Erfahrung. Die bis zur Decke reichenden Himmel haben vielleicht den Weg zu meiner Idee der verschiedenen Ebenen der Psychodramabühne und deren vertikaler Dimension gebahnt – die erste Ebene die Ebene der Empfängnis, die zweite Ebene die Ebene des Wachstums, die dritte Ebene der Vollendung und Handlung die vierte Ebene der Balkon, die Ebene … des ‚Messias‘ und der Helden. Meine Erwärmung für die schwere ‚Rolle‘ Gottes mag den Erwärmungsprozess des Rollenhandelns auf der Psychodramabühne vorweggenommen haben. Dass ich fiel, als die Kinder aufhörten die Stühle zu halten, hat mich vielleicht die Lektion gelehrt, dass sogar das höchste Wesen von anderen – ‚Hilfs-Ichs‘, abhängig ist und dass ein Patient-Protagonist sie für angemessenes Handeln braucht. Allmählich lernte ich auch, dass andere Kinder ebenfalls gerne Gott spielten“ (Hutter und Schwehm 2009, S. 51) (Abb. 1).
Abb. 1

Die Moreno Bühne, wiederaufgebaut am Hudson Valley Psychodrama-Institut, mit der Balustrade für die „Götter und Richter“. Foto/Copyright: Jochen Becker-Ebel, Boughton Place, Mai 2019

4.2 Morenos früher Anspruch: I teach people how to play God

Der 23-jährige Moreno trifft auf den 56-jährigen Freud. Moreno berichtet 1974 in seiner Autobiografie: „1912 besuchte ich eine von Freuds Vorlesungen. Er hatte gerade die Analyse eines telepathischen Traums beendet. Als die Studenten herausgingen, holte er mich aus der Menge heraus und fragte mich, was ich mache. Ich antwortete ‚Nun‘ Dr. Freud, ich beginne dort, wo Sie aufhören. Sie treffen Menschen in der künstlichen Umgebung ihres Büros. Ich begegne ihnen auf der Straße und in ihrem Heimen, in ihrer natürlichen Umgebung. Sie analysieren ihre Träume. Ich gebe ihnen den Mut, wieder zu träumen. I teach people how to play God.‘ Dr. Freud looked at me like puzzled.“ (Moreno 1985, S. 5 f.; Teile übersetzt bei Hutter und Schwehm 2009, S. 96).

4.3 Morenos existenziell-religiöse Erfahrung: Gott bin ich

Moreno hörte nach eigenen Aussagen stets innere Stimmen. Diese nahmen nach Beziehungen zu Menschen, die ähnlich veranlagt waren, noch zu und er gab sich mehr Erlaubnis dazu. In Bad Vöslau, ca. 1917/1918, hatte Moreno eine ekstatische innere Audition, die zu einer Verschriftlichung und 1920/1922 zu einer anonymisierten Publikation führte: „Testament des Vaters“. Dieser literarisch-mystische Text kann nur im Zeitkontext des Expressionismus verstanden werden, in dem sich Moreno bewegte. Für Gemüter des 21. Jahrhunderts sind die Worte kaum miterlebbar. Für Moreno hingegen waren sie Lebensrichtschnur, so dass er sich sogar auf dem Sterbebett in New York 1974 diesen frühen Text in seiner deutschen Originalsprache vorlesen lies. Er erlebte nun den vollständig vollzogenen Rollentausch mit der Gottheit, der sich ihm als „Vater“ innerlich offenbarte (Hutter und Schwehm 2009, S. 362).

„Ich bin der Vater. Ich bin der Vater meines Sohnes. Ich bin der Vater meiner Mutter und meines Vaters. Ich bin der Vater meines Ahns und meines Urahns. Ich bin der Vater meines Bruders und meiner Schwester. Ich bin der Vater meines Enkels und meines Urenkels.

Ich bin der Vater des Himmels über meinem Haupte und der Erde unter meinen Füßen …“

Eindrucksvoll auf YouTube Anhörbares zu dieser Erfahrung findet sich in der historischen Aufzeichnung eines Interviews mit ihm 1963 in New York (Moreno 2015). In der triadisch wahrgenommenen Vatergottheit selbst sieht Moreno die Option der Auswahl zwischen dem „God the Creator, God the Lover and God the Scientist“ (Moreno, 2015, Minute 1:17 – 1:19). Und er fühlt sich zu „Gott dem Schöpfer“ am meisten hingezogen, dem Kreativen und Kreator. 1 Moreno „spielte“ fortan nicht nur Gott, sondern „war“ Gott, Miterschaffer der Welt. Ob und wie dies eine tatsächliche mystische Erfahrung war, entzieht sich aus der Natur der Sache heraus jeder schriftlich-intellektuellen Reflexion. Auf jeden Fall war es mehr als nur ein literarischer Erguss oder gar eine psychotische Störung. Moreno bezog aus diesen Erlebnissen 1917/1918 innere Kraft und konnte sie nutzbringend für sich und seine Aufgaben auch gesellschaftlich nutzen.

4.4 Morenos Werk: Seid Götter

Moreno richtete dem Gott und den Göttern folglich einen festen Platz in der Therapie ein. Und dies nicht nur wortwörtlich, sondern auch dreidimensional tatsächlich. In den von ihm angeleiteten Spielen gab es seit dem Bau einer Psychodrama Bühne in Beacon wie eingangs beschrieben eine Balustrade, wo die Götter waren. Im Psychodrama (auch in einer noch früheren Form, dem Axiodrama) konnten Menschen auch Götter spielten und wieder zu dem werden, was sie ursprünglich im Vollbesitz aller ihrer Kräfte einst gewesen sind; bzw. in der heutigen Sprache einer nach-religiösen Welt: reintegrierte, kreative Menschen. Als Menschen konnten sie aber im Psychodrama/Axiodrama auch mit Göttern kämpfen und ringen. Gegenüber Yablonski (übersetzt nach Buer 1999, S. 125) äußert sich Moreno: „Mein Werk ist die Psychotherapie der gefallenen Götter. Wir sind alle gefallene Götter. Als Kinder haben wir ein Gefühl göttlicher Allmacht – ich nenne das den normalen Größenwahn … Psychodrama hilft den Menschen, etwas von ihrem ursprünglichen Selbst, von ihrer verlorenen Gottähnlichkeit, zurückzugewinnen.“

4.5 Morenos Schüler

Nach Morenos Tod begannen manche SchülerInnen, sich von den sonderbar mystisch klingenden Anwandlungen durch Nicht-Rezeption zu distanzieren. Erst ist den letzten zehn Jahren gab es erneut Publikationen zum Thema Moreno als Mystiker, Theologe und Visionär.

Andere SchülerInnen hingegen integrierten das Psychodrama fest in einen meist religiös festgelegten Kontext. Im christlichen Bibliodrama werden Texte und Vielzahlen von biblischen Szenen nacherlebt, jedoch mit kreativer Möglichkeit und Variation. Im Midarshic Bibliodrama (1984), das später zur Unterscheidung Bibliolog genannt wurde, ergab sich eine zufällige und zeitlich fast parallele Entwicklung in den USA im jüdischen Kontext.2 Ein moderner Versuch wie das Souldrama von Connie Miller (ca. ab 1995) will Menschen psychodramatisch helfen, Körper, Geist und auch Seele zu heilen. Selten gab es mehrere Götter auf der Bühne (Holmes et al. 2005).3 Im weitgehend noch unbekannten Vedadrama ist die Auswahl der spielbaren Gottheiten erhöht. Vedadrama lehnt sich an die jahrhundertealten indischen Traditionen an, in denen bereits Kinder an bestimmten Festtagen wie selbstverständlich die von ihnen verehrten Gottheiten, wie zum Beispiel Krishna, spielen. Es ist im multireligiösen Kontext Indiens 2012 zufällig entstanden. Durch seine Offenheit den Religionen und Kulturen gegenüber bildet es die Grundlage für die hier beschriebene Methode: „Play of Gods“: Ein Spiel mehrerer Götter in Gleichzeitigkeit und Begegnung.

5 Play of Gods: Entstehung und Erfahrungen

5.1 Indische Palliativmedizinerweiterbildungen: „Da kann nur ein Gott helfen“.

Ursprünglich entwickelte der Autor das „Play of Gods“ intuitiv und spontan in einem universitären Weiterbildungssetting für indische PalliativmedizinerInnen 2013.4 Die TeilnehmerInnen dieser 12-tägigen Weiterbildung näherten sich auch dem Thema Trauer und Trauerbegleitung. Sie merkten: Dieses Thema ist groß und schwer. Von den letzten Tagen der Psychodrama Weiterbildung in Indien angewärmt schlug der Leiter ein neues Vorgehen vor: Die Gruppe teilte sich in „Trauernde“ und in „Götter, die den Trauernden beistehen, je nach ihren eventuell besonders hilfreichen Möglichkeiten“. Diese Anwendung hat der Autor 2013–2018 mehrfach in Indien und Deutschland wiederholt. Mit der Rollenexpansion fand eine Ressourcenerweiterung für die teilnehmenden ÄrztInnen statt. Moreno würde es Kreativität nennen, was hier gefördert wird. Ferner erlebten viele, dass selbst ein Gott hier nicht „helfen“ kann. Und so wuchs die Bereitschaft, die eigene Hilflosigkeit zu akzeptieren.

5.2 Der zerbrochene Krug und die oft hilflosen Helfer

Play of Gods kann Gruppen helfen, aufgegebene Lösungen anders anzugehen. Die unter anderem von Moreno gegründete International Association for Group Psychotherapy and Group Processes (IAGP) kam 2015 in die größte Krise seit ihrer Gründung im Jahr 1954 (registriert 1973 in der Schweiz). So wunderte es nicht, dass eine sehr kleine Teilgruppe am dritten Tag des alle drei Jahr stattfindenden Weltkongresses in Rovinj, Kroatien, der Frage nachhing: „Unsere IAGP droht zu zerbrechen. Das Gefäß IAGP zerbricht. Da helfe uns Gott.“

Eine japanische Teilnehmerin übernahm die Rolle des IAGP Mitglieds mit dem zerbrechenden Gefäß: „Was können wir tun: Mein Gefäß IAGP zerbricht?“. Eine italienische Teilnehmerin beschloss Buddha zu sein, aber heute mit einem „Mangel an Erbarmen“. Eine ägyptische Teilnehmerin kam erst später dazu, verstand sofort, um was es ging und erklärte (ohne zu wissen, welche Götter mit welchen Spezifika schon gewählt worden waren): „Ich kann keinen Gott spielen, aber ich könnte Allahs Barmherzigkeit sein.“ Da wurde Buddha sehr froh, denn gemeinsam kann man es schaffen. Eine Serbin war noch dabei. Sie sagte: „Ich fühle mich fremd. Ich glaube an keinen Gott. Ich bin Atheistin“. Sie war dann der Gott, der nicht an sich selbst glaubt. Der Atheismus-Gott. Das tat ihr gut, dass sie so sein durfte wie sie war: Voller Zweifel. Und sie sagte noch: „Ich bin so allein. Und ich kann so fürsorglich sein.“ Und sie sprach zur Japanerin: „Und Du Mensch bist nun auch so allein. Ich kann Dir helfen. Ich kann Dich adoptieren.“ Da wir nur zu fünft inklusive Leitung waren, beschloss der Leiter mitzumachen und nahm die Rolle des jungen Krishna an. Krishna: „Ich bin auch alleine. Ich habe Angst, dass meine Mutter mich schimpft.“ Und er ging auf eine spezielle Geschichte Krishnas ein: „Ich habe unser Milchgefäß zerbrochen. Könntet ihr mir auch helfen?“ „Ja“, sagte die Japanerin, die „Mensch“ war und IAGP-Mitglied. „Mit zerbrechenden Gefäßen kenne ich mich jetzt aus. Ich werde mit deiner Mutter sprechen. Es ist alles nicht so schlimm“. Danach fühlte sie sich als Mensch wohl und kompetenter, mit ihren und anderen Zweifeln umzugehen, mit der Scham über zerbrechende Gefäße und mit der Annahme von Gottes Hilfe, der manchmal auch ganz hilflos ist und sich heutzutage nur über die Religionsgrenzen hinweg stabilisieren kann. Dem schlossen sich die anderen TeilnehmerInnen nach ihrer Entrollung aus den Götterrollen voll an und entdeckten die Relevanz für die kommenden Tage.

5.3 Götter-Begegnungen

Auf der DGfC Jahrestagung 2017 (Deutsche Gesellschaft für Coaching) hatten die TeilnehmerInnen einen anstrengenden Vor-Abend mit der formellen, jedoch nötigen, Jahresversammlung hinter sich. So einigte sich die Gruppe im Rahmen des Workshops „Spiel der Kreatoren und anderer Götter“ schnell auf das gemeinsame Thema: „Wie können wir unsere Jahresversammlung besser gestalten? Das wissen nur die Götter.“ Dieses Anliegen der „Menschen“ brachte unterschiedlichste Götter zum Vorschein, mit harmonischen und kämpferischen Impulsen. Die Lösung ergab sich nicht im Finden des Gottes mit der besten Lösung und auch nicht mit der besten Idee. Vielmehr begannen die Götter nach Gesprächen zu zweit sich in Viergruppen zu finden, dann in Achtergruppen und zuletzt ungefragt zunehmend in der Gesamtheit. Aufeinander hören, austauschen war die Lösung.5

6 Theo-Logik der Aufstellung Play of Gods

6.1 Spielend selbst „Gott sein“

Menschen aller Zeiten spielten „Gott zu sein“ in ihrem Inneren oder auch äußerlich durch Kleidung, Symbole und Masken im vollzogenen Rollentausch mit dem verehrten, dem fremden und dem mächtigen Gott. Dies fand und findet oft in Gemeinschaft statt.

Die im Westen bekannteste Form eines „Gottes-Rollenspiels“ ist die katholische Eucharistie, in der ein entsprechend gekleideter und durch vorherige Rituale dazu bestellter Priester sich mit Jesus Christus identifiziert und Handlungen vornimmt und Worte nachspricht, die von Jesus Christus berichtet worden sind. Auch die versammelte Gruppe nimmt durch Rituale daran teil und es gipfelt in der Einverleibung des Gottes (Kommunion) und damit Eins-Werdung. Der Zusammenhalt der Gemeinschaft und auch der Friede in der Welt sollen so gefördert werden. Im evangelischen Abendmahl wird die Rolle der Gruppe stärker betont.

Die Imagination der Szene und das Sich-Hineinversetzen spielt bei den ignatianischen Exerzitien die größte Rolle. Auch Mystiker aller Religionen setzen bewusst die Vorstellung der Gottesbegegnung in ihren Kontemplationen ein, wie Franz von Assisi und Theresa v. Avila. Und in seltenen Fällen gingen sie in Ihrer Vorstellung bis hin zur Gottesidentifizierung. Letzteres wurde von den Institutionen nie gutgeheißen und endete mit Ausschluss oder Hinrichtung: Meister Eckhardt, Mansur Al-Hallaj.

Im stets multikulturell und auch multireligiös geprägten Indien war das Spielen einer Gottheit stets willkommen. Die Identifikation mit der Gottheit war in den beiden Religionsströmen Vishnuismus (Gott der Liebe) und Shivaismus (Gott des Wissens) verbreitet. Es ist aber selbst in Indien für manche ein Stein des Anstoßes – für andere Grund der Verehrung -, wenn sich religiöse Führer als „bestimmte Inkarnation“ von Gottheiten bezeichnen, so zuletzt Sathya Sai Baba (1926–2011) als zehnte und damit letzte Inkarnation von Vishnu. Dies war zum Beginn des Jahrtausends vom Anspruch her gleich herausfordernd, wie sich damals Jesus von Nazareth vorstellte: Der lange Zeit erwartete Messias, der Christus. Die allgemeinen „Gottesspiele“ in Indien sind jedoch eher volkstümlicher Natur geworden, geben aber eine Erlaubnis für ein psychodramatisches Spiel von „Göttern“.

6.2 Theo-Logik des Play of Gods

Das „Play of Gods“ ist weniger mystisch und mehr alltagswelttauglich. Es erweitert das Spektrum des Spielbaren auch auf „Nicht-Götter“, das heißt: besondere Eigenschaften (z. B.: Liebe, Friede) und Haltungen (Humanität, Fürsorge, Selbstbestimmung …). Auch werden im Play of Gods gar keine textlichen Vorgaben mehr gemacht. Die SpielerInnen begreifen, bestimmen und spielen ihre Rollen vollständig selbst. Sie können dabei Text-/Bild-Konserven der von ihnen bevorzugten Gottheiten verwenden, sich jedoch auch hier frei entfalten, als „Gott“ etwas Neues lernen und ausprobieren oder sich sogar von der menschlichen Seite zeigen. Eine weitere Besonderheit ist es, dass Götter verschiedener exklusivistischer Religionen gleichzeitig aufeinandertreffen. Die Vielzahl der Kulturen und Götter-Vorgaben kann zu Konflikten und neuen Einsichten kommen, gerade wenn einzelne Götter typischerweise die Existenz der anderen Götter leugnen oder den anderen Göttern den Gottheitsstatus absprechen. So ist im Play of Gods des 21. Jahrhunderts auch das Zusammenwachsen der Welt und der daraus resultierende Bedarf an Integration, Kommunikation und Akzeptanz der Vielheit/Unterschiedlichkeit auf der Bühne, etwas, das bislang nur den Mystikern vorbehalten worden war.

Die theologische und auch spirituelle Frage, ob der/die „SpielerIn“ tatsächlich zu Gott wird, oder Gott nur spielt kann nicht im „Play of Gods“ selbst beantwortet werden. Moreno hätte wahrscheinlich gesagt: Du bist schon Gott, und indem du ihn (oder sie) spielst erkennst du, was du immer schon bist.

Das Play of Gods kann eine Form der spirituellen Begegnung werden: Jedoch in Bewegung, nicht im Stillsitzen und Schweigen. Beispiele für „still-sitzende Gottwerdung“ wären Achtsamkeitsübungen, Zen, Mantrameditation, Herzensgebet. Hier kann „Gottwerdung“ stattfinden mit einem persönlichen und/oder abstrakten Gott oder einer Gott-ähnlichen umfassenden Energie. „Play of Gods“ ist vielmehr „Götter in Aktion“, so wie in der indischen Bilderwelt der tanzende Shiva, der gleichzeitig in sich ruht und in seiner tanzenden Bewegung die Welt neugestaltet und erlöst.

In allen Fällen, den eingangs beschriebenen religiösen, den hier zuletzt benannten mystisch-spirituellen und im psychodramatischen „Play of Gods“ geht es stets auch um die Begegnung zwischen Mensch und Gott, zwischen dem menschlichen Ich und dem umfassenden Selbst. Und dabei kann es einerseits zu Verehrung, kann es zusätzlich zu Gottesgeschenken, genannt Gnade, kommen und kann es sogar schließlich zur Eins-Werdung kommen.
  • Verehrung wäre das Stärken eines religiösen Gefühls. Dies wird beim „Play of Gods“ am wenigsten intendiert.

  • Gottesgeschenke und „Gnade“ wären die Übertragung der Eigenschaften des Gottes auf den Menschen und damit eine kreative Verfügbarkeit für den menschlich-weltlichen Alltag.

  • Eins-Werdung, wenn sie denn stattfindet, entzieht sich der expliziten, verbal-textlichen vollständigen Darstellung.

Eine kreative Hinwendung zur Welt, zu den anstehenden Aufgaben und Begegnung in Gemeinschaft, ist das letztliche Ziel von Play of Gods. Diese Übertragung wäre das Hauptziel von „Play of Gods“: Die menschliche Selbstentfaltung, die Ressourcenstärkung und bisweilen auch die Reintegration der durch frühere Übertragung auf eine (externe) Gottheit nicht mehr verfügbaren eigenen Stärken und Kräfte. Und so geht die Methode über die religiös nacherzählenden/nachspielenden Methoden („Verehrung“) deutlich hinaus. Ob Eins-Werdung möglich ist in einem solchen Spiel? Es ist nicht intendiert, aber auch nicht ausgeschlossen.

6.3 Gott = Selbst?

Moreno hat Eins-Werdung erlebt, schriftlich beschrieben und sie auch für alle erhofft. Für ihn bedeutete die Einswerdung im Ergebnis keineswegs ein zurückgezogenes Leben in glückseliger Abgeschiedenheit und Genießen einer persönlichen Erleuchtung, sondern eine intensiv kreative Hinwendung zur Welt und Gestaltung gegebener und neuer Aufgaben im Gemeinwohl.

In heutiger nachreligiöser Sprache reden wir nicht mehr oder kaum noch von „Gott“. Es geht nicht um das Gott-Werden, sondern um die Selbstintegration und die Verwirklichung des Selbst. Wenn man dabei aber nicht die plumpe sofortige Bedürfniserfüllung aus dem Persönlichen heraus versteht, sondern eine philosophische Lebensaufgabe, unterscheidet sich der Selbst-Sucher nicht vom Gott-Sucher.

Diese Selbstsuche/Gottsuche kann in einer radikalen Hinwendung des persönlichen (vorstellungsbehafteten) „Ich“ auf das selbstbeobachtende/größere „Ich“ geschehen. Letzteres, wenn es sich selbst erkennt, wird auch „Selbst“ genannt und es existiert auch überpersönlich, wobei die Person samt Körper und Lebensaufgaben erhalten bleiben. Durch die kontinuierliche kompromisslose Aufmerksamkeit und Hinwendung wird alle Beimischung des Persönlichen langsam verblassen und neben dem betrachtenden Ich mehr und mehr nur das „Selbst“ übrigbleiben und kein Zweites da sein.

Der Vorteil dieser Betrachtungsweise und dieses Weges der Eins-Werdung im Selbst liegt in der Unabhängigkeit von religiöser Sprachgebung und Institutionen. Und dies ist auch literarisch nicht so stark an Stile gebunden wie die Zeugnisse Morenos aus der Zeit des Expressionismus.

C.G. Jung beschreibt 1944 in der Einleitung zum von ihm selbst herausgegebenen Buch „Der Weg zum Selbst“ (Zimmer 2013, S. 22): „Es ist dem Inder klar, dass das Selbst als seelischer Quellgrund von Gott nicht verschieden und, insofern der Mensch in seinem Selbste ist, er nicht nur in Gott enthalten, sondern Gott selbst ist. Shri Ramana z. B. ist in dieser Hinsicht eindeutig“.

Das Play of God ist offen für diesen theologisch-mystischen Weg. Es geht aber nicht darum, neben der Person nun auch noch „Gottheit“ zu sein oder zu werden. Erst recht ist es dem Menschen nicht möglich, sein „Selbst“ aufzustellen. Es geht nur um eins: Vollständig selbst zu sein. Der Autor hegt die Annahme, dass dies mit dem Anliegen Morenos übereinstimmt, wenn er von der Gottwerdung sprach, die er und alle zu vollziehen haben. Selbstwerdung heißt in heutiger Sprache was vor ziemlich genau hundert Jahren Gottwerdung und Ko-Kreation hieß.

Nicht ausschließen kann der Autor, dass Moreno in einem von ihm vielleicht noch zu entdeckenden verschollenen Werk bereits eine fünfte Bühnenebene unter dem Dach für das „Selbst“ angedacht hatte. Moreno hätte den bisweilen etwas trockenen und humorlosen Selbstsuchern aus Ost und West mit einer Prise Selbstironie und Spiel einen kreativ-aktiven Weg zum Einswerden aufgezeigt.

6.4 Moreno: Selbst und Spontaneität.

Wenn auch Moreno kaum Ramana Maharshi gekannt haben wird (Buer 2010, S. 37: „Moreno zeigt an keiner Stelle seines Werkes, dass er direkt von den alten Heilvorstellungen Indiens oder Chinas beeinflusst wurde.“), so werden Moreno Diskurse zum „Selbst“ von C. G. Jung in dieser oben zitierten oder in ähnlichen Quellen nicht entgangen sein. Kurz nach Jungs Veröffentlichung „Der Weg zum Selbst“ beschreibt Moreno (1947, S. 9 und 1985. II, III): „The self has often been defined …. My thesis is, the locus of Self is spontaneity … When spontaneity expands the self expands. If the spontaneity potential is unlimited, the self potential is unlimited. The self is like a river, its springs from spontaneity …. If the self of Man can indefinitely expand in creativity and in power, and the whole history of Man seems to indicate this – then must be some relation between the idea of the human self and the idea of the universal self or God.“ Und damit holt Moreno mit dem Gottes Begriff, dem Gottes Bild und dem Gottes Spiel nicht nur eine weitere Spielform auf seine Bühne, sondern er begründet hier mit den Begriffen „Gott“ und „Selbst“ die Grundabsicht seines (Psychodrama-)Spiels selbst: Im Gott-Sein und im Gott-Spielen entsteht die gesuchte Spontaneität und Kreativität, die den Mensch zum/zur MitschöpferIn (Ko-KreatorIn) macht. Der Mensch wird im kreativen Spiel auch zu Gott und findet so sich „Selbst“.6

7 Fazit

Die Methode „Play of Gods“ ist relativ neu. In dieser spezifischen Form der Gruppenaufstellung werden die sonst weniger explorierten Anteile sichtbar gemacht und erforscht und so verlebendigt, enttabuisiert und für neue Kreativität genutzt. Die Methode ist spirituell, ressourcen- und gruppenorientiert. Sie ist Kultur-, Religions- und Settingabhängig. Sie gibt Menschen eine unbekannte aber altvertraute Kraft. Und sie wird stetig verbessert, erweitert und angepasst.

Der Nutzen der Methode ist: Reintegration delegierter Ressourcen, Enttabuisierung starrer Religiosität und Rückeroberung des Spirituellen in einem interkulturellen-interreligiösen Dialog. Play of Gods ist ein Weg der Selbstintegration und der kreativen Ich-Werdung durch Überschreitung der personenbehafteten Grenzen hin auf eine gesellschaftliche und überpersönliche Aufgabe. „Play of Gods“ ersetzt dabei die Realitätsebene nicht, sondern bereitet auf diese vor. Die selbst erspielten Ergebnisse verblüffen, und sind durch diesen Überraschungseffekt energiegeladen, anwendbar und umsetzbar.

Fußnoten

  1. 1.

    Es muss offenbleiben, woher Moreno seine Inspiration zog, den Vater Gott in dieser Dreiheit zu erfahren. Wohl nicht aus dem christlich-jüdischen alleine. Dem indischen Leser erschließt sich sofort ein Zugang. Er sieht die Yoga Wege: Karma Yoga – Weg des Handelns; Bhakti Yoga – Weg der Liebe und Jnana Yoga – Weg des Wissens. Auch die drei Hauptgottheiten Indiens repräsentieren diese Aspekte: Brahma – der Erschaffer; Vishnu mit seinen Inkarnationen Krishna und Rama – der liebende Welterhalter und Shiva – der Wissende und Welterlöser. Für Moreno wurde die Ko-Kreation und das Miterschaffen des Kosmos und der Gesellschaft zur Richtschnur und zum Auftrag.

  2. 2.

    http://www.bibliodrama.com/history-of-bibliodramabibliolog/.

  3. 3.

    Kap. 8. Das Buch hat keine Seitenzahlen.

  4. 4.

    Das gesamte Projekt findet sich auf www.palliaction.com.

  5. 5.

    Ähnliche Erfahrungen waren möglich auf verschiedenen Kongressen: IAPCON Hyderabad 2015, IAPCON Pune 2016; Indian Social Science Congress Mysore 2016, Weltkonferenz der Transaktionsanalyse IATA, Berlin 2017. Berichte und Texte beim Autor und zum Teil auch auf www.vedadrama.com. Mittlerweile ist die Methode Bestandteil des International Psychodrama Certificate Course am Medical College der muslimischen Yenepoya University, Mangalore. Sie wurde dort im Dezember 2018 erstmalig im muslimischen Kontext angewandt. Internationale Experten nahmen auf der ASGPP Konferenz Anfang Mai in Manchester NH, USA an einem Play of Gods teil und reflektieren die neue Methode sehr positiv.

  6. 6.

    siehe ausführlicher Becker-Ebel (2019). Neue Recherchen in der J.L. Moreno Sammlung an der Harvard Universität in Boston ergaben einen Fundus von mehreren hundert Seiten Briefwechsel von J. L. Moreno mit indischen Psychiatern. Die Veröffentlichung folgt.

Literatur

  1. Becker-Ebel, J. (2019). Psychodramatisches Bearbeiten innerer Anteile erweitert um Wege des Advaita. Beiträge zur Entstehung, Bearbeitung und potentiellen Auflösung der Subjekt-Objekt-Spaltung. Z Psychodrama Soziom 2019 18: 75.  https://doi.org/10.1007/s11620-019-00475-7.CrossRefGoogle Scholar
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  3. Buer, F. (1999). Morenos therapeutische Philosophie. Opladen: Leske + Budrich.Google Scholar
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  5. Hutter, C., & Schwehm, H. (Hrsg.). (2009). J. L. Morenos Werk in Schlüsselbegriffen. Wiesbaden: VS.Google Scholar
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  12. Zimmer, H. (Autor) & Jung, C. (Hrsg) (1944). Der Weg zum Selbst.: Norderstedt: Books on Demand. 2013. Identisch mit der ersten Auflage aus 1944, Jena: Diedrich.Google Scholar

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Authors and Affiliations

  1. 1.Executive Education Humanistic PsychodramaMediAcion und PIBHamburgDeutschland
  2. 2.Vedadrama India Pvt. Ltd.ChennaiIndien
  3. 3.Medical College, Psychodrama/Palliative CareYenepoya UniversityMangaloreIndien

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