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Austromarxismus und Kritische Theorie

  • Michael R. KrätkeEmail author
Living reference work entry
Part of the Springer Reference Sozialwissenschaften book series (SRS)

Zusammenfassung

Der Beitrag fokussiert deutliche Verbindungslinien und Parallelen zwischen dem Austromarxismus, wie er u. a. von Max Adler, Otto Bauer, Karl Renner oder Rudolf Hilferding maßgeblich vertreten wurde, und der Kritischen Theorie des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Hierzu wird in einem ersten Schritt die Forschungsprogrammatik des Austromarxismus genauer beschrieben und im weiteren Verlauf des Beitrags ausführlicher entfaltet, wie er die Programmatik, die Entwicklung und die konkrete wissenschaftliche Arbeit des Frankfurter Instituts für Sozialforschung direkt und indirekt beeinflusst hat. Dabei wird einerseits aufgezeigt, dass die auch für die spätere Programmatik bei Max Horkheimer die wichtigsten Fundamente eines interdisziplinären Materialismus bereits in der später als marginal bzw. marxistische Orthodoxie verunglimpften fünfjährigen Institutsführung durch Carl Grünberg angelegt wurden. Die mehrfache Frontstellung gegen den marxistischen Positivismus, gegen die Theorielosigkeit der offiziell „marxistischen“ Sozialdemokratie und den öden Dogmatismus der Kommunistischen Parteien führten Horkheimer dazu, die Grundlinie der Grünbergschen Forschungsprogrammatik fortzusetzen. Argumentiert wird in diesem Zusammenhang also, dass die viel zitierte und gerühmte Forschungsprogrammatik eines interdisziplinären Materialismus, den Horkheimer in seiner Antrittsrede als Institutsdirektor 1931 skizziert keinen starken Bruch – wie vielfach angenommen –, sondern eine sinnvolle Erweiterung der bisherigen Praxis darstellt. Schließlich wird aufgezeigt, dass auch unter Horkheimers Regime das Institut für Sozialforschung keineswegs Fragestellungen der Ökonomie vernachlässigt hat, sondern theoretische und empirische Arbeiten der Ökonomie einen kontinuierlichen Stellenwert innehatten. Im letzten Teil des Beitrags werden mögliche Verbindungslinien und Anknüpfungspunkte zwischen der Tradition des Austromarxismus als der bis dato elaboriertesten Variante eines offenen Marxismus und der Kritischen Theorie vorgestellt, die eine seriöse theoriehistorische Betrachtung zur Kenntnis nehmen sollte.

Schlüsselwörter

Marxismus Austromarxismus Positivismus Gründungsphase des IfS Carl Grünberg Otto Bauer Henryk Grossmann Felix Weil Friedrich Pollock Max Adler Politische Ökonomie Kapitalismuskritik 

1 Einleitung

Den Austromarxismus gab es schon lange vor der Kritischen Theorie. Diese besondere österreichische Schule des Marxismus entstand in der Wiener sozialistischen Studentenbewegung kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert. Bis heute ist der Austromarxismus heftig umstritten, seine Leistung und Bedeutung werden ähnlich ambivalent gesehen wie die der Frankfurter Schule.1 Einige der führenden Köpfe der austromarxistischen Schule haben die Arbeit des Frankfurter Instituts für Sozialforschung in seiner Frühzeit, namentlich in der Ägide seines ersten Direktors Carl Grünberg, und darüber hinaus stark beeinflusst. Dieser Zusammenhang wird in der neueren Hausgeschichtsschreibung des Frankfurter Instituts gern unterschlagen, wie generell die Bedeutung der Arbeit des Instituts unter Carl Grünbergs Leitung heruntergespielt wird. Nach herrschender Meinung beginnt die wahre Geschichte des Instituts erst mit dem Direktorat Max Horkheimers.

Zwischen der austromarxistischen Schule und dem Institut für Sozialforschung (bzw. der späteren Kritischen Theorie) gibt es jedoch deutliche Verbindungen und Parallelen – und mehr als das. Die Austromarxisten hatten als erste, schon 1918/19 versucht, in Wien ein Institut für sozialwissenschaftliche Forschung in der Tradition des wissenschaftlichen Marxismus zu gründen; Karl Kautsky war dafür als Direktor vorgesehen.2 Wäre ihnen das gelungen, wäre die erste institutionelle Heimstätte für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Marx-Engelsschen Erbe in Wien und nicht in Frankfurt zu finden gewesen. Dass der Plan damals am Unwillen der deutschen und österreichischen Sozialdemokratie scheiterte, die sich weigerten, viel Geld in ein sozialwissenschaftliches Forschungsinstitut zu stecken, war besonders misslich. Denn die Austromarxisten wussten, anders als die Mehrzahl der später in Frankfurt Tätigen, um die Begrenztheit dessen, was damals als „Marxismus“ bekannt war. Sie wussten recht genau, wie viel an Unbekanntem und Unentdecktem noch im Marx-Engelsschen Nachlass lag, und sie hofften, diesen Nachlass in ihrem Institut zu erschließen und zu veröffentlichen, eine Arbeit, die das Marx-Engels-Institut in Moskau unter Leitung David Rjazanovs ab 1920 aufnahm.

2 Die austromarxistische Schule

Die Austromarxisten befassten sich keineswegs nur mit Marxismus und dem, was andere Marxisten schrieben. Wie die Vertreter der späteren Kritischen Theorie nahmen sie von Anfang an die Auseinandersetzung mit anderen, zeitgenössischen Strömungen in den Sozialwissenschaften sehr ernst; sie reagierten ohne Scheu auf die akademische Marx-Kritik, sie interessierten sich für die neuesten Entwicklungen in der akademischen Soziologie, in der Sozialpsychologie, sie befassten sich mit Psychoanalyse, mit Sozialpädagogik, mit Ästhetik und Kunsttheorie.3 Wie die Protagonisten der Kritischen Theorie wollten die Austromarxisten den Marxismus als kritische Sozialwissenschaft, nicht als Glaubens- und Heilslehre betreiben. Sie schätzten daher die empirische Sozialforschung, sie initiierten etliche bis heute zu Recht berühmte Pionierstudien (wie die Studie über die „Arbeitslosen in Marienthal“, deren Hauptautoren, Marie Jahoda und Paul Lazarsfeld aus dem austromarxistischen Umfeld stammten), sie beteiligten sich daran und förderten sie. Im intellektuellen Umfeld des Austromarxismus blühten empirische Wahlforschung, Konsumforschung, Armutsforschung, Schulforschung usw.4

Als 1923 das Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main gegründet wurde (vgl. zur Gründungsgeschichte Dubiel 1978; Jay 1981, Kap. 1; Wiggershaus 1988, Kap. 1; Walter-Busch 2010, Kap. 1) war der Austromarxismus als marxistische Schule, als politische Bewegung zwischen „Bolschewismus und Reformismus“ und als politische Theorie des „marxistischen Zentrums“ in der europäischen Arbeiterbewegung bereits wohletabliert. Allerdings waren die Mitglieder des inneren Kreises der Austromarxisten mit Beginn des ersten Weltkriegs in verschiedene Richtungen gegangen. Die politischen Differenzen zwischen Adler, Bauer, Hilferding und Renner waren keineswegs unüberbrückbar, aber sie führten dazu, dass einige der ursprünglich geplanten gemeinsamen Projekte nicht mehr oder nur noch einzeln weiterverfolgt wurden. Es gab nie eine strikte Arbeitsteilung innerhalb der Gruppe, es gab auch in der Zeit der ersten Republik noch öffentliche, in freundschaftlichem Ton ausgetragene Diskussionen, an denen andere, auch erklärte Nicht-Marxisten wie z. B. der damals schon berühmte Staatsrechtler Hans Kelsen, ganz selbstverständlich teilnahmen. Als wissenschaftliche Schule, die sich durch die „Besonderheit ihrer wissenschaftlichen Arbeit“ vor anderen auszeichnete (Bauer [1927]/1980, S. 11), blieb der Austromarxismus bis zum zweiten Weltkrieg bestehen. Einige der wichtigsten Protagonisten starben – Max Adler 1937 in Wien, Otto Bauer 1938 im Pariser Exil, Rudolf Hilferding 1941 in Gestapohaft, ebenfalls in Paris.5 Karl Renner, der den Faschismus und den zweiten Weltkrieg überlebte und danach zum zweiten Mal Regierungschef und danach Präsident der zweiten österreichischen Republik wurde, betonte auch in seinen letzten Schriften noch seine Zugehörigkeit zur austromarxistischen Schule und sagte ihr eine glänzende Zukunft voraus (vgl. Renner 1954, S. 45 f.).6 Friedrich Adler, der Sohn Viktor Adlers, der eine glänzende Karriere als Physiker und Wissenschaftstheoretiker ausgeschlagen hatte, um der Internationale als deren Sekretär zu dienen, überlebte; in seinen letzten Jahren arbeitete er an einer Biografie seines Vaters Viktor Adler.7 Die zahlreichen Schüler der Austromarxisten in Österreich, Marie Jahoda, Paul Lazarsfeld, Albert Lauterbach, Otto Leichter, Karl Polanyi, Hans Zeisel, Julius Braunthal, Edgar Zilsel, Benedikt Kautsky und viele andere haben als Emigranten die Sozialwissenschaften in vielen Ländern, vor allem in den USA nachhaltig geprägt.8

Diese Schule hat die Programmatik, die Entwicklung und die konkrete wissenschaftliche Arbeit des Frankfurter Instituts für Sozialforschung direkt und indirekt beeinflusst. Sie entstand zuerst als kleiner Freundeskreis von sozialistischen Studenten der Wiener Universität ab 1896. Diese „Wiener Jungmarxisten“ – Max Adler, Otto Bauer, Gustav Eckstein, Rudolf Hilferding, Karl Renner und einige andere – fanden sich 1903 im Verein Zukunft zusammen, der sich der Bildungsarbeit unter der Wiener Arbeiterschaft verschrieb. Sie waren eine Arbeitsgemeinschaft junger linker Intellektueller, die in demselben Wiener Kaffeehaus, dem Café Central, verkehrten, zusammen studierten und diskutierten und sich gemeinsam in der sozialistischen Bildungsarbeit engagierten. Schon im Jahr darauf, 1904, gründeten sie die erste Wiener Arbeiterschule (vgl. Zoitl 1997). Schon sehr früh, als Studenten noch bzw. als frischgebackene Doktoren, begannen sie, in der von Karl Kautsky herausgegebenen Theoriezeitschrift Die Neue Zeit, dem damals wichtigsten Publikationsorgan des Marxismus weltweit, Aufsätze und Rezensionen zu veröffentlichen. Bald schufen sie sich eigene Publikationsorgane, zuerst die Marx-Studien, angekündigt als Blätter zur Theorie und Politik des wissenschaftlichen Sozialismus. Die Marx-Studien, herausgegeben von Max Adler und Rudolf Hilferding, erschienen in loser Folge, als Jahrbuch, von 1904 bis 1923. Einige der großen Werke, die das wissenschaftliche Profil der austromarxistischen Schule prägten, wurden zuerst in den Marx-Studien veröffentlicht.9 Ab 1907 erschien die neue Theoriezeitschrift der österreichischen Sozialdemokratie, Der Kampf, die bald schon der Neuen Zeit Konkurrenz machen konnte.

Die Austromarxisten waren die mit Abstand produktivste Gruppe unter den deutschsprachigen Marxisten. Ohne Eduard Bernstein zu nennen oder direkt anzugreifen, reagierten sie auf den Revisionismusstreit und die erste manifeste „Krise des Marxismus“. Sie engagierten sich im Kampf der zwei Strömungen, in die die internationale sozialistische Bewegung im ersten Weltkrieg und seit der russischen Revolution von 1917 zerfiel; sie bildeten die Speerspitze des „sozialdemokratischen“ Marxismus in Europa.

3 Marxrezeption und Marxkritik im Austromarxismus: Plädoyer für eine empirische Sozialwissenschaft

Die Austromarxisten richteten sich programmatisch gegen jede marxistische Orthodoxie, auch die der Methode. Max Adler und Rudolf Hilferding als Herausgeber plädierten im Vorwort zum ersten Band der Marx-Studien 1904 für die Fortsetzung und Fortentwicklung des unvollendet gebliebenen, fragmentarischen Marxschen Werks in bewusster Verknüpfung mit dem modernen Geistesleben, ihr offener Marxismus, mehr ein Forschungsprogramm als eine Doktrin, sollte die Auseinandersetzung mit der philosophischen und sozialwissenschaftlichen Arbeit ihrer Zeit nicht scheuen, sie vielmehr suchen.10 Die Analogien zur späteren Programmatik der Kritischen Theorie, wie sie Max Horkheimer und Herbert Marcuse 1937 in der Zeitschrift für Sozialforschung formuliert haben, sind unübersehbar. Statt sich im Streit um Worte und die rechtgläubige Lesart von Zitaten aufzureiben, statt Marx-Lektüre im Stil einer dogmatischen Bibel-Exegese zu betreiben, streben die Austromarxisten die Fortentwicklung der Marxschen Einsichten an. Sie wollen an die großen wissenschaftlichen Leistungen von Marx und Engels anknüpfen, deren wissenschaftliche Arbeit fortführen, ihre Vorbilder auch überbieten, indem sie ihre Anstrengungen gerade auf Gegenstände richten, über die Marx und Engels wenig gesagt haben. Die „eigentliche Aufgabe“, die sich die Austromarxisten stellen, ist erstens die Fortbildung der Marxschen Lehre im Einzelnen, und zweitens die Durchführung und Erweiterung des Marx-Engelsschen Forschungsprogramms. Die fruchtbare Marxsche Methode soll auf immer neuen, immer weiteren Arbeitsgebieten angewandt und erprobt werden.11 Die Austromarxisten suchen die Auseinandersetzung mit dem Neokantianismus, mit führenden akademischen Kritikern der Marxschen Theorie wie Stammler, Dilthey, Rickert, Windelband und immer wieder mit Max Weber. Sie streiten sich öffentlich mit den Hauptvertretern der österreichischen Schule der Nationalökonomie, d. h. mit ihren akademischen Lehrern wie Eugen von Böhm-Bawerk und Carl Menger und mit ihren gleichaltrigen Mit-Studenten wie Ludwig von Mises und Joseph Schumpeter. Nach dem posthumen Erscheinen des dritten Bandes des Marxschen Kapital 1894 zur großen Mode. Die Austromarxisten sind die ersten, die auf die vernichtende Marx-Kritik ihres akademischen Lehrers Eugen von Böhm-Bawerk, einem der Gründerväter der österreichischen Grenznutzenschule, antworten: Otto Bauer tut das in berühmten Rededuellen in Böhm-Bawerks Seminar, das er gemeinsam mit Emil Lederer, Ludwig von Mises, Joseph Schumpeter und vielen anderen besucht. Rudolf Hilferding antwortet Böhm-Bawerk in einem langen Aufsatz im ersten Band der Marx-Studien (vgl. Böhm-Bawerk [1896]/1973; Hilferding [1904]/1973).

Marx gegen die rasch wachsende Phalanx seiner Kritiker und erklärten Gegner zu verteidigen heißt aber für die Austromarxisten nicht, sein Werk zu glorifizieren. Im Gegenteil, kritische Reflexionen über die Marxsche Methode, das Marx-Engelssche Forschungsprogramm, die Schwächen und Lücken ihrer Theorie, soweit sie veröffentlicht war, gehörten von Anfang an zu ihrer wissenschaftlichen Arbeit. Die Austromarxisten waren die ersten Marxisten, die über die Eigenart der Marxschen Kritik der Politischen Ökonomie, über den schwierigen Aufbau des Marxschen Hauptwerks Das Kapital, über den Gang der Marxschen Argumentation, über die Entwicklung dieser Theorie nachgedacht haben. Sie bemühen sich um eine Neuinterpretation der methodologischen Rechtfertigung, die Marx für seine Kritik der Politischen Ökonomie gegeben hatte, sie bestimmen das Verhältnis von Marx zu Hegel neu – gegen die zeitgenössische Marx-Kritik gewandt. Marx habe zwar das Hegelsche Verfahren der begrifflichen Entwicklung nachgeahmt, aber er habe diese Methode – die Marx als seine „Entwicklungsmethode“ oder seine „genetische Methode“ bezeichnet hatte – ihres „ontologischen Charakters“ entkleidet; Otto Bauer führt das im Einzelnen an Marx’ Zentralbegriff der „gesellschaftlichen Arbeit“ vor. Marx und Engels hätten zwar versucht, die Geschichte in eine exakte „Gesetzeswissenschaft“ zu verwandeln, aber sie seien deshalb nicht als Hegelianer zu verstehen (vgl. Bauer [1908]/1979, S. 934 ff.).

Trotz ihrer oft bekundeten Bewunderung der wissenschaftlichen Arbeit von Marx und Engels geben die Austromarxismus freimütig zu, dass es ungelöste Probleme in der Marxschen Theorie gibt, und zwar nicht wenige.12 Ihnen kommt es im Gegensatz zu den gläubigen Marx-Jüngern nicht in erster Linie darauf an, die vorhandenen Texte oder Manuskripte (von denen zu ihrer Zeit, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, der größte Teil noch unveröffentlicht sind, wie sie sehr wohl wissen) neu zu lesen und zu interpretieren. Sie wollen vielmehr die Marxschen Probleme mit Marxschen Mitteln, im Marxschen Geist weiter bearbeiten und, wo möglich, auch lösen. Zu dieser kritischen Weiterarbeit mit und an Marx und Engels gehört auch das Projekt einer historisch-kritischen Gesamtausgabe ihrer Werke. Es sind die Austromarxisten, die den ersten Editionsplan auf den Weg bringen.13

Marx’ Lehre soll uns „kein Schema sein, das uns beherrscht, sondern eine Methode, die wir beherrschen“, so hat Otto Bauer das Credo der austromarxistischen Schule formuliert (Bauer [1908]/1979, S. 938). Marx-Kritik war daher willkommen, kein Tabu in dieser Schule. Die Austromarxisten benannten eine ganze Reihe von Schwächen, Lücken und ungelösten Problemen der Marxschen Theorie. Zum Beispiel die Schwäche der Grundrententheorie bei Marx, die unvollständige Analyse des Wert-Preis Verhältnisses, die sie als die „schwächste Stelle des Marxschen Systems“ bezeichneten, die Geldtheorie, ebenfalls unvollendet, die sie als den „komplizierteste(n) Teil der ganzen politischen Ökonomie“ sahen, und – last not least – die Krisentheorie, dem fehlenden Schlussstein des gesamten Marxschen Theoriegebäudes, an dem sich Otto Bauer von seinem ersten, in der Neuen Zeit veröffentlichten Aufsatz 1905 bis zu seinem letzten, unveröffentlichten Werk von 1934/35 abgearbeitet hat (vgl. Bauer [1905]/1979; Krätke 2008).14

Man braucht sich nur einige der größeren Arbeiten der Austromarxisten anzusehen, um gewahr zu werden, wie sie sich systematisch an den Schwachstellen und Lücken der Marxschen Theorie zu schaffen machten. Rudolf Hilferding gab in seiner Anti-Kritik zu Böhm-Bawerks Marx-Kritik die erste gründliche Darlegung einiger Grundbegriffe der Marxschen Werttheorie, gefolgt von einer vorbehaltlosen Erörterung ihrer Probleme (des Transformations- und des Reduktionsproblems), obendrein hatte er noch einen detaillierten Vorschlag zur Bearbeitung des zweiten Problems zu bieten.15 Im gleichen Band erschien Karl Renners bahnbrechende Studie über die „Soziale Funktion der Rechtsinstitute“, die die erste systematische Untersuchung der Formen und Funktionen des Privatrechts, also eines zentralen Teils der juristischen Verkehrsformen im Kapitalismus bot. Obendrein noch eine Analyse der Privateigentumsformen. Renner sah darin sehr klar das Phänomen eines Funktionswandels ohne gleichzeitigen Formwandel, einer Wandlung des Privatrechts, die im Zuge der kapitalistischen Entwicklung eintritt und auf die Dauer zu einem Normenwandel führt. Renner untersuchte die Logik einer historischen Entwicklung, der allmählichen Transformation der in vorkapitalistischen Zeiten entstandenen Privatrechtsinstitute zu dem voll entfalteten Kapitalismus angepassten und angemessenen Privatrechtsformen führte. Seine historisch-soziologische Rechtslehre bot eine starke Alternative zu Hans Kelsens „reiner Rechtslehre“, die zur gleichen Zeit entstand.

Im gleichen Band der Marx-Studien erschien auch Max Adlers erste größere Studie zur Wissenschafts- und Erkenntnistheorie: Kausalität und Teleologie im Streite um die Wissenschaft. Es war sein erster Versuch, das, was er in Marx’ und Engels’ Schriften an Wissenschafts- und Erkenntniskritik vorfand, im Zusammenhang darstellen, und zwar in der Absicht, dem spezifischen Marxschen Begriff der Sozialwissenschaft gegen die Metaphysik, gegen die zeitgenössische Lehre von den sogenannten Geisteswissenschaften, aber auch gegen gedankenlose Analogien mit den Naturwissenschaften in Anschlag zu bringen. Max Adler richtet sich in dieser Schrift gegen teleologische Varianten einer heimlichen Geschichtsphilosophie, der viele Marxisten anhängen. Unter dem Einfluss Ernst Machs und Carl Grünbergs, beide empirisch arbeitende und methodisch reflektierte Wissenschaftler, keine Berufsphilosophen, bestimmt er den Marxismus mit allem Nachdruck als empirische Sozialwissenschaft. Diese Position wird von allen Austromarxisten geteilt.16

Im zweiten Band der Marx-Studien erschien 1907 Otto Bauers große Studie über die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie. In dieser bahnbrechenden Pionierarbeit untersuchte Otto Bauer die komplizierten Phänomene der Nationen, ihrer Entstehung und Veränderung, der nationalen Bewegungen und des Nationalismus, der Nationalstaaten und der Reiche (Empires) – und zwar im historischen Kontext der Entstehung und Entwicklung des modernen Kapitalismus, und, noch bemerkenswerter, im Kontext der historischen Transformationen des Staates zum modernen Territorial- und Nationalstaat bzw. zum Empire und Vielvölker- oder Nationalitätenstaat. Die Entstehung und Ausbildung beider Formen des modernen Staats verband er mit der Entstehung eines Staatensystems (mithin der internationalen Politik im modernen Sinn), die wiederum mit der Ausbildung des „Staats nach innen“, mit der Tendenz zur systematischen, professionell und bürokratisch organisierten Kontrolle der bürgerlichen Gesellschaft zusammenhing. Bis heute nicht ein – geschweige denn überholt ist Bauers Versuch, die Zusammenhänge zwischen nationalen und sozialen Konflikten, von Nationalcharakter und Klassencharakter, von Nationalhass und Klassenkampf, von Assimilation und Fremdenhass zu analysieren.17 Das Buch wandte sich an die österreichische Sozialdemokratie, die wie der Habsburger Vielvölkerstaat vom Streit der Nationalitäten zerrissen wurde. Bauer (wie Karl Renner) hielten eine Nationalitätenpolitik für möglich, die den Zusammenbruch des Nationalitätenstaates und den Rückfall in die nationale Kleinstaaterei verhindern sollte.

Der dritte Band der Marx-Studien brachte drei Jahre später, 1910, die Erstveröffentlichung von Rudolf Hilferdings „Das Finanzkapital“ (vgl. Hilferding [1910]/1968). Im gleichen Band erschien Tatjana Grigorivicis Studie über die Marxsche Werttheorie, „Die Wertlehre bei Marx und Lassalle“. Im vierten Band, der 1918 und 1922 in zwei Teilbänden herauskam, erschien Max Adlers Aufsatz Die sozialistische Idee der Befreiung bei Karl Marx, und die ausführliche des 1916 verstorbenen Gustav Eckstein über die Marx-Engelssche Konzeption sozialistischer Politik, „Der Marxismus in der Praxis“. Karl Kautsky steuerte eine lange Kritik der Rennerschen Überlegungen zu den jüngsten Strukturveränderungen des Kapitalismus bei unter dem Titel „Kriegsmarxismus“. Im zweiten Halbband erschien 1922 Max Adlers Buch über Die Staatsauffassung des Marxismus, in dem dieser die spezifisch sozialwissenschaftliche (oder soziologische) Staatslehre und Staatskritik von Marx zu erläutern und zu begründen suchte.18 Im fünften und letzten Band erschien Otto Leichters Studie über Die Wirtschaftsrechnung in der sozialistischen Gesellschaft, eine wichtige, systematische Arbeit, ein Nachtrag zur Sozialisierungsdebatte in Österreich, in der die Möglichkeit oder Unmöglichkeit einer rationalen Wirtschaftsrechnung in einer sozialistischen Ökonomie die zentrale Rolle spielte.19 Die großen, herausragenden Monografien, in denen Neuland betreten wurde, erschienen in den Marx-Studien, die laufenden politisch-theoretischen Debatten wurden seit 1908 im Kampf geführt, gelegentlich auch in den Spalten der Arbeiter-Zeitung, wo sie die größtmögliche Zahl von Mitgliedern und Anhängern der österreichischen Sozialdemokratie erreichten.

Hilferdings Studie über die „jüngste Phase der kapitalistischen Entwicklung“ wurde sofort enthusiastisch begrüßt. Karl Kautsky pries sie in der Neuen Zeit als die bisher einzige genuine Fortsetzung des Marxschen Kapital, Otto Bauer rühmte das Buch im Kampf wegen der vielen theoretischen Fortschritte und neuen Einsichten, die es enthielt – obwohl er die Darstellungsweise kritisierte (vgl. Bauer [1910]/1980). Hilferding hatte mit seinem Buch die Analyse des Kapitalismus nach der Grossen Depression von 1873–1895 ein großes Stück voran gebracht. Während des ersten Weltkriegs prägte er den Begriff „organisierter Kapitalismus“, mit dem er die durch die staatliche Kontrolle, Lenkung und Planung modifizierte Struktur des Kriegskapitalismus zu fassen suchte (vgl. Hilferding 1915). Otto Bauer ging darüber hinaus, konzentrierte sich auf den Nachkriegskapitalismus und analysierte als erster systematisch die Veränderung der materiellen Grundlagen, die neuen Technologien, die neue Arbeitsorganisation und Betriebsweise, die dank der „wissenschaftlichen Betriebsführung“ zu einer Form permanenter Rationalisierung führte (vgl. Otto Bauer [1931]/1976). Darauf folgte die Analyse der Weltwirtschaftskrise und ihrer sozialen und politischen Folgen, in zwei Büchern, Zwischen zwei Weltkriegen, das 1936 in Prag erschien, und einem noch unveröffentlichten Manuskript von 1934/35 (vgl. Bauer [1936]/1976; Krätke 2008, 2019).

Die Austromarxisten verfolgten das Ziel, aus der Marx-Engelsschen Theorie eine systematische, empirische und historische Sozialwissenschaft zu machen, ganz im Sinn des Forschungsprogramms der Gründerväter. Sie waren nicht die einzigen, aber ihr Versuch war der bei weitem gründlichste, konsistenteste und innovativste. Otto Bauer sah in der „sozialen Formenlehre“, im Anschluss an Marx’ Lehre der ökonomischen Formen (z. B. der Wertform) und über sie hinausgehend, den Kern des Programms der neuen Sozialwissenschaft, die als „kausale Gesetzeswissenschaft von der gesellschaftlichen Entwicklung“ nur mittels systematischer Forschung voran gebracht werden könne (vgl. Bauer [1937]/1980, S. 755).20 Trotz der Arbeitsteilung, die zwischen ihnen bestand, kamen die Protagonisten der Schule immer wieder auf ein zentrales Thema zurück, das ihnen gemeinsam am Herzen lag: Die Frage, ob und wie entwickelter Kapitalismus und politische Demokratie kompatibel seien bzw. kompatibel gemacht werden konnten, beschäftigte sie unablässig. Die Analyse der „Kapitalsherrschaft in der Demokratie“, der Wandlungen der Demokratie unter dem Einfluss wechselnder Konstellationen der „Klassenkräfte“ führte zur ersten demokratietheoretischen Debatte in der Geschichte des Marxismus, angestoßen durch Otto Bauers Analyse der „Österreichischen Revolution“ von 1923 (vgl. Bauer [1923]/1976).21

4 Das Frankfurter Institut für Sozialforschung in der Ära Carl Grünberg

1922 fand im thüringischen Ilmenau die 1. Marxistische Arbeitswoche statt, maßgeblich initiiert und organisiert von Felix Weil und Karl Korsch (vgl. dazu: Migdal 1981, S. 31 ff.; Gangl 1987, S. 69 ff.). Diskutiert wurde über offene Probleme und mögliche weitere Entwicklung im Marxismus, nicht zuletzt auch über mögliche institutionalisierte Formen marxistischer Forschung, in klarer Abgrenzung gegen die bereits etablierten Formen des parteioffiziellen Marxismus in SPD und KPD.

Alle Beteiligten waren frustriert über den chaotischen Verlauf der Sozialisierungsdebatte, der größten öffentlich geführten Debatte über Probleme der Umgestaltung der bürgerlichen in eine sozialistische Gesellschaft, die es in Deutschland und Österreich je gegeben hatte. Sie war nach einer Weile, trotz der Vielzahl der Teilnehmer, trotz einer Flut von Beiträgen und zahlreichen neuen Ideen ergebnislos im Sande verlaufen (vgl. zu dieser Debatte Novy 1978). Als Antwort auf diesen enttäuschenden Verlauf wurde die Idee eines besonderen Instituts geboren, in dem die systematische Erforschung aller sozialwissenschaftlichen Probleme mit langem Atem betrieben werden konnte. Felix Weil, der über Probleme der Sozialisierung in Frankfurt promoviert hatte (vgl. Weil 1921), war die treibende Kraft hinter der Idee, in Frankfurt ein Institut für Sozialforschung zu gründen, das der marxistisch inspirierten Forschung, letzten Endes der Verwirklichung und Weiterentwicklung des Marx-Engelsschen Forschungsprogramms dienen sollte. Dabei sollte die empirische Erforschung sozialer Probleme, wie im Austromarxismus, eine zentrale Rolle spielen. Gedacht war an ein parteiunabhängiges Institut, angebunden an die noch junge Frankfurter Universität, dank privater Geldgeber weitgehend unabhängig von staatlicher Kontrolle. Dort sollte, einzigartig in Deutschland und der Welt, nicht nur der Sozialismus und Marxismus erforscht, sondern das von Marx und Engels skizzierte, nur in Teilen eingelöste Forschungsprogramm zum ersten Mal systematisch verfolgt werden.

Für den Posten des Direktors war Kurt Albert Gerlach vorgesehen, der aber starb, kurz nachdem er seine Vorstellungen von der künftigen Institutsarbeit in seinem für die Universität Frankfurt verfassten Gründungsmemorandum dargelegt hatte. In Gerlachs Memorandum wurde als Aufgabe des Instituts die Erforschung des sozialen Lebens in seinem vollen Umfang, der „Wechselwirkungen zwischen der wirtschaftlichen Grundlage, den politisch-juristischen Faktoren, bis zu den letzten Verästelungen des geistigen Lebens“ (Gerlach und Weil 1922, zit. nach Migdal 1981, S. 42). Diese Programmatik ähnelt der der Austromarxisten, die den Marxismus nicht als abgeschlossene Doktrin, sondern als Forschungsprogramm sahen, das zum großen Teil noch einzulösen war.

Nach dem überraschenden Tod Gerlachs bestellte Felix Weil Carl Grünberg zum ersten Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Grünberg war damals Professor für an der Universität Wien, weithin bekannt als Herausgeber des seit 1910 erscheinenden Archivs für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung (kurz Grünberg-Archiv).22 Diese Zeitschrift brachte Grünberg mit, sie wurde praktisch zur ersten Zeitschrift des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Mit Grünbergs Ernennung und Übersiedlung von Wien nach Frankfurt, mit der Eröffnung des Instituts kurz darauf, ermöglicht durch eine großzügige Stiftung der Familie Weil, wurde Felix Weils Traum wahr. Der Traum, dem „Marxismus eine von jeder außerwissenschaftlichen Einmischung freie akademische Heimstätte“ zu geben (Weil 1929 in seinem Memorandum an den Minister für Wissenschaft, Kultur und Volksbildung, zit. nach Migdal 1981, S. 38). Felix Weil war selbst auch an historischen und vergleichenden Studien zur Arbeiterbewegung interessiert, wie seine Studie über die Arbeiterbewegung in Argentinien zeigt (vgl. Weil 1923).

Grünberg war zwar nicht der „geistige Vater des Austromarxismus“, wohl aber der Lehrer vieler Austromarxisten.23 Er teilte die Auffassungen seiner Schüler, unter deren Einfluss er sich dem Forschungsprogramm des „historischen Materialismus“ angenähert hatte. Daher war mit Grünbergs Antreten als Direktor die spezifisch austromarxistische Konzeption des Marxismus als Sozialwissenschaft, und zwar als „kausale Gesetzeswissenschaft“ am Frankfurter Institut für Sozialforschung präsent, ja dominant.24

Traditionell wird in der von den Anhängern der späteren Kritischen Theorie dominierten Geschichtsschreibung des Instituts die erste Phase des Instituts unter Carl Grünbergs Leitung vernachlässigt bzw. mit Verachtung gestraft. Nur zu gern werden die Forschungsarbeiten des Instituts in der Anfangsphase ignoriert bzw. heruntergespielt. Für die Bewunderer der späteren „Frankfurter Schule“ zählt in erster Linie die Nachkriegsgeschichte des Instituts, die Anfangsjahre gelten als uninteressant, Grünbergs Arbeit wird gern und völlig unzutreffend mit dem Etikett „orthodox-marxistisch“ abgetan (z. B. Korte 2006, S. 137 f.). Bei den in der Regel unkritischen Verehrern der Kritischen Theorie spielt die Arroganz akademischer Philosophen und theoretisierender Soziologen gegenüber einem Mann wie Grünberg mit seiner Betonung gediegener wirtschafts- und sozialhistorischer Forschung eine Rolle. Grünberg, der „Meister der realgeschichtlichen Betrachtung des Gesellschaftslebens“, wie ihn Max Adler rühmte (Adler 1932, S. 1), sah die Aufgabe des Instituts darin, empirische und historische Sozialforschung im weitesten Sinne, ohne thematische oder methodische Verengungen zu betreiben und zu ermöglichen. Grünberg hatte eine klare Vorstellung von den Bedingungen kontinuierlicher sozialhistorischer Forschung. In seinen ersten Jahren als Institutsdirektor legte er den Nachdruck auf den Aufbau und die ständige Erweiterung der Institutsbibliothek. Er hatte seine eigene Bibliothek mitgebracht, weitere Bibliotheken angekauft und entfaltete eine rege Sammlungstätigkeit. Als Grünberg antrat, waren die Institutsbestände bescheiden. Als Grünberg wenige Jahre später durch einen Schlaganfall arbeitsunfähig wurde, war die Institutsbibliothek von anfangs 14.000 auf fast 40.000 Bände und 400 Zeitungen und Zeitschriften angewachsen. Grünberg kannte den Wert von Archiven, gern hätte er den Marx-Engelsschen Nachlass für das Institut erworben. Als sich die Gelegenheit bot, bemühte sich Grünberg um die Kooperation mit dem Moskauer Marx-Engels-Institut, das unter David Rjazanovs Leitung zum Zentrum der internationalen Marxforschung wurde (vgl. Hecker 2000).

Grünberg wandte sich gegen alle Versuche, „aus der materialistischen Geschichtsauffassung ein philosophisches System“ zu machen. Wie seine austromarxistischen Schüler hielt er nichts von den Bemühungen, den philosophischen Materialismus à la Lenin (oder eine Spielart davon) als die verbindliche Philosophie des Marxismus zu inthronisieren. Wie Max Adler und Otto Bauer sah er die materialistische Geschichtsauffassung als Forschungsprogramm, das unabhängig von einer bestimmten Philosophie Bestand hatte. War er deshalb ein positivistischer Marxist wie Karl Renner, der offen für einen „induktiven“ Marxismus eintrat? Es scheint so, denn auch Grünbergs Credo war ausgesprochen antimetaphysisch: Überwindung der Phrase durch „realistische Betrachtung“, und das hieß nichts anderes als empirische, historische Forschung. Grünberg folgte der Begründung seines ehemaligen Schülers Max Adler, der inzwischen zum außerordentlichen Professor für Soziologie und Sozialphilosophie an der Wiener Universität ernannt worden war. Die materialistische Geschichtsauffassung ist ein sozialwissenschaftliches und historisches Forschungsprogramm, sie braucht kein und ist kein philosophisches System, sie hat mit dem „Materialismus“ als Philosophie nichts zu tun. Die Bezeichnung „materialistisch“ ist historisch zu verstehen, aber schlecht gewählt, da sie nur Missverständnisse erzeugen kann. Der Marxismus, so hat es Otto Bauer pointiert formuliert – auch im Blick auf die im Zeichen des „Leninismus“ vollzogene Kanonisierung des Marxismus bzw. seine Verwandlung in eine Staatsreligion-, ist keine und braucht keine bestimmte Weltanschauung, keine bestimmte Philosophie zur Begründung, er ist mit vielen Philosophien bzw. Erkenntnistheorien kompatibel, mit dem Neukantianismus wie mit dem logischen Positivismus des Wiener Kreises. Otto Bauer bemühte die historische Analogie mit dem Entstehungsprozess der modernen Naturwissenschaften, dem schließlich siegreichen Emanzipationskampf der Naturforscher gegen die Herrschaftsansprüche von Theologie und Philosophie. Für den modernen Marxismus der austromarxistischen Schule beanspruchte er eine ähnliche Leistung: Die Austromarxisten hätten die neue Sozialwissenschaft von jeder Verknüpfung mit einem philosophischen System befreit. In ihrer Lesart sei die Marx-Engelssche Geschichtsauffassung und Ökonomie von den verschiedenen erkenntnistheoretischen Positionen unabhängig und mit verschiedenen Philosophien bzw. Weltanschauungen vereinbar (vgl. Bauer 1908, S. 932 f.; Bauer 1927b, S. 492 f.). Diese antimetaphysische und positivistische Haltung der Austromarxisten formulierte Carl Grünberg 1924 in seiner Frankfurter Antrittsrede als Direktor des Instituts für Sozialforschung, in direkter Anlehnung an Max Adler so: Der „philosophische und der historische Materialismus haben begrifflich nichts miteinander zu tun“ (Grünberg 1924, S. 10 f.). Gerade so sah das Max Adler, auf den Grünberg in dieser Rede auch explizit verwies. Die materialistische Geschichtsauffassung, so Grünberg, hat nicht Abstrakta, sondern die „gegebene konkrete Welt in ihrem Werden und Wandel“ zum Gegenstand. „Sie geht von Tatsachen aus und nicht von Postulaten. Sie ist nicht statischer, sondern dynamischer Natur“. Sie ist „eine Theorie organischer Entwicklung, ihre Forschungsmethode ist eminent induktiv; ihre Resultate beanspruchen keine Geltung in Raum und Zeit schlechthin, sondern nur relative, jeweils geschichtlich bedingte Bedeutung“ (Grünberg 1924, S. 10 f.). Im Zentrum stehe nicht die „sozialistische Zukunftsgesellschaft“, über deren Formen und Entwicklungstendenzen man schlechterdings wissenschaftlich nichts sagen könne, sondern das „wirtschaftliche Entwicklungsgesetz … speziell der kapitalistischen Epoche“ sei es, was es zu erforschen gelte (Grünberg 1924, S. 10 f.).

Carl Grünbergs Forschungsprogramm und Wissenschaftskonzept waren dem der Austromarxisten sehr nahe. In seiner Abschiedsrede im Mai 1924 pries Otto Bauer seinen alten Lehrer: Er habe sie, die Jungmarxisten erst den „ganzen Ernst wissenschaftlicher Arbeit“, er habe sie „den Respekt vor den Tatsachen gelehrt“. Aber „freilich vor Tatsachen, zwischen die er sie das geistige Band zu knüpfen lehrte durch die große Konzeption der Marxschen Geschichtsauffassung“ (Bauer [1924]/1979, S. 603). Kein Wunder, dass in der Ära Grünberg einige der Protagonisten des Austromarxisten zu den gern gesehenen und oft gehörten Gästen am Institut gehörten; Otto Bauer, Max Adler und Friedrich Adler vor allem wurden häufiger zu Vorträgen und Seminaren am Institut eingeladen, sie sprachen über aktuelle Themen und Streitfragen der marxistischen Theorie. Otto Bauer sprach über Rationalisierung und lange Wellen, aber auch über Demokratietheorie, Max Adler stellte seine Lesart der Marxschen Geschichtsauffassung und Methodologie vor. Die Austromarxisten waren also am Institut für Sozialforschung präsent, auch wenn sie nicht direkt in die Forschungsarbeit des Instituts eingebunden waren und auch nicht sein konnten.25 Für die Institutsarbeit in der Ära Grünberg war die Zusammenarbeit mit dem Moskauer Marx-Engels-Institut wichtig, die Kontakte waren leicht zu knüpfen, denn die Direktoren Grünberg und Rjazanov kannten und schätzten sich seit langem. Etliche jüngere Mitarbeiter des Frankfurter Instituts wechselten nach Moskau, angezogen von den Arbeitsbedingungen, die Rjazanov bieten konnte. Allerdings ging es hier in erster Linie um Marx-Philologie, denn das Moskauer Institut sah die erste vollständige Edition aller Werke von Marx und Engels als seine Hauptaufgabe (vgl. Hecker 2000).

Man wird im Blick auf diese unleugbaren Verbindungen zum Austromarxismus den Entstehungszusammenhang der Kritischen Theorie im Frankfurter Institut für Sozialforschung anders und weit differenzierter sehen müssen als bisher üblich. Nicht nur Autoren wie Karl Korsch und Georg Lukacz, die man heute im so genannten „westlichen Marxismus“ zu verorten beliebt, sondern eben auch die vermeintlich „traditionellen“, de facto aber höchst unorthodoxen Köpfe der austromarxistischen Schule haben eine Rolle gespielt, die bis heute weit unterschätzt wird. Die Austromarxisten gehörten zwar zum „Marxismus der II. Internationale“, sie blieben Karl Kautsky eng verbunden, dem sie allerdings weit kritischer gegenüberstanden als etwa der Kautskyaner Lenin. Sie verehrten Kautsky als Lehrer, teilten manche seiner Ansichten, kritisierten ihn aber auch ohne Scheu. Kautsky seinerseits stimmte seinen bewunderten Schülern oft zu und ehrte sie durch umfangreiche Kritiken ihrer Arbeiten. Seit der Oktoberrevolution stritten Kautsky, Bauer, Adler, Hilferding und Renner über den Charakter und die Zukunftsaussichten des bolschewistischen Experiments in Russland bzw. der Sowjetunion.26

Grünberg war durchaus an Ideengeschichte interessiert, hatte aber als Sozialhistoriker in der Tradition der jüngeren Historischen Schule eine ganz eigene Vorstellung davon: Keine Ideengeschichte ohne Realgeschichte. Die Breite der Forschungsgebiete, die Grünberg bearbeitete, und die Breite seiner Forschungsinteressen war erstaunlich. Er hatte zur Agrargeschichte und historischen Agrarsoziologie gearbeitet, zum Beispiel die Geschichte der Bauernbefreiung im 19. Jahrhundert studiert. In seiner Zeitschrift, als Grünberg-Archiv allen Sozialwissenschaftlern der Zeit ein Begriff, hatte er einen zentralen Arbeitsschwerpunkt gesetzt: die Geschichte der Arbeiterbewegung im modernen Kapitalismus, und zwar einschließlich der Geschichte der sozialistischen Ideen. Selbstverständlich gehörte das Studium der Entstehung und Entwicklung des „wissenschaftlichen Sozialismus“ in all seinen Varianten (mit der Marx-Engelsschen Konzeption im Zentrum) zu diesem Programm. Seine Durchführung verlangte nach einer Verbindung von „realistischer“ oder „realhistorischer“ Forschung und Ideengeschichte. In diesen Untersuchungen sollte „die gegebene konkrete Welt in ihrem Werden und Wandel“, das „wirkliche soziale Geschehen, das gesellschaftliche Leben in seiner unaufhörlichen, stets erneuten Umwälzung“ begriffen werden. Der Fokus sei auf die historische Genese jedes sozialen Phänomens in seinem jeweiligen historischen Kontext, d. h. im Zusammenhang mit den Veränderungen der Gesellschaft als Ganzer zu richten. Als Redakteur und Herausgeber seines Archivs wie als Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung stand Grünberg für einen offenen, pluralen Marxismus, der verschiedene, zersplitterte Forschungen und Forschungsansätze, selbstverständlich auch nicht-marxistische, zu einer Sozialgeschichte der sozialen Bewegungen und ihrer Theorien zusammenbringen sollte. Diese Bewegungen, vor allem, aber nicht allein die Arbeiterbewegung, wie ihre vielfältigen Ideen und Theorien sollten in ihrer Abhängigkeit von und in ihrer Wirkung auf die Veränderungen der bürgerlichen Gesellschaft untersucht werden.

In seiner Frankfurter Antrittsrede setzte Grünberg 1924 jedoch einen Kontrapunkt, den man nicht vergessen sollte. Er forderte eine klare Festlegung auf „Einheitlichkeit in der Problemstellung und Problembearbeitung“, und zwar „von vornherein“. In diesem Rahmen einer einheitlichen Problemstellung sollte als „Lösungsmethode die marxistische“ gelehrt und praktiziert werden. Gut austromarxistisch betonte Grünberg allerdings sofort wieder den großen Unterschied zwischen der „Vermittlung einer Arbeitsmethode“ und der „Aufzwingung von Resultaten“, wie sie dogmatischen Denkweisen eigen ist. Marxismus, wie er ihn verstand, war eben keine abgeschlossene Doktrin, sondern ein Forschungsprogramm und eine Forschungsmethode, die auf Kritik, Selbstkritik und Selbstkorrektur beruhte und für neue Einsichten, mithin auch für die Revision von tradierten Auffassungen offen bleiben sollte. Grünberg hat mehrfach versucht zu erläutern, was er unter marxistischer Forschungsmethode verstand, sehr zum Verdruss der marxistischen Philosophen, da er die viel gerühmte Dialektik eher selten bzw. gar nicht in den Mund nahm. Grünberg bestand darauf, dass es keine überhistorischen allgemeinen Gesetze, sondern nur historisch veränderliche Fakten und deren Zusammenhänge in einem jeweils spezifischen historischen Kontext geben könne. Wie die Austromarxisten legte Grünberg auf Schulenbildung keinen Wert. Jeder und jede konnte mit der marxistischen Methode zu anderen Ergebnissen kommen, diese Methode war selbst interpretierbar und veränderbar, wie Marx und Engels konnten auch die Marxisten in Sachen Methode dazu lernen.27 Grünberg liebte das Basis-Überbau Schema nicht, auch andere „marxistische“ Formeln waren ihm zuwider. Wie die Austromarxisten hielt er nichts davon, sich auf immer und ewig an den oft metaphorischen, nicht selten höchst missverständlichen, nur innerhalb eines spezifischen historischen Kontextes sinnvollen Ausdrucksweisen der Gründerväter fest zu klammern. Er, wie die Austromarxisten, verstand unter der materialistischen Geschichtsauffassung ein lebendiges Forschungsprogramm, das empirisch überprüfbar, also widerlegbar, korrigierbar, veränderbar war und bleiben sollte. Diese Art von sozialwissenschaftlichem Marxismus stand klar gegen jede Form von ahistorischem, rein deduktivem, idealistischem Systemdenken, in dem das Spielen mit Worten und Begriffen die Oberhand hatte – sehr im Geiste von Karl Marx, der bekanntlich „alle Systeme verwarf“ und sich heftig gegen die Unterstellung wehrte, er habe ein „sozialistisches System“ aufgestellt. Selbst Alfred Schmidt, der Grünberg und seine Ära eher für vernachlässigbar hielt, hat Grünberg das Verdienst zuerkannt, die spätere Kritische Theorie dank seiner speziellen Ausrichtung auf eine kritische, historische Sozialwissenschaft vor einer schlimmen Sackgasse bewahrt zu haben. Dank Grünberg, so Schmidt, bliebe die Kritische Theorie frei von „der leeren Tiefe sich philosophisch gebender Marx-Interpretationen […], wie sie seit den frühen dreißiger Jahren allenthalben aufkamen“ (Schmidt 1980, S. 8*).28

Grünberg wollte und propagierte Interdisziplinarität, er verstand sie als Überwindung der strikten Separierung der akademischen Disziplinen und fortschreitenden Zersplitterung der Einzelwissenschaften in Subdisziplinen. Ihm schwebte eine Reform der Sozialwissenschaften an Haupt und Gliedern, ein Neubeginn in großem Stil vor. Die systematische Erforschung des Marxismus, seiner Grundbegriffe, seiner Methoden, seiner Hauptlehren, seiner ungelösten Probleme sollte der neuen interdisziplinären Sozialwissenschaft den Weg bereiten. Es ging nicht nur darum, im Sinne des oft propagierten, aber selten praktizierten Pluralismus dem Marxismus als kritischer, empirischer Sozialwissenschaft eine institutionelle Heimstätte zu geben, wie sie die übrigen politisch-theoretischen Strömungen des bürgerlichen Zeitalters, vom Liberalismus bis zum Staatssozialismus bereits in der ein oder anderen Form besaßen. Gefördert werden sollte die sozialwissenschaftliche Schule, deren vielversprechendes Programm bisher kaum ernsthaft verfolgt, stattdessen von dogmatischen Parteizwisten blockiert worden war. Wiederum nicht um der historischen Gerechtigkeit oder, im Sinne des Pluralismus, um der Chancengleichheit willen, sondern weil dies Programm durch und durch interdisziplinär war und eine neue Art von Sozialwissenschaften erforderte.29

In der Ära Grünberg und unter seiner direkten Leitung wurden am Institut für Sozialforschung sechs große Forschungskomplexe etabliert. Am Ende dieser Ära haben Friedrich Pollock und Felix Weil die Forschungsschwerpunkte am Institut für den zuständigen Minister bzw. für die Frankfurter Universitätsöffentlichkeit in zwei Memoranden dargestellt. Den ausführlichsten Tätigkeitsbericht verfasste Felix Weil in Zusammenarbeit mit Pollock, der wenig später eine kürzere Fassung vorlegte.30 Weil nannte sechs Forschungsschwerpunkte:
  1. 1.

    Historischer Materialismus und die philosophischen Grundlagen des Marxismus.

     
  2. 2.

    Theoretische Nationalökonomie.

     
  3. 3.

    Fragen der wirtschaftlichen Organisation einer sozialistischen Gesellschaft.

     
  4. 4.

    Die Lage der arbeitenden Klassen in Vergangenheit und Gegenwart.

     
  5. 5.

    Marxistische Soziologie.

     
  6. 6.

    Geschichte der sozialistischen Lehrmeinungen und Parteien.

     

Zu jedem einzelnen Forschungsschwerpunkt nannte Weil die durchgeführten, laufenden und geplanten Projekte (und deren Bearbeiter) und die entsprechenden Publikationen: Zum ersten Punkt verwies er auf „Untersuchungen über Einzelfragen der materialistischen Geschichtsauffassung“ und „einzelne für die Marxsche Theorie wichtige Kapital aus der Geschichte des deutschen Idealismus“, zum zweiten nannte er die Arbeiten von Sternberg und Grossmann als Beiträge zur Weiterentwicklung der Marxschen Kritik der Politischen Ökonomie. Zum dritten verwies er aufs Pollocks im gleichen Jahr erschienene Arbeit (siehe unten). Zum vierten, dem Thema, das Grünberg besonders am Herzen lag, verwies er auf eine Studie über die amerikanische Arbeiterbewegung und auf die gerade begonnene empirische Studie über die geistige und materielle Lage der Arbeiter und Angestellten in Deutschland, die unter der Leitung Erich Fromms stand. Unter Soziologie erwähnte er Wittfogels laufende Studien zur Wirtschaft und Gesellschaft Chinas. Zum sechsten Punkt nannte er die Dissertation von Kurt Mandelbaum und Karl Friedrich Brockschmidt zur Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, die am Institut betreut wurden. Am Schluss bekräftigte Weil, auch in Zukunft werde man am Institut „die Bemühungen um die Anwendung und Weiterbildung der Marxschen Theorie folgerichtig fortführen“.

Felix Weil erwähnte in seinem Bericht die Kooperation zwischen dem Frankfurter Institut für Sozialforschung und dem Moskauer Marx-Engels-Institut kaum, er wollte den Ruf parteipolitischer Neutralität des Instituts nicht gefährden. Jedoch war diese Zusammenarbeit für die Anfangsjahre des Frankfurter Instituts wichtig. Die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Marxforschung war unumstritten, im Grünberg-Archiv wurden etliche Beiträge Rjazanovs veröffentlicht, in denen der Leiter des ersten MEGA-Projekts neue Funde und Einsichten aus der Arbeit mit dem Marxschen und Engelsschen Nachlass vorstellte.

Friedrich Pollock beschränkte sich in seinem Memorandum für die Frankfurter Universität 1930 auf drei Forschungsschwerpunkte, die die Handschrift Grünbergs trugen: „Ausgedehnte Studien zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Untersuchungen über besondere Probleme der marxistischen Theorie, Arbeiten über die theoretischen und praktischen Probleme Sowjetrußlands“ (Pollock 1930, S. 352).

Auf all den oben genannten Gebieten wurde im Institut für Sozialforschung gearbeitet. Die antiphilosophische Position der Austromarxisten war im Institut für Sozialforschung zwar bekannt und präsent, aber alles andere als unumstritten. Grünberg veröffentlichte 1923 in seinem Archiv Karl Korschs Aufsatz zu „Marxismus und Philosophie“, der heftige Debatten im Institut auslöste. Wolfgang Abendroth berichtete darüber in seinen Erinnerungen.

Es gab im Institut für Sozialforschung kaum Meinungsverschiedenheiten über die zentrale Bedeutung der Marxschen Kritik der Politischen Ökonomie. Grünberg förderte und unterstützte Arbeiten zur marxistischen politischen Ökonomie. Mehrere Institutsarbeiter waren Ökonomen und befassten sich mit der Marxschen Ökonomiekritik, darunter die beiden Assistenten Grünbergs, Pollock und Grossmann. Pollock hatte 1923 an der Frankfurter Universität mit einer bemerkenswerten Arbeit über die Marxsche Geldtheorie promoviert.31 Henryk Grossmann arbeitete an einer Neuinterpretation der Marxschen Akkumulations- und Krisentheorie, inspiriert durch die jüngsten Forschungen im Moskauer Marx-Engels-Institut, die er gut kannte. Sein schärfster Widersacher, Fritz Sternberg, war bis 1923 Assistent an der Frankfurter Universität, etablierte sich dann als freier Schriftsteller und Forscher. Er hatte persönliche Kontakte zum Institut, war aber nie Institutsmitarbeiter. Die Polemik zwischen Sternberg und Grossmann entbrannte 1926 in aller Schärfe, als Sternberg seine große Studie „Der Imperialismus“ herausbrachte, die er als Kritik und Fortsetzung von Rosa Luxemburgs „Akkumulation des Kapitals“ verstand. Grossmann attackierte ihn heftig, Sternberg erwiderte und revanchierte sich drei Jahre später mit einer vernichtenden Kritik des Grossmannschen Buchs (siehe unten).

Dank der hervorragenden Kontakte des Instituts und Grünbergs persönlich nach Moskau konnte Friedrich Pollock 1927/28 einige Monate in der Sowjetunion verbringen. Auf der Grundlage des Materials, das er während dieses Aufenthalts gesammelt hatte, entstand seine Studie über „Die planwirtschaftlichen Versuche in der Sowjetunion“. Sie erschien 1929 als Band II in der Schriftenreihe des Instituts, kurz nach Grossmanns Arbeit.32 In der bisherigen Geschichtsschreibung des Instituts wird diese Arbeit in der Regel nur erwähnt, weil sich Pollock damit habilitieren konnte. Sie hat aber abgesehen von diesem merkwürdigen akademischen Ritual einen eigenen Wert als einer der ersten Versuche, den planwirtschaftlichen Experimenten in der Sowjetunion sachlich gerecht zu werden.

Die Erforschung der Lage der arbeitenden Klassen in Vergangenheit und Zukunft lag dem Sozialhistoriker Grünberg besonders am Herzen. Im Grünberg Archiv erschienen dazu regelmäßig Beiträge. Grünberg war an den entsprechenden Forschungen im Institut in der Anfangsphase beteiligt. Die Anlage der empirischen Arbeiten entsprach durchaus dem, was zur gleichen Zeit in Österreich, angeregt und unterstützt durch Otto Bauer, vom einem jungen Forscherteam begonnen wurde: Die zu Recht berühmte Studie über Die Arbeitslosen von Marienthal von Marie Jahoda, Paul Lazarsfeld und Hans Zeisel.

Mit seinen austromarxistischen Freunden teilte Grünberg das Interesse an der jungen Soziologie. Zusammen mit Max Adler und Karl Renner hatte er zu den Gründern der Wiener „soziologischen Gesellschaft“ gehört. Es passte zu Grünbergs sozial- und wirtschaftshistorisch geprägter Auffassung von Sozialwissenschaft – die sozialen Tatsachen kennen und erkennen, ihre Zusammenhänge finden und nachweisen –, dass er Karl August Wittfogel als Mitarbeiter ans Institut holte. Wittfogel, ein heute vergessener Pionier marxistischer Wirtschaftsgeografie und Wirtschaftsgeschichtsschreibung, hatte auch Sinologie studiert. Am Institut begann er an einer gross angelegten Studie über die Wirtschaft und Gesellschaft Chinas zu arbeiten. Der erste Teil davon, der gut marxistisch die „Produktivkräfte, Produktions- und Zirkulationsprozess“ in der chinesischen Ökonomie zum Gegenstand hatte, erschien 1931 als dritter Band der Schriftenreihe des Instituts (Wittfogel 1931). Wittfogel, der wie Grünberg die Wirtschaftsgeschichte als die eigentliche Grundlage jeder Sozialwissenschaft betrachtete, gehörte auch in der Ägide Horkheimer zu den wichtigen Mitarbeitern des Instituts.

Carl Grünberg selbst schrieb in seiner Frankfurter Zeit einige bemerkenswerte Aufsätze. Ende der 1920er-Jahre steuerte er zusammen Henryk Grossmann eine ganze Reihe von Artikeln zur Neuauflage (der vierten) des viel gelesenen Wörterbuchs der Volkswirtschaft bei: Grünberg schrieb eine ganze Reihe biografischer Artikel für das Wörterbuch, unter anderem den über Friedrich Engels und Karl Marx. Von ihm stammten die Artikel über den Chartismus, über die Pariser Kommune; einige der größeren Artikel, über Christlichen und religiösen Sozialismus, über Sozialdemokratische und kommunistische Parteien und über Sozialismus schrieb bzw. überarbeitete er zusammen mit Grossmann. Nach Grünbergs Schlaganfall hatte Grossmann viel Spielraum, um die Artikel in seinem Sinn zu ergänzen (vgl. Grossmann und Grünberg 1971).

In der Planung für die Schriftenreihe des Instituts, die Grünbergs Handschrift trägt und in Teilen Grünbergs engeren Forschungsinteressen entsprach, wird deutlich, wie er sich die Publikationsstrategie des Instituts vorstellte: Auf den Band III, Wittfogels Studie über China, sollte als Band IV ein Sammelband mit Studien zur Geschichte der deutschen Sozialdemokratie folgen; vermutlich war an Kurt Mandelbaum und andere Doktoranden des Instituts als Autoren gedacht. Geplant war als Band VI eine Abhandlung Max Horkheimers über die „Krise des Marxismus“. Darauf sollte als Band VII „Der Leninismus“ folgen, verfasst von Biehahn. Als Band VIII „Der Austromarxismus“ von Katz, als Band IX wieder eine Studie zur jüngsten Geschichte des Kapitalismus, zur „Entwicklung des Trustkapitals seit 1914“. Als Band X wurde eine Studie von Löwenthal über die „Soziologie des Kleinbürgers“ angekündigt, als Band XI Julian Gumperz’ Arbeit über „Die Lage der nordamerikanischen Arbeiter“. Als Band XII eine Untersuchung von Kurt Mandelbaum über „Die Stellung der politischen Parteien zum Proletariat seit Beginn des 19. Jahrhunderts“ (vgl. Buckmiller 1988, S. 182). Alles in allem ein gut austromarxistisches Programm. Leider wurde von den folgenden, angekündigten Bänden nach dem Band III nichts mehr realisiert, weder in der Ägide Grünberg noch unter seinem Nachfolger. Auch Horkheimers Studie zur „Krise des Marxismus“ wurde offenbar nie geschrieben.33

In der Ägide Grünberg und danach waren austromarxistische Positionen und Beiträge am Institut für Sozialforschung wohl gelitten. Jedoch legte Grünbergs Assistent, Henryk Grossmann 1929 in seinem Buch Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems – zugleich eine Krisentheorie eine wütende Kritik des bisherigen Marxismus vor. Das Buch war unter Grünbergs Direktorat entstanden, es wurde als erster Band der neuen Schriftenreihe des Instituts für Sozialforschung publiziert, sein Erscheinen zeigte, wie sehr das Institut unter Grünbergs Leitung an einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Marxschen Kritik der Politischen Ökonomie interessiert war.

Grossmann war von Grünberg nach Wien geholt worden, hatte lange Jahre dort gelebt, kannte die meisten der Austromarxisten persönlich. In seinem Buch griff er Rosa Luxemburg und Fritz Sternberg heftig an und kritisierte Otto Bauer und Rudolf Hilferding nicht weniger scharf als „Neo-Harmoniker“. Den Ausdruck hatte Rosa Luxemburg in der Polemik gegen ihre Kritiker 1915 geprägt.34 Kaum verhüllt wurden die Austromarxisten von Grossmann als Revisionisten gebrandmarkt. Diesem Verdikt verfielen alle, die nicht wie er selbst an das „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate“ als Universalschlüssel zur Erklärung aller kapitalistischen Phänomene glauben wollten.

Grossmann behauptete in seinem Buch, er allein habe die wahre Marxsche Methode und entscheidende Teile der Marxschen Theorie wiederentdeckt und sei daher der erste, der von sich behaupten könne, den „revolutionären“ Kern des „wahren“ Marxismus von allen Verfälschungen gereinigt zu haben.35 Das war genau der Stil der Debatte, den Grünberg hatte vermeiden wollen; das Institut sollte eine Stätte für offene wissenschaftliche Debatten sein, wo durchdachte Argumente, Fakten, sorgfältig konstruierte Gedankenexperimente, empirische Sozialforschung zählten, nicht persönliche Invektiven und pseudosoziologische Zuschreibungen, wie sie die Leninisten pflegten.36

Grossmann behauptete gegen die Austromarxisten und ihren in der Tat offenen – d. h. für neue Tatsachen und neue Einsichten empfänglichen – Marxismus, er habe als einziger die wahre Marxsche Methode rekonstruiert und sei deshalb auch der einzige, der entscheidende Teile der Marxschen Theorie in ihrer vollen Bedeutung zu würdigen wüsste.37 Über die Schwierigkeiten, die spezifisch Marxsche „Entwicklungsmethode“ (oder „genetische Methode“, wie die genuin Marxschen Ausdrücke lauten) zu fassen, ging er leichtfüßig hinweg. Er reduzierte sie auf ein Annäherungsverfahren und stellte sie sich als Folge von hochabstrakter Modellanalyse mit anschließender, schrittweiser empirischer Überprüfung vor. Marx lockere im Kapital nur seine Annahmen Stück für Stück und nähere sich so der empirischen Realität. Gleichwohl war Grossmann überzeugt, Marx’ Theorie sei ein geschlossenes theoretisches System. Statt sich wie die Austromarxisten mit der historischen Erklärung der empirischen Strukturveränderungen des Kapitalismus abzumühen, könne man all diese „Oberflächenphänomene“ ganz einfach aus ein und derselben theoretischen Struktur, dem „Wertgesetz“ (und seinen im Kapital nach Grossmanns Lesart nur entfalteten Implikationen) ableiten – und damit eindeutig und vollständig erklären.

Grossmann hielt sich viel darauf zugute, als erster die Marxsche Methode in ihrer Eigenart erkannt zu haben – ein impliziter, heftiger Vorwurf gegen seinen Chef und Förderer Carl Grünberg und die übrigen Austromarxisten, denen Marx’ Forschungsmethode bzw. seine Art der Darstellung im Kapital nie zum Problem geworden sei. Die austromarxistischen Debatten zu diesem Problem, insbesondere Max Adlers und Otto Bauers Beiträge, nahm er nicht zur Kenntnis. Zu seinem Schaden, er hätte einiges lernen können. Zum Beispiel über die Nähe der Marxschen Methode zur Methode der mathematischen Naturwissenschaften oder seine positivistische Schlagseite, die den Austromarxisten im Gegensatz zu den Protagonisten der späteren Kritischen Theorie durchaus gefiel. Zum Beispiel über historische Kontingenz und die Bedeutung der tagtäglichen Klassenkämpfe bei der Durchsetzung der Tendenzen und scheinbaren „Naturgesetze“ des Kapitalismus. Was in Grossmanns extrem deterministischer und noch extremer ökonomistischer Version von Ableitungsmarxismus auf die bloße Beschleunigung bzw. Verlangsamung eines ohnehin naturgesetzlich ablaufenden Prozesses zusammenschrumpfte (der letzten Endes unvermeidlich zum Zusammenbruch des Kapitalismus führen müsse), das war in der Sicht der Austromarxisten ein hochkomplexes Gemisch von Tendenzen und Gegentendenzen, die allesamt politisch beeinflusst und beeinflussbar waren und blieben. Grossmanns Lesart des Marxschen Kapital war jedenfalls mit Grünbergs austromarxistisch geprägtem Forschungsprogramm des Instituts schwerlich zu vereinbaren.38

Grossmanns steilste Behauptungen, er habe endlich das „Gesetz“ des kapitalistischen Zusammenbruchs wiederentdeckt und damit als erster gezeigt, worauf Marx im Kapital eigentlich hinauswollte, blieben nicht unwidersprochen. Ebenso wie seine Behauptung, die Marxsche Krisentheorie sei nichts anderes als die Theorie des tendenziellen Falls der Profitrate, jede Krise also nur ein durch besondere Umstände hinausgeschobener Zusammenbruch des Kapitalismus. Tatsächlich kritisierten so gut wie alle marxistischen Ökonomen der Zeit sein Buch in Grund und Boden. Nicht nur Fritz Sternberg, der sich besonders herausgefordert fühlte, antwortete mit einer ausführlichen Kritik. Auch Helene Bauer, Otto Bauers Frau, mit Natalie Moszkowska die wichtigste politische Ökonomin der Austromarxisten, kritisierte Grossmanns Zusammenbruchstheorie in einem langen Artikel im Kampf.39

5 Das Institut für Sozialforschung unter Max Horkheimers Leitung

Als Carl Grünberg im Januar 1928 einen schweren Schlaganfall erlitt, von dem er sich nicht wieder erholte, war das noch nicht das Ende der Ära Grünberg. Friedrich Pollock führte als geschäftsführender Direktor die Arbeit weiter bis Max Horkheimer 1931 die Nachfolge Grünbergs antrat. Pollock führte die Arbeit weiter, ganz in Grünbergs Sinn. Er war aber politisch zu exponiert, um als Direktor des Instituts akzeptabel zu sein. Max Horkheimer hatte schon zu Grünbergs Zeiten gelegentlich an den Arbeiten des Instituts teilgenommen; er war als wichtigster Mitarbeiter für den ersten Forschungsschwerpunkt, die Probleme der materialistischen Geschichtsauffassung, vor allem für Studien zur Ideologietheorie, fest eingeplant. Im letzten Jahrgang des Grünberg-Archivs veröffentlichte er dazu einen Aufsatz (vgl. Horkheimer 1930). Zum siebzigsten Geburtstag Carl Grünbergs erschien 1932 eine umfangreiche Festschrift, mit Beiträgen führender Austromarxisten (Max Adler, Paul Szende, Käthe und Otto Leichter), der Institutsmitarbeiter Pollock, Horkheimer, Grossmann und Wittfogel neben vielen anderen (vgl. Festschrift 1932).

Als Max Horkheimer 1931 zum Nachfolger Carl Grünbergs berufen wurde, war er noch ein relativ unbekannter Privatdozent der Philosophie. Als Direktor eines Forschungsinstituts mit einem umfangreichen Programm, das weiter über seine Spezialität, die Sozialphilosophie, hinausging, musste er sich, anders als Carl Grünberg, noch beweisen. Es hätte daher nahe gelegen, sich programmatisch stark von seinem Vorgänger abzusetzen. Was Horkheimer allerdings nicht tat.

Horkheimers Antrittsrede wird in der Geschichtsschreibung des Instituts für Sozialforschung gemeinhin als Beginn einer neuen Ära gesehen, die alles Vorhergehende weit in den Schatten stellte. Dabei sind die Parallelen zwischen Horkheimers und Grünbergs Programm unübersehbar, so dass man durchaus von einer Kontinuität der am Institut unter Grünberg und Horkheimer betriebenen Forschungen sprechen kann. Statt Grünbergs Programm ad acta zu legen, erweiterte Horkheimer es um einige Elemente, denen weder Grünberg noch die Austromarxisten widersprochen hätten. Die Aufgabe des Instituts sei es, die Zusammenhänge zwischen „dem wirtschaftlichen Leben der Gesellschaft, der psychischen Entwicklung der Individuen und den Veränderungen auf den Kulturgebieten“ zu untersuchen. Das war eine klare Frontstellung gegen die notorische Ausblendung bzw. Übersimplifizierung dieser Zusammenhänge in den dogmatischen Varianten des Marxismus, die die Austromarxisten durchaus teilten. Horkheimer stellte keineswegs einen fix und fertigen Theorieentwurf voran, vielmehr sollten Theorie und empirische Forschung sich wechselseitig durchdringen und befruchten, in der Absicht, die „aufs Große zielenden philosophischen Fragen an Hand der feinsten wissenschaftlichen Methoden zu verfolgen, die Fragen im Verlauf der Arbeit am Gegenstand umzuformen, zu präzisieren, neue Methoden zu ersinnen und doch das Allgemeine nicht aus den Augen zu verlieren“. Auch mit dieser Positionsbestimmung konnte Horkheimer bei den Austromarxisten keinen Widerspruch hervorrufen. Dass Horkheimer wie Grünberg die zentrale Rolle interdisziplinärer Forschung betonte und ankündigte, „auf Grund aktueller philosophischer Fragestellungen Untersuchungen zu organisieren, zu denen Philosophen, Soziologen, Nationalökonomen, Historiker, Psychologen in dauernder Arbeitsgemeinschaft sich vereinigen“ (so in seiner Antrittsrede 1931 und erneut bei der Wiedereröffnung des Instituts 1951), lag ganz auf der austromarxistischen Linie. Allerdings rettete sich Horkheimer, der sich als gelernter Philosoph in den Sozialwissenschaften noch keineswegs sattelfest fühlte, immer wieder in Formulierungen, die ihm als Philosophen vertraut waren. Eine Übersetzungsleistung, die bei den nachgeborenen Bewunderern der Kritischen Theorie den falschen Eindruck erweckt hat, es handele sich um ein primär sozialphilosophisches Programm.

Richtig, Horkheimer sprach als akademischer Sozialphilosoph, der sich keine Kompetenz als Historiker oder historischer Soziologe anmaßen, aber der Philosophie und Psychologie eine weit zentralere, wichtigere Rolle als integraler Teil des Forschungsprogramms des Instituts zuweisen wollte. Im Vergleich zu seinem Vorgänger wollte Horkheimer eine deutliche Akzentverschiebung einleiten, weg von der Sozialgeschichte, hin zur Sozialphilosophie und Sozialpsychologie. Aber es konnte keine Rede davon sein, dass Horkheimer ein abruptes Ende der von Grünberg angeregten und mit organisierten Forschungen am Institut vollzog oder vollziehen wollte. Selbst Henryk Grossmann, dessen Version eines erzdogmatischen, überpolitisierten und übertrieben deterministischen Marxismus Horkheimer kaum gefallen konnte, blieb am Institut.40 Wie Grünberg plädierte Horkheimer für Interdisziplinarität als Leitlinie der Forschungspraxis. Aber er gab der interdisziplinären Forschungsarbeit ein klares Ziel: die Rekonstruktion des gesellschaftlichen Ganzen (Horkheimer 1930). In der Zeitschrift für Sozialforschung, die in der Ägide Horkheimer zum Flaggschiff des Instituts wurde, nachdem Grünbergs Archiv 1930 wegen der Krankheit seines Herausgebers eingegangen war, entwickelte er diese Konzeption weiter. In einer Reihe von programmatischen Aufsätzen, die seither das Gesicht der Kritischen Theorie prägen, bemühte er sich, das in seiner Antrittsrede umrissene Forschungsprogramm zu präzisieren. Anders als Grünberg formulierte Horkheimer einen Führungsanspruch für die Sozialphilosophie, die er als umfassende Gesellschaftstheorie, aber ihrem Gegenstand angemessen, auf den modernen Kapitalismus und die hoch entwickelte bürgerliche Gesellschaft bezogen, ganz im Sinne der Hegelschen Tradition als „Theorie des gegenwärtigen Zeitalters“ verstand. Die kritische Gesellschaftstheorie dürfe sich nie von den konkreten ökonomischen, soziologischen und historischen Analysen loslösen, sie habe jedoch die Aufgabe zu verhindern, dass namentlich die Ökonomie (aber auch die Soziologie) zu einer bornierten, reinen Fachwissenschaft herunterkäme und die ökonomischen Begriffe wieder zu „entleertem, beziehungslosem Detailwerk“ verkommen könnten (Horkheimer 1937b, S. 630). Das war ein unüberhörbarer Anklang an die Marxsche Kritik der Beiträgen Politischen Ökonomie, und derartige Anklänge finden sich auch in späteren Beiträgen Horkheimers.

In seiner Kritik an den zu Dogmen erstarrten, gegen jede Kritik immunisierten Lehrsätzen einer vermeintlichen marxistischen Orthodoxie ging Horkheimer in den 1930er-Jahren in die gleiche Richtung wie die Austromarxisten. Allerdings war inzwischen in der Sowjetunion und in den Parteien und Bewegungen, die der Komintern verbunden waren, diese Orthodoxie tatsächlich zu einem umfassenden System von Lehrsätzen ausgebaut worden, das als Marxismus-Leninismus mit Alleinvertretungsanspruch gegenüber allen als „Abweichungen“ gescholtenen Ketzereien vertreten und innerhalb des jeweiligen Machtbereichs auch durchgesetzt wurde (vgl. Labica 1999).41 Wie die Austromarxisten (und wie die Gründerväter Marx und Engels) betont Horkheimer in seinen programmatischen Aufsätzen die Notwendigkeit der empirischen Forschung, der „Tatsachenerkenntnis“, die ihm sogar als eines der beiden konstituierenden Momente der „dialektischen Methode“ gilt. Er lässt keinen Zweifel an der Notwendigkeit konkreter empirischer und historischer Forschung für das, was er, anders als die Austromarxisten, ganz ungeniert als „materialistische“ Theorie bezeichnet.42 In Horkheimers Vorstellung behielt die „materialistische“ Gesellschaftstheorie den Vorrang und die entscheidende Bedeutung in der Forschungspraxis – „im Gegensatz zur bloßen Faktensammlung“ (die allerdings Grünberg nie propagiert hatte und die Austromarxisten erst Recht nicht).43 Die mehrfache Frontstellung gegen den marxistischen Positivismus, gegen die Theorielosigkeit der offiziell „marxistischen“ Sozialdemokratie und den öden Dogmatismus der Kommunistischen Parteien führte ihn – absichtsvoll oder nicht – dazu, die Grundlinie der Grünbergschen Forschungsprogrammatik fortzusetzen: Es geht um Kenntnis und Erkenntnis von Tatsachen und ihrer Zusammenhänge, soziale Tatsachen müssen nicht nur gekannt und anerkannt, sondern in ihrem historischen Entstehungs- und Entwicklungskontext erklärt werden.

Horkheimer wendet sich ausdrücklich (in gut Marxscher Tradition, gegen die falschen Freunde des Marxismus) gegen universale Geschichtskonstruktionen, gegen Schemata, die auf alles und nichts passen; implizit, ohne ihn zu nennen, nimmt er sich auch Henryk Grossmann als den einzigen Vertreter einer steilen marxistischen Orthodoxie im Institut zur Brust. Wie die Austromarxisten besteht er auf einer „offenen Struktur“ der Theorie, die so zu bauen ist, dass sie prinzipiell erweiterbar, für Aus- und Umbauten empfänglich bleibt. Er wendet sich gegen reine Begriffskonstruktionen und -deduktionen – eine Spitze gegen den in der deutschen philosophischen Tradition stets virulenten Hegelianismus. Die kritische Theorie die ihm vorschwebt, soll neue Phänomene aufnehmen, sich der stets wandelbaren sozialen Realität anpassen können soll, ohne den Zusammenhang des Ganzen aus dem Auge zu verlieren. In diesem Sinn sagt Horkheimer, sei die „kritische Ökonomie philosophisch geblieben“ und so müsse sie bleiben. Die kritische Ökonomie (Horkheimers Kurzformel für Marx’ Kritik der Politischen Ökonomie) müsse wie die materialistische Geschichtsauffassung sich ihrer historischen Bedingtheit bewusst sein und bleiben.

Von einer Abkehr von der Marxschen Ökonomiekritik kann in den 1930er-Jahren keine Rede sein, Horkheimer ist derlei nicht anzulasten. Eher werden die weit traditioneller orientierten, gelernten Schulphilosophen Adorno und Marcuse in der Atmosphäre des Instituts dazu bekehrt, die Marxsche Ökonomiekritik ernst zu nehmen. Wie Horkheimer 1932 schreibt, hat Marx in seinen ökonomischen Schriften die „gegenwärtige Gesellschaftsform … erfasst“ und eine Theorie des historischen Verlaufs der modernen Gesellschaft skizziert. Marx’ Kritik, die sehr spezielle Darstellungsweise der ökonomischen Kategorien im Kapital gilt ihm geradezu als exemplarische Form der Kritik. Diese Darstellungsweise (die Marx mit zahlreichen, keineswegs eindeutigen Formulierung umschrieben und an der er unablässig weiter gearbeitet hatte) sei es, die die (Rück-)Verwandlung der „materialistischen Ökonomik“ in eine bornierte, von Geschichte, Gesellschaft und Politik gereinigte Fach- und Einzelwissenschaft wie in der (neoklassischen) Ökonomie verhindere.44 Horkheimer betont die Offenheit einer kritischen Ökonomie im Anschluss an Marx, sie könne nie beanspruchen, die abschließende Sicht der Totalität zu geben, sondern müsse in ihrer Begrifflichkeit erweiterbar und veränderbar bleiben, da auch diese Totalität – die kapitalistische Weltökonomie und die bürgerliche Gesellschaft – sich ständig verändere. Marx’ Ökonomiekritik enthalte „Instruktionen zu weiteren Untersuchungen …, deren Ergebnis auf sie selbst zurückwirkt“ (Horkheimer 1932, S. 134). Das hätten die Austromarxisten allesamt unterschreiben können.45

Horkheimer war wie sein Vorgänger und wie die Austromarxisten insgesamt skeptisch gegenüber der angeblichen Naturnotwendigkeit des Geschichtsverlaufs, der unweigerlich zum Zusammenbruch des Kapitalismus und zu einer Revolution bzw. zum Sozialismus führen müsse. Es war möglich, an einer sozialistischen Perspektive im weitesten Sinn festzuhalten, den Kapitalismus nicht als Ende der Geschichte zu betrachten und ein Jenseits des Kapitalismus für möglich zu halten, ohne durchaus verschiedene Bahnen der kapitalistischen Entwicklung und zukünftige Formen des Kapitalismus auszuschließen. Den orthodoxen Marxisten und insbesondere den Marxisten-Leninisten konnte das nicht gefallen. Aber die Austromarxisten, voran Bauer und Renner, dachten ebenso. Bauer hielt es für seine Pflicht als Sozialwissenschaftler in der Marxschen Tradition, die jüngsten Veränderungen des Kapitalismus, angefangen bei den neuesten Technologien und den damit einhergehenden Veränderungen der kapitalistischen Betriebsweise, in industriellen Produktionsbetrieben und darüber hinaus, im Detail zu studieren, um die Richtung bzw. Richtungswechsel der kapitalistischen Entwicklung bestimmen zu können. Also analysierte er mitten in der größten Krise, die die kapitalistische Weltwirtschaft bis dato erlebt hatte, die widersprüchlichen Tendenzen der Rationalisierung, Mechanisierung und Automation in der Nachkriegsperiode (vgl. Bauer [1931]/1976). Die Grenzen der kapitalistischen Rationalität, die immanente Irrationalität dieser Prozesse, von Bauer als „Fehlrationalisierung“ bezeichnet und als Verschwendung und Vergeudung von Ressourcen kritisiert, sprach für eine Perspektive jenseits des Kapitalismus – auch ohne Zusammenbruch.

Gegen die Legende, im Institut für Sozialforschung sei unter Horkheimers Leitung jede ökonomische Forschung und Theoriebildung eingestellt worden, spricht die Tatsache, dass einige der Mitglieder des Instituts, allen voran Friedrich Pollock, sich sehr wohl und intensiv um das Verständnis der Transformationen des Kapitalismus bemühten, die durch die grosse Weltwirtschaftskrise und Depression der 1930er-Jahre angestoßen wurde. Natürlich waren die Philosophen des Instituts, Horkheimer, Adorno, Marcuse, nicht selbst in der Lage, derartige Untersuchungen durchzuführen oder zu leiten. Aber die enorme Wichtigkeit dieser Arbeit verstanden sie sofort. In den Forschungen zu den sozialen und politischen Folgen der Weltwirtschaftskrise und zum Aufstieg des Faschismus in Europa, die unter Horkheimers Leitung am Institut für Sozialforschung bzw. indessen Umfeld begonnen und deren Ergebnisse in der Zeitschrift für Sozialforschung veröffentlicht wurden, finden wir eine deutliche Parallele zur Arbeit von Otto Bauer und Rudolf Hilferding. Pollock formulierte 1933 als erster die Aufgabe, eine „soziologische Analyse der neuen Staatsform“ zu liefern, eine Arbeit, der er sich in den Jahren der Emigration widmete. Schon früh, Anfang der 1930er-Jahre, als viele Marxisten von der End- und Systemkrise des Kapitalismus schwärmten, verstand Pollock, dass trotz der ungeahnten Wucht der Weltwirtschaftskrise, die alle kapitalistischen Länder erfasst hatte, mit einem schlichten Zusammenbruch des kapitalistischen Systems nicht zu rechnen sei. Denn der Kapitalismus habe „eine ungeahnte Widerstandskraft und Anpassungsfähigkeit bewiesen“ (Pollock [1933]/1980, S. 345). In seinen Bemerkungen zur Wirtschaftskrise spricht Pollock schon 1933 von einer „kapitalistischen Planwirtschaft“. Nicht der Kapitalismus gehe zu Ende, „sondern nur seine liberale Phase“ (Pollock [1933]/1980, S. 349, 350).46 Der Grund für die erstaunliche Widerstandskraft der kapitalistischen Ökonomie mitten in der bis dato größten und schwersten Weltwirtschaftskrise meinte Pollock unter anderem in der erheblich aktiveren Rolle des Staates zu finden, der in der Krisenzeit, entgegen der noch stets herrschenden Doktrin, immer stärker als „Interventionsstaat“ fungierte. Pollock ging so weit, den Übergang zu einem „Staatskapitalismus“ zu behaupten. Eine dauerhafte Modifikation der kapitalistischen Produktionsverhältnisse durch ständige, erweiterte und systematische Staatsintervention sei auf dem Weg, das Ende des liberalen Staates, damit auch das Ende des Liberalismus als herrschender politisch-ökonomischer Doktrin der bürgerlichen Gesellschaft seien gekommen. Eine durchaus treffende Prognose, Ende der 1930er-Jahre, nach der Großen Depression, war der Liberalismus fürs erste erledigt.

Der ultra-orthodoxe Henryk Grossmann, längst zum gläubigen Kommunisten konvertiert, verstand nichts; Pollock und die übrigen Ökonomen am Institut, die wie Gerhard Meyer und Kurt Mandelbaum vom Leninismus nichts und vom Austromarxismus viel hielten, waren sehr viel besser imstande, die Weltwirtschaftskrise und deren ökonomische, soziale und politische Folgen zu analysieren. Auch sie sahen eine Art von „Systemkrise“, einen Epochenbruch in der kapitalistischen Entwicklung. Sie schrieben der großen Krise, der zweiten in der Geschichte des Kapitalismus nach der Langen Depression der Jahre 1873–1875, eine besondere geschichtliche Bedeutung zu. Auch darin stimmten sie mit den Austromarxisten überein. Ganz wie Otto Bauer das zwischen 1933 und 1936 in verschiedenen Anläufen versuchte, bemühen sich die Ökonomen des Instituts darum, die besondere Schwere und Länge der Großen Krise zu erklären. Sie sahen und betonten die Strukturveränderungen, die raschen Verschiebungen im Verhältnis zwischen Staat und Markt, die wieder einmal zeigten, wie anpassungsfähig und wandelbar die ökonomische Struktur des Kapitalismus war, welche politischen Revolutionen eine kapitalistische Ökonomie aushalten könne. Pollocks Arbeiten zum neuen „Staatskapitalismus“ (Pollock 1932, 1933), die Studien zur Theorie und Praxis einer Planwirtschaft in der Sowjetunion und in den faschistischen Staaten (Meyer 1933; Meyer und Mandelbaum 1934; Mandelbaum 1935), die Arbeiten zu den Anfängen einer keynesianischen Krisenpolitik und deren theoretischer Begründung (z. B. Meyer 1935; Weil 1936) passten allesamt sehr gut zu Horkheimers Programm einer interdisziplinären Sozialforschung auf der Höhe der Probleme der Zeit. Vor allem der Aufsatz von Kurt Mandelbaum und Gerhard Meyer zur Theorie der Planwirtschaft ist wichtig, weil damit die lange geplanten, oft angekündigten und lautstark gewünschten Forschungen des Instituts zur Theorie des Sozialismus, zu den möglichen Formen einer nachkapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung wieder aufgenommen wurden. Seit Pollocks Pionierarbeit von 1929 war da nicht mehr viel geschehen, anders als bei den Austromarxisten, die unverdrossen an diesem Thema weiterarbeiteten und vor allem die Entwicklung in der Sowjetunion genau verfolgten. Mandelbaum und Meyer vertraten in ihrem Beitrag einen „modifizierten Marktsozialismus“, damals wie heute Anathema für vermeintlich orthodoxe Marxisten. Sie hielten eine reine Planwirtschaft für bloßes Modelldenken, ein hübsches Gedankenexperiment, mehr nicht. Anders als viele, die Planung damals wie heute als ein vornehmlich technisches Problem sahen bzw. sehen, das durch mehr und bessere Informationsverarbeitung, sprich Rechenkapazität zu lösen sei, betonten sie die immanenten politischen Probleme einer Planökonomie, die viele, vielleicht zu viele ökonomische Entscheidungen der Privatsphäre und der Alltagsroutine entzieht und sie auf paradoxe Weise politisiert. Und die daher auch fehlgehen und Krisen eigener Art hervorbringen kann.

Max Horkheimer ist von diesen Arbeiten Pollocks und anderer Institutsmitarbeiter stark beeinflusst worden. Er wurde in der Überzeugung bestärkt, dass die Erkenntnis des Ganzen der gegenwärtigen Gesellschaft nicht rein sozialphilosophisch möglich sei, nicht ohne das Studium der Tendenzen, die in der kapitalistischen Realität zum Staatseingriff, zur Planung, zur Regulierung, zur institutionellen Reform trieben. Bereits 1934 sprach Horkheimer von einem neuen „kapitalistischen Etatismus“, der die direkte Konsequenz der Krise des liberalen Kapitalismus sei und eine „ungeheure Steigerung der Machtsphäre des Staates“ zur Folge habe (Horkheimer 1934, S. 229).

Gerade in der frühen Ära Horkheimer, in den 1930er-Jahren, gibt es deutliche Übereinstimmungen zwischen den Arbeiten des Instituts und den Studien und Positionen der Austromarxisten, vor allem Otto Bauers und Rudolf Hilferdings. Beide bemühten sich, die Konsequenzen aus der unbestreitbaren Tatsache zu ziehen, dass ihr forschungsleitendes Konzept eines „organisierten Kapitalismus“ nicht mehr trug, beide bemühten sich intensiv darum, die neue Rolle eines autoritären, faschistischen Staats und die daraus folgenden Veränderungen des Kapitalismus auf den Begriff zu bringen. Ihre Emigrationsarbeiten, zum Teil posthum veröffentlicht, spielten in der Arbeit des Instituts für Sozialforschung keine nachweisbare Rolle mehr. Aber die Übereinstimmung zwischen den Auffassungen Pollocks und anderer am Institut zum neuen „Etatismus“ oder „Staatskapitalismus“ und den Studien von Bauer und Hilferding darüber bleibt. Otto Bauer versuchte in Zwischen zwei Weltkriegen? die verschiedenen Krisen und Krisenphänomene, die Weltwirtschaftskrise des Kapitalismus, die Krisen des liberalen Staates bzw. der Demokratien und die Krisen der sozialistischen Arbeiterbewegung im Zusammenhang zu erfassen (Bauer [1936]/1976). Rudolf Hilferding hielt die jüngsten Strukturveränderungen, vor allem im Verhältnis von Staat und kapitalistischer Ökonomie, für so gravierend, dass er meinte, die Grundthesen der materialistischen Geschichtsauffassung gründlich überdenken zu müssen. Seine unvollendete Arbeit Das historische Problem wurde erst posthum veröffentlicht (vgl. Hilferding [1941]/1951).

Horkheimer brachte neue Leute ans Institut, Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse, beide Philosophen, beide breit interessiert, beide von Haus aus keine Marxisten. Beide haben sich im Institut, dank ihrer Arbeit für das Institut gewandelt. Zu dogmatischen Marxisten wie Grossmann waren und blieben sie auf Distanz.47 Aber ihr Kommen bedeutete keine Wende der Ausrichtung des Instituts und war von Horkheimer auch nicht so gedacht. Es kann keine Rede davon sein, dass Horkheimer die Grünberg-Ära einfach ad acta legen wollte, im Gegenteil. Er setzt sie fort, mit anderen Akzenten. Das Institut wird durch die neuen Leute bereichert und verändert, es bleibt aber eine Heimstätte für die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Werk von Marx und Engels und seine Mitarbeiter verfolgen ein Forschungsprogramm, das Grünberg und den Austromarxisten implizit, der Sache nach, verpflichtet bleibt.

6 Fazit

Es war Max Horkheimer, der 1937 die Warnung ausgesprochen hat, die seine Schüler und Verehrer bis heute in den Wind zu schlagen pflegen: Kritik der ökonomischen Ideologie, Kritik des Ökonomismus sei notwendig, aber „die Kritik am Ökonomismus liegt nicht in der Abkehr von ökonomischer Analyse, sondern darin, auf ihre Vollständigkeit … zu dringen“ (Horkheimer 1937b, S. 630). Dazu hat Horkheimer als Herausgeber der Zeitschrift für Sozialforschung einiges getan, indem er sie öffnete und offen hielt für Beiträge zur aktuellen Kritik der (un)politischen Ökonomie: Die kamen auch, von Pollock, von Meyer und Mandelbaum, Felix Weil und vielen anderen. Richard Löwenthal hat in der Zeitschrift für Sozialforschung 1937 einen exzellenten Aufsatz über Alfred Marshalls neoklassische Ökonomie veröffentlicht, in dem einige der unvermeidlichen Aporien dieser Variante unpolitischer Ökonomie zum ersten Mal glasklar aufgezeigt wurden (vgl. Sering 1937). Erich Baumann lieferte schon eine erste Kritik der Keynesschen General Theory of Employment, Interest and Money als eines aller Ehren werten, aber zum Scheitern verdammten Versuchs, die liberale Ökonomie zu revidieren (vgl. Baumann 1936). Es kann keine Rede davon sein, dass sich das Institut für Sozialforschung unter Horkheimers Leitung von der Kritik der Politischen Ökonomie verabschiedet hätte.

Allerdings fühlte sich Horkheimer von der nicht programmatischen aber faktischen Nähe der Austromarxisten zu den Positivisten des Wiener Kreises eher herausgefordert als angezogen. Otto Neurath, der schon die Brücken zwischen den Philosophen des Wiener Kreises und den Austromarxisten geschlagen hatte, versuchte das auch mit dem Frankfurter Institut – und scheiterte. Horkheimer reagierte höchst unwirsch auf die Anti-Metaphysik der Wiener (vgl. Horkheimer 1937a) und gestattete Neurath keine Entgegnung in der Zeitschrift (vgl. dazu insgesamt Dahms 1994). Auch Max Adlers Versuch, den philosophischen vom historischen Materialismus streng zu scheiden (dem Grünberg folgte) konnte Horkheimer nichts abgewinnen. Er hielt am Materialismus fest und wandte das, was er Materialismus nannte gegen alle positivistischen Strömungen. An dieser speziellen Lesart des Materialismus, für Horkheimer dem Inhalt nach gleichbedeutend mit der „ökonomischen Theorie der Gesellschaft“ (d. h. der Marxschen Kritik der Politischen Ökonomie) (Horkheimer 1933, S. 33), lag es, dass er für Max Adlers Sozialphilosophie nichts übrig hatte. Dazu kam, dass Max Adler mit Hegel nicht viel anfangen konnte und wollte, anders als Otto Bauer. Der aber galt nicht als Philosoph.

In der Nachkriegsgeschichte des Instituts spielten die Austromarxisten und ihre zahlreichen Pionierarbeiten keine Rolle mehr. Sie waren gestorben – Max Adler 1937 in der inneren Emigration, Otto Bauer 1938 und Rudolf Hilferding 1941 im Exil. In Österreich selbst wurde der Austromarxismus aus der offiziellen Geschichte der sozialdemokratischen Partei und der ersten Republik zwar nicht verbannt, aber in die Ecke gestellt. In der neuen Theoriezeitschrift der SPÖ, der Zukunft (die die Tradition des Kampf fortsetzen sollte) wurde nach 1945 noch einige Jahre lang um das Erbe der Austromarxisten gestritten. Erst nach und nach wurden die längst vergriffenen Bücher von Otto Bauer und Max Adler neu veröffentlicht, erste Sammelbände mit Reden und Aufsätzen erschienen, einiges wurde aus ihren Nachlässen in den 1950er- und 1960er-Jahren zum ersten Mal veröffentlicht. Karl Renners nachgelassene soziologische Arbeiten machten in Deutschland, zumal bei den Frankfurter kritischen Theoretikern wenig Eindruck.48 Rudolf Hilferdings nachgelassene Arbeit aus dem Exil, Das historische Problem, wurde zwar 1954 zum ersten Mal publiziert, hatte aber auf die Marxismus-Diskussion in der Bundesrepublik keinen Einfluss. Dennoch ist die Erinnerung an diese einmalig produktive und innovative Schule in der Geschichte des Marxismus auch in Deutschland und selbst im Umfeld der Frankfurter Schule nie ganz verschwunden. Jürgen Habermas hat, seinem Habilitationsvater Wolfgang Abendroth folgend, die Austromarxisten des Öfteren angeführt als das herausragende historische Beispiel für einen offenen, sozialwissenschaftlich satisfaktionsfähigen Marxismus. Wann immer er auf das marxistische Erbe zu sprechen kam, nannte er die Austromarxisten, namentlich Otto Bauer und Karl Renner. Von ihnen habe der sozialdemokratische Reformismus „wichtige Anstöße“ erhalten, für sie gilt seine Kritik der Beschränktheiten des klassischen Marxismus ausdrücklich nicht (vgl. Habermas 1990, S. 228). In Wien hat er 2006 öffentlich den Austromarxisten, Max Adler, Otto Bauer, Karl Renner und Rudolf Hilferding seinen Dank abgestattet. Bei ihnen, so Habermas, fand er „drei Dinge, die ich als Adornos Assistent in Frankfurt vermisste: erstens die selbstverständliche Verbindung der Theorie mit der politischen Praxis, zweitens die uneingeschüchterte Öffnung der marxistischen Gesellschaftstheorie für Einsichten der akademischen Wissenschaft … und drittens – und vor allem – die vorbehaltlose Identifizierung mit den Errungenschaften des demokratischen Rechtsstaates ohne Preisgabe von radikalreformistischen Zielsetzungen, die weit über den status quo hinauswiesen“ (Habermas 2008, S. 78).49

Einige mögliche Verbindungslinien und Anknüpfungspunkte zwischen der Tradition des Austromarxismus als der bis dato elaboriertesten Variante eines offenen Marxismus und der Kritischen Theorie lassen sich skizzieren:

Auf das Scheitern der Revolutionsversuche im Westen reagieren die Austromarxisten erfinderisch und klug: Seit ihren Studien über die fragile Herrschaftsstruktur der Österreichisch-Ungarischen Doppelmonarchie wissen sie, dass es beim Kampf um die Macht zunächst um den Aufbau von Hegemonie, einer geistig-moralischen Führerschaft und Dominanz geht. Daher das starke Interesse der Austromarxisten an Kultur, Bildung, am öffentlichen Raum, an Symbolischer Macht. Die Begrifflichkeit, die heute Antonio Gramsci zugeschrieben wird, ist in der sozialistischen Bewegung Mitteleuropas, sicher bei den Austromarxisten stets präsent, lange vor Gramsci. Allerdings ist für die Austromarxisten ein erfolgreicher Kampf um die Hegemonie nur unter den Bedingungen einer entwickelten Demokratie, mit allen individuellen und kollektiven Freiheitsrechten, erfolgreich zu führen.

In der Staatstheorie und insbesondere in der Analyse der Formen und Entwicklungstendenzen der politischen Demokratie sind die Austromarxisten allem voraus und überlegen, was im Marxismus gemeinhin als politische Theorie angeboten wird. Die staatstheoretischen Arbeiten von Max Adler, Otto Bauer, Karl Renner und anderen sind weit gehaltvoller als alles, was zeitgenössische oder spätere Marxisten dazu zu sagen hatten. Daher die Faszination Hermann Hellers, daher die Bewunderung der Staats- und Rechtstheoretiker im Institut für Sozialforschung. Für Franz Neumann etwa waren Otto Bauer und Karl Renner die marxistischen Autoren, die er am häufigsten zitierte und auf deren Thesen er sich fortdauernd bezog.

Als politische Ökonomen, als innovative ökonomische Theoretiker und als empirische Wirtschaftsforscher sind die Austromarxisten den Ökonomen des Instituts mehr als ebenbürtig. Ihre Analysen der Transformationen des Kapitalismus seit dem Ende der ersten Langen Depression 1895, während des ersten Weltkriegs und in der Nachkriegszeit, ihre Analysen der Weltwirtschaftskrise, ihrer Ursachen, ihres Verlaufs und ihrer ökonomischen, sozialen und politischen Folgen sind bis heute unübertroffen in der marxistischen Tradition.

Trotz ihrer Antiphilosophie bieten die Austromarxisten viel: Von Max Adlers integraler Sozialphilosophie, zu Bauers Ansatz zu einer historischen und sozialwissenschaftlichen Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie bis zur interdisziplinären Sozialforschung, die sie programmatisch und forschungspraktisch betreiben. Wie Horkheimer folgten sie dem Konzept eines aufgeklärten, philosophisch und sozialwissenschaftlich auf der Höhe der Zeit argumentierenden Marxismus. Dessen zentrales Forschungsprogramm, die materialistische Geschichtsauffassung lässt sich in vielfacher Weise reformulieren, zuspitzen, erweitern.

Nach dem Ende der kurzen Ära Grünberg, die alles in allem knapp fünf Jahre währte, war es mit dem zuvor regen Austausch zwischen den Austromarxisten und dem Frankfurter Institut bald vorbei. Eine formelle Kooperation hatte es nie gegeben und die wachsende Distanz ist aus den historischen Umständen leicht zu erklären: Die Austromarxisten hatten kein Institut, eins zu gründen, war ihnen nicht gelungen; ihre Stützpunkte in der akademischen Welt waren viel zu wenige, um dauerhaften Einfluss zu gewinnen. Sie waren Parteiintellektuelle, wenn auch ernsthafte Wissenschaftler. Aber das eben im Nebenberuf oder unter den Bedingungen der Emigration, und in der Regel auf sich allein gestellt, in einem losen Korrespondenzzusammenhang mit wenigen Gleichgesinnten. Das Institut für Sozialforschung war und blieb eine akademische Institution, die vorhandenen Geldmittel erlaubten es, auch in der Emigration wieder neue Heim- und Wirkungsstätten im Universitätssystem zu finden. Als Teil des akademischen Betriebs mussten die Mitarbeiter des Instituts zumindest den Schein politischer Neutralität wahren, auch wenn das nicht alle taten. Die Kooperation über die Zeitschrift für Sozialforschung wäre möglich gewesen. Otto Bauer wurde immerhin von den akademischen Philosophen des erlauchten Wiener Kreises ernst genug genommen, um ihn einzuladen, dort Vorträge zu halten und Beiträge für die Zeitschrift Erkenntnis zu schreiben.50 Aber sehr intensiv konnte ein solcher Austausch nicht werden, die Austromarxisten hatten mit dem Kampf und der Arbeiter-Zeitung ihre eigenen, wohl etablierten Publikationsorgane, die sich nicht an ein akademisches Publikum, sondern an das Massenpublikum der sozialistischen Arbeiterbewegung richteten.

Fußnoten

  1. 1.

    Die Bezeichnung „Austromarxismus“ wurde vor dem ersten Weltkrieg von dem US-amerikanischen Sozialisten und Marxisten Louis B. Boudin geprägt. In der Zeit der ersten österreichischen Republik (1918–1934) wurde daraus ein Schimpfwort, oft zum „Austrobolschewismus“ gesteigert. Otto Bauer hat 1927 in einem Leitartikel der Arbeiter-Zeitung, die verschiedenen Bedeutungen des Terminus und seine Wandlungen skizziert (vgl. Bauer [1927a]/1980).

  2. 2.

    Gleichzeitig versuchte Carl Grünberg, seit 1909 ordentlicher Professor für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Wiener Universität, in Wien ein „soziales Museum“ einzurichten, das als Forschungsinstitut gedacht war und als Heimstätte für verschiedene umfangreiche Spezialbibliotheken dienen sollte.

  3. 3.

    Anders als die meisten zeitgenössischen Marxisten waren die Austromarxisten an der damals noch nicht akademisch etablierten Soziologie stark interessiert. Als 1907 die „Soziologische Gesellschaft in Wien“ gegründet wurde, waren die Austromarxisten vorneweg dabei. Zusammen mit Ludo Hartmann, Rudolf Eisler, Rudolf Goldscheid gehörten Max Adler und Karl Renner zu den Gründungsmitgliedern. Die Wiener Gesellschaft organisierte regelmäßig Seminare und Vorträge, Eduard Bernstein, Georg Simmel und Joseph Schumpeter und viele andere wurden eingeladen und sprachen dort.

  4. 4.

    Darüber hinaus gab es direkte Verbindungen zwischen den Austromarxisten und vielen innovativen Forschergruppen im damaligen Wien, so zum „Wiener Kreis“ der logischen Positivisten, zu den Psychoanalytikern, zu den Sozialpädagogen usw.

  5. 5.

    Der brillante Gustav Eckstein war schon 1916 gestorben. Leo Trotzkij hat ihm einen anrührenden Nachruf gewidmet. Wie Trotzkij standen viele russische Sozialisten in der Emigration in freundschaftlicher Beziehung zu den Wiener Jungmarxisten.

  6. 6.

    Das Bild vom „rechten“ Renner, der den marxistischen Torheiten seiner Jugend abgeschworen habe und gegen die Doktrinäre vom Schlage Otto Bauer einen heroischen Kampf führte, ist daher grundfalsch. Es gehört zum Arsenal der innersozialdemokratischen Kämpfe um das austromarxistische Erbe, als Topos des erklärten Anti-Marxismus, der, Arm in Arm mit den Leninisten, den Austromarxismus als verhängnisvollen Irrweg, seine Protagonisten, namentlich Otto Bauer, als Hauptverantwortliche für den Untergang der ersten österreichischen Republik haftbar zu machen sucht (vgl. als locus classicus für diese Geschichtsklitterung Leser 1968). Ein erster Versuch, Renner gerecht zu werden, liegt jetzt mit der Renner-Biographie von Richard Saage vor (vgl. Saage 2016).

  7. 7.

    Friedrich Adler, ein enger Freund Albert Einsteins, war der prominenteste, aber bei weitem nicht der einzige Naturwissenschaftler in den Reihen der Austromarxisten. Von ihm stammt eine der ersten und einflussreichen methodologischen Schriften der Austromarxisten (vgl. Adler 1918).

  8. 8.

    Zu den Schülern Max Adlers, die nach dem zweiten Weltkrieg im internationalen Marxismus eine herausragende Rolle gespielt haben, gehören Leo Kofler, Lucien Goldmann, Roman Rosdolsky und Maximilien Rubel.

  9. 9.

    Insgesamt erschienen fünf Bände (Band 4 bestand aus zwei Teilbänden). Das Jahrbuch und die Theoriezeitschrift Der Kampf (ab 1908) hatten für die austromarxistische Schule eine ähnliche Bedeutung wie die Schriftenreihe und die Zeitschrift für Sozialforschung für das Institut für die Sozialforschung. Nur waren die Austromarxisten keine Forschergruppe in einem wissenschaftlichen Institut, sondern die intellektuellen und politischen Führer einer sozialen und politischen Massenbewegung (vgl. dazu ausführlich: Klein 2010).

  10. 10.

    Das Programm wurde ausführlich dargelegt im Vorwort zum ersten Band der Marx-Studien von 1904. Als Verfasser des Vorworts firmierten die Herausgeber Max Adler und Rudolf Hilferding (vgl. Adler und Hilferding 1904).

  11. 11.

    So hat Otto Bauer das Programm der Gruppe 1908 formuliert (vgl. Bauer [1908]/1979, S. 937).

  12. 12.

    Diese klar ausgesprochene Einsicht unterscheidet sie von allen Spielarten des dogmatischen, doktrinären „Marxismus“, der bis zum heutigen Tag den Zugang zum originären Marxschen (und Engelsschen) Werk erschwert bzw. versperrt.

  13. 13.

    Leider scheiterte das Projekt am Geldmangel. Siehe zum Wiener Editionsplan von 1911 (Langkau 1983).

  14. 14.

    Auch Rudolf Hilferding hat etliche innovative Beiträge zur Fortentwicklung der Marxschen Ökonomiekritik geleistet, die letzten stammen aus den späten 1930er-Jahren. Otto Bauers unveröffentlichtes Manuskript zur Weltwirtschaftskrise wird 2018 zum ersten Mal veröffentlicht.

  15. 15.

    Das sogenannte Reduktionsproblem, zu dessen Bearbeitung Hilferding eine wichtige Vorlage lieferte, dreht sich um die Frage, wie und warum „kompliziertere“ oder auch „geschicktere“ Arbeit höheren Wert pro Zeiteinheit produzieren kann oder muss als „einfache“ oder „ungeschickte“ (vgl. zur Geschichte dieses Problems in der marxistischen politischen Ökonomie meine Darstellung in Krätke 1997).

  16. 16.

    Der Dissens zwischen Otto Bauer und Max Adler bestand darin, dass Bauer von Adler verlangte, konsequent zu sein, d. h. auch die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie als historische, empirische Sozialwissenschaft zu betreiben. Andere im Umfeld des Austromarxismus haben das später getan, z. B. Hans Zeisel und Edgar Zilsel, die beide erste Versionen ihrer späteren, bahnbrechenden Arbeiten zu einer historisch und sozialwissenschaftlich informierten Wissenschaftstheorie im Kampf veröffentlichten. Otto Bauer hatte seine in der Gefangenschaft in Sibirien geschriebene Studie über Das Weltbild des Kapitalismus mit der Skizze einer noch zu schaffenden, historischen und sozialwissenschaftlichen Erkenntnistheorie (bzw. Wissenschaftstheorie) beendet (vgl. Bauer [1924]/1976, S. 931 ff.). Max Adler hat seine speziell auf die Sozialwissenschaften zugeschnittene Erkenntnistheorie in seinem letzten grösseren Werk noch einmal detailliert vorgetragen (vgl. Adler 1936).

  17. 17.

    Selbstverständlich befasste sich Bauer klassentheoretisch wohl informiert und reflektiert mit den herrschenden und beherrschten Nationen, mit den nationalen Minderheiten, mit Mehrheits- und Minderheitskultur, mit dem Sprachenstreit und Kulturkampf, mit Wanderungsbewegungen und Assimilationsprozessen, alles historisch gut unterbaut und dokumentiert am Beispiel der Länder und Völker Mitteleuropas, insbesondere Österreich-Ungarns. Kaum ein Buch in der Tradition des klassischen Marxismus ist so aktuell wie diese Jugendschrift Otto Bauers, kaum eines ist so vergessen.

  18. 18.

    Mit diesem Buch griff Adler in eine der großen Debatten der Austromarxisten ein, die Debatte um die politische und Staatstheorie des Marxismus, die Anfang der 1920er mit Verve geführt wurde. Die Umwälzungen am Ende des ersten Weltkriegs, die neuen politischen Formationen, die daraus entstanden, hatten diese Debatte notwendig gemacht.

  19. 19.

    Diese Debatte wurde von 1918 bis 1923 hauptsächlich im Kampf geführt. Zahlreiche Nicht-Marxisten waren beteiligt, Otto Neurath, Karl Polanyi und viele andere schrieben dazu.

  20. 20.

    Bis auf Max Adler und zeitweilig Karl Renner hatten die Austromarxisten, eingespannt in die politische Tagesarbeit wie sie waren, einige Mühe, diese Arbeit mit vollem Einsatz zu machen. Was sie dennoch leisteten, auch unter den schweren Bedingungen der Emigration nach 1934, bleibt erstaunlich. Der Plan eines Wiener Instituts für marxistische Forschungen, wie oben erwähnt, scheiterte; nur das Wiener Museum für Gesellschaftsgeschichte konnte in den 1920er-Jahren realisiert werden.

  21. 21.

    Vgl. dazu die Beiträge in Fisahn et al. 2017.

  22. 22.

    Zuvor schon war Grünberg bekannt als Herausgeber, zusammen mit Stephan Bauer und Ludo Moritz Hartmann, der Zeitschrift für Social- und Wirtschaftsgeschichte, die von 1893 bis 1900 erschien.

  23. 23.

    Grünberg war ursprünglich Kathedersozialist und Marxismus-Kritiker. Der Marxismus, so Carl Grünberg 1907, lasse sich „gerade in seinen Hauptlehren ... wissenschaftlich nicht halten“. Er hatte sich, belehrt durch seine Schüler und die „seitherige Entwicklung“, zum Marx-Anhänger gewandelt. Er war und blieb geprägt von der Tradition der jüngeren Historischen Schule samt deren Betonung von exakter historischer Forschung, basiert auf Quellen- und Faktenkenntnis. Wie der alte Marx, war Grünberg ein unverbesserlicher Faktenhuber. Keine schlechte Eigenschaft für einen Sozialwissenschaftler.

  24. 24.

    Carl Grünberg holte 1925 Henryk Grossmann nach Frankfurt als seinen Assistenten. Dessen unbestreitbare Qualitäten als Statistiker und empirisch-historischer Forscher hatten ihn schon viele Jahre zuvor überzeugt und er hatte ihn nach Wien geholt. Grossmann schrieb eine Geschichte der österreichischen Handelspolitik in Galizien, die 1914 in einer von Grünberg herausgegebenen Reihe als Buch veröffentlicht wurde (Grossmann 1914). Kaum hatte Grünberg sein Amt als Institutsdirektor angetreten, begann er, seine ehemaligen Schüler und Kollegen wie Otto Bauer, Friedrich Adler und Max Adler zu Vorträgen nach Frankfurt einzuladen. Die Mitglieder und Studenten des Instituts hatten also in seiner ersten Phase die Gelegenheit, die Protagonisten der austromarxistischen Schule direkt zu sehen und zu sprechen. Otto Bauer, Max Adler und Rudolf Hilferding waren auch in Berlin gelegentlich zu hören, Max Adler nahm regelmäßig an den deutschen Soziologentagen teil.

  25. 25.

    An die Präsenz der Austromarxisten erinnerte sich Wolfgang Abendroth, damals Student in Frankfurt, noch lebhaft: „Er [Grünberg] war Austro-Marxist und machte keinen Hehl daraus. Er sorgte dafür, daβ sich an diesem Institut alle Welt treffen konnte: Man lernte Otto Bauer kennen, Friedrich Adler und Max Adler, viele russische Wissenschaftler“ (Abendroth 1976, S. 67).

  26. 26.

    Das ganze Konstrukt eines „westlichen Marxismus“ entsprang dem Bemühen der Neomarxisten der 1970er-Jahre, sich eine Ehrengarde von prominenten „anti-revisionistischen“ Vorvätern zuzulegen. Nur im Gegensatz zum Aufstieg der Partei- und Staatsideologie des Marxismus-Leninismus hat es einen gewissen Sinn, allerdings um den Preis, dass zahlreiche (sowjet-)russische, polnische oder sonst wie „östlich“ zu verortende marxistische Gelehrte, von den zahlreichen Schulen des japanischen Marxismus ganz zu schweigen, ausgeschlossen werden. Die japanischen und chinesischen Marxisten waren von den westeuropäischen Debatten weit stärker beeinflusst als vom spezifisch russischen Leninismus. Wie man es auch dreht und wendet, die Rede vom „westlichen Marxismus“ bleibt schlechte Geographie, keine Sozialwissenschaft. Die Behauptung angelsächsischer Autoren wie Anderson oder Arnason, „westliche Marxisten“ seien an politischer Ökonomie gründlich desinteressiert gewesen, ist unhaltbar; allerdings gehören derlei Legenden zum Traditionsgepäck des Neomarxismus.

  27. 27.

    Man muss sich dabei in Erinnerung rufen, daβ ein Groβteil der Manuskripte und Notizbüchern von Marx’ Hand, in denen der verschlungene Forschungs- und Lernprozess von Marx (und Engels) dokumentiert wird, damals noch unveröffentlicht und weithin unbekannt waren.

  28. 28.

    Schmidts Behauptung, dass Grünbergs wissenschaftliche Intentionen und Verfahrensweisen die spätere Arbeit des Instituts nicht „spezifisch beeinflusst“ haben, scheint mir übertrieben (Schmidt 1980, S. 7*). Es sei denn, man wollte unter spezifischem Einfluss eine Schulenbildung im Institut verstehen. Dagegen spricht, dass Horkheimers Programmatik keinen wirklichen Bruch mit dem Gerlachschen Gründungsmanifest oder Grünbergs 1924 Forschungsprogramm und -praxis darstellte (siehe dazu unten).

  29. 29.

    Grünberg wie den Austromarxisten war sehr klar, dass Marx’ und Engels’ Forschungsprogramm in einem vordisziplinären Zeitalter entstanden war und daher in keine der inzwischen etablierten akademischen Disziplinen hineingezwängt werden konnte. Da Soziologie wie Philosophie sich zu neuen akademischen Teildisziplinen gemausert hatten, das Versprechen einer sozialwissenschaftlichen Synthese mit Hilfe einer neuen „Integrationswissenschaft“ wenig glaubhaft schien, blieb nur der Ausweg einer interdisziplinären Forschungspraxis. Die konnte entweder zu neuen Interdisziplinen kreuz und quer zur bisherigen disziplinären Struktur oder zur Transdisziplinarität, zu einer neuen „Einheit der Sozialwissenschaften“ führen.

  30. 30.

    Felix Weils Memorandum an den Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung vom 01.11.1929 befindet sich im Frankfurter Universitätsarchiv unter den Kuratoriumsakten 3/30 – 17 Institut für Sozialforschung. Das Memorandum wurde mehrfach vorgestellt, so bei Kluke 1972, S. 413 ff., Migdal 1981, S. 108 ff., Buckmiller 1988, S. 174 ff.

  31. 31.

    Vgl. Pollock 1923. Es war auch Pollock, der 1926 eine ausführliche Anti-Kritik zu Werner Sombarts endgültiger Abrechnung mit dem Marxismus schrieb (Pollock 1926).

  32. 32.

    Vgl. Pollock 1929. Die Schriftenreihe des Instituts hieβ offiziell „Schriften des Instituts für Sozialforschung an der Universität Frankfurt am Main, herausgegeben von Carl Grünberg“. Nach der bestgeglaubten Legende interessierten sich die „westlichen Marxisten“ (als deren wichtigste Vertreter einige Protagonisten der Frankfurter Schule gesehen werden) nicht für politische Ökonomie. Dass die ersten Buchpublikationen, mit denen das Institut für Sozialforschung hervortrat, gewichtige Bücher zur politischen Ökonomie und nicht zur Philosophie waren, wird geflissentlich übersehen.

  33. 33.

    Die schon erwähnten Dissertationen von Mandelbaum und Brockschmidt wurden allerdings 1926 und 1927, also noch in der Ägide Grünberg, erfolgreich abgeschlossen, aber nicht mehr in der Schriftenreihe veröffentlicht. Über Katz’ Arbeit zum Austromarxismus oder Biehahn Studie zum Leninismus ist nichts weiter bekannt.

  34. 34.

    Gemeint war, dass die Austromarxisten in der Diskussion der Marxschen Reproduktionsschemata eine Art „Gleichgewicht“, ja sogar einen möglichen „gleichgewichtigen“ Akkumulationspfad zu skizzieren versucht hatten. Das war genau Marx’ Absicht, er hatte die Sache nur nicht zu Ende geführt, wie Rosa Luxemburg ganz richtig bemerkte.

  35. 35.

    Es sind genau diese starken Behauptungen Grossmanns, die die Neue Linke in Deutschland und anderswo schon in den 1960er-Jahren faszinierte. Sie glaubte ihm aufs Wort, wie auch die heutigen Anhänger Grossmanns vor allem in der Englisch sprechenden Welt.

  36. 36.

    Friedrich Pollock, der eine Menge von der Sache verstand, hatte die Publikation von Grossmanns Buch mit einigen Bauchschmerzen und Bedenken passieren lassen, immerhin ging es um die erste Buchpublikation des Instituts, mit der man Flagge zeigen wollte. Aus Loyalität gegenüber Grünberg, dessen Assistent Grossmann noch immer war, hielt er aber seine Kritik zurück, wie er später in einem Privatbrief an Max Horkheimer eingestand. Grossmann hatte einen zweiten Band angekündigt, in dem er etliche der in seinem Buch offen gebliebenen, bzw. per Behauptung erledigten Probleme untersuchen wollte. Dass dieser nie erschien, hängt wahrscheinlich auch mit der durchaus skeptischen Aufnahme seines Buchs im Institut (nicht nur durch Pollock) zusammen. Bis zu seinem Tode kämpfte Grossmann mit diversen Anti-Kritiken, die entsprechenden Manuskripte befinden sich heute in seinem Nachlass in Warschau.

  37. 37.

    Das galt insbesondere für das „Zusammenbruchsgesetz“, das er Marx zuschrieb. Grossmann lebte in dem Wahn, es müsse sich in den Marxschen Manuskripten doch eine ausformulierte Fassung dieses „Gesetzes“ finden lassen. Nachgeforscht hat er nicht, obwohl das leicht möglich gewesen wäre.

  38. 38.

    Dennoch kam es nicht zum Bruch, vermutlich weil Grünberg schon zu krank war, um Grossmanns Buch noch zur Kenntnis nehmen zu können. Zur Festschrift für Grünberg 1932 steuerte Grossmann noch einen Aufsatz bei, die letzte Verbeugung vor seinem Förderer und Chef.

  39. 39.

    Vgl. Helene Bauer 1929. Helene Bauer hatte auch Sternbergs Imperialismus Buch im Kampf kritisiert. In beiden Fällen darf man annehmen, dass Otto Bauer weitgehend mit den Ansichten seiner Frau übereinstimmte. Den besten Überblick über die Grossmann-Debatte der Zeit geben Howard und King (1989).

  40. 40.

    Die Trennung von Grossmann erfolgte erst viele Jahre später, im US-amerikanischen Exil. In den ersten Jahren der Ägide Horkheimer orientierte sich Grossmann um auf sozialhistorische Arbeiten über die Entstehung des bürgerlichen Weltbildes und der modernen Wissenschaft (vgl. Grossmann 1935). Ironischerweise passte diese Grossmannsche Arbeit über die Entstehung der modernen Naturwissenschaften im Kontext der frühen Manufakturperiode des Kapitalismus viel besser in Grünbergs Forschungsprogramm als seine Studien zur Marxschen Ökonomie. Abgesehen von der Enttäuschung über die allseits unfreundliche Aufnahme seines Buchs spielte bei Grossmann auch ein politisches Motiv mit. Er sollte die Arbeit Franz Borkenaus, eines abtrünnigen Kommunisten, kritisieren.

  41. 41.

    In der Theoriezeitschrift der Komintern, Unter dem Banner des Marxismus, die auch in einer deutschsprachigen Ausgabe verbreitet wurde, waren Generalabrechnungen mit den Austromarxisten an der Tagesordnung (vgl. für viele Thalheimer 1925/26, 1928).

  42. 42.

    Was den Vorrang sozialphilosophischer Überlegungen und insbesondere die Bedeutung des philosophischen Materialismus angeht, gab es einen deutlichen Dissens zwischen Horkheimer und vor allem Max Adlers zahlreichen Versuchen, die „materialistische Geschichtsauffassung“ ohne Bezug auf einen philosophischen Materialismus zu begründen. Adler umfangreichster Versuch einer Gesamtdarstellung, in zwei Bänden 1930 und 1931 veröffentlicht (weitere Teile erschienen posthum, in den 1960er-Jahren), paradoxerweise „Lehrbuch der materialistischen Geschichtsauffassung“ betitelt, fand keine gute Aufnahme. Auch nicht am Frankfurter Institut. Horkheimers einzige explizite und sehr kritische Auseinandersetzung mit Max Adlers Philosophie in der Zeitschrift für Sozialforschung stammt aus dem Jahre 1933 (vgl. Horkheimer 1933). Ausführlich hat sich nur Herbert Marcuse mit Adlers Sozialphilosophie befasst und ihn heftig kritisiert (vgl. Marcuse 1930).

  43. 43.

    Grünberg hatte sich in der Tat stark auf den Aufbau der Infrastruktur eines Forschungsinstituts konzentriert. Als er nach Frankfurt kam, dachte er, wenigstens acht Jahre Zeit zu haben bis zu seinem vertragsgemäßen Ausscheiden als Direktor im Jahre 1932. Daher betrieb er Bibliotheksaufbau und Materialsammlung mit Vorrang, auch um seinen künftigen Doktoranden und Mitarbeitern die Minimalbedingungen für produktives Arbeiten bieten zu können. Horkheimer hatte dank Grünbergs Vorarbeit diese Sorgen nicht mehr.

  44. 44.

    Man muss sich vergegenwärtigen, dass die neoklassische Ökonomie damals, zu Anfang der 1930er-Jahre, noch keineswegs die akademische Ökonomie dominierte, jedenfalls nicht in Deutschland. Die deutschen Ökonomen sind historisch Spätbekehrte, daher heute umso wütendere Anhänger der reinen neoklassischen Lehre. Zu Horkheimers Zeiten gab es noch zahlreiche Vertreter der jüngeren Historischen Schule auf den Lehrstühlen für Nationalökonomie an deutschen Universitäten. In Frankfurt lehrte Franz Oppenheimer, alles andere als ein Neoklassiker, der junge Adolph Löwe übernahm nach Grünbergs Erkrankung dessen Lehrstuhl für politische Ökonomie an der Frankfurter Universität, der an das Institut für Sozialforschung gekoppelt war. Auch Löwe, ein Schulfreund Max Horkheimers, verstand sich nicht als Neoklassiker, hielt aber sehr viel von empirisch-statistischer Wirtschaftsforschung.

  45. 45.

    Allein dieser Satz zeugt von einer weit aufgeweckteren Marx-Lektüre des jungen Horkheimer als sie bei den meisten der heutigen Anhänger der Kritischen Theorie zu finden ist.

  46. 46.

    Als Pollock dies schrieb, war in der radikalen Linken, nicht nur in Deutschland, das Gerede von der Todeskrise, vom nahen Ende des Kapitalismus beliebt und weit verbreitet. Der Kapitalismus sei am Ende, hieß es, er sei als sterbendes System zu betrachten, das all seine Möglichkeiten bereits erschöpft habe, selbst weiterer technischer Fortschritt sei ausgeschlossen. Das war die sovielte gedankenlose Wiederholung des Kardinalfehlers von Lenin und einer Reihe anderer Enthusiasten, die schon lange vor dem Ersten Weltkrieg zu sehen meinten, dass der Kapitalismus endgültig an seine Grenzen gestoßen sei, nicht mehr weiter und daher leicht umgestoßen werden könne, selbst mit einem Coup in einem Land wie Russland, das sich noch an der Peripherie der kapitalistischen Entwicklung befand. Der Urheber dieser Untergangsprophezeiungen war übrigens kein Marxist, sondern der britische Liberale John A. Hobson.

  47. 47.

    Herbert Marcuse war einer der ersten, der die Bedeutung der 1932 zum ersten Mal veröffentlichten Ökonomisch-philosophischen Manuskripte von 1844 aus dem Marxschen Nachlass erkannte. Er würdigte sie in einem langen Beitrag in der Gesellschaft, der Theoriezeitschrift der SPD, deren Chefredakteur kein anderer war als der alte Austromarxist Rudolf Hilferding (vgl. Marcuse 1932).

  48. 48.

    Dazu gehörten Renners Versuch einer Reformulierung der Soziologie und, im Anschluss an Otto Bauer, einer erneuten Rekonstruktion des Weltbilds der Moderne (Renner 1952, 1954).

  49. 49.

    Ausführlicher hat sich Habermas vor allem mit Max Adlers Versuchen zur philosophischen Begründung der materialistischen Geschichtsauffassung befasst. Anders als Horkheimer konnte Habermas dem Adlerschen Sozialapriori durchaus etwas abgewinnen (vgl. Habermas 1983). Die kurzlebige Wiederentdeckung des Austromarxismus in Italien und in der Bundesrepublik (vgl. Abendroth 1982) hat allerdings kaum zu einer ernsthaften Beschäftigung mit dem theoretischen Erbe dieser „Reformisten“ und „Revisionisten“ geführt (vgl. Krätke 1997).

  50. 50.

    Vgl. zu den engen Kontakten zwischen den Austromarxisten und dem „Wiener Kreis“, die über Otto Neurath liefen: Sandner 2014.

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Authors and Affiliations

  1. 1.Department of SociologyLancaster UniversityLancasterGroßbritannien

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