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Kulturindustrie der Pornografie

  • Thorsten BenkelEmail author
Living reference work entry
Part of the Springer Reference Sozialwissenschaften book series (SRS)

Zusammenfassung

Im Kulturindustrie-Kapitel der Dialektik der Aufklärung tauchen nur wenige Referenzen hin zur Sexualität auf, obwohl auch das Sexuelle in kulturindustrielle Schemata gepresst wird; heute vermutlich mehr denn je. Explizite Darstellungen sexuellen Handelns haben sich mittlerweile auf eine Weise kulturell etablieren können, die bisweilen von der Marktförmigkeit der pornografischen Ware ablenkt und den Eindruck vermittelt, es handele sich um Beweisstücke einer von übertriebener Scham und Körperentfremdung ‚befreiten Gesellschaft‘. Mit Rückgriff auf Horkheimer und Adorno lässt sich indes zeigen, dass die Innovationen und Ausdifferenzierungen der Pornografie sie nicht ohne weiteres aus dem Bannkreis der Kulturindustrie heben, sondern vielmehr ihre Verwurzelung darin noch vertiefen.

Schlüsselwörter

Kulturindustrie Pornografie Sexualität Massenmedien Prostitution Ökonomisierung 

1 Einleitung

Gleich im ersten Satz des Kulturindustrie-Kapitels von Max Horkheimers und Theodor W. Adornos Dialektik der Aufklärung wird die „soziologische Meinung“ zurück gewiesen, dass Tendenzen der gesellschaftlichen Ausdifferenzierung und Traditionsauflösung in ein „kulturelles Chaos“ lenken. Vielmehr sei Kultur omnipräsent und „schlägt“, so die bekannte Diagnose, heute (dem Heute zu Anfang der 1940er-Jahre), „alles mit Ähnlichkeit“. „Film, Radio, Magazine“ systematisieren und vereinheitlichen Kulturleistungen im Zeichen eines „technischen Fortschritts“, der „wohlorganisiert[]“ und homogenisierend wirkt: Allgemeines und Besonderes erhalten eine gemeinsame „falsche Identität“. Der Effekt: „Lichtspiele und Rundfunk brauchen sich nicht mehr als Kunst auszugeben. Die Wahrheit, daß sie nichts sind als Geschäft, verwenden sie als Ideologie, die den Schund legitimieren soll, den sie vorsätzlich herstellen.“ (141)1

Die Kulturindustrie, die Horkheimer und Adorno anhand der Wohnverhältnisse, des Wirtschaftssystems, der Normativität des Uniformierens von Geschmack und Lebensstil und insbesondere angesichts der kommerziellen Unterhaltungs- und Zerstreuungsangebote in technischen Massenmedien aufscheinen sehen, findet nun in der heutigen Gegenwart – in der Zeitspanne um die Jahrtausendwende – eine besonders nachdrückliche Ausprägung im Bereich der Pornografie. Denn Pornografie ist mittlerweile nicht länger im Dunkelfeld der verbotenen und verpönten Literaturen beheimatet, sondern hat sich als populärkulturelles Unterhaltungsgenre derart nachdrücklich emanzipieren können, dass von einer „Kultur der Pornografie“ (Faulstich 1994), ja sogar von einer „Pornografisierung der Gesellschaft“ (Schuegraf und Tillmann 2012) die Rede ist. Pornografie zu rezipieren, sie zu besprechen, sie ernst zu nehmen und sie als Symptom der Zeit aufzufassen, ist zu einer offen wähl- und vertretbaren Option geworden, nachdem das Pornografische lange Zeit Eingeweihten lediglich für den uneingestandenen Privatkonsum vorbehalten war (vgl. Marcus 1979). Die Ära der dominant-eindimensionalen, wenig Spielraum offen haltenden Einstellung ist mittlerweile also vorbei: Eine eindeutige Handhabungsdevise für pornografische Produkte lässt sich aktuell nicht mehr auffinden und je nachdem, wen man fragt, fallen die Antworten, worum es eigentlich geht und weshalb Pornografie (nicht) schädlich sei, sehr unterschiedlich aus. Eine Pluralität legitimer Umgangsformen hat sich zu etablieren vermocht, wobei sich allerdings allein anhand der (vorkritischen) Betrachtung der diversen An- und Verwendungsdiskurse nicht sagen lässt, ob es sich um primär Befreiungs- oder vorrangig um subtile Repressionsmechanismen handelt, oder womöglich um eine dialektische Verkettung beider Stränge. Anders gefragt: Ist Pornografie womöglich (sexuelle) Aufklärung als Massenbetrug? Nachfolgend sollen anhand der Überlegungen Horkheimers und Adornos die spezifischen kulturindustriellen Facetten der (Gegenwarts-)Pornografie heraus gestellt werden.

2 Pornografie: Sexuelle Arbeit?

Es ist ein Kennzeichen der Kulturindustrie, so Horkheimer und Adorno, dass „Zweifel an der gesellschaftlichen Notwendigkeit“ der Produkte von den Produzenten selbst niedergeschlagen werden (141). Entscheidend seien, so lautet deren Legitimation, allein die „Bedürfnisse“, welche eine technologische Massenan- und abfertigung forcieren. Horkheimer und Adorno sprechen von einem „Zirkel von Manipulation und rückwirkendem Bedürfnis“, der sich dabei schließe (142). Im Fall der Pornografie ist die technologische Komponente der industriellen Fertigung immanent, wenngleich der ‚Rohstoff‘ ein vermeintlich ‚natürlicher‘ ist. Sexuell aktive Leiber, die zueinander finden und sich im Zuge lustvollen Begehrens miteinander verbinden (vgl. Benkel 2012, 2014), scheinen auf den ersten Blick lediglich das umzusetzen, was eine bewusstseinslose Natur ihnen durch die Tatsache auferlegt hat, dass sie ihnen Körper schenkte. Die Bereitschaft, Sexualität auszuleben und die Kompetenz dafür sind nun aber umso deutlicher an Unterrichtungs- und damit an Fremdvermittlungsinstanzen gekoppelt, je ‚zivilisierter’ die just untersuchte Gesellschaft (oder Gesellschaftsschicht) sich selbst interpretiert. Das erklärt, weshalb sexuelle Aktivitäten nicht schlichtweg dann vollzogen werden, wenn sich erste Neugier (kognitiv wie physiologisch) regt. Im Gegenteil, damit die scheinbare erotische ‚Körpernatur‘ legitim ausagiert werden kann, muss sie in den westlichen Industrienationen Stadien der expressiven Anerkennung kultureller Umgangsschemata durchlaufen. Folglich findet Sexualität in den allermeisten Fällen im Rahmen von auf Langfristigkeit angelegten Intimbeziehungen statt (vgl. Sigusch 2005, S. 170). Sie darf außerdem erst ab einem bestimmten Alter erprobt werden, spezifische Paarkonstellationen (wie enge Verwandtschaftsgrade) sind verboten und gemeinhin sind die Bedingungen der Möglichkeit sexueller Interaktionen an den Austausch von Vertrauen, Solidarität, Zuneigung usw. gebunden. Diese vergleichsweise aufwändigen Hürden zum Erleben und simultanen Gestalten sexuellen Handelns können dadurch umgangen werden, dass entweder masturbiert wird – dass also körperliche Lust generiert wird unter Preisgabe des sozialen Aspekts, der allenfalls in der Fantasievorstellung (als der imaginierte Andere) noch präsent ist –, oder dadurch, dass ein Gegenüber für die sexuelle Gefälligkeit bezahlt wird, d. h. im Kontext der Prostitution. Sexualität als Dienstleistungshandeln zu kaufen und zu verkaufen wiederum bedeutet, eine „sexuelle Anomie“ (Emile Durkheim) zu betreiben, von der traditionell viele männliche Gesellschaftsmitglieder in sexueller und einige weibliche Gesellschaftsmitglieder in ökonomischer Hinsicht profitieren.

Auch Sexarbeit ist eine Art ‚technologische‘ Industrialisierung von Bedürfnissen. In der mechanischen Ausführung, wie sie in Bordellen und vor allem in so genannten ‚Laufhäusern‘ empirisch beobachtet werden kann (vgl. Benkel 2010), ist sie ein Geschäft mit zwei ungleichen Waren, die in diesem Feld – unter allgemeiner sozialer Missbilligung und somit unter klandestinen Rahmenbedingungen – jedoch weitgehend problemlos getauscht werden können. (In Deutschland ist Sexarbeit, im Gegensatz zu vielen anderen Staaten in und außerhalb Europas, nicht verboten, indes aber seit 2016 durch das „Prostitutionsschutzgesetz“ erheblich in der Entfaltung eingeschränkt; vgl. Benkel 2016.) Technologisch ist daran weniger das körperliche Agieren, dessen Ausgestaltung schließlich vom konkreten Interesse und vor allem von der Zahlungsbereitschaft der Kundschaft diktiert wird, als vielmehr die Ausschaltung bordell-externer Verhaltensregeln. Die Wege, die zu Sexualerlebnissen abseits ökonomischer Interessen führen können (aber nicht zwingend müssen), bergen mehr Unwägbarkeiten – denn die Einschaltung des Geldes führt zu einer radikalen Vereinfachung (so übrigens schon Simmel 2000, S. 513 f.).2 Da das soziale Regelwerk im prostitutiven Zusammenhang durch ein instrumentelles Verhältnis ersetzt wird, fallen die Aushandlungen wenig komplex aus: Die Artikulation von Wünschen und Preisen ist minimalistisch, die Ausführung verläuft routiniert, der Gesamteindruck ist der einer Fließbandproduktivität, bei der es, nebenbei bemerkt, zu alltagsuntypischer Kompromissbereitschaft kommt. (So gilt offensive Promiskuität in der privaten Sexualität mithin als moralisches oder wenigstens potenziell gesundheitsschädigendes Problem, derweil in der Sexarbeit wechselnde Geschlechtspartner eine allseits anerkannte Wirklichkeit sind, unter Ausblendung der sonst überaus relevanten und wertgeschätzten, unter Marktbedingungen aber ganz deplatzierten ‚Exklusivitätsempfindungen‘; vgl. Benkel 2015.)

Die Vorstellung von einer ‚sexuellen Natur‘ oder gar von einem ‚sexuellen Trieb‘, der sich unabhängig von kulturellen Einflüssen in diesen Situationen Bahn brechen müsse, sind sexualwissenschaftlich längst ins Reich der populären Mythen zurück gedrängt worden (vgl. Stoller 1979; Weeks 2012). Allerdings wird die vermeintlich ‚unbändige Leidenschaft’ von Freien als Ausrede dafür benutzt, weshalb ihre natürliche, d. h. über den Körper vermittelte Disposition sie zu einem Verhalten gewissermaßen ‚zwingt‘, das gegen jene gesellschaftlichen Werte verstößt, die sie üblicherweise selbst vertreten und durch ihr Sozialisierungshandeln propagieren. Aus der Perspektive mancher Prostitutionskunden (doch bei weitem nicht bei allen, denn auch in diesem Bereich gibt es selbstverständlich reflexive Strategien des Umgangs mit der alltagsuntypischen, sozial illegitimen Situation) reagiert die Sexarbeit lediglich auf ein faktisch vorhandenes, vom bewussten Willen der Kunden entkoppeltes, gewissermaßen ‚tieferes‘ Bewusstsein und stellt eine quasi-maschinelle, weitgehend anonymisierte Lösung für das fiktive Problem der ‚Anstauung‘ dar, für die es in der bürgerlichen Mainstream-Gesellschaft keine andere Antwort gibt als Duldsamkeit, Einsamkeit oder die Mixtur aus beidem: Enthaltsamkeit.

Von hier lässt sich nun eine Brücke zum Phantasma der ‚gesellschaftlichen Notwendigkeit‘ pornografischer Produkte schlagen. Es soll an dieser Stelle nicht darum gehen, en detail zu (er-)klären, was unter Pornografie zu subsumieren ist und wo die Grenzziehung in Richtung Kunst oder gar zur ‚normalen Sexualität‘ hin exakt verläuft. Die Demarkationslinien sind flexibel geworden und erlauben keine eindeutige Bestimmung mehr – und zweifellos ist schon dies ein Kennzeichen der erfolgreichen kultur(industri)ellen Hochstufung pornografischen Handelns (was die Erzeugung der Möglichkeit pornografischen Handelns mit einschließt). Etymologisch steht Pornografie für das ‚Aufschreiben‘ der Tätigkeiten von ‚Huren‘, wodurch in sprachlicher Hinsicht eine weitere Verbindung zur Prostitution besteht. Gemeint sind, allgemein gesprochen, Darstellungen expliziter sexueller Handlungen in einem spezifischen Inszenierungsrahmen, die aufgezeichnet und/oder auf andere Weise übertragen werden und damit rezipierbar sind. Die genaue Choreografie des sexuellen Geschehens ist dabei nahezu beliebig: Das Spektrum reicht von der Imitation partnerschaftlichen Zusammenseins unter expliziter Einbeziehung von Zärtlichkeit (was kulturindustriellen Pauschalfertigungen vermeintlich abzugehen scheint) über Widerspiegelungen alltagsweltlicher Sexualpraktiken unter dem Etikett der ‚Amateur-Pornografie‘,3 bis hin zum quantitativ vermutlich am stärksten repräsentierten Bereich: einer Bilderwelt inszenierter Exzessivitäten, wo mehrere Leiber sich ineinander verschlingen und dabei die sexuelle Handlungslogik bis an die Grenzen des körperlich Machbaren ausdehnen.

Zur Ideologie der Pornografie gehört seit ehedem das, was bei Horkheimer und Adorno in anderen Zusammenhängen als „Rationalität der Herrschaft“ (142) angesprochen wird. Hinter dem inszenierten Ausbruch aus der Alltäglichkeit (denn außeralltäglich muss Pornografie sein, um Pornografie sein zu können) steht eine herrschaftliche, weil steuernde und strukturierende Machtinstanz, die diese Position gerade aufgrund ihrer Befähigung innehat, innerhalb einer vermeintlich besinnungslos dem Primat der Lust ausgelieferten Situation vernunftbegabt zu bleiben. Pornografie ereignet sich nicht spontan und unreglementiert in den Schlafzimmern, sondern gut ausgeleuchtet und logistisch durchdacht in Produktionsstudios. Da, wo Pornografie ausdrücklich die eigene Ausdifferenzierung zelebrieren will, sind die Vollzugsstätten hingegen auffallend abweichend (so gibt es beispielsweise pornografischen Sex an öffentlichen Orten oder unter Einbeziehung von – mehr oder minder eingeweihten – ‚Zufallspassanten’). Stets aber ist eine lenkende, die außersexuellen Effekte des Geschehens berücksichtigende Hand im Spiel, die im sicheren Wissen agiert, dass nicht die körperlich empfundene Lust, sondern die aus der Betrachtbarkeit der Lust sich speisende Lust potenzieller Zuschauer die entscheidende Währung pornografischer Waren ist. Da Pornografie, anders als Prostitution, ihre Rezipienten für gewöhnlich text- bzw. bildförmig erreicht, ist die leibliche Einbeziehung in jene orgiastische Utopie, welche die Pornografie ausbuchstabiert, als gebe es nichts anderes als die Herrschaft des Sexus, verunmöglicht; allein die Masturbation kann die nicht einmal entgangene, weil zu keinem Zeitpunkt mögliche Mitwirkung kompensieren. Doch selbst dieses Manko ist in Sparten der pluralisierten Pornografie mittlerweile beseitigt worden: Gegen Entgelt, bisweilen sogar ohne Investition, können Anhänger diverser Sub-Genres am pornografischen Narrativ partizipieren. Über Internetseiten werden Kontaktmöglichkeiten angeboten und Partizipationsbedingungen vorgegeben. Dafür haben sie allemal den Preis zu entrichten, sukzessive Räder im Getriebe der pornografischen Fremdrezeption anderer zu sein und dieser Rolle dürfen sie sich nicht schämen. Ausdruck des „Zwangscharakter[s] der entfremdeten Gesellschaft“ ist bei all dem der Überblick, den diejenigen haben, die in einer sonst gemeinhin ‚kunsttypischen‘ Rolle (also als Regisseur, Produzent, Kameraperson usw.) bestimmen, in welche Richtung die rationale Organisation der Lustausbrüche geht.

Die überbordende Begierde, die die Pornografie aufzeigt, zumal in der sicheren Gewissheit, dass das Präsentierte die Erlebnismöglichkeiten der allermeisten Betrachter transzendiert, darf nur unter den Bedingungen strikter Marktförmigkeit erlebt werden. Also nur dann, wenn das Produkt, dass der Sex nicht an sich ‚ist‘, sondern zu dem er technologisch verarbeitet wird, in der Folge eine Karriere als gewinnbringende Investition aller Voraussicht nach antreten wird. Deshalb ist die Pornografie, obwohl vordergründig von Innovationsgeist geprägt, weil schließlich immer wieder etwas Neues geliefert werden muss, in Wahrheit dem einen zentralen Kern der Sache verbunden: der Pflicht, nicht lediglich Körperkoordination zu sein, sondern noch dazu attraktive Rezeptionsofferte. Gerade deshalb, weil die pornografische Sexualität in vielen, wenn auch nicht allen Fällen die soziale Wirklichkeit sexuellen Handelns in der Alltagswelt an Spontaneität, Begehrensartikulation und ästhetischer Herrichtung übertrifft, transportiert sie als dialektischer Subtext die Einsicht, dass all dies nur möglich und als Mögliches sichtbar ist, weil Rationalität, Kalkül und wirtschaftliche Erfahrungswerte die Motivation dafür vermittelt haben. Auch dies ist „falsche Identität“, insofern in der Porno-Branche nichts sich als „Kunst auszugeben“ braucht, weil es nichts gäbe, was in „Wahrheit“ nicht „als Geschäft“ konzipiert worden ist (142).

Spricht man diese einfache Wahrheit aus, sind kritische Stimmen heutzutage nicht fern. Pornografie sei einerseits ein Meta-Genre, über das sich nicht so fokussiert sprechen lasse wie über Western, Komödie und Science-Fiction, heißt es beispielsweise. Außerdem habe die Pornografie längst die Sünden ihrer repressiven Vergangenheit hinter sich gelassen und adressiere mittlerweile auch Frauen bzw. gewähre auch Minderheiten und Personen mit abweichender (Sexual-)Ästhetik eine Bühne (siehe unten). Diese Expansion wird offenbar als wertsteigerndes Manöver gedeutet oder zumindest verkauft. Ferner handele es sich um ein harmloses Vergnügen, bei dem schließlich die Zuschauer mündig entscheiden, wann, wo, wie lange und mit welcher Wirkung sie entsprechende Produkte rezipieren – während auf der anderen, der Produktionsseite, Freiwilligkeit, Experimentierfreude, ja eine fast avantgardistisch zu nennende List des Abweichens vom Mainstream den Ausschlag geben. Gerade aufgrund des über das Internet mühelos gewährten Zugangs sei Porno, wird hier und da unterstellt, außerdem geradezu ein Moment der Demokratisierung; das visuelle Begehren pornografischer Offerten habe sich allen politischen und sonstigen grenzziehenden Hindernissen zum Trotz schließlich globalisieren können. Dies ist zumindest von jenen Betreibern einschlägiger Webseiten bekannt, die sich en passant als Verantwortungsträger in Szene setzen und neben das Primat des Begehrens solche Werte wie die Rettung des Regenwaldes (sic) oder zumindest das Sammeln von statistischen Daten setzen, letzteres mit der Zwecksetzung, durch Zahlenmaterial die faktische Anerkennung der Pornografie im Allgemeinen und ihres konkreten Angebotes im Speziellen festzuschrieben. Und zuletzt wird noch angeführt, dass es unrealistisch wäre, Pornografie zu verdammen, wo sie doch längst ein offenkundiger Bestandteil der sexuellen Kultur (nicht nur) von internetaffinen Jugendlichen sei.

Im Gegenzug lässt sich die Frage stellen, ob hierbei nicht die – im Übrigen insbesondere bei Adorno überaus liberal betrachtete – Sexualität das eigentliche emanzipatorische Element ist, welches gleichzeitig so harmlos und ‚natürlich‘ und andererseits so provokativ und subversiv verhandelt wird. Die Einkleidung in das pornografische Setting schlägt der tatsächlich vorliegenden Absage an verschüchterte Konformität, die in der Entkopplung subjektiven sexuellen Tuns von kollektiven, gar erzieherischen Idealen wurzelt, indes ein Schnippchen. Denn während Begehren und Lust, die sich nicht nur körperlich, sondern überhaupt sinnlich denken und ausagieren lassen, ihre Qualität fraglos auch ohne die Einschaltung von technischen Aufzeichnungs- und Übertragungsmedien entfalten können (wie sie überhaupt auf jegliche Belehrung verzichten können), bewirkt Pornografie allenfalls eine assoziative Zuschreibung dieses Wertes. Es mag so aussehen, als sei alles gut und als seien Freiheit und Autonomie überdeutlich verwirklicht; die Bilder ‚beweisen‘ ja, dass das sonst Verheimlichte erreicht worden ist. Doch wieso kann man überhaupt sehen, dass es so ist; was schafft die Möglichkeit, das gemeinhin in Zweisamkeit genossene körperliche Loslassen just davon abzutrennen? Durch die Verschiebung vom lustvollen Handeln zum medialen Report wird Sexualität in der Pornografie zur buchstäblichen Arbeit. Sie muss geleistet werden, damit ein Produkt entsteht, dessen Verhältnis zum Herstellungsgeschehen ein entfremdetes ist. Wäre sie nicht Arbeit, sondern Freizeit, so wäre sie in der Diktion Adornos gleichsam nicht weniger als eine in die Privatsphäre verschobene Fortführung spätkapitalistischer Beschäftigungslogik und daran können die Bilder angestrengter Sexualkonzentration nichts ändern, im Gegenteil. Sie bestätigen die Dialektik der Aufklärung, wo es heißt: „Dem Arbeitsvorgang in Fabrik und Büro ist auszuweichen nur in der Angleichung an ihn in der Muße. Daran krankt unheilbar alles Amusement.“ (159) Tatsächlich wirkt die Pornografie gerade da, wo sie plakativ in der Tiefe der Lust schwelgt, wie Hochleistungssport und dieser wirkt selbst wie Schwerstarbeit. So bestätigt sich eine aphoristische Weisheit des Kulturindustrie-Kapitels: „Fun ist ein Stahlbad“ (162).

„Der Schritt vom Telephon zum Radio hat die Rollen klar geschieden. Liberal ließ jenes den Teilnehmer noch die des Subjekts spielen. Demokratisch macht dieses alle gleichermaßen zu Hörern, um sie autoritär den unter sich gleichen Programmen der Stationen auszuliefern.“ (143) Pornografie, auch sie eine durch und durch medial vermittelte Angelegenheit, verteilt Rollen neu: Aktive Subjekte sind allenfalls die, die sich durch ihre Körper ‚ausdrücken‘, aber ihre Subjekthaftigkeit fällt unter den bewertenden, jedenfalls konsumierenden Blick passiver Subjekte, die ihnen denkbar fern stehen. Sie mögen von der Mitwirkung im Geschehen träumen, um insgeheim froh zu sein, nicht den Leistungsdruck und die Scham spüren zu müssen, die die Akteure vor der Kamera möglicherweise verfolgen wird. Ihre Passivität, ob nun akzeptiert oder nicht, ist der Kulturindustrie systemimmanent: „Der Wechsel auf die Lust, den Handlung und Aufmachung ausstellen, wird endlos prolongiert: hämisch bedeutet das Versprechen, in dem die Schau eigentlich nur besteht, daß es zur Sache nicht kommt, daß der Gast an der Lektüre der Menükarte sein Genügen finden soll.“ (161)

3 Ist Pornografie Aufklärung?

Zu den bereits erwähnten Legitimationsargumenten, die die Präsenz der Pornografie als Kulturelemente heutiger westlicher Gesellschaften festschreiben, gehört die Überlegung, dass Pornografie aufgrund ihres Ausdifferenzierungsgrades der Gegenentwurf zu den pädagogischen Warnhinweisen und Bevormundungen früherer Jahrzehnte darstellt. In einem Buch wie der Soziologie der Sexualität von Helmut Schelsky (1973), der etwa zeitgleich zu Horkheimer und Adorno die bundesrepublikanische Gegenwartsgesellschaft sezierte – wenn auch mit denkbar anderem Hintergrund und denkbarer anderer Stoßrichtung – sind normative Vorgaben greifbar, die im Kern eine Fundamentalkritik an gemeinschaftsdestabilisierenden, weil allzu individualisierenden Sexualkonzepten darstellen. Noch problematischer muss die Wirkung jener außerakademischen ‚Aufklärungsbücher’ gewesen sein, die in der Nachkriegszeit von einem größeren Publikum Zurückhaltung und Tugend verlangten (und in scharfem Gegensatz zu liberalen Blättern standen, die zaghaft für eine offenere Sexualkultur plädierten). Vor diesem Hintergrund liefert die Pornografie auf den ersten Blick tatsächlich eine Befreiung aus der vorherrschenden „Sexualfeindschaft“ (van Ussel 1970). Allerdings ist das Freisetzungspotenzial pornografischer Produkte selbst bereits das merkantilistische Echo von gesellschaftlichen Entwicklungen, die sich um 1968 in Deutschland, Frankreich, den USA und anderswo abgespielt haben. Die Absage an die repressive Sexualerziehung, die bis dahin nicht überall, aber gleichwohl weithin noch spürbar war, war im Kontext von ‘68 eine buchstäblich sinnliche; sie wurden nicht lediglich propagiert, sondern erlebt; ihre entscheidende Facette war ihr Praxisaspekt (vgl. Bänziger et al. 2015). Inwiefern darin auch eine Zurückweisung von theoretisierenden Auseinandersetzungen zu sehen ist, hängt von der Beobachterposition ab. Adorno jedenfalls hat 1963 in seinem Beitrag über „Sexualtabus und Recht heute“ (Adorno 1977) deutlich für die Befreiung aus den Fesseln auch sexueller Unmündigkeit plädiert, was indes anders denn als programmatisches Element einer Gesellschaftstheorie nicht formuliert werden konnte. Praxis hätte, so gesehen, das sein können und müssen, was in der Gesellschaft realiter verwirklicht wird – in bewusster Loslösung von sowohl didaktischen, wie auch kulturindustriellen Einflüssen.

Die legitimierte Pornografie, ein Kind der 1970er-Jahre, ersetzt die Erziehung zur erotischen Einschränkung nun aber nicht dadurch, dass sie als Blaupause tatsächlicher Befreiungs- oder gar Selbstverwirklichungsinteressen fungiert. Was gezeigt wird, ist so wenig das Ergebnis der authentischen Begierde von ‚Darstellern’, wie es Spiegel der unterdrückten Interessen der Betrachter ist. Am Anfang der Kulturindustrie der Pornografie steht, in jedem Fall wieder auf’s Neue, eben nicht eine irgendwie greifbar gewordene Sensibilität für das, was aktuell bewusst oder sogar unbewusst ersehnt wird; schon deshalb nicht, weil diese Sehnsüchte, selbst wenn sie greifbar wären, nur in Stellvertretung vorgeführt würden. Zu sagen, dass die eigentliche Interessenlage in Zeiten der gesellschaftlich etablierten Pornografie eben gerade die Rezeptionshaltung sei, also eine Betrachtung aus der Ferne ohne die Mühsal eigenen Agierens, wäre dem gegenüber resignativ – denn dann wäre die reale Sexualität zugunsten der virtuell-distanzierten im Hintertreffen, wo doch letztere darauf beruhen will, die heimliche Wahrheit der ersteren abzubilden.

In der Pornografie ist ein Level der Ausdifferenzierung erreicht, das prima facie den Eindruck gibt, es seien die denkbaren (was genau genommen bedeutet: die berechenbaren) Begehrensformen mittlerweile allesamt in pornografische Formen gegossen worden. Keine Lüste sind mehr ausgeschlossen; übertragen auf die Analyse der Kulturindustrie heißt das: „Für alle ist etwas vorgesehen, damit keiner ausweichen kann, die Unterschiede werden eingeschliffen und propagiert. Die Belieferung des Publikums mit einer Hierarchie von Serienqualitäten dient nur der um so lückenloseren Quantifizierung.“ (144) Dies gilt mutatis mutandis auch für generelle Produktionsunterschiede: „Was die Kenner als Vorzüge und Nachteile besprechen, dient nur dazu, den Schein von Konkurrenz und Auswahlmöglichkeit zu verewigen. […] [A]uch zwischen den teureren und billigeren Sorten der Musterkollektion der gleichen Firma schrumpfen die Unterschiede immer mehr zusammen.“ (144 f.) Die Unterstellung, dass im Fall des technisierten Medien- (und eben nicht Erlebnis-)Zusammenhangs namens Pornografie, ganz wie in der Kulturindustrie insgesamt, trotz Detailfülle eine ‚unersättliche[] Uniformität‘ angestrebt wird (145), kann schwerlich von der Hand gewiesen werden, schließlich leiten alle semantischen und formalen Differenzen in eine einzige Richtung: dorthin, wo hyperaktive Geschlechtsteile zu begutachten sind, deren Geheimnis, um eine weitere Formulierung der Dialektik der Aufklärung zu verwenden, zumindest hinsichtlich ihrer Anschaubarkeit damit endgültig ‚enträtselt‘ ist (146). Die ‚flüchtig getarnte Identität aller industriellen Kulturprodukte‘ (145) hört sich überaus pauschal an, doch eben darum geht es Horkheimer und Adorno: Die Kulturindustrie strebt schließlich eine „Totalität“ an, die keinen Ausbruch duldet (147). Die Pornografie, die Innovationen nur insofern duldet und integriert,4 wie sie dem längst bekannten Gesamtschema zuarbeiten, ist in diesem Sinne allemal totalitär.

Ein entscheidender Unterschied besteht allerdings darin, dass die Kulturindustriethese von Horkheimer und Adorno davon ausgeht, dass „die empirischen Gegenstände verdoppel[t]“ werden sollen, dass also „im Lichtspiel“ die „äußere Wirklichkeit“ (von der z. B. Kracauer 2003 ausführlich spricht) im Sinne einer „bruchlose[n] Verlängerung“ aufbewahrt und allenfalls zugespitzt werde (147). An anderer Stelle heißt es in diesem Sinne, die „vollendete Ähnlichkeit ist der absolute Unterschied“ (168). Das „Illusionstheater“ (147) lasse der Fantasietätigkeit der Konsumenten, so eine andere Passage, keinen Raum mehr, was zur „Verkümmerung der Vorstellungskraft und Spontaneität“ führe (148). Pornografie dupliziert nun aber nicht die sexuelle Realität der abgedunkelten Schlafzimmer, sondern führt, unter der Cover Story, es handele sich um ebenso spontane und leidenschaftliche Erfahrungen, wie sie dort zu vermuten sind, eine überdrehte, ja geradezu fantastische Alternative vor. Präsentiert wird ein „Pornotopia“ (Preciado 2012), das einerseits die Vorstellungskräfte des Publikums anzustacheln vermag, andererseits aber durch die Wendung ins Irrationale – nur der Sex kann die pornotopische Welt noch erlösen – sich der Aneignung als ‚pädagogisches’ Instrument widersetzt. Der medial vorgeführte Sexualakt verschweigt alles Profane und Routinierte und ist immer nur Ausnahme, immer nur Besonderheit. Pornografie beruht eher auf Attraktionslogik, denn auf Erfahrungsrealismus. Unter den Formaten der Kulturindustrie stehen Show und Zirkus ihr am nächsten5; Alltagsflucht wird hier zur Lustquelle, wenn auch immer nur temporär.

4 Pornografie als Kultur

Die Erfolgsgeschichte der Pornografie ist nicht dem Umstand geschuldet, dass sie sich in den Jahrzehnten ihrer zunächst klandestinen, dann verpönten, schließlich zunehmend anerkannten (d. h. offen diskutierten, durch zustimmende Fremdreferenzen affirmierten) Aktivitäten ausdifferenziert und verfeinert hat. Technische Fortschritte haben sie geprägt (vgl. Allhutter 2009), die spezifische Kreativität der Produzenten hat sie bunter gemacht, doch der sexuelle Akt mit seinen Rahmenbedingungen ist nach wie vor der einzige Mittelpunkt. Im Vordergrund steht eine „Reproduktion des Immergleichen“ (155), der Stil der Pornografie ist, dass es keinen gibt und die Permanenz der Handlung spiegelt sich in der Permanenz der Produktion: „alles muß unablässig laufen, in Bewegung sein“ (156). Ein Angebot, den realen Sex zu ersetzen, macht die Pornografie nicht; aber auch keins, ihn zu ergänzen. Es wirkt, als stünde es offen, sich autonom mit ihr zu befassen oder nicht, und, als gelte es für jeden, sich selbst seinen Reim darauf zu machen. Deshalb überleben auch ängstliche Distanz, Abgestoßensein und Ekel als Empfindungen, selbst wenn andererseits ‚Porno-Stars’ zu Talkshowgästen und Interviewpartnern der Tagespresse avanciert sind. Genau genommen, ist die distanzierte, die zufällige Rezeption vielleicht noch die subjektivste. Denn die Kenner der Materie, gewohnt, ständig neue Erfolge der körperlichen Leistungsjagd zu betrachten, sind irgendwann alles gewohnt und könnten dann den Unterschied zwischen Üblichkeit und Exzess vermissen, den die Wirklichkeit noch kennt. Dann gilt: „die Extreme, die sich berühren, sind in trübe Identität übergegangen, das Allgemeine kann das Besondere ersetzen und umgekehrt.“ (151) Wer hinter der Pornografie steht, weiß wiederum für gewöhnlich, dass das eigene Produkt für nichts mehr taugt, als für gelegentliche Rezeption; die Summe der Betrachter sorgt für den Umsatz, nicht die ‚anhaltende’ Qualität der Ware. Reale Sexualität ist eine überlegene Konkurrenz – mit Ausnahme jener wohl eher geringen Zahl an Fällen, in denen jegliches erotische Begehren durch den Blitzableiter der Pornografie in betonte Passivität abgelenkt wird.

Als Kulturindustriephänomen scheint die Pornografie sich ihres industriellen Charakters immer weniger schämen zu müssen, vermutlich, weil die Distributionsbedingungen heute ganz überwiegend vom Internet diktiert werden. Ausgestattet mit dem Vorteil der beliebigen Erreichbarkeit (und beliebigen Ignoranz) ist es nicht überraschend, dass das frühere Schmuddel-Image einer besseren Reputation gewichen ist, schließlich gilt das Internet als ‚demokratisches’ Medium. (Die Folge für die Kulturindustrie (nicht nur der Pornografie): „ihr Genuß wird dem Volke zugänglich wie Parks“ (183)).

Dass sie streng genommen kein Zwang ist, ist wohl die freundlichste Facette der Pornografie. Dass sie der Welt des kommerzialisierten Amusements angehört, ja vielleicht der provokanteste Beweis der Mesalliance von Geldverkehr und Glücksuche im intimen Privatleben ist, gleicht es wieder aus. Man kann sich der Pornografie leicht entziehen und dadurch sogar Anstand demonstrieren, oder sie indifferent schlichtweg nicht weiter verfolgen. Mitunter ist die Abkehr vom Pornografischen sogar die unmittelbare Folge seiner Präsenz: „Die Serienproduktion des Sexuellen leistet automatisch seine Verdrängung“, heißt es bei Horkheimer und Adorno (162), denn „Kulturindustrie setzt joviale Versagung anstelle des Schmerzes, der in Rausch wie Askese gegenwärtig ist.“6 (163) Industriell gefertigte Passivität kompensiert nicht die Leistungen, die in der völligen (und tatsächlich-hangreiflichen) Hingabe an eine Sache oder in der gleichsam hingebungsvollen Distanzierung gründen. Die „joviale Versagung“ steht für das Versprechen, dass die ekstatische Wunschwelt der Pornografie zwar im Moment der Produktion real existiert, dass der serielle und mechanistische Charakter aber die erfüllende Hingabe verunmöglichen. Man könnte daraus schlussfolgern, dass selbst die, die sich über Pornografie moralunternehmerisch echauffieren, heute nicht einmal mehr genügend vom körperlichen Fundament des nur text- und bildförmigen Geschehens mitbekommen, dass sie sich noch ernsthaft und nachhaltig darüber beschweren könnten.

Der selbst gestellte Auftrag der Pornografie ist nicht ‚Kulturarbeit‘, sondern scheint Motivation zu sein; vorwiegend hin zur Anfreundung mit der Produktpalette und damit, durch nachhaltigen Konsum, auch hin zur – immerhin autonom praktizierten – „einsamen Lust“ (Laqueur 2008). (Dadurch generiert sie aber durchaus Kulturveränderung; vgl. Lautmann und Schetsche 1990 und Kendrick 1996.) Andererseits frappiert, dass sich die Kulturindustrie der Pornografie dieses Ziel nicht offensiv auf die Fahnen schreibt, sondern Narrative so präsentiert, als seien sie realiter denkbar. („So redet kein Mensch, so bewegt sich kein Mensch, während der Film immerzu urgiert, so täten es alle“, heißt es über Spielfilme in Minima Moralia; Adorno 1980, S. 162.) Folglich muss Pornografie von denen, die diese Direktive akzeptieren, endgültig von der Subjektivität der eigenen Lust abgetrennt und somit als ‚äußerer Impuls‘ verstanden werden. Nicht man selbst macht etwas mit dem Porno, sondern er mit einem: „Dem müden Auge darf nichts entgehen, was die Sachverständigen als Stimulans sich ausgedacht haben, man darf sich vor der Durchtriebenheit der Darbietung in keinem Augenblick als dumm erweisen, muß überall mitkommen und selber jene Fixigkeit aufbringen, welche die Darbietung zur Schau stellt und propagiert.“ (161) Die Pointe besteht jedoch darin, dass darauf keine Befreiung folgt und schon gar keine Kultur sexueller Liberalität. Schließlich ist die Kulturindustrie – anders als die, wie Horkheimer und Adorno befinden, sowohl asketischen wie schamlosen Werke der Kunst – in ihrer Gesamtstruktur zugleich „pornografisch und prüde“ (162). Was sie verspricht, hält sie nicht ein. Wohl am besten beschreibt dies folgende Passage: „Keine erotische Situation, die nicht mit Anspielung und Aufreizung den bestimmten Hinweis vereinigte, daß es nie und nimmer so weit kommen darf.“ (162)

Deutliche Referenzen hin zur Pornografie bietet die Dialektik der Aufklärung weniger im Kapitel zur Kulturindustrie als im Exkurs über „Juliette oder Aufklärung und Moral“ (100–140), wo literarische Werke des Marquis de Sade hinsichtlich der darin auffindbaren Verkettung von Fortschritt und Regression untersucht werden. Sexuelle Raffinessen sind bei de Sade betont ‚unnatürlich‘, als gelte es mit einem zitierten Ausspruch von Lukrez darum, „den Hintergründen des Lebens“ mithilfe einer „kaltblütigen Analyse“ nachzugehen: „es ist der Körper allein, den ich liebe, und es ist der Körper allein, den ich beklage“, schreibt der antike Dichter (zit. nach 129). De Sade bekräftigt diese „Dissoziation der Liebe“ (130), indem er den Körper zur Leistungsmaschine degradiert, ja zum ultimativen Medium der Rationalisierung, was am Ende auch die Vernichtung des Körpers zu pornografischen Zwecken miteinschließt. Denn eben dies ist das Maximum der Naturbeherrschung: Wenn man sich nicht nur seinen Lüsten hingibt, sondern bereit ist, für sie planvoll alle Regelhaftigkeit zu überschreiten. Diese ‚ultima ratio‘ ist in der marktförmigen Gegenwartspornografie indes eliminiert: sie lenkt ab von der Ideologie eines lustvollen Vergnügens und macht die Dinge, neben dem damit gebotenen Schrecken, ‚zu ernst‘. Um ihren erlangten Status nicht durch ein Abschleifen der Ränder zu gefährden, ist letztlich auch die Pornografie moralisch.

Fußnoten

  1. 1.

    Seitenangaben ohne nähere Erläuterung beziehen sich auf das Kapitel „Kulturindustrie“ der Dialektik der Aufklärung nach Band 3 der Gesammelten Schriften von Theodor W. Adorno (Horkheimer und Adorno 1981).

  2. 2.

    Vgl. dagegen Lazarsfeld (2007: S. 254), der – wie einige weitere Autoren (etwa Iwan Bloch) – an einem generellen Schema von Tausch- und Gebrauchswerten auch in Liebesangelegenheiten festhalten und damit Geldsteuerungselemente in jeder Sexualität erblicken will.

  3. 3.

    Horkheimer und Adorno sprechen in erhellender, auf diesen Kontext anwendbarer Weise vom „apokryphen Bereich der ‚Amateure‘, die man zudem noch von oben her organisiert. Jede Spur von Spontaneität des Publikums im Rahmen des offiziellen Rundfunks […] wird von Talentjägern, Wettbewerben vorm Mikrophon, protegierten Veranstaltungen aller Art in fachmännischer Auswahl gesteuert und absorbiert. Die Talente gehören dem Betrieb, längst ehe er sie präsentiert: sonst würden sie nicht so eifrig sich einfügen. Die Verfassung des Publikums, die vorgeblich und tatsächlich das System der Kulturindustrie begünstigt, ist ein Teil des Systems, nicht dessen Entschuldigung.“ (143) An anderer Stelle heißt es: „Die Heroisierung des Durchschnittlichen gehört zum Kultus des Billigen.“ (179)

  4. 4.

    Siehe etwa den Diskurs über ‚Frauenpornografie‘ (vgl. Hans und Lapouge 1982; Gehrke 1988; Lust 2009). Die Adressierung eines weiblichen Publikums wird unter dieser Überschrift als Errungenschaft angepriesen, als seien ansonsten geschlechtsspezifische Angebote nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Zugleich bleibt unklar, ob das Interesse, den gesellschaftlichen Marktplatz für Pornografie auf diese Weise hypothetisch zu verdoppeln, erfolgsversprechend ist, da die über Sozialisation und soziale Prägung vermittelten Gender-Bilder schließlich nicht entzaubert, sondern letztlich reproduziert werden. Nur im Zeichen einer vermeintlich zu erringenden Befreiung von Menschen, die abseits des Mainstreams stehen, macht die Propaganda für ‚Nischen-Pornografie‘ Sinn, aber es muss unklar bleiben, inwiefern hier tatsächlich von Subversion gesprochen werden kann (vgl. Demny und Richling 2010). Das Nicht-Identische, wenn es hier durchschlüge, wäre wohl vorab kalkuliert; und Horkheimer und Adorno sind der Ansicht, dass Abweichungen „als berechnete Unarten die Geltung des Systems um so eifriger bekräftigen“ (150). Als Medienprodukt verdammt die Pornografie ihre Konsumenten so oder so zu einer einsam-freien Zuschauerposition und eben nicht per se zu (gar sozialpolitischen) Aktivitäten. Die Freiheit, um die es dabei allenfalls gehen kann, ist die Freiheit im Bewusstsein, das kulturindustrielle Produkt Pornografie konsumieren zu dürfen. Das ist immerhin besser als die Unfreiheit, es nicht tun zu dürfen – und das wäre auch dann noch richtig, wenn Pornografie grundsätzlich repressiv wäre.

  5. 5.

    Insbesondere das – die komplexeren Muster der Oper verwässernde – Musical bietet sich als formales Vorbild an: Wie dort, reiht sich im pornografischen Film eine ‚Nummer‘ an die andere, unterbrochen von ‚Rezitativen‘, die nichts zur Handlungsentwicklung beitragen, sondern nur als Überbrückungen fungieren (vgl. Williams 1995, S. 176 ff.).

  6. 6.

    Vgl. dazu eine sexualtherapeutische Beobachtung aus Gefängnissen: Die freie Verfügung von Pornografie sorgt dort langfristig nicht für eine Steigerung der Onaniertätigkeit, sondern führt zu einem allmählichen Abklingen, weil die Chance, das Rezipierte zu erleben, ausbleibt (zit. nach Grenz 2007, S. 114).

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Authors and Affiliations

  1. 1.Philosophische FakultätUniversität PassauPassauDeutschland

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