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Der individuelle Ausdruck der Kulturindustrie

  • Steffen HendelEmail author
  • Monique Lathan
  • Doreen Trümpler
Living reference work entry
Part of the Springer Reference Sozialwissenschaften book series (SRS)

Zusammenfassung

Adorno und Horkheimer fragten bereits 1944, woraus sich eine schier widerstandslose Akzeptanz der Adressaten von Massenmedien ergibt. Die kapitalistische Formationsspezifik massenmedialer Standards seien dabei nicht unmittelbar aus Konsumentenbedürfnissen hervorgegangen, sondern aus einem Zirkel von systematischer Manipulation und rückwirkenden Bedürfnissen, woraus eine homogenisierte Bedürfnislage entstehe, die nach ökonomischen Maßgaben allein dem Nutzen des Kapitalinteresses dient. Der mediale Zugriff auf subjektive Konsumenteninteressen vollziehe sich durchaus entlang liberaldemokratischer Rationalität und bedeute im kulturindustriellen Kontext, dass die (Medien-)Teilnehmer als Subjekte anerkannt werden. Anerkannt insofern, als sie frei agierende Rezipienten, jedoch gleichermaßen Konsumenten kulturindustrieller Produkte sind. So verengt sich Subjektivität auf die Sphäre der Konsumption, um die Subjekte der autoritären Struktur der gesellschaftlichen Produktionsbedingungen zu subsumieren, denen sie zum einen alltäglich selbst unterworfen sind, die aber gerade in den Produkten der Massenindustrie ihre Entsprechung finden.

Die Logik der liberalen Handlungsfreiheit hingegen basiert auf der Annahme, nur wer frei ist, kann handeln und nur wer handeln kann, ist regier- bzw. beeinflussbar – „die neue gouvernementale Vernunft braucht also die Freiheit, die neue Regierungskunst vollzieht Freiheit. Sie vollzieht Freiheit, d. h., sie ist verpflichtet, Freiheiten zu schaffen. Sie ist verpflichtet, sie zu schaffen und sie zu organisieren“ (Foucault 2006, S. 97). Vor diesem Hintergrund geht es entsprechend nicht um die repressive Einpassung der Subjekte in bestehende Verhältnisse, sondern darum, wie sie sich selbst einpassen: „Warum sollte es nötig sein, individuelle Freiheiten und Gestaltungsspielräume einzuschränken, wenn sich politische Ziele wesentlich ‚ökonomischer‘ mittels individueller ‚Selbstverwirklichung‘ realisieren lassen“ (Lemke et al. 2000, S. 30)? Angesichts problematischer Teilhabebedingungen und chancenwidriger Existenzvoraussetzungen scheinen gesellschaftliche Zurichtung auf der einen und individuelle Selbstmodellierung auf der anderen Seite in einem gnadenlosen Willen zur Aneignung neuartiger sozialer Spielregeln aufzugehen. Praktisch evident und insofern paradigmatisch dafür sind TV-Formate wie Trash Talk, Konkurrenzshows, Reality-Soups oder Makeover-Shows.

Schlüsselwörter

Kritische Theorie Kulturindustrie Massenmedien Subjektivität Selbstmodellierung Öffentlichkeit Gouvernementale Vernunft Oskar Negt Alexander Kluge Soziale Klasse 

Die Öffentlichkeit ist ein wichtiger Problemgegenstand linker Theoretiker. Deren Interessen gelten der Öffentlichkeit indes nicht als solcher, sondern diese in ihrer Bedeutung für die gesellschaftliche Realität. Dreierlei ist im Ansatz aller geteilt: Politischer Ausgangspunkt ihrer Überlegungen sind die kritischen Auswüchse der bürgerlichen Gesellschaft, sei es das soziale Elend, ein gerade stattfindender Krieg oder der Holocaust; diese Phänomene werden nicht als naturgegeben akzeptiert, sondern kritisch auf ihre Gründe hin befragt. Zweitens haben diese Theoretiker festgestellt, dass jene, für die diese Verhältnisse ebenso kritikabel sein müssten, trotzdem an ihnen festhalten und also offensichtlich widersprüchlich für diese Verhältnisse sind, zumindest aber nicht gegen sie Partei zu ergreifen scheinen. Die fast schon traditionell von der Linken gestellte theoretische wie praktische Frage nach der ‚Notwendigkeit des falschen Bewusstseins‘ wird von den im Folgenden vorgestellten Schlüsseltexten – drittens – in einer Hinsicht schon beantwortet: Der beobachtete widersprüchliche Wille der Individuen zu dem modernen westlichen Gemeinschaftswesen bzw. die Abwesenheit eines grundsätzlich kritischen Bezugs auf es, sei durch den Zugang zur Öffentlichkeit, insbesondere zu den historisch spezifischen Verfasstheiten, etwa der Massenmedien, vermittelt und gar gestiftet. Dieses Spannungsfeld zwischen materieller bzw. sozialer Problemlage und der spezifischen Verfasstheit medialer Öffentlichkeiten wird in den folgenden Texten in Anerkennung des jeweiligen historischen Kontexts und im gegenseitigen kritischen Bezug produktiv und konstruktiv erörtert. Der abschließende Teil dieses Artikels möchte ein Angebot für das hier aufgeworfene Problem nach der ‚medialen Notwendigkeit des falschen Bewusstseins‘ unterbreiten und für eine kleine Revision werben: Angesichts einer durch rechtliche, ökonomische und technische Entwicklungen sich etablierenden frei zugänglichen, demokratischen, mithin inklusiv ‚proletarischen‘ Öffentlichkeit erscheint das Ideal einer solchen Öffentlichkeit technisch, aber keineswegs politisch in der Art eingelöst, wie es die Autoren antizipierten. Die vom Diskurs ehemals Ausgeschlossenen formulieren als Subjekte des Diskurses keine dissente Position, sie produzieren sich vielmehr als an diesen Verhältnissen Interessierte. Die Frage nach dem Grund der Zustimmung der Individuen für kritikwürdige Verhältnisse sollte sich demnach weniger an der Verfasstheit ihrer öffentlichen Repräsentation abarbeiten als an den Inhalten ihres Wollens.

Theodor W. Adorno und Max Horkheimer (2003) identifizierten in den 40er-Jahren des 20. Jahrhunderts in demokratisch verfassten Gesellschaftsordnungen der spätkapitalistischen Ära ein unkritisches mediales Rezeptionsverhalten breiter Bevölkerungsschichten. Sie erklärten dies strukturell und immanent notwendig durch die kapitalistischen Bedingungen bestimmt, in denen Kultur stattzufinden hat, wodurch diese eben erst kapitalistisch werde. Eine Medien-Kulturprodukte hervorbringende kapitalistische Industrie unterliegt wie jeder andere Produktionszweig den ökonomischen Prinzipien der Kapitalakkumulation. So werde es ihr notwendig eigenes Hauptanliegen, jeden Einzelnen als Hörer bzw. Zuschauer mit einer möglichst unbegrenzten Kulturproduktvielfalt zu erreichen. Daraus folge nicht nur eine absolute Vereinnahmung aller Kultur unter das Diktat des Kapitals als Ware. Ebenso sei in einer derart etablierten Kulturindustrie eine entsprechende gesellschaftliche Ideologie hervorgebracht. Schließlich sei damit die Transformation des Rezipienten zum Konsumenten bzw. Kunden untrennbar verbunden und so die zwangsläufige Vergesellschaftungsform individueller Entwicklung und Erfahrung praktisch durchgesetzt. Somit projizieren sich die Prinzipien der ökonomischen Reproduktion auf Alltagswahrnehmung, Alltagsgewohnheiten und Alltagshandeln; die Kulturindustrie ist schließlich zum „Filter“ der gesamten Lebenswelt geworden. Durch die dadurch vermittelte Homogenität trägt das gesamte Dasein den Stempel des Jargons.1 Differenzen zwischen intellektuellem und kulturindustriellem Denkangebot, zwischen Praxis und Theorie, Alltag und Ideologie sind nicht weniger nivelliert als die Beziehungen zwischen Wirtschafts- und Staatsmacht, die im Produktionsprozess der Kultur einen gemeinsamen sozialkonstitutiven Nenner finden. Aufgrund des immer gleichen Stils der Kulturprodukte zeichne sich deren ästhetische Beschaffenheit dadurch aus, dass Form und Inhalt im kulturellen „Reich der Administration“ und in dessen Kategorisierungsmustern zusammenfallen. Auf diese Weise spiegle die in der Kultur-als-Ware erzwungene Identität stets nur bestehende gesellschaftliche Hierarchien wider – deren absolute Imitation in der Kunst, wo sie keinen autonomen Bereich zwischen Subjekt und Produktions-, Kultur- und Gesellschaftsstruktur mehr zu schaffen vermag. Die Realität sei gedoppelt: Die Welt verlängere sich im Kinofilm. Die Individuen verhalten sich entsprechend. Sie seien zum einen blinde Akteure der Produktionsverhältnisse, denen sie unterworfen sind; zum anderen erweisen sich auch die ‚freien‘ Zeiten außerhalb der Produktion als bloße Reproduktionszeiten der Arbeitskraft, und zwar dergestalt, als sich in der kulturellen Zerstreuung des Publikums der „stählerne Rhythmus“ der Maschine fortsetzt und die Routine der Produktionsverhältnisse widerholt. Für Adorno und Horkheimer hat sich damit ein ‚zirkulärer‘ Wirkungszusammenhang etabliert: Die kapitalistische Kultur gebäre sich als ein quasi subjektloser, gesamtgesellschaftlich wirkungsmächtiger repressiver „[…] Zirkel von Manipulation und rückwirkendem Bedürfnis, in dem die Einheit des Systems immer dichter zusammenschließt. […] Technische Rationalität heute ist die Rationalität der Herrschaft selbst. Sie ist der Zwangscharakter der sich selbst entfremdeten Gesellschaft“ (Adorno und Horkheimer 2003, S. 129). In einem derart utilitaristisch organisierten gesamtgesellschaftlichen Gefüge werde nun alles affirmiert, was in Form der Unterhaltung das Interesse und die Nachfrage der Konsumenten erreicht, bis hin zur Nivellierung politischer Gegensätze, die aus der Verquickung der politischen mit der wirtschaftlichen Sphäre in der Kulturindustrie hervorgehe: „Ihr Sieg ist doppelt: Was sie als Wahrheit draußen auslöscht, kann sie drinnen als Lüge beliebig reproduzieren“ (Adorno und Horkheimer 2003, S. 143). Kultur werde so allein durch ihre Verfasstheit als Industrie zur flächendeckenden Bewusstseinsindustrie und damit zum Massenbetrug. Unter dieser Perspektive von Adorno und Horkheimer scheint jegliche bewusste und emanzipative Stellung des Individuums zur Welt von vornherein obsolet; das Subjekt beweise sich zum einen als Abziehbild und zum anderen in Form des Kultur-Konsumenten als ideeller Auftraggeber der kapitalistischen Gesellschaft.

Neben dem immanenten Widerspruch, wonach Adorno und Horkheimer eine absolute, gar ‚repressive‘ Bedingtheit ihrer Mitmenschen innerhalb der kapitalistischen Kulturverhältnisse postulieren, ihnen selbst aber eine Emanzipation daraus in Form eines gar elaborierten theoretischen Texts möglich ist, erscheint die Frage nach der unbedingten Parteinahme der Subjekte für die Verhältnisse auch dahingehend fragwürdig, als sie die Zustimmung zu den politischen und ökonomischen Verhältnissen un-eigentlich, nämlich durch die Bedingungen der strukturellen wie formalen Verfasstheit als Kultur-Ware zu erklären versuchten, ihnen also die Frage nach einer eigentlichen, willentlichen Zustimmung des Subjekts zu dieser seiner Umwelt abwegig erschien. Bei aller sensiblen Kritik gegenüber den Erscheinungen der kapitalistischen Kulturindustrie und -ideologie fußt ihr Verständnis der Mitmenschen auf einer überraschend gutmeinenden Unterstellung. Das bürgerliche Individuum ist ihnen zufolge im Grunde schon kritisch gegenüber den Verhältnissen, in denen es, nunmehr praktisch hineingeworfen, bloß zur Parteinahme manipuliert wird. Zu Beginn der 1960er-Jahre analysierte Habermas (1990) die liberalen Elemente einer sozialstaatlich verfassten bürgerlichen Öffentlichkeit und deren Transformationen vor dem Hintergrund ihrer historischen Entwicklung in Frankreich, England und Deutschland. Zur Folie dieser Analyse wird der normative, mithin politische Begriff einer Öffentlichkeit, die, mit allen Mitgliedern der bürgerlichen Gesellschaft realisiert, in sich das Versprechen eines einvernehmlichen Miteinanders einlöse. Danach ist Öffentlichkeit der funktionelle Raum, in dem alle gleichermaßen ihre subjektiven Belange mit-, unter- und gegeneinander organisieren und bündeln, um kritisch auf sie einwirken können. Anders gesagt: Ein Einwand gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse einzelner Mitglieder resultiere aus der unvollständig verwirklichten öffentlichen Rede. Diese Identifikation ist gemeint, wenn Habermas grundsätzlich schreibt: „Die bürgerliche Öffentlichkeit steht und fällt mit dem Prinzip des allgemeinen Zugangs. Eine Öffentlichkeit, von der angebbare Gruppen eo ipso ausgeschlossen wären, ist nicht etwa nur unvollständig, sie ist vielmehr gar keine Öffentlichkeit“ (Habermas 1990, S. 156).

Habermas entwickelt dieses Ideal, das er hier erstmals ausformuliert und das Grundlage seines philosophischen Gesamtwerks wird, angesichts dessen, dass es sich historisch noch nicht bewahrheitet habe, mithilfe des Nachvollzugs eines historischen Strukturwandels. Der zentrale Wandel, dem sich die Entstehung bzw. die politische Profilierung einer bürgerlichen Öffentlichkeit verdanke, fällt mit dem Ende des aristokratischen und der Herausbildung des bürgerlichen Staats am Ende des 18. Jahrhunderts im Übergang zum 19. Jahrhundert zusammen. In Deutschland sei jene kleine, aber kritische bürgerliche Öffentlichkeit dem städtischen Kleinbürgertum entsprungen. Dieses habe gegenüber dem noch vorherrschenden Typus der repräsentativen Öffentlichkeit, die allein den feudalen Herrschaftsständen als Agitationsplattform gedient habe und die das Volk lediglich adressierte, politische Geltung beansprucht. Inhalt dieses Aufbegehrens galt der Kritik daran, dass bisher Stand und Geburt über die Rechtsstellung der Einzelperson entschieden hatten, nun indes allgemeine Grundfreiheiten gewährt werden sollten. Diese Grundfreiheiten bezogen sich auf die Gleichheit vor dem Gesetz von Person und Eigentum, insbesondere der Intimsphäre der patriarchalischen Kleinfamilie, dem Verkehr der Privateigentümer untereinander sowie der Meinungs-, Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit. Eine entscheidende Voraussetzung dieses Wandels der bürgerlichen Klasse zu einem aktiven, gestaltenden Moment der politischen Verhältnisse war mit den Medien gegeben. Als mediale und funktionelle Basis der sich entwickelnden kritischen bürgerlichen Öffentlichkeit diente ein zunehmend verdichtetes Zeitungs- und Verlagswesen. Mittels einer solchen durch Presse etablierten Öffentlichkeit verstand sich das Bürgertum nun nicht mehr als Adressat, sondern als Gestalter eines Gemeinwesens, das zunehmend ‚bürgerlich‘ wurde, und gar als Subjekt desselben. Dieser Öffentlichkeit, so Habermas, kam fortan der normative Status eines Organs der Selbstvermittlung zu, sie fungierte als Organisationsprinzip des bürgerlichen Rechtsstaats: Nur was die öffentliche Meinung beauftragte, sollte der bürgerliche Staat verwirklichen.

Dass die kritischen Lebensverhältnisse – vornehmlich die soziale Frage – mit dem Ende personaler und willkürlicher Regentschaft und der Etablierung des auf Freiheit sich berufenden und auf Gewährung von Freiheitsrechten sich verpflichtenden bürgerlichen Staats nicht endeten und dieser damit seinem eigenen Anspruch zu widersprechen schien, erklärt sich Habermas getrennt von der politischen und ökonomischen Verfasstheit des bürgerlichen Staats, nämlich mit der unvollständigen Realisierung des öffentlichen Kritikwesens in ihm: Die rechtliche Sicherung des freien Gebrauchs des Privateigentums, und damit des ökonomischen Prinzips des kapitalistischen Markts, wurden zwar für jeden Staatsbürger verbindlich, und selbst der bürgerliche Staat als solcher verpflichtete sich in seinen Grundgesetzen auf den Schutz dieser Freiheiten; der Erfolg in diesen Sphären und nicht Sonderabsprachen und -ansprüche sollten über das individuelle Lebensglück entscheiden. Die Freiheit in der Anwendung des Privateigentums zeigte sich jedoch für wenige ertragreich und erträglich. Habermas sieht dieses ungleiche Auskommen nicht in der Parteilichkeit der bürgerlichen Ordnung für das Privateigentum, sondern diskursiv verschuldet und dies letztlich politisch kompensiert: Während die bürgerliche – kapitalisierendes Eigentum besitzende – Öffentlichkeit innerhalb der medialen Rahmenbedingungen in der Lage war, Publikum zu erreichen und öffentliche Kommunikationsmedien der Berichterstattung wie die Zeitungen- und Zeitschriftenproduktion als Organ öffentlicher Meinungsartikulation und -bildung zu etablieren, bliebt ihr Publikum lediglich eines ihresgleichen. Ökonomisch abhängige gesellschaftliche Gruppen wie u. a. die der Lohnarbeiter waren von dieser spezifischen bürgerlichen Öffentlichkeit nicht angesprochen bzw. nicht Bestandteil der existierenden diskursiven Öffentlichkeit. Weil es diesen Gruppen an den Mitteln mangelte, für staatsbürgerliche Rechte nach eigenem Zuschnitt kritische Mit- und Einsprache zu erheben, sollte für sie im Rahmen einer demokratischen Kontrolle durch den sozialen Staat ihre Privatautonomie gesichert werden. Dass der von Habermas kritisch betrachtete, grundsätzlich sich polemisch ausschließende Nutzen bürgerlicher Rechte für die Besitzenden und Arbeiter im bürgerlichen, selbst im sozialen Staat nicht der bürgerlichen Ordnung mitsamt den bürgerlichen Freiheiten geschuldet, sondern in der unvollständigen Realisierung der kritischen, emanzipatorischen Öffentlichkeit innerhalb dieser Ordnung zu verorten ist, sei durch eine zweite – negative – Voraussetzung der historischen bürgerlichen Öffentlichkeit bedingt gewesen: Habermas rekurriert dafür auf den Gedanken, den er von seinen Lehrern Adorno und Horkheimer entlieh, wonach die wirtschaftliche Verfasstheit der Öffentlichkeit bzw. die ihrer technischen Medien in deren Organisation und Vertrieb zugleich deren Inhalte vorstrukturiere bzw. korrumpiere. Durch die massenhafte Produktion der bürgerlichen Medienöffentlichkeit sei diese darüber hinaus von wachsenden Kapitalinvestitionen abhängig geworden, die angesichts marktwirtschaftlicher Erfordernisse wachsender Effizienz zu einer Zuspitzung ihrer selektiven Mechanismen führte. Zusammen bedeutete dies also nicht nur, dass die Medienmacht aufgrund ihrer wirtschaftlichen Konstitution die Öffentlichkeit im privatwirtschaftlich bürgerlichen Sinne mit zunehmender Intensität vorstrukturiere, sondern auch, dass freie Zugangsmöglichkeiten zum Mediensystem und damit zum Schlüssel gesellschaftlicher Emanzipation praktisch nicht existierten. Für Habermas sind dies ergänzende Faktoren dafür, die prekäre Situation der bürgerlichen Öffentlichkeit weiterhin vor dem Hintergrund des idealen, per se emanzipatorischen Versprechens des öffentlichen Diskurses zu bewerten. Die durch den bürgerlichen Staat fixierten Bedingungen des Rechts und so des Eigentums seien nicht der Grund für die in seinen Augen kritikablen materiellen Ungleichheiten innerhalb der Gesellschaft, sondern angesichts der neuen kultur-historischen Entwicklungen seit der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts die massive Einschränkung politischer Öffentlichkeit, deren „Refeudalisierung“ und deren Miss- bzw. lediglich parteilicher Gebrauch für oligopolartige Interessen einzelner Großinvestoren. Das zeigte sich in den Phänomenen von aufkommender und sich ausdifferenzierender Werbe- und Konsumkultur oder auch massenmedialer Wahlkampagnen. Habermas spricht hier von einem erneuten Strukturwandel der Medien, die nun eine lediglich ‚manipulative‘ Öffentlichkeit herstellten und so nur die Rudimente eigentlicher, emanzipatorischer Privatautonomie bedeuteten. Die durchaus kritische Bilanz über die Gegenwartskultur, die Habermas selbst zieht, basiert einerseits auf dem Festhalten an politisch-emanzipatorischer Willensbildung der Gesellschaft mittels einer umfassenden Öffentlichkeit, auf der verbindlichen gesamtgesellschaftlichen Relevanz der Öffentlichkeit als konstruktives politisches Ordnungsmoment des bürgerlichen Staats und nimmt andererseits die durchgängig widersprüchlichen Resultate in den Blick; die technische Verwirklichung einer allgemein verfügbaren medialen Öffentlichkeit muss sich mit ihrer politischen Wirkungslosigkeit konfrontieren: „Tendenzen des Zerfalls der Öffentlichkeit sind unverkennbar: während sich ihre Sphäre immer großartiger erweitert, wird ihre Funktion immer kraftloser. Gleichwohl ist Öffentlichkeit nach wie vor ein Organisationsprinzip unserer politischen Ordnung“ (Habermas 1990, S. 57).

Der faktischen Öffentlichkeit stehe damit ihr eigenes Ideal gegenüber. Öffentlichkeit sei indes kein starres Gebilde, emanzipatorisch sei sie in potentia. Angesichts ihrer historischen Entwicklungsbedingungen sei davon auszugehen, dass die Öffentlichkeit ihre eigentlichen gesellschaftlich emanzipatorischen Möglichkeiten noch entfalten werde. Um dies herbeizuführen, sei aber ein Eingriff in diese Öffentlichkeit von außen notwendig: Der bürgerliche Staat müsse gegen das „nicht mehr intakte Publikum“ (Habermas 1990, S. 337) nicht mit der Abschaffung der ‚desintegrierenden‘ Gründe infolge des im eigentlichen Sinn ‚konstitutionellen‘ freien eigentumsbedingten Mit- bzw. Gegeneinanders vorgehen, sondern könne bei Beibehaltung der Gründe mit den entsprechenden Mitteln zum Ausbau und Schutz des Diskurses politisch integrieren. Dieser praktische Wandel vom liberalen zum (sozial-)politischen Selbstverständnis sei ideell legitimiert durch das ihm zugrunde liegende Prinzip des Allgemeininteresses und müsse durch den freien Zugang jedes Individuums zum Mediensystem gesichert und auch durch öffentliches Mitspracherecht innerhalb desselben durchgesetzt werden. Aus der Sicht Habermas’ würde die bürgerliche Öffentlichkeit erst dann zu einer gesellschaftlichen Macht, in der individuelle Interessen und gesellschaftlicher Diskurs wieder zusammengingen und sich miteinander vermittelten, zu einer eigentlichen, kritischen, emanzipatorischen Öffentlichkeit (Habermas 1990, S. 337).2 So bietet der Strukturwandel der Öffentlichkeit Habermas eine in sich widersprüchliche Antwort auf seine historische Beobachtung, wonach Individuen einerseits die bürgerliche Gesellschaft konstituieren, sie aber andererseits mitnichten gleichermaßen als Subjekte derselben erscheinen. Die Frage nach dem Grund der Zustimmung der Individuen zu den ihnen zumeist widrig gegenübertretenden Verhältnissen versteht Habermas nicht wie Adorno und Horkheimer als Resultat einer Repression. Stattdessen antwortet er auf die gemeinsame Problemlage mit der Annahme einer quasi-individuellen Freiheit, die als Möglichkeitsform auf einer liberal-demokratischen gesellschaftlichen Freiheit beruht. Dass die Bedingung für diese Möglichkeit entweder über das Privateigentum ökonomisch vermittelt ist oder erst durch den Staat kompensatorisch erzwungen werden muss, bedeutet für Habermas’ Modell emanzipatorischer Öffentlichkeit keinen Mangel an der darin zu verfolgenden ‚Freiheit‘. Denn das bedeutet eben auf der anderen Seite, dass der ‚notwendige‘ Grund der Frage nach der Parteinahme der bürgerlichen Individuen für die ihnen zunächst widrigen Verhältnisse sich auf die positive ‚Potenz‘ der gesellschaftlichen Bedingungen beziehe. Freie Entfaltung sei praktisch, wenngleich nur in der diskursiven Teilhabe am öffentlichen Kommunikationsprozess, eingelöst.

Oskar Negt und Alexander Kluge (1972) legten sich ebenso das Problem vor, dessen sich schon Horkheimer, Adorno und Habermas angenommen hatten: „Warum nehmen die unterdrückten Klassen hartnäckig an einer Öffentlichkeit teil, die ihre wichtigsten Interessen ausschließt?“ (Negt und Kluge 1972, S. 136). Indes ist die Frage, inwiefern die Partizipation an der Öffentlichkeit die Lebenswirklichkeit der in ihr Gefassten existenziell bewirkt, pointierter formuliert. Negt und Kluge gehen von ‚Wirksamkeiten‘ dieser Öffentlichkeit aus, die sie von der Sache her und in ihrer Geschichte im Wesentlichen polit-ökonomisch begreifen. Grundlage ihrer Analyse ist ein Blick auf den Staat als bürgerlichen bzw. kapitalistischen, welcher durch einen profunden ökonomischen Gegensatz der Klassen und darin in der Relativierung von Lebensinteressen der proletarischen Klasse, konstituiert ist. Negt und Kluge verweisen ausführlich auf die Geschichte des bürgerlichen Staats, in welchem im Verlauf des 17., 18. und 19. Jahrhunderts Eigentums- und Freiheitsrechte kodifiziert und exekutiert wurden, und zwar zugunsten der das produktive Eigentum besitzenden Klasse des Bürgertums und gegen die Klasse der mittellosen proletarischen Existenzen. Diese unterdrückte Klasse der Proletarier war folgend doppelt von der Öffentlichkeit und, so Negt und Kluge, damit substanziell von der Realisierung ihrer Bedürfnisse ausgeschlossen: zunächst reell, indem sie selbst weder aktiv noch passiv an der existierenden Öffentlichkeit partizipierten, und schließlich formal, indem sie sich als Partizipierende lediglich mit bürgerlichen Legitimationsformen in ihr bewegten und somit die Repräsentation eigener Interessen vereitelten und zu diesen eigenen gar ‚quer‘ agierten. Die historischen Kämpfe der proletarischen Klasse um Anerkennung innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft sei von dieser „Schwäche“ (Negt und Kluge 1972, S. 11) gekennzeichnet: ob in Gewerkschaften, Parteien, Verbänden oder in Massenmedien habe sich die proletarische Öffentlichkeit als ausdrucks- bzw. wirkungslos erwiesen; Öffentlichkeit sei eine „Legitimationsfassade“ der politischen Interessen des Bürgertums geblieben. So diagnostizieren Negt und Kluge für die mittlerweile entwickelte kapitalistische Gesellschaft folgenden Stand: Die aktuelle Öffentlichkeit entbehre politisch linker Positionen und sie weise keine immanent proletarischen Formen öffentlicher Äußerungsmöglichkeiten auf. Sie stellen sich die Frage, „ob es überhaupt zur bürgerlichen Öffentlichkeit wirksame Formen von Gegenöffentlichkeit geben kann“ (Negt und Kluge 1972, S. 7). Mit dieser Perspektive, erstens Formen und zweitens ihre Wirksamkeit zu thematisieren, haben Negt und Kluge die ‚soziale Frage‘, Ausgangspunkt ihrer Überlegungen, zur Frage nach den Bedingungen, insbesondere nach den zur Verfügung stehenden Formen des Zursprachekommens und Aushandelns, gemacht. Der zunächst offenen Frage nach der Existenz solcher Formen steht deren finite Funktionalität bei. Negt und Kluge konstatieren, proletarische Formen gibt es gegenwärtig nicht. Die stattdessen gültigen bürgerlichen Formen aber ‚blockierten‘ ein proletarisches Selbstbewusstsein wie sie eine theoretische und praktische Distanzierung der Proletarier zur bürgerlicher Öffentlichkeit verhinderten:

In den Einteilungen, d. h. den Formen dieser Öffentlichkeit, drückt sich die ‚Diktatur der Bourgeoisie‘ aus. [So] verhindern die Formen, z. B. die Gewaltenteilung, die Trennung zwischen öffentlich und privat, zwischen Politik und Produktion, zwischen Verkehrssprache und wirklichem gesellschaftlichen Ausdrucksvermögen, zwischen Bildung, Wissenschaft und Kunst einerseits und Interessen und Erfahrungen der Massen andererseits, schon den bloßen Ausdruck von Gesellschaftskritik, Gegenöffentlichkeit und Emanzipation der Mehrheit der Bevölkerung. Es ist ausgeschlossen, daß Erfahrungen und Interessen der proletarischen Klasse im weitesten Sinne sich unter den Bedingungen dieser Zerspaltung aller zusammengehörigen qualitativen Elemente von Erfahrung und gesellschaftlicher Praxis organisieren können. (Negt und Kluge 1972, S. 14; Herv. i. O.)

Negt und Kluge sehen in den Formen, mit denen man Öffentlichkeit ergreift, notwendige Bedingungen für eine inhaltliche, materielle Änderung. Dass diese eigenen Formen nicht etabliert sind, wird als Entfremdung der proletarischen Massen von sich wie von der existenten, sie exkludierenden, somit ‚Schein‘-Öffentlichkeit verstanden; außerdem wird an diesen nicht existenten Formen die mangelnde Bedingung emanzipatorischer politischer Praxis herausgestellt. Dem Mangel dieser formalen Bedingung für einen gesellschaftlichen Wandel der Proletarier widmen Negt und Kluge einen Großteil ihrer Analyse, sie wollen herausstellen, erstens inwiefern dieser Mangel selbst unbedingtes Produkt der bereits gelaufenen kapitalistischen Verwertung ist und zweitens wie dies dem ‚dialektischen‘ Kapitalismus genauso eigen ist wie die Existenz der bürgerlichen Formen. Negt und Kluge machen verschiedene Angebote, die (reelle) Nichtexistenz und (formale) Wirkungslosigkeit proletarischer Öffentlichkeit durch die ihr vorausgesetzten Verhältnisse, bürgerliche bzw. kapitalistische, zu erklären. Das diskutieren sie unter zwei Perspektiven: zum einen bezogen auf sozio-psychologische und zum anderen bezogen auf polit-ökonomische Bedingungen. Zu den ersten „Sozialisationsdeterminanten“ zählen sie u. a. die schon durch die Verhältnisse ‚dialektisch‘ kontaminierten Instanzen der individuellen triebökonomischen Struktur, frühkindlichen Erziehung, Familie oder Sprache. In ihnen ist das Individuum den ökonomischen Verhältnissen ohnmächtig, denn als bereits ‚geprägtes‘ ausgeliefert, wie es diesen Verhältnissen zugleich sein Eigentliches, sei es bewusst oder nicht, entgegenhält. Diese Verinnerlichung des gesellschaftlichen Gegensatzes in den Arbeitern bewirke die Entfremdung von ihrem übergeordneten Bedürfnis, nämlich das nach Erfahrung von gesellschaftlicher Ganzheit. Illustrer Beleg der Entfremdung innerhalb der kapitalistischen Verwertung, in der sich das Individuum ansonsten praktisch erfolgreich bewegen mag, und zugleich der psychologischen Widerständigkeit dagegen ist die Fantasie. Diese sei ferner weniger ihrem Inhalt nach kritisch verfasst denn formal „praktische Kritik“ (Negt und Kluge 1972, S. 67). Zu der anderen Gruppe der polit-ökonomischen Bedingungen zählen Negt und Kluge insbesondere die Instanzen der kapitalistischen Verwertung. In Referenz zu Marx sehen Negt und Kluge die Ware als „Grundlage und Indiz für die Verkehrung und Verschleierung des gesellschaftlichen Bewußtseins der Massen“ (Negt und Kluge 1972, S. 144). Im Alltag, außerhalb der Fabrik, wirke diese entfremdend hinein bis in die individuellen Bedürfnisse; am Arbeitsplatz sind es die Produktionsverhältnisse, die eine „industrielle Produktionsöffentlichkeit“ etablieren, die unmittelbar sogar die Privatbereiche und das Bewusstsein der Proletarier besetzen. Der Staat selbst, im 19. Jahrhundert noch politische Gewalt der Ökonomie, erscheint mittlerweile als ‚pouvoir neutre‘, offen und empfänglich für die einzig existente Öffentlichkeit des Bürgertums (Negt und Kluge 1972, S. 117 ff.). Diese Bedingungen änderten, so Negt und Kluge, nicht „die Gesamtsituation der Klassenkämpfe“, jedoch würde damit der nur scheinbar transparenten politischen Öffentlichkeit „eine höhere undurchsichtige Ebene“ hinzugefügt (Negt und Kluge 1972, S. 43). Das Kapitalinteresse sei somit nicht nur in alle Lebensbereiche und -zusammenhänge vorgedrungen, sondern müsste selbst gar nicht mehr gegen den Souveränitätsanspruch des Staats und gegen eine proletarische Öffentlichkeit zur Geltung gebracht werden. Die gesamte gesellschaftliche Erfahrung, da sie allein in der bürgerlichen Öffentlichkeit repräsentiert ist, sei darin bestimmt und reproduziere aus sich heraus ihre Verhältnisse. Somit wechselte letztendlich das Verhältnis von oben und unten, von Zwang und Wille nach ihm, von Gewalt und Schein. Gewalt bzw. Wirklichkeitsmacht gehe nicht mehr von einer aufgenötigten staatlichen Eigentumsordnung aus, sondern von einem un-eigentlichen Bedürfnis aller Bürger. Dieses – falsche, un-eigentliche – Bedürfnis aller, zuvorderst aber der Proletarier nach einer exklusiv ihnen schadenden kapitalistischen Verwertung ist so sehr zur ‚zweiten Natur‘ geworden, dass ihnen selbst nach der „Auflösung des Scheins der Öffentlichkeit“ etwa in historischen Brüchen „nach räumlich verstandener Kontinuität und Identität“, also erneut nach der Re-Installation eines kapitalistischen Staats verlange (vgl. Negt und Kluge 1972, S. 139 ff.). Mittlerweile sei die kapitalistische Gesellschaft in einem Maß fortgeschritten, dass die „kapitalistische Verwertung des Arbeiterbewußtseins“ nur nicht die „Ausdrucksmittel für das Bewußtsein seiner Klassenlage“ entwendet habe, darüber hinaus sei zu dieser „objektiven Entfremdung […] die Entfremdung vom Bewußtsein dieser Entfremdung“ dazugekommen (Negt und Kluge 1972, S. 306). Die anfängliche Setzung, nur eine immanent proletarische Erfahrung könne eine ihnen eigene Öffentlichkeit konstituieren und die dem Proletariat angemessenen Verhältnisse bereiten, und die Frage, ob es dem gemäße „wirksame Formen von Gegenöffentlichkeit“ gebe, sind damit beantwortet: Theoretisch scheint eine Emanzipation möglich, denkbar und in die praktischen Verhältnissen der Gesellschaft, der Waren und der Erfahrung selbst ‚dialektisch‘ eingeschrieben bzw. über sich hinausweisend; praktisch indes – und das haben Negt und Kluge theoretisch nachgezeichnet – erscheint die kapitalistische Gesellschaft aufgrund ihrer auch für Arbeiter unentfliehbaren bürgerlichen Erfahrung als sich immerzu selbst beauftragende, reproduzierende gesellschaftliche Wirklichkeit. Die Analyse endet somit selbst ambivalent – der letzte Satz macht theoretisch eine Bedingung auf, die praktisch unmöglich einzuholen scheint: „Wird die Erfahrung nicht in den Formen proletarischer Öffentlichkeit organisiert, so bildet sie den Rohstoff für immer neue Aneignungsprozesse des Kapitals“ (Negt und Kluge 1972, S. 310).

Negt und Kluge haben die kapitalistische Gesellschaft in ihren ökonomisch und politisch gesetzten Gegensätzen und mit ihren schadhaften Folgen für einen Teil der kapitalistischen Gesellschaft, der proletarischen Klasse, deutlich herausgestellt und problematisiert – die Gründe für diese Gegensätze und Folgen, also vor allem auch der Grund für die ‚hartnäckige Zustimmung‘ zu diesen wurden indes in die Bedingungen für all sie verlagert. Dadurch erscheint etwa die Zustimmung nicht geklärt mit dem Inhalt der Zustimmung, sondern mit den Bedingungen für sie, und zwar in notwendige. Darin scheinen Negt und Kluge den Gedankengang von Horkheimer und Adorno aufzugreifen. Deren ‚repressiver Zirkel‘ von kapitalistischer Produktion und Öffentlichkeit findet sich hier zum einen wieder – wie Negt und Kluge zum anderen die Idee der Öffentlichkeit als Möglichkeitsform miteinbeziehen, für die sich Habermas ausgesprochen hat. Die Repression durch Öffentlichkeit wie die Möglichkeit zur Öffentlichkeit vermitteln Negt und Kluge dialektisch und als ‚Widerspruchstendenz‘ der kapitalistischen Gesellschaft. In keinem theoretisch ausschließendem Verhältnis stehen diese beiden Erklärungen zueinander, sondern sind sowohl als auch essenzielle Bestimmung der Sache. Zwang auf der einen und Freiheit auf der anderen Seite werden vermittelt zur bedingten Freiheit. Indes, das ist die Leistung von Negt und Kluge, ist die Bedingung nicht durch ein Drittes der Gesellschaft und seiner Individuen gesetzt, sondern ist eine mittlerweile ihr hineingeschriebene Eigenschaft. Die kapitalistische Gesellschaft weist kritikable Verhältnisse auf, die nicht durch den repressiven Zirkel als ausweglose Situation gesetzt sind, aber genauso wenig als Freiheit-in-spe gewertet werden. Die Analyse von Negt und Kluge endet indes in einem praktischen Defätismus, wonach es einen einfach gefassten Willen gegen die Existenzbedingungen der proletarischen wie bürgerlichen Klasse, die Konstituenten der kapitalistischen Gesellschaft, allein wegen der Existenz dieser Klassen und ihres gesellschaftlichen Zusammenhangs nicht geben kann.

Negt und Kluge wenden sich in ihrem Buch den Massenmedien im Besonderen zu. Relevanz vor anderen hat diese Sphäre für sie deshalb, weil in den Massenmedien bzw. dem aktuellen Medienverbund genau der Stoff behandelt wird, der zugleich „Rohstoff“ einer potenziellen proletarischen Öffentlichkeit nur sein kann (Negt und Kluge 1972, S. 246). In der Sphäre der Medienindustrie als Teil der ‚industriellen Produktionsöffentlichkeit‘ gehe potenziert die Entfremdung der Gesellschaft und ihre ‚falsche‘ Reproduktion vonstatten. Den kritischen Blick auf die Medien als Teil praktischer Öffentlichkeit haben ebenso Horkheimer und Adorno sowie Habermas geteilt. Auch sie haben in der stofflichen und formellen Verfügbarkeit von Zeitungswesen, Kinoindustrie oder Fernsehen das entscheidende und politisch problematische Moment der Willensbildung begriffen. Im Unterschied zu ihren Vorgängern machen Negt und Kluge keinen prinzipiellen Gegensatz zwischen den kapitalistischen Bedingungen und Freiheit auf. So wie Foucault, der über die „neue gouvernementale Vernunft“ schreibt, dass diese „also die Freiheit“ braucht und diese tatsächlich auch exekutiert – „Sie vollzieht Freiheit, d. h., sie ist verpflichtet, Freiheiten zu schaffen. Sie ist verpflichtet sie zu schaffen und sie zu organisieren“ (Foucault 2006, S. 97) –, sehen auch Negt und Kluge Freiheit als ein Mittel, das vom bürgerlichen Staat gesetzlich kodifiziert, im wahrsten Sinn bewirtschaftet und (zunächst) politisch gegen den Willen vor allem der proletarischen Individuen durchgesetzt wurde. „Warum sollte es nötig sein, individuelle Freiheiten und Gestaltungsspielräume einzuschränken, wenn sich politische Ziele wesentlich ‚ökonomischer‘ mittels individueller ‚Selbstverwirklichung‘ realisieren lassen“ (Lemke et al. 2000, S. 30) – Freiheit und ökonomische Repression erscheinen so nicht als Gegensätze, sondern neben Staat und Kapitalisten eben auch für die Lohnarbeiter in einem praktischen, nützlichen Verhältnis. Damit haben Foucault sowie Negt und Kluge – im Unterschied zu Horkheimer et al. – Wesentliches an der besonderen Form Herrschaft, wenn sie ‚bürgerlich‘ ist, festgehalten. Die Herrschaft ist nicht durch einen partikularen Willen z. B. eines Monarchen oder vermittels einer religiösen Sendung bestimmt. Bürgerliche Herrschaft setzt sich durch mit dem von der Politik für die Gesellschaft als verpflichtend bestimmten Reproduktionsprozess, der sich im Kapitalismus Verwertung zum Zweck gesetzt hat. In diesem sind die Subjekte nicht Diener eines fremden Willens, sondern nehmen sich ihres eigenen Fortkommens willen aller ökonomischen Umstände zunächst praktisch an. In Bezug auf diesen Willen, in Bezug auf die Subjektmächtigkeit der kapitalistischen Individuen, stellen nun Negt und Kluge eine systemimmanente Bedingtheit heraus, die eine ‚geistige‘ Vereinnahmung der klassenmäßigen Denkfähigkeit postuliert (Negt und Kluge 1972, S. 307). Gegen das Verständnis gerichtet, der Mensch im Kapitalismus funktioniere als „totes Ding“, stärken sie zum einen zwar das freie Denken und Verhalten, sehen dies zum anderen aber massiv und restlos durch die Verhältnisse bedingt. Somit ist das Subjekt zwar nominell behauptet, praktisch aber tritt es nur als Objekt seiner vorausgesetzten Bedingungen in die Welt. Nimmt man die eingestandene Denkfähigkeit, den Subjektstatus der Individuen ernst, müsste man also wieder zurückverweisen auf den Willen und seinen Inhalt, also die Frage nach der individuellen Erklärung und Rationalisierung dessen, worauf sich das freie Individuum zum Beispiel ökonomisch bezieht.

Die medialen Entwicklungen der letzten zwei Jahrzehnte scheinen die Willens-Frage, also die Frage nach den Gründen, weshalb eine in den kapitalistischen Verhältnissen ‚unterdrückte‘ Klasse selbst ‚hartnäckig‘ an diesen festhält, zu stärken. Die Begründung, dass in der bürgerlichen Gesellschaft die proletarischen Massen von den Medien ausgeschlossen bzw. in ihnen unterrepräsentiert seien – so wie es zumindest Horkheimer, Adorno und Habermas vertraten –, ist historisch eingeholt, wenngleich sich die polit-ökonomische Lage der Arbeiter vom Prinzip her nicht gewandelt hat: Die Medienangebote haben sich vervielfältigt. Das hat zum einen technische Gründe z. B. in der dramatischen Verbilligung von Druck- und Sendetechnik. Hinzu kamen politische Überlegungen, wonach die quasi-Monopolisierung der Meinung durch die öffentlich-rechtlichen Anstalten als obsolet empfunden wurde. So haben sich die Medienangebote in einem Maße ausgefächert, dass vor allem mit Blick auf die seit den 1980er-Jahren rechtlich zugelassenen privat-wirtschaftlichen TV-Unternehmen und politisch geförderten kommunalen TV- und Radiomedien eine Zunahme immanent publikumsaffiner Kanäle zu konstatieren ist. Innerhalb dieser neuen wie auch der bereits etablierten, so zumindest auch öffentlich-rechtlichen Sender, haben sich Formate herausgebildet, die sich explizit der Lebenswirklichkeit der arbeitenden Bevölkerung annahmen. Unter ihnen sind zahlreiche Formate zu finden, die wie Dokusoaps aller Art sich gar um einen möglichst nahen, authentischen Blick auf die Lebenslage auch des Prekariats befleißigen. Zusätzlich stehen im Zuge der Digitalisierung den Arbeitern Medien im Wesentlich zugangsfrei zur Verfügung, in denen sie nicht nur passiv die Inhalte von Beitragenden ihresgleichen rezipieren, sondern sich selbst aktiv öffentlich betätigen können. Die zahlreichen Formate der Daily- und Dokusoaps (GZSZ und Super Nanny), der Reality- und Talk-Shows (Big Brother, Popstars und Arabella), der Blogs und der Vielzahl sozialer Netzwerke (Twitter und Facebook) basieren auf der erfahrungsbasierten Aneignung von Alltagsrealität auch der Nicht-Eigentümer, richten sich zum Teil explizit an diese und fordern deutlich zur Partizipation auf. So sind Lebensbereiche in den Fokus genommen worden, „die unter fordistischen Verhältnissen weitgehend der öffentlichen Wahrnehmung verborgen waren: persönliche und intime Beziehungen sowie individuelle Strategien in der Bewältigung von Arbeitsanforderungen“ (Kaindl 2005, S. 347). Dieser Einschluss der proletarischen Rezipienten und Produzenten in den öffentlichkeitsbildenden Medien, gemessen an der Zahl und gemessen der Intensivisierung der Befassung damit, fördert indes in deren Interessen nichts prinzipiell Verschiedenes zu ihren ‚bürgerlichen‘ Mitmenschen und zu den kapitalistischen Rahmenbedingungen zutage. Öffentlichkeit ergreifend, besetzend oder gar etablierend zeigt sich, dass nicht der technische Mangel, Willen herauszubilden oder diesen zu repräsentieren, Grund für den ‚un-eigentlichen‘ Willen zu diesen kapitalistischen Verhältnissen zu sein scheint. Stattdessen zeigt sich ein profundes Bemühen der medial Agierenden. Erstaunlich ist in jedem dieser Formate, dass sich darin ein unbedingter Wille nicht nur zur Bewältigung dieser Verhältnisse in ihnen ausdrückt; darüber hinaus lassen die Formate erkennen, wie sich die nun tatsächlich eindeutig frei und für sich sprechenden proletarischen Subjekte darum bemühen, der Öffentlichkeit und zuweilen im Wettbewerb untereinander zu beweisen, inwiefern sie im Rahmen ihrer bescheidenen Möglichkeiten das „Alltagsgeschäft der Selbstbehauptung in der Konkurrenz“ (Kaindl 2005, S. 351) beherrschen. Die proletarischen Individuen scheinen somit keinen un-eigentlichen Willen als Zustimmung zu diesen Verhältnissen zu formulieren; umgekehrt verweist ihre Praxis unmittelbar darauf, dass sie willentlich eine positive Haltung zu dieser Gesellschaft einnehmen. Darin drückt sich für sie genau der zustimmungswürdige Identitätszusammenhang der bürgerlichen mit der proletarischen Klasse aus. Inwiefern darin nun der ‚Fehler des Bewusstseins‘ von sich in diesen Verhältnissen besteht, das wäre also nicht an den Bedingungen des Erfahrens, des Aussprechen-Könnens, jedoch an dem Inhalt ihres Willens zu führen. Das müsste mit den Argumenten geleistet werden, die sachlich begründen, worin die Proletarier sich einen falschen Begriff machen, wenn sie glauben, dass sie den notwendig schlechten Stand ihrer Klasse im Kapitalismus überwinden, wenn sie sich als Proletarier in diesem Kapitalismus nur vorzüglich betätigten. Nicht eine Öffentlichkeit per se, sondern eine Öffentlichkeit eines begründeten Einwands wäre im eigentlichen Sinn die Gegen-Öffentlichkeit, von der auch der praktische Einwand gegen die durchweg beanstandeten kapitalistischen Verhältnisse denkbar ausgehen könnte.

Fußnoten

  1. 1.

    „Alles Erscheinende ist so gründlich gestempelt, daß nachgerade nichts mehr vorkommen kann, was nicht vorweg die Spur des Jargons trüge, auf den ersten Blick als approbiert sich auswiese“ (Adorno und Horkheimer 2003, S. 136).

  2. 2.

    „Anstelle eines nicht mehr intakten Publikums individuell verkehrender Privatleute [würde] ein Publikum der organisierten Privatleute treten. Nur sie könnten unter heutigen Verhältnissen über die Kanäle der innerparteilichen und verbandsinternen Öffentlichkeit, und auf Grund der für den Verkehr der Organisationen mit dem Staat und untereinander in Kraft gesetzten Publizität, wirksam an einem Prozess öffentlicher Kommunikation teilnehmen. An diesem hätte sich die Bildung politischer Kompromisse zu legitimieren“ (Habermas 1990, S. 337).

Literatur

  1. Adorno, T. W., & Horkheimer, M. (2003). Kulturindustrie, Aufklärung als Massenbetrug. In T. W. Adorno & M. Horkheimer (Hrsg.), Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente (S. 128–176). Frankfurt a. M.: Suhrkamp.Google Scholar
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  4. Kaindl, C. (2005). „Du musst ihn fühlen, den Scheiß!“ Neoliberale Mobilisierungen im Imaginären und der Kampf um neue Lebensweisen am Beispiel von Big Brother und Popstars. Das Argument, 261, 347–360.Google Scholar
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Authors and Affiliations

  • Steffen Hendel
    • 1
    Email author
  • Monique Lathan
    • 2
  • Doreen Trümpler
    • 2
  1. 1.Germanistisches InstitutMartin-Luther-Universität Halle-WittenbergHalleDeutschland
  2. 2.Hochschule Magdeburg-StendalStendalDeutschland

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