Advertisement

Die neuen Vagabunden. Prekarität in reichen Gesellschaften

  • Klaus DörreEmail author
Living reference work entry
Part of the Springer Reference Sozialwissenschaften book series (SRS)

Zusammenfassung

Im Unterschied zum orthodoxen Marxismus zeichnen sich wichtige Strömungen in der Kritischen Theorie durch einen klaren Blick auf die Widerständigkeit der Verarmten und Ausgeschlossenen, der Vagabunden moderner Gesellschaften aus. Der Beitrag knüpft implizit an solche Überlegungen an und beschreibt die Prekarisierung von Arbeit und Leben in den reichen Gesellschaften des Nordens als Genese neuer Vagabunden.

Schlüsselwörter

Prekarität Prekarisierung Disziplinierung Schwellen der Sicherheit Umgang mit Unsicherheit Care work Arbeitsbewusstsein Widerständigkeit 

Prekarität gehört zu den großen Themen der sozialwissenschaftlichen Gegenwartsanalyse und Zeitdiagnostik. Allerdings wird die Prekarisierungsdiskussion in Nord und Süd mit sehr unterschiedlichen Akzentuierungen geführt.1 In der europäischen Debatte, um die es hier schwerpunktmäßig geht, stellen Prekarisierungsdiagnosen eine Analogie zu den gesellschaftlichen Transformationen des 15. bis 18. Jahrhunderts her. Feudale Gesellschaften ließen Bettler und Vagabunden die disziplinierende Gewalt der Zünfte und der Armenpolizei spüren. Die Freisetzung aus der hierarchischen Ordnung, wie sie sich im Übergang zur industriell-kapitalistischen Produktionsweise vollzog, bedeutete für die Betroffenen häufig Zwangspauperisierung. Die Gewalt der zerfallenden feudalen Ordnung richtete sich nunmehr gegen potenzielle Lohnarbeiter (Sachße und Tenst 1986, van der Linden 2017). Es entstand „unwürdige Lohnarbeit“ (Castel 2011, S. 63), deren Nützlichkeit anerkannt wurde, ohne dass dies mit gesellschaftlicher Wertschätzung verbunden war. Im Zuge der Freisetzung von Lohnabhängigen und ihrer Familien aus wohlfahrtsstaatlichen Sicherungen kommt es, so der Tenor wichtiger Beiträge aus der Prekarisierungsforschung, auf einem völlig anderen gesellschaftlichen Reichtums- und Sicherheitsniveau zu einer Wiederkehr dieses Phänomens. Die prekarisierten Gruppen der postwohlfahrtsstaatlichen Ära sind die „Vagabunden“ des 21. Jahrhunderts (Castel 2011, S. 68). Sie repräsentieren einen historisch neuen Typus diskriminierender Prekarität, der zunehmend auch jene Bevölkerungsteile erfasst, die zuvor zu den gesicherten zählten.

Nachfolgend werden Grundlagen und Erkenntnisse der Prekarisierungsforschung in mehreren Schritten präsentiert. Zunächst (1) wird ein soziologisches Konzept von Prekarität eingeführt, das die Ursachen sozialer Instabilität primär im Bereich von Arbeit und Beschäftigung verortet. Im nächsten Schritt (2) geht es um die Herausbildung einer prekären Vollerwerbsgesellschaft, sodann (3) um die subjektiven Verarbeitungsformen von Prekarität und abschließend (4) um deren gesellschaftliche Folgen sowie um deren Stellenwert für eine zeitgemäße kritische Theorie. Dabei greifen wir auch auf eigene empirische Studien zurück, die wir an geeigneter Stelle einführen. Unsere empirischen Befunde beziehen sich überwiegend auf den deutschen Fall, die sozialen Mechanismen der Prekarisierung dürften jedoch, wenngleich in unterschiedlichen Ausmaßen und Ausprägungen, für die meisten wohlfahrtsstaatlich regulierten Gesellschaften Kontinentaleuropas relevant sein. Die Schwerpunktsetzung des Beitrags impliziert, dass die Prekarität des Lebens, wie sie im Anschluss an Judith Butler (Butler 2005) Gegenstand insbesondere feministischer Theorie ist, nachfolgend nur gestreift wird.

1 Prekarität als soziologisches Konzept

Der Wortstamm von prekär lässt sich bis zum lateinischen precarium, der Bittleihe, zurückverfolgen. Gemeint ist das Verleihen einer Sache, deren Nutzung vom Geber jederzeit widerrufen werden kann. Prekarität bezeichnet demnach ein unsicheres, instabiles, auf Widerruf gewährtes Verhältnis, das den Nehmer eines Gutes vom Geber abhängig macht. Der Gegenbegriff ist eine stabile, sichere, durch Rechtsgleichheit konstituierte Beziehung. In der soziologischen Diskussion bezeichnet Prekarität instabile Arbeits-, Beschäftigungs- und Lebensverhältnisse. Konstitutiv für die neuere sozialwissenschaftliche Prekarisierungsdiskussion in Ländern des globalen Nordens war ursprünglich die Entstehung niedrig entlohnter, zeitlich befristeter, ungeschützter Arbeitsverhältnisse, in denen sich zunehmend auch akademisch qualifizierte Arbeitskräfte wiederfanden. Für diese Gruppen war, so die italienische Bezeichnung aus den 1970ern, lavoro precario (Bologna 1977, S. 49) charakteristisch. In Frankreich machte die Einführung einer Wiedereingliederungsbeihilfe (Revenue minimum d’insertion, Schultheis und Herold 2010, S. 244) für Langzeitarbeitslose die precarité zum Gegenstand öffentlicher Debatten.

1.1 Grundlagen: Bourdieus frühe Kabylei-Studie und Castels Zonenmodell

Fortan nutzten Soziologen Prekarität als Sammelkategorie, um höchst unterschiedliche soziale Phänomene zu bündeln. Auf der Suche nach einer gemeinsamen Referenz für unterschiedliche Ansätze stößt man auf eine frühe Studie Pierre Bourdieus (2000), die sich mit Übergängen aus der (post-)kolonialen Gesellschaft Algeriens hin zu kapitalistischen Verhältnissen befasst. Darin analysiert Bourdieu die Entstehung eines ökonomischen Habitus, der kalkulierende Verhaltensweisen hervorbringt, die für kapitalistische Marktwirtschaften unentbehrlich sind. In der Laborsituation der kabylischen Übergangsgesellschaft sind die Chancen zur Aneignung ökonomisch rationaler Dispositionen allerdings ungleich verteilt, woraus Bourdieus Unterscheidung von Arbeiterklasse und Subproletariat resultiert.

Subproletariat und Arbeiterklasse grenzen sich vor allem in ihren Einstellungen zur Zukunft voneinander ab. Ökonomisch rationales Handeln in kapitalistischen Marktwirtschaften setzt voraus, dass „sich die gesamte Lebensführung auf einen imaginären Fluchtpunkt ausrichtet“ (Bourdieu 2000, S. 31). Die radikale Zukunftsorientierung, die den Kapitalismus als Gesellschaftsformation auszeichnet, muss verinnerlicht und zu einem organischen Bestandteil der Lebensführung werden. Als internalisierte Wirtschaftsgesinnung wirkt der Kapitalismus wie eine „Schicksalsmacht“, welche die Lebensführung der Individuen nüchtern-rationalen, auf möglichst exakten quantitativen Kalkulationen beruhenden Zwecksetzungen unterordnet (Sombart 1928, S. 329). Diese Unterordnung ist jedoch äußerst voraussetzungsvoll und sie ist, worauf Theodor W. Adorno hat in der Auseinandersetzung mit Talcott Parsons hingewiesen hat, angstgetrieben:

„Auf jeden Fall durchschaut er [Parsons] Im Gegensatz zur herrschenden subjektiven Ökonomie, daß wirtschaftliche Motivation nicht in Psychologischem wie dem ‚Gewinnstreben‘ aufgehen. Sicherlich kommt das rationale ökonomische Verhalten des Individuums nicht bloß durch den ökonomischen Kalkül, das Gewinnstreben, zustande. Das hat man viel eher nachträglich konstruiert, um durch eine, dem Sachverhalt wenig Neues hinzufügende Formel sich die vom Individuum aus keineswegs selbstverständliche Rationalität des durchschnittlichen wirtschaftlichen Verhaltens einigermaßen zurechtzulegen. Wesentlicher als subjektives Motiv der objektiven Rationalität ist die Angst. Sie ist vermittelt. Wer sich nicht nach den ökonomischen Regeln verhält, wird heutzutage selten sogleich untergehen. Aber am Horizont zeichnet die Deklassierung sich ab. Sichtbar wird die Bahn zum Asozialen, zum Kriminellen: die Weigerung, mitzuspielen, macht verdächtig und setzt selbst den der gesellschaftlichen Rache aus, der noch nicht zu hungern und unter Brücken zu schlafen braucht. Die Angst vorm Ausgestoßenwerden aber, die gesellschaftliche Sanktionierung des wirtschaftlichen Verhaltens hat sich längst mit andern Tabus verinnerlicht, im einzelnen niedergeschlagen. Sie ist geschichtlich zur zweiten Natur geworden; nicht umsonst bedeutet Existenz im philosophisch unverderbten Sprachgebrauch ebenso das natürliche Dasein wie die Möglichkeit der Selbsterhaltung im Wirtschaftsprozeß.“ (Adorno 1980, S. 46 f.)

In der Konkurrenz um soziale Positionen besitzen Facharbeiter und qualifizierte Angestellte einen enormen Vorteil, weil ihnen die relative Sicherheit des Arbeitsplatzes und des Einkommens überhaupt erst die Möglichkeit bietet, ihre Lebensplanung auf Zukunftsziele auszurichten. Für die Subproletarier hingegen steht „das gesamte berufliche Dasein unter dem Stern des Zufälligen und Willkürlichen“ (Bourdieu 2000, S. 67). Ungleich verteilte Chancen zu längerfristiger Lebensplanung und die unterschiedliche Integrationskraft sozialer Netze sind für eine Übergangsgesellschaft mit hoher Arbeitslosigkeit strukturprägend. In diesem Zusammenhang verweist Bourdieu auf zwei „Schwellen“, die unterschiedliche Niveaus sozialer Sicherheit voneinander abgrenzen: Eine feste Arbeitsstelle und ein regelmäßiges Einkommen mit dem ganzen Ensemble an Versicherungen auf die Zukunft verschafften den Zugang zu dem, was man „Schwelle der Sicherheit“ (Bourdieu 2000, S. 92) nenne. Unterhalb dieser Schwelle seien instabile Arbeits- und Lebensformen angesiedelt, oberhalb von ihr gehe es noch immer primär um eine Verbesserung sozialer Sicherheit. Wirklich unternehmerisches Denken, das die gesamte Lebensführung an der Zukunft ausrichte, werde jedoch erst möglich, wenn eine „Schwelle der Berechenbarkeit“ erreicht sei, was „wesentlich von der Verfügung über Einkünfte“ abhänge, „die von der Sorge um die Subsistenz dauerhaft“ entlasteten (Bourdieu 2000, S. 92).

Diese „Schwellen“ der Sicherheit und der Berechenbarkeit, die Bourdieu in der kabylischen Gesellschaft entdeckt hat, existieren in allen kapitalistischen Gesellschaften. Sie verändern sich mit dem Reichtumsniveau dieser Gesellschaften, sie sind umkämpft und sie verschieben sich in Abhängigkeit von sozioökonomischen Entwicklungen und wohlfahrtsstaatlichen Institutionen, aber sie existieren. Und sie existieren auch in den wohlfahrtsstaatlich regulierten Kapitalismen Kontinentaleuropas. Natürlich würde niemand auf die Idee kommen, eine (post-)koloniale Agrargesellschaft im Übergang zum Kapitalismus mit den wohlfahrtsstaatlich regulierten Kapitalismen des globalen Nordens gleichzusetzen. Die Rationalisierung der Lebensführung ist heute in den fortgeschrittenen Kapitalismen weit voran geschritten. Der ökonomische Habitus hat sich über Klassen- und Geschlechtergrenzen hinweg verbreitet und es gibt kaum einen Lebensbereich, der von der kalkulierenden Rationalität des kapitalistischen Warentauschs ausgespart bleibt. Dennoch, darauf hat Pierre Bourdieu (Bourdieu 2000, S. 11 und 1998, S. 96–100) selbst noch aufmerksam gemacht, drängen sich beim Vergleich der kabylischen mit den zeitgenössischen europäischen Arbeitsgesellschaften Parallelen auf.

Der säkulare Trend zur gesellschaftlichen Verallgemeinerung von Lohnarbeit ging in den Kapitalismen des globalen Nordens über viele Jahrzehnte mit der sozialstaatlichen Einhegung der Beschäftigungsverhältnisse einher. Im Ergebnis entstand, was rückblickend als sozial geschütztes Normal- oder Standardarbeitsverhältnis bezeichnet wurde (Mückenberger 2010, S. 403–420). Für die große Mehrzahl vor allem der männlichen Lohnabhängigen bedeutete wohlfahrtsstaatlich eingehegte Lohnarbeit relative Abkoppelung der Einkommen und der Beschäftigungssituation von Marktrisiken. Während einer kurzen historischen Periode hatte sich in einigen kontinentaleuropäischen Ländern, darunter Westdeutschland, erstmals ein Kapitalismus ohne sichtbare nationale Reservearmee (Lutz 1984, S. 186) herausgebildet. Die kontinentaleuropäischen fordistischen Kapitalismen basierten noch immer auf klassenspezifischen Ungleichheiten und einer asymmetrischen Integration der Geschlechter in den Arbeitsmarkt. Vollbeschäftigung der Männer war ohne Care-Arbeiten, die vorwiegend gratis und überwiegend von Frauen geleistet wurden, nicht denkbar (Aulenbacher et al. 2014; Becker-Schmidt 2007). Unattraktive, schlecht bezahlte und wenig anerkannte Jobs wurden sukzessive von Migranten ausgeübt, die aus der südeuropäischen Peripherie in die Zentrumsstaaten kamen („Gastarbeiter“). Dennoch stellte sich der Wandel für die Mehrheit der Arbeiter, Angestellten und ihrer Familien als Übergang vom Lohnarbeitskontrakt zur Lohnarbeit als einem anerkannten gesellschaftlichen Status, einem Sozialbürgerstatus dar. Die Lohnabhängigen verfügten nun über „soziales Eigentum“ (Castel 2005, S. 41).2 Armut und Prekarität waren noch immer vorhanden, sie wurden jedoch an die Ränder der kontinentaleuropäischen Vollbeschäftigungsgesellschaften gedrängt oder im Privaten, in den Familien und den sozialen Netzwerken unsichtbar gemacht und auf diese Weise marginalisiert.

Die neue Prekarisierungsdiskussion reflektiert, dass die enge Verkoppelung von Lohnarbeit und Sozialeigentum, wie sie für die kontinentaleuropäischen Wohlfahrtsstaaten in unterschiedlichen Ausprägungen stilbildend war (Albert 1992; Crouch und Streeck 1997; Hall und Soskice 2001), seit den 1970er-Jahren Schritt um Schritt aufgebrochen wurde. Robert Castel hat diese Entwicklung in einer Arbeitshypothese zusammengefasst, in der er den Gedanken von „Schwellen“ sozialer Sicherheit reaktualisiert. Weil die Hülle aus sozialen und Partizipationsrechten, die selbst entfremdete Lohnarbeit mit einer besonderen gesellschaftlichen Integrationskraft ausstattete, ihre Schutzfunktion mehr und mehr verlor, spalteten sich die nachfordistischen Arbeitsgesellschaften in drei Zonen. Die „Zone der Integration“ mit geschützten Normarbeitsverhältnissen; eine „Zone der Entkoppelung“, in der sich Gruppen befänden, die mehr oder minder dauerhaft von regulärer Erwerbsarbeit ausgeschlossen seien sowie dazwischen gelagert eine expandierende „Zone der Prekarität“, die ein heterogenes Sammelsurium aus jederzeit „verwundbaren“, weil instabilen Arbeits- und Lebensverhältnissen umfasse. Die Grenzen zwischen diesen Zonen sind nicht mit Bourdieus „Schwellen“ sozialer Sicherheit identisch. So verläuft die „Schwelle der Berechenbarkeit“ mitten durch die „Zone der Integration“; sie trennt die verhältnismäßig kleine Gruppe von Beschäftigten ohne materielle Knappheitsprobleme von all jenen Beschäftigten in standardisierten Arbeitsverhältnissen, für die das so nicht zutrifft. Die „Schwelle der Sicherheit“ wiederum grenzt diese Gruppen von den prekären und den „entkoppelten“ Schichten ab.

1.2 Zur Definition von Prekarität in reichen Gesellschaften

Im Unterschied zur kabylischen Übergangsgesellschaft, die Bourdieu vor Augen hatte, basieren die zeitgenössischen Ausformungen prekärer Beschäftigung nicht auf absoluter Verelendung und Pauperisierung. Sie definieren sich vielmehr in Relation zu jenem Sozialbürgerstatus, der im Ergebnis der fordistischen Prosperitätsphase entstanden war und der für das Bewusstsein der „Mehrheitsgesellschaft“ in den kontinentaleuropäischen Zentrumsstaaten noch immer konstitutiv ist (Paugam 2009, S. 175–196). Insofern handelt es sich bei Prekarität um eine relationale Kategorie, deren Aussagekraft wesentlich von der Definition auch subjektiv akzeptierter gesellschaftlicher Normalitätsstandards abhängt. In einer ersten Arbeitsdefinition bezeichnen wir ein Erwerbsverhältnis dann als prekär, wenn es nicht dauerhaft oberhalb eines von der Gesellschaft definierten kulturellen Minimums existenzsichernd ist und deshalb bei der Entfaltung in der Arbeitstätigkeit, gesellschaftlicher Wertschätzung und Anerkennung, der Integration in soziale Netzwerke, den politischen Partizipationschancen und der Möglichkeit zu längerfristiger Lebensplanung dauerhaft benachteiligt. Aufgrund ihrer Tätigkeit und deren sozialer Verfasstheit sinken prekär arbeitende und lebende Personen oder Gruppen deutlich unter das Schutz- und Integrationsniveau, das in wohlfahrtsstaatlichen Kapitalismen als Standard definiert wird. Das Beschäftigungsverhältnis und/oder die Arbeitstätigkeit sind daher auch subjektiv mit Sinnverlusten, Partizipations- und Anerkennungsdefiziten sowie Planungsunsicherheit verbunden (Castel und Dörre 2009, S. 17).

Der jeweilige Maßstab für Prekarität kann nicht konzeptuell vorausgesetzt, sondern muss empirisch ermittelt werden. Wichtig für eine empirisch operationalisierbare Begriffsdefinition ist die Unterscheidung zwischen einer Prekarität der Beschäftigung (Arbeitskraftperspektive) und der Prekarität von Arbeit (Subjekt- bzw. Tätigkeitsperspektive). Schon rein logisch bedeutet dies, dass höchst unterschiedliche Formen von Prekarität denkbar sind. Eine prekäre Beschäftigung kann mit kreativer Arbeit verbunden sein; umgekehrt ist eine sichere Beschäftigung auch mit überaus belastenden und wenig anerkannten Tätigkeitsformen kombinierbar. Eine Verschränkung und wechselseitige Verstärkung beider Dimensionen von Prekarität ist ebenfalls möglich. Noch weitreichender ist eine Unterscheidung zwischen prekärer (Erwerbs-)Arbeit (labour) und prekärer (Lebens-)Tätigkeit (work, Standing 2011, S. 13). Die Instabilität der Lebensverhältnisse, etwa bei Jugendlichen und Rentnern, oder auch der Entzug von Zeit- und materiellen Ressourcen für notwendige Care-Arbeiten in Haushalt und Familie können zu eigenständigen Prekarisierungstreibern jenseits bezahlter Erwerbsarbeit werden (Donath 2000; Federici 2015).

Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass Castels Zonenmodell zwei Dimensionen sozialer Unsicherheit abbildet. Über instabile oder fehlende Erwerbsarbeit vermittelte Unsicherheit ist die eine Dimension. Unsicherheit, die durch poröse soziale Netze, schwache Sicherungssysteme und fehlende institutionelle Garantien für elementare Freiheits- und Bürgerrechte erzeugt wird, die andere. Dabei gilt, dass das Gefühl der Unsicherheit „nicht exakt den tatsächlichen Gefahren“ entspricht, „denen eine Bevölkerung ausgesetzt ist“ (Castel 2005, S. 10); ja, die Struktur der unterschiedlichen wohlfahrtsstaatlichen Regulationen kann selbst ein Gefühl der Unsicherheit erzeugen, weil die Sicherungssysteme niemals völlig deckungsgleich sein können und Sicherheitsansprüche der Bürger niemals vollständig zu befriedigen sind.

Deshalb ist es sinnvoll, neben strukturellen Kriterien auch die subjektiven Verarbeitungsformen unsicherer Arbeits- und Lebensverhältnisse in die Begriffsdefinition einzubeziehen (Gefken et al. 2015). Mit diesem Vorschlag schließt die empirische Prekaritätsforschung an Studien zum Arbeiter- und Angestelltenbewusstsein sowie zum Autoritarismus an, die sich in der Tradition der Kritischen Theorie verorten (Bonss 1983, S. 7–46; Fromm 1983; IfS 1936; Popitz et al. 1957). Einer kritischen Prekarisierungsforschung geht es stets auch um die Orientierungen lebendiger Subjekte, um deren alltägliche Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen, die Unsicherheit produzieren. Eine Erwerbstätigkeit, die strukturell als prekär zu bezeichnen ist, muss subjektiv keineswegs als heikel eingestuft werden. Strukturelle Prekaritätsrisiken können vorhanden sein, obwohl es sich im Bewusstsein der Betreffenden um eine erwünschte Form der Erwerbstätigkeit handelt. Insofern bilden die Kategorien prekäre Beschäftigung und prekäre Arbeit eine besondere Beziehung von Einzelnen zu ihrer Erwerbsbiografie ab, die in den gesamten Lebenszusammenhang eingebettet ist. Ein nach strukturellen Merkmalen prekäres Beschäftigungs- und/oder Arbeitsverhältnis konstituiert eine erwerbsbiografische Problemlage, die aktiv bearbeitet wird. Dabei beeinflussen der Neigungswinkel der Erwerbsbiografie, individuelle Qualifikationen und Kompetenzen, Konstruktionen von Geschlecht, Nationalität und Ethnie sowie das Lebensalter die Art der Auseinandersetzung mit und die Bewertung von prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen.

Mit dieser Ausrichtung unterscheiden sich Prekarisierungsanalysen deutlich von der Arbeitslosen- und Armutsforschung, wie sie ein empirisch ausgerichteter Zweig der älteren Kritischen Theorie begründete (klassisch: Jahoda et al. 1933/1975), der seither in zahlreichen Varianten fortgeführt wird. Arbeitslosigkeit und Armut können mit Prekarität verbunden sein, sie müssen es aber nicht. Prekarität findet sich nicht nur in Unter- und Arbeiterklassen(-milieus), sondern auch bei vergleichsweise gut verdienenden Akademikern oder Künstlern (Pelizzari 2009; Vester et al. 2015). Zudem stimmen die Verarbeitungsformen von Unsicherheit, wie sie die bahnbrechende Marienthal-Studie beschrieben hat (Zerfall der Zeitstruktur, Apathie, Verlust politischer Öffentlichkeit etc.) nicht unbedingt mit jenen subjektiven Orientierungen überein, die wir bei den Prekariern des 21. Jahrhunderts finden. Das hängt vor allem damit zusammen, dass sich in den wohlfahrtsstaatlich-regulierten Kapitalismen andere Normalitätsstandards etabliert haben. Prekarisierung beschreibt Prozesse der Abweichung und Erosion von hegemonialen Standards, wie ihn das sogenannte Normalarbeitsverhältnis auch in seinen herrschaftlich-patriarchalen Ausprägungen darstellt.

2 Die prekäre Vollerwerbsgesellschaft

Mit Hilfe der vorgeschlagenen Arbeitsdefinition kann die Prekarisierung von Arbeit und Beschäftigung beschrieben werden, wie sie seit der Jahrtausendwende mit zunehmender Dynamik in nahezu allen kontinentaleuropäischen Ländern und in besonderer Weise auch in Deutschland stattgefunden hat.3 Die Entwicklung der deutschen Arbeitsgesellschaften nach der Wiedervereinigung lässt sich in zwei Phasen beschreiben. Die erste Phase von 1991 bis zum Beginn des neuen Jahrhunderts zeichnete sich durch eine kontinuierliche Zunahme von Erwerbslosigkeit und parallel durch eine stärkere Verbreitung nicht-standardisierter Beschäftigungsformen (Leiharbeit, Befristung, marginale Tätigkeiten, Teilzeitarbeit, Solo-Selbstständigkeit; Holst und Dörre 2013, S. 132–149) aus. 2005 hatten Langzeitarbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung Rekordwerte erreicht. Die Arbeitslosenquote lag bei 11,7 %. Die zweite Phase begann mit der Durchsetzung der „Hartz-Reformen“ und dauert weiter an. Während dieser Phase sind Erwerbslosigkeit und Unterbeschäftigung deutlich zurückgegangen. Die Arbeitslosenquote war 2014 auf 6,7 Prozent gesunken, doch das Volumen bezahlter Erwerbsarbeitsstunden lag im selben Jahr trotz einer Rekordzahl an Erwerbstätigen (ca. 43 Mio., 2016 nahezu 44 Mio.) 2014 noch immer unter dem Niveau von 1991. Leistete ein Erwerbstätiger 1991 noch durchschnittlich 1554 Arbeitsstunden, so waren es 2014 nur noch 1366 Stunden. Das entspricht einem Rückgang um 12 %. Das in Relation zur Erwerbstätigkeit bis 2013 geschrumpfte Arbeitsvolumen wird höchst asymmetrisch verteilt. Jeder fünfte Erwerbstätige (2014: 21 % und absolut 7,5 Mio. 2004: 19 %) arbeitet atypisch, d. h. in einem Teilzeit-, einem geringfügigen, einem befristeten oder einem Leiharbeitsverhältnis. Obwohl nicht in jedem Fall prekär, ist jedes dieser Beschäftigungsverhältnisse mit einem überdurchschnittlich hohen Armuts- und Beschäftigungsrisiko verbunden. Betroffen sind vor allem Frauen in Dienstleistungsberufen (Holst und Dörre 2013). Trotz günstiger konjunktureller und demografischer Entwicklung und einer positiven Beschäftigungswirkung des allgemeinen gesetzlichen Mindestlohns sind atypische Beschäftigungsformen seit 2010 nur leicht zurückgegangen.

Unsicherheitserfahrungen beschränken sich aber keineswegs auf diese Erwerbsformen. Die Zunahme nicht standardisierter Beschäftigungsverhältnisse ist für den Prekarisierungstrend ein höchst unzuverlässiger Indikator, weil nicht jedes atypische Beschäftigungsverhältnis prekär sein muss. Generell gilt jedoch, dass das Armuts- und Beschäftigungsrisiko bei nicht-standardisierter Beschäftigung überdurchschnittlich hoch ist. Prekarität existiert freilich auch in Verbindung mit niedrig entlohnter Vollzeitbeschäftigung. Deutschland hat trotz gesetzlichem Mindestlohn noch immer einen der größten Niedriglohnsektoren der OECD-Welt. Dieser Sektor umfasst kontinuierlich zwischen 22 und 24 Prozent der Erwerbstätigen. Mehr als zehn Prozent der Vollzeitbeschäftigten sind Niedriglöhner. Der deutsche Niedriglohnsektor zeichnet sich zudem durch geringe Aufwärtsmobilität und eine enorme Spreizung der Löhne aus. Vor der Einführung einer gesetzlichen Lohnuntergrenze waren die Stundenlöhne im Extremfall auf 1,54 Euro abgesunken (Dörre et al. 2013b, S. 349). 1,15 Mio. (3,6 % aller Beschäftigten) verdienten weniger als fünf Euro brutto pro Stunde, mehr als 5,8 Mio. weniger als 8,50 Euro Stundenlohn (Weinkopf 2010, S. 44).

Die Niedriglohnbeschäftigung hat sich, stärker als in jedem anderen europäischen Land, im Zentrum des gesellschaftlichen Gesamtarbeiters etabliert (Rhein 2013). Nimmt man alle Kriterien, die normalerweise als Schutz vor Prekarität gelten, zusammen (vollzeitbeschäftigte Männer mit inländischer Staatsangehörigkeit und unbefristeten Verträgen, mit abgeschlossener Ausbildung oder Studium in einem Betrieb ab 50 Beschäftigten), so stößt man noch immer auf 6,3 % Niedriglohnbeschäftigte – der höchste Anteil im europäischen Vergleich. Deutschland nimmt mit seiner expansiven Niedriglohnbeschäftigung in der EU einen Spitzenplatz ein. Nur in Zypern, Malta und der baltischen Republik Litauen hat die Niedriglohnbeschäftigung in der Relation noch größere Ausmaße angenommen. Positive Arbeitsplatzeffekte der expandierenden Niedriglohnbeschäftigung sind nicht nachweisbar. Allerdings hat prekäre Beschäftigung über einen langen Zeitraum sozial geschützte Arbeitsverhältnisse verdrängt. Für die 7,4 Mio. Minijobs, von denen ca. 4,9 Mio. im Haupterwerb ausgeübt werden, ist dieser Effekt vor allem im kleinbetrieblichen Segment (weniger als 50 Beschäftigte) empirisch belegt (Hohendanner und Stegmaier 2012). Auch für Leiharbeit gilt, dass etwa die Hälfte des Stellenzuwachses, der über diese Beschäftigungsform erzielt wird, in anderen Branchen wieder verloren geht (Jahn und Weber 2013; Dörre et al. 2013b, S. 351, 357).

Zu atypischer und niedrig entlohnter Beschäftigung gesellt sich die steigende Zahl der Soloselbstständigen, bei denen es sich überwiegend um prekär Beschäftigte handelt. Ca. fünf Prozent der Lohnabhängigen sind Multijobber. Viele von ihnen üben mehrere Erwerbstätigkeiten aus, weil sie sich und ihre Familien nur auf diese Weise finanzieren können. An den Rändern der Vollerwerbsgesellschaft müssen kontinuierlich zwischen 1,3 und 1,4 Mio. Erwerbstätige ihre Löhne mit Leistungen der Grundsicherung aufstocken. Hinzu kommt, dass das ungenutzte Arbeitskräftepotenzial noch immer ca. sechs Mio. Personen (2,1 Mio. Erwerbslose, 2,9 Mio. Unterbeschäftigte, 1,0 Mio. stille Reserve) umfasst. Zwar ist die Zahl der Langzeitarbeitslosen zwischen 2006 und 2011 um ca. 40 % zurückgegangen, um sodann auf dem erreichten Niveau zu verharren. Es gibt jedoch einen harten Kern von etwa einer Mio. Menschen, die über zehn Jahre hinweg niemals aus dem Hartz-IV-Bezug herausgekommen sind. Insgesamt waren 2014 4,4 Mio. Menschen auf SGB-II-Leistungen angewiesen, bei 3,1 Mio. handelte es sich um Langzeitleistungsbezieher. Lediglich die Hälfte der Leistungsbezieher hatte keine Erwerbsarbeit; nur ca. 770.000 Personen waren sowohl langzeitarbeitslos als auch Langzeitleistungsbezieher. All das spricht für die Verfestigung von Unterklassenlagen in sozialer Nähe zum Fürsorgestatus.

Der expandierende Sektor mit prekärer Arbeit und Beschäftigung ist, gemeinsam mit dem auf unter 18 % Prozent abgesunkenen gewerkschaftlichen Organisationsgrad (Schmalz und Dörre 2013) und der nachlassendenden Tarifbindung, eines der „Bleigewichte“, die das Lohnniveau in der Bundesrepublik insgesamt nach unten gezogen haben (Lehndorff 2012, S. 95). Die Reallöhne sind in den 2000er-Jahren um ca. vier Prozent gesunken und ziehen erst in jüngster Zeit wieder an. Während jedoch die Beschäftigten in der Exportwirtschaft ihre effektiven Löhne zumindest halten oder gar steigern konnten (Hauptmann und Schmerer 2012), haben andere Gruppen erhebliche Reallohnverluste zu verzeichnen. Etwa die Hälfte der Lohnabhängigen verdient heute weniger als noch vor 15 Jahren, die unteren vier Einkommensdezile haben seit den 1990er-Jahren überdurchschnittlich verloren (Fratzscher 2016, S. 64). Moderate Lohnsteigerungen, wie sie nach 2013 zu verzeichnen sind, haben diese Einkommensungleichheit ein wenig modifiziert, aber nicht grundlegend verändert. Die Lohnquote stagniert noch immer auf einem Niveau, das deutlich unter dem der 1990er-Jahre liegt.

3 Subjektive Verarbeitungsformen von Prekarität

Die präsentierten Befunde verdeutlichen, was es mit der prekären Vollerwerbsgesellschaft auf sich hat. Erwerbstätigkeit findet zunehmend in einem gespaltenen Arbeitsmarkt statt. Im untersten Segment des prekären Sektors sind Beschäftigungsverhältnisse entstanden, die nicht einmal mehr die Reproduktion der Arbeitskraft sichern. Deshalb darf die „Gesellschaft der Vollerwerbstätigkeit“ nicht mit einer Vollbeschäftigungsgesellschaft verwechselt werden. Wir sehen uns, wie Robert Castel argumentiert, mit einem „Ende der Lohnarbeitsgesellschaft“ konfrontiert, welches keines der Lohnarbeit ist (Castel 2011, S. 136). Die Erwerbslosigkeit wird durch Ausdehnung und Verallgemeinerung prekärer und daher unwürdiger Arbeit zum Verschwinden gebracht. Da prekäre Tätigkeiten größtenteils mit Lohnabhängigkeit verbunden sind, kann von einem Verschwinden der Lohnarbeit keine Rede sein. Die prekär Beschäftigten verlieren jedoch einen Teil jener Rechte, die dem Beschäftigungsverhältnis einen gesellschaftlichen Status gaben. Oder sie sind nicht bzw. waren nie in der Lage, einen solchen Status überhaupt zu erreichen. In diesem Sinne sind die prekär Beschäftigten, denizens, Halbbürger (Standing 2011) mit minderen sozialen und Partizipationsrechten. Die sozialen Wirkungen der Prekarisierung von Arbeit und Beschäftigung können jedoch im vollen Umfang erst erfasst werden, wenn deren subjektive Verarbeitungsformen analysiert werden.

3.1 Umgang mit Unsicherheit – eine Typologie

Wir können dies anhand einer Typologie leisten, die das Castel’sche Zonenmodell als heuristischen Rahmen nutzt. Mit Hilfe einer qualitativen Untersuchung haben wir neun typische Verarbeitungsformen von sozialer (Un-)Sicherheit rekonstruiert (Abb. 1). Die Typologie beruht auf einer explorativen Untersuchung, die 36 Expertengespräche, zwei Gruppenbefragungen von Leiharbeitern sowie 100 themenzentrierte Interviews umfasst. Anhand ausgewählter Problemkonstellationen in der Automobil- und Elektroindustrie, dem Einzelhandel, dem Baugewerbe, der Finanz- und IT-Branche, dem Bergbau sowie der Zeitarbeitsbranche lag der Schwerpunkt der Interviews auf dem subjektiven Umgang mit sozialer Unsicherheit. Befragt wurden sowohl Festangestellte als auch prekär Beschäftigte und Erwerbslose. Die Untersuchung orientierte sich ursprünglich an dem Zonenmodell Robert Castels. Unsere Typologie bestätigt die Relevanz dieses Zonenmodells für die deutsche Arbeitsgesellschaft, ermöglicht jedoch differenziertere Befunde hinsichtlich der subjektiven Verarbeitung von Prekarität. Die Konstruktion der Typologie erfolgt über eine Gewichtung von fünf Dimensionen wahrgenommener Instabilität und Unsicherheit.4 Diese Erfahrungsdimensionen werden jeweils der Arbeitskraftperspektive (Dimensionen a, c) oder der Tätigkeits- bzw. Subjektperspektive (Dimensionen b, d, e) zugerechnet.
Abb. 1

(Des-)integrationspotentiale von Erwerbsarbeit – eine Typologie. Quelle: Eigene Darstellung. Die Typologie beinhaltet unterschiedliche Weisen des Umgangs mit sozialer Unsicherheit. Sie beruht auf einer qualitativen Erhebung, n = 100

Arbeitskraft- (reproduktive Dimension, Lohn- und Beschäftigungssicherheit) und Tätigkeitsperspektive (qualitative, arbeitsinhaltliche, professionsbedingte Ansprüche,) beinhalten die primären Integrationspotenziale einer Erwerbstätigkeit (Paugam 2009). In der „Zone der Integration“ bilden drei Typen (1, 3, 4) die Integration in formal gesicherte Normbeschäftigung ab. Im Fall der „Selbstmanager“ dominiert das Integrationspotenzial der Tätigkeitsperspektive (inhaltliches Interesse an der Tätigkeit, Streben nach Professionalität) über den unsicheren Beschäftigungsstatus. In der „Zone der Prekarität“ sind unstete Beschäftigungsverhältnisse angesiedelt, die jedoch subjektiv höchst unterschiedlich bewertet werden (die Typen 5, 6, 7). In der „Zone der Entkoppelung“ befinden sich Erwerbs- und Langzeitarbeitslose mit ebenfalls divergierenden subjektiven Orientierungen (Typ 8, 9).

Unsicherheitsempfinden kann insbesondere bei den „Verunsicherten“ und „Abstiegsbedrohten“ (Typ 3, 4) deutlich ausgeprägter sein als bei Befragten, die aufgrund der Struktur ihres Beschäftigungsverhältnisses der „Zone der Prekarität“ zuzurechnen sind (Typ 5, 7). Selbst bei den Veränderungswilligen (Typ 8) in der „Zone der Entkoppelung“ besteht noch die Hoffnung, die eigene Lage über kurz oder lang deutlich verbessern zu können. Im Falle der „Abstiegsbedrohten“ (Typ 4) sind Brüche in der beruflichen Biografie normal und der soziale Abstieg ist fast schon zur Gewissheit geworden. Der Neigungswinkel individueller Biografien zeigt bei dieser Gruppe nach unten und es sind nicht genügend Ressourcen vorhanden, um diese biografische Abwärtsbewegung grundlegend korrigieren zu können.

Die Typologie veranschaulicht, dass Prekarisierungsängste nicht linear zunehmen, wenn man sich in der Hierarchie der Typen nach unten bewegt. Vielmehr sind Abstiegsängste bei jenen Gruppen besonders präsent, die noch etwas zu verlieren haben. Die Antizipation von Statusverlust ist ein wichtiger Ursachenherd für Prekarisierungsängste, der – paradoxer Weise – innerhalb der „Zone der Integration“ angesiedelt ist. Diese Feststellung ist wichtig, weil sich Unsicherheitserfahrungen nicht auf die „Zone der Prekarität“ beschränken. Allerdings ist die Prekarität auch nicht, zumindest nicht in gleicher Weise, „überall“ (Bourdieu 1998, S. 96). Die wichtigsten Ergebnisse unserer Untersuchung lassen sich wie folgt zusammenfassen.
  1. (1)

    Zukunftsbewusstsein und Lebensplanung: Tatsächlich stoßen wir in der „Zone der Prekarität“ unter völlig anderen gesellschaftlichen Bedingungen auf die Wiederkehr jener Problematik, die Bourdieu (Bourdieu 2000) am Beispiel des kabylischen Subproletariats analysiert hatte. Bei der subjektiven Bewertung ihres Beschäftigungsverhältnisses ist für die Befragten entscheidend, dass eine prekäre Beschäftigung keine Basis für eine längerfristige Lebensplanung bietet (Typ 5, 6). Familiengründung, Elternschaft oder Wohneigentum, die in den individuellen Zukunftsentwürfen der Stammbeschäftigten eine zentrale Rolle spielen, werden für prekär Beschäftigte zu einem unkalkulierbaren Risiko. Selbst für kürzere Zeitspannen gilt, dass individuelle Planungssicherheit erheblich erschwert wird. Jeder erzwungene Arbeitsplatz- oder Betriebswechsel ist zwangsläufig mit Unsicherheitserfahrungen verbunden. Das gilt umso mehr, als die Übergänge zwischen den Arbeitseinsätzen häufig durch Phasen der Arbeitslosigkeit unterbrochen werden.

     
Die „Hoffenden“ (Typ 5) befürchten eine Blockierung ihrer beruflichen Weiterbildungsambitionen. Durchaus realistisch konstatieren sie, dass ihr Beschäftigungsverhältnis mit einer gleichberechtigten Teilhabe an institutionalisierter beruflicher Weiterbildung faktisch unvereinbar ist. Wird in den alltäglichen Kritiken dieser meist jüngeren Befragten der Anspruch auf eine „Normalisierung“ der eigenen Erwerbsbiografie deutlich, findet sich bei den „Realisten“ (Typ 6) eine andere Problematik. Sie sehen in ihrem prekären Beschäftigungsverhältnis einen fast schon alternativlosen Zugang zur Arbeitsgesellschaft. Für eine Verstetigung prekärer Beschäftigung spricht die Abfolge beruflicher Stationen und Tätigkeiten. Gerade die älteren Befragten schildern ihr Berufsleben als permanenten Wechsel zwischen befristeten, häufig nicht qualifikationsadäquaten Arbeitstätigkeiten und längeren Phasen der Erwerbslosigkeit. Beinahe fraglos gehen sie davon aus, dass auf eine halbwegs attraktive, aber befristete Beschäftigung Arbeitslosigkeit folgt. Und wie selbstverständlich offerieren sie ein Arsenal an Alltagstechniken, das ihnen ein Überleben in Unbeständigkeit ermöglichen soll. Unsicherheitserfahrungen werden von ihnen offenkundig verinnerlicht, ein starkes Indiz dafür, dass sich die „Realisten“ auf ein Leben in der „Zone der Prekarität“ einstellen. Ziel dieser Gruppe bleibt es, zumindest zeitweilig einer regulären, einigermaßen gut bezahlten Arbeit nachgehen zu können, um dem Absturz in die „Zone der Entkoppelung“ zu entgehen. Mit den „Hoffenden“ und den „Zuverdienerinnen“ haben sie gemeinsam, dass prekäre Beschäftigung nicht allein Unsicherheit und materiellen Mangel bedeutet. Vielfach bedingt die Instabilität der Beschäftigung Anerkennungsdefizite und eine Schwächung der Zugehörigkeit zu sozialen Netzen, die eigentlich dringend benötigt würden, um den Alltag einigermaßen zu bewältigen.
  1. (2)

    Bedeutungswandel von Erwerbsarbeit: Insgesamt bietet die Typologie viele Anhaltspunkte, die auf einen weitreichenden Bedeutungswandel von Erwerbsarbeit schließen lassen. Nicht nur bei den prekär Beschäftigten, auch bei den Verunsicherten (Typ 3) und Abstiegsbedrohten (Typ 4), die formal noch immer in ein unbefristetes Normalarbeitsverhältnis integriert sind, zeigt sich, dass abhängige Erwerbsarbeit ihre Funktion als zentrales „Bindemittel“ der Gesellschaft zu verlieren beginnt. Als Folge sind qualitative Arbeitsansprüche subjektiv in die Defensive geraten. Zwar sind arbeitsinhaltliche und sozialkommunikative Ansprüche bei den „Hoffenden“ und den „Abstiegsbedrohten“ keineswegs verschwunden. Das zeigt sich z. B. daran, dass prekär Beschäftigte, sobald sie den Sprung in die Stammbelegschaft geschafft haben, bereits über Wege zum „kleinen Aufstieg mittels Weiterbildung“ nachdenken. Zudem stützt auch die berufliche Qualifikation Ansprüche auf eine halbwegs faire und menschenwürdige Behandlung. Eine sozial geförderte Tätigkeit (Ein- und Zweieuro-Jobs, Bürgerarbeit) möchten qualifizierte „Realisten“ selbst dann nicht annehmen, wenn ihnen Erwerbslosigkeit droht. Doch letztendlich werden qualitative Arbeitsansprüche zumindest zeitweilig zurückgestellt. Der Wunsch des Leiharbeiters ist es, Stammarbeiter zu werden (Castel 2000). Daher bestimmt die reproduktive Dimension, das Streben nach Einkommens- und Beschäftigungssicherheit, das Arbeitsbewusstsein vieler prekär Beschäftigter.

     
Anhand unserer Typologie lässt sich präziser fassen, was ein Leben in der „Zone der Verwundbarkeit“ ausmacht. Charakteristisch ist – und hier besteht ein fundamentaler Unterschied zum traditionellen Subproletariat – gerade nicht die vollständige Entwurzelung und Pauperisierung. Die prekär Beschäftigten befinden sich in einer eigentümlichen „Schwebelage“ (Kraemer und Speidel 2005, S. 119). Einerseits haben sie den Anschluss an die „Zone der Normalität“ noch immer vor Augen und müssen alle Energien mobilisieren, um den Sprung vielleicht doch noch zu schaffen. Andererseits sind permanente Anstrengungen auch nötig, um einen dauerhaften sozialen Abstieg zu vermeiden. Wer in seinen Anstrengungen nachlässt, dem droht der Absturz in die „Zone der Entkoppelung“. Aufgrund der Diskontinuitäten des Beschäftigungsverhältnisses besitzen die modernen „Prekarier“ keine Reserven, kein Ruhekissen. Sie sind die ersten, denen in Krisenzeiten Entlassungen drohen. Ihnen werden bevorzugt die unangenehmen Arbeiten aufgebürdet. Und sie sind die Lückenbüßer, die „Mädchen für alles“, deren materielle und qualifikatorische Ressourcen mit anhaltender Dauer der Unsicherheit allmählich verschlissen werden.
  1. (3)

    Das Desintegrationsparadoxon: Eben das macht die spezifische Verwundbarkeit prekär Beschäftigter aus. Das alte Glücksversprechen des sozialstaatlich regulierten Kapitalismus, wonach ein Standard-Beschäftigungsverhältnis die Basis für langsam aber kontinuierlich wachsenden Wohlstand bildet, ist für prekär Beschäftigte außer Kraft gesetzt. Und doch zeichnet sich ihr Leben nicht durch eine Totalisierung von Desintegrationserfahrungen aus. So paradox es klingt, die eigentümliche, mit massiven Desintegrationserfahrungen verknüpfte „Schwebelage“ motiviert zu besonderen Re-Integrationsbemühungen. Selbige beruhen darauf, dass der ökonomische Habitus noch nicht vollständig destruiert und die Fähigkeit zu einer auf die Zukunft orientierten Lebensplanung zumindest als Anspruch noch präsent ist. Aus diesem Grund können an die Stelle primärer (Beschäftigungs- und Einkommenssicherheit, soziale Anerkennung, Identifikation mit der Arbeitstätigkeit) nun sekundäre Integrationspotenziale treten.

     

Zu den sekundären Integrationspotenzialen gehört die erwartungsstrukturierende Wirkung sozial geschützter Erwerbstätigkeit. Das ist immer dann der Fall, wenn prekär Beschäftigte ihr Arbeitsverhältnis als Sprungbrett in die Zone der Normalität betrachten (Typ 5). In solchen Fällen gilt die unsichere Beschäftigung als notwendiges Übel, das man zeitweilig in Kauf nimmt, um sich die Chance auf ein sicheres Beschäftigungsverhältnis zu erhalten. Geradezu paradox wurzelt die Attraktivität prekärer Arbeit in der Möglichkeit ihrer Überwindung. Es liegt auf der Hand, dass die Vitalität solcher Erwartungshaltungen mit Lebensalter und Qualifikation erheblich variiert. Vor allem jüngere, gut ausgebildete Befragte setzen auf den „Klebeeffekt“ (Verbleib im Entleihbetrieb) einer unsicheren Beschäftigung.

Von sekundärer Integration kann aber auch gesprochen werden, wenn die Angst vor dem sozialen Abstieg Re-Integrationsbemühungen motiviert (Typ 6). Das ist bei prekär Beschäftigten der Fall, denen ein unsicheres Beschäftigungsverhältnis als letzte verbliebene Option erscheint, um einem dauerhaften Ausschluss aus dem Erwerbssystem zu entgehen. In solchen Fällen wiegen die antizipierten Ausschließungseffekte von Dauerarbeitslosigkeit subjektiv schwerer als jene Diskriminierungen, die mit einem prekären Beschäftigungsverhältnis verbunden sind. Schließlich wirken sekundäre Integrationspotenziale auch über akzeptierte geschlechtsspezifische oder ethnisch aufgeladene Ungleichheiten und Selbstdefinitionen. Das wird sichtbar, wenn sich Verkäuferinnen im Einzelhandel als Zuverdienerinnen definieren, deren Selbstbewusstsein auf der Identifikation mit einer eher traditionellen Hausfrauen- und Mutterrolle beruht. Ähnliches findet sich bei jungen Migranten, die informelle Arbeit akzeptieren, weil sie ihnen ertragreicher erscheint als jede berufliche Qualifizierungsmaßnahme (Typ 8, 9). Bezeichnend für diese Gruppen ist, dass sie sich selbst keineswegs als „ausgegrenzt“ oder „abgekoppelt“ definieren. Gebräuchlicher sind Bezeichnungen wie „arbeitende Arbeitslose“, die hervorheben, dass die Betreffenden durchaus in der Lage sind, in der Schattenwirtschaft ihre Existenz zu sichern.
  1. (4)

    Disziplinierung: Freilich meint Integration in der „Zone der Verwundbarkeit“ oder der „Zone der Entkoppelung“ etwas völlig anderes als in der Welt der standardisierten Arbeitsverhältnisse. Die primären arbeitsweltlichen Integrationspotenziale (Befriedigung reproduktiver und qualitativer Arbeitsansprüche) werden geschwächt; dieser Verlust kann durch sekundäre Integrationspotenziale allenfalls partiell ausgeglichen, aber niemals vollständig kompensiert werden. Die arbeitsweltliche Nähe zur „Zone der Prekarität“ wirkt sich auch auf das Integrationspotenzial der Festanstellung aus. Stammbeschäftigte, die Leiharbeiter zunächst als wünschenswerten Flexibilisierungspuffer betrachten, beschleicht ein diffuses Gefühl der Ersetzbarkeit, wenn sie an die Leistungsfähigkeit der Externen denken. Denn „das ist eben das, was mir manchmal schlaflose Nächte bereitet, weil, wenn das jetzt schon so gut läuft, was ist dann einmal in zehn Jahren, dann sind wir Auslaufmodelle, wir Festangestellten“, gibt ein befragter Facharbeiter seine Befürchtungen preis. An diesem Beispiel zeigt sich, dass schon die Sichtbarkeit und Erfahrbarkeit einer „Zone der Prekarität“ disziplinierend auf Stamm- und Vollzeitbeschäftigte zurückwirkt – und das selbst in einem Untersuchungsbetrieb mit einer gewerkschaftlich zu weit über 90 Prozent organisierten Stammbelegschaft von 30.000 Personen, der in der Spitze nur einige Hundert Leiharbeiter gegenüberstehen.

     

3.2 Grenzverschiebungen an der „Schwelle der Respektabilität“

Die vorgestellte Typologie beschreibt subjektive Verarbeitungsformen sozialer Instabilität während der Einführung der Arbeitsmarktreformen. Prekarität war zu diesem Zeitpunkt vor allem durch ihre Relationalität nach oben, die Orientierung an einer sozial geschützten Vollerwerbstätigkeit mit umfassenden sozialen und Partizipationsrechten, definiert. Das hat sich mittlerweile geändert. Prekarität wird in Deutschland immer stärker durch die abschreckende Wirkung einer unteren Grenze der Fürsorgeabhängigkeit bestimmt. Diese Grenzverschiebung leistet jenes aktivierende Arbeitsmarktregime, das im Zuge der „Hartz-Reformen“ entstanden ist. Anhand einer qualitativen Studie, die sich über sieben Jahre erstreckte (Dörre et al. 2013b),5 können wir zeigen, wie dieses Regime eine „Schwelle der Respektabilität“, die bei Bourdieu nur andeutungsweise vorkommt, neu justiert.

Unsere Untersuchung konzentriert sich auf jene Gruppen, die in der zuvor vorgestellten Typologie in der „Zone der Entkoppelung“ oder knapp darüber angesiedelt sind. Im Unterschied zur ersten Untersuchung werden nun jedoch die Wirkungen strenger Zumutbarkeitsregeln und die Absenkung der Leistungen auf das Niveau der früheren Sozialhilfe in die Untersuchung einbezogen. Bei den befragten Leistungsbeziehern finden sich drei typische Erwerbsorientierungen. Die „Um-Jeden-Preis-Arbeiter“ tun im wahrsten Sinne des Wortes alles, um in ein Beschäftigungsverhältnis zu gelangen, das ihren Status wirklich verbessert. Sie versuchen, ihr Tätigkeitskonzept der normativen Orientierung anzupassen. Die „Als-ob-Arbeiter“ halten normativ am Ziel einer regulären Erwerbsarbeit fest, sehen real aber keine Chance, es zu verwirklichen. Deshalb betreiben sie das unbezahlte bürgerschaftliche Engagement oder die sozial geförderte Tätigkeit so, als handele es sich um eine reguläre Erwerbsarbeit. Nur die dem dritten Typus zugerechneten Nicht-Arbeiter machen aus dem Faktum, dass die Gesellschaft sie offenbar nicht mehr braucht, subjektiv eine Tugend. Bei ihnen ist die normative Erwerbsorientierung erodiert. Diese Gruppe ist sozial besonders heterogen. Sie reicht vom jugendlichen Punk bis zu Personen, die von Schattenarbeit besser leben als von einem regulären, aber dennoch prekären Job. Diese Gruppe umfasst nach Ansicht befragter Experten allenfalls acht bis zehn Prozent der Leistungsbezieherinnen und -bezieher.

Im Falle der beiden erstgenannten Gruppen läuft der Aktivierungsanspruch des neuen Arbeitsmarktregimes offene Türen ein, weil die Betreffenden von sich aus aktiv sind, selbst wenn sie kaum noch Chancen auf einen regulären Job haben. Bei der dritten Gruppe lässt sich die Erosion der Erwerbsnorm weder mit Fördermaßnahmen noch mit Sanktionen korrigieren. Die betreffenden Personen verfügen zumeist über Mittel und Wege, Sanktionen zu unterlaufen; ihnen fehlt eine realistische Aussicht, ihre Lage überhaupt grundlegend verändern zu können. Unabhängig von ihren subjektiven Orientierungen gelingt den meisten Befragten der Sprung in eine reguläre Beschäftigung nicht. Stattdessen zeichnet sich ein Phänomen ab, das wir als zirkulare Mobilität bezeichnen. Insgesamt haben nur sehr wenige der von uns Befragten den Sprung in Verhältnisse geschafft, die sie vom Leistungsbezug dauerhaft befreien. Die anderen durchlaufen mitunter sechs, acht, zehn berufliche Stationen. Sie springen von der Erwerbslosigkeit in den Ein-Euro-Job, von dort in die Aushilfstätigkeit, dann in eine Qualifizierungsmaßnahme und so fort, um schließlich doch wieder im Leistungsbezug zu enden oder um niemals aus dem Bezug heraus zu kommen. Sie rennen und rennen, um am Ende wie in einem Hamsterrad doch nur auf der Stelle zu treten.

Je länger Personen im Leistungsbezug verbleiben, desto stärker wird der Druck, sich einen Überlebenshabitus anzueignen, der die Betreffenden vom Rest der Gesellschaft unterscheidet. Mit zunehmender Dauer des Leistungsbezugs sind die Befragten gezwungen, sich mit materieller Knappheit, geringer gesellschaftlicher Anerkennung und einer engmaschigen bürokratischen Kontrolle ihres Alltagslebens zu arrangieren. Wenn sie sich arrangieren, separiert sie das vom Rest der Gesellschaft. Separieren sie sich, eignen sich ihre Lebensentwürfe umso besser für kollektive Abwertungen durch die Mehrheitsgesellschaft. Gerade weil sich die Leistungsbezieher an widrige Bedingungen anpassen, werden sie zur Zielscheibe negativer Klassifikationen durch die sogenannte Mehrheitsgesellschaft.

Aus diesem Grund begreifen sich die befragten Leistungsbezieherinnen und -bezieher als Angehörige einer stigmatisierten Minderheit, die alles dafür tun muss, um doch noch Anschluss an gesellschaftliche Normalität zu finden. Die Fürsorgeabhängigkeit konstituiert einen Status, der für sie eine ähnliche Wirkung entfaltet wie die Hautfarbe im Falle rassistischer oder das Geschlecht bei sexistischen Diskriminierungen. Die Erwerbslosen und prekär Beschäftigten sind „diskreditierbar“ (Goffman 1975, S. 11). Haftet es einmal an der Person, können sich die Betroffenen des Stigmas „Hartz IV“6 nur noch schwer entledigen. Die Stigmatisierung erzeugt einen regelrechten Ohnmachtszirkel. Besonders aktiv sind ausgerechnet diejenigen Befragten, die nicht alle qualitativen Ansprüche an Arbeit und Leben aufgeben. Die Logik des aktivierenden Arbeitsmarktregimes verlangt jedoch das Gegenteil. Wenn sich im Zuge zirkularer Mobilität Verschleiß einstellt, setzt Anspruchsreduktion ein – und genau das erzeugt letztendlich Resignation und Passivität. Insofern bewirkt das Aktivierungsregime das Gegenteil von dem, was es eigentlich zu leisten beabsichtigt.

Der entscheidende Punkt ist jedoch, dass „Hartz-IV“ eine abschreckende Wirkung für Nochbeschäftigte erzeugt. Deren Bereitschaft, auch unterwertige, prekäre Jobs anzunehmen, um einen Status unterhalb der Schwelle der Respektabilität zu vermeiden, steigt. Die Angst, auf einen Status unterhalb der Schwelle gesellschaftlicher Respektabilität abzurutschen, diszipliniert selbst Stammbeschäftigte mit unbefristetem Arbeitsvertrag. Letztere sind im wahrsten Sinne des Wortes bereit, (fast) alles zu tun, um die Festanstellung zu erhalten, die sie zunehmend als Privileg betrachten. Genau dies fördert jedoch einen Trend zu einer exklusiven Solidarität von Stammbelegschaften, die sich nicht nur gegen „oben“, sondern auch gegen „anders“ und „unten“ abgrenzt. Eine von uns durchgeführte repräsentative Belegschaftsbefragung in einem Automobilwerk mit ca. 6000 Beschäftigten und einem gewerkschaftlichen Organisationsgrad von über 90 % bildet diese Tendenz empirisch ab. Das Statement „Eine Gesellschaft, in der jeder aufgefangen wird, ist auf Dauer nicht überlebensfähig“, findet mit 51 % bei Arbeitern und produktionsnahen Angestellten die größte Zustimmung; am geringsten ist sie bei den Sachbearbeitern. Dem scheint auf den ersten Blick zu widersprechen, dass die Befragten aus der Produktion die Arbeitsmarktreformen am deutlichsten ablehnen und in „Hartz IV“ vor allem ein Mittel zur Disziplinierung der Arbeitenden sehen. Und doch ist es die gleiche Statusgruppe von Arbeitern und produktionsnahen Angestellten, die mehrheitlich (54 %) und im Gruppenvergleich am häufigsten größeren Druck auf Arbeitslose befürwortet.7

Was auf den ersten Blick widersprüchlich erscheint, lässt sich erklären, wenn man die Relevanz der jeweiligen Statements für die jeweils eigene Statusposition reflektiert. Der „Hartz IV“-Bezug als Disziplinierungsmittel betrifft die soziale Positionierung von Arbeitern und produktionsnahen Angestellten, die näher an der Zone der Verwundbarkeit angesiedelt ist. Wer sich aktuell einigermaßen sicher fühlt, weiß doch, dass das soziale Netz im Falle des Arbeitsplatzverlustes schwächer geworden ist. Ein Arbeiter, der den gut bezahlten Job in der Exportwirtschaft verliert, wird selbst in prosperierenden Regionen nicht umstandslos einen gleichwertigen Arbeitsplatz finden. Im schlimmsten Fall droht bei längerer Dauer der Rückfall auf eine Position unterhalb einer „Schwelle gesellschaftlicher Respektabilität“. Schon die diffuse Befürchtung, dass dergleichen drohen könnte, löst Verunsicherung aus. Verunsicherung, die offenbar gerade im Produktionsbereich mit einer Tendenz zu exklusiver Solidarität einhergeht.

Wer arbeitet und leistungsbereit ist, der sieht sich vom neuen Arbeitsmarktregime zu Unrecht auf die Probe gestellt. Der Zorn der Festangestellten richtet sich gegen jene, die – vermeintlich – die Bewährungsproben „harter Arbeit“ meiden und sich so dem Gebot der Leistungsgerechtigkeit entziehen. Das Verhalten der Erwerbslosen und Hilfebedürftigen erscheint den Festangestellten als Gerechtigkeitsproblem. Wer sich mit der Fürsorgeabhängigkeit arrangiert, verletzt aus der Sicht von Facharbeitern und produktionsnahen Angestellten nicht nur die Gebote der Leistungsgerechtigkeit und Chancengleichheit, er verzichtet in den Augen dieser Repräsentanten der „Mehrheitsgesellschaft“ auf Autonomie. Ja, die betreffende Person oder Gruppe verhält sich geradezu antiemanzipatorisch, weil sie sich mit einer Konstellation äußerster Entfremdung arrangiert. Entfremdung bedeutet in diesem Kontext, „dass die Identität und das Handeln total von anderen bestimmt werden, bis hin zu dem Punkt“, an dem man sich „nur noch durch das Handeln und den Blick des Herrschaftssubjekts wahrnimmt“ (Dubet 2008, S. 170).

Einem solchen Arrangement in einer Situation des vollständigen Ausgeliefertseins begegnen viele festangestellte Arbeiter und Angestellte mit Abscheu. Sie selbst verwenden viel Energie darauf, noch in fremdbestimmten Verhältnissen möglichst viel an Autonomie zu bewahren, um ein einigermaßen selbstbestimmtes Leben führen zu können. Daher ist es nicht allein der Vorwurf des „Sozialschmarotzertums“, der ein Bedürfnis nach Distinktion auslöst. Auch die Ahnung, dass eine vollständige Unterordnung unter Fremdbestimmung und die dauerhafte Abhängigkeit von anderen lebbar ist, dass es einen subjektiven Verzicht auf sämtliche Aktivitäten zur Abmilderung von Entfremdung und Ausbeutung gibt, kann sich als kollektive Abwertung und Stigmatisierung der so Klassifizierten bemerkbar machen. Personen und Gruppen, die sich derart vollständig unterwerfen, die sich einer Situation totaler Entfremdung wehrlos ausliefern, sind gerade aus der Perspektive gewerkschaftlich organisierter Arbeiter und Angestellter eine latente oder gar eine manifeste Bedrohung jeglicher Solidarität von Lohnabhängigen. Diese Haltung erklärt, weshalb selbst gewerkschaftlich aktive Befragte den vermeintlichen Sozialmissbrauch durch Langzeitarbeitslose offen ansprechen und attackieren.

4 Normalisierung der Prekarität

Die präsentierten empirischen Befunde belegen eine Entwicklung, in der Prekarität zu einer „‚normalen‘ Organisationsform der Arbeit mit ihren eigenen Merkmalen und Existenzformen“ geworden ist (Castel 2011, S. 136). Diese Existenzweise bringt offiziell registrierte Arbeitslosigkeit zum Verschwinden, indem sie Erwerbslose in unsichere, instabile Beschäftigungsverhältnisse integriert, die ihrerseits sozial geschützte Beschäftigungsverhältnisse verdrängen. Selbiges geschieht, indem die „Schwellen“ sozialer Sicherheit im Zuge einer wettbewerbsgetriebenen Landnahme neu justiert werden. Auf Fürsorgeniveau und damit unterhalb einer Schwelle der Respektabilität befinden sich all jene, die im System der neuen Fürsorge („Hartz IV“) verharren. Diese Schwelle reicht im Falle prekär Beschäftigter, die ihre Löhne aufstocken müssen, bis in die „Zone der Verwundbarkeit“ hinein. D. h. sie wird aus der „Zone der Entkoppelung“ nach oben verschoben. Zugleich wird die „Schwelle der Sicherheit“ in die „Zone der Integration“ hinein verlagert. In ihre Nähe geraten zunehmend auch solche Gruppen, die sich ihre Festanstellung in ständigen Bewährungsproben stets aufs Neue verdienen müssen. Die „Schwelle der Berechenbarkeit“ wird ebenfalls nach oben verschoben. Oberhalb dieses Niveaus agieren Gruppen in Festanstellung oder flexibler Beschäftigung („Gesicherte“, „Selbstmanager“), die sich von materieller Knappheit weitgehend emanzipiert haben und deshalb aufgrund ihrer sozialen und kulturellen Ressourcen einen langfristig angelegten, „unternehmerisch“ kalkulierenden Lebensplan entwickeln können, ohne vorübergehende Phasen der Einkommens- und Beschäftigungsunsicherheit fürchten zu müssen.

Im Zuge dieser Grenzverschiebungen hat sich auch in Deutschland eine historische neue Form der Prekarität herausgebildet, die über ein verzweigtes System betrieblicher, staatlicher und interpersonal-privater Bewährungsproben wirksam wird. Diese Form der Prekarität korrespondiert mit Machtasymmetrien, die deutlich über das hinausgehen, was in den 1980er-Jahren als „sekundäres Machtgefälle“ am Arbeitsmarkt bezeichnet wurde (Offe und Hinrichs 1984, S. 44–86). Es geht nicht mehr „nur“ um Problemgruppen, die ihre „‚gebrochene Normalität‘ als Arbeitnehmer“ mittels Ausübung von Alternativrollen zumindest subjektiv entschärfen und so zu überdurchschnittlich geduldigen und belastbaren Arbeitnehmerinnen werden (Offe und Hinrichs 1984, S. 79). Die neue Prekarisierung erzeugt ein Machtgefälle, das mit den diversen Segmenten der Erwerbsarbeitsgesellschaft zugleich die Reproduktionsverhältnisse durchdringt. Diskriminierende Prekarität entsteht über die Konstruktion eines gesellschaftlichen Sonderstatus, der sowohl aus der Perspektive noch gesicherter Gruppen, als auch in der Selbstwahrnehmung jener, die in unsicheren Verhältnissen leben müssen, als Minderheitenproblematik erscheint.

In der gesellschaftlichen Wahrnehmung konstituiert die Prekarisierung eine Hierarchie, in der diejenigen, die in den schwierigsten Verhältnissen leben und die zugleich über die geringsten Machtressourcen verfügen, sich als Angehörige minoritärer Gruppen erleben, deren alltägliche Lebenspraxis von den Standards der „Mehrheitsgesellschaft“ abweicht. Dieser Sonderstatus wird auch über Geschlecht, Nationalität und Ethnie konstruiert; er stellt jedoch etwas Eigenes dar. Immer scheint es, als lasse sich die nächste Stufe in der sozialen Hierarchie, die ein wenig Mehr an „Normalität“ verspricht, durch eigene Anstrengung erklimmen. Für die Sozialhilfeempfängerin, die niemals längerfristig erwerbstätig war, wird die Familiengründung zur letzten Chance, Anschluss an die gesellschaftliche „Normalität“ zu erreichen. Die „niedrigschwellige Integrationsmaßnahme“ der Arbeitsverwaltung gilt ihr als Zugang zu einer bislang unbekannten Welt der Erwerbsarbeit und der Ein-Euro-Job als lebensgeschichtliche Herausforderung. Der Ein-Euro-Jobber empfindet die auf zwei Jahre befristete Arbeitsbeschaffungsmaßnahme als „Glückslos in der Lotterie“. Den gefördert Beschäftigten mit „Ersatzarbeit“ verheißt die Leiharbeit in der Automobilindustrie eine attraktive Perspektive; der Leiharbeiter wiederum beneidet die befristet Beschäftigte, weil diese immerhin auf Zeit der Stammbelegschaft angehört. Und stets entscheidet die Verfügung über Zeitressourcen und soziale Kontakte mit darüber, ob man die nächste Sprosse auf der Leiter, die nach oben führt, noch erreichen kann. Auf diese Weise entsteht ein feingliedriges System der De- und Re-Privilegierung, das auch jene diszipliniert, die nicht oder noch nicht in prekären Verhältnissen leben müssen. Ob das dauerhaft so bleibt, ist ungewiss. Fest steht: Die „Vagabunden“ sind zurück. Sie müssen von prekärer und deshalb unwürdiger Arbeit leben. Sie sind aber nicht nur und auch nicht in erster Linie Opfer prekärer Verhältnisse. Sie sind aktiv. Ihre Lebensführung rationalisieren sie unter dem Diktum materieller Knappheit und mangelnder Anerkennung. Günstige Gelegenheitsstrukturen vorausgesetzt, sind sie dennoch zu Widerständigkeit, Protest und kollektivem Engagement in der Lage. Alles, was diskriminiert und diszipliniert, kann daher rasch in Gegenwehr, Beteiligung an Streiks und soziale Bewegungen umschlagen (Dörre et al. 2016; Goes 2015). Deshalb ist kritische Theorie gut beraten, das neue Prekariat nicht voreilig als deviantes Lumpenproletariat abzuwerten. Vielmehr muss ihr daran gelegen sein, Prekarität als eine herrschaftskritische Kategorie zu nutzen, um in Frage zu stellen, was in unsicherer Lage bedrückt und diszipliniert (Bescherer 2012).

Fußnoten

  1. 1.

    Vgl.: Bourdieu et al. 1997; Lee und Kofman 2012; von Holdt et al. 2011; Druck 2013; Antunes 2013; Koch und Fritz 2013; Kalleberg 2011; Standing 2011, 2014; Munck 2013; Castel 2000; Castel und Dörre 2009; Pelizzari 2009; Motakef 2015; della Porta et al. 2015; Sproll und Wehr 2014; Schmalz et al. 2013; Cerda Becker et al. 2015.

  2. 2.

    „Das soziale Eigentum ließe sich als Produktion äquivalenter sozialer Sicherungsleistungen bezeichnen, wie sie zuvor allein das Privateigentum lieferte“ (Castel 2005, S. 41 f.).

  3. 3.

    Zu den Ursachen der Prekarisierung aus der Perspektive des Landnahme-Theorems vgl. Dörre 2009a, b.

  4. 4.

    Dies sind (a) die reproduktiv-materielle Dimension: Prekär ist Erwerbsarbeit, wenn eine Tätigkeit, deren Vergütung die Haupteinnahmequelle darstellt, instabil und/oder nicht existenzsichernd ist und/oder wenn eine Arbeit, die man einem Arbeitgeber leistet, nicht so vergütet wird, dass das Einkommen dem oder der Arbeitenden ermöglicht, ein gesellschaftlich anerkanntes kulturelles Minimum zu realisieren; (b) die sozial-kommunikative Dimension: Erwerbsarbeit ist prekär, wenn die Beschäftigungsform eine gleichberechtigte Integration in soziale Netze ausschließt, wenn die Ausübung einer Tätigkeit den Arbeitenden soziale Verkehrskreise verschließt oder wenn die Belastungen und Restriktionen einer Tätigkeit durch Zugehörigkeit zu engmaschigen sozialen Netzen, durch Familie und Verwandtschaft ausgeglichen werden müssen; (c) die rechtlich-institutionelle oder Partizipationsdimension: Damit ist gemeint, dass eine Arbeitstätigkeit den oder die Arbeitende vom vollen Genuss institutionell verankerter sozialer Rechte und Partizipationschancen ausschließt. Tarifliche Rechte, Mitbestimmungsmöglichkeiten, Betriebsvereinbarungen und soziale Schutz- und Sicherungsrechte wie Kündigungsschutz, Rentenversicherung etc. gelten im vollen Umfang in der Regel nur für unbefristete Vollzeitbeschäftigte; (d) die Status- und Anerkennungsdimension: Prekär ist Arbeit auch, wenn sie mit sozialer Missachtung verbunden ist sowie (e) die arbeitsinhaltliche Dimension: Von prekärer Beschäftigung kann auch gesprochen werden, wenn die Berufstätigkeit von dauerhaftem Sinnverlust begleitet ist oder wenn sie im Gegenteil zu einer krankhaften Überidentifikation mit Arbeit führt. Moderne Pathologien der Arbeitswelt wie Arbeitswut, Burn-out-Syndrome, Entspannungsunfähigkeit und der Verlust des Privatlebens haben hier ihren Ursprung.

  5. 5.

    Empirische Basis der Untersuchung sind Fallstudien in vier Arbeitsmarktregionen, 95 Experteninterviews mit Beschäftigten der Arbeitsverwaltung und weiteren Experten in den Regionen sowie 188 Interviews mit Bezieherinnen und Beziehern des Arbeitslosengeldes II (ALG II), die zwischen 2006 und 2012 in drei Wellen befragt wurden. Die Untersuchung zielt auf die subjektiven Erwerbsorientierungen der Leistungsbezieher, auf die individuellen Kompromissbildungen zwischen normativer Orientierung und realer Tätigkeit sowie den Einfluss strenger Zumutbarkeitsregeln auf diese Kompromissbildungen.

  6. 6.

    „Hartz IV“ ist die alltagssprachliche Bezeichnung für das Arbeitslosengeld II, das die Leistungsbezieher real wie auch in ihrem Selbstverständnis mit Fürsorgeempfängern gleichsetzt, die ohne staatliche Hilfe nicht in der Lage sind, ihre Existenz zu sichern.

  7. 7.

    Die Daten basieren auf drei Erhebungen mit Produktionsarbeitern und produktionsnahen Angestellten („Belegschaft“, n = 1442), mit angestellten Sachbearbeitern (n = 618) sowie mit Führungskräften (n = 262), die Mitte 2010 (Belegschaft) und Anfang 2011 (Sachbearbeiter, Führungskräfte) durchgeführt wurden (Dörre et al. 2013a, b S. 223 ff.).

Literatur

  1. Adorno, T. W. (1980). Das Verhältnis von Soziologie und Psychologie. In T. W. Adorno, Gesammelte Schriften 8: Soziologische Schriften (S. 42–85). Frankfurt a. M.: Suhrkamp.Google Scholar
  2. Albert, M. (1992). Kapitalismus contra Kapitalismus. Frankfurt a. M.: Campus.Google Scholar
  3. Antunes, R. (2013). The working class today: The new form of being of the class who lives from its labour. Workers of the World: International Journal on Strikes and Social Conflicts, 1(2), 7–17.Google Scholar
  4. Aulenbacher, B., Riegraf, B., & Theobald, H. (Hrsg.). (2014). Sorge: Arbeit, Verhältnisse, Regime. Soziale Welt, Sonderband (Bd. 20). Baden-Baden: Nomos.Google Scholar
  5. Becker-Schmidt, R. (2007). Geschlechter- und Arbeitsverhältnisse in Bewegung. In B. Aulenbacher, M. Funder, H. Jacobsen & S. Völker (Hrsg.), Arbeit und Geschlecht im Umbruch moderne Gesellschaften. Forschung im Dialog (S. 250–268). Wiesbaden: VS.CrossRefGoogle Scholar
  6. Bescherer, P. (2012). Vom Lumpenproletariat zur Unterschicht. Produktivistische Theorie und politische Praxis. Frankfurt a. M.: Campus.Google Scholar
  7. Bologna, S. (1977). The Tribe of Moles. (Übers. Ed Emery). http://libcom.org/library/tribe-of-moles-sergio-bologna.
  8. Bonss, W. (1983). Kritische Theorie und empirische Sozialforschung. Anmerkungen zum einem Fallbeispiel. In E. Fromm (Hrsg.), Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches. Eine sozialpsychologische Untersuchung (S. 7–46). München: dtv.Google Scholar
  9. Bourdieu, P. (1998). Gegenfeuer: Wortmeldungen im Dienste des Widerstands gegen die neoliberale Invasion. Konstanz: UVK.Google Scholar
  10. Bourdieu, P. (2000). Die zwei Gesichter der Arbeit. Interdependenzen von Zeit- und Wirtschaftsstrukturen am Beispiel einer Ethnologie der algerischen Übergangsgesellschaft. Konstanz: UVK.Google Scholar
  11. Bourdieu, P., Balazs, G., Beaud, S., Broccolichi, S., Champagne, P., & Christin, R. (1997). Das Elend der Welt: Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft. Konstanz: UVK.Google Scholar
  12. Butler, J. (2005). Gefährdetes Leben. Politische Essays. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.Google Scholar
  13. Castel, R. (2000). Die Metamorphosen der sozialen Frage: eine Chronik der Lohnarbeit. Konstanz: UVK.Google Scholar
  14. Castel, R. (2005). Die Stärkung des Sozialen. Leben im neuen Wohlfahrtsstaat. Hamburg: Hamburger Edition.Google Scholar
  15. Castel, R. (2011). Die Krise der Arbeit. Neue Unsicherheiten und die Zukunft des Individuums. Hamburg: Hamburger Edition.Google Scholar
  16. Castel, R., & Dörre, K. (2009). Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung: die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts. Frankfurt a. M./New York: Campus.Google Scholar
  17. Cerda Becker, C., Schmalz, S., & Sittel, J. (2015). Die Grauzonen der Arbeit: Zum Verhältnis von Informalität und Formalität im globalen Kapitalismus. Schwerpunktheft Journal für Entwicklungspolitik, 31(4), 4–11.CrossRefGoogle Scholar
  18. Crouch, C., & Streeck, W. (Hrsg.). (1997). Political economy of modern capitalism. Mapping convergence & diversity. London: Sage.Google Scholar
  19. Dörre, K. (2009a). Die neue Landnahme. Dynamiken und Grenzen des Finanzmarktkapitalismus. In K. Dörre, S. Lessenich & H. Rosa, Soziologie – Kapitalismus – Kritik. Eine Debatte (S. 21–86) Frankfurt a. M.: Suhrkamp.Google Scholar
  20. Dörre, Klaus. (2009b). Prekarität im Finanzmarkt-Kapitalismus. In R. Castel & K. Dörre (Hrsg.), Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung – Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts (S. 35–64). Frankfurt a. M.: Campus.Google Scholar
  21. Dörre, K., Holst, H., & Matuschek, I. (2013a). Zwischen Firmenbewusstsein und Wachstumskritik. Subjektive Grenzen kapitalistischer Landnahmen. In K. Dörre, A. Happ & I. Matuschek (Hrsg.), Das Gesellschaftsbild der LohnarbeiterInnen. Soziologische Untersuchungen in ost-und westdeutschen Industriebetrieben (S. 198–261). Hamburg: VSA.Google Scholar
  22. Dörre, K., Scherschel, K., Booth, M., Haubner, T., Marquardsen, K., & Schierhorn, K. (Hrsg.). (2013b). Bewährungsproben für die Unterschicht? Soziale Folgen aktivierender Arbeitsmarktpolitik. Frankfurt a. M.: Campus.Google Scholar
  23. Dörre, K., Ehrlich, M., & Haubner,T. (2014). Landnahmen im Feld der Sorgearbeit. In B. Aulenbacher, B. Riegraf & H. Theobald (Hrsg.), Sorge: Arbeit, Verhältnisse, Regime. Care: Work, Relations, Regimes (Soziale Welt, Sonderband 20, S. 107–124). Baden-Baden: Nomos.Google Scholar
  24. Druck, Graca. (2013). The Social Precarisation of Labour in Brazil. Austrian Journal of Development Studies, XXX(4/2014),46–68.Google Scholar
  25. Dubet, F. (2008). Ungerechtigkeiten. Zum subjektiven Ungerechtigkeitsempfinden am Arbeitsplatz. Hamburg: Hamburger Edition.Google Scholar
  26. Federici, S. (2015). Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation. Wien: Mandelbaum.Google Scholar
  27. Fratzscher, M. (2016). Verteilungskampf. Warum Deutschland immer ungleicher wird. München: Carl Hanser Verlag.CrossRefGoogle Scholar
  28. Fromm, E. (1929/1983). Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches. Eine sozialpsychologische Untersuchung. München: dtv.Google Scholar
  29. Gefken, A., Stockem, F., & Böhnke, P. (2015). Subjektive Umgangsformen mit prekärer Erwerbsarbeit – Zwischen Orientierung an und Ablösung von der Normalarbeitsgesellschaft. Berliner Journal für Soziologie, 25(1), 111–131.CrossRefGoogle Scholar
  30. Goes, T. E. (2015). Zwischen Disziplinierung und Gegenwehr. Wie Prekarisierung sich auf Beschäftigte im Großhandel auswirkt. Frankfurt a. M./New York: Campus.Google Scholar
  31. Goffman, E. (1975). Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. Frankfurt a. M.: Surhkamp.Google Scholar
  32. Hall, P. A., & Soskice, D. (2001). Varieties of capitalism: The institutional foundations of comparative advantage. Oxford: Oxford University Press.CrossRefGoogle Scholar
  33. Hauptmann, A., & Schmerer, H.-J. (2012). Lohnentwicklung im Verarbeitenden Gewerbe: Wer profitiert vom deutschen Exportboom? IAB-Kurzbericht (20) (S. 1-8).Google Scholar
  34. Hohendanner, C., & Stegmaier, J. (2012). Geringfügig Beschäftigte in deutschen Betrieben: Umstrittene Minijobs. IAB-Kurzbericht (24).Google Scholar
  35. Holst, H., & Dörre, K. (2013). ‚Revival of the German Model‘? Destandarization and the new labour market regime. In M. Koch & M. Fritz (Hrsg.), Non-standard employment in Europe. Paradigms, prevalence and policy responses (S. 132–149). Basingstoke: Palgrave Macmillan.CrossRefGoogle Scholar
  36. Institut für Sozialforschung (IfS). (1936). Studien über Autorität und Familie. Paris: Librairie Felix Alcan.Google Scholar
  37. Jahn, E., & Weber, E. (2013). Zeitarbeit: Zusätzliche Jobs, aber auch Verdrängung. IAB-Kurzbericht (2) (S. 1–6).Google Scholar
  38. Jahoda, M., Lazarsfeld, P. F., & Zeisel, H. (1933/1975). Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.Google Scholar
  39. Kalleberg, A. L. (2011). Good jobs, bad jobs: The rise of polarized and precarious employment systems in the United States, 1970s – 2000s. New York: Russel Sage Foundation.Google Scholar
  40. Koch, M., & Fritz, M. (Hrsg.). (2013). Non-standard employment in Europe: Paradigms, prevalence and policy responses. Basingstoke: Palgrave Macmillan.Google Scholar
  41. Kraemer, K., & Speidel, S. (2005). Prekarisierung von Erwerbsarbeit. Zum Wandel eines arbeitsweltlichen Integrationsmodus. In W. Heitmeyer & P. Imbusch (Hrsg.), Integrationspotentiale einer modernen Gesellschaft (S. 367–390). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.CrossRefGoogle Scholar
  42. Lee, C. K., & Kofman, Y. (2012). The politics of precarity: Views beyond the United States. Work and Occupations, 39(4), 388–408.CrossRefGoogle Scholar
  43. Lehndorff, S. (2012). „Besser statt billiger“: Demokratisierung der Arbeit als Flucht nach vorn. In W. Fricke & H. Wagner (Hrsg.), Demokratisierung der Arbeit: Neuansätze für Humanisierung und Wirtschaftsdemokratie (S. 203–222). Hamburg: VSA.Google Scholar
  44. Lutz, B. (1984). Der kurze Traum immerwährender Prosperität. Eine Neuinterpretation der industriell-kapitalistischen Entwicklung im Europa des 20. Jahrhunderts. Frankfurt a. M./New York: Campus.Google Scholar
  45. Motakef, M. (2015). Prekarisierung. Bielefeld: transcript Verlag.CrossRefGoogle Scholar
  46. Mückenberger, U. (2010). Krise des Normalarbeitsverhältnisses – nach 25 Jahren revisited. Zeitschrift für Sozialreform, 56(4), 403–420.CrossRefGoogle Scholar
  47. Munck, R. (2013). The precariat: A view from the South. Third Wolrd Quarterly, 34(5), 747–762.CrossRefGoogle Scholar
  48. Offe, K., & Hinrichs, K. (1984). Sozialökonomie des Arbeitsmarktes. Primäres und sekundäres Machtgefälle. In K. Offe (Hrsg.), „Arbeitgesellschaft“. Strukturprobleme und Zukunftsperspektiven (S. 44–86). Frankfurt a. M./New York: Campus.Google Scholar
  49. Paugam, S. (2009). Die Herausforderung der organischen Solidarität durch die Prekarisierung von Arbeit und Beschäftigung. In R. Castel & K. Dörre (Hrsg.), Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung: die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts (S. 175–196). Frankfurt a. M.: Campus.Google Scholar
  50. Pelizzari, A. (2009). Dynamiken der Prekarisierung. Atypische Erwerbsverhältnisse und milieuspezifische Unsicherheitsbewältigung. Konstanz: UVK.Google Scholar
  51. Popitz, H., Bahrdt, H.-P., Jüres, E. A., & Kesting, H. (1957). Das Gesellschftsbild des Arbeiters. Soziologische Untersuchungen in der Hüttenindustrie. Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck).Google Scholar
  52. della Porta, D., Hänninen, S., Siisiäinen, M., & Silvasti, T. (Hrsg.). (2015). The new social division. Making and unmaking precariousness. Basingstoke: Palgrave Macmillan.Google Scholar
  53. Rhein, T. (2013). Deutsche Geringverdiener im europäischen Vergleich. IAB Kurzbericht (15) (S. 1–9).Google Scholar
  54. Sachsse, C., & Tennstedt, F. (Hrsg.). (1986). Soziale Sicherheit und soziale Disziplinierung. Beiträge zu einer historischen Theorie der Sozialpolitik. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.Google Scholar
  55. Schmalz, S., & Dörre, K. (Hrsg.). (2013). Comeback der Gewerkschaften. Machtressoucen, innovative Praktiken, internationale Perspektiven. Frankfurt a. M./New York: Campus.Google Scholar
  56. Schmalz, S., Berti, N., Holzschuh, M., Sittel, J., & Tomadoni, C. (2013). Prekarität und Informalität im argentinischen Automobilsektor. Zeitschrift für sozialistische Politik und Wirtschaft, 4, 38–44.Google Scholar
  57. Schultheis, F., & Herold, S. (2010). Précarité und Prekarität: Zur Thematisierung der sozialen Frage des 21. Jahrhunderts im deutsch-französischen Vergleich. In M. Busch, J. Jeskow & R. Stutz (Hrsg.), Zwischen Prekarisierung und Protest. Die Lebenslagen und Generationsbilder von Jugendlichen in Ost und West (S. 233–264). Bielefeld: transcript Verlag.Google Scholar
  58. Sombart, W. (1928). Der moderne Kapitalismus. Müchen/Leipzig: Duncker & Humblot.Google Scholar
  59. Sproll, M., & Wehr, I. (Hrsg.). (2014). Capitalist peripheries: Perspectives on precarisation from the Global South and North. Austrian Journal of Development Studies (JEP), Special Issue, 30(4), 4–13.Google Scholar
  60. Standing, G. (2011). The precariat. The new dangerous class. London/New York: Bloomsbury.Google Scholar
  61. van der Linden, M. (2017). Workers of the World. Eine Globalgeschichte der Arbeit. Frankfurt a. M./New York: Campus.Google Scholar
  62. Vester, M., von Oertzen, P., Geiling, H., Herrmann, T., & Müller, D. (2015). Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel. Zwischen Integration und Ausgrenzung. Berlin: Suhkamp.Google Scholar
  63. Weinkopf, C. (2010). Warum Deutschland einen gesetzlichen Mindestlohn braucht. Vorgänge, 49(3), 38–49.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017

Authors and Affiliations

  1. 1.Institut für SoziologieFriedrich-Schiller-Universität JenaJenaDeutschland

Personalised recommendations