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Kritische Theorie und Krise: Landnahme an den Grenzen kapitalistischer Dynamik

  • Klaus DörreEmail author
Living reference work entry
Part of the Springer Reference Sozialwissenschaften book series (SRS)

Zusammenfassung

Im Verlauf ihrer Entwicklung hat die Kritische Theorie in ihren Hauptströmungen die Analysefähigkeit für ökonomische Krisen und insbesondere auch für große Krisen kapitalistischer Akkumulation eingebüßt. Das rächt sich in Zeiten, in denen globale ökonomische, soziale und politische Verwerfungen eine Rückkehr zur Normalität raschen Wachstums ausschließen. Der Beitrag skizziert Grundlinien marxistischer Krisendiskussion, rückt sie in den Kontext kapitalistischer Landnahmen, skizziert exemplarisch die Landnahmen des Sozialen und benennt neue Herausforderungen für eine Theorie der ökonomisch-ökologischen Zangenkrise.

Schlüsselwörter

Krise Große Krise Zangenkrise Vielfachkrise Landnahme Kolonialisierung Akkumulationstheorie Absorbtionsproblem Selbststabilisatoren 

Dass ökonomische Krisen Gegenstand Kritischer Theorie sind, ist keineswegs selbstverständlich. Karl Marx und Friedrich Engels hatten selbst keine umfassende Krisentheorie ausgearbeitet, sondern allenfalls Bruchstücke geliefert, die von späteren Generationen marxistischer Intellektueller höchst unterschiedlich interpretiert und weiterentwickelt wurden. Dabei verschob sich die Debatte allmählich vom konjunkturellen Zyklus hin zu krisenhaften Strukturbrüchen in der Entwicklungsgeschichte des Kapitalismus. Die jüngere Kritische Theorie hat dieses Vermächtnis jedoch mehr und mehr preisgegeben. In dem Maße, wie sie sich in ihren Hauptströmungen von der Marx’schen Kritik der Politischen Ökonomie entfernte, ist ihr auch das Sensorium für die strukturelle Instabilität des Kapitalismus abhandengekommen. Das rächt sich in einer Zeit, in der globale Finanz- und Wirtschaftskrisen möglicherweise ein Zeitalter säkularer ökonomischer Stagnation eingeleitet haben. Nachfolgend plädiere ich dafür, einen verschütteten Strang der Krisenanalyse wieder aufzunehmen, der mit dem Begriff der Landnahme verbunden ist. Zur Begründung wird (1.) gezeigt, dass sich der Hauptstrom der jüngeren Kritischen Theorie eine Kapitalismusinterpretation zu eigen macht, die in der Tradition neoharmonistischer Paradigmen stehen. Es folgt (2.) ein Abriss über politökonomische Krisendeutungen und deren Fundierung durch eine Theorie kapitalistischer Landnahmen, deren Anwendung (3.) am Beispiel des deutschen Kapitalismusmodells illustriert wird. Abschließend folgen (4.) Überlegungen zur ökonomisch-ökologischen Zangenkrise und zu neuen Herausforderungen für eine Kritische Theorie kapitalistischer Krisen.

1 Zur Einführung: Die Kontroverse um die Reproduktion des Kapitalverhältnisses

Eine der theoretisch fruchtbarsten Kontroversen um die krisenhafte Dynamik kapitalistischer Gesellschaften beruhte ironischerweise auf einer logischen Fehlinterpretation des Marx’schen Werks. Anfang des 20. Jahrhunderts sahen sich marxistische Theoretiker vor allem in den industriellen Zentren mit gravierenden Strukturveränderungen des Kapitalismus konfrontiert. Konzentration und Zentralisation des Kapitals, Kartellbildung, Kolonialpolitik, ungleichzeitige Entwicklung und Imperialismus drängten nach Deutung. Die Beschäftigung mit diesem Strukturwandel und dessen politisch-strategischen Konsequenzen löste eine Debatte aus, die sich an den Marx’schen Repoduktionsschemata entzündete. Marx hatte diese Schemata im zweiten Band von Das Kapital in Auseinandersetzung mit Quesnays Tableau économique entwickelt (vgl. Marx 1893/1977). Er beabsichtigte, die idealen Gleichgewichtsbedingungen einer kapitalistischen Wirtschaft darzustellen. Zwecks Veranschaulichung nutzte er ein stark vereinfachtes Kapitalismusmodell, das auf zwei Abteilungen der Akkumulation (Investitionsgüter-, Konsumgüterproduktion) und zwei Grundklassen (Besitzer von Produktionsmitteln, Besitzer von Arbeitskraft) in einer geschlossenen Wirtschaft beruhte. Von nichtkapitalistischen Produktionsweisen und Lebensformen abstrahierte er ebenso wie von technischem Fortschritt und Kolonialismus.

Was Marx als Modellierung von gelingender Reproduktion des Kapitals verstanden wissen wollte, interpretierten führende marxistische Intellektuelle des frühen 20. Jahrhunderts als Grundstein für eine Theorie kapitalistischer Entwicklung. Eine wichtige Interpretationslinie, die von ihren Kritikern als neoharmonistisch (vgl. Luxemburg 1903/1974, S. 363–368) abgelehnt wurde, ging auf die russischen legalen Marxisten und insbesondere auf den Ökonom Michail Iwanowitsch Tugan-Baranowski zurück. Aus der Sicht Tugan-Baranowskis und seiner Anhänger war Marx mit seinen Schemata für die einfache und die erweiterte Reproduktion des Kapitals der Nachweis für die Möglichkeit zu unbegrenzter Akkumulation und permanentem Wachstum in einem sich dynamisch stabilisierenden Kapitalismus gelungen. Diese Interpretation löste heftige Kontroversen aus. Neben den sozialrevolutionären Volkstümlern (Narodniki) hatten auch Wladimir I. Lenin und Rosa Luxemburg diese Interpretation der Marx’schen Schemata zurückgewiesen. Das marxistische Zentrum innerhalb der deutschen Sozialdemokratie nahm diese Debatte nur selektiv und zeitverzögert wahr. Immerhin hatte sich mit Rudolf Hilferding ein führender Theoretiker dieser Strömung Tugan-Baranowskis Interpretation des Marx’schen Wertmodells zueigen gemacht und sie mit seiner Theorie des organisierten Kapitalismus verschmolzen.

In Hilferdings Analysen des Finanzkapitals ist die neoharmonistische Interpretation zunächst nur als subdominanter Diskus angelegt. Der Austromarxist arbeitet die aggressive Tendenz imperialer Expansion mit großer analytischer Schärfe heraus. In den kapitalistischen Metropolen erscheine es als politisches Ideal, „der eigenen Nation die Herrschaft über die Welt zu sichern“. Dieses Streben sei „ebenso unbegrenzt wie das Profitstreben des Kapitals, dem es entsprang“. Das Kapital werde „zum Eroberer der Welt, und mit jedem Lande“ erobere es „die neue Grenze, die es zu überschreiten“ gelte. Zur ökonomischen Notwendigkeit geworden, werde die kapitalistische Expansion auch ideologisch legitimiert – durch aggressiven Nationalismus und Rassenideologie, die das Machtstreben des Finanzkapitals mit scheinbar naturwissenschaftlichen Weihen versehe (vgl. Hilferding 1909/1974, S. 457–458).

Allerdings bewegt sich dieser aggressive Expansionismus im ständigen Widerspruch zur realen Vergesellschaftung der Produktivkräfte. Hilferding greift Karl Kautskys Gedanken von der allmählichen Herausbildung eines „Generalkartells“ (vgl. Hilferding 1909/1974, S. 322) auf und argumentiert, die Konzentration und Zentralisation von Kapital erreiche früher oder später einen Punkt, an welchem die „ganze kapitalistische Produktion“ von einer Instanz bewusst geregelt werde, die „das Ausmaß der Produktion in allen ihren Sphären“ bestimme (vgl. Hilferding 1909/1974, S. 321–322). Im Finanzkapital, verstanden als industrielles Kapital in der Verfügung der Banken, „erlischt“ demnach der besondere Charakter des Kapitals (vgl. Hilferding 1909/1974, S. 323). Es ist diese Tendenz zur Vergesellschaftung der Produktivkräfte, die Otto Bauer, Renner, Kautsky und Braunthal später harmonistisch überhöhen. Für Otto Bauer z. B. sind Krisen temporäre Ereignisse, die – darin der späteren Neoklassik ähnlich – früher oder später wieder zu Gleichgewichtsmärkten führen. Die Überzeichnung der Tendenz zu Rationalität und Planmäßigkeit im Kapitalismus führt zu der problematischen Auffassung, dass es nur noch der schrittweisen Überwindung kapitalistischer Eigentumsverhältnisse bedarf, um von den Kommandohöhen wirtschaftlicher und politischer Macht aus den Übergang in eine Gesellschaft zu gestalten, die mit dem Kollektiveigentum an Produktionsmitteln zugleich die Anarchie kapitalistischer Märkte überwindet.

1.1 Rosa Luxemburg und das Reproduktionsproblem

Solchen Auffassungen widersprachen revolutionäre Marxisten wie Luxemburg und Lenin. Für Lenin und die Bolschewiki war der Imperialismus ihrer Zeit nicht nur das „höchste Stadium des Kapitalismus“ (Lenin 1916/1977), sondern zugleich Indiz für dessen parasitäre, in Fäulnis begriffene Verfassung. Fäulnis schloss ein „Wachstum des Kapitalismus nicht aus“ (Lenin 1916/1977, S. 305), im Gegenteil, im Großen und Ganzen wuchs „der Kapitalismus bedeutend schneller als früher“, aber dieses Wachstum wurde „immer ungleichmäßiger“ und äußerte sich, wie Lenin schrieb, „im besonderen in der Fäulnis der kapitalkräftigsten Länder“ (Lenin 1916/1977, S. 306). Ein Grundproblem dieser Analyse wurzelt darin, dass auch sie Strukturmerkmale des Kapitalismus verabsolutierte, die sich im historischen Verlauf als reversibel, als veränderbar erwiesen haben. Folgt man der Fäulnisthese, so hätte es den wohlfahrtsstaatlich regulierten fordistischen Kapitalismus, der sich nach 1945 in den kapitalistischen Metropolen herausbildete, niemals geben dürfen.

Mit Blick auf die Krisen der Gegenwart scheint es daher aussichtsreicher, an einem heterodoxen Strang Marx’scher Theorie anzuknüpfen, der sich kritisch zu neoharmonistischen Deutungen kapitalistischer Dynamik verhält, ohne der Lenin’schen Imperialismusanalyse zu folgen. Eine solch heterodoxe Linie ist ursprünglich von Rosa Luxemburg begründet worden. Luxemburg lehnt neoharmonistische Marx-Interpretationen nicht nur ab, sondern verortet deren Grundfehler in den Prämissen des Marxʼschen Wertmodells. Marx habe einen reinen Kapitalismus unterstellt, der so niemals existieren könne. Deshalb seien die Reproduktionsschemata nicht realitätstauglich. Um ihren Standpunkt zu begründen, nimmt Luxemburg in ihrer Akkumulationstheorie auf, was Marx bei der Entwicklung seiner Schemata explizit ausgeklammert hatte. Dieses Vorgehen ermöglicht ihr, den Imperialismus auf eine systemische Nachfrageinsuffizienz kapitalistischer Gesellschaften zurückzuführen.

Vom Zwangsgesetz der Konkurrenz getrieben, entstehe ein Drang der Einzelkapitale nach erweiterter Reproduktion und damit zur beständigen Produktion und Rekapitalisierung zusätzlichen Mehrwerts, der über die zahlungsfähige Nachfrage der Endkonsumenten letztendlich nicht absorbiert werden könne. Um diese Schranke zu überwinden, müsse der überschüssige Mehrwertanteil im „nichtkapitalistischen Milieu“ (Luxemburg 1975, S. 314) realisiert werden. Das strukturelle Problem der erweiterten Reproduktion des Kapitals besteht demnach darin, dass es für den zusätzlich erzeugten und sodann zumindest teilweise kapitalisierten Mehrwert der jeweils vorausgegangenen Produktionsperiode keine zahlungsfähige Nachfrage innerhalb interner kapitalistischer Märkte der Nachfolgeperiode geben kann. Dieses strukturelle Ungleichgewicht zwingt zur Expansion. Die Akkumulation des Kapitals bleibe jederzeit an „nichtkapitalistische Kreise gebunden“ (Luxemburg 1975, S. 306). Der Kapitalismus sei die erste Wirtschaftsform mit der Tendenz, „sich auf dem Erdgrund auszubreiten und alle anderen Wirtschaftsformen zu verdrängen“ (Luxemburg 1975, S. 411). Sie sei aber auch die erste Form, die „ohne andere Wirtschaftsformen als ihr Milieu und ihren Nährboden“ nicht existieren könne. Je erfolgreicher sie expandiere, desto näher rücke der Zeitpunkt, an dem sie an ihrer inneren Unfähigkeit zerschellen müsse, eine „Weltform der Produktion“ (Luxemburg 1975, S. 411) zu sein.

1.2 Der Verlust des Ökonomischen in der Kritischen Theorie

Wie wir wissen, beruht auch Luxemburgs Argumentation auf einem logischen Fehler. Darin den Neoharmonisten ähnlich, interpretiert sie die Marx’schen Reproduktionsschemata so, als enthielten sie eine Theorie kapitalistischen Wachstums. Von ihren zeitgenössischen Kritikern zu Unrecht als Zusammenbruchstheoretikerin abqualifiziert, galt ihr wissenschaftliches Vermächtnis dem Hauptstrom Kritischer Theorie mehr und mehr als verzichtbar. In der Habermas’schen Grenzziehung eines westlichen Marxismus taucht Luxemburg, anders als Antonio Gramsci, bezeichnender Weise gar nicht auf. Der Verzicht steht geradezu symbolisch für eine allmähliche Abkehr der Frankfurter Schule von den Grundlagen der Marx’schen Kritik der Politischen Ökonomie. Schon Pollocks Staatskapitalismus-Analysen, die den Nationalsozialismus als neue soziale Ordnung begreifen, unterschätzen die immanente Krisenträchtigkeit kapitalistischer Ökonomien. Mit der Expansion und Stabilisierung des Wohlfahrtsstaates nach 1945 galt der ökonomische Krisenmechanismus endgültig als gebändigt und der Kapital-Arbeit-Gegensatz als pazifiziert. Ökonomisches Wachstum vorausgesetzt, ließen sich die Verteilungskämpfe entschärfen. Krisendynamiken verlagerten sich auf das Terrain des kapitalistischen Staates und von dort hin zu Kontraktionen zwischen System und Lebenswelt. Weil die fortgeschrittenen Kapitalismen ihre Regulierungskapazität erfolgreich auf die Einhegung des Kapital-Arbeit-Gegensatzes konzentrierten, seien, so Jürgen Habermas, neue Konfliktlinien jenseits der industriellen Klassenspaltung entstanden, die sich an der „Kolonialisierung“ (Habermas 1987, S. 293) der Lebenswelt entzündeten. Wohl komme es in den ausdifferenzierten Subsystemen Wirtschaft und Staat noch immer zu Ungleichgewichten und Steuerungskrisen, doch diese Krisen würden, noch bevor sie Kernbereiche der sozialen Integration gefährdeten, an die „Nahtstellen zwischen System und Lebenswelt“ (Habermas 1987, S. 566, 581) verschoben. Wenn es aber gelinge, „Steuerungskrisen, d. h. wahrgenommene Störungen der materiellen Reproduktion durch Rückgriffe auf Ressourcen der Lebenswelt aufzufangen“, entstünden „Pathologien der Lebenswelt“ (Habermas 1987, S. 566).

Im Grunde beruht diese Diagnose auf einer stillschweigenden Übernahme wichtiger Prämissen neoharmonistischer Akkumulationstheorien. Die Erzeugung von Wirtschaftswachstum als Voraussetzung für institutionelle Stabilität wird nicht mehr problematisiert; sie gilt als gesetzt. „Der Sozialstaat“, so Habermas, „darf die Stabilitätsanforderungen des kapitalistischen Wachstums […] deshalb nicht verletzen, weil korrigierende Eingriffe in das Verteilungsmuster sozialer Entschädigungen im Allgemeinen nur dann keine Reaktionen von Seiten der privilegierten Gruppen auslösen, wenn sie aus den Zuwächsen des Sozialprodukts bestritten werden können und Besitzstände nicht berühren; sonst können sie die Funktion der Eingrenzung und Stillstellung des Klassenkonflikts nicht erfüllen“ (Habermas 1987, S. 511).

Die globale Finanz- und Wirtschaftskrise und deren Fortsetzung in der europäischen Misere zeigen, dass diese Prämisse nicht mehr haltbar ist. Habermas hatte seine These von den schwindenden utopischen Energien des Wohlfahrtsstaates noch mit dem Hinweis verbunden, dass es für die „in der Sozialstaatsentwicklung noch zurückgebliebenen Länder“ keinen plausiblen Grund gebe, vom wohlfahrtsstaatlichen Pfad abzuweichen. In den europäischen Krisenländern vollzieht sich nun jedoch die Verwandlung eines traditionell schwachen Wohlfahrtsstaates in einen, zumindest in sozialer Hinsicht, Minimalstaat. Gesellschaften mit reduzierten sozialintegrativen Staatsfunktionen, wie sie nicht nur in Südeuropa, sondern in noch weitaus drastischeren Formen in osteuropäischen Ländern wie Bulgarien und Rumänien bittere Realität sind, verfügen zwar über einen halbwegs demokratischen institutionellen Rahmen und selbst minimalistische wohlfahrtsstaatliche Arrangements können, wie der irische Fall belegt, dazu beitragen, die schlimmsten sozialen Krisenfolgen ein wenig abzumildern (vgl. Wickham 2014). Doch die Entscheidung über ihre Zukunft ist den Bevölkerungen der Krisenländer weitgehend genommen. Selbst bei einem durchschnittlichen jährlichen BIP-Wachstum von mehr als 3 % würde Griechenland nach seriösen Schätzungen mindestens 20 Jahre benötigen, um ökonomisch auch nur das Vorkrisenniveau zu erreichen – eine trostlose Aussicht, die der Bevölkerungsmehrheit jegliche Hoffnung nimmt, ihre prekäre Lage könne sich in absehbarer Zeit zum Besseren wenden.

Die eigentümliche Mischung aus Wachstumsschwäche, anhaltender ökonomischer Instabilität, härteren zwischenstaatlichen Konflikten bis hin zum Krieg, vermeintlicher Kontinuität des Marktfundamentalismus sowie autoritären Entwicklungen selbst in kapitalistischen Kernstaaten ist höchst erklärungsbedürftig. Sie erzwingt eine Rückkehr zu den Wurzeln Kritischer Theorie, zu einer kritischen Sozioökonomie, welche mit den expansiven Mechanismen zugleich die Grenzen kapitalistischer Dynamik thematisiert. Eine solche Theorie, die – so mein Plädoyer – am Konzept kapitalistischer Landnahmen ansetzen kann, ist gegenwärtig allenfalls in Umrissen entwickelt. Die nachfolgende Darstellung beschränkt sich darauf, einige wichtige Bausteine zu skizzieren.

2 Zur politische Ökonomie der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise

Anders als Theorien zunehmender kapitalistischer Divergenz erwarteten, hat sich die globale Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008/09 als historische Zäsur und Auftakt zu einer Zeitenwende erwiesen. David Harvey hat den Verlauf der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise im Bild einer Kaskade beschrieben: Die Krise wanderte aus ihrem Epizentrum im deregulierten Finanzsektor „from one sphere to another and from one geographical location to another, with all manner of knock-on and feedback effects that seemed almost impossible to bring under control, let alone halt and turn back“ (Harvey 2014, S. 44). Damit ist bereits gesagt, dass es sich nicht um eine gewöhnliche Krise handelt. Grundsätzlich fungieren ökonomische Krisen als „die irrationalen Rationalisierer eines stets instabilen Kapitalismus“ (Harvey 2014, S. 74). Für die Stimulierung von Wachstum sind sie, sofern sie für Kapitalentwertung sorgen und Innovationen anregen, geradezu unentbehrlich. Das gilt auch für die zahlreichen kleineren und größeren Finanzkrisen, die der globalen Rezession von 2008/09 vorausgingen. Diese Krisen wirkten als effiziente Mechanismen der Umverteilung von unten nach oben. Dafür sorgte ein Krisenmanagement, das, in scharfem Kontrast zur ideologischen Überhöhung des Marktes, auf massive Staatsinterventionen setzte. Immer wieder war es der Staat, der einspringen musste, um Fonds oder Kreditinstitute vor der Pleite zu bewahren. Mit staatlicher Hilfe wurden Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert. Diese „irrationale Rationalisierung“ bewirkte jedoch bei wichtigen Finanzmarktakteuren einen „systemischen Moral Hazard“ (Harvey 2014, S. 18),1 der entscheidend zur Kumulation des Krisenpotenzials im Finanzsektor beitrug. Für Investoren, Banker, Hedgefonds-Manager, ja, tendenziell innerhalb der gesamten „Dienstklasse des Finanzmarkt-Kapitalismus“ (Windolf 2008) entstand der Eindruck, risikolos agieren zu können, was die Neigung zu hochriskanten Spekulationsgeschäften weiter beförderte. Aus der Perspektive von Investmentbanken und ihren angestellten Spezialisten war es völlig rational, wegen der Aussicht auf hohen Gewinn nahezu jedes Wagnis einzugehen, denn im Falle des Scheiterns hatten andere für die Kosten aufzukommen. Die staatlichen Rettungsmaßnahmen wiederum verhinderten Marktbereinigungen, sie machten institutionelle Neuerungen scheinbar überflüssig und blockierten so die Reinigungsfunktion des Krisenmechanismus. Das Krisenpotenzial wuchs, bis es schließlich eine „Explosion im Finanzsektor“ (Zeise 2008, S. 8) auslöste.

Um die Krise zu verstehen, müssen wir uns jedoch von der Fixierung auf den Finanzsektor lösen und die gesamte Vorgeschichte des globalen Crashs einbeziehen. Dazu greifen zahlreiche Interpreten auf ein Polanyisches Szenario zurück. Zweifellos ähnelt die „Landnahme durch den Markt“ (Streeck 2013, S. 16; vgl. auch Burawoy 2013 und Fraser 2011), die mit der Krise von 1973/74 einsetzte, jener in The Great Transformation beschriebenen Doppelbewegung, die mit den Versuchen zur Durchsetzung reiner Marktwirtschaften begann und mit der Weltwirtschaftskrise von 1929–32, Faschismus und Zweitem Weltkrieg ihren Abschluss fand. Doch abgesehen von den Schwierigkeiten, auf die historische Analogien immer stoßen (vgl. Kocka 2013),2 bleibt bei jeder Polanyi-Referenz eine zentrale Frage ungeklärt. Was genau macht die Marktexpansion im Kapitalismus zu einer unhintergehbaren Notwendigkeit und wie hängt der Expansionszwang mit ökonomischen Krisen zusammen? Ohne Polanyi ad acta zu legen, kann ein Antwortversuch an jene heterodoxe Linie der Marx-Interpretation anschließen, die kapitalistische Dynamik als Landnahme deutet.3

2.1 Die Grundidee des Landnahmekonzepts

Landnahme ist als Kategorie für Theorien zentral, die den industriellen Kapitalismus als expansives System analysieren und kritisieren (vgl. Kößler 2013). Ungeachtet ihrer sonstigen Heterogenität teilen entsprechende Konzepte die Annahme, wonach kapitalistische Gesellschaften sich nicht ausschließlich aus sich selbst heraus reproduzieren. Kapitalistische Entwicklung vollzieht sich als komplexe Innen-Außen-Bewegung. Stets beinhaltet sie die Internalisierung von Externem, die Okkupation eines nicht oder nicht vollständig kommodifizierten Anderen. Ein reiner Kapitalismus, wie ihn Marx als abstraktes Modell seinen Reproduktionsschemata im zweiten Band von Das Kapital zugrunde legt, ist tatsächlich nicht überlebensfähig. Jedenfalls war und ist ein solcher Kapitalismus nirgendwo existent. In der Realität erfordert die kapitalistische Dynamik einen ständigen Austausch, den bereits kommodifizierte Bereiche mit noch nicht oder noch nicht vollständig kommodifizierten Sektoren der Gesellschaft pflegen.4 Dieser Austausch vollzieht sich nach dem Muster einer fortwährenden ursprünglichen Akkumulation, d. h. die Scheidung der Produzenten von den Produktionsmitteln und vor allem die außerökonomische Disziplinierung der Arbeitskräfte für neue Produktionsweisen sind niemals abgeschlossen.

Der Gedanke, dass die Kapitalakkumulation „als geschichtlicher Prozeß in allen ihren Beziehungen auf nichtkapitalistische Gesellschaftsschichten und -formen angewiesen“ bleibt (Luxemburg 1975, S. 315), stammt, wie schon angesprochen, ursprünglich von Rosa Luxemburg. Die revolutionäre Sozialistin bezieht ihn in erster Linie auf die imperialistische Expansion außerhalb Europas, thematisiert wie Marx aber auch die „ständige Proletarisierung der ländlichen und städtischen Mittelschichten“ (Luxemburg 1975, S. 311) innerhalb kapitalistischer Zentren. Jahrzehnte später hat Burkart Lutz diese Überlegung zum arbeitssoziologischen Konzept einer inneren Landnahme erweitert, um so die nachlassende Wachstumsdynamik des fordistischen Kapitalismus zu erklären. Lutz wendet das Landnahmekonzept auf den Ausbau des Wohlfahrtsstaates und die damit verbundene Absorption eines ländlich-handwerklichen Sektors an, die er aufgrund ihrer zerstörerischen Wirkung für traditionale Strukturen, Produktionsweisen und Lebensformen als „Analogie zur ‚äußeren Landnahme‘ des Imperialismus“ (Lutz 1989, S. 213) begreift. Neuere Landnahmekonzeptionen, soweit sie sich auf kapitalistische Zentren beziehen, thematisieren demgegenüber die selektive Freisetzung von Lohnabhängigen und ihren Familien aus wohlfahrtsstaatlichen Sicherungen, die Beschneidung von Sozialeigentum und die Disziplinierung in und für flexibel-markzentrierte Produktions- und Reproduktionsweisen (vgl. Federici 2012).

Im Unterschied zu modernisierungstheoretischen Argumentationen betonen Landnahmekonzepte die Nicht-Linearität kapitalistischer Entwicklung. Dies auch, weil sich die Kommodifizierung nichtkapitalistischer Milieus nur unvollständig durchsetzen lässt. Marktbeziehungen sind stets mit Formen des Austauschs und der sozialen Interaktion verbunden, die sich nicht in das Raster eines über Preise vermittelten kapitalistischen Warentauschs fügen. Aus diesem Grund geht jede Landnahme mit Landpreisgabe einher, die sich, wie im Fall der fordistischen Expansion, als weitreichende Abkoppelung Lohnabhängiger und ihrer Familien von Marktrisiken (Dekommodifizierung), oder, wie gegenwärtig besonders in den europäischen Krisenländern, als Wiederbelebung des Reservearmeemechanismus, Brachlegung von Arbeitskraft und Ausschluss aus dem Arbeitsmarkt bemerkbar machen kann. Die informellen Sozialformen, die sich zum Beispiel in der griechischen Schrumpfungsgesellschaft herausgebildet haben, sind ein gutes Beispiel für Landpreisgabe qua Entkommodifizierung.

2.2 Das Kapitalüberschuss-Absorptionsproblem

Wie hängen kapitalistische Landnahmen nun mit ökonomischen Krisen zusammen? Unter kapitalistischen Bedingungen muss Geld fortwährend mit dem Ziel investiert werden, mehr Geld zum Investor zurückfließen zu lassen. Insofern ist der Kapitalismus „nichts, wenn er nicht in Bewegung ist“ (Harvey 2011, S. 23). Allerdings stößt der Kapitalfluss fortwährend an selbsterzeugte Grenzen. Kapitalistische Gesellschaften beziehen ihre Dynamik wesentlich aus der Fähigkeit, absolute Grenzen der Akkumulation in überwindbare Barrieren zu verwandeln, wobei „jede Schranke von einer anderen abgelöst werden kann“ (Harvey 2011, S. 373). Krisen können während jeder Phase (Produktion, Zirkulation, Konsumtion) auftreten, die das Kapital im Zuge seiner Reproduktion durchläuft. Potentielle Ursachen sind ungenügendes Startkapital für kapitalintensive Innovationen, Arbeitskräfteknappheit, Disproportionalitäten zwischen wirtschaftlichen Sektoren, Knappheit an natürlichen Ressourcen oder andere ökologische Verwerfungen, wirtschaftliche Ungleichgewichte durch rasche technologische Veränderungen, Arbeiterwiderstand in Produktionsprozessen, Unterkonsumtion sowie Ungleichgewichte, die im Geld- und Finanzsystem ihren Ursprung haben. Jede Krise ist einmalig, sie muss in Ursachen und Verlauf empirisch untersucht werden und lässt sich zureichend weder aus einer abstrakten Kapitallogik, noch aus einem universellen Steigerungsimperativ moderner Gesellschaften extrapolieren.

Allerdings existiert eine Grundproblematik kapitalistischer Akkumulation, die sich in der einen oder anderen Weise in jeder Krise offenbart. Diese Grundproblematik verortet Rosa Luxemburg im Anschluss an Marx zu Recht in der Koppelung von Kapitalakkumulation und gesellschaftlicher Reproduktion. Reproduktion, wörtlich Wiederproduktion, ist eine Vorbedingung für die Kulturexistenz der Menschheit, die auf einer primitiven Stufe der Menschheitsentwicklung stets gefährdet ist. Soziale Reproduktion umschließt somit bereits „eine gewisse Höhe in der Beherrschung der äußeren Natur durch die Gesellschaft“ (Luxemburg 1975, S. 9–10). Als Verhältnis der Menschen zur außermenschlichen Natur sowie als Verhältnis der Menschen untereinander ist sie doppelt bestimmt. Im Kapitalismus sind zwar alle Reproduktionsmittel vorhanden, dennoch kommt es zu krisenhaften Unterbrechungen, weil die Reproduktion der Gesellschaft an die Reproduktion von Kapital gebunden ist. Produktion und Zirkulation von Waren und Kapital stellen einen komplexen Prozess dar, in dessen Verlauf ständig Informationsprobleme auftauchen, weil sich die Marktteilnehmer über die Beobachtung von Preisen zueinander verhalten müssen. In diesem komplexen Prozess ist die Möglichkeit einer krisenhaften Störung stets gegeben. Die Reproduktion des Kapitals bewegt sich permanent in einem Zyklus zwischen Überfluss oder Mangel (vgl. Luxemburg 1975, S. 13).

Doch der Konjunkturzyklus ist nicht das Problem, mit dem sich Luxemburg beschäftigen will. Sie differenziert zwischen Konjunkturtheorie und langfristig angelegter Wachstumstheorie. Vom Konjunkturzyklus müsse abstrahiert werden, um das eigentliche Reproduktionsproblem zu erkennen. Der periodische Wechsel der Konjunkturen bewirke, „daß die kapitalistische Reproduktion als Regel um die zahlungsfähigen Gesamtbedürfnisse der Gesellschaft schwankt, sich bald von ihnen nach oben entfernt, bald unter sie bis zur nahezu völligen Unterbrechung sinkt“ (Luxemburg 1975, S. 14). Ein Ausgleich sei nur über längere Zeiträume möglich und nicht durch Konjunkturschwankungen zu lösen. Zu erklären ist demnach, wie aus Milliarden unzusammenhängender mikroökonomischer Operationen gesellschaftliche Reproduktion werden kann. Luxemburg verortet die entscheidende Triebkraft in einem über Markt und Konkurrenz vermittelten Wachstumszwang. Es sei „die Mehrwertproduktion“, die in der kapitalistischen Gesellschaft „die Reproduktion der Lebensbedürfnisse im Ganzen zum Perpetuum mobile“ mache (Luxemburg 1975, S. 17). Da die Bestimmung des Umfangs der Reproduktion beim Einzelkapitalisten liege, der in Konkurrenz zu anderen Einzelkapitalen agiere, ergebe sich ein wirkungsmächtiges Motiv für die ständige Verbesserung der Arbeitsproduktivität und damit auch für die erweiterte Reproduktion des Kapitals. Da sich kein Kapitalist sicher sein könne, dass der mehrstufige Verwandlungsprozess des vorgeschossenen Kapitals wirklich gelinge, müsse er ständig Maßnahmen ergreifen, die auf eine erweiterte Reproduktion, sprich: auf die Erzeugung neuen, zusätzlichen Mehrwerts und damit auf ökonomisches Wachstum hinausliefen. Dieser systemische Wachstumszwang lasse die Abhängigkeit der Einzelkapitalisten von der Gesellschaft sichtbar werden, denn einen erweiterten Absatzmarkt könne ein einzelner Kapitalist nicht selbst schaffen, er stehe dieser Notwendigkeit „machtlos“ (Luxemburg 1975, S. 23) gegenüber. Mehr noch, die kapitalistische Produktionsweise verwandle „diese Erweiterung geradezu in ein Zwangsgesetz, in eine wirtschaftliche Existenzbedingung für den Einzelkapitalisten“ (Luxemburg 1975, S. 18).

Luxemburg schlussfolgert: „Das Schema der erweiterten Reproduktion weist bei näherem Zusehen selbst in allen seinen Beziehungen über sich hinaus auf Verhältnisse, die außerhalb der kapitalistischen Produktion und Akkumulation liegen“ (Luxemburg 1975, S. 300). Dieses Argument führt direkt zu Rosa Luxemburgs Theorie externer Mehrwertrealisierung. Luxemburgs Argumentation durchzieht der Grundgedanke einer sich periodisch wiederholenden ursprünglichen Akkumulation des Kapitals, wie Marx die gewaltträchtige Herausbildung der kapitalistischen Produktionsweise bezeichnet hatte. Anders als Marx, der den außerökonomischen Zwang für ein Übergangsphänomen hielt, geht Rosa Luxemburg von einer fortwährenden ursprünglichen Akkumulation aus, die sich allerding von ihrem „naiven“ Vorläufer unterscheidet (Luxemburg 1975, S. 398). Luxemburg spricht nicht von Landnahme, sondern von „Kolonisationen“ (Luxemburg 1975, S. 205) und meint damit, dass die Freisetzung von Arbeitskräften, die Einführung einer Warenwirtschaft und die häufig gewaltsame kapitalistische Eigentumsbildung ständige Begleiterscheinungen der Akkumulation sind.

Die kapitalistische Akkumulations- und Wachstumsdynamik nimmt eine Doppelgestalt an. Sie vollzieht sich als permanenter „Stoffwechsel“ (Luxemburg 1975, S. 315) zwischen inneren und äußeren Märkten. Die Unterscheidung zwischen innen und außen ist jedoch – was viele Luxemburg-Kritiken übersehen – keine der „politischen Geographie“, sondern eine „der sozialen Ökonomie“: „Innerer Markt vom Standpunkt der kapitalistischen Produktion ist kapitalistischer Markt, ist diese Produktion selbst als Abnehmerin ihrer eigenen Produkte und Bezugsquelle ihrer eigenen Produktionselemente. Äußerer Markt für das Kapital ist die nichtkapitalistische soziale Umgebung, die seine Produkte absorbiert und ihm Produktionselemente und Arbeitskräfte liefert“ (Luxemburg 1975, S. 315). Daher vollziehen sich Eigentumsbildung und Freisetzungen nicht nur „auswärts“ (Luxemburg 1975, S. 315), in Kolonien und vorkapitalistischen Gesellschaften. Als Proletarisierung von ländlichen und städtischen Mittelschichten, Handwerkern und kleinen Warenproduzenten finden sie ebenso im Inneren industriekapitalistischer Gesellschaften statt . Infolgedessen expandiert die kapitalistische Produktionsweise in höchst unterschiedlich strukturierten Märkten. Die eine Bewegung setzt sich in den Produktionsstätten des Mehrwerts, in den Fabriken, der durchkapitalisierten Landwirtschaft und auf den Warenmärkten durch. Hier reproduziert sich der Kapitalismus weitgehend auf seinen eigenen Grundlagen. Die Transaktionen bewegen sich in den Schranken „des Austausches von Äquivalenten“; es herrschen „Friede, Eigentum und Gleichheit […] als Form“ (Luxemburg 1975, S. 397). Die inneren kapitalistischen Märkte bleiben jedoch innerhalb wie außerhalb nationaler Gesellschaften auf äußere Märkte angewiesen. In diesen äußeren Märkten strukturieren äußerökonomischer Zwang, Disziplinierung und ungleicher Tausch die Interaktionen. Äußere Märkte unterliegen Dominanzverhältnissen, das heißt, sie sind nicht einmal der Form nach Beziehungen zwischen Freien und Gleichen: „Hier [sc. auf den ‚äußeren Märkten‘] herrschen als Methode Kolonialpolitik, internationales Anleihesystem, Politik der Interessensphären, Kriege. Hier treten ganz unverhüllt und offen Gewalt, Betrug, Bedrückung, Plünderung zutage, und es kostet Mühe, unter diesem Wust der politischen Gewaltakte und Kraftproben die strengen Gesetze des ökonomischen Prozesses aufzufinden“ (Luxemburg 1975, S. 397).

Die Theorie externer Mehrwertrealisierung ist bei zeitgenössischen Marxisten überwiegend auf schroffe Ablehnung gestoßen (vgl. Bauer 1913, S. 833–838, 863–874; Robinson 1964; Turban 1980, S. 132–196). Luxemburg habe, so ein treffender Einwand, das Abstraktionsniveau der Reproduktionsschemata verfehlt. Während Marx von einer Vielzahl beeinflussender Faktoren – nichtkapitalistische Produktionsweisen, Veränderungen der Arbeitsproduktivität, organische Zusammensetzung des Kapitals, Weltmarkt, Funktion des Kredits, Bewegung der Profitrate – absieht, führt Luxemburg diese Konkretionen im Verlauf ihrer Argumentation explizit wieder ein. Daher verfehlt die Kritik in gewisser Weise ihren Gegenstand. Mit der Hereinnahme zusätzlicher Variablen zeigt Luxemburg aber treffend, dass die Akkumulation des Kapitals keineswegs zu Gleichgewichten tendiert, sondern auf längere Sicht Störungen und strukturelle Krisen verursacht, so dass die Argumentation „trotz aller Irrungen und Fehlschlüsse“ als „theoretisch fruchtbringend angesehen“ werden kann (Rosdolsky 1970, S. 585; vgl. Bellofiore 2009). Das gilt insbesondere für das, von Harvey nachträglich so bezeichnete, Kapitalüberschuss-Absorbtionsproblem (vgl. Harvey 2014, S. 32). Vereinfacht gesagt muss eine Ökonomie, die während einer Produktionsperiode wächst, in der nachfolgenden Periode absorptionsfähige Märkte für das zusätzliche Mehrprodukt schaffen, was ohne markterweiternde Investitionen nicht möglich ist. Daher gilt als Faustformel: 3 % Wachstum erzwingen 3 % zusätzliche Investitionen (vgl. Harvey 2014, S. 33). Je höher das Reichtumsniveau von Gesellschaften und je größer das Wirtschaftswachstum, desto schwerer wird es jedoch, neue Märkte zu erschließen. Dieses Kapitalüberschuss-Absorbtionsproblem ist die zentrale ökonomische Triebkraft hinter kapitalistischen Landnahmen. Es erklärt, weshalb der Akkumulationsprozess des Kapitals „die unumschränkte Verfügungsmöglichkeit“ über „alle Produktivkräfte der Erde“ benötigt, soweit diese in den Schranken der Mehrwertproduktion mobil zu machen sind (Luxemburg 1975, S. 312).

Die fortwährende und häufig erzwungene Freisetzung von Arbeitskräften für ihrerseits im Wandel befindliche kapitalistische Produktionsweisen, den Anschluss präkapitalistischer Produktionsformen an die Geldwirtschaft und den Stoffwechsel zwischen inneren kapitalistischen und äußeren nichtkapitalistischen Märkten (vgl. Luxemburg 1975, S. 315) betrachtet Luxemburg zurecht als ein Charakteristikum der Akkumulation. Anders und vor allem präziser als viele ihrer Kritiker begründet sie, weshalb die Kommodifizierung auf ein zeitlich lang gestrecktes „Zernagen“ und „Assimilieren“ nichtkapitalistischer Milieus hinausläuft (Luxemburg 1975, S. 364). Ganz so, als habe sie schon gewusst, was mit Re-Kombination, Amalgamierung, hybriden Zuständen, Umdeutungen und Überlagerungen als Formen institutionellen Wandels gemeint ist (vgl. Beyer 2003, S. 21), sieht sie im „fortschreitenden Zerbröckeln“ nichtkapitalistischer Produktions- und Lebensformen die „seltsamsten Mischformen zwischen modernem Lohnsystem und primitiven Herrschaftsverhältnissen“ entstehen (Luxemburg 1975, S. 312).

2.3 Kredit und Innovation als Selbststabilisatoren

Doch die Hellsichtigkeit, mit der Luxemburg die Amalgame aus unfreier, prekärer und nur teilweise kommodifizierter Arbeit in ihrer hybriden Verbindung mit moderner kapitalistischer Lohnarbeit beschreibt, ändert nichts daran, dass ihre Akkumulationstheorie wichtige Selbststabilisierungsmechanismen kapitalistischer Akkumulation ignoriert. Dazu gehören vor allem die Funktionen des Kredits sowie die Bedeutung von Prozess- und Produktinnovationen. Existieren in einer kapitalistischen Ökonomie keine anderen Lösungsmöglichkeiten, wird Geld in seiner Funktion als Zahlungsmittel eingesetzt, um die Zeitspanne zu überbrücken, die zwischen dem Überschussprodukt von gestern und den Reinvestitionen von heute existiert. Wenn Kapitalbesitzer Geld horten, statt es sofort wieder zu reinvestieren, sind Geldschöpfung durch die Banken und staatliche Defizitfinanzierung die wichtigsten Mittel, um das Problem unzureichender zahlungsfähiger Nachfragen anzugehen. Zugleich stimuliert der Kredit Innovationen und trägt im Fall einer erfolgreichen Implementierung von Neuerungen zur Marktbildung oder Markterweiterung bei.

Diese beiden Bearbeitungsweisen der Kapitalüberschuss-Absorptionsproblematik sind für die Aufrechterhaltung kapitalistischer Dynamik so zentral, dass sie über besondere Beziehungs- und Institutionengeflechte bearbeitet werden. Harvey nennt zwei institutionelle Konfigurationen: den Staat-Finanzwelt-Nexus und den Staat-Unternehmens-Nexus (vgl. Harvey 2014, S. 53, 94). Staat-Finanzwelt-Netzwerke bearbeiten Finanzierungsprobleme; sie sammeln beispielsweise Kapital für aufwendige Infrastrukturprojekte, die von einzelnen Privatunternehmen nicht zu leisten sind. In diesem Institutionen-Akteurs-Netzwerk können eigenständige Lösungen für das Überschuss-Absorptionsproblem entwickelt werden. Innovationen im Finanzsystem, die, wie z. B. Derivate, der Versicherung und Streuung von Risiken dienen und durch ständige Produktneuerung und deren Verbreitung Anlagemöglichkeiten eröffnen, sind ein solcher Lösungsversuch. Im Staat-Unternehmens-Nexus werden hingegen Beschränkungen von Konkurrenz, wie sie aus Monopolbildungen resultieren, mittels harter Anti-Trust-Gesetzgebung (USA) oder einer Kartellbehörde (Deutschland) bearbeitet. Zentral ist die Förderung von Innovationen für die Produktionsökonomie über Verbindungen von staatlichen Forschungseinrichtungen mit den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen großer Unternehmen. Staat-Finanzwelt-Nexus und Staat-Unternehmens-Nexus sorgen dafür, dass Innovationen finanziert werden, die über schöpferische Zerstörung ein nichtkapitalistisches Anderes innerhalb kapitalistischer Gesellschaften entstehen lassen. Den dominanten kapitalistischen Akteuren, großen Unternehmen und dem Staat wird es so immer wieder möglich, ein Außen im Inneren nationaler Ökonomien aktiv und eigenständig herzustellen. Die Produktion von Raum mittels Urbanisierung ist ein gängiger Weg, um den Markterweiterungszwang mittels kreativer Zerstörung von Boden und langfristigen räumlichen Fixierungen von Kapital nachzukommen.

2.4 Krisentypen

Die Aufzählung von Selbststabilisatoren bliebe jedoch unvollständig, würden die beiden von Harvey skizzierten Zentralnervensysteme der Kapitalakkumulation nicht um einen Staat-Arbeit-Reproduktions-Nexus erweitert. In diesem Institutionen-Geflecht werden die Arbeitsbeziehungen reguliert und die Arbeitsvermögen in ihrer Gesamtheit entwickelt, qualifiziert, gepflegt und umsorgt, so dass die soziale Reproduktion der Gesellschaft gewährleistet wird. Anhand der Art und Weise, in der Staat-Finanzwelt-Nexus, Staat-Unternehmens-Nexus und Staat-Arbeit-Reproduktions-Nexus institutionalisiert werden, lassen sich Spielarten des Kapitalismus (vgl. Amable 2003; Crouch 2005), aber auch unterschiedliche Krisentypen unterscheiden. In einer dynamischen Betrachtung, wie sie Harvey vorschlägt, macht es keinen Sinn, Profitklemmen-, Überakkumulations- und Unterkonsumtionskrisen als einander ausschließende Erklärungsansätze zu behandeln, wie das noch in der Krisendiskussion der 1980er-Jahre der Fall war. Weil sie als Krisentypologie ohnehin defizitär sind, muss jeweils am konkreten Verlauf geprüft werden, welchen Erklärungswert die genannten Ansätze haben (vgl. Sweezy 1976). Insofern spricht einiges dafür, den alten marxistischen Dogmenstreit um die einzig wahre Krisenanalyse ad acta zu legen. Neuere Versuche, an Krisenanalysen kritischer Theorie anzuschließen, betonen zudem den prozesshaften gesellschaftlichen Charakter solcher Krisen. Doch auch eine dynamische Betrachtungsweise, die Krisen als funktionalen Mechanismus zur Überwindung von Akkumulationshemmnissen begreift, der im Zeitverlauf unweigerlich neue Schranken erzeugt, kommt nicht umhin, unterschiedliche Krisentypen zu differenzieren.5

Kleinere ökonomische Krisen, die im Konjunkturzyklus alle sieben, acht Jahre auftreten, müssen, ebenso wie zahlreiche andere Störungen des Kapitalflusses, systematisch von einem Krisentyp unterschieden werden, der das gesamte Ensemble gesellschaftlicher Regulationen berührt. Allerdings gibt es zwischen konjunkturellen und großen Krisen der Akkumulation einen inneren Zusammenhang. Jede konjunkturelle Störung des Kapitalflusses fördert eine zeitweilige Konzentration und Zentralisation von Kapital, d. h. sie stärkt die Tendenz zu einer sich selbst negierenden Marktwirtschaft und schwächt so die Reinigungsfunktion zyklischer konjunktureller Krisen. Dies kann, wie am Beispiel staatlicher Rettungsmaßnahmen für Großbanken gezeigt, eine Kumulation und Aufschaukelung struktureller Krisenpotenziale bewirken, die sich dann zu einem späteren Zeitpunkt in großen Krisen entladen. In der Entwicklungsgeschichte des Sozialkapitalismus deutscher Prägung stellen die Große Depression (1873–1895), die Große Weltwirtschaftskrise (1929–1932) sowie die Neue Depression (1973–1974) großen Krisen dar (vgl. Kocka 2013, S. 83; Priewe 1985). Derartige Krisen können, wie die Große Depression, lange Zeit andauern, weil die genannten Akteurs-Institutionen-Netzwerke ihre Regulationsfunktion nicht mehr erfüllen, ohne dass neue institutionelle Konfigurationen an ihre Stelle treten. In jedem Fall resultieren große Krisen, worauf regulationstheoretische Arbeiten verweisen, aus der zunehmenden Inkompatibilität von Akkumulationsregimes und Regulationsweisen. Sie sind daher immer auch Krisen von Produktionsmodellen, Wohlfahrtsstaat, sozialen Regeln und, soweit vorhanden, von demokratischen Institutionen. Letztlich dienen sie auch dazu, einen in die Krise geratenen alten durch einen neuen Modus operandi kapitalistischer Landnahmen abzulösen, um auf diese Weise Prosperität zu erzeugen.

In einem Teil der ökonomischen Literatur sind die Perioden, die zwischen großen Krisen liegen, in Anlehnung an Schumpeter als lange Wellen kapitalistischer Akkumulation beschrieben worden. Solche Perioden lassen sich jedoch allenfalls ex post rekonstruieren. Nach allem, was wir heute wissen, gibt es keinen endogenen Mechanismus, der lange Wellen quasi gesetzmäßig erzeugen könnte (vgl. Harvey 2014, S. 99). Allerdings werden an krisenbedingten Wegscheiden politische Richtungsentscheidungen getroffen, die dann Entwicklungspfade konstituieren. Die Große Weltwirtschaftskrise von 1929–33 beendet ein Zeitalter des Marktliberalismus; aus ihr gingen mit dem New Deal in den USA, der Industriellen Demokratie in Schweden und dem Faschismus in Mitteleuropa höchst unterschiedliche Entwicklungspfade hervor. Entsprechende Richtungsentscheidungen hängen auch von den Gewichtungen ab, die der jeweilige Modus operandi kapitalistischer Landnahmen den genannten Akteurs-Institutionen-Netzwerken zuweist. In einem allgemeinen Sinne bewegen sich kapitalistische Gesellschaften dabei über Epochen hinweg zwischen dem Schumpeter’schen Paradigma schöpferischer Zerstörung und dem Polanyi’schen Paradigma einer sozialen Einbettung von Märkten.

Im Zentrum von Schumpeters Theorie steht der Unternehmer als Durchsetzer des Neuen, der „seine Produkte dem Markt“ aufnötigt (Schumpeter 2006, S. 133). Sein soziales Milieu sind aufstiegswillige Mittelklassen, wenngleich die Herausbildung einer Unternehmerpersönlichkeit nicht an eine bestimmte soziale Position gebunden ist. Im Niedergangsstadium eines Produktzyklus ergreifen die Durchsetzer des Neuen ihre Chance; Sie gehen unternehmerische Risiken ein, um Erfindungen marktfähig zu machen. Gelingt ihnen das, können sie in die Oberklassen aufsteigen und so für Strukturwandel und Elitentausch in Permanenz sorgen. Als Ergebnis von Innovationszyklen kommt es im Idealfall zu einer immer größeren Produktvielfalt, feineren Produktdifferenzierungen und einer sich ständig verbessernden Produktqualität. Polanyis wichtigste Entdeckung ist demgegenüber der besondere Charakter von Arbeit, Boden und Geld, die er als fiktive Waren bezeichnet (vgl. Polanyi 1995). Ist die Stimulation von Konkurrenz für Schumpeter ein entscheidender Impuls für kreatives Handeln, macht Polanyi darauf aufmerksam, dass die schöpferische Zerstörung über einen Punkt hinaus getrieben werden kann, an dem sie ihr eigenes soziales Fundament untergräbt. Reine Marktgesellschaften sind für Polanyi daher eine Dystopie. Kein soziales Gebilde könne die Auswirkungen eines System grober Fiktionen auch nur kurze Zeit ertragen, wenn ihre „menschliche und natürliche Substanz sowie ihre Wirtschaftsstruktur gegen das Wüten dieses teuflischen Mechanismus nicht geschützt würden“ (Polanyi 1995, S. 109).

3 Die Landnahme des Sozialen

Schumpeter und Polanyi beschreiben aus teilweise gegensätzlichen Perspektiven ein Spannungsverhältnis, das die kapitalistische Akkumulations- und Wachstumsdynamik von Beginn an prägte. Kapitalistische Gesellschaften bedürfen des ökonomischen Wachstums und der Markterweiterung in Permanenz. Zugleich müssen sie jedoch zumindest jenes Minimum an sozialen Sicherheiten bieten, das marktkompatibles Verhalten überhaupt möglich macht. Kapitalistische Vergesellschaftung ist daher ein Prozess produktiven Scheiterns, der unternehmerische rulebreaker genauso benötigt wie soziale Kräfte, die den Märkten soziale Regeln aufherrschen. Dieses Spannungsverhältnis von schöpferischer Zerstörung und sozialer Einhegung lässt sich unter kapitalistischen Bedingungen allenfalls auf Zeit befrieden. Anders als Polanyi vermutete, ist die soziale Einbettung von Marktmechanismen daher reversibel. Das strukturelle Kapitalüberschuss-Absorptionsproblem zwingt zur Markterweiterung und fördert bei dominanten kapitalistischen Akteuren die Tendenz, verbindliche soziale Regeln infrage zu stellen, zu unterlaufen oder gar außer Kraft zu setzen. Das Spannungsverhältnis zwischen Markterweiterungszwängen einerseits und der notwendigen sozialen Einbettung des kapitalistischen Warentauschs andererseits löst aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts den alten Gegensatz von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen als Treiber kapitalistischer Entwicklung ab.6 Spannungen zwischen Markt und Wettbewerb auf der einen, marktbegrenzenden sozialen Regeln, Kooperation und solidarischer Interaktion auf der anderen Seite, machen sich in allen gesellschaftlichen Handlungsbereichen bemerkbar. Sie nehmen Kapital-Arbeit-Konflikten nichts von ihrer Schärfe, relativieren sie aber, weil sie eine begrenzte Pluralität von Krisen und sozialen Antagonismen konstituieren, die sich anhand der fiktiven Waren Arbeit, Boden und Geld konzeptualisieren lassen.

Mit einer Heuristik ausgestattet, die sich am Markterweiterungs-Einbettungs-Paradox orientiert, lässt sich genauer bestimmen, worin das Besondere der gegenwärtigen sozioökonomischen Krise besteht. Die Neue Depression (1973/74) wurde seitens der dominanten kapitalistischen Akteure als Profitklemmenkrise interpretiert. Lohnabhängigenmacht, wie sie in den entwickelten Wohlfahrtsstaaten institutionalisiert war, erschien als Haupthindernis von Akkumulation und Markterweiterung. Mittels Deregulierung der Arbeitsmärkte, Lohnspreizung, Steuersenkungen für Unternehmen und Spitzenverdiener, Privatisierung von Staatsunternehmen und der Enteignung von Sozialeigentum, kurzum: durch eine Landnahme des Sozialen galt es, diese absolute Schranke in eine überwindbare Barriere zu verwandeln. Dabei übernahm der Staat-Finanzwelt-Nexus die Führung, um Veränderungen in den Staat-Arbeit-Reproduktions-Netzwerken zu erzeugen. Aus Elitensicht ist diese Operation hervorragend gelungen. Nicht nur organisierte Arbeiterbewegungen, sondern marktbegrenzende Institutionen insgesamt wurden soweit geschwächt, dass die Früchte des kreditgetriebenen Wachstums in erster Linie von den ohnehin privilegierten Gruppen geerntet werden konnten.

Die Erosion von Gewerkschaftsmacht, politischen Repräsentationen der Lohnabhängigen und wohlfahrtsstaatlichen Institutionen erzeugte jedoch mit einer strukturell defizitären zahlungsfähigen Nachfrage eine neue Schranke der Akkumulation. Geld, das in der Produktionsökonomie nicht gewinnbringend zu investieren war, wurde für riskante Anlagen im Finanzsektor genutzt. Zusätzlich sollte die Vergabe von Immobilienkrediten an einkommensschwache Gruppen stagnierende Löhne kompensieren. Die so erfolgte Verbindung des Kreditsystems mit Angehörigen der lohnabhängigen Klassen führte geradewegs in die Katastrophe von 2008/09. Die Krise hatte ihre Auslöser im Finanzsektor, der im Bausektor nun sowohl das Angebot (Kredite an Baufirmen) als auch die Nachfrage (Finanzierung des Eigenheimbaus) beeinflusste, was zwingend zu Kontrollverlusten führen musste Das grundlegende Problem besteht jedoch bis heute in der „übermäßigen Macht des Kapitals gegenüber den Arbeiterinnen“ (Harvey 2014, S. 118) und, so ist hinzuzufügen, in einer Abwertung reproduktiver Tätigkeiten sowie in einer allgemeinen Schwächung von sozialen Regeln und Institutionen, die als Voraussetzung für funktionierende Märkte eigentlich unabdingbar sind. Damit hat sich die Grundproblematik aus den frühen 1970er-Jahren umgekehrt. Von einer Profitklemmen-Krise ausgelöst, hat die neue Landnahme eine strukturelle Nachfrageschwäche erzeugt, die in der Eurozone die Gefahr einer Deflation (Preisverfall als Treiber einer ökonomischen Rezession) heraufbeschworen hat. Hinter der Unterordnung des Staat-Arbeit-Reproduktion-Nexus unter die Staat-Finanzwelt-Netzwerke verbirgt sich somit eine spezifische Ausformung des systemischen Markterweiterungszwangs. Offenkundig gelingt es nicht, zunehmende Produktivität und notwendige Marktexpansion ins Gleichgewicht zu bringen. Vor dem Hintergrund dieser makroökonomischen Grundproblematik lässt sich das Wechselspiel von Landnahme und Krise exemplarisch in vier Überlegungen zur Metamorphose des deutschen Sozialkapitalismus präzisieren.

Beginnen wir (1) mit einer differenzierungs- und handlungstheoretischen Präzisierung. Störungen des Kapitalflusses beeinflussen die außerökonomischen sozialen Felder, Institutionen und Handlungsstrategien, ohne sie zu determinieren. Dementsprechend unterscheidet Harvey sieben Handlungsbereiche, die sich koevolutionär entwickeln und beeinflussen, ohne dass der eine den anderen beherrschen könnte. Diese Bereiche sind Technologie und Organisation, (mikro-)gesellschaftliche Verhältnisse (Familie, Personennetzwerke), institutionelle und administrative Strukturen, Produktion und Organisation von Arbeitsprozessen, die gesellschaftlichen Beziehungen zur Natur, die Reproduktion des alltäglichen Lebens und der menschlichen Spezies sowie die geistigen Vorstellungen von Welt (vgl. Harvey 2014, S. 123, 127). Harveys Aufzählung ist sicherlich wenig trennscharf und ihr Verhältnis zu den bereits genannten Akteurs-Institutionen-Netzwerken bleibt unklar. Dennoch ist die lose Koppelung von Kapitalfluss und außerökonomischen Handlungsbereichen sinnvoll, weil sie nachvollziehbar macht, weshalb beispielsweise soziale oder ökologische Krisenphänomene einen außerökonomischen Ursprung haben können, aber dennoch, wie etwa der von einem Tsunami ausgelöste Atomunfall von Fukushima oder die Pathologien einer individualistischen urbanen Lebensweise mit hohen Sozialkosten für die Allgemeinheit, Störungen des Kapitalflusses bewirken können. Paradoxien, die der von Stephan Lessenich analysierte ständige Aktivierungszwang im bürokratischen „Wachstumsstaat“ (Lessenich 2014, S. 4–5) auslöst, lassen sich unschwer institutionellen Arrangements, sozialer Reproduktion und ideologischen Orientierungssystemen zuordnen. Ähnliches gilt für den sozialen Beschleunigungszwang, der sich, wie Hartmut Rosa herausarbeitet, nicht allein auf die beschleunigte Zirkulation von Kapital und die damit verbundene Raum-Zeit-Kompression zurückführen lässt. Aktivierung und Beschleunigung besitzen eigenständige soziale und kulturelle Ursachen, die eine Desynchronisation von Anforderungen in unterschiedlichen Lebensbereichen bewirken und so spezifische Krisen des Alltagslebens auslösen können (vgl. Rosa 2012, S. 185–223).

Mein Vorschlag, die Eigenständigkeit sozialer Felder und Lebenssphären in Landnahmeprozessen analytisch zu thematisieren, ist etwas anders gelagert. Landnahmeprozesse setzen sich, so mein in Anlehnung an Boltanski und Chiapello formulierter Vorschlag, über gesellschaftliche Bewährungsproben durch. Dabei handelt es sich um feldspezifische, umkämpfte Prozesse, in denen das Spannungsverhältnis von Markterweiterung und sozialer Einbettung in Abhängigkeit von Machtressourcen und hegemonialen Gerechtigkeitsvorstellungen bewältigt wird. Die Kategorie der Bewährungsprobe – oder synonym die des Wettkampfs oder der Auswahlprüfung – ist erklärungsbedürftig. Im Kontext des Landnahmetheorems dient das Bewährungsprobenkonzept vor allem dazu, die spannungsreiche Durchsetzung von Kommodifizierungspolitiken auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen handlungstheoretisch zu beleuchten. Kommodifizierung bedeutet, dass dominante soziale Akteure neue, feldspezifische Bewährungsproben schaffen oder zumindest die Formate bereits institutionalisierter Wettkampfsysteme verändern. Bewährungsproben umfassen dabei in variierenden Gewichtungen stets beides: die machtgeleitete Auseinandersetzung (Kraftprobe) einerseits und die in Gerechtigkeitsvorstellungen eingebettete Wertigkeitsprüfung andererseits (vgl. Boltanski und Chiapello 2003, S. 526–566). Individuen oder Klassen von Individuen müssen sich für Prüfungen qualifizieren, um Zugang zu bestimmten sozialen Positionen zu erlangen. In diesem Sinne fungieren Bewährungsproben als Medium kapitalistischer Landnahmen. Neue oder zumindest neu formatierte Bewährungsproben leisten komplexe Mikro-Makrovermittlungen; sie ermöglichen Übergänge und Wechselwirkungen zwischen heterogenen sozialen Feldern und wirken so als Transfermechanismen, in denen die Basisregeln historisch einmaliger Landnahmeprozesse konstituiert und transportiert werden. Ein Beispiel für die Institutionalisierung von Bewährungsproben bietet z. B. die Shareholder-Value-Steuerung von Unternehmen, die betriebliche Organisationsabläufe und Arbeitsweisen mit der Volatilität globaler (Finanz-)Märkte verbindet und so neue Spielregeln, Wertigkeitsprüfungen und Kräfteverhältnisse sowohl für das Management als auch für die Belegschaften produziert.

Das Bewährungsprobenkonzept eignet sich, und selbiges markiert eine theoretische Differenz zu Boltanski und Chiapello, um die umkämpfte Verwettbewerblichung der Gesellschaft in unterschiedlichen sozialen Feldern und Handlungsbereichen empirisch-konkret zu analysieren (vgl. Dörre und Haubner 2012, S. 80–91). Mit Hilfe des Konzepts lässt sich zeigen, wie Veränderungen in der Zivilgesellschaft in neue Prüfungsformate übersetzt und für die Verwettbewerblichung der Gesellschaft genutzt werden. So hat das Konzept einer Statusgleichheit sozialer Großgruppen, wie es für den Sozialkapitalismus noch zentral war, aufgrund von Migration, ökonomischer Globalisierung und der Internationalisierung des Staates mehr und mehr ihr zivilgesellschaftliches Fundament verloren. In neu formatierten Bewährungsproben wird es durch ungleich schwächere Varianten von Chancengleichheit oder besser: Chancengerechtigkeit ersetzt, die sich darauf beschränken, potentiell gleiche Zugänge bei der Besetzung von Führungspositionen, dem Erwerb von Bildungschancen oder der Vermögensbildung einzuklagen (vgl. Dubet 2014). Das Konzept der Chancengerechtigkeit beruht „auf der statistischen Fiktion, dass sich die Menschen in jeder Generation unabhängig von ihrer Herkunft und ihren Startbedingungen auf alle Ebenen der Sozialstruktur gleichmäßig verteilen“; die „Hierarchie der sozialen Statuspositionen wird nicht in Frage gestellt“ (Dubet 2014, S. 60). Der neue hegemoniale Geist der wettbewerbsgetriebenen Landnahme transportiert entsprechende Gerechtigkeitsmaßstäbe. Finanzialisierte Unternehmen agieren im Sinne der von ihnen verfolgten Normen gerecht, wenn sie den Nutzen für die Eigentümer (Aktionäre) maximieren und so Trickle-down-Effekte erzeugen. Am Arbeitsmarkt soll als gerecht gelten, was Beschäftigung schafft. In der Steuerpolitik soll Gerechtigkeit darin bestehen, Leistungsträger nicht übermäßig zu belasten. Und wachsende Ungleichheit bei Vermögen und Einkommen gilt als gerecht, sofern sie als Ansporn für unternehmerisches Handeln dient und größeren Wohlstand für alle verheißt.

Der neue hegemoniale Geist, dessen Essenz in der sozialen Verallgemeinerung von Wettbewerb besteht, beeinflusst die Machtproben und Wertigkeitsprüfungen in unterschiedlichen Handlungsbereichen. Wie am Beispiel prekärer Beschäftigung (vgl. hierzu ausführlich Dörre im Handbuch und Dörre 2011) oder anhand der aktivierenden Arbeitsmarktpolitik (vgl. Dörre et al. 2013) gezeigt, besteht die Hauptwirkung des Wettbewerbsprinzips darin, dass es permanent Gewinner und Verlierer produziert. Stets definieren die jeweils Stärkeren die Norm, an der das Verhalten der im Wettkampf Unterlegenen gemessen wird. In den Bewährungsproben trifft die Wettbewerbsnorm jedoch auf den Eigensinn, die Gerechtigkeitsvorstellungen und Machtressourcen von Personen und Kollektiven, die häufig an Elementen der Statusgleichheit festhalten, um sich den Zumutungen des Wettbewerbs zu widersetzen.

Dies vorausgesetzt, lässt sich (2) die im Begriff einer Landnahme des Sozialen enthaltene Zeitdiagnose präzisieren und aktualisieren. Im transnationalen Elitentalk gilt das deutsche Kapitalismusmodell wieder als besonders leistungsfähig und krisenfest. Ausschlaggebend für diese Bewertung sind die beschäftigungspolitische Bewältigung der Krise von 2008/09 und der seither erfolgte Beschäftigungsaufbau, welcher den Arbeitsmarktreformen der rot-grünen Bundesregierung zugeschrieben wird. Tatsächlich hat die wettbewerbsgetriebene Landnahme den Sozialkapitalismus nicht einfach durch ein anderes Kapitalismusmodell ersetzt. Die schöpferische Zerstörung marktbegrenzender Regeln und Institutionen hat sich – darin dem von Rosa Luxemburg beobachteten Zerbröckeln nichtkapitalistischer Milieus ähnlich, als Amalgamierung von Altem und Neuem durchgesetzt. Mit politischer Hilfe werden Arbeitskräfte aus den relativ geschützten Segmenten des Arbeitsmarktes freigesetzt. Neu formatierte Bewährungsproben an den Schnittstellen von Stammbelegschaften und prekär Beschäftigten leisten einen ständigen Stoffwechsel zwischen noch vergleichsweise abgesicherten inneren und ungeschützten äußeren Teilarbeitsmärkten und bringen so neue Amalgame aus Beschäftigten mit und ohne Sozialbürgerstatus hervor.

Schaut man hinter die Fassade des deutschen Jobwunders, stößt man auf die Konturen einer prekären Vollerwerbsgesellschaft, in der sich ein sinkendes Volumen an bezahlten Arbeitsstunden auf eine Rekordzahl von Erwerbstätigen verteilt. Arbeitete ein durchschnittlicher Lohnabhängiger 1991 im Jahr 1473 Stunden, so waren es am Tiefpunkt 2013 noch 1313 Stunden (vgl. Dörre 2014, S. 42).7 Zwar hat das Arbeitsvolumen nach 2005 wieder zugelegt; die Zahl der Erwerbstätigen ist jedoch bis 2013 deutlich rascher gestiegen. Das vorhandene Arbeitsvolumen wird auf immer mehr Erwerbspersonen und vor allem asymmetrisch verteilt. Beschäftigungsaufbau erfolgt in hohem Maße über eine Integration insbesondere weiblicher Arbeitskräfte in prekäre Dienstleistungs-Jobs. Der Anteil nicht-standardisierter Arbeitsverhältnisse an der Gesamtbeschäftigung ist 2013 auf 38 % (Ost) bzw. 39 % (West) gestiegen (vgl. IAB Betriebspanel Länderbericht Thüringen 2013, S. 24), der Niedriglohnsektor mit einem gewichtigen Anteil an Vollzeitbeschäftigung umfasst kontinuierlich zwischen 22 % und 24 % der Beschäftigungsverhältnisse. Und während Teilzeitarbeit (+2,23 Mio.), geringfügige Beschäftigung (+770.000) und Soloselbstständigkeit (+550.000) von der Jahrtausendwende bis 2012 zugenommen haben, ist nicht nur die Zahl der registrierten Arbeitslosen (−990.000), sondern auch die der Vollzeitbeschäftigten (−1,44 Mio.) deutlich zurückgegangen (vgl. Dörre 2014, S. 42; Holst und Dörre 2013). Die Hartz-Reformen haben also keineswegs mehr Arbeit geschaffen. Das „deutsche Jobwunder“ beruht wesentlich darauf, dass Erwerbslosigkeit auf Kosten geschützter Vollzeitbeschäftigung durch „unwürdige“ (Castel 2011, S. 63), weil unsichere, niedrig entlohnte und wenig anerkannte Lohnarbeit ersetzt wird.

Die Hauptwirkung der Arbeitsmarktreformen und hier insbesondere von Hartz IV besteht vor allem darin, den Druck auf Erwerbstätige und Erwerbslose zu erhöhen, sich in unwürdiger Lohnarbeit zu betätigen. Hartz IV ist zur Chiffre für einen Status unterhalb der Schwelle gesellschaftlicher Respektabilität geworden. Im aktivierenden Arbeitsmarktregime wird Erwerbslosigkeit als Wettkampf inszeniert, in welchem jene, die den Sprung in reguläre Beschäftigung schaffen, unbewusst die Norm produzieren, an der die weniger Erfolgreichen gemessen werden. Letztere kommen trotz großer individueller Anstrengungen und teilweise häufiger beruflicher Positionswechsel überwiegend nicht aus dem Leistungsbezug heraus. Deshalb sind sie gezwungen, sich einen Überlebenshabitus anzueignen, der Stigmatisierungen aus der Mehrheitsgesellschaft begünstigt. Das Stigma Hartz IV erschwert die Reintegration in reguläre Erwerbsarbeit zusätzlich. Es trägt zur sozialstrukturellen Verfestigung einer Unterklasse bei, deren Alltagsleben durch die soziale Nähe zum Fürsorgestatus geprägt wird. Dieser Status schreckt ab. Nichts fürchten Lohnabhängige, gleich ob sozial geschützt oder prekär beschäftigt, mehr, als ein Abgleiten auf Hartz IV. Ein solches Schicksal vor Augen, kann selbst ein unsicheres Beschäftigungsverhältnis noch als Rettungsanker erscheinen, der vor einem Absturz auf eine soziale Position schützt, die mit totaler Abhängigkeit von gesellschaftlicher Fürsorge verbunden ist. Das deutsche Jobwunder beruht in erheblichem Maße auf Angst vor dem Absturz und es sind vor allem prekär Beschäftigte und Erwerbslose, die den Preis zu zahlen haben (vgl. Dörre et al. 2013).

Dieser empirische Befund ermöglicht (3) eine formationstheoretische Präzisierung, die auf die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, die Amalgame aus neuem Wettbewerbs- und altem Sozialkapitalismus abzielt. Unter Krisenbedingungen ist es offenbar möglich, dass die in Institutionen und Mentalitäten abgelagerte, subdominante Realität des alten Sozialkapitalismus wieder wirkmächtig wird. Wohlfahrtsstaatliche Institutionen und vor allem die Gewerkschaften sind in Deutschland noch immer stark genug, um die Krise 2008/09 beschäftigungspolitisch abzufedern. Ein aus der Not geborener „Krisenkorporatismus“ (Urban 2013) war relativ erfolgreich, weil er an die zuvor politisch bekämpfte sozialkapitalistische Tradition anknüpfen konnte. So beruhte die Beschäftigungssicherung auf der Wiederbelebung altbekannter Instrumente wie Langzeitkurzarbeit und Nachfragestimulierung mittels Abwrackprämie für ältere PKW. Häufig nur auf Druck von Gewerkschaften und Interessenvertretungen zur Praxis geworden, implizierten die betrieblichen Deals allerdings Lohnverzicht, Leistungsintensivierung und Abwälzung von Beschäftigungsrisiken auf prekär Beschäftigte. Zudem war der Krisenkorporatismus nicht überall und gleichermaßen erfolgreich. Die Beschäftigungssicherung gelang vor allem für Stammbeschäftigte in Exportbranchen. In schwächer organisierten Dienstleistungsbereichen mit hohen Frauenanteilen ließ sich Vergleichbares nicht durchsetzen. Das Krisenmanagement hat die Machtasymmetrien am Arbeitsmarkt daher nicht grundlegend zugunsten „schwacher Interessen“ korrigieren können, sondern vielmehr demonstriert, dass sich prekäre Beschäftigungsformen im Krisenfall relativ konfliktfrei als Flexibilisierungspuffer nutzen lassen. Unabhängig davon verdankt sich die wirtschaftliche Erholung einem Muster weltwirtschaftlicher Arbeitsteilung, das den deutschen Exportsektor von der rasch wieder hergestellten Nachfrage in großen Schwellenländern profitieren lässt. Produkte deutscher Unternehmen werden, insbesondere in China, für den wirtschaftlichen Aufholprozess benötigt und dort von einer rasch wachsenden Mittelschicht nachgefragt. Aus diesem Grund ist es gelungen, „die industrielle Wertschöpfung in Deutschland zu steigern“, obwohl es im Exportsektor „nach wie vor ein Hochlohnstandort ist“ (Deutsche Bank 2013, S. 7).

In diesem Zusammenhang ist (4) allerdings eine institutionentheoretische Präzisierung wichtig, die mit der Verzahnung von Produktions- und Sorgeregime eine Schwäche auch des alten Sozialkapitalismus berührt. Die Förderung des exportorientierten Industriesektors ist in Deutschland traditionell mit einer Geringschätzung und Abwertung von Humandienstleistungen und reproduktiven Tätigkeiten verbunden. Den exportstarken Branchen mit hohen Anteilen von qualifizierten Beschäftigten im Hochtechnologiebereich steht ein expandierender Sektor mit niedrig entlohnten, instabilen und häufig wenig anerkannten Dienstleitungstätigkeiten gegenüber, dessen Arbeitsproduktivität nach herkömmlichen Maßstäben weit hinter der des industriellen Sektors zurückbleibt. Zugleich verschiebt sich, an Beschäftigungsverhältnissen gemessen, das Gewicht zwischen den Branchen. Allein in der stark expandierenden Sozialwirtschaft, deren Anteil an der Gesamtbeschäftigung innerhalb eines Jahrzehnts (2001–2011) von 4,5 % auf 6,2 % gestiegen ist, arbeiten rund 1,7 Mio. sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. In der Altenpflege, Kinder-, Jugend- und Behindertenhilfe sind damit ebenso viele Menschen tätig wie im Maschinen- und Fahrzeugbau, dem industriellen Herzstück der deutschen Wirtschaft.

Daran zeigt sich: In Relation zu den hochproduktiven Exportbranchen nimmt das Gewicht des vermeintlich weniger produktiven, aber beschäftigungsintensiven Sektors mit bezahlten Sorgearbeiten (gemeint sind alle Tätigkeiten, die der „Herstellung von Arbeitskraft“ dienen) zu. Aus der einzelwirtschaftlichen und Exportperspektive erscheint dies als Kostenproblematik, weil die professionellen Reproduktionstätigkeiten zu einem erheblichen Teil über staatliche Transfers finanziert werden. Um die Exportwirtschaft zu fördern, hat staatliche Politik den Austausch zwischen industriellem Sektor und Sorgearbeiten als einen Stoffwechsel zwischen aufgewerteten (kapitalistischen) inneren und abgewerteten (nichtkapitalistischen) äußeren Märkten gestaltet. Eine wettbewerbsorientierte Steuerpolitik lässt großzügige Transfers zugunsten von Humandienstleistungen und bezahlten Sorgearbeiten nicht zu. Weil öffentliche Vermögenswerte ‚abgeschmolzen‘ werden und vor allem Kreise und Kommunen Einnahmeprobleme haben, ist die höhere Nachfrage nach Sorgeleistungen staatlich schwer zu finanzieren. Die Bereitstellung von Sorgeleistungen als öffentlichem Gut gerät zusätzlich unter Druck, weil es an staatlich finanzierter, zahlungsfähiger Nachfrage, also an einem produktiven Staatskonsum mangelt. Darauf reagiert Politik mit der Inszenierung von Quasi-Märkten, auf denen private und öffentliche Anbieter wesentlich über die Lohnkosten konkurrieren. Leistungsverdichtung, Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse, Fachkräfteengpässe und Rückverlagerungen von Sorgeleistungen in die Privathaushalte sind die Folge (vgl. Dörre et al. 2014). Was sich für die Beschäftigten als Abwertung ihrer Berufstätigkeit und als Prekarisierung von Beschäftigung darstellt, bietet aus der Perspektive der Exportwirtschaft und des gewährleistenden Staates günstige Möglichkeiten, nötige Humandienstleistungen und Sorgetätigkeiten vergleichsweise billig oder – wie im Falle unbezahlter Hausarbeit – als Gratisressource zu nutzen. Kurzum: Die Leistungsfähigkeit des Exportsektors beruht auch auf einer politisch verantworteten Abwertung von Reproduktions- und Sorgetätigkeiten, die durch die Implementation wettbewerbszentrierter Bewährungsproben in Quasi-Märkten durchgesetzt und forciert wird. All dies trägt zu einer Krise sozialer Reproduktion bei, die sich gerade im deutschen Wettbewerbskapitalismus relativ unabhängig von den Kapitalströmen entfaltet.

4 Fazit: Von der inneren Landnahme zur ökonomisch-ökologischen Zangenkrise

Das Beispiel des deutschen Sozialkapitalismus illustriert, wie eine innere Landnahme des Sozialen, die dem Markt zuvor entzogene, wohlfahrtsstaatliche Bereiche als nichtkapitalistisches Anderes nutzt, eben diesen Sozialkapitalismus irreversibel transformiert. Die Landnahme des Sozialen wirkt – wie am Beispiel des Arbeitsmarkts gezeigt – strukturbildend. Paradoxerweise ist es dem nur allmählichen und noch nicht vollständigen Ruin dieses nichtkapitalistischen Anderen geschuldet, dass die transformierte deutsche Kapitalismusvariante die globale Rezession von 2008/09 einigermaßen glimpflich überstanden hat. Indirekt verweist das auf ein Charakteristikum jener Dekade, welche die Subprime-Krise und deren Folgen mit dem Amtsantritt Donald Trumps verbindet. Die Landnahme des Sozialen hat die Selbststabilisierungsmechanismen kapitalistischer Akkumulation soweit beschädigt, dass sich zumindest in den alten Zentren systemische Grenzen der Akkumulation und erweiterten Reproduktion des Kapitals bemerkbar machen. Rosa Luxemburgs Hinweis auf die Krisenträchtigkeit einer Gesellschaftsformation, in der die Reproduktion endlicher sozialer und natürlicher Ressourcen an den Imperativ unendlicher Akkumulation und beständiger Markterweiterung gekoppelt ist, erhält unter veränderten historischen Vorzeichen neue Aktualität. Für die Ausarbeitung einer tragfähigen Theorie kapitalistischer Krisen haben aus der Perspektive des Landnahmetheorems drei Forschungsfelder einen prioritären Stellenwert, die den Zusammenhang ökonomischer und ökologischer Krisen thematisieren.
  1. (1)

    Säkulare Stagnation und Postwachstums-Kapitalismus: Die relative Krisenrobustheit der deutschen Kapitalismusvariante vermag nichts daran zu ändern, dass sich die Ökonomien der alten kapitalistischen Zentren insgesamt nur langsam von den Folgen des globalen Crashs erholen. Für Ökonomen wie James Galbraith haben die kapitalistischen Zentren „die Zeit des schnellen Wachstums […] definitiv hinter sich gelassen“ (Galbraith 2016, S. 17). Ursachen seien u. a. wechselhafte, instabile Energiepreise; die zunehmend unsichere globale Sicherheitslage; eine neue Etappe der Digitalisierung mit arbeitssparenden Effekten und vor allem ein internationales Finanzsystem, dessen fortlaufende Betriebsstörungen einen Krisenherd darstellten, der jederzeit und in den unterschiedlichsten Regionen der Weltwirtschaft neue Eruptionen auslösen könne. Schon in naher Zukunft sei wahrscheinlich, dass sich Naturschranken der Akkumulation8 als weitere Wachstumsbremse hinzugesellten. Sollte sich dieser Befund einer säkularen Stagnation auch für die absehbare Zukunft bewahrheiten, hätten wir es zumindest in den reichen Gesellschaften des globalen Nordens mit Postwachstumskapitalismen zu tun. Wie sich dauerhaft niedrige Wachstumsraten auf die institutionelle Stabilität von Demokratie und Wohlfahrtsstaat auswirken, ist derzeit völlig offen. Es ist aber wahrscheinlich, dass sich eine lang anhaltende ökonomische Stagnation auch als Destabilisierung demokratischer Institutionen bemerkbar macht. Der Krisenimpuls dürfte das gesamte Ensemble gesellschaftlicher Regulationen erfassen. Die – etwas unscharfen – Thematisierungen einer Vielfachkrise (vgl. Demirović et al. 2011; Brand 2009) besitzen hier ihren realen Kern.

     
  1. (2)

    Innere und äußere Landnahmen: Bedeutsam ist, dass die beschriebene „innere Abwertung“, vor allem jedoch das kooperative Krisenmanagement, die florierende Exportwirtschaft und eine veränderte Positionierung in der internationalen Arbeitsteilung (China als expandierender Auslandsmarkt) Deutschlands Aufstieg zur ökonomisch führenden europäischen Macht ermöglicht haben. In seiner Stellung als zweite Zentralmacht im EU-Imperium neben Frankreich nutzt Deutschland seine halbhegemoniale Position, um den europäischen Krisenstaaten eine Austeritätspolitik aufzuzwingen, die sich als zentraler Krisenverstärker erwiesen hat. Im privaten Finanzsektor verursacht, haben nunmehr Staaten und deren Bevölkerungen die Kosten der Krise zu bewältigen. So hat die Bankenrettung, die primär zugunsten deutscher und französischer Kreditinstitute erfolgte, Kosten verursacht, welche die südeuropäischen Schuldnerstaaten in eine neue Art von Zinsknechtschaft hineingezwungen haben. Gemeinsam mit dem neuen lohnpolitischen Interventionismus konstituiert die Verschuldung einen Modus operandi neuer Landnahmen, der die Enteignung von Sozialeigentum in den südeuropäischen Krisenstaaten noch radikalisiert. Mindestlöhne werden gesenkt, soziale Rechte beschnitten, Tarifverträge beseitigt oder durchlöchert, der Kündigungsschutz ausgehebelt, Gewerkschaften geschwächt, Staatsbetriebe privatisiert, öffentliches Eigentum veräußert und ganze Bevölkerungen in die Verarmung getrieben. Kurzum, die deutsche Medizin einer inneren Landnahme des Sozialen wird, nur ungleich härter und als transnationales Elitenprojekt, europäischen Ländern verabreicht, die über völlig andere wirtschaftliche, kulturelle und politische Voraussetzungen verfügen.

     
Dass diese Politik krisenverschärfend wirkt, hat Mark Blyth präzise herausgearbeitet.9 Spardiktate treffen eben nicht alle gleichermaßen. Untere Einkommensklassen und die Bevölkerungen armer Länder haben mehr zu verlieren als begüterte Gruppen und die Bevölkerungen der Gläubigerstaaten. Wenn die Armen nicht in der Lage sind, die Zeche zu zahlen, die ihnen präsentiert wird, muss die Austeritätspolitik insgesamt scheitern. Würde in ausnahmslos allen Wirtschaften gespart, wäre es völlig unmöglich, auf einen Wachstumspfad zurückzukehren. Es gilt das Keynesʼsche Sparparadox. Ökonomien können aus niedrigen Löhnen und reduzierten Sozialstandards nur dann Wettbewerbsvorteile ziehen, wenn anderswo Konsumenten existieren, die Geld ausgeben, um die billigeren Produkte zu kaufen. Aus diesem Grund kann von Teilproblematiken, etwa der hohen Verschuldung Griechenlands, nicht auf das Ganze der EU oder gar der Weltwirtschaft geschlossen werden. Sparen alle gleichzeitig, fehlen Investitionsmotive, was die Wirtschaft „weiter schrumpfen“ lässt (Blyth 2013, S. 32). Dies ist nur ein Kausalmechanismus, dessen Analyse dafür spricht, das Wechselspiel von inneren und äußeren Landnahmen genauer zu untersuchen. Die innere Landnahme des Sozialen ist im deutschen Fall offenbar auf komplexe Weise mit einem von Gläubigerinteressen getriebenen Modus operandi äußerer Landnahmen verkoppelt, der die Asymmetrien und ungleichen Entwicklungen zusätzlich verstärkt und sich so als ökonomische Wachstumsbremse erweist.
  1. (3)

    Ökonomisch-ökologische Doppelkrise: Das Krisenpanorama bliebe indessen unvollständig, würde dessen ökologische Dimension ausgeblendet. Die große Krise von 2008/09 signalisiert auch, dass diese Wechselbeziehung von ökonomischem Wachstum und ökologischer Zerstörung an einem historischen Umschlagpunkt angelangt ist. Sofern Wirtschaftswachstum überhaupt noch generiert werden kann, zehren die ökologischen Destruktionskräfte den äußerst ungleich verteilten Wohlfahrtsgewinn mehr und mehr auf. Den frühindustrialisierten Ländern bleiben daher künftig nur zwei Optionen: „One is to make growth sustainable; the other is to make degrowth stable“ (Jackson 2009, S. 128). Doch gleich welcher Weg gewählt wird, beide laufen auf eine große gesellschaftliche Transformation hinaus. Die Krise ist zu einer ökonomisch-ökologischen Doppel- oder Zangenkrise geworden, weil das wichtigste Mittel zur Überwindung wirtschaftlicher Stagnation, die Erzeugung von Wirtschaftswachstum, unter den gegebenen Bedingungen notwendig zur Verstärkung ökologischer Destruktion führt. In das Luxemburg’sche Szenario übersetzt: Die endlos erweiterte Reproduktion des Kapitals bewirkt nun allerding in ihrer sachlich-stofflichen Dimension, dass die Grenzen der Regenerationsfähigkeit natürlicher Systeme erreicht werden und u. a. beim Klimawandel und der Artenvielfalt bereits überschritten sind. Eine Abkehr von diesem Trend schien lange nur mittels degrowth by desaster möglich. So näherte sich der Ressourcenverbrauch zuletzt während der Krisenjahre 1980–83 der Tragfähigkeitsgrenze an; die Emissionen gingen letztmalig 2009 signifikant zurück. Doch nicht etwa höhere Ressourceneffizienz oder beschleunigtes Umsteigen auf erneuerbare Energien, sondern ökonomisches Minuswachstum sorgte für einen Rückgang klimaschädlicher Treibhausgase. Als die Konjunktur 2010 anzog, war das Rekordniveau der Emissionen aus 2008 (31,5 Millionen Tonnen CO2-Emissionen) rasch wieder erreicht. Eine Ausnahme stellte in Europa nur die griechische Schrumpfungsgesellschaft dar; dort hielt das wirtschaftliche Negativwachstum an; zugleich sanken die klimaschädlichen Emissionen.

     

Berücksichtigen müssen wir allerdings: Hinsichtlich der komplexen Mensch-Natur-Interaktionen besteht eine unendliche Ungewissheit bei den Vorhersagen. Normenwerte, ökologische Belastungsgrenzen und Kipppunkte sind, worauf bereits Ulrich Beck hingewiesen hat, wissens- und definitionsabhängig. Damit ist nicht gesagt, dass Belastungsgrenzen inexistent sind. Doch die Wirkungen von ökologischen Risiken, wie sie beispielsweise mit der Freisetzung von Radioaktivität einhergehen, lassen sich nur selten eindeutig zuordnen. Sie entziehen sich häufig sinnlicher Wahrnehmung, sind nicht sichtbar, nicht fühlbar und erschließen sich daher in ihrem vollen Ausmaß nur im Wissen, also in der Konstruktion wissenschaftlich fundierter Kausalitätsbeziehungen. Ähnliches gilt für den Treibhauseffekt oder mögliche Klimaveränderungen. Globale ökologische Risiken sind daher definitionsabhängig, sie sind Gegenstand von Definitionskämpfen im Wissenschaftssystem und in der Gesellschaft. Diese Definitionskämpfe müssen Eingang in eine kritische Theorie kapitalistischer Krisen finden. Eine solche Theorie hätte dort anzusetzen, wo naturwissenschaftlicher Sachverstand endet: „Ob […] eine ‚soziale Marktwirtschaft‘ oder ein ‚demokratischer Sozialismus‘ das beste Gesellschaftsmodell für die mittelfristige Zukunft ist, ja, ob man überhaupt ein Gesellschaftsmodell benötigt, wage ich nicht zu beurteilen“, schreibt der Klimaforscher Hans-Joachim Schellnhuber in seinem Buch Selbstverbrennung(vgl. Schellnhuber 2015, S. 703).

Kritische Gesellschafts- und Krisentherapie kann es dabei nicht belassen. Die ökonomisch-ökologische Doppelkrise hat systemischen Charakter, denn auf „einem endlichen Planeten können soziale Spannungen nicht auf Dauer durch materielle Expansion aufgelöst werden“ (Schellnhuber 2015, S. 703). Damit ist keineswegs gesagt, dass die kapitalistische Produktionsweise notwendig ihrem Untergang geweiht ist, wie manche Kapitalismuskritiker behaupten (vgl. Wallerstein 2014, S. 18; Streeck 2014, S. 35–64; Mason 2015). Es hieße, Fehler früherer Kapitalismusdiskussionen zu wiederholen, würde man Endkrisenthesen und Postkapitalismusszenarien unkritisch übernehmen. Stattdessen muss die Frage, ob der Kapitalismus die ökonomisch-ökologische Zangenkrise überleben kann, mit einem klaren Ja beantworten werden. Die Herrschaft kapitalistischer Eliten ist im Stande auch schwerste Krisen zu überleben. Sie kann zu neuen Landnahmen, sei es der Biosphäre, sei es des Wissens, durchaus in der Lage sein. Die Frage ist nur, zu welchem Preis und ob wir ihn bezahlen wollen (vgl. Harvey 2014, S. 209).

Fußnoten

  1. 1.

    Weitere eigenständige Ursachen sind die Intransparenz von Finanzmarktprodukten und -risiken sowie die durch die Geldpolitik verstärkten weltwirtschaftlichen Ungleichgewichte. Hinzu kommen das System der Schattenbanken und dessen transnationale Verflechtungen; bankeninterne Konkurrenzen, die dazu führen, dass diejenigen Filialen den Zuschlag für Geschäfte bekommen, die einer besonders lockeren Regulierung unterliegen; die Unterstützung von Geschäften, die für Bankvorstände mathematisch intransparent sind; eine „kreative Buchführung“, die Risiken verschleiert; Unsicherheiten der buchhalterischen Vermögensbewertung bei volatilen Märkten; das Agieren von jungen, hochqualifizierten Männern mit außergewöhnlichem Talent, die von außen schwer zu kontrollieren sind sowie die technologische Beschleunigung von Prozessen im computergestützten Hochfrequenzhandel. Dies alles bewirkt einen Kontrollverlust im Finanzsektor, der die Kumulation von immer größeren Risiken fördert.

  2. 2.

    Danach entspricht die Polanyi’sche Diagnose nicht dem historischen Forschungsstand, weil sie den Einfluss von Märkten überzeichnet.

  3. 3.

    Methodisch gibt es eine Nähe zum Theorieprogramm eines „Democratic Marxism“, der für unterschiedliche Kapitalismusanalysen offen ist und Demokratie als Ausgangspunkt für Alternativen zum Kapitalismus begreift (vgl. Williams und Satgar 2013, S. III).

  4. 4.

    Von einer kapitalistischen Gesellschaftsformation kann gesprochen werden, wenn „kapitalistische Prinzipien eine gewisse Dominanz besitzen“, wenn sie dazu tendieren „über die Wirtschaft hinaus in andere Bereiche auszugreifen“ und auch nichtkapitalistische Verhältnisse zu prägen (Kocka 2013, S. 12).

  5. 5.

    Harveys Analyse bleibt in diesem Punkt blass. Vage spricht er mit Blick auf 2008/09 von der Krise, aber es bleibt doch unklar, worin die so angedeutete besondere Qualität besteht.

  6. 6.

    Darin stimme ich mit M. Burawoy überein (vgl. Burawoy 2013).

  7. 7.

    Die Angaben beruhen auf Daten des Statistischen Bundesamtes und des IAB.

  8. 8.

    Noch habe der Klimawandel „keine größeren wirtschaftlichen Auswirkungen“, doch selbige stellten sich früher oder später unweigerlich ein (Galbraith, S. 9).

  9. 9.

    „‚Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt‘, sagen die an der Spitze, während sie unbekümmert verschweigen, dass man mit den ‚übermäßigen Ausgaben‘ ihre Besitztümer gerettet hat. Gleichzeitig wird dem Rest der Bevölkerung gesagt, er müsse ‚die Gürtel enger schnallen‘ – und das von Leuten, die selbst viel größere Hosen tragen und keinerlei Willen erkennen lassen, an der Lösung des Problems mitzuwirken. Wenn ärmere Bevölkerungsschichten unverhältnismäßig für ein Problem zur Kasse gebeten werden, das von jenen an der Spitze verursacht wurde, und wenn letztere energisch jede Verantwortung von sich weisen und sie dem Staat zuschieben, dann werden dem Staat nicht nur die Mittel zur Behebung des Problems fehlen, dann wird sich auch die Polarisierung der Gesellschaft verschärfen, und es werden sich die ohnehin schon geringen Chancen einer durchhaltbaren Politik verschlechtern, die der doppelten Herausforderung hoher Schulden und geringen Wachstums gewachsen wären. Populismus, Nationalismus und Forderungen nach einem neuen Gleichgewicht zwischen ‚Gott und Geld‘ sind das Ergebnis ungerechter Austeritätspolitik. Keiner profitiert davon, nicht einmal die Reichen.“ (Blyth 2013, S. 40).

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Authors and Affiliations

  1. 1.Institut für SoziologieFriedrich-Schiller-Universität JenaJenaDeutschland

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