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Kritische Psychologie und ihr Verhältnis zur kritischen Theorie

  • Morus MarkardEmail author
Living reference work entry
Part of the Springer Reference Sozialwissenschaften book series (SRS)

Zusammenfassung

Kritische Psychologie wird als Prozess der Aufhebung ihrer anfänglichen Kritik bürgerlicher Psychologie in einer marxistischen Subjektwissenschaft dargestellt. Mit der Konzeption und einigen Resultaten der historisch-empirischen Rekonstruktion des Verhältnisses von Natur-, Gesellschafts- und Individualgeschichte werden auch Bezüge zur kritischen Theorie bzw. zur Psychoanalyse diskutiert. Die zentrale kritisch-psychologische Kategorie „restriktiver“ bzw. „verallgemeinerter Handlungsfähigkeit“ soll die Widersprüchlichkeit individueller Existenz in der kapitalistischen Gesellschaft zwischen Anpassung und Widerstand analysierbar machen. „Begründungsdiskurs“ bedeutet dabei, die subjektiven Funktionalitäten der Lebensbewältigung so aufzuschlüsseln, dass gesellschaftliche Irrationalitäten nicht den Einzelnen in die Schuhe geschoben und emanzipatorische Möglichkeiten sichtbar werden. Theoretische und methodische Konsequenzen und Probleme einer so verstandenen „Psychologie vom Standpunkt des Subjekts“ werden diskutiert.

Schlüsselwörter

Kritische Psychologie Kritische Theorie Restriktive vs. verallgemeinerte Handlungsfähigkeit Begründungsdiskurs Irrationalität Gesellschaftliche Natur Psychologie vom Standpunkt des Subjekts 

1 (Terminologische) Vorbemerkung

Die (Selbst-) Bezeichnung „Kritische Psychologie“ (oder critical psychology) ist insofern uneindeutig, als darunter eine Vielzahl von Arbeitsrichtungen in der Psychologie subsumiert wird, die von gemeindepsychologischen über psychoanalytische, kulturpsychologische, feministische bis zu „poststrukturalistischen“ Richtungen reichen (vgl. Billig 2006; Teo 2014). Ihr kleinster gemeinsamer Nenner besteht darin, sich nicht dem experimentell-statistisch orientierten Mainstream der Psychologie zuzurechnen und sich unter irgendeinem Aspekt mit dem gesellschaftlichen Status quo auseinanderzusetzen. Die hier zu verhandelnde (auch als German critical psychology apostrophierte, vgl. Reimer und Markard 2014) Kritische Psychologie, wie sie von Klaus Holzkamp und seinem Arbeitszusammenhang seit den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts entwickelt wurde, unterscheidet sich von den genannten psychologischen Ansätzen vor allem durch ihren dezidierten Bezug auf den Marxismus bzw. marxistisches Denken. Ihr großes „K“ verdankt sich einer (ursprünglich wohl ironisch intendierten, dann aber sachlich-allgemein übernommenen) Zuschreibung seitens derjenigen kritischen Psychologinnen und Psychologen, die (durchaus auch unter – temporärem – Bezug auf Marx) die Kritik an der vorfindlichen akademischen Psychologie nicht in Richtung auf eine eigene Konzeption überschreiten wollten, sondern im Eifer der theoretischen Gefechte eben darin ein Abstumpfen oder gar Niederlegen der Waffe der Kritik sahen (etwa Rexilius 1987).

Bevor die ab Kap. 2 beginnende Darstellung der Kritischen Psychologie deren Entwicklung von einer Kritik der Psychologie zur marxistischen Subjektwissenschaft nachzeichnen und dabei positive, kritische wie fehlende Bezüge zu kritischen Theorie aufzeigen bzw. deutlich werden lassen soll, ist zu skizzieren, wie das Grundproblem jedweder Variante der „durch und durch problematischen Wissenschaft Psychologie“ (Holzkamp 1983b, S. 164), das Verhältnis von individueller und gesellschaftlicher Reproduktion, nämlich, unter Bezug auf Horkheimers Bestimmung kritischen Denkens verstanden werden kann. Dieses sei nicht nur

darauf gerichtet, irgendwelche Missstände abzustellen, diese erscheinen ihm vielmehr als notwendig mit der ganzen Einrichtung des Gesellschaftsbaus verknüpft. Wenngleich es aus der gesellschaftlichen Struktur hervorgeht, so ist es doch weder seiner bewussten Absicht noch seiner objektiven Bedeutung nach darauf bezogen, dass irgend etwas in dieser Struktur besser funktioniere. Die Kategorien des Besseren, Nützlichen, Zweckmäßigen, Produktiven, Wertvollen, wie sie in dieser Ordnung gelten, sind ihm vielmehr selbst verdächtig und keineswegs außerwissenschaftliche Voraussetzungen, mit denen es nichts zu schaffen hat. Während es zum Individuum in der Regel hinzugehört, dass es … seine Befriedigung und seine Ehre darin findet, die mit seinem Platz in der Gesellschaft verknüpften Aufgaben nach Kräften zu lösen, und bei aller energischen Kritik, die etwa im einzelnen angebracht sein sollte, tüchtig das Seine zu tun, ermangelt jenes kritische Verhalten durchaus des Vertrauens in die Richtschnur, die das gesellschaftliche Leben, wie es sich nun einmal vollzieht, jedem an die Hand gibt. (Horkheimer 1937, S. 180 f.)

Entsprechend hielt es Holzkamp (1983a, S. 25) für eine „in der bürgerlichen Gesellschaft strukturell niemals endgültig lösbare Aufgabe, eine radikal gesellschaftskritische Position mit einer berufsqualifizierenden [psychologischen, M. M.] Ausbildung im üblichen Sinne […] zu verbinden, trotz der „unabweisbaren Forderungen der Studenten, sie auf eine radikal demokratische, fortschrittliche, und dennoch unter den gegebenen kapitalistischen Bedingungen ‚mögliche‘ (d. h. individuell existenzsichernde) Berufspraxis vorzubereiten“.

Dass es, mit dem berühmten Wort Adornos (1951, S. 42) „kein richtiges Leben im falschen“ gibt, heißt allerdings nicht, dass es überhaupt nicht Richtiges gibt, so dass, was praktisch möglich ist, in empirischer, kritisch-psychologischer Praxisforschung zu ermitteln ist (vgl. etwa Markard und Ausbildungsprojekt … 2000), ohne dass das kritische Denken der Kritischen Psychologie pragmatisch ermäßigt wird. Dessen Grundlagen sollen im Folgenden dargestellt werden.

2 Gesellschaftstheoretische Implikation der methodologischen Kritik an variablen-psychologischer Experimentalforschung

Die Kritische Psychologie entstand sozusagen parallel zum Positivismusstreit in der Soziologie (Adorno et al. 1969) und ausgelöst durch die um das Problem der Wertfreiheit kreisende Psychologie- und Gesellschaftskritik von (nicht nur Berliner) Studierenden, von der sich Klaus Holzkamp – etablierter Experimentalforscher und -methodologe – so beeindrucken ließ, dass er die bis dahin konstruktivistischen Grundlagen (1964, 1968) seiner Arbeit, mit denen er die Objektivitätsansprüche der Experimentalpsychologie schon relativiert hatte, überdachte und sich wissenschaftlich neu orientierte. Ausgangspunkt war die Kluft zwischen nomothetischer Theorie und (notwendig) einzelfallbezogener Praxis, damit die praktische Relevanz des Faches, welche wiederum für Holzkamp dadurch eine gesellschaftlich-politische Dimension gewann, dass er die methodische Anordnung des Experiments auf Herrschaftsverhältnisse bezog.

Die experimentelle Anordnung, so Holzkamp, erzeugt einen kommunikativen Mangelzustand: Das Verhältnis von Versuchsleiter/in und Versuchsperson (VP) wird so reglementiert, dass eine dialogische oder symmetrisch gleichberechtigte Beziehung von vornherein unterbunden wird. Es ist die Versuchsleitung, die die Bedingungen des Experiments, seinen Ablauf und die Variationsmöglichkeiten der VP-Reaktionen festsetzt. Holzkamp (1972a) sah darin die „Idee einer Art ‚Norm-Vp‘“, die sich an die experimentelle Situationen wie an undurchschaute „Umweltbedingungen“ anpasst. (S. 59). Diese Idee setzte er folgendermaßen zu menschlichen Möglichkeiten ins Verhältnis: Wenn man

Lebewesen, die eine Geschichte haben, die […] in freiem, symmetrischen Dialog vernünftig ihre Interessen vertreten können, als „Menschen“ bezeichnet, wenn man andererseits Lebewesen, die in einer fremden, naturhaften Umgebung stehen, die keine „Geschichte“ haben, die auf bestimmte Stimuli lediglich mit festgelegten begrenzten Verhaltensweisen reagieren können, „Organismen“ nennen will, so kann man feststellen, dass im Konzept der Norm-Vp restriktive Bestimmungen enthalten sind, durch welche Individuen […] im Experiment dazu gebracht werden sollen, sich wie „Organismen“ zu verhalten. (Holzkamp 1972a, S. 61)

Deswegen könne in der experimentellen Anordnung nur erfasst werden, wie Menschen unter ihnen vorgegebenen, fremdgesetzten Bedingungen (re)agieren, nicht aber, dass Menschen sich auch zu Bedingungen verhalten können, dass sie in sie eingreifen, sie verändern können. Anders formuliert: Das Verhältnis von „objektiver“ Bestimmtheit (durch gesellschaftliche Verhältnisse) und „subjektiver Bestimmung“ (als Einflussmöglichkeit) (Holzkamp 1977a, S. 57) wird um die subjektive Bestimmung verkürzt. Soweit diese methodisch durchgesetzte Verkürzung menschlichen Handelns auf bloßes Reagieren theoretisch nicht berücksichtigt werde, liege der Psychologie eine implizite „organismische Anthropologie“ zugrunde (Holzkamp a. a. O., S. 70): die Vorstellung der unmittelbaren Determination durch fremdgesetzte Bedingungen im „Postulat der Unmittelbarkeit“ (Usnadse; vgl. Leontjew 1982, S. 77).

Die Formulierung des „Konzepts“ bzw. der „Idee“ der Norm-Vp verweist allerdings darauf, dass Holzkamp der darin enthaltenen Determinationsvorstellung kein empirisches Korrelat bzw. keine empirische Geltung zuweist – im Unterschied zu einer Einlassung Adornos, in der die Vorstellung der organismische Reduktion für die Sache selbst genommen wird:

Dort, wo die Menschen unter dem Druck der Verhältnisse in der Tat auf die „Reaktionsweise von Lurchen“ (hier verweist Adorno auf die „Dialektik der Aufklärung“, M. M.) heruntergebracht werden, wie als Zwangskonsumenten von Massenmedien und anderen reglementierten Freuden, passt die Meinungsforschung, über welche sich der ausgelaugte Humanismus entrüstet, besser auf sie als etwa eine „verstehende“ Soziologie: denn das Substrat des Verstehens, das in sich einstimmige und sinnhafte menschliche Verhalten, ist in den Subjekten selbst schon durch bloßes Reagieren ersetzt. (1957, S. 202 f., Herv. M. M.)

Ähnlich argumentiert F. Haug: Das Menschenbild des Behaviorismus sei „zynisch“ und entspreche zugleich „massenhaft tatsächlichem Verhalten bzw. seinen Änderungen“ (Haug 2003, S. 134). Die Frage ist aber die, unter welchen Bedingungen der Anschein entsteht, dass sich Menschen so verhalten, als unterlägen sie Reiz-Reaktions-Gesetzen (vgl. Maiers 2004, S. 127; Markard 2004, S. 54). Die Verfehltheit des behavioristischen Universalanspruchs der unmittelbaren Reizdeterminiertheit von Verhalten zeigen im Übrigen auch schon tierexperimentelle Untersuchungen etwa an Waschbären, die, darauf konditioniert, Münzen in Sparschweine zu stecken, damit begannen, diese Münzen in artspezifischem ‚Waschverhalten‘ aneinander zu reiben, bzw. an Schweinen, die, darauf konditioniert, Münzen in Behälter fallen zu lassen, die Münzen stattdessen vergruben (vgl. Holzkamp 1993, S. 42 ff.). Insofern ist, genau genommen, Holzkamps Analyse der „organismischen Anthropologie“ gegenüber der kausalistischen Reiz-Reaktions-Vorstellung noch zu „hoch“ angesiedelt, auch wenn sie die Unterschreitung der spezifischen Geschichtlichkeit des Menschen in der experimentellen Anordnung zutreffend artikuliert.

Wie dem auch sei: Auf jeden Fall wird das erwähnte Verhältnis von „objektiver Bestimmtheit“ und „subjektiver Bestimmung“ verfehlt. Entscheidend ist, dass Holzkamp seinen kritischen methodologischen Befund erstens auf gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse bezog und – unter Bezug auf Habermas’ (1965) Kritik des „technisches Erkenntnisinteresses“ – zwischen „technischer“ und „emanzipatorischer Relevanz“ psychologischer Forschung unterschied: Gegenüber dem technischen bzw. Herrschaftsinteresse an der Kontrolle gesellschaftlicher Prozesse sei „emanzipatorisch relevant eine Forschung, sofern sie zur Selbstaufklärung des Menschen über seine gesellschaftlichen und sozialen Abhängigkeiten“ (1970a, S. 37) und zur Befreiung davon beitrage. Zweitens bezog er seinen Befund auf Marx’ 6. Feuerbachthese, wonach nicht nur die „Norm-Vp“, sondern generell die Vorstellung vom „abstrakt-isoliert menschlichen Individuum“ das „Ergebnis einer Abstraktion von der konkreten historisch-gesellschaftlichen Lage des Menschen“ sei. Das Individuum „unbefragt als das ‚Konkrete‘“ zu bestimmen, sei „charakteristisch für die bestehende Psychologie“, und eben diese, aus der „bürgerlichen Ideologie des ‚Individuums“ und der ‚Persönlichkeit‘“ resultierende, „Verkehrung von Konkretheit und Abstraktheit menschlicher Verhältnisse“ zu überwinden, sei die „entscheidende Voraussetzung für die Konzeption einer kritisch-emanzipatorischen Psychologie“ (1970b, S. 108, Herv. getilgt, M. M.).

3 Rezeption der Kritik der politischen Ökonomie und deren Grenzen bei der differenziellen Beurteilung des Erkenntnisgehalts psychologischer Theorien

Damit stand die zwar nicht psychologische, wohl aber psychologisch relevante bzw. relevant gewordene Frage nach der Bestimmung der menschlichen bzw. gesellschaftliche Verhältnisse und infolgedessen auch die Frage nach dem Verhältnis gesellschaftlicher und individueller Reproduktion auf der Tagesordnung, deren Beantwortung, salopp formuliert, zunächst in der Rezeption der marxschen Kritik der politischen Ökonomie lag, mit der sich Holzkamp u. a. in einem studentisch organisierten Seminar vertraut machte (zu den institutionellen Umständen dieser Entwicklung vgl. Holzkamp 1972b; Markard 2009, S. 61 ff.). Wie immer diese Rezeption aussah, wurde deutlich, dass die damit verbundene Kritikperspektive keine spezifisch psychologische ist, sondern sich einer gesellschaftstheoretischen Sichtweise verdankt, in der die individuelle Reproduktion nachgeordnetes, wenn nicht verschwindendes Moment ist. Oder, mit Adorno formuliert: Die „Gesellschaft ist keine von Menschen unmittelbar, sondern die Beziehungen zwischen diesen haben sich verselbstständigt, treten allen Einzelnen übermächtig entgegen und dulden die psychologischen Regungen kaum eben als Störungen des Getriebes, die womöglich integriert werden“ (Adorno 1966, S. 89).

Die Auflösung der Psychologie in die Vorstellung menschlicher Subjektivität als eines bloßen Schnittpunkts ökonomischer Bedingungen wurde von Holzkamp 1977 unter Bezug auf die 1. Feuerbachthese Marx’ zurückgewiesen. Diese Auffassung habe den „‚Hauptmangel‘“, dass in ihr „‚der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefasst wird; nicht aber als sinnlich menschliche Tätigkeit, Praxis; nicht subjektiv‘. Ich wiederhole Marx’ Formulierung: ‚nicht subjektiv‘!“ (1977a, S. 56) Wenn Subjektivität nur als unselbstständiges Moment von der Gesellschaftstheorie aus gefasst werde, verschwinde die individuelle Reproduktion als Gegenstand bzw. sie werde nur insoweit interessant, wie von den vielen Einzelnen insgesamt gesellschaftliche Erfordernisse realisiert werden. Dies als genuin psychologische Ebene zu sehen, sei eine ökonomistische Vorstellung, die auf eine „pseudomarxistische Milieutheorie“ hinauslaufe, in deren Bann – analog der experimentellen Anordnung – Menschen immer nur als bedingt und bewirkt, kaum aber als bewirkend und Bedingungen verändernd begriffen werden könnten (S. 59).

Die – bis dahin in der Psychologie vernachlässigte – Analyse gesellschaftlicher Lebensverhältnisse ist somit eine notwendige, aber keineswegs schon hinreichende Voraussetzung für eine emanzipatorisch intendierte Psychologie, die sich weder als „Konkurrenzunternehmen außerhalb der bestehenden Psychologie“ noch als „ein psychologisches Erkenntnisbemühen außer Konkurrenz“ versteht, sondern als Beitrag zur Klärung objektiv gegebener Kernprobleme […], deren Grund und Lösungsrichtung in der traditionellen Psychologie nicht zureichend erkannt sind“ (Maiers 1979, S. 47).

In kritisch-theoretischer Perspektive hätte es nun nahe gelegen, sich zu diesem Zweck auf die Psychoanalyse zu beziehen, als „die einzige“ psychologische Arbeitsrichtung, „die im Ernst den subjektiven Bedingungen der objektiven Irrationalität nachforscht“ (Adorno 1955, S. 42), womit die Psychoanalyse mit ernst zu nehmender Psychologie überhaupt gleichgesetzt wird (dazu auch Krovoza 2010, S. 18). Dies war und ist aber keine kritisch-psychologische Option, wie ich weiter unten darlegen werde.

In meiner historisch-systematischen Darstellung ist deswegen nun zunächst darauf zu verweisen, dass, wenn tatsächlich die Kritik der Psychologie in Richtung auf eine eigenständige Konzeption überschritten werden sollte, die Frage stand, nach welchen Kriterien dies möglich werden könnte, wenn die Kritik der politischen Ökonomie diese ja nicht bieten, sondern immer wieder nur zur Wiederentdeckungen der „‚Bürgerlichkeit‘ der bürgerlichen Psychologie“ führen kann (Holzkamp 1976, S. 249, Herv. getilgt).

Die Antwort war die historische Rekonstruktion des Psychischen selber, womit gleichzeitig die bis dahin geführten „Kontroversen zwischen der kritischen (sic) Psychologie und Vertretern des positivistischen ‚kritischen Rationalismus‘ auf eine neue Grundlage gestellt werden“ und die „positivistische Form des inhaltsentleerten, verselbstständigt-‚wissenschaftstheoretischen‘ Räsonierens“, in die sich die kritische Psychologie selber habe drängen lassen, überwunden werden sollte (Holzkamp 1973, S. 16 f.). Holzkamps Monografie „Sinnliche Erkenntnis“, aus der diese Zitate stammen, war die Probe aufs Exempel. Das Ziel, die Psychologie von Grund auf zu erneuern (und damit) Kriterien für die differenzielle Beurteilung des Erkenntnisgehalts psychologischer Theorien und Konzepte (und damit im Übrigen auch der Psychoanalyse) zu gewinnen, statt allein die problematische Funktion vorfindlicher Psychologie zu kritisieren, wurde zu einem entscheidenden Differenzpunkt zwischen unterschiedlichen Richtungen der Kritik (in) der Psychologie. Dem damit erhobenen paradigmatischen Anspruch der Kritischen Psychologie (Holzkamp 1983a, S. 31), dessen Einlösungsversuch im Folgenden dargestellt werden soll, korrespondiert es, dass unter Bezug auf sie durchaus unterschiedliche therapeutische Ansätze (Knebel 2015) und empirische Projekte bzw. Herangehensweisen (vgl. Allespach und Held 2015) artikuliert und realisiert werden.

4 Historisch-empirische Gewinnung psychologischer Begriffe

4.1 Zum Verhältnis der Rekonstruktion der Psychologie und der des Psychischen

Das Programm war also, verschiedene Ansätze und Befunde der Psychologie in einer kritischen Psychologie aufzuheben, bzw. im Sinne einer „Einheit von Kritik und Weiterentwicklung“ psychologischer Konzepte (Holzkamp 1976, S. 253) zu „positiven Ergebnissen über die empirische Subjektivität des Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft“ (248) und damit zu einer emanzipatorisch intendierten Psychologie als Teil eines gesellschaftlichen Befreiungsprojekts zu kommen.

Wenn man davon ausgeht, dass sich ein Zugang zur Einlösung dieses Programms mit einer historischen Rekonstruktion der betreffenden Fragen und Probleme gewinnen lässt, bieten sich zwei Möglichkeiten: entweder in einer wissenschaftsbezogenen Analyse der Frage nachzugehen, wie es dazu kam, dass im 19. Jh. die „empirische Subjektivität“ auf eine Weise problematisch wurde, dass es zur Entstehung der Einzelwissenschaft „Psychologie“ kam (Holzkamp 1973, S. 46); oder in einer gegenstandsbezogenen Analyse die Entstehung des Psychischen selbst über das Tier-Mensch-Übergangsfeld bis hin zu den psychischen Aspekten der Existenz in kapitalistischen Verhältnissen zu rekonstruieren. Während die erste Variante v. a. in der Arbeit von Jaeger und Staeuble (1978) repräsentiert ist, favorisierte die Kritische Psychologie die zweite Variante.

Beide Prioritätensetzungen bergen indes Probleme. So wurde von Jaeger und Staeuble (1978, S. 11 ff.) gegenüber dem gegenstandsbezogenen Ansatz geltend gemacht, dass es nicht ausgemacht sei, dass die Psychologie per se einen definierbaren Gegenstand habe, weil dieser ja von vornherein in den psychologischen Konzepten schon theorieförmig vorliege. Als Beispiel führen sie das Konzept der „Persönlichkeit“ an, das erst mit der „‚Freisetzung‘ der einzelnen Menschen aus einem ihre Lebensformen von Geburt an bestimmenden Lebenszusammenhang“ habe entstehen können. Ihr Ansatz bezog sich insofern auf die Kritik der politischen Ökonomie, als der Kapitalismus bestimmte „Individualitätsformen“ (Sève 1972; vgl. zur inhaltlichen Auseinandersetzung Holzkamp-Osterkamp 1976, S. 150 ff.) hervorbringe, d. h. die „objektive Logik der Aktivität dieses oder jenes konkreten Individuums, soweit es seine Aktivitäten unter den entsprechenden gesellschaftlichen Verhältnissen entfaltet und soweit diese Aktivität in diesen Grenzen betrachtet wird“ (Jaeger und Staeuble 1978, S. 267).

An der sèveschen Bestimmung der Individualitätsformen wird allerdings deutlich, dass mit Begriffen, die sich einer „Herleitung“ „aus den gesellschaftlichen Verhältnissen“ (Jaeger und Staeuble 1978, S. 28) verdanken, eine genuin psychologische Ebene nicht erreicht werden kann. Diese Begriffe repräsentieren vielmehr die Ebene von Anforderungsstrukturen, zu denen sich die Einzelnen verhalten können und müssen. Es ist die psychologisch wesentliche Differenz zwischen Individualitätsformen und konkreten Lebensäußerungen der Menschen, die die Grenze der wissenschaftsbezogenen Analyse ausmacht. Außerdem bedarf auch die wissenschaftsbezogene Analyse eines mit ihr nicht zu gewinnenden Gegenstandsverständnisses (wenn man etwa fragt, was es denn sei, was sich historisch als Persönlichkeit formiere) – ganz zu schweigen davon, dass die Naturgrundlage menschlicher Existenz ausgespart bleibt (vgl. Maiers 1979, S. 92 ff.). Deswegen ist die Gewinnung eines Kritik-Maßstabes, von dem aus – fachspezifisch – differenzielle psychologische Analysen möglich werden, mit einer wissenschaftsbezogenen Rekonstruktion (allein) nicht möglich.

Der Umstand, dass in der Psychologiegeschichte grundlegende Kontroversen (vgl. Galliker 2016) inhaltlich unerledigt blieben, ist mit der bis in das 19. Jahrhundert zurück gehenden Auseinandersetzung um die Natur- bzw. Geisteswissenschaftlichkeit oder Sozialwissenschaftlichkeit der Psychologie vermittelt. Die windelbandsche Unterscheidung zwischen „nomothetischen“ und „idiographischen“ Wissenschaften findet sich deswegen innerhalb der Psychologie (als Dualismus von ‚erklärender‘ und ‚verstehender‘ Psychologie), weil in deren Gegenstand sich Natur-, Gesellschafts- und Individualgeschichte niederschlagen: Wir sind natürliche Organismen, leben in konkret-historischen Gesellschaften und wir sind individuelle Subjekte, so dass Natürlichkeit und Gesellschaftlichkeit individueller Existenz zur Debatte stehen müssen, statt dass sie dualistisch auseinander gerissen werden. Im genannten Dualismus stehen sozusagen vor-paradigmatisch inhaltliche Aspekte des Gegenstandes der Psychologie neben- und gegeneinander – so dass die Überwindung dieses Dualismus und der damit verbundenen „Beliebigkeit“ der Begriffsbildung (Holzkamp 1977b) tatsächlich eine „Grundlegung“ der Psychologie (Holzkamp 1983a) erfordert.

Bei der gegenstandsbezogenen Analyse ist allerdings das Problem in Rechnung zu stellen bzw. jeweils zu analysieren, ob und inwieweit die unbestrittene Theoretizität der Begriffe, von denen aus auch die Rekonstruktion des Psychischen ihren Ausgang nehmen muss, die Rekonstruktion selber und deren Resultat form(ier)t (Fries 2011). Insofern sind letztlich die „wissenschaftsbezogene und die gegenstandsbezogene historische Analyse nicht unabhängig voneinander“. Bei einer „vollständigen historischen Analyse“ müssten die betreffenden psychologischen Konzepte „‚im Schnittpunkt‘“ beider „Entwicklungszüge“ begriffen werden (Holzkamp 1973, S. 47).

4.2 Zur historisch-empirischen Rekonstruktion des Psychischen

4.2.1 Zielsetzung und Verfahren

Mit der Rekonstruktion des Psychischen als der Basis, psychologische Begriffsbildung jenseits bloßen Definierens oder Operationalisierens historisch-empirisch diskutierbar zu machen, sollte sowohl Anthropomorphisierungen tierischen Verhaltens als auch Biologisierungen gesellschaftlicher Verhältnisse bzw. menschlichen Handelns und Erlebens, also biologistischen Konzeptionen, die gesellschaftliche Zustände unter Rekurs auf biologische Funktionalitäten meinen erklären zu können (vgl. Lux und Vogelsang 2000; Maiers 2002) und damit historisch spezifische Ausdrucksformen des Psychischen universalisieren, der Boden entzogen werden. Andererseits ging es um die Kritik an Positionen wie der des Symbolischen Interaktionismus, die sich um das Problem der menschlichen Natur nicht scheren und insoweit biologistischen Auffassungen nur eine abstrakte Negation entgegen zu setzen haben. Schließlich führte die Rekonstruktion des Psychischen zu einer Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse und ihrer spezifischen Variante der Behauptung einer anti-gesellschaftliche Triebnatur des Menschen (vgl. Holzkamp-Osterkamp 1976, S. 196 ff.), wonach menschliche Vergesellschaftung ein Kampf gegen die menschliche Natur sein muss (vgl. Abschn. 4.3).

Holzkamp und sein Arbeitszusammenhang schlossen an die Kulturhistorische Schule, insbesondere an A. N. Leontjews Arbeiten an, kritisierten daran aber, dass die gesellschaftlichen Widersprüche der Sowjetunion – dem historisch-empirischen Herangehen zum Trotz – ausgeblendet worden seien (Holzkamp und Schurig 1973, S. XLVI). Wenn Holzkamp der DDR (1983a, S. 382) eine „systembedingte Konvergenz zwischen allgemeinen und individuellen Interessen“ attestierte, scheint hier allerdings eine ähnliche Widerspruchseliminierung auf, sei sie nun geschichtsphilosophischer Erwartung oder eher pragmatisch einer Hoffnung auf Publiziertwerden geschuldet.

Die allgemeine Überlegung, dass man über Gegenwärtiges mehr erfährt, wenn man dessen Geschichte kennt, wurde auf die Dimensionen des Psychischen wie „Emotionen“, „Kognitionen“ etc. bezogen – aber nicht nur im Mensch-Welt-Zusammenhang, sondern auch in dessen naturgeschichtlicher Grundlage. Die historische Rekonstruktion des Psychischen soll also die widersprüchliche Einheit von Natur-, Gesellschafts- und Individualgeschichte in ihren wesentlichen Dimensionen aufschließen. Das Psychische, so die Annahme, „hat objektive Charakteristika als besondere Ausprägungsform des naturgeschichtlich-geschichtlichen Prozesses, die sich erst unter spezifischen, historisch ‚späten‘ Bedingungen als ‚Bewusstsein‘, subjektive ‚Erfahrung‘ o. ä. qualifizieren“ Holzkamp 1984a, S. 13, Herv. getilgt, M. M.) Der Grundgedanke der – logisch-historischen – Rekonstruktion des Psychischen ist es damit, genetisch Früheres als begrifflich Allgemeineres („begrifflich-genetische Isomorphie“, a. a. O., S, 15) zu bestimmen.

Zum Beispiel ist das einfache Reiz-Reaktions-Lernen eine Weise, sich der Umwelt anzupassen, die sich „früh“, also in vormenschlichen Organismen, herausbildete, die Menschen also mit vielen Arten teilen. Bedeutungsvermitteltes Lernen dagegen entsteht später und ist spezifisch bzw. wesentlich für den Menschen. Diese müssen die Bedeutung eines Bremslichtes nicht über eine Serie von Auffahrunfällen lernen, sondern sie ist ihnen verbal zu vermitteln. Dass Menschen auf dem Spezifitätsniveau „Bedeutungsvermitteltheit“ lernen können, heißt indes nicht, dass ihnen das genetisch frühere Reiz-Reaktions-Lernen nicht mehr zur Verfügung stünde, wenn sie sich etwa in für sie undurchschaubaren Situationen orientieren müssen. So kann ein Angler den potenziellen Ertrag seiner Aktivitäten i. d. R. nur durch Versuch und Irrtum herausfinden.

Wie und mit welchen inhaltlichen und methodologischen Problemen diese Rekonstruktion von der als Grundform des Psychischen bestimmten Sensibilität (Unterscheidung von stoffwechselneutralen und -relevanten Umweltgegebenheiten) unter den globalen Gesichtspunkten Orientierung/Bedeutungsstrukturen, Emotionalität/Bedarfsstrukturen und Kommunikation/Sozialstrukturen zur Spezifik menschlicher Existenz realisiert wurde, kann hier natürlich nicht im Einzelnen nachvollzogen werden (vgl. dazu Markard 2009, S. 106 ff.).

4.2.2 Gesellschaftliche Natur des Menschen und gesamtgesellschaftliche Vermitteltheit individueller Existenz

Die „funktional-historische“ Analyse noch biologischer Evolutionsprozesse jedenfalls zielte auf Widersprüche in Organismus-Umwelt-Konstellationen, in deren Lösung neue Entwicklungsqualitäten (wie etwa artspezifische individuelle Lern- und Entwicklungsfähigkeiten gegenüber Festgelegtheiten) repräsentiert sind. Das hier interessierende wesentliche Resultat ist aber die „gesellschaftliche Natur“ des Menschen als Ermöglichungsgrundlage individueller Vergesellschaftung. „Natur“ deswegen, weil sich die Entwicklung der Möglichkeit zu Schaffung von Lebensbedingungen noch im Banne der Naturgeschichte vollzog: „Die Entstehung des besonderen Naturverhältnisses des Menschen, der Arbeit […,] bestimmte keineswegs die Lebensbedingungen der Frühmenschen vollständig, sondern diese bleiben in ihrer Gesamtheit der Verhaltensaktivität noch Naturwesen.“ (Schurig 1976, S. 254)

Weiter zu klären ist allerdings die von Lux (2012) eingeleitete Vermittlung des in phylogenetischer Rekonstruktion gewonnenen Konzepts der gesellschaftlichen Natur mit systembiologisch orientierten neueren Gen-Modellen, die einerseits nicht mehr von einfachen Beziehungen zwischen DNA und biologischer Funktion ausgehen, andererseits „Gesellschaft“ aber nur als „Umwelt“ modellieren können. Perspektive ist es, über die „Reformulierung der ‚gesellschaftlichen Natur‘ als Qualität des individuellen Entwicklungssystems der Gattung ‚Mensch‘, eingebettet in das umfassendere System des Mensch-Welt-Verhältnisses“, die „komplexen Wechselwirkungen epigenetischer und genetischer Prozesse in die subjektwissenschaftliche Theoriebildung zu integrieren“ (Lux 2011, S. 99).

Die Gesellschaftlichkeit bzw. „gesamtgesellschaftliche Vermitteltheit“ menschlicher Existenz (mit deren Realisierung der Geltungsbereich der funktional-historischen Analyse überschritten wird) sieht Holzkamp (1983a, S. 193) im Erreichen einer „arbeitsteiligen Struktur“, die mit der „Durchbrechung der Unmittelbarkeit des Zusammenhangs zwischen der Schaffung von Lebensmitteln/-bedingungen und deren Gebrauch/Nutzung durch das jeweils gleiche Individuum“ einhergehe.

Der Einzelne ist zwar einerseits an der Schaffung verallgemeinerter gesellschaftlicher Lebensmöglichkeiten beteiligt, und er erhält und entwickelt andererseits seine individuelle Existenz durch Realisierung der so geschaffenen gesellschaftlichen Lebensmöglichkeiten, der Zusammenhang zwischen diesen beiden Momenten ist aber nicht direkt vom jeweils Betroffenen hergestellt, sondern ist gesamtgesellschaftlich vermittelt; es hängt von dem Grad und der Art der Organisation der arbeitsteiligen gesellschaftlichen Verhältnisse ab, wie die Form des individuellen Beitrags zur gesellschaftlichen Lebensgewinnung und die Möglichkeiten zur individuellen Existenzsicherung und -entwicklung miteinander in Beziehung stehen. Die damit skizzierte ‚Unmittelbarkeits-Durchbrechung‘ und gesamtgesellschaftliche Vermitteltheit der Schaffung und der Nutzung von Lebensmitteln/-bedingungen durch die arbeitsteilige Organisation der gesellschaftlichen Produktion/Reproduktion kann […] als objektives gesamtgesellschaftliches Grundverhältnis des Individuums im gesellschaftlichen Mensch-Welt-Zusammenhang betrachtet werden. (Holzkamp 1983a, S. 193)

Für das historische Verfahren erfordert diese Entwicklung einen „neuen Interpretationsrahmen“ (S. 190). Das funktional-historische Verfahren ist nämlich daran gebunden, dass das wesentliche Moment, der Träger der Entwicklung, die genomische Veränderung der Organismen (mit den Mechanismen der Mutation und Selektion) ist. Deren Dominanz wird durch die der historisch-gesellschaftlichen Entwicklung abgelöst. Hat in der phylogenetisch dominierten Entwicklung das Überleben bzw. Sterben des Einzelorganismus im Verhältnis zur Erhaltung der Art keinen eigenständigen Stellenwert, kehrt sich das Verhältnis von Individuum und Art um: „Indem die Individuen beginnen, in gemeinschaftlicher Umweltverfügung ihre Lebensmittel und Lebensbedingungen selbst zu produzieren, ist hier die Existenzerhaltung der Einzelindividuen das bewusst angestrebte Ziel“ (Holzkamp 1983a, S. 190) – wobei auch hier in Rechnung zu stellen ist, dass es, wie eben zitiert, „von dem Grad und der Art der Organisation der arbeitsteiligen gesellschaftlichen Verhältnisse“ abhängt, inwieweit dies – etwa je nach Klassenlage, Geschlecht oder ethnischer Kategorisierung – realisiert werden kann.

Als allgemeine psychische Implikation oder Qualität der gesamtgesellschaftlichen Vermitteltheit individueller Existenz hebt Holzkamp (1984a, S. 39) zum einen die „Möglichkeitsbeziehung“ heraus, also den Umstand, dass ein Individuum Handlungsanforderungen realisieren, aber auch anders handeln bzw. sich den Anforderungen entziehen oder sich ihnen verweigern, auf jeden Fall also sich zu ihnen verhalten kann. Dabei soll in dem Maße, in dem gesellschaftliche Verhältnisse Herrschaftsverhältnisse sind, der Begriff der „doppelten Möglichkeit“ (Holzkamp 1983a, S. 352) die grundsätzliche Alternative von, salopp formuliert, Anpassung und Widerstand zum Ausdruck bringen. Zum anderen bedeutet der erwähnte „neue Interpretationsrahmen“, dass in eben diesem Rahmen getroffene Aussagen über psychische Spezifika des Menschen keine fixen Definitionen mehr sein können, sondern als „Richtungsbestimmungen“ (Holzkamp 1983a, S. 195) aufgefasst werden müssen, die nur unter Bezug auf konkrete gesellschaftlich-historische Entwicklungen weiter formuliert werden können.

Auch hoch entwickelte Tiere, insbesondere Primaten, verfügen zwar über erhebliche Möglichkeiten zu lernen, die sie auch realisieren müssen, um ihre artspezifische Existenzweise zu realisieren. Diese Lernprozesse resultieren aber grosso modo im immer wieder selben Ergebnis (bei vergleichsweise breitem Verhaltensrepertoire), während beim Menschen die je mögliche Entwicklung die gesellschaftlich-historische Dimension einschließt, seine Entwicklungsmöglichkeiten also historisch offen und unabschließbar sind.

Des Weiteren ist – erneut – zu bedenken, dass ökonomische Strukturen bzw. gesellschaftliche Verhältnisse kein genuin psychischer Tatbestand, aber eben von erheblicher psychologischer Bedeutung sind: sie müssen – interdisziplinär – gesellschaftstheoretisch begriffen und in der Psychologie als gesellschaftstheoretische Bezugsebene in Theorie und Praxis einbezogen werden.

Grundsätzlich scheint mir diese Anlage des – (auch hier, s. u.) weiter zu konkretisierenden – Verhältnisses von gesellschaftlicher und individueller Reproduktion Adornos Bedenken, dass die Trennung von Soziologie und Psychologie „unrichtig und richtig zugleich“ ist (Adorno 1955, S. 57), Rechnung zu tragen: Wie in kritisch-theoretischer Vorstellung soll sich in kritisch-psychologischer Perspektive gesellschaftliche Objektivität nicht am „Resultat“, sondern am „Prozess“ erweisen, und die Psychologie soll, indem die das „Interesse des Subjekts“ eben nicht „isoliert, ‚abstrakt‘“ wahrnimmt, nicht vom „gesellschaftlichen Produktionsprozess“ absehen (Adorno 1955, S. 57 f.).

Bevor ich dies aus dem Blickwinkel der Kritischen Psychologie ausführe, erscheint es mir sinnvoll, bezüglich der Naturgrundlage der Spezifik menschlicher Existenz bzw. des Verhältnisses von Natur und Gesellschaft einige Unterschiede der Kritischen Psychologie zu kritischen Theorie aufzuzeigen, die sich daraus ergeben, dass für die kritische Theorie, wie in Abschn. 3 erwähnt, die Psychoanalyse die letztlich einzig ernst zu nehmende Psychologie ist.

4.3 Exkurs zum Verhältnis der Kritische Psychologie und der kritischen Theorie zu freudschen Psychoanalyse: Natur und Gesellschaft

Das in kritisch-psychologischer Perspektive zentrale Problem ist die von Lichtman (1990) als „undialektisch“ charakterisierte freudsche Entgegensetzung von Triebnatur und (versagender) Gesellschaft, deren „Unhaltbarkeit“ Holzkamp-Osterkamp (1976, 196 ff.) historisch-empirisch belegte. Die Bedeutung der Frage liegt darin, dass mit der Annahme einer anti-gesellschaftlichen Triebnatur die emanzipatorische Perspektive einer befreiten oder sozialistischen Gesellschaft kaum denkbar ist, weil diese eben als mit einer menschlichen Natur unvereinbar erscheint, welche wiederum so verstanden wird, dass die grundsätzlich mehr oder weniger repressiv kontrolliert werden muss.

Warum nun Adorno gerade im triebtheoretisch begründeten Insistieren auf der Unvereinbarkeit menschlicher Trieb-, d. h. Lebens- und Glücksansprüche, mit dem (universalisierten) gesellschaftlichen Status quo Freuds wissenschaftliche „Größe“ sah, ergibt sich aus seiner Auseinandersetzung mit der durch Horney und andere repräsentierten Ich-psychologischen Tendenz, in der Psychoanalyse den Gegensatz von Trieb und Gesellschaft zu ermäßigen: Diese „Aufweichung“ der triebtheoretischen Fundierung der Psychoanalyse bedeute deren „Kastrierung“ (Adorno 1952, S. 25). Die wissenschaftliche Leistung Freuds bestehe dagegen gerade darin, die Unvereinbarkeit menschlicher Lebens- und Glücksansprüche mit den Reproduktionszwängen (in) der bürgerlichen Gesellschaft gezeigt und auf dieser Unvereinbarkeit bestanden zu haben: „Die Größe Freuds besteht wie die aller radikalen bürgerlichen Denker darin, dass er solche Widersprüche unaufgelöst stehen lässt und es verschmäht, systematische Harmonie zu prätendieren“ (Adorno 1952, S. 40). Dem tüchtigen Individuum zu seinem letzten Endes widerspruchseliminierenden Platz in der bürgerlichen Gesellschaft zu verhelfen, sei eine „Revision“ der Psychoanalyse, wohingegen Freuds „unversöhnlicher Pessimismus die Wahrheit bezeugt über die Verhältnisse, von denen er nicht spricht“ (Adorno 1952, S. 36). Und weil Adorno mit Freud die Vorstellung einer asozialen menschlichen Triebnatur teilt, sah er in dessen Pessimismus auch die Wahrheit der Psychoanalyse auf den Begriff gebracht.

Bemerkenswert ist nun, dass Holzkamp trotz der kritisch-psychologischen Kritik des Triebmodells Freud gegen den Vorwurf der „biologistischen Anthropologisierung der Antagonismen zwischen Triebansprüchen und Gesellschaftlichkeit“ insofern in Schutz nahm, als sich nämlich gerade darin „die ganze Bedeutung Freuds als großem, unbestechlichen, bürgerlichen Wissenschaftler [manifestiert]“ habe (Holzkamp 1984b, S. 36). Die Kritische Psychologie führt allerdings im Unterschied zu Freud (und Adorno) die in diesen gesellschaftlichen Verhältnissen bestehenden psychologischen Probleme nicht auf die Unvereinbarkeit der menschlichen Natur mit dieser Gesellschaft zurück, sondern sie will psychische Probleme – ohne Rekurs auf eine antigesellschaftliche Triebnatur – als mit gesellschaftlichen Widersprüchen vermittelt analysieren.

Die Kritische Psychologie hält, wie skizziert, dem Gegensatz von Triebnatur und Gesellschaftlichkeit auf der Basis ihrer historischen Analysen entgegen, dass der Mensch von Natur aus gar nicht un- oder antigesellschaftlich ist (allerdings auch nicht prosozial o. ä.). Die mit der gesellschaftlichen Natur des Menschen gegebene Potenz zu individueller Vergesellschaftung bedeutet danach subjektiv Bedürfnis wie Möglichkeit, Verfügung über Lebensumstände gewinnen und handlungsfähig werden zu können. „Die in der gesellschaftlichen Natur des Menschen liegenden Bedürfnisse“, so Holzkamp, „realisieren sich also hier in der Erweiterung der Handlungsfähigkeit, d. h. sie treten in Erscheinung als subjektive Erfahrung der Einschränkung der Handlungsfähigkeit, was gleichbedeutend ist mit der subjektiven Notwendigkeit der Überwindung dieser Einschränkung“ (Holzkamp 1983a, S. 241). Wenn diese subjektiven Notwendigkeiten in problematischen Formen in Erscheinung treten, dann gilt es nicht, nach Ursachen dafür in der menschlichen Natur zu suchen, sondern nach den Lebensumständen, in denen derartige Verhaltensweisen funktional sind.

Allerdings sind Freuds persönlichkeitstheoretische Konzeptionen der Abwehrvorgänge, der Angst und des Unbewussten mit historisch bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen zu vermitteln und kritisch-psychologisch zu reinterpretieren. In Freuds „Prämissen von der genuinen Unvereinbarkeit subjektiver Lebensansprüche mit gesellschaftlichen Anforderungen“ sieht Holzkamp mehr als eine „falsche Universalisierung bürgerlich-kapitalistischer Verhältnisse“, sie brächten auch „bestimmte Aspekte der subjektiven Situation der Menschen unter diesen Verhältnissen […] differenziert und schonungslos“ auf den Begriff (Holzkamp 1984b, S. 33). Diese Argumentation basiert auf Holzkamp-Osterkamps (1976) deutlicher Differenzierung zwischen der Triebtheorie und reinterpretierbaren psychodynamischen Konzepte der Psychoanalyse (Holzkamp-Osterkamp 1976, Kap. 5.3, S. 254 ff.), die nämlich nach der „Herauslösung aus ihren inadäquaten triebtheoretischen Verflechtungen“ einen „weiterführenden Erkenntnisgehalt“ böten (S. 191). Holzkamp resümiert, dass mit der Psychoanalyse einerseits die „Entwicklung einer psychologischen Subjektwissenschaft“ begann, „in welcher die Befindlichkeit, Welt und Selbstsicht des Menschen, sein Leiden, seine Konflikte und Ängste, seine Schuldgefühle, seine Gebrochenheit und Verletzlichkeit […] in ihrer vollen subjektiven Wirklichkeit zur Grundlage wissenschaftlicher Analysen und Verallgemeinerungen genommen wurden“. Allerdings müssten eben „von dem neuen kategorialen Niveau, das dabei erreicht ist“, die inhaltlichen „gravierenden Fehler und Schwächen der Psychoanalyse“ unterschieden werden (Holzkamp 1984b, S. 32). So hat Aumann (2003) im Zuge ihrer Untersuchung des freudschen Umgangs mit Geschlechterverhältnissen, die nicht auf (unterdrückte) Sexualität zu reduzieren seien, an Fallanalysen Freuds gezeigt, wie sich die sexuell konnotierten „Symptome“ von Frauen im Zusammenhang von struktureller und biografisch (immer wieder) erfahrener Gewalt bzw. Behinderung von Lebensansprüchen hin explizieren und reinterpretieren lassen.

4.4 Psychische Implikationen der gesamtgesellschaftlichen Vermitteltheit individueller Existenz, das Zentralkonzept „Handlungsfähigkeit“ und der subjektwissenschaftliche Charakter der Kritischen Psychologie

Wie gesagt, markiert das Konzept der gesamtgesellschaftlichen Vermitteltheit individueller Existenz die Dominanz gesellschaftlicher gegenüber phylogenetischer Entwicklung. Gegenüber konkret-historischen Gesellschaften ist es allgemein, so dass – methodologisch – die Frage nach den entsprechenden psychischen Charakteristika die Frage nach den allgemeinen psychischen Implikationen dieser spezifisch menschlichen Lebensgewinnung ist: Welche Charakteristika des Psychischen können und müssen angenommen werden, um diese Lebensgewinnung verständlich werden zu lassen, die mit der in Abschn. 4.2 erwähnten „(doppelten) Möglichkeit“ verbunden sind? Weltgegebenheiten können nicht mehr als – aktivitätsdeterminierende – Reize gefasst, sondern müssen als „Bedeutungen“ verstanden werden. Bedeutungen meinen „den Bezug jedes einzelnen Menschen zum gesamtgesellschaftlichen Handlungszusammenhang, wie er in den umgreifenden Bedeutungsstrukturen gegeben ist, indem nur durch die Handlungsumsetzung von gleichzeitig gesamtgesellschaftlich verflochtenen Bedeutungen die jeweils individuelle Existenz erhalten bzw. entwickelt werden kann“ (Holzkamp 1983a, S. 230, Herv. entf., M. M.). Dem gesellschaftstheoretischen Konzept der Lebensbedingungen wird auf gleicher Allgemeinheitsebene das psychologische Konzept der Handlungsgründe zugeordnet (statt des Begriffspaars „Reiz“/„Reaktion“). Für psychologische Auseinandersetzungen ist im Übrigen die Differenzierung von Bedeutungen und Bedeutungsstrukturen insofern relevant, als damit die Verkürztheit der Vorstellung, schon die Berücksichtigung von „Situationen“ sei – gegenüber einer situationsentbundenen nomothetischen Herangehensweise – der Schlüssel zu einer adäquaten Erfassung menschlichen Erlebens und Handelns. Es gilt nämlich, Situationen als in übergreifende Strukturen eingebunden aufzuschlüsseln (Markard 2009, S. 162).

„Psychologische Zentralkategorie“ (Markard 2009, S. 20) ist „Handlungsfähigkeit als gesamtgesellschaftliche vermittelte Verfügung über die eigenen Lebensbedingungen“ (Markard 2009, S. 239), deren Bedürfnisgrundlage im vorigen Abschnitt schon skizziert wurde. Bemerkenswert ist, wie Holzkamp diese Bedürftigkeit von Marx’ Bestimmung von Arbeit als „erstem Lebensbedürfnis“ (Marx 1875, S. 21) abhebt bzw. sie „aller Missdeutungen entheben will“ (Holzkamp 1983a, S. 243):

Nicht die „Arbeit“ als solche ist erstes Lebensbedürfnis, sondern „Arbeit“ nur soweit, wie sie dem Einzelnen die Teilhabe an der Verfügung über den gesellschaftlichen Prozess erlaubt, ihn also „handlungsfähig“ macht. Mithin ist nicht „Arbeit“, sondern „Handlungsfähigkeit“ das erste menschliche Lebensbedürfnis – dies deswegen, weil Handlungsfähigkeit die allgemeinste Rahmenqualität eines menschlichen und menschenwürdigen Daseins ist, und Handlungsunfähigkeit die allgemeinste Qualität menschlichen Elends der Ausgeliefertheit an die Verhältnisse, Angst, Unfreiheit und Erniedrigung.

Daran lässt sich die Klärung der oft missverstandenen Unterscheidung zwischen „produktiven“ und „sinnlich-vitalen“ (d. h. stoffwechselbezogenen/sexuellen) Bedürfnissen bei Holzkamp-Osterkamp (1976, S. 17 ff.) anschließen. „Produktive“ Bedürfnisse bedeuten nicht ein Bedürfnis nach Arbeit, sondern einen „Aspekt menschlicher Bedürfnis-Verhältnisse“ (Holzkamp 1983a, S. 242), den Holzkamp am Beispiel des Hungers erläutert (Holzkamp 1983a, S. 246 f.): Hunger ist nicht bloß als eine (sinnlich-vitale) Bedürfnis-Spannung, sondern auch dadurch bestimmt, inwieweit das Individuum diesem Hunger sozusagen ausgeliefert ist oder inwieweit es über die Quellen der Bedürfnisbefriedigung verfügen kann, was wiederum ein Aspekt seiner Handlungsfähigkeit ist.

Die Möglichkeitsbeziehung des Menschen zur Welt impliziert, dass sein Handeln, Denken, Empfinden immer auch Realisierung gesellschaftlicher Bedeutungen ist, unbeschadet dessen, wie verkürzt und mystifiziert (personalisierend, naturalisierend) darin gesellschaftliche Bedingungen wahrgenommen werden. Schon daraus folgt, dass kritisch-psychologische Forschung transdisziplinär sich verstehen, gesellschaftstheoretische Erkenntnisse (und Kontroversen) berücksichtigen muss. Die Lebensbedingungen gewinnen psychologische Relevanz eben als Bedeutungen, d. h. als Verhältnis von Handlungsmöglichkeiten und -behinderungen. Diese werden für die Einzelnen zu Prämissen, wenn sie sich zu den Bedingungen verhalten müssen. Die Unterscheidung von Bedingungen, Bedeutungen und Prämissen ist deshalb wesentlich, weil sich damit das Verhältnis des Einzelnen zu seinen Lebensbedingen so fassen lässt, dass der Einzelne weder durch die Bedingungen determiniert erscheint, noch seine Handlungsgründe als beliebig erscheinen. Der Umstand, dass verschiedene Menschen objektive Umstände verschieden erfahren, ist unter der genannten Voraussetzungen des Verhältnisses von Bedingungen, Bedeutungen, Prämissen und Gründen nicht bloß ein empirischer Befund, sondern begrifflich schon vorausgesetzt. „Die unterschiedlichen, widersprüchlichen Erscheinungsformen des Psychischen ergeben sich somit allein aus der Unterschiedlichkeit bzw. Widersprüchlichkeit der ‚Prämissen‘, auf denen der jeweils individuelle Begründungszusammenhang beruht, und mit Bezug auf welche er subjektiv ‚funktional‘ ist.“ (Holzkamp 1983a, S. 352).

Damit sind die allgemeinen Bestimmungen skizziert, mit denen sich die Kritische Psychologie nicht nur als Individualwissenschaft, sondern psychologische Subjektwissenschaft versteht, die Holzkamp schon in einer frühen Formulierung folgendermaßen auf den „Marxismus“ bezog: Wie dieser „in der Art und Weise, wie er das Verhältnis zwischen objektiver Bestimmtheit und subjektiver Bestimmung des historischen Prozesses“ herausarbeite, „historische Subjektwissenschaft par excellence“ sei, so ziele Kritische Psychologie als „‚besondere Subjektwissenschaft‘“ auf die „Entwicklung der subjekthaft-aktiven Komponente, also der Selbstbestimmung, in der individuellen Lebenstätigkeit“ (Holzkamp 1977a, S. 64; Herv. entfernt, M. M.).

Im kritisch-psychologischen Verständnis ist der Mensch also „als solcher ‚Subjekt‘, er kann nicht ‚subjektlos‘ und gleichzeitig ‚Mensch‘ sein. Die relativierende Rede von Arten und Graden der ‚Subjekthaftigkeit‘, ‚Subjektivität‘ etc. ist also selbst wieder zu relativieren aufgrund der Einsicht, dass die Spezifik des Menschen als ‚Subjekt‘ unreduzierbar und uneliminierbar“ ist (Holzkamp 1983a, S. 355, Herv. getilgt, M. M.). Dies ist auch deshalb hervorzuheben, weil „Subjekt“, „Subjektivität“ hier nicht für eine spezifische Konzeption in Diskursen um „Subjektivität“ und deren (etwa persönlichkeitsspezifische) Eigenarten oder Konstitutionsbedingungen oder -verläufe stehen, sondern für das – allgemein menschliche – Spezifikum der Gattung, sich zu sich und der Welt verhalten und in die Welt eingreifen zu können (vgl. auch Maiers 1996, S. 168 und S. 183). Die „psychologische Zentralkategorie“ der Kritischen Psychologie ist eben nicht Subjektivität, sondern „Handlungsfähigkeit“.

5 Kapitalistische Lebensverhältnisse und „restriktive“ vs. „verallgemeinerte Handlungsfähigkeit“

5.1 Grundlagen und methodologische Probleme

Das im vorigen Abschnitt skizzierte allgemeine Konzept der gesamtgesellschaftlichen Vermitteltheit individueller Existenz mit seinen psychischen Implikationen kann sich nur in konkret-historischen Gesellschaften analytisch bewähren und muss entsprechend konkretisiert werden – naheliegender Weise auf „unsere“ kapitalistischen Verhältnisse. Entsprechend ist die „entfremdete Form“ (Holzkamp 1983a, S. 306) zu berücksichtigen, die der gesellschaftliche Systemcharakter im Kapitalismus (u. a. mit der Ersetzung vorher individueller Abhängigkeitsbeziehungen durch den „stummen Zwang der ökonomischen Verhältnisse“ (Marx 1867, S. 765)) annimmt, in dem die Masse der Produzierenden gravierend am kollektiven Einfluss auf Produktion und Reproduktion gehindert ist. So, wie „Arbeit“ ein allgemeines Charakteristikum menschlicher Lebensgewinnung ist, die in der Lohnarbeit eine spezifische Form annimmt, sind auch psychische Charakteristika der gesamtgesellschaftlichen Vermitteltheit individueller Existenz historisch zu konkretisieren. Diese in ihrer besonderen Form zu begreifen, setzt aber eben voraus, jenes Allgemeine herauszuarbeiten, das es erlaubt, zu begreifen, was eigentlich es gesellschaftlich und psychologisch ist, das da formbestimmt wird. Die „doppelte Möglichkeit“ von Anpassung und Widerstand (s. o.) ist insofern „menschliche Universalität“ und „historische Relativität“ (Holzkamp 1983a, S. 352), deren formspezifische Ausprägung mit dem Begriffspaar „restriktive“ vs. „verallgemeinerte Handlungsfähigkeit“ analysiert werden soll.

Mit dem Begriff der restriktiven Handlungsfähigkeit wird auf der Frage beharrt, warum und wie Individuen sich trotz potenzieller Selbst- bzw. Fremdschädigung mit Verhältnissen arrangieren. Demgegenüber markiert „verallgemeinerte Handlungsfähigkeit“ das überschüssige, das utopische Potenzial kritisch-psychologischen Denkens, ohne das eine emanzipatorische Perspektive nicht zu haben ist – allerdings ohne diese auch schon „auszupinseln“ (Adorno). Nur so hat die Rede von „verallgemeinerter Handlungsfähigkeit“ Sinn. „‚Verallgemeinerte Handlungsfähigkeit‘ ist […] die Alternative, die immer dann hervortritt, wenn mir der restriktiv-selbstschädigende Charakter einer Begründungsfigur deutlich wird“ (Holzkamp 1990, S. 39). Anders formuliert: Die verallgemeinerte Handlungsfähigkeit kann es nicht geben (Holzkamp 1990, S. 37 ff.), sondern es geht um die Beteiligung am Ringen um die Möglichkeiten menschlicher Emanzipation und an den Kämpfe darum bzw. um die dabei auftretenden psychologischen Fragen: Einerseits um die Frage, welche Anforderungen an die Menschen gestellt werden (ohne deswegen schon anzunehmen, man wisse, wie sie damit umgehen), und zum anderen empirisch zu untersuchen, wie sie tatsächlich damit umgehen, wobei „Lebensführung“ (Holzkamp 1996) den prozessualen Aspekt von Handlungsfähigkeit akzentuiert. In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, dass die Konzeption der „verallgemeinerten“ Handlungsfähigkeit immer wieder als „erweiterte“ Handlungsfähigkeit rezipiert wird, womit allerdings das Analytische dieser Kategorie verloren geht: Denn was je konkret erweitert werden kann, sind empirisch vorfindliche Handlungsmöglichkeiten und -räume, während die Kategorie verallgemeinerten Handlungsfähigkeit das analytische Regulativ für die Unabschließbarkeit des Projekts menschlicher „Emanzipation“ ist. Eben dies ist immer wieder neu zu untersuchen – sowohl in der alltäglichen Praxis, in der psychologischen Berufspraxis (als Spezialfall von Alltagspraxis), in theoretischer Arbeit und in methodischen Überlegungen (eine Vorstellung, mit der im Übrigen auch der Warnung Adornos vor dem „Auftrumpfenden“ (1951, S. 206) des Emanzipationsgedankens Rechnung getragen wird).

Die bisher angeführten Begriffe sind als „kategoriale“ Bestimmungen konzipiert, d. h. als Grundbegriffe, auf deren Grundlage Theorien/Hypothesen über empirisch hier und jetzt ablaufende psychologische Prozesse formuliert werden. Da die Frage der empirischen Geltung von Theorien grundsätzlich nicht die der Grundbegriffe berührt, ist eine in der Kritischen Psychologie durchaus strittige Frage (vgl. Markard 2009, S. 180 ff.), wie weit formationsspezifische psychische Phänomene „kategorial“ bestimmt werden können, wie weit also die Kategorien „restriktive“ und „verallgemeinerte Handlungsfähigkeit“ ausformuliert werden können. Das dahinter stehende Problem ist die Skylla einer kategorialen Festschreibung sich ja verändernder gesellschaftlicher Verhältnis (etwa Fordismus, Neoliberalismus) und die Charybdis des (etwa postmodernen) Verlusts von Herrschaftskritik (vgl. Fries 2016). Die Basis für kategoriale Ausformulierungen bei Holzkamp waren (1) die psychischen Implikationen der gesamtgesellschaftlichen Vermitteltheit individueller Existenz, (2) gesellschaftstheoretische Bestimmungen der allgemeinen Eigenarten der kapitalistischen Gesellschaft, (3) Daten über „Erleben und Verhalten“ in der kapitalistischen Gesellschaft (unterschiedlicher Ausprägung, wenn wir bei diesen Daten nicht nur an wissenschaftliche Daten, sondern auch an Belletristik und historische Schilderungen denken), (4) vorfindliche psychologische Konzepte/Theorien und (5) personale Lebenserfahrungen (Markard 2009, S. 180).

Ohne die (offene) Kontroverse um die kategoriale Ausformulierbarkeit des Begriffspaars „restriktive“/„verallgemeinerte Handlungsfähigkeit“ hier nachzeichnen zu können, bin ich (Markard 2009, S. 180) der Auffassung, dass diese Bestimmungen ihre potenziell kritische Funktion nicht durch ihren „kategorialen“ Charakter gewinnen, sondern dann und so lange, wie ihre kategoriale Basis (doppelte Möglichkeit) und ihr gesellschaftstheoretischer Bezug Bestand haben bzw. aktuell sind. Sie können als Leit-Hypothesen aufgefasst werden, für die die Bestimmungen der gesamtgesellschaftlich vermittelten individuellen Existenz zusammen mit marxistischen gesellschaftstheoretischen Begriffen und Konzepten die kategoriale Basis bilden. (Faktisch trägt Holzkamp dem Rechnung, wenn er immer wieder auf die Notwendigkeit einzeltheoretischer Konkretisierungen seiner Überlegungen verweist, 1983a, S. 367, 369, 379 f., 382, 384, 386). Zentral ist, dass (1) immer nach den konkreten, kapitalistischen Herrschaftsverhältnissen gefragt wird, sie nicht entwichtigt werden, und dass (2) die herrschaftskritische Perspektive auch dann nicht aufgegeben wird, wenn sie auf den ersten (empirischen) Blick nicht aufscheint. Dass dies nicht zu einer dogmatischen Haltung verkommt, muss dadurch gewährleistet werden, dass die genannten historisch-empirischen und gesellschaftstheoretischen Fundierungen nicht veralten. In eben diesem Sinne sollen im Folgenden Konkretisierungen des Begriffspaars „restriktive“/„verallgemeinerte Handlungsfähigkeit“ bzw. damit in Verbindung stehende – z. T. mit kritisch-theoretischen Vorstellungen kollidierende – psychologische Überlegungen skizziert werden.

5.2 Funktionsaspekte „restriktiver“ vs. „verallgemeinerter Handlungsfähigkeit“

Die herrschaftskritisch zentrale und mit der Kategorie der restriktiven Handlungsfähigkeit oben schon aufgeworfene Frage, warum und wie Individuen sich trotz potenzieller Selbst- bzw. Fremdschädigung mit schlechten Verhältnissen arrangieren, legt nahe, dass zumindest selbstfeindliche Arrangements den betreffenden Menschen nicht bewusst sein können, dass sie also „Verdrängung, Verleugnung, Dissoziation, Mystifizierung“ (a. a. O., S. 279) implizieren, und dass alternative Möglichkeiten ausgeklammert werden, was in den psychologischen Funktionsaspekten der Handlungsfähigkeit, „Kognition“ und „Emotion/Motivation“ und in interpersonalen Beziehungen zum Ausdruck kommen muss. Die – entsprechend der Kategorie Handlungsfähigkeit – jeweils als „restriktiv“ bzw. „verallgemeinert“ konzipierten analytischen Pole der Funktionsaspekte bzw. interpersonalen Beziehungen sind terminologisiert als „Deuten vs. Begreifen“, „emotionale Innerlichkeit vs. (verallgemeinerte) Emotion“, „innerer Zwang vs. Motivation“ und „Instrumentalverhältnisse vs. Subjektbeziehungen“ als interpersonelle Verhältnisse zwischen Konkurrenzbestimmtheit und kollektiver Verfügungserweiterung. Ich kann diese Konzepte hier nicht im Einzelnen ausführen, sondern sie nur in ihren wesentlichen Charakteristika skizzieren, wobei in all diesen Dimensionen die „kategorial veranlasste, aber im Konkreten empirisch offene“ (Markard 2009, S. 194) Fragestellung die nach den potenziell selbstschädigenden Implikationen restriktiver Lebensbewältigung ist, die sich im Rahmen von Arrangements mit den herrschenden Verhältnissen bewegt (zur Auseinandersetzung um das Selbstfeindschaftskonzept vgl. Markard 2009, S. 193 ff.).

Zentrale Bestimmung des „Deutens“ ist es, dass – im Modus des Personalisierens – alle lebenspraktischen Probleme kognitiv so repräsentiert sind, als ob sie als allein aus der unmittelbaren Lebenslage entstünden und auch dort gelöst werden könnten. Die kognitive Verfehlung der gesellschaftlichen Vermitteltheit bzw. die Ausblendung kapitalistischer Widersprüche hat Haug als ein Denken in den spontanen Formen der „Pseudonatürlichkeit des Gesellschaftlichen“ (Haug 1977, S. 87) bezeichnet. Begünstigt durch unspezifische Wahrnehmungsmechanismen wie „Übergeneralisierungen, Überverdeutlichungen, Kontrastierungen, Übervereinfachungen, Komplettierungen“ ist es im Banne deutenden und anschaulichen Denkens nicht möglich, „den sinnlichen Evidenzen und in ihnen liegenden Strukturierungsprinzipien quasi ‚Widerstand zu leisten‘“ (Holzkamp 1983a, S. 388; vgl. auch 1973, S. 313 ff. und S. 336 ff.). Deuten ist quasi ex negativo definiert, wenn man sich die Spezifik des Begreifens ansieht, die nicht darin liegt,

dass es das „Deuten“ ausschließt, sondern dass es das „Deuten“ gleichzeitig in sich aufhebt und übersteigt: Während in bloß ‚deutendem‘ Denken die Bedeutungen/Denkformen der Lebenspraxis in Universalisierung der ‚Unmittelbarkeit‘ für das Ganze genommen werden, wird in begreifender Wirklichkeitserfassung die Lebenspraxis, indem sie einerseits ‚deutend‘ vollzogen wird, andererseits auf die darin liegenden Verweisungen auf die gesamtgesellschaftliche Vermitteltheit individueller Existenz hin durchdrungen und überschritten. Ich schwimme also in begreifendem Denken nicht, wie beim Deuten, in der „Pseudokonkretheit“ der bürgerlichen Alltagsrealität wie ein „Fisch im Wasser“, sondern erfasse sie im unmittelbaren Lebensvollzug in ihrer Bestimmtheit durch die antagonistischen bürgerlichen Klassenverhältnisse.“ (Holzkamp 1983a, S. 395)

Die Spannung restriktiver Emotionalität (Innerlichkeit) wird darin gesehen, dass sie durch einen „essentiellen Widerspruch zwischen kognitiver und emotionaler Weltbegegnung und Realitätsbeziehung“ (Holzkamp 1983a, S. 403) charakterisiert ist. Ihr zentrales Moment ist die Verdrängung „gefährlicher“, da Widerständigkeit begünstigender Emotionen (Holzkamp-Osterkamp 1976, S. 293) von den Lebensbedingungen, deren Bewertung sie ja eigentlich sind. Die mit dieser Trennung erzeugte – als besondere Tiefe der Gefühle mystifizierte – Innerlichkeit, verbunden mit der gängigen Dichotomisierung von Verstand (Kopf) und Gefühl (Bauch), korrespondiert insoweit mit Angst als permanenter Hintergrundsqualität (Holzkamp 1983a, S. 403), wie restriktive Arrangements letztlich unsicher sind.

In davon bestimmten interpersonalen Beziehungen („Instrumentalbeziehungen“) werden Emotionen zur Ware, sie werden „‚kompensatorisch‘ verrechnet“ (Holzkamp 1983a, S. 408) – mit „Dankbarkeit“, Schuldgefühlen, Gekränktheiten (vgl. auch Marx’ Formulierung vom „liebenswürdigsten Schein“, mit dem andere „geprellt“ werden (1844, S. 547)). Beispiele für entsprechende Analysen sind die von Ottomeyer (1976) über „Empathie“, im „kapitalistischen“ (S. 197 ff.) und im „spätkapitalistischen Reproduktionsprozess“ (S. 218 ff.). 1983 veröffentlichte Hochschild ihre Analysen über Gefühlsmanagement (exemplarisch von Stewardessen). Gemeinsam ist diesen – unterschiedlichen kategorialen Bezügen entstammenden – Analysen die Frage nach den psychischen Kosten des „liebenswürdigsten Scheins“, die Frage danach, ob und wie Gefühle beruflich und privat demonstriert oder verborgen, auf jeden Fall kontrolliert werden sollen/müssen, und inwieweit die Menschen die entsprechenden Ambivalenzen (auf deren gesellschaftliche Dimensionen hin) begreifen (Kaindl 2008; vgl. auch Markard 2009, Kap. 11).

Wie in der kritischen Theorie ist wesentlich am kritisch-psychologischem Emotionskonzept die Historizität der Emotionen – wie im Übrigen auch der Bedürfnisse, die nur vor dem Hintergrund ihrer Historisierung als „wahr“ oder „falsch“ charakterisiert werden können (Marcuse 1967). Das Problem dieser Charakterisierung liegt im Doppelgesicht der Historisierung von Bedürfnissen: Mit der Destruktion der Ontologisierung vorfindlicher Bedürfnisse wird auch deren nicht bloß abstrakt-moralische, sondern auf konkrete Verhältnisse bezogene Kritik möglich. Die Potenz dieser Kritik wird aber in dem Maße verschenkt, in dem die Hinterfragung und Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse zur Denunziation und Zensur darin erzeugter Bedürfnisse und der bedürftigen Menschen wird. Es ist allerdings in Rechnung zu stellen, dass nach Marcuse „in letzter Instanz […] die Frage, was wahre und was falsche [Bedürfnisse, M. M.] sind, von den Individuen selbst beantwortet werden [muss], das heißt sofern und wenn sie frei sind, ihre eigene Antwort zu geben“, was ihnen allerdings in der „fortgeschrittenen Industriegesellschaft“ mit ihrem „Konsumzwang“ etc. kaum möglich sei (Marcuse 1967, S. 26 f.). In der analytischen Perspektive der – restriktiv-funktionalen – Handlungsfähigkeit müsste es darum gehen, die Widersprüchlichkeit eigener Bedürftigkeit – nicht-normativ – zu hinterfragen (Markard 1999).

Im Unterschied zum „Begreifen“ als Gegenpol zum „Deuten“ sind „verallgemeinerte“ Emotionen über ihre allgemein erkenntnisleitende Funktion hinaus m. E. kaum zu konkretisieren, bzw. – sozusagen im Vergleich zu Kognition in umgekehrter Richtung – bloß ex negativo zu charakterisieren, wenn eher heroische und normativ emphatische Bestimmungen, wonach Emotionen „im Kampf um die Erweiterung der allgemeinen Lebensbedingungen aufgehoben“ seien und „entsprechend der Spannweite der Ziele Kraft und Ausdauer gewinnen“, vermieden werden sollen (Holzkamp-Osterkamp 1980, S. 102).

Motivation bzw. die motivierte Verfolgung eines Ziels impliziert drei Aspekte (Holzkamp 1983a, S. 411 ff.): einen Zusammenhang zwischen der Realisierung eines Ziels und eigener Lebensqualität, Denkformen, die diesen Zusammenhang abbilden können, und die Möglichkeit des Individuums, dies zu erfassen. Subjekt relevant werden diese Aspekte, wenn der Zusammenhang zwischen Zielverfolgung oder -realisierung nicht besteht oder fraglich ist – mit den beiden Möglichkeiten, dass das Individuum unter äußerem oder – psychologisch relevanter – verinnerlichtem oder „innerem Zwang“ handelt, sich sozusagen freiwillig unterwirft, und die repressive Herkunft (des „stummen“ Zwangs) unkenntlich, aber emotional wirksam ist. Es liegt auf der Hand, dass damit Leistungsanforderungen hinterfragt und – avant la lettre – jene subjektiven Probleme thematisiert werden, die später mit neoliberalen Subjektanforderungen in Verbindung gebracht worden sind.

Grundsätzlich sollen mit der Alternative „restriktiv – verallgemeinert“ keine Personen, Eigenschaften, Typen oder Merkmale diagnostiziert (Markard und Kaindl 2014; vgl. auch Abschn. 6), sondern Handlungsalternativen analysiert werden, durchaus in Übereinstimmung damit, dass „Handlungsfähigkeit“ und nicht „Subjekt“ die „Zentralkategorie“ der Kritischen Psychologie ist (vgl. Abschn. 4.4). Damit soll u. a. das allen Überlegungen zur Subjektkonstitution inhärente Problem vermieden werden, aus gesellschaftstheoretischen Analysen entsprechende Subjekte zu konstruieren. „Es sind dies aber bloß Homunculi, Kunstfiguren, soweit der subjektwissenschaftliche Umstand verfehlt wird, dass gesellschaftliche Zustände zwar bestimmte Verhaltensweisen nahelegen, aber eben nicht determinieren.“ (Markard 2009, S. 151; zur hier nicht darzustellenden kindlichen Entwicklung vgl. Holzkamp 1983a, Kap. 8, und Markard 2013). Damit wird auch die personalisierende Tendenz vermieden, Handlungsweisen von Menschen als durch deren Eigenschaften oder – umfassender – deren Persönlichkeit bestimmt zu deuten (Holzkamp 1985). Adorno hat sich mit diesem Problem u. a. in seiner Beschäftigung mit Typologisierungen befasst und dabei festgestellt: „Weil die Welt, in der wir leben, genormt ist und ‚typisierte‘ Menschen ‚produziert‘, haben wir Anlass, nach psychologischen Typen zu suchen.“ (Adorno 1973, S. 307) In kritisch-psychologischer Perspektive wäre, wie im folgenden Abschnitt entwickelt wird, was als Persönlichkeitstypen erscheint oder konstruiert wird, weiter auf spezifische Prämissen-Gründe-Zusammenhänge hin zu analysieren (vgl. Geffers 2008).

6 Begründungsdiskurs als Theoriesprache der (Kritischen) Psychologie

Dass, wie zu Beginn des Abschn. 5.2 dargelegt, selbstfeindliche Arrangements nicht bewusst sein können, basiert auf einer Annahme, die Holzkamp das „einzige materiale Apriori der Individualwissenschaft“ nennt, nämlich, „dass der Mensch sich nicht bewusst schaden kann“. ‚Ich‘ kann mit meiner „Handlung zwar im Widerspruch zu meinen objektiven Lebensinteressen stehen, nicht aber im Widerspruch zu meinen menschlichen Bedürfnissen und Lebensinteressen, wie ich sie als meine Situation erfahre“ (1983a, S. 350; vgl. zu den Debatten darum Markard 2009, S. 195 f.). Diese (strittige, vgl. Markard 2009, 195 f.) Annahme ist in der Tat unverzichtbar für die Kritische Psychologie. Denn wenn

gedanklich zugelassen wird, dass sich Menschen bewusst schaden können, bricht die Konstruktion restriktiver Handlungsfähigkeit in sich zusammen, die ja zur Voraussetzung hat, dass man in Verfolgung seiner Interessen gleichzeitig seine Lebensqualität zersetzt, sich selbst zu Feind wird etc. Könnte man dies bewusst tun, wäre die für restriktive Handlungsfähigkeit konstitutive Widersprüchlichkeit dahin. (Markard 2009, S. 196)

Damit scheidet aber auch „Irrationalität“ als Erklärung für selbstfeindliche Arrangements aus, weil damit die Intention, die subjektive Funktionalität dieser Arrangements zu verstehen, also die Frage nach entsprechenden Prämissen-Gründe-Zusammenhängen, suspendiert wird. Vor diesem Hintergrund ist das Verdikt der Irrationalität ein Hinweis auf die Erkenntnislage oder -motivation derer, die das Verdikt aussprechen, nämlich das Vorhaben aufzugeben, andere verstehen zu wollen oder zu können. (Dies schließt übrigens keineswegs aus, gesellschaftliche Verhältnisse als irrational zu charakterisieren – denn diese werden ja nicht psychologisch „verstanden“ (Markard 2009, S. 189)), sondern am Maßstab eines, rationalen, vernünftigen menschlichen Zusammenlebens erklärt.

Der Ansatz, Handlungen als in Prämissen (also nicht in frei flottierend) begründet und damit intersubjektiv verständlich nachvollziehbar machen, macht den „Begründungsdiskurs“ aus, den Holzkamp als für die Psychologie konstitutiv ansieht (und der die in Abschn. 4.1 angeführte Alternative zwischen Nomothetik und Idiographik aufheben soll). Wir haben es, so Holzkamp (1996, S. 64) beim Begründungsdiskurs weder mit einer „Methode“ noch mit

einer „Theorie“ zu tun, […] sondern eben mit einer bestimmten Diskursform intersubjektiven Umgangs, die zentral durch den Nexus zwischen Bedeutungen, Begründungen, und Handlungsintentionen/Handlungen spezifiziert ist – einerlei, auf welche Weise, wie „richtig“ oder „falsch“, die einzelnen Instanzen dabei inhaltlich gefüllt sind. Entsprechend liegt die einzige Möglichkeit, den Begründungsdiskurs in seiner Besonderheit zu qualifizieren, darin, ihn vom Bedingtheitsdiskurs, dessen Nexus nicht als Bedeutungs-/Begründungszusammenhang, sondern als „Ursache-Wirkungs-Zusammenhang“ spezifiziert ist, abzuheben. Es geht hier nicht um die Realitätsprüfung von Theorien, sondern um die Qualifizierung spezifischer wissenschaftlicher Sprachmodi.

Die Pointe, dem Begründungsdiskurs in der Psychologie Geltung zu verschaffen, ist nun aber die, dass dieser sich auch in nomothetisch formulierten Theorien findet: Wenn die Beziehung zwischen dem Wenn- und dem Dann-Teil einer Hypothese oder Theorie sinnvermittelt ist, handelt es sich – aller nomothetischen Rhetorik zum Trotz – nicht um eine Bedingungs-Ereignis-Konstellation, sondern um einen Prämissen-Gründe-Zusammenhang. Dies lässt sich über die Frage klären, ob es möglich ist, zwischen den Wenn- und den Dann-Teil einer psychologischen Aussage ein „subjektiv vernünftigerweise“ oder „subjektiv funktionalerweise“ einzusetzen (Holzkamp 1986). Das sei an einem Beispiel aus der „Selbstergänzungstheorie“ erläutert: Wenn Menschen „eine Bedrohung eines wertgeschätzten Aspekts ihrer Selbstkonzepte erfahren, werden sie motiviert, nach zusätzlicher Anerkennung für diese Teil ihres Selbst zu suchen“ (Aronson et al. 2004, S. 212). Das hier zwangslos einzufügende „vernünftigerweise“ steht nicht für ein externes Rationalitätskriterium, sondern allein für subjektive Begründetheit und Funktionalität. Inwieweit subjektive Begründetheit auch externen Rationalitätskriterien entspricht oder nicht (etwa bei spieltheoretischen Fragestellungen), ist für den Begründungsdiskurs eine nachgeordnete Frage: Dass menschliches Handeln in Prämissen begründet ist, hängt nicht davon ab, ob es auch nach subjekt-externen Kriterien rational ist.

Zentral ist die subjektive Sinnstiftung zwischen dem Wenn- und dem Dann-Teil der Zusammenhangsaussage. Dabei müssen diese Sinnstiftungen bzw. Prämissen-Gründe-Zusammenhänge nicht bewusst sein; wohl aber sind sie bewusstseinsfähig. Mehr noch: Der Begriff des Unbewussten (vgl. Küpper 2016) macht nur im Begründungsdiskurs Sinn: Lackmus-Papier färbt sich gewiss nicht bewusst rot oder blau, allerdings auch nicht unbewusst, sondern eben bedingt. (Die Grenzen des Begründungs-Diskurses scheinen auf, wenn wir uns physiologienahen Bereichen nähern. So ist der etwa Zusammenhang von Alter und Gedächtnisleistung offenkundig nicht subjektiv funktional.) Unter der Voraussetzung, dass in nomothetisch gemeinten Theorien Prämissen-Gründe-Zusammenhänge enthalten sind, kann der Begründungsdiskurs nicht in eine hermeneutische Exklave abgeschoben werden, sondern er zieht sich durch die gesamte Psychologie.

Methodologisch ist daran weiter bedeutsam, dass es sich bei einem Prämissen-Gründe-Zusammenhang um eine i. w. S. definitorische Bestimmung ‚vernünftigen‘ Verhaltens handelt. Insofern sind – formal gesehen – Prämissen-Gründe-Zusammenhänge „implikativ“ und damit einer empirischen Prüfung weder bedürftig noch fähig. Ein Prämissen-Gründe-Zusammenhang steht als subjektive Sinnstiftung zwischen Bedingungen, Bedeutungen, Prämissen und Handlungsintentionen nicht in theoretischer Konkurrenz zu anderen Sinnstiftungen, die sich entsprechend gegenseitig weder bestätigen noch widerlegen können. Wenn, um auf die Selbstergänzungstheorie zurückzukommen, jemand bei Bedrohung eines wertgeschätzten Teil seines Selbst meint, diesen Teil seines Selbst überschätzt zu haben, widerlegt das den eben angegebenen Sinnzusammenhang nicht. Das Beispiel zeigt, dass nomologische Geltungsansprüche hier im wahrsten Sinne sinnlos sind.

Grundsätzlich haben bei Prämissen-Gründe-Zusammenhängen empirische Daten nicht die Funktion, den betreffenden Zusammenhang zu prüfen; sie können ihn nur veranschaulichen bzw. konkretisieren. Derartige Aussagen sind durch beliebig viele Fälle weder zu beweisen noch zu widerlegen. Außerdem können damit keine Bestimmungen zur Häufigkeit bzw. Verbreitung der in ihnen behandelten Phänomene vorgenommen werden – was sie mit nomothetischen Aussagen gemeinsam haben: Gesetzmäßigkeiten sagen ja nichts über die Verbreitung der in ihnen verhandelten Zusammenhänge. (Aussagen über die Verbreitung von Phänomenen oder Zusammenhängen erfordern repräsentative Erhebungen, deren Resultate bezüglich i. e. S. psychologischer Fragestellungen allerdings nur Ausgangspunkt weiterer Bemühungen sein können.)

Einzelfälle können zueinander ins Verhältnis gesetzt, aber nicht gegeneinander „verrechnet“ werden. Subjektwissenschaftlich gilt: Subjekte existieren zwar im Plural, aber nicht im Durchschnitt. Es sind die individuellen Spezifikationen, die interessieren, nicht die Nivellierungen des Durchschnitts. Die einzelnen, subjektiven Fälle sind keine Abweichungen, sondern der Gedanke der Abweichung weicht selbst ab vom Gedanken der Subjektivität.

Subjektwissenschaftlicher Geltung und Verallgemeinerung bezieht sich also auf praktische Lebensvollzüge der Individuen in historisch-konkreten Konstellationen, auf subjektive Möglichkeitsräume oder Handlungsmöglichkeiten – nicht auf (Persönlichkeits-) Merkmale. Holzkamp (1983a, S. 545) hat dazu den Begriff „Möglichkeitsverallgemeinerung“ vorgeschlagen, in der die subjektive Befindlichkeit bzw. (begrenzte) Handlungsmöglichkeit als „Verhältnis zwischen allgemeinen gesellschaftlichen Handlungsmöglichkeiten und meiner besonderen Weise ihrer Realisierung“ (Holzkamp 1983a. S. 548; vgl. auch Markard 2009, S. 263 ff.).

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Authors and Affiliations

  1. 1.Department of Education and PsychologyFree University of BerlinBerlinDeutschland

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