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Adornos Utopik

Das Verhältnis von Freud und Adorno, Psychoanalyse und Kritischer Theorie
  • Gunzelin Schmid NoerrEmail author
Living reference work entry
Part of the Springer Reference Sozialwissenschaften book series (SRS)

Zusammenfassung

Adornos Rezeption der Freud‘schen Theorie diente in erster Linie der Konzeption seiner eigenen philosophischen Deutungskunst. In dieser Perspektive entschied er, was er von der Psychoanalyse aufnahm und was seiner Kritik verfiel. Sie fungierte für ihn vor allem als Instrumentarium der Entlarvung einer universellen Verblendungszusammenhangs. Deshalb favorisierte er Freuds sogenannte erste Topik mit der Unterscheidung der beiden psychischen Systeme „Unbewusst“ und „Vorbewusst-Bewusst“ und der als Repressionsverhältnis gedachten Dualität von Lust- und Realitätsprinzip. Und deshalb behielt für ihn auch das Modell der Katharsis, des Abreagierens eingeklemmter Affekte, seine Attraktion. Freuds Topik des Unbewussten verschmolz bei ihm mit der Utopie einer nicht reglementierten Befriedigung menschlicher Bedürfnisse zu einer „Utopik“.

Schlüsselwörter

Adorno Freud Psychoanalyse Utopie Philosophie als Deutung 

Adornos Stellung zu Freud ist zutiefst ambivalent. Immer wieder weist er in seinen Schriften auf die Psychoanalyse als unverzichtbares Instrumentarium zum Begreifen der Wirklichkeit hin, aber immer wieder finden sich in seinen Schriften auch Äußerungen, die man, wenn man sie isoliert läse, nur einem Verächter der Psychoanalyse zuschreiben könnte. Der diesbezüglich vielleicht bekannteste Satz stammt aus den Minima Moralia und lautet: „An der Psychoanalyse ist nichts wahr als ihre Übertreibungen.“ (Adorno 1980, S. 54) Das ist maßlos übertrieben oder auch untertrieben. Karl Kraus könnte hier Pate gestanden haben mit der nicht weniger bissigen Sentenz „Psychoanalyse ist jene Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich hält.“ (Kraus 1913, S. 21) Die Psychoanalyse ist, so behauptet Adorno in paradoxer Verschachtelung, nirgendwo wahr, ausgenommen dort, wo sie nicht wahr, weil übertrieben ist. Was ist damit gemeint? Sie übertreibt zum Beispiel, wenn sie menschliche Aggression aus einem ahistorischen, biologisch verankerten Todestrieb ableitet. Aber genau in der Übertreibung wäre ihr Wahrheitsgehalt zu suchen. Weniger paradox verdichtet, könnte man mit Horkheimer von einer richtigen „objektiven Zielsetzung“ (Horkheimer 1996, S. 373) der empirisch fragwürdigen metapsychologischen Begriffe sprechen, die darin bestand, Tiefenstrukturen der gesellschaftlichen Formation und Deformation innerer Natur zu erfassen. Dies ist eine der Grundfiguren der Freud-Kritik in der Kritischen Theorie.

Um das Verhältnis von Freud und Adorno, Psychoanalyse und Kritischer Theorie der Gesellschaft genauer in den Blick zu bekommen, empfiehlt es sich, mindestens drei Ebenen zu unterscheiden, nämlich die Ebene (1) der Theorie, (2) der Praxis, und (3) der Anwendung in der empirischen Sozialforschung:
  1. (1)

    Auf der Ebene der Theorie wären weitere Unterscheidungen zu treffen z. B. zwischen Neurosenlehre und Kulturtheorie, zwischen früherer und späterer Triebtheorie bei Freud, zwischen den Ansätzen Freuds und denen seiner Nachfolger, insbesondere der sogenannten psychoanalytischen Revisionisten und der Ich-Psychologie. Schematisch lässt sich hier festhalten, dass die Psychoanalyse für Adorno einem der wichtigsten Bündnispartner der kritischen Aufklärung, aber auch selbst, und schon bei Freud, einer Dialektik der Aufklärung unterliegt. Adornos Sympathien galten vor allem dem frühen Freud und seiner Theorie der Sexual- und Selbsterhaltungstriebe, die gesellschaftlich gehemmt werden, und dadurch zu psychopathologischen Reaktionen führen. Problematisch erschien ihm demgegenüber die Instanzenlehre. Im Diktum, dass, wo Es war, Ich werden solle, sah er zumindest die Tendenz der Anpassung an das schlechte Bestehende und einen Verrat an der radikal kritischen Intention der frühen Sexualtheorie. Fromm oder Horney, die diesen Weg weiter beschritten hatten, wurden deshalb scharf angegriffen.

     
  2. (2)

    Auf der Ebene der Praxis finden sich Adornos am stärksten polemische Einwände. Kaum übertrieben ist es, mit Richard Klein zu resümieren: „Was immer den Repräsentanten der kritischen Theorie erster Generation zur Psychoanalyse eingefallen ist und welche Verdienste sie sich um deren kulturelle Anerkennung erworben haben, in ihrem Denken hat psychoanalytische Praxis keinen Ort, er wird ihr nicht zugestanden, er ist dort nicht vorgesehen.“ (Klein 2007, S. 75). Allerdings hielt Adorno an der ursprünglichen Intention der Psychoanalyse fest, „die Menschen, indem sie ihre verdrängten Triebe ihnen bewusst macht, zu befreien, jedenfalls inwendig zu befreien und den Druck von ihnen zu nehmen, der in ihnen selber die Fortsetzung des äußeren, gesellschaftlichen Drucks bedeutet.“ (Adorno in: Adorno et al. 1989, S. 131 f.) Aber Adorno meinte, dieser Impuls sei in der psychoanalytischen Praxis als Heilbehandlung inzwischen weitgehend erloschen. Dafür machte er schon bei Freud selbst die Lehre von der Übertragung verantwortlich, in der, so Adorno, „das Subjekt willentlich unheilvoll [eine] Durchstreichung seiner selbst vollzieht“ (Adorno 1980, S. 68).

     
  3. (3)

    Auf der Ebene der Anwendung in der empirischen Sozialforschung, insbesondere bei seinen Studien zum Autoritären Charakter und beim Gruppenexperiment, wies die Psychoanalyse den Weg zur Formulierung von Untersuchungskategorien und Typologien. So diente die F-Skala zur Erfassung und Messung einer Persönlichkeitsschicht unterhalb bewusster Meinungen und Überzeugungen. Diese bildeten zusammen mit der jeweiligen bewussten Weltanschauung ganzheitliche Persönlichkeitsstrukturen und -typen. Adorno und seine jeweiligen Mitarbeiter verwendeten hier allerdings Kategorien, die dem geschichtsphilosophischen Konzept des Antisemitismus aus der Dialektik der Aufklärung nur wenig entsprach. „Prinzipiell war der Ansatz zwar freudianisch“, urteilt Martin Jay, „doch war dem analytischen Rahmen ein gewisses Maß an Ich-Psychologie hinzugefügt […]. Ähnlich schien auch die Verwendung der Charaktertypologie […] auf den ersten Blick Adornos Kritik an Fromms Typologie zu widersprechen. Durch die Beschreibung integrierter Charaktertypen schienen er und seine Kollegen von jenem Beharren auf Nichtidentität abzulassen, das ein zentraler Grundsatz der kritischen Theorie war.“ (Jay 1976, S. 270)

     

Auf allen drei Ebenen kann man bei Adorno überzeugende Urteile über die Psychoanalyse finden, scharfsinnige dialektische Einsichten von bleibendem Wert, aber auch erstaunliche blinde Flecken und Fehlurteile. Am Ende ist auch festzustellen, dass über manches die historische Entwicklung hinweggegangen ist, weil die theoretische Diskussion seither ein viel differenzierteres Bild ergeben hat. Ein Beispiel für dieses Veralten einer Polemik ist der Grundvorwurf gegenüber der therapeutischen Praxis, diese betreibe mit dem Ziel der Wiederherstellung von Arbeits- und Genussfähigkeit nur eine Art von Entmündigung, eine bequeme Anpassung an gesellschaftliche Unrechtsverhältnisse. Eine solche scheinradikale Kritik bleibt steril, wenn sie sich nicht auf eine konkrete Untersuchung von Therapieverläufen einlässt, also empirisch schlicht unbewiesen bleibt. Sie hält die unüberbrückbare Spannung zwischen gesellschaftlichen Zwängen und individuellen Freiheitsspielräumen theoretisch nicht aus. Auch berücksichtigt sie nicht, dass ein produktiver, nicht paranoischer gesellschaftlicher Protest oder Widerstand ohne jene „Ich-Stärken“ der allzu misstrauisch beargwöhnten Arbeits- und vor allem Genussfähigkeit kaum denkbar wäre.

Ähnlich veraltet ist auch der sich an Fromm entzündende Streit um das Problem der „Strenge“ oder „Güte“ des Analytikers bzw. der klassischen oder nicht klassischen Behandlungsmethode (vgl. Schmid Noerr 2007, S. 22 ff.). „In der Analyse weiß man aber heute“, so beurteilt Jochen Schade die Diskussionslage, „dass die Patienten mehr bekommen müssen als Deutungen, die [ihnen ihr] Unglück bewusst machen, sondern […] eine korrektive emotionale […] Beziehungserfahrung, die Erfahrung des holding und des containing, zentrale Ansätze der Bionschen Theorie, die nicht leicht als unehrliche Betrugsmanöver der Analytiker zu denunzieren sind. Im Gegensatz zu dem von Adorno pejorativ benutzten Begriff der „Güte“ sind die oben stehenden Haltungen theoretisch gut begründet und mit einer präzisen Darstellung ihrer Ausübung und Nützlichkeit versehen. Der Analytiker ist von einer abständigen Beobachterposition in die Rolle eines […] aktiven und engagierten Teilnehmers einer menschlichen Begegnung gerückt, eine Bewegungsrichtung, die Adorno wohl auf Grund eines tiefen Misstrauens in das produktive Potenzial menschlicher Beziehungen nicht gefallen hätte.“ (Schade 2007, S. 137 f.)

Tatsächlich wandte sich Adorno nicht gegen eine psychoanalytische Therapie überhaupt, sondern gegen eine, die vor allem auf soziale Anpassung abzielte. Im Kontrast dazu skizzierte er eine eigene, das Freudsche Vorbild verschärfendes Modell einer reinen Einsichtstherapie: „[…] so müßte eine kathartische Methode, die nicht an der gelungenen Anpassung und dem ökonomischen Erfolg ihr Maß findet, darauf ausgehen, die Menschen zum Bewußtsein des Unglücks, des allgemeinen und des davon unablösbaren eigenen, zu bringen, und ihnen die Scheinbefriedigungen zu nehmen, kraft derer in ihnen die abscheuliche Ordnung nochmals am Leben sich erhält, wie wenn sie sie nicht von außen bereits fest genug in der Gewalt hätte. Erst in dem Überdruß am falschen Genuß, dem Widerwillen gegens Angebot, der Ahnung von der Unzulänglichkeit des Glücks, selbst wo es noch eines ist, geschweige denn dort, wo man es durch die Aufgabe des vermeintlich krankhaften Widerstands gegen sein positives Surrogat erkauft, würde der Gedanke von dem aufgehen, was man erfahren könnte.“ (Adorno 1980, S. 38) Wie jedoch – so wäre hier einzuwenden – hätte in einer solchen Psychoanalyse der Gedanke an eine mögliche Erfahrung ungeschmälerten Glücks aufkommen können, wenn nichts in der therapeutischen Beziehung ihr entgegenkommen sollte? Die Spannung zwischen Allgemeinem und Besonderem auszuhalten, hätte statt dessen bedeutet, die Aufgabe, individuelles Glück zu ermöglichen beziehungsweise Unglück zu reduzieren, der Therapie zu belassen, dagegen aber die Einsicht in die Unzulänglichkeit und Begrenztheit des Glücks dem philosophischen Nachdenken zuzumuten.

Bei aller Fragwürdigkeit von Adornos Entwurf einer alternativen Psychoanalyse stellt dieser doch den entscheidenden Schlüssel für die Verteilung von Zustimmung und Ablehnung Adornos hinsichtlich der Psychoanalyse dar. Denn es fällt ja unmittelbar auf, dass das, was Adorno hier der analytischen Therapie aufbürden wollte, mit seiner eigenen Auffassung von Philosophie verschmolz. „Verständlich“ – so formuliert Klein die entscheidende Prämisse von Adornos kritischer Psychoanalyse-Rezeption – „wird die Ausblendung von bzw. der reduktionistische Umgang mit psychoanalytischer Praxis bei Adorno erst im Kontext seiner Nähe zur Psychoanalyse. Das klingt paradox: Wie kann man der Psychoanalyse nahe stehen, wenn man den Kern der psychoanalytischen Erfahrung, den Prozess der Therapie von sich fernhält wie der Teufel das Weihwasser? Aber man kann, und durch just diesen Widersinn ist die Position der kritischen Theorie erster Generation gegenüber der Psychoanalyse definiert: Annähern und Ausweichen, Seelenverwandtschaft und Beziehungslosigkeit, Intimität und Ignoranz verrichten insbesondere bei Adorno ihr Werk.“ (Klein 2007, S. 76 f.)

Es gibt eine grundlegende Analogie zwischen Psychoanalyse und Adornoscher Philosophie, die Klein an den Kategorien der Erinnerung und des Negativismus erläutert. Erinnerung hat als Eingedenken die Funktion der Vergegenwärtigung des Misslingens der gesellschaftlichen Rationalisierung und derer, die ihre Opfer wurden. In den Minima Moralia unternahm Adorno einen solchen Versuch einer Selbst- und Sozioanalyse, um aus Erinnerungsfragmenten eines „beschädigten Lebens“ die Möglichkeiten eines „richtigen Lebens“ zusammenzusetzen. „Wer die Wahrheit übers unmittelbare Leben erfahren will, muß dessen entfremdeter Gestalt nachforschen, den objektiven Mächten, die die individuelle Existenz bis ins Verborgenste bestimmen.“ (Adorno 1980, S. 13) Damit ist zugleich das Motiv des Negativismus ausgedrückt, dem zufolge das Gute nicht im direkten Zugriff, sondern nur durch die Abarbeitung des Schlechten umkreisend zu erfahren ist. So sind auch Gesundheit und Krankheit für Freud keine positiv identifizierbaren Gegensätze, vielmehr ist das Normale erst vom Abweichenden her zu verstehen.

Erinnerung und methodischer Negativismus sind nicht Theoriestücke, die Adorno als solche von Freud übernahm, sondern bezeichnen das Verfahren der Erkenntnisbildung. Damit kommt neben den drei anfangs genannten Ebenen der Beziehung Adorno-Freud (der theoretischen, der praktischen und der empirisch-forschungsbezogenen) eine vierte Ebene in den Blick, nämlich
  1. (4)

    die Ebene der kritischen Identifikation mit Freud oder (weniger psychologisch ausgedrückt) der Inkorporation seines Denkens in die Philosophie. Und dies scheint mir die eigentlich tragende Ebene zu sein, von der aus die Rezeption der Psychoanalyse auf den drei anderen letztlich erst nachvollziehbar wird. Um dies zu erläutern, ist allerdings ein Blick auf Adornos Frühschriften erforderlich, von denen aus die ursprüngliche Funktion der Psychoanalyse für seine philosophische Methodologie deutlich wird.

     

Das früheste ausführliche Zeugnis von Adornos Rezeption der Psychoanalyse ist seine Abhandlung Der Begriff des Unbewussten in der transzendentalen Seelenlehre. Adorno verfasste sie 1926–27, geplant war sie als Habilitationsschrift, wurde dann aber von seinem Lehrer Hans Cornelius nicht gutgeheißen, von Adorno zurückgezogen und blieb zu Lebzeiten unveröffentlicht. In den ersten zwei (von drei) Kapiteln untersucht Adorno hier aus der Sicht des transzendentalen Idealismus erkenntniskritisch-allgemein den Begriff des Unbewussten, um dann erst im dritten Kapitel auf die Psychoanalyse einzugehen. Es geht ihm dabei, unter ausdrücklicher Absehung therapeutischer und biologischer Dimensionen, um den Nachweis, dass die psychoanalytische Erkenntnis des Unbewussten mit den Prämissen des transzendentalen Idealismus vereinbar sei. „Die Grundthese aller psychoanalytischen Praxis ist: dass die Heilung aller Neurosen gleichbedeutend ist mit der vollständigen Erkenntnis des Sinns ihrer Symptome durch den Kranken.“ Ihr ist wesentlich, „dass sie […] niemals bei affektiven Tatbeständen stehen bleibt, sondern unerbittlich auf die Erkenntnis von deren Sinn […] dringt.“ (Adorno 1973a, S. 236)

Die Abhandlung über den Begriff des Unbewußten ist zwar noch ein Stück Schulphilosophie, das insgesamt mit Adornos späteren Denken unvereinbar ist, aber dies betrifft eher den idealistischen „Standpunkt“, während die Sichtweise auf die Psychoanalyse im wesentlichen dieselbe blieb. Adorno betonte hier wie später nachdrücklich die kognitive Seite des psychoanalytischen Prozesses, blendete aber die interaktive und emotionale Seite, also die Übertragung, aus. Auch ging er schon in den ‚Schlussbetrachtungen‘ seiner Arbeit zur Ideologiekritik über, indem er den psychoanalytischen Begriff des Unbewussten mit dem anderer damaliger psychologischer und philosophischer Strömungen kontrastierte. Freuds großes Verdienst war für ihn die „Entzauberung des Unbewußten“: „Darum schlagen wir die Bedeutung der Psychoanalyse so hoch an, […] weil ihre Erkenntnis auf die Auflösung der unbewussten Tatbestände selbst gerichtet ist und damit eine scharfe Waffe darstellt gegen jegliche Triebmetaphysik und Vergottung bloßen dumpfen, organischen Lebens.“ (Adorno 1973a, S. 320)

Adornos Ablösung von Cornelius ging einher mit seiner Neuorientierung an Walter Benjamin, mit dem er seit 1923 befreundet war. Nachdem er 1931 bei Paul Tillich mit seiner Schrift über Kiekegaard habilitiert wurde, hielt er 1931 seine Antrittsvorlesung als Privatdozent über Die Aktualität der Philosophie. Im Rückblick liest sich dieser Vortrag wie der programmatische Entwurf einer Methodologie der dann später folgenden materialen Arbeiten Adornos. Stillschweigend übernahm er grundlegende Kategorien aus der ‚Erkenntniskritischen Vorrede‘ von Benjamins Ursprung des deutschen Trauerspiels (1926), vor allem die Idee einer konfigurativen Sprache. Ein zentraler Gedanke Benjamins war die schroffe Entgegensetzung von einerseits wissenschaftlicher, induktiv oder deduktiv erworbener „Erkenntnis“ und andererseits philosophischer „Wahrheit“. Bei der Erläuterung dessen, was Benjamin unter Wahrheit verstand, bezog er sich affirmativ auf die Platonische Ideenlehre und verwendete zu ihrer Plausibilisierung eine astrologische Metapher: „Die Ideen verhalten sich zu den Dingen wie die Sternbilder zu den Sternen. Das besagt […]: sie sind weder deren Begriffe noch deren Gesetze. […] Die Ideen sind ewige Konstellationen, und indem die Elemente als Punkte in derartigen Konstellationen erfasst werden, sind die Phänomene aufgeteilt und gerettet zugleich.“ „Die Wahrheit ist ein aus Ideen gebildetes intentionsloses Sein.“ (Benjamin 1980, S. 214–16) Mit dem Begriff der „Intentionslosigkeit“ – der Gegenbegriff der „Intentionalität“ des Bewusstseins bezeichnete das grundlegende erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Konzept der Husserlschen Phänomenologie – sollte die Wahrheit der Ideen der Verfügungsmacht des erkennenden Subjekts entzogen werden. Zugleich offenbarte sie sich aber mittels Konfigurationen, in denen die dinglichen Elemente aufeinander bezogen sein sollten.

Die Herkunft dieser Konzeption von Wahrheit ist nicht nur idealistischer, sondern auch theologischer Art, insofern Benjamin hier vom jüdischen Messianismus beeinflusst war. Dieser war der Ausdruck einer allgegenwärtigen Erfahrung des Bedroht-seins und der gesellschaftlichen Zerrissenheit, wobei diese auf ihrem eigenen geschichtlichen Schauplatz überwunden werden konnte und musste. Im Rekurs auf Gershom Scholem charakterisiert Rolf Wiggershaus dieses Denken durch „eine dialektisch verschlungene Spannung zwischen restaurativen und utopischen Momenten. Das ganz Neue ist das Uralte, aber das noch nie so dagewesene Uralte, auf das der Strahl der Utopie gefallen ist. In spannungsvoller Kombination traten außerdem die beiden Momente der Apokalyptik und der Utopie auf. Die Übergangslosigkeit zwischen Geschichte und Erlösung wurde unterstrichen und der Vorstellungskraft entzogen durch die Annahme, im katastrophischen Untergang der Geschichte werde die Wiederherstellung aller Dinge an ihren rechten Ort erfolgen.“ (Wiggershaus 1987, S. 29) Zerrissenheit und Versöhnung werden hier durch eine „Topik“ erklärt. Die Topik, die Lehre von der Verortung, gehörte seit Aristoteles zur philosophischen Terminologie. Begriffe und Argumentationen haben demnach bestimmte „Orte“ im Gefüge des Wissens, auf die wir uns beziehen, wenn wir sie sinnvoll anwenden. Eine messianische Topik der Vernunft verortete nun aber nicht nur den kommunikativ oder praktisch geteilten Sinn, sondern den durch die Zerrissenheit der Welt entstellten, seines wahren Ortes beraubten Sinn.

Adorno orientierte sich in seiner Antrittsvorlesung an dieser Wahrheitstheorie, wobei er Benjamin namentlich nur eher beiläufig erwähnte, was diesen, als er das Typoskript zu Gesicht bekam, durchaus verstimmte (vgl. Müller-Doohm 2003, S. 224). Dass er seinen Mentor kaum erwähnte, mochte damit zu tun haben, dass ihm der Benjaminsche Idealismus, bei allen Anleihen daran, doch nicht geheuer war. Zwar übernahm er den astrologischen Begriff der „Konstellation“, aber verwendete ihn deutlich diesseitiger als Benjamin. So wurde aus der Sternbild-Metapher mit der Formulierung „wechselnde Versuchsanordnungen“ (GS 1, S. 335) eine Labor-Metapher, und damit wurde auch der Graben zwischen Wissenschaft und Philosophie überbrückt, wenn auch eine entscheidende Differenz blieb: „Philosophie unterscheidet sich von Wissenschaft nicht, wie die banale Meinung heute noch annimmt, durch einen höheren Grad von Allgemeinheit. Weder durch Abstraktheit der Kategorien noch durch die Beschaffenheit des Materials sondert sie sich von Wissenschaften. Die Differenz liegt vielmehr zentral darin, dass die Einzelwissenschaft ihre Befunde, jedenfalls ihre letzten und tiefsten Befunde als unauflöslich und in sich ruhend hinnimmt, während Philosophie den ersten Befund bereits, der ihr begegnet, als Zeichen auffasst, das zu enträtseln ihr obliegt. Schlicht gesagt: die Idee der Wissenschaft ist Forschung, die der Philosophie Deutung. Dabei bleibt das große, vielleicht das immerwährende Paradoxon: daß Philosophie stets und stets und mit dem Anspruch auf Wahrheit deutend verfahren muß, ohne jemals einen gewissen Schlüssel der Deutung zu besitzen; daß ihr mehr nicht gegeben sind als flüchtige, verschwindende Hinweise in den Rätselfiguren des Seienden und ihren wunderlichen Verschlingungen.“ (Adorno 1973b, S. 334)

Adorno brachte das „aus Ideen gebildete intentionslose Sein“ (Benjamin 1980, S. 216), das die Philosophie zu „deuten“ hatte, ausdrücklich in Zusammenhang mit „jener Art von Denken, die die Vorstellung des Intentionalen, des Bedeutenden von der Wirklichkeit am strengsten abwehrt: dem Materialismus. Deutung des Intentionslosen durch Zusammenstellung der analytisch isolierten Elemente und Erhellung des Wirklichen kraft solcher Deutung: das ist das Programm jeder echten materialistischen Erkenntnis.“ (Adorno 1973b, S. 336). Adorno greift hier auf den bei Benjamin aus der Philosophie verbannten, der wissenschaftlichen Empirie zugeordneten Begriff „Erkenntnis“ zurück und erläutert in diesem Zusammenhang ihr Vorgehen zum einen mit Freuds Hinwendung zum scheinbar intentionslosen „Abhub der Erscheinungswelt“ (Freud 1982, S. 51; bei Adorno zit. 1973b, S. 336), zum anderen mit Marx’ Begriff der Warenform, der kein ökonomischer im engeren Sinn war, sondern der „gleich einer Lichtquelle die Gestalt einer Wirklichkeit freilegte“ (Adorno 1973b, S. 337), nämlich (im Anschluss an den frühen Lukács) das verdinglichte Bewusstsein im Kapitalismus auf den Begriff brachte.

Freud und Marx also waren es, die Adorno ermöglichten, Benjamins Erkenntnistheorie ins Materialistische zu wenden – Wiggershaus (1987, S. 28) verwendet dafür den treffenden Begriff eines „messianischen Materialismus“ –, wobei Marx für das Anwendungsfeld und Ziel der gesellschaftlichen Diagnose und Freud für den Weg der Erfahrung und dialektischen Erkenntnis stand. Der zentrale Begriff der „Deutung“ in Adornos Antrittsvorlesung, der so bei Benjamin nicht vorkommt, verweist darauf – und das wurde bisher zu wenig beachtet –, dass sein Modell der Erkenntnis, über den jüdischen Messianismus hinaus, wesentlich der Freudschen Psychoanalyse verpflichtet ist.

Laplanche und Pontalis bezeichnen die „Deutung“ latenter Inhalte als „das Charakteristikum der Psychoanalyse“, als „die Handlungsweise par excellence des Analytikers“ (Laplanche und Pontalis 1973, S. 118). Dass Adorno sich in seiner Antrittsvorlesung tatsächlich auf das psychoanalytische Modell der Deutung bezog und nicht auf eines aus der Tradition der geisteswissenschaftlichen Hermeneutik, lässt sich an den wesentlichen Merkmalen seines in der Antrittsvorlesung explizierten Philosophieverständnisses zeigen:
  1. (a)

    Adorno hob als Paradoxie hervor, dass die Philosophie deutet, ohne über einen Deutungsschlüssel zu verfügen. In der Traumdeutung wies Freud die wissenschaftlichen Theorien ab, die den Traum nur als physisches Phänomen behandeln, und knüpfte an die antiken „Chiffriermethoden“ an, die die Inhaltsdimension der Träume berücksichtigt hatten. Aber im Unterschied zu diesen griff Freud bei der Dechiffrierung nicht auf einen feststehenden „Traumschlüssel“ zurück. An dessen Stelle trat die freie Assoziation und damit die subjektive Struktur in ihrer lebensgeschichtlichen Ganzheit. Freud wie Adorno verfuhren nach der paradoxen Methode einer Entschlüsselung ohne Schlüssel.

     
  2. (b)

    Adorno betonte, dass „die Idee der Deutung keineswegs mit dem Problem eines ‚Sinnes‘ zusammen[fällt], mit dem sie meist verwirrt wird.“ (Adorno 1973b, S. 334). Das heißt, die Deutung offenbart keinen höheren, rechtfertigenden, etwa religiösen Sinn der zerrissenen Welt, keine ideale Geisteswelt, sondern jene „dämonischen Gewalten“, die sinnhaftes Handeln gefährden, und die durch Erkenntnis gebannt werden. In diesem Sinn war auch bei Freud vom „Sinn“ der Symptome die Rede. Die durch Deutung erschlossenen unbewussten Wünsche erklären den Sinn scheinbar sinnloser Symptome oder Träume, aber dies ist der immanente Sinn eines Leidenszusammenhangs, der durch die Psychoanalyse aufzulösen ist.

     
  3. (c)

    Die Kategorie der „Intentionslosigkeit“ im Erkenntnisprozess bezog sich bei Adorno sowohl auf die Seite des Objekts als auch auf die des Subjekts. Das Objekt der Erkenntnis, die Wirklichkeit, sollte nicht mit subjektivem Sinn überformt werden, sondern gerade in ihrer Rationalitätsferne in den Blick kommen. Dafür bedurfte es aber einer kontrollierten Einstellung des deutenden Subjekts. Freuds Begriff des Unbewussten war für Adorno paradigmatisch für eine solche intentionslose Wirklichkeit, insofern es zur Intentionalität des Bewusstseins in ein dialektisches Verhältnis zu bringen war. „Nur wer es vermöchte, in der blinden somatischen Lust, die keine Intention hat und die letzte stillt, die Utopie zu bestimmen, wäre einer Idee von Wahrheit fähig, die standhielte.“ (Adorno 1980, S. 66) Die intentionslose, unrationalisierte Lust war für Adorno weit mehr als rohe Natur, vielmehr geradezu Legitimation aller zivilisatorischen Bändigung von Natur.

     
  4. (d)

    Wie in der Psychoanalyse der Traum nicht von vorn herein als bedeutungsvolle Ganzheit analysiert wird, sondern seine einzelnen Segmente getrennt von einander auf den Lebenszusammenhang zu beziehen sind – und dasselbe gilt entsprechend für unterschiedliche Träume oder Symptome –, konzipierte Adorno die philosophische Deutung als eine Reihe „wechselnder Versuchsanordnungen“, die so lange durchzuführen sind, „bis sie zur Figur geraten, die als Antwort lesbar wird, während zugleich die Frage verschwindet“ (Adorno 1973b, S. 335). Die einzelnen Schritte einer Deutung müssen sich gleichsam aneinander abarbeiten, bis sich daraus eine übergreifende Konstruktion ergibt.

     
  5. (e)

    Deren Wahrheitsgehalt ließ sich nicht in Form einer empirischen Überprüfung einer theoretischen Hypothese ermitteln, sondern sollte sich als plötzlich aufblitzende Evidenz zeigen, die das bisher Gedachte in ein neues Licht rückt. Dass dabei die anfänglich motivierende Frage verschwindet, verweist auf einen lebenspraktischen Anteil der philosophischen Erkenntnis. „Die Deutung der vorgefundenen Wirklichkeit und ihre Aufhebung sind auf einander bezogen. Nicht zwar wird im Begriff die Wirklichkeit aufgehoben; aber aus der Konstruktion der Figur des Wirklichen folgt allemal prompt die Forderung nach ihrer realen Veränderung.“ (Adorno 1973b, S. 338) Auch im psychoanalytischen Kontext erweist sich die Wahrheit der Konstruktion, kurzfristig nicht durch die Zustimmung oder Zurückweisung seitens des Analysanden, sondern durch ihre Fruchtbarkeit bei der Erzeugung neuen Erinnerungsmaterials, und langfristig, wenigstens bis zu einem gewissen Grad, an der Auflösung der Leidens.

     

Adornos Psychoanalyse-Rezeption, so lässt sich zusammenfassen, diente der Formulierung und Schärfung seiner eigenen unerbittlichen philosophischen Deutungskunst. Die Psychoanalyse war für Adorno in erster Linie als Instrumentarium der Entlarvung eines universellen Verblendungszusammenhangs von Wert. Deshalb favorisierte er Freuds sogenannte erste Topik mit der Unterscheidung der beiden Systeme „Unbewusst“ und „Vorbewusst-Bewusst“ und der als Repressionsverhältnis gedachten Dualität von Lust- und Realitätsprinzip. Und deshalb behielt für Adorno auch das frühe Breuer-Freudsche Modell der Katharsis, des Abreagierens eingeklemmter Affekte mittels Erinnerung und Versprachlichung des traumatischen Vorgangs, zeitlebens seine Attraktion. Dieses Bild des heilenden Namen-Gebens musste aber durch Freuds zweite Topik der Instanzen von Es, Ich und Über-Ich und noch mehr durch das Konzept der Übertragung gestört werden, durch das die Patienten in der Sicht Adornos aufs Bestehende vereidigt werden, und durch das ihnen „Lust und Himmel gleichermaßen verekelt wird“ (Adorno 1980, S. 67), das heißt körperlich Intentionsloses und geistig-intentional Überschießendes gleichermaßen verkümmern.

Freuds frühe Topik des Unbewussten verschmolz bei Adorno mit der Utopie einer nicht reglementierten und deformierten Befriedigung menschlicher Bedürfnisse zu einer Utopik. Deren Bedeutung war bilderlos, indem Adorno darauf beharrte, dass jedes mögliche konkrete Bild der befreiten Menschheit noch allzu viel an Verstümmelung enthalten musste, die mit ihm doch überwinden werden sollten. Diese Utopik war vor allem der virtuelle Ort einer Erkenntnis, nach der „alle Dinge so zu betrachten [wären], wie sie vom Standpunkt der Erlösung aus sich darstellten“, und durch die „die Welt ähnlich sich versetzt, verfremdet, ihre Risse und Schründe offenbart, wie sie einmal als bedürftig und entstellt im Messianischen Licht daliegen wird“ (Adorno 1980, S. 281). Dabei hatte der hedonistische Anspruch vor allem die Funktion eines Regulativs, um die Idee der Freiheit nicht idealistisch-abstrakt zu verdünnen. Auf die Glückmöglichkeiten hier und jetzt brauchte und durfte Adornos Utopik der Erkenntnis keine Rücksicht nehmen. Das unterschied sie von ihrem Inspirationsquell, dem Freudschen Bemühen um die Minderung des neurotischen zum alltäglichen Unglück.

Literatur

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Authors and Affiliations

  1. 1.Fachbereich Sozialwesenehem. Hochschule Niederrhein MönchengladbachFrankfurt am MainDeutschland

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