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Vernunft und Emanzipation

  • Alex DemirovićEmail author
Living reference work entry
Part of the Springer Reference Sozialwissenschaften book series (SRS)

Zusammenfassung

Die „Dialektik der Aufklärung“ kann als eines der Hauptwerke der älteren Kritischen Theorie gelten. Die „Philosophischen Fragmente“ entfalten den inneren Widerspruch der Vernunft: Herrschaft und Emanzipation. Im Sinne Horkheimers wird Vernunft als der philosophische Begriff gesellschaftlicher Arbeitsteilung gedeutet, durch die die Menschen sich selbst erhalten. Mit Vernunft werden aber auch Verhältnisse geschaffen, unter denen sich die Menschen aber auch nicht mehr selbst erhalten können. Das ist die von Horkheimer und Adorno konstatierte Aporie, in die der moderne Kapitalismus als bürgerliche Verwirklichung von Vernunft hineingeführt hat. Es bedarf eines Verständnisses von Vernunft, die sich in einer negativen Dialektik selbst überholt, indem sie geschichtlich völlig neuen Formen gesellschaftlicher Kooperation zuarbeitet.

Schlüsselwörter

Dialektik Aufklärung Vernunftkritik Herrschaft Gesellschaftliche Arbeitsteilung 

1 Vernunftkritik – Resignation oder radikale Fortsetzung der Aufklärung?

Die „Dialektik der Aufklärung“ wurde von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno zwischen 1939 und 1944 geschrieben, 1947 erschien sie im Druck im Querido Verlag in Amsterdam. Das Buch besteht aus einer Sammlung von nicht direkt zusammenhängenden Aufsätzen und Aufzeichnungen. Trotzdem gilt es als die folgenreichste und als eine der dichtesten Veröffentlichungen der Kritischen Theorie (vgl. Schmid Noerr 1987, S. 423). Die Aufnahme des Buches war wechselvoll und vielfach sehr kritisch.

Marcuse und Kirchheimer hätten, so berichtet Rolf Wiggershaus (1986, S. 383), ratlos auf die ihnen zugeschickten „Philosophischen Fragmente“ reagiert. „Das erwies sich als symptomatisch für die Wirkungsgeschichte dieser Texte auf lange Zeit.“ Ganz so verhält es sich nicht. In den wenigen Rezensionen der „Dialektik“, die in deutschen Zeitschriften und Zeitungen nach Erscheinen des Buches und Anfang der 1950er-Jahre erschienen, wurde es mit eher kritischer Stoßrichtung als marxistisch charakterisiert. Im kalifornischen Exil habe der linke Flügel Hegels sich mit Amerika verschmelzen können. Was will Max Bense mit dieser Überlegung sagen? Es konnte, so seine These, auf diese Weise der besserwisserische dialektische Schematismus und eine soziologische Diagnostik überleben, die doch eigentlich für das Verständnis des Zustandes der modernen Welt nichts mehr taugten. François Bondy bezeichnete das Buch als das Werk zweier Edelmarxisten, die den Fehler machten, den Marxismus als Prüfstein der kapitalistischen Welt anzusehen, während doch gerade er selbst überprüft werden müsste, weil sich an seiner Verwirklichung das tragische Problem vom Ende der Aufklärung ablesen lasse. (Vgl. zur Rezeption die Andeutungen bei Hetzel 2011, S. 395; ausführlich Demirović 1999, S. 153 ff.) Noch bis Ende der 1950er-Jahre ließ sich das Buch im Buchhandel erwerben. Im Zusammenhang des SDS, der sich allmählich formierenden Protestbewegung seit Mitte der 1960er-Jahre und der Wiederentdeckung der marxistischen Traditionen und der Forschungsarbeiten des Instituts für Sozialforschung kam es auch zu nicht autorisierten Nachdrucken der „Dialektik der Aufklärung“. Nach einigem Zögern entschlossen sich die beiden Autoren 1969 zu einer Neuausgabe. Aufgrund der unterschiedlichen Orientierungen innerhalb der studentischen Protestbewegung wurde die „Dialektik“ von einem Teil der Linken als ein Buch angesehen, das bürgerliche Ideologie verbreitete. Vielen ihrer jüngeren Anhängern konnte die Kritische Theorie mit ihrer Distanz zur politischen Praxis als affirmativ oder konservativ gelten (vgl. Krahl 1971, S. 285 ff.).

In den 1980er-Jahren gab es um das Buch erneut eine rege Diskussion. Es wurde in den Kontext der Kontroversen über die Postmoderne und die Vernunftkritik gerückt. Nietzsche, Heidegger, Derrida oder Foucault wurden als der problematische, weil antirationale oder irrationale philosophische Kontext gesehen, in den sich Horkheimer und Adorno mit ihren Überlegungen in der „Dialektik“ schon sehr früh eingeschrieben hätten (vgl. Hesse 1984; van Reijen und Schmid Noerr 1987; Kunneman und de Vries 1989). In einer Art philosophischer Totalitarismustheorie wurde allen diesen Autoren vorgeworfen, zur „Zerstörung der Vernunft“ (Georg Lukács) beizutragen und insofern auch eine Tradition fortzusetzen, die zum Verhängnis des Faschismus beigetragen habe. Kritisiert wurde von Jürgen Habermas (1985, S. 156) die „hemmungslose Vernunftskepsis“, die Horkheimer und Adorno zur Ablehnung der Wissenschaft und zu Resignation führen musste, weil die Ideologiekritik sich am Ende auch noch auf den Begriff der Vernunft selbst ausdehnt. „Die Kritik wird, indem sie sich gegen die Vernunft als die Grundlage ihrer eigenen Geltung wendet, total.“ (Habermas 1985, S. 144) Die Vernunft werde dafür kritisiert, dass sie letztlich die Welt der Identitätslogik instrumenteller Verfügung unterwerfe und damit totalitär wirke. Damit ließen sich – so wie bei Nietzsche oder Foucault – die Aspekte von Macht einerseits und Geltung der Vernunft andererseits nicht mehr auseinander halten, Erkenntnis würde auf Macht reduziert; es gebe keinen festen Grund für vernünftige Begriffe mehr, die aus diesem aporetischen Zusammenhang noch herausführen könnten. Angesichts dieser „Bodenlosigkeit“ wird es als konsequent angesehen, wenn Horkheimer und Adorno im Weiteren auf Theorie verzichtet bzw. sich selbst unfähig gemacht hätten, ihre anspruchsvolle Gesellschaftstheorie fortzuentwickeln (vgl. Habermas 1985, S. 154). Ihnen sei nur übrig geblieben, auf Vorbegriffliches, den mimetischen Impuls, zurückzugreifen, auf das reflexive Eingedenken der Natur im Subjekt (Schmid Noerr 1990); Adorno selbst habe die Aporie in den Exerzitien der „Negativen Dialektik“ und der ästhetisierenden Geste seiner Schreibweise fortgesetzt. Insgesamt aber habe sich die kritische Theorie selbst nicht mehr begründen können. Habermas zufolge ist die „Dialektik der Aufklärung“ also nicht nur aus zeitgeschichtlichen, sondern systematischen Gründen das schwärzeste Buch Horkheimers und Adornos. Auf die lösende Kraft des Begriffs würden sie nicht mehr hoffen, eigentlich seien sie hoffnungslos geworden. „Diese Stimmung, diese Einstellung ist nicht mehr die unsere.“ (Habermas 1985, S. 130). Auch Heidrun Hesse (1984, S. 10) vertritt die Ansicht, dass Horkheimer und Adorno in ihrer Analyse der „selbstzerstörerischen Dynamik des aufklärenden Denkens“ erlegen seien. Die „totale Resignation“, der „ungeheure totalitäre Gestus“ und die „hermetische Zivilisationskritik“, die das Buch prägten, seien aber insbesondere dem Grundansatz Adornos geschuldet (Hesse 1984, S. 40 f., 55 f., 98). Im Unterschied zu diesem habe sich Horkheimer mit seiner Kritik der subjektiven bzw. der instrumentellen Vernunft nicht in die Aporien einer radikalisierten Vernunftkritik verstrickt, wie sie dann für Adornos Philosophie prägend wurden.

Diese Kritik geht einher mit einer bestimmten Konstruktion der Geschichte der Kritischen Theorie. Danach ist die Kritische Theorie das Ergebnis und die Reflexion der Niederlagen des linken, sozialistischen Projekts des 20. Jahrhunderts: das Ausbleiben der Revolution 1918/19 und in den 1920er-Jahren, die Erschöpfung der kapitalistischen Produktivität und die Weltwirtschaftskrise, dann der Faschismus und Stalinismus. Für die neue Erfahrung der Formierung der Demokratie und des Wohlfahrtsstaats nach dem Zweiten Weltkrieg habe die ältere Kritische Theorie die Kraft und das Vertrauen in die Vernunftpotenziale der bürgerlichen Kultur nicht mehr gehabt. Anstatt Horkheimers Programm eines interdisziplinären Materialismus weiter zu verfolgen, das philosophische und einzelwissenschaftliche Forschung miteinander verbinden wollte, hätten Horkheimer und Adorno resigniert. Hätten sie sich die „praktischen Konsequenzen eines Verzichts auf die Anknüpfung an die Sozialwissenschaften“ eingestanden, dann „hätten sie nach dem Kriege ein Institut für Sozialforschung nicht wieder aufbauen können“ (Habermas 1981, Bd. 1, S. 516 f.). Mit der „Dialektik der Aufklärung“ findet demnach eine aporetische Abkehr vom Ziel theoretischer Erkenntnis und dem Versprechen der frühen Kritischen Theorie auf umfassende empirische Forschung statt. Demgegenüber möchte ich argumentieren, dass dieses Buch in der Theorieentwicklung der älteren Kritischen Theorie einen vorläufigen Höhepunkt und Wendepunkt markiert, keineswegs die Theorie aufgibt (vgl. ausführlich Demirović 1999). Das Gegenteil trifft zu: weder Defaitismus der Vernunft noch postmarxistische Wende, sondern Ausgangspunkt einer weiteren und radikaleren Ausarbeitung der kritischen Theorie insbesondere durch Adorno. Die Autoren wollen mittels kritischer Reflexion auf die theoretischen Annahmen der Aufklärung und des Marxismus als fortgeschrittenstem Stand der Aufklärung und mittels theoretischer Analyse der Kulturindustrie und des Antisemitismus als bestimmenden Merkmalen einer neuen Periode der kapitalistischen Reproduktion nicht weniger, als zu einer Erneuerung der Aufklärung und des Marxismus beizutragen. Wenn dieser Zusammenhang nicht hergestellt wird – und in der Diskussion der „Dialektik“ geht er oft verloren–, wird der Inhalt des Buches zu einer historisch wenig haltbaren Zivilisationskritik verrätselt. Es waren die Veränderungen der kapitalistischen Gesellschaft zu begreifen; dazu gehörte, dass die Praxis der Aufklärung in dieser neuen historischen Phase, in der die Propaganda, die Lüge, der Wahn das alltägliche bürgerliche Handeln prägten und sich das Bürgertum selbst den Begriffen der Vernunft, der Wahrheit und des begrifflichen Denkens gegenüber nicht mehr verpflichtet sah, ins Leere lief und auf Gleichgültigkeit, Zynismus oder Ablehnung stieß. Es geht dabei nicht um die Frage einer Neubegründung der Vernunft; das ist eine sinnlose Fragestellung. Menschen sind in der Aneignung der Natur und in ihrer Kooperation immer auf die eine oder andere Weise vernünftig, da sie ohne Begriffe und ohne Theorie nicht überleben könnten. Vernunft ist die sich in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung vollziehende Selbsterhaltung der Menschen. Doch gerade diese Vernunft ist nicht mehr selbstverständlich, wenn Menschen im Namen von wahnhaften Vorstellungen (wie Rasse, Nation, Verschwörung oder Ordnung) bereit sind, zu morden und ihr eigenes Leben ebenso wie das der Gesellschaft aufs Spiel zu setzen. Es wird angesichts des Nationalsozialismus, des Stalinismus und der Entwicklungen in den USA, also auf dem höchsten Stand der Aufklärung und der Vernunft, notwendig, die Praxis der Aufklärung zu begreifen. Sie hat aus sich heraus der Schwächung der Vernunft nur wenig entgegenzusetzen, doch wäre die Annahme zu harmlos, der Vernunft würde dies von außen angetan. Zu begreifen ist vielmehr, was es an der Vernunft ist, dass sie dazu beiträgt, dass Menschen und Gesellschaften mit den Mitteln höchst entfalteter Vernunft destruktiv handeln und ihre Selbsterhaltung gefährden. Vernunft gerät, in Barbarei umschlagend, in Widerspruch mit sich selbst. Die „Dialektik der Aufklärung“ will diese Dynamik begreifen und wird insofern zu einer Programmschrift, die für die weitere Arbeit der Autoren bestimmend werden sollte.

Habermas legt nahe, dass Horkheimer und Adorno mit ihrem Zweifel am Begriff der Vernunft und am Instrumentalismus moderner Wissenschaften selbst in eine Aporie geraten seien. Ihre radikale Kritik an der Vernunft habe selbst nicht mehr auf einen vernünftig begründbaren Begriff der Vernunft zurückgreifen können, der jene Kritik überhaupt rechtfertigen konnte. Doch Habermas macht sich genau genommen die Argumentationsweise zunutze, die Horkheimer und Adorno selbst kritisch gegen die neuesten Formen des bürgerlichen Denkens entfalteten – also sprachanalytische Sinnkritik, Intuitionismus oder Pragmatismus. Sie beobachteten, dass Philosophie und Wissenschaften faktisch die begrifflichen Grundlagen auflösten, auf denen wissenschaftliche Erkenntnisproduktion stattfinden kann. Es waren Horkheimers und Adornos Selbstverständnis nach nicht sie selbst, die aufgrund ihrer Analyse in eine aporetische Lage gekommen waren, sondern die traditionellen Wissenschaften, also die herrschenden Formen des rationalen Denkens und der Naturbeherrschung. „Die Aporie, der wir uns bei unserer Arbeit gegenüber fanden, erwies sich somit als der erste Gegenstand, den wir zu untersuchen hatten: die Selbstzerstörung der Vernunft. Wir hegen keine Zweifel – und darin liegt unsere petitio principii –, daß die Freiheit in der Gesellschaft vom aufklärenden Denken untrennbar ist. Jedoch glauben wir, genauso deutlich erkannt zu haben, daß der Begriff eben dieses Denkens, nicht weniger als die konkreten historischen Formen, die Institutionen der Gesellschaft, in die es verflochten ist, schon den Keim zu jenem Rückschritt enthält, der heute überall sich ereignet.“ (Horkheimer und Adorno [1947]/1987, S. 18) Die Tatsache, dass die Wissenschaften selbst zu einer Form von Herrschaft geworden sind, nötigt sie dazu, von innen heraus der Vernunft Einhalt zu gebieten, sich nicht ihrer Dynamik zu überlassen, nicht radikal weiter zu denken und damit die Verbindlichkeit von Vernunft und Wahrheit zu schwächen und preiszugeben. Angesichts dieser Entwicklung soll die Aufklärung nicht verworfen werden, die Kritik zielt auch gerade nicht kantianisierend darauf, ihr Grenzen zu ziehen, sondern sie zu radikalisieren, für ihre Freiheit einzutreten. Die Verdinglichung des Lebens, so Adorno, beruhe „nicht auf einem Zuviel, sondern einem Zuwenig an Aufklärung“ (Adorno [1949]/1977, S. 17). Habermas kommt in seiner Deutung der „Dialektik der Aufklärung“ also zu einer eigentümlichen Fehldeutung. Aber diese ergibt sich wohl aus einer tieferen theoretischen und sachlichen Differenz zwischen ihm und Horkheimer und Adorno. Habermas will die arbeitsteilige Ausdifferenzierung von reiner, praktischer und ästhetischer Vernunft nicht in Frage stellen. Im Gegenteil sieht er in dieser seit Kant und dem Neokantianismus geläufigen Ausdifferenzierung der Vernunft die der kulturellen Moderne eigene Würde liegen und möchte sie weiter entfalten (Habermas 1985, S. 137). Sein Ziel ist es, Ungleichgewichte und pathologische Folgen von Übergriffen der einzelnen Rationalitätsmodi auf jeweils andere und damit die Gefahr der Entdifferenzierung einzudämmen, gleichzeitig aber auch die Verselbstständigung der gesellschaftlichen Bereiche und mögliche destruktive Folgen zu verhindern. Zu diesem Zweck entfaltet er den Begriff der kommunikativen Vernunft und begründet Vernunft mit einer Universalpragmatik, die die allgemeinen, formalen Bedingungen einer Diskursethik umschreibt, in der sich die Nutzer der natürlichen Sprache in quasi-vertraglichen Verhältnissen wechselseitig als vernünftige, freie und gleiche Sprecher anerkennen. Demnach bilden die Austauschprozesse der alltagssprachlichen Kommunikationen in der Lebenswelt eine gemeinsame Grundlage für die Korrektur von Störungen und kolonialisierenden Übergriffen der Funktionssysteme, die in modernen Gesellschaften immer wieder vorkommen können und die auch grundsätzlich nicht zu beseitigen sind, sondern sich nur in ein besseres, weniger pathologisches Gleichgewicht bringen lassen. Demgegenüber sehen Horkheimer und Adorno nicht die Kritische Theorie, sondern die Wissenschaften in einer Aporie – aber genauer verstanden, die Wissenschaften als eine Praxis innerhalb der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und mit dem Ziel verbunden, mit der Erkenntnis von Natur und Gesellschaft die Selbsterhaltung der Menschen zu ermöglichen, zu gewährleisten und zu erleichtern. Die logische Operation einer tieferen Begründung der Vernunft, wie sie Habermas verfolgt hat und wie sie auch von der sinnkritischen Tradition der sprachanalytischen Philosophie betrieben wurde, wäre ihnen wohl als völlig unzureichend erschienen, da es ja keine Frage der Logik, sondern der kapitalistischen Gesellschaft und ihrer Entwicklung ist, die ohne moderne Wissenschaft und Technik nicht existieren könnte. Zudem hätten sie wohl auch Vorbehalte gegenüber den Überlegungen von Habermas, dass auch in der weiteren Zukunft die blinden Übergriffe der Funktionssysteme Wirtschaft und Politik in die Lebenswelt der Menschen immer weiter hinzunehmen seien. Die gesellschaftliche Arbeitsteilung, die für Habermas im Anschluss an Max Weber gleichsam evolutionär wirksam ist und sich bis in die wissenschaftlichen Disziplinen hinein fortsetzt, wird von Horkheimer und Adorno nicht akzeptiert. Aus ihrer Sicht bedarf es der Kritik und Veränderung von Gesellschaft und gesellschaftlicher Arbeitsteilung. Dazu wollen sie mit ihrer Analyse der aporetischen Konstellation der Vernunft beitragen.

2 Selbsterhaltung und Vernunft. Zur Kritik der herrschenden Arbeitsteilung

Es gibt keinen Zweifel, dass Vernunft nach Horkheimers Verständnis der Begriff war, der wie kein anderer das bürgerliche Selbstverständnis charakterisierte. „Die Stammbegriffe der westlichen Zivilisation sind dabei, zu zerfallen. Die neue Generation setzt nicht mehr viel Vertrauen in sie. Vom Faschismus wird sie im Verdacht bestärkt. Die Frage ist an der Zeit, wieweit die Begriffe noch haltbar sind. Zentral ist der Begriff der Vernunft. Das Bürgertum kennt keine höhere Idee. Vernunft sollte die Beziehungen regeln, jede Leistung begründen, die von Individuen gefordert wurde, es wäre denn Sklavenarbeit.“ (Horkheimer [1942]/1987, S. 320). Vernunft galt dem Bürgertum in seiner frühen Phase als ein objektiver Begriff. Alle Verhältnisse, unter denen Menschen leben, seien mit Freiheit nach vernünftigen Gesichtspunkten zu gestalten (vgl. Horkheimer [1936]/1988, S. 365) – nach Gesichtspunkten also, die für alle Mitglieder einsichtig und an deren näherer Bestimmung sie beteiligt sind (vgl. Horkheimer [1933]/1988, S. 122). Allerdings konnte und kann das dem Bürgertum nicht gelingen. Denn das Allgemeine der Gesellschaft und die privaten Kalküle der einzelnen Bürger, die sie zum Zweck ihrer Selbsterhaltung anstellen, können unter den Bedingungen kapitalistischer Verhältnisse, also dem Privateigentum an den Produktionsmitteln, der einzelwirtschaftlich-privaten Produktion für einen anonymen Markt und der privaten Aneignung des gesellschaftlichen Reichtums, nicht zusammengeführt werden. Deswegen bleiben die Individuen in sich gespalten in jenen Teil, der nach Selbsterhaltung und individuellem Glück strebt, und in den anderen, in dem das Individuum versucht, nach den Regeln des allgemeinen Gesetzes zu leben. Für die Vernunft ist diese Aufspaltung folgenreich, da sie intern von einem Widerspruch zerrissen wird: die Vernunft zielt aufs Allgemeine, das ihr aber unzugänglich bleibt und das sie nicht gestalten kann, gleichzeitig aber rationalisiert sie die einzelwirtschaftlichen Aktivitäten, die individuellen Selbsterhaltungspraktiken der Individuen und denen Partikularinteresse immer umfassender und intensiver. Die Vernunft wird subjektzentriert, formal und auf besondere Bereiche begrenzt. Auf der einen Seite bleiben die Verwendung von kollektiven Ressourcen, die Kooperation, die Wissenschaften und die Technik privaten Zielen unterworfen; auf der anderen Seite werden die allgemein-moralischen und rechtlichen Prinzipien zu Aufgaben spezialisierter gesellschaftlicher Agenturen und Personengruppen mit partikularen Interessen. Beide Sphären treten auseinander. Das Allgemeine der Vernunft wird nach herrschaftlichen Gesichtspunkten in besondere Bereiche der gesellschaftlichen Arbeitsteilung gegliedert und damit Gegenstand von Expertenwissen. Damit gerät aus dem Blick, dass die allgemeinen Begriffe seit langem Momente der herrschenden gesellschaftlichen Arbeitsteilung sind: „Wie die ersten Kategorien den organisierten Stamm und seine Macht über den Einzelnen repräsentierten, gründet die gesamte logische Ordnung, Abhängigkeit, Verkettung, Umgreifen und Zusammenschluß der Begriffe in den entsprechenden Verhältnissen der sozialen Wirklichkeit, der Arbeitsteilung. Nur freilich ist dieser gesellschaftliche Charakter der Denkformen nicht, wie Durkheim lehrt, Ausdruck gesellschaftlicher Solidarität, sondern Zeugnis der undurchdringlichen Einheit von Gesellschaft und Herrschaft.“ (Horkheimer und Adorno [1947]/1987, S. 44) Horkheimer und Adorno wollen ganz materialistisch, aber ohne jede Affirmation dessen, was ist, gerade solche Konstellationen der Arbeitsteilung, also die Einheit von Herrschaft, Vernunft und Selbsterhaltung, als die historisch konkreten Formen der Vernunft begreifen. Vernunft ist die historisch konkrete und die ganze Existenzweise der Menschen umfassende Praxis; sie ist also weder auf Arbeit noch auf Kommunikation begrenzt: „Das Zusammenwirken der Menschen in der Gesellschaft ist die Existenzweise ihrer Vernunft, so wenden sie ihre Kräfte an und bestätigen ihr Wesen. Zugleich jedoch ist dieser Prozess mitsamt seinen Resultaten ihnen selbst entfremdet, erscheint ihnen mit all seiner Verschwendung von Arbeitskraft und Menschenleben, mit seinen Kriegszuständen und dem ganzen sinnlosen Elend als unabänderliche Naturgewalt, als übermenschliches Schicksal.“ (Horkheimer [1937]/1988, S. 177) Kritische Theorie vertritt demnach das Projekt einer integralen, gesamtgesellschaftlichen Vernunft und tritt für ein Verhalten ein, das die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit zum Gegenstand hat. Die Trennung von Individuum und Gesellschaft, die Arbeitsteilung von Kopf und Hand, die Spaltung der Menschen in soziale Klassen, in Geschlecht, Rassen oder nationale Gruppen werden als eine Funktion begriffen, die aus dem immer noch blinden Zusammenwirken von Einzeltätigkeiten und aus Herrschaft resultiert. Solche Trennungen sind nicht sachlogisch bedingt, denn alles könnte auch „planmäßiger Entscheidung, vernünftiger Zielsetzung unterstehen“ (Horkheimer [1937]/1988, S. 181) Die Theorie, die Vernunft dürfen in diesem anspruchsvollen Sinn nicht bloß als ein arbeitsteiliges Vermögen besonderer Gruppen von Individuen oder als „gesellschaftlich nützliche Berufstätigkeit“ verstanden werden; Vernunft bleibt nicht bei den fachlichen Routinen der Wissensproduktion stehen. „Im Gegensatz zu ihren Verwaltern bezeichnet Philosophie mit anderem das Denken, sofern es vor der herrschenden Arbeitsteilung nicht kapituliert und seine Aufgaben von ihr sich nicht vorgeben läßt. […] Die Arbeitsteilung, wie sie unter der Herrschaft sich gebildet hat, wird dabei keineswegs ignoriert. Philosophie hört ihr nur die Lüge an, daß sie unausweichlich sei. Indem sie sich von der Übermacht nicht hypnotisieren läßt, folgt sie ihr in alle Schlupfwinkel der gesellschaftlichen Maschinerie, die a priori weder gestürmt, noch neu gesteuert, sondern frei vom Bann, den sie ausübt, begriffen werden soll.“ (Horkheimer und Adorno [1947]/1987, S. 275) Die Ausdifferenzierung der Vernunft in besondere Sparten des Wissens sowie berufliche Kompetenzen und Tätigkeiten gilt der kritischen Theorie als problematisch. Doch sollte dies nicht missverstanden werden. Die Kritik zielt nicht auf die Überwindung von Arbeitsteilung an sich, sie argumentiert nicht romantisierend für einfache, handwerkliche Verhältnisse. Die kritische Theorie begreift und prüft die gesellschaftliche Arbeitsteilung und Kooperation unter dem Blickwinkel von Notwendigkeit und Freiheit, von Herrschaft und Vernunft. Einen Bedarf, Vernunft neu zu begründen, gibt es nicht, denn sie wird im gemeinsamen Leben der Individuen, in ihrer Kooperation, in ihrer Kommunikation, in ihrem begrifflichen Denken, in all den Facetten der Lebenskünste immer praktiziert. Vielmehr geht es um die historisch konkrete Analyse der irrationalen Momente der bestehenden Arbeitsteilung und um ihre vernünftige Reorganisation, in der die Trennung von körperlicher und geistiger Arbeit abgeschafft ist (Adorno [1949]/1977, S. 17). Solange die gesellschaftliche Arbeitsteilung, die die konkrete Form der Vernunft darstellt, derart organisiert ist, dass sie unterhalb des Anspruchs der Vernunft bleibt, nämlich des Anspruchs einer vernünftigen Gestaltung der Arbeitsteilung selbst, einer Gestaltung, an der alle in freier Übereinkunft teilnehmen, ist auch die Vernunft begrenzt und nimmt Schaden. „Die Vernunft kann sich selbst nicht durchsichtig werden, solange die Menschen als Glieder eines vernunftlosen Organismus handeln.“ (Horkheimer [1937]/1988, S. 182) Die kritische Reflexion auf den Stand der Vernunft ist folglich eine Reflexion auf die gesellschaftliche Arbeitsteilung in der Perspektive der „intellektuellen und wirklichen Freiheit“ (Horkheimer und Adorno [1947]/1987, S. 275). Die gesellschaftlichen Akteure befähigen sich durch diese Reflexion, sich und ihrer gemeinsamen Existenzweise eine neue und selbstbestimmte Form zu geben.

3 Herrschaft durch Vernunft

Vernunft ermöglicht den Menschen, sich die Natur anzueignen, Wissen und Werkzeuge zu entwickeln, die Arbeitsprozesse zu planen und ihre Kooperation zu organisieren. Vernunft nimmt objektive Gestalt an. All das steigert nicht nur die Möglichkeiten der Selbsterhaltung als solche, sondern trägt zu immer größerer Freiheit bei, vor allem zur Freiheit von der körperlichen Arbeit selbst. Gleichzeitig jedoch erfährt die Vernunft ihre Begrenzung durch eine gesellschaftliche Arbeitsteilung, in der die einen herrschen, also über den Reichtum, das Glück und die intellektuellen Kompetenzen verfügen, während die anderen arm bleiben, die Last der körperlich anstrengenden Arbeiten tragen, die Opfer von Gewalt sind, deren Selbsterhaltung prekär ist – und die im Namen eines Allgemeinen, welches immer sein konkreter Inhalt sein mag: Staat, Nation, Markt, Zivilisation, Europa, als Überflüssige betrachtet und geopfert werden. Wenn unter herrschenden Bedingungen aufgrund fortschreitender Arbeitsteilung und Spezialisierung mehr Menschen an formellen Bildungsprozessen teilnehmen, so wird gleichzeitig Bildung in Halbbildung transformiert, also von innen her ausgehöhlt, sie vermittelt nicht die umfassende Fähigkeit, sich die gesellschaftlichen Verhältnisse begrifflich und emotional anzueignen. Kultur verliert ihre kritische Distanz zur ökonomischen Sphäre und vollzieht unmittelbar Ideologie. Sie wird unter das Kapitalverhältnis subsumiert und ein Bereich seiner Reproduktion; ihre Produkte werden auf großindustriellem Maßstab und in einer feingliedrigen Arbeitsteilung als standardisierte Massenware erzeugt und verkauft, deren ästhetische Modelle sachlich völlig überholt sind und Aufklärung in Massenbetrug verkehren. Horkheimer und Adorno halten die technologische Erklärung dieser Vorgänge für fragwürdig, die behauptet, dass die Standardisierung des kulturellen Angebots auf die Teilnahme von Millionen zurückzuführen sei. „Der technische Gegensatz weniger Herstellungszentren zur zerstreuten Rezeption bedinge Organisation und Planung durch die Verfügenden. Die Standards seien ursprünglich aus den Bedürfnissen der Konsumenten hervorgegangen: daher würden sie so widerstandlos akzeptiert. In der Tat ist es der Zirkel von Manipulation und rückwirkendem Bedürfnis, in dem die Einheit des Systems immer dichter zusammenschießt. Verschwiegen wird dabei, daß der Boden, auf dem die Technik Macht über die Gesellschaft gewinnt, die Macht der ökonomisch Stärksten über die Gesellschaft ist.“ (Horkheimer und Adorno [1947]/1987, S. 145) Es handelt sich um Herrschaft, die so, wie in der Ökonomie die Herrschaft der Kapitaleigentümer die Gestalt von Maschinen (Marx [1890]/1969, S. 454 f.), nun im Bereich der Kultur technische Form annimmt. Diese technische Rationalität vereitelt eine wesentliche Praxis der Aufklärung: dass alle aus freier Einsicht und Kooperation an der Bestimmung des Vernünftigen mitwirken. Das Radio mache demokratisch „alle gleichermaßen zu Hörern, um sie autoritär den unter sich gleichen Programmen der Stationen auszuliefern. Keine Apparatur der Replik hat sich entfaltet, und die privaten Sendungen werden zur Unfreiheit verhalten.“ (Horkheimer und Adorno [1947]/1987, S. 146; vgl. Brecht [1932]/1967, S. 127 ff.) Diese herrschaftlichen Begrenzungen bleiben der Vernunft nicht äußerlich und sind folgenreich für ihre Entfaltung. Denn die Vernunft ist zunächst einmal das den Menschen spezifische Organ der Selbsterhaltung, ist ein Moment ihrer Natur und ihrer Fähigkeit, ihre Existenz zu sichern. Darin ist der Möglichkeit nach immer die Einsicht enthalten, dass sie sich nur erhalten können, wenn sie kooperieren. Vernunft geht also immer über das Einzelne hinaus und verweist aus einer inneren Dynamik heraus auf das Allgemeine. Niemand könnte sich allein erhalten, für sich allein arbeiten, denken, fühlen. Es bedarf immer des sozialen Zusammenhangs, der die Aufgaben und Erwartungen, die Werkzeuge, die Materialien, die Wörter, Begriffe und Gefühle zur Verfügung stellt – die ganze Geschichte der Menschheit geht in alle die einzelnen Aktivitäten zur Aneignung und Gestaltung der Natur ein. Über lange Phasen der weltgeschichtlichen Entwicklung konnte sich dieser Widerspruch zwischen der Selbsterhaltung der Einzelnen und der Selbsterhaltung des Ganzen nicht entfalten. Denn das, was diejenigen, die herrschten, taten, um sich selbst zu erhalten, trug gleichzeitig auch dazu bei, dass die Unteren bei allen Opfern, bei allem Leid, überleben konnten. Aufgrund der kapitalistischen Entwicklung seit der Periode des Ersten Weltkriegs, vielleicht sogar schon früher, erschien dies Horkheimer und Adorno nicht mehr der Fall. Die Entfaltung der Produktivkräfte, also die Erzeugung des gesellschaftlichen Reichtums durch die Formen der technisch und wissenschaftlich gestützten Kooperation erreichte ein derartiges Niveau, dass niemand mehr hungern müsste und alle in Muße leben sowie den Zugang zu Kultur und begrifflichem Denken auf höchstem Niveau erhalten könnten. Doch die Produktivkräfte würden in Destruktivkräfte transformiert, der Reichtum würde dafür genutzt, um in einem ungeheuren Maßstab Gewalt zu entfesseln, die Menschen zu unterdrücken oder im Leerlauf zu beschäftigen, um weiterhin das Privileg weniger Mächtiger zu erhalten.

Vernunft, die sich für Horkheimer und Adorno also von der je konkreten Existenzweise der Menschen nicht ablösen lässt, ist zumindest seit Anbeginn der Hochzivilisationen von Herrschaft durchzogen und bestimmt, denn sie ist vorrangig die Vernunft derjenigen, die sich mit ihrer Hilfe partikularistisch selbst erhielten, die aber gleichzeitig in Anspruch nahmen, dass nur, wenn sie sich erhielten, über die anderen herrschten und Privilegien genössen, auch das Ganze Bestand haben würde. Die Vernunft wurde zum Mittel, die Verhältnisse so zu gestalten, dass diejenigen, die in ihrem Namen sprachen, Herrschaft ausüben konnten. Das bedeutet, dass ein Merkmal von Herrschaft ist, dass die Herrschenden soweit wie möglich solche Verhältnisse schaffen und gestalten, unter denen sie wiederum ihre Herrschaft reproduzieren können, die ihnen deswegen als allgemein und vernünftig gelten kann. Die Herrschenden begreifen auf ihre Weise die Zusammenhänge und das Allgemeine; doch damit begreifen sie auch, dass das Allgemeine selbst eine Herrschaftstechnik ist, die es ihnen erlaubt, ihr besonderes Interesse usurpatorisch als allgemeines Interesse auszugeben. Zwischen der Vernunft und der Herrschaft der partikularen Interessen kommt es also zu einem Kreislauf wechselseitiger Begründung; Herrschaft selbst nimmt die Form der Allgemeinheit und Vernunft an. „Herrschaft verleiht dem gesellschaftlichen Ganzen, in welchem sie sich festsetzt, erhöhte Konsistenz und Kraft. Die Arbeitsteilung, zu der sich die Herrschaft gesellschaftlich entfaltet, dient dem beherrschten Ganzen zur Selbsterhaltung. Damit aber wird notwendig das Ganze als Ganzes, die Betätigung der ihm immanenten Vernunft, zur Vollstreckung des Partikularen. Die Herrschaft tritt dem Einzelnen als das Allgemeine gegenüber, als die Vernunft in der Wirklichkeit. Die Macht aller Mitglieder der Gesellschaft, denen als solchen kein anderer Ausweg offen ist, summiert sich durch die ihnen auferlegte Arbeitsteilung immer von neuem zur Realisierung eben des Ganzen, dessen Rationalität dadurch wiederum vervielfacht wird.“ (Horkheimer und Adorno [1947]/1987, S. 44) Für die Unteren war es historisch durchaus vernünftig, sich in die von den Herrschenden geschaffene Arbeitsteilung einzufügen, sich dem Kommando über ihre Arbeit zu unterwerfen und subalterne, körperlich anstrengende Arbeiten zu übernehmen. Denn auf diese Weise können sie ihr Leben erhalten, auch wenn sie damit dazu beitragen, die Verhältnisse zu reproduzieren, unter denen sie weiterhin beherrscht werden. Mit dieser Existenzweise erhalten sie als Einzelne ihr Leben ebenso wie das Ganze und bilden gemeinsam mit den Herrschenden einen Schuldzusammenhang. Das ist ganz konkret die Verstrickung von Aufklärung und Mythos: vernünftig organisierte Aneignung der Natur durch Arbeit setzt sich als Naturzwang in die Gesellschaft hinein in der Form der gesellschaftlichen Organisation fort und wird ihrerseits von den Menschen nicht frei nach vernünftigen Gesichtspunkten gestaltet. Denn die gesellschaftliche Kooperation wird von den Herrschenden derart bestimmt, als sei es für die Aneignung der Natur erforderlich, dass die einen führen und herrschen, die anderen folgen und arbeiten; die einen die Vernunft und die Begriffe monopolisieren, die anderen in ihren Meinungen verharren.

Horkheimer und Adorno veranschaulichen diese Konstellation von Herrschaft, Arbeit, Vernunft und Subjekt in einer Analyse des zwölften Gesangs der Odyssee. Odysseus und seine Gefährten werden von Kirke gewarnt, nicht der Schönheit des Gesangs der Sirenen zu verfallen, denn dann würden sie in gedächtnislose Lebewesen rückverwandelt werden. Odysseus löste das Dilemma, in den Genuss des Gesangs zu gelangen, nicht jedoch das eigene Selbst zu verlieren, durch eine urgeschichtliche Klassenteilung auf seinem Schiff. Seine Gefährten wurden darauf verpflichtet, die körperliche Arbeit des Ruderns auszuführen, ihre Ohren wurden verschlossen, so dass sie den Gesang nicht hören konnten. Odysseus selbst ließ sich an den Mast fesseln, so dass er der Verführung des Gesangs nicht bis zur äußersten Konsequenz verfallen konnte. Horkheimer und Adorno sehen in dieser Konstellation verschiedene Herrschaftspraktiken verdichtet: die körperliche Arbeit wird aufgrund von Plan und Kommando des Gutseigentümers Odysseus auf die Gefährten übertragen. Ihnen werden die Lust und das Glück, das der Gesang verspricht, vorenthalten. Odysseus behält sich das Privileg vor, den Gesang zu hören; in dessen Genuss kommt er allerdings nur passiv als gefesselter Zuhörer. Der Gesang wird zu einem ästhetischen Ereignis entmächtigt, das ohne Folgen bleibt. Von der Arbeit befreit und gefesselt, stellt Odysseus sicher, dass er seines Selbst als Genießender, als Mann, als Führender, als Herrschender nicht verlustig geht. „Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen war. […] Die Anstrengung, das Ich zusammenzuhalten, haftet dem Ich auf allen Stufen an, und stets war die Lockung, es zu verlieren, mit der blinden Entschlossenheit zu seiner Erhaltung gepaart.“ (Horkheimer und Adorno [1947]/1987, S. 56). Horkheimer und Adorno legen mit ihrer intersektionellen Argumentation nahe, dass Klassenherrschaft und Ausbeutung der Arbeit anderer, die Naturbeherrschung, da kommandierende, männliche Selbst, die Herausbildung der Vernunft als Moment der Selbsterhaltung und die Kultur in einer intern zusammenhängenden Praxis konstituiert werden. Die Deutungen dieser Ausführungen gehen auseinander. Wird die Analyse als eine Ausbuchstabierung der Hegelschen Herr-Knecht-Dialektik gelesen, bekommt sie eine affirmative Wendung: Herr und Knecht können dann als schicksalshaft-unaufhebbar, weil auf ewig in ihre Interaktionen des Kampfs um Anerkennung und Selbsterhaltung zusammengespannt gelten. „Für die beiden Vordenker der Kritischen Theorie gibt es nichts, was dieses Streben nach Vorherrschaft, das sich in der sinnentleerten Welt totaler Arbeit niederschlägt, in vernünftige Schranken weisen könnte.“ (Hesse 1984, S. 97). Aber es geht gar nicht um die Einrichtung von vernünftigen Schranken, sondern um die Überwindung des Verhältnisses selbst. Die Überlegungen von Horkheimer und Adorno können, wie ich hier argumentiere, plausibler – und vor dem Hintergrund ihrer Überlegungen zu Sozialpsychologie und Antisemitismus – als eine Komplexitätssteigerung der kritischen Theorie verstanden werden. Demnach entfaltet sich Herrschaft gerade nicht allein in der instrumentellen Naturverfügung oder der Ausbeutung von Arbeit, sondern in einer komplexen Konstellation verschiedener Formen von Macht in den Dimensionen von ‚Natur‘, ‚Klasse‘, ‚Geschlecht‘, ‚Rasse‘ oder ‚Bildung‘. Einer solchen Konstellation wird in emanzipatorischer Absicht nur ein umfassender Begriff von Vernunft gerecht (vgl. Maihofer 1995, S. 110 ff.).

Nach Horkheimers Verständnis konnte während langer historischer Perioden Herrschaft also insofern vernünftig sein, als die Herrschenden zum Zwecke der Fortdauer ihrer Privilegien das Leben des Kollektivs derart organisierten, dass dessen Interesse dem der Herrschenden entsprach und damit zwar nicht alle, aber doch ein großer Teil der unterworfenen Einzelnen überleben konnte. Die Übereinstimmung zwischen dem allgemeinen Interesse und dem der Einzelnen ist in diesem Fall nicht demokratisch und planvoll, sondern blind und gewalttätig. Überleben können die Einzelnen nur, wenn sie konformieren und sich dem Kollektiv einfügen. Dennoch werden und wurden viele Einzelne im Namen des Kollektivs geopfert. Bis heute geschieht dies im Namen der Nation, des Staates, des Marktes, der Wettbewerbsfähigkeit, der Religion – für den Standort Deutschland wird der Tod von vielen in Kauf genommen, für die Stabilität des Euro werden Menschen in Griechenland oder Spanien geopfert, für den Schutz der staatlichen Souveränität lässt die EU die Flüchtlinge an den Grenzen Europas sterben. So setzt die moderne Gesellschaft – Horkheimer zufolge, der ja unverkennbar an Marx anknüpft – die barbarischen Zustände der Vorgeschichte fort. Vorgeschichte, das ist der Naturzwang, die Unterwerfung des Kollektivs und der Einzelnen unter die Zwänge der Aneignung der Natur durch Arbeit. Diese Aneignung wird unter dem Kommando von Wenigen vollzogen, die, weil sie mit Macht, Recht und Politik über das Wissen und die organisatorischen Kompetenzen verfügen, die Selbsterhaltung aller sichern. Daraus leiten sie wiederum ihre besonderen Rechte ab. So setzt sich der Naturzwang bis in die Gliederung der Gesellschaft, die intellektuellen Fähigkeiten und die Psychologie der Individuen sowie ihr Verhältnis zur Vernunft fort. „Die möglichst vollständige Anpassung des Subjekts an die verdinglichte Autorität der Ökonomie ist zugleich die Gestalt der Vernunft in der bürgerlichen Wirklichkeit.“ (Horkheimer [1936]/1988, S. 373) Damit gibt dieses Verhältnis von Allgemeinem und Einzelnem auch ein Maß für die Vernunft der Verhältnisse. Horkheimer war ja im Gegensatz zu einem großen Teil der marxistischen Orthodoxie überzeugt davon, dass Herrschaft, also die „für jede Epoche charakteristische Scheidung in Produktionsleiter und Ausführende“ sich nicht allein durch Zwang aufrecht erhalten könne (Horkheimer [1936]/1988, S. 344). Die Autorität der Herrschenden kann sich dann als objektiv notwendig erweisen, wenn das Kollektiv und die Subalternen nur dadurch überleben können, dass sich das partikulare Interesse der Herrschenden durchsetzt. „Durch ganze Zeitspannen hindurch lag Unterordnung im eigenen Interesse der Beherrschten wie die des Kindes unter eine gute Erziehung. Sie war eine Bedingung für die Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten. […] Autorität als bejahte Abhängigkeit kann daher sowohl fortschrittliche, den Interessen der Beteiligten entsprechende, der Entfaltung menschlicher Kräfte günstige Verhältnisse bedeuten als auch einen Inbegriff künstlich aufrechterhaltener, längst unwahr gewordener gesellschaftlicher Verhältnisse und Vorstellungen, die den wirklichen Interessen der Allgemeinheit zuwiderlaufen.“ (Horkheimer [1936]/1988, S. 360) Um sich selbst zu erhalten, müssten die Menschen sich jedoch schon längst nicht mehr unterordnen, nicht gehorsam folgen, sondern könnten in aller Freiheit auf dem entwickelten Stand der Produktivkräfte in eine freie, vernünftig selbstbestimmte Kooperation eintreten. Ja, Autonomie wäre angesichts der destruktiven, barbarischen Dynamiken kapitalistischer Gesellschaften selbst unter dem schlichten Gesichtspunkt der Selbsterhaltung angebracht. Die Vertreter der Kritischen Theorie begreifen die zeitgenössischen bürgerlichen Verhältnisse als ungleichzeitig und historisch für überholt: sie sind so beschaffen, dass sie den gesellschaftlichen Reichtum, die Wissenschaften und die Technik dazu nutzen, möglich gewordene Freiheit und Emanzipation zu verhindern. Nach meinem Verständnis geht es Horkheimer und Adorno nicht darum, dass sie einer gescheiterten Revolution in Westeuropa nach dem Ersten Weltkrieg nachtrauern und angesichts der Folgen dieses Scheiterns resignieren. Ganz im Sinne der materialistischen Theorietradition wollen sie die Folgen dieser Konstellation für die Begriffe der bürgerlichen Gesellschaft, für ihren emanzipatorischen Gehalt und damit auch für die weitere theoretische Praxis der marxistischen Theorie sowie die Perspektiven der Emanzipation begreifen und zu einer Theorie des aktuellen Standes von Herrschaft ausarbeiten: die bürgerliche Gesellschaft muss die Begriffe der Vernunft, der Wahrheit, der Theorie entwerten, um für sich selbst undurchsichtig zu werden in einer historischen Phase, in der Freiheit möglich geworden ist. Um diese neuartige Konstellation zu begreifen, verbinden Horkheimer und Adorno philosophische Argumente und konkrete Analysen zu einem spezifischen Wissenstyp, der weder philosophisch noch einzelwissenschaftlich ist.

4 Funktionswechsel der Vernunft

Die bürgerliche Gesellschaft konnte in der Periode nach dem Ersten Weltkrieg und nach den weitgehend niedergeschlagenen Revolutionen durch ihre Reorganisation überleben. Mit Verfolgung und Gewalt wurden die Intellektuellen, die für kritisches Denken standen, an den Rand und in subjektive Krisen gedrängt, eingesperrt oder ermordet. Ihre Lebensgrundlage, die kulturellen Apparate, wurde den Investitions- und Entscheidungsinteressen der Mächtigen unterworfen. Die Organisationen der Arbeiterbewegung, die Gewerkschaften und Parteien, wurden in Klassenkompromisse eingebunden und in Mechanismen zur Aufrechterhaltung von Herrschaft transformiert. In der historischen Phase, in der das frühe Bürgertum eine aufsteigende Klasse war, gegen die Autorität der Tradition und um das Recht auf die Gestaltung der sozialen Verhältnisse kämpfte, nahm es für sich in Anspruch, im Namen von Menschheit, Freiheit, Gleichheit, Glück und Vernunft zu sprechen, und trug damit zu einem Verständnis radikaler Weltimmanenz und zur Formierung der Menschheit als Kollektivsubjekt bei (vgl. Horkheimer [1936]/1988, S. 362). Im Vergleich zu dieser früheren Periode beobachten Horkheimer und Adorno für die neue Periode der kapitalistischen Vergesellschaftung seit den 1920er-Jahren einen Umschlag, einen Funktionswechsel von Wahrheit und Vernunft. Das Bürgertum gab nämlich seine partikularen Interessen nicht auf, die Spaltungen der Menschheit in Nationen, Rassen, Geschlechter, Fortgeschrittene und Zurückgebliebene wurden beibehalten, erneuert und vertieft. Jene Universalismen wurden entweder als Mittel solcher Spaltungen eingesetzt und ihrem Gehalt nach ausgehöhlt oder, wie im Fall des Faschismus, vollständig fallen gelassen. Für die Vertreter der älteren Kritischen Theorie war es irritierend, feststellen zu müssen, dass ein wesentlicher Aspekt der Vernunft, nämlich das Moment der Planung, seit den 1930er-Jahren zur Grundlage einer erweiterten Reproduktion von Herrschaft werden konnte. „Mit jedem Stück erfüllter Planung sollte ursprünglich ein Stück Repression überflüssig werden. Stattdessen hat sich in der Kontrolle der Pläne immer mehr Repression auskristallisiert.“ (Horkheimer [1942]/1987, S. 313) Sie beobachteten dies in den USA, der Sowjetunion und in Nazi-Deutschland. Beeindruckt hatte sie offensichtlich die Überlegungen eines der führenden nationalsozialistischen Soziologen, Hans Freyer, der die Ansicht vertrat, dass nicht die Planenden herrschen, sondern die Herrschenden planen sollten. Dies gab Horkheimer den Anlass, den Begriff der Vernunft und einer vernünftig gestalteten Totalität neu zu durchdenken. Es handelte sich also keineswegs um eine resignative Stimmung, sondern um eine ernsthafte Forschungsfrage, die den historischen Funktionswandel der Begriffe Vernunft und Totalität zu begreifen sucht. Denn wenn die bürgerliche Gesellschaft nicht mehr vom Markt, von der Konkurrenz und der Distributionssphäre bestimmt war, also auch nicht mehr von den marktnahen Begriffen der rechtlichen Gleichheit und Freiheit, sondern die Monopole und die Agenturen der autoritären Staaten die Nachfrage und Produktion, das kollektive Verhalten und die kulturellen Muster, die Gewerkschaften und Arbeiterparteien zu lenken vermochten – wenn also die Herrschenden dazu übergingen, die gesellschaftlichen Verhältnisse machtvoll und durchdringend zu planen, wie konnte dann noch weiter auf einen der zentralen kritischen Begriffe der emanzipatorischen Bewegungen, nämlich Vernunft, Bezug genommen werden? Wenn die bürgerliche Gesellschaft sich selbst schon totalisierte, wie konnte dann im Sinne von Lukács noch angenommen werden, dass das emanzipatorische Ziel in der Herstellung einer Identität von Subjekt und Objekt und der Totalität zu sehen sei? Horkheimer, der selbst diese Vorstellung in seinem programmatischen Text „Traditionelle und kritische Theorie“ (Horkheimer [1937]/1988, S. 185) noch teilte, ging nur kurze Zeit später schon kritisch dieser Frage in einer intensiven Lektüre vor allem der Texte der französischen Aufklärer nach. In der Französischen Revolution sah er die spätere Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft hin zum autoritären Staat urgeschichtlich vorgezeichnet. Unter Robespierre sei sie ihrer Tendenz nach totalitär gewesen, habe aber auch jene linken Gegner des Etatismus hervorgebracht, deren antiautoritäres Ziel die menschliche Gesellschaft und klassenlosen Demokratie ohne Lohnarbeit und ohne die Zwangsmittel des Staates war (vgl. Horkheimer [1942]/1987, S. 299, 312).

Mit der Veränderung der kapitalistischen Reproduktion änderte sich auch das Verhältnis der bürgerlichen Gesellschaft zu Vernunft, Freiheit oder Totalität. Für Horkheimer und Adorno war dies folgenreich, weil sie Vernunft als eine objektive Praxis begriffen. Die entwertende Distanz des Bürgertums zu Vernunft oder Freiheit geschah diesen Begriffen nicht von außen. Ihr emanzipatorisches Potenzial war nicht als solches schon verbürgt. Vielmehr entfaltete die Geschichte ihre innere Dialektik und machte intelligibel, dass die Vernunft historisch bestimmt war durch den Stand von Herrschaft. Solange die Herrschenden nach rationalen Gesichtspunkten überzeugend deutlich machen konnten, dass das Kollektiv nicht ohne ein Kommando von oben überleben kann, wird das Interesse einer kleinen Gruppe von Mächtigen als das der Allgemeinheit anerkannt (die Rettung der sogenannten „systemrelevanten“ Banken nach Ausbruch der Krise 2008 zugunsten weniger Vermögensbesitzer veranschaulicht diesen Zusammenhang auf aktuellem Niveau). Was mit dem liberalen Denken im Nationalsozialismus, was mit dem sozialistischen Denken in der Sowjetunion geschah, der Umschlag in den Mythos, die Totalisierung des Ganzen, das seiner inneren Vermittlungen beraubt wurde, war ein Moment der Vernunft und ihrer historischen Dynamik. Die Vernunft, die den Menschen ihre Selbsterhaltung ermöglicht, konnte bislang immer wieder in den Mythos umschlagen, also in eine Praxis der Unterwerfung unter Natur und eine Angleichung an sie bis zur Selbstaufgabe. Zu keinem bekannten historischen Zeitpunkt gab es je eine herrschaftsfreie Vernunft. Worum sich Horkheimer und Adorno gegen die Ursprungsphilosophie und ihre Mythen bemühen, ist der Nachweis, dass Vernunft keinen unschuldigen Nullpunkt kennt, dass es kein stilles Denken des Seins, keinen unverstellten Zugang zur Natur gibt. Schon der erste Moment der Anpassung an die Natur, vom Impuls bestimmt zu überleben, war Aufklärung. Aber jene erste Aufklärung war schon Herrschaft. Es bildet sich das identische Ich, das sich an Natur anpasst. Um dies zu können, tritt das Individuum gleichzeitig in Distanz zur Natur, es bildet ein distanzierendes, taktisches, kalkulierendes Verhältnis zu sich selbst aus. Dieses Selbst wird Gegenstand von Herrschaft ebenso wie die Natur, denn das identische Ich will auf diese Weise Herr über sich selbst und die Dinge und Situationen sein, um zu überleben. Aber in solchen Prozessen der Anpassung geht das Leben vorbei: „Das Leben lebt nicht“, wie Adorno in den „Minima Moralia“ Ferdinand Kürnberger zitiert. Eine solche herrschaftliche Aufklärung ergreift am Ende die Begriffe der Aufklärung selbst. Die Vernunft wendet sich, Kant immer weiter radikalisierend, gegen sich selbst und fragt kritisch, ob nicht ihre spezifischen Gehalte wie Freiheit und Gleichheit die Lern- und Anpassungsfähigkeit der Individuen und der Gesellschaft und damit die Selbsterhaltung gefährden. In einer radikalen Geste stellt die Aufklärung reflexiv auch noch ihre eigenen begrifflichen Grundlagen in Frage. Die Aufklärung wird in einem radikalen Sinn totalitär (Horkheimer und Adorno [1947]/1987, S. 28, 47). Herrschaft durchdringt das Ganze, nimmt es in den Griff und lässt im Namen der Emanzipation die emanzipatorischen Gehalte nicht mehr gelten. Totalität erweist sich als bürgerliches Bestreben, nichts draußen zu lassen, die gesellschaftlichen Widersprüche wenn nicht zu leugnen, dann doch alles, auch den immer von neuem nicht aufgehenden Rest, in eine durch identifizierende Vernunft hergestellte zwanghafte und gleichsam logisch-systemische Einheit der Gesellschaft zu integrieren (vgl. Demirović 2015). Der radikalste bürgerliche Denker dieses affirmativen, integrierenden Vernunft-, Widerspruchs- und Totalitätsbegriffs ist Hegel. Deswegen stehen die kritische Auseinandersetzung mit ihm und die Ausarbeitung einer negativen Dialektik und Totalität im Zentrum der Arbeiten von Adorno nach der Rückkehr aus dem Exil. Um es zu betonen: Es handelt sich für Horkheimer und Adorno nicht um Exerzitien der Verzweiflung, sondern um die Bemühung um eine nicht-naive, kritische Fortsetzung und Erneuerung der kritisch-materialistischen, marxistischen Gesellschaftstheorie und die Vorbereitung einer Praxis, die tatsächlich zu Emanzipation führt und nicht erneut in mythische Gewalt umschlägt. Der kritische Sachverhalt ist für die materialistische Theorie offensichtlich. Mit Vernunft begreifen, planen und organisieren Menschen ihre Lebensverhältnisse. Der emanzipatorische Aspekt liegt auf der Hand: die Menschen gestalten die Art und Weise ihres Zusammenlebens selbst. Doch darin steckt das sehr grundlegende Problem, dass die Vernunft, also die Arbeitsteilung und die allgemein geltenden Interessen, herrschaftlich ist. Dem traditionellen, herrschenden Wissenschaftsverständnis zufolge, das bis weit in den Marxismus hineinreicht, erkennen die Menschen die Gesetzmäßigkeiten von Natur und Gesellschaft immer umfassender und nähern sich ihnen immer weiter an, auch wenn sie sie niemals erreichen können. Nach Maßgabe dieses Erkenntnis- und technischen Fortschritts können die gesellschaftlichen Verhältnisse eingerichtet werden. Entsprechend wird die Selbsterhaltung der Menschen auf immer höherem Maßstab gewährleistet; gleichzeitig wird der Tendenz nach auf diese Weise die Organisation des sozialen Zusammenlebens immer unfreier, weil sie in immer stärkerem Maße von wissenschaftlich-technischen Gesichtspunkten bestimmt ist – in denen, um es noch einmal zu sagen, die Verallgemeinerung der Kommandogewalt der Herrschenden enthalten ist. Der Fluchtpunkt einer solchen Entwicklung wäre dann die Identität von Subjekt und Objekt, die gleichbedeutend wäre mit jenem von Weber so genannten stählernen Gehäuse der Hörigkeit. Horkheimer und Adorno wurden ihre kritischen Vorbehalte gegenüber jener Erwartung auf die Identität von Subjekt und Objekt, die gleichbedeutend mit Emanzipation sein sollte, im Laufe ihrer Arbeiten immer deutlicher. In der identitätsphilosophischen Zielsetzung, die der Aufklärung immanent war, liegt auch deren Umschlag in Mythos begründet, also die wahnhafte Vorstellung, dass Menschen ihr Zusammenleben und die Natur mit Vernunft vollständig unter Kontrolle bringen und steuern könnten. Kritisch – und mit Blick auf Horkheimers Schriften aus den 1930er-Jahren – argumentieren sie demgegenüber materialistisch und praxisphilosophisch in eine andere Richtung. Demnach fällt Subjekt immer ins Objekt, die Vernunft ist ein Moment der Selbsterhaltung der Menschen, die Tiere bleiben. Menschen sind naturhaft, der Reichtum wird nicht allein von ihnen durch Arbeit geschaffen, die Welt nicht aus ihrem Kopf erzeugt. Menschen bearbeiten in ihrer kooperativen Praxis – mit Begriffen, Gefühlen und Werkzeugen – die Natur, das soziale Zusammenleben und sich selbst. Dabei erzeugen sie in einem immer stärkeren Maße und auf historisch jeweils konkrete, determinierende Weise ihre Verhältnisse, die natürliche und soziale Umwelt, in der sie leben. Zu einer aufgeklärten Erkenntnis gehört gleichwohl die Einsicht in das Gemachte, in die Vorläufigkeit, in die Tatsache also, dass das, worauf der Begriff geht, niemals in diesem aufgeht. Die Geschichte schließt nicht ab, aber die Art und Weise, wie das Subjekt in das Objekt fällt, kann sich historisch ändern. Das gesellschaftliche Verhältnis zur Natur, der Stoffwechsel mit ihr, muss nicht Herrschaft bleiben, sondern lässt sich versöhnen und vernünftig gestalten. Dass Vernunft nicht gottgleich das Objekt umfassen und mit diesem identisch werden kann, ist nicht als Unzulänglichkeit zu bedauern; vielmehr umgekehrt: in den Praktiken der Erkenntnis, der Gefühle entstehen auf immer neue und umfassendere Weise neue Erkenntnisse, Gefühle, Aneignungsweisen der Natur und Lebensformen. Der entscheidende Punkt ist demnach, dass die Menschen durch ihre Praxis immerzu neue Verhältnisse schaffen, unter denen sie leben und die sie dann wiederum erkennen und verändern. Das, was zu erkennen ist, wird auf paradoxe Weise immer umfangreicher – ebenso, wie auch die Individuen sich mit ihren Verhältnissen immer weiter differenzieren, verfeinern und universalisieren. Vernunft, richtig und emanzipatorisch verstanden, zielt demnach nicht auf Identität, auf Abschließung, sondern auf Öffnung, auf Erschließung, darauf, immer wieder neue Konstellationen von Praktiken herzustellen. Anders gesagt, die Aufgaben der Aufklärung wachsen durch die Einsicht, dass die Vernunft sich ins Offene bewegt und Menschen praktische Wesen sind, die sich und ihre Verhältnisse in der Auseinandersetzung mit der Natur ständig neu erzeugen. Unter Bedingungen der Herrschaft kann diese Einsicht aber selbst nicht praktisch relevant werden.

5 Für eine Überwindung der Dialektik der Aufklärung

Die theoretische Frage stellt sich, ob es Horkheimer und Adorno gelingt, den Nachweis zu erbringen, dass die Vernunft tatsächlich aus ihrer Dynamik heraus totalitär wird. Wiggershaus (1986, S. 372) hält die These von der Selbstzerstörung der Aufklärung für eine irreführende Pointe. Denn genauer betrachtet, würden die Autoren die Unterscheidung einer wahren von einer falschen Aufklärung, einer objektiven von der bloß subjektiven, instrumentellen Vernunft in Anspruch nehmen. Aus dem Blickwinkel dieser Unterscheidung betrachtet – und von der Position jener wahren Aufklärung gesprochen – wäre die bisherige Aufklärung keine wirkliche, sondern nur die Praxis der subjektiven Vernunft und damit die Verhinderung der Aufklärung im Sinn der Gestaltung des vernünftigen Ganzen. Andreas Hetzel vertritt im Anschluss an Überlegungen von Düttmann und Menke demgegenüber die These, dass Adorno, anders als Horkheimer, konsequenter und die Vernunft nach seinem Verständnis tatsächlich aporetisch sei. Danach ist die Vernunft durch eine konstituierende Aporetik definiert. Für Adorno sei Vernunft „gerade die Lücke, die sie von sich selbst trennt, die sie daran hindert, sich vollständig zu verwirklichen und gegenüber ihrem Anderen zu totalisieren“ (Hetzel 2011, S. 395). Demnach wird die Vernunft, das Denken, der Begriff niemals identisch mit dem Objekt. In beiden Deutungen wird etwas Richtiges gesehen: Die Überlegungen von Horkheimer und Adorno stellen aufgrund einer radikalen materialistischen Reflexion auf den emanzipatorischen Gehalt von Vernunft in der marxistischen Theorie einen Wendepunkt dar. Über das Ganze der Vernunft muss neu nachgedacht werden. Gleichzeitig wird in beiden Interpretationen mit gegensätzlichen Argumenten das Problem entschärft: im einen Fall wird unterstellt, dass Horkheimer und Adorno nicht konsequent argumentieren und zwei Begriffe von Aufklärung verwenden; im anderen Fall gilt dies nur für Horkheimer, während Adorno durchaus konsequent die Aporie der Vernunft herausarbeitet, aber diese als zu ihrem Begriff gehörig begreift. Meiner Ansicht nach wird mit dieser Alternative auf eigentümliche Weise die Dialektik des Vernunftbegriffs verfehlt, die Horkheimer und Adorno sich herauszuarbeiten bemühen. Sie argumentieren tatsächlich für einen anspruchsvolleren Begriff der Vernunft; dieser allerdings war in der Vernunft immer schon enthalten. Da es sich um eine in Klassen gespaltene Gesellschaft handelt, in der sich die Selbsterhaltung der Menschen nur in Antagonismen vollzieht, ist auch die Vernunft intern widersprüchlich: sie ist Moment der individuellen und allgemeinen Selbsterhaltung ebenso wie Moment partikularistischer Herrschaft. Vernunft darf weder vereindeutigt noch wegen dieser Widersprüchlichkeit aufgegeben werden. Adorno arbeitet im Anschluss an die „Dialektik der Aufklärung“ jenen umfassenderen, emanzipatorischen Begriff von Vernunft weiter aus. Mit seiner Konzeption einer negativen Dialektik will er einen offenen, nicht auf die Identität von Subjekt und Objekt, nicht auf Totalität zielenden Begriff der Vernunft vorbereiten. In diesem Sinn verstanden, ist Vernunft nicht aporetisch und konstitutiv durch eine Lücke gekennzeichnet – anders gesagt: emanzipierte Vernunft will sich vermittels einer verbindlichen Praxis verwirklichen und objektivieren, aber es gehört zu ihrem emphatischen Verständnis von Freiheit ohne Hybris das Wissen, dass sie an der Gestaltung einer Welt mitwirkt, in der sie ein Moment ist und die je nach dem Stand der Erkenntnis auf jeweils neue Weise über sie hinausgeht. Vernunft wird nicht durch Analyse, Reflexion und Begriff totalitär, sondern dort, wo sie, identitätsphilosophisch vorentschieden, glaubt, alles auf den identischen Begriff bringen zu können, immer schon alles weiß und nicht offen ist für die durch Praxis jeweils neu gestaltete Welt. Versöhnende Vernunft zielt nicht mehr auf Totalisierung: „Erst wo das Grenzen setzende Prinzip der Totalität, wäre es auch bloß das Gebot, ihr gleich zu sein, zerginge, wäre Menschheit und nicht ihr Trugbild.“ (Adorno [1964]/1977, S. 620). So verstandene Vernunft stellt ein neues Maß für zukünftige Emanzipation dar. Aber auch rückblickend ist sie der Maßstab der Kritik der bisherigen Verstrickung von Aufklärung und Mythos. Insofern hat Wiggershaus mit dem Hinweis recht, dass Horkheimer und Adorno den Begriff einer wahren Aufklärung in Anspruch nehmen. Aber diese war noch nicht, sondern sie in all ihrer Radikalität vorzubereiten verstehen die Autoren als Aufgabe der kritischen Theorie. Dies will ich im Folgenden erläutern.

Meine These ist also, dass gerade der zugespitzte Gedankengang die „Dialektik der Aufklärung“, der das Scheitern der bürgerlichen Aufklärung nachzeichnet, zu einem grundlegend kritischen und durchaus optimistischen Buch macht, weil Horkheimer und Adorno in einer mehr als düsteren historischen Lage einen Wendepunkt in der Weltgeschichte der Aufklärung sahen, und in dieser historischen Konstellation für einen neuen Begriff von Vernunft und Befreiung eintreten wollten. Horkheimer und Adorno argumentieren, dass die Vernunft in der bisherigen Geschichte im Bann der Herrschaft stand, dass diese Vernunft sich nicht durchsichtig war und immer wieder in den Mythos umschlug, der Mythos aber auch seinerseits immer Aufklärung war, insofern er Modelle der Erklärung anbot: der Zorn der Götter, der Wille Gottes, die ewige Ordnung der Schöpfung, und eine Einwirkung auf Natur und Selbsterhaltung ermöglichte. Wenn es sich so verhält, dann wäre mit Zwangsläufigkeit auch für alle Zukunft mit immer neuen solchen Umschlägen in beide Richtungen zu rechnen. Immer würden Menschen für den Fortschritt des Wissens und die Aufklärung der Menschen eintreten, immer käme es zu erneuten mythischen Rückfällen. Das bedeutet ja nichts anderes, als dass der historische Prozess, in dem Aufklärung stattfindet, als ganzer selbst immer noch mythisch ist, sofern der Mythos gekennzeichnet ist durch eine Art stillstehende Zeit, eine Wiederkehr des Immergleichen. Zwar mag es Fortschritt geben, aber das Gesetz seit Adams Zeiten wird nicht gebrochen, das Ganze selbst schreitet nicht voran (vgl. Adorno [1964]/1977, S. 623). Gegen die Subalternität gegenüber den schicksalhaften Gesetzmäßigkeiten wendet sich die Kritischen Theorie; gegen jene bescheidene Haltung, dass es zur menschlichen Bestimmung gehöre, immer wieder den Stein den Berg hochzurollen. Wir könnten uns bei einem solchen Schicksal bescheiden: dem Faschismus, dem Holocaust und der nuklearen Zerstörung von Hiroshima folgen die wohlfahrtsstaatliche Demokratie und der Ausbau der sozialen Bürgerrechte – diesen folgen die gegenaufklärerischen neoliberalen Mythen des Marktes und der Nation – und diesen werden erneut Formen der Demokratie und der Sicherheit folgen. Was einmal möglich war, die Barbarei des Genozids, wird zwanghaft an anderen Orten wiederholt. Geschichtsphilosophisch kann eine neue Welle der Aufklärung, der regulierenden Normen erwartet werden. Aber was ist mit all den vielen namenlosen Opfern dieser zyklischen Geschichte zwischen Aufklärung und Mythos? Was mit den langfristigen krisenhaften Entwicklungen? Wie viele Anstrengungen wird es die Überlebenden kosten, auch nur den Status quo ante wieder herzustellen, Naturzerstörungen einzudämmen, Gewohnheiten zu mäßigen, das Elend zu beseitigen, die Traumata zu bewältigen? Horkheimer und Adorno lehnen die kantisch-hegelische Sicht ab, allen Opfern der Vorgeschichte einen höheren Sinn geben zu wollen; sie vermitteln in der „Dialektik der Aufklärung“ eine andere Perspektive. Wenn sie sich der Dialektik der Vernunft zuwenden, dann offensichtlich mit dem Ziel, dazu beizutragen, die Vernunft aus diesem mythischen Zusammenhang selbst zu befreien, sie vor sich selbst und dem Verhängnis ihrer widersprüchlichen Dynamik zu retten, in dem sie menschheitsgeschichtlich bislang befangen war. Die Emanzipation der Menschheit kann nur gelingen, wenn die Vernunft und all das, was sie begrifflich beinhaltet, einmal nicht mehr zwanghaft in den Mythos umschlägt, wenn es also der Vernunft aus eigener Kraft möglich wird, aus dem Bann der Natur herauszutreten, in den die Aufklärung durch die herrschaftliche Praxis der Naturbeherrschung immer noch verstrickt ist. Es geht also nicht um die bessere Verwaltung dieser Umschläge von Aufklärung in Mythos und von Mythos in Aufklärung, nicht darum, resiliente Strukturen zu schaffen, die den zivilisatorischen Rückfällen wenigstens graduell widerstehen, um bessere Ausgangsbedingungen für einen zukünftigen Fortschritt zu schaffen. Sicher, darum geht es auch, um Sand ins Getriebe zu streuen, um Ungleichzeitigkeiten zu schaffen, die zu „Residuen der Freiheit“ werden können (Adorno [1969b]/1987, S. 13). Aber das Ziel ist in weltgeschichtlicher Absicht anspruchsvoller, als nur die nächste Welle mythisch-grausamer Ereignisse zu überstehen. Angesichts der Tatsache, dass die Aufklärung in ihrer liberalen Gestalt wie in ihrer sozialistischen Fortsetzung in autoritäre Formen umgeschlagen ist und dem Mythos neue Impulse gegeben hat, wenden sich Horkheimer und Adorno der Herausforderung zu, Aufklärung und Vernunft in der Weise radikal weiter zu denken, dass die Menschheit einmal aus dieser Dialektik der Vernunft selbst heraustreten und ihre naturgeschichtliche Periode, die Vorgeschichte, hinter sich lassen kann. Das ist die Konzeption der negativen Dialektik, also Konzeption einer letzten Dialektik, die die Dialektik und die gesellschaftlichen Widersprüche selbst noch unter der Perspektive ihrer historischen Überwindung begreift. Doch ist es ein Merkmal der Kritischen Theorie, dass sie solche Veränderungen zwar auch, aber nicht allein philosophieintern und vom Denken erwartet. Sie will nicht den Begriff der Vernunft philosophisch reformulieren oder neu begründen, sich nicht auf normative Grundlagen besinnen und diese noch tiefer legen. Der Preis für die Allgemeinheit, die auf diese Weise begründet würde, ist letztlich eine weitere Formalisierung der Vernunft, um in der von Gegensätzen durchzogenen Gesellschaft alle Individuen inkludieren zu können. Vernunft würde noch unverbindlicher. Demgegenüber muss der Stand der Vernunft und der Begriffe – wie oben ausgeführt – im Kontext der gesellschaftlichen Arbeitsteilung reflektiert werden. Horkheimer und Adorno versuchen dementsprechend, gesellschaftstheoretisch die Möglichkeiten theoretischer Praxis in den historischen Konstellationen zu bestimmen. Den Zwang zur Anpassung an die Natur halten sie für historisch obsolet. Nach ihrem Verständnis haben sich die Produktivkräfte in einem derartigen Maße entfaltet, dass alle Menschen ohne materielle Not leben und grundlegende, die Gesellschaft konstituierende Widersprüche längst überwunden sein könnten. War es immer schon Mythos, wenn partikulare Kräfte in Anspruch nahmen, nur sie stünden für das Allgemeinwohl, das Überleben des Gemeinwesens ein, und sei es nicht möglich, solidarisch miteinander zu leben, so gibt es für Herrschaft mit dem entwickelten Kapitalismus seit Beginn des 20. Jahrhunderts keinerlei rationale Grundlage mehr, kein partikulares Interesse kann noch geltend machen, nur unter seiner Führung könne das Überleben der Gattung sicher gestellt werden. Im Gegenteil verhindert jeder solche Anspruch eines partikular Allgemeinen, dass sich die Menschheit als versöhnte Allgemeinheit konstituiert. Dieser These zufolge bereitet sich aufgrund der materiellen, von Herrschaft selbst voran getriebenen Entwicklung weltgeschichtlich ein neuer Vernunftbegriff vor, der Subjekt und Objekt nicht länger miteinander identifiziert und das Nichtidentische freisetzt.

Im Schlussteil des Abschnitts „Begriff der Aufklärung“ entfalten Horkheimer und Adorno diese Überlegung. Wenn die „Gewalt des Systems über die Menschen mit jedem Schritt wächst, der sie aus der Gewalt der Natur herausführt“, dann denunziere diese Absurdität des Zustandes die Vernunft der vernünftigen Gesellschaft als obsolet (Horkheimer und Adorno [1947]/1987, S. 60). Bis ins Denken hinein, das sich als Herrschaft erweist, weil es das Denken der Herrschenden ist, reiche unversöhnte Natur. Doch das Denken, die Vernunft, der Geist weisen von sich aus auch jeweils über das Partikulare auf das Allgemeine hinaus. Wenn die Herrschenden als partikulare Gruppe in Anspruch nehmen, das Allgemeine der Selbsterhaltung aller zu verkörpern, so tun sie dies doch nicht im umfassenden Sinn der Konstitution der Menschheit, aber sie bereiten jenes Allgemeine, die Möglichkeit der „Gestaltung der Gesellschaft im ganzen“ vor (Horkheimer [1937]/1988, S. 191). Denn das Allgemeine wird geltend gemacht. Dem Knecht kann der Herr nicht nach Belieben Einhalt gebieten. „Die Instrumente der Herrschaft, die alle erfassen sollen, Sprache, Waffen, schließlich Maschinen, müssen sich von allen erfassen lassen. So setzt sich in der Herrschaft das Moment der Rationalität als ein von ihr auch verschiedenes durch.“ (Horkheimer und Adorno [1947]/1987, S. 60) Der partikulare Ursprung des Denkens und seine universelle Perspektive war seit je untrennbar (Horkheimer und Adorno [1947]/1987, S. 61). Wenn Denken aus der Herrschaft über Natur und Menschen erwuchs, dann beinhaltet sie in der Konsequenz zu jedem Zeitpunkt auch die Kritik an ihr. „Jeder Fortschritt der Zivilisation hat mit der Herrschaft auch jene Perspektive auf deren Beschwichtigung erneuert.“ (Horkheimer und Adorno [1947]/1987, S. 63). Widerstand und Aufbegehren gegen Herrschaft gab es zu allen Zeiten, doch unter naturwüchsigen Umständen erschloss sich den Individuen die praktische Allgemeinheit ihres Zusammenhangs noch nicht – sie wussten davon nur in religiöser Form, in der das Allgemeine ihres Kollektivleben als transzendente Macht Gottes erscheint. Erst mit der kapitalistischen Produktionsweise erschließt sich den Menschen ihre gemeinsame kooperative Macht. Aufgrund der kapitalistischen Entfaltung der Industrie und Maschinerie habe sich unter den zeitgenössischen Bedingungen die „Perspektive des Allgemeinen, die gesellschaftliche Verwirklichung des Denkens“ weit geöffnet (Horkheimer und Adorno [1947]/1987, S. 61), das in der Apparatur geronnene und das lebendige Denken können sich versöhnen. Das ist auch deswegen möglich, weil aufgrund dieses Entwicklungsstandes die Herrschenden selbst das Denken verleugnen. Theorie der Gesellschaft als fortgeschrittenste Gestalt des Denkens in der Gegenwart, jede intellektuelle Anstrengung, die sich um den Menschen kümmere, „Theorie überhaupt“, gerate in Verruf (Horkheimer [1937]/1988, S. 206). Denn jeder Anspruch auf Allgemeinheit würde darauf hinweisen, dass Herrschaft und damit die überlieferte Arbeitsteilung obsolet sei. Die Herrschenden lassen deswegen von der Vernunft, von der in ihr enthaltenen Allgemeinheit und ziehen sich selbst auf den Mythos zurück (die Mythen der Nation, Rasse, des Staates, der Technik, der Heilsgewissheit, des Erfolgs – oder aktueller: des Wirtschaftsstandorts, des Wachstums, der Wettbewerbsfähigkeit). Es seien nicht mehr die „objektiven Marktgesetze, die in den Handlungen der Unternehmer walteten und zur Katastrophe trieben“, vielmehr vollstrecke die bewusste Entscheidung der Generaldirektoren als Resultante das alte Wertgesetz (Horkheimer und Adorno [1947]/1987, S. 61). Die Herrschenden glaubten an keine objektive Notwendigkeit mehr, sie spielten sich als Ingenieure der Weltgeschichte auf. Diese Analyse Horkheimers und Adornos besagt, dass die Herrschenden willentlich, also gewissermaßen aus Freiheit die Blindheit der Naturzwänge fortsetzend, herrschen und selbst nicht mehr von der Allgemeinheit und Notwendigkeit ihres Handelns für das Überleben des Ganzen überzeugt sind. Handlungsunfähig erweisen sie sich angesichts der Weltwirtschaftskrise, der Klimakatastrophe oder den globalen Fluchtbewegungen. Doch obwohl sie keine Lösungen haben, wollen sie ihre partikularistische Lebensweise und ihre Vorteile nicht aufgeben, sondern versuchen, sich mit partikularistischen Maßnahmen zu retten (gated communities, autoritärer Populismus). Das schöpferische und vernünftige Potential der Herrschaft kann deswegen historisch als erschöpft gelten. Herrschaft habe zur Erhaltung der Gesellschaft bislang trotz allen Elends beigetragen und die Fähigkeit, die Natur zu beherrschen, in einem ungeheuren Ausmaß entfaltet. Der Gegensatz von Macht und Ohnmacht wachse zusammen mit der Kapazität, das Elend auf Dauer abzuschaffen, ins Ungemessene. Die Vernunft, das Denken sind deswegen aus dem zwanghaften Zusammenhang mit Selbsterhaltung und Herrschaft frei gesetzt. Das erlaubt es der Vernunft, sich kritisch auf diejenigen Aspekte an ihr selbst zu besinnen, die mit Herrschaft verbunden sind. Der Begriff distanziere nicht bloß, „als Wissenschaft, die Menschen von der Natur, sondern als Selbstbesinnung eben des Denkens, das in der Form der Wissenschaft an die blinde ökonomische Tendenz gefesselt bleibt, läßt er die das Unrecht verewigende Distanz ermessen. Durch solches Eingedenken der Natur im Subjekt, in dessen Vollzug die verkannte Wahrheit aller Kultur beschlossen liegt, ist Aufklärung der Herrschaft überhaupt entgegengesetzt und der Ruf, der Aufklärung Einhalt zu tun, ertönte […] aus Haß gegen den zuchtlosen Gedanken, der aus dem Banne der Natur heraustritt, indem er als deren eigenes Erzittern vor ihr selbst sich bekennt.“ (Horkheimer und Adorno [1947]/1987, S. 64) Es erscheint paradox, dass Horkheimer und Adorno zu Folge das Heraustreten aus dem Bann der Natur in der Weise gelingen können soll, dass die Vernunft sich in einer Selbstreflexion selbst als Natur begreift, also gleichsam wieder in die Natur eintritt. Aber offensichtlich handelt es sich um eine spezifische Art und Weise der Selbstreflexion. Die Selbstbesinnung der Aufklärung darauf, dass sie selbst Natur ist, legt offen, dass Wissenschaft, Technik, das Ich und sein um Selbsterhaltung bemühtes Selbst keineswegs einfach nur Kultur sind, sondern immer noch unter dem Zwang jener Natur stehen und eben Formen der Beherrschung der Natur darstellen. Aufklärung als Herrschaft über Natur ist unfrei, sie steht der Natur unversöhnt gegenüber. So vergewissert sich Vernunft selbstkritisch darüber, dass ihre Distanz zur Natur und ihr Herrschaftsanspruch, der sich bis in die Herrschaft über Menschen, die Formierung der Verhältnisse und der Individuen sowie ihrer Verhaltens- und Denkweisen, ihre Begriffe und Gefühle fortsetzt, historisch immer schon falsch war, aber heute auf keinen Fall mehr angemessen ist. Auf Theorie und eine emanzipatorische Perspektive haben Horkheimer und Adorno nicht verzichtet. Das Gegenteil ist wahr, wie ihre Lehrpraxis an der Frankfurter Universität und ihr emphatisches Plädoyer für theoretische Praxis auch in den Auseinandersetzungen während der studentischen Protestbewegung zeigen, die sie trotz Kritik immer unterstützt haben (vgl. Demirović 1999). Damit sind Horkheimer und Adorno ihrem Programm gefolgt. Denn sie wollen, wie sie schrieben ([1947]/1987, S. 65), mit „unnachgiebiger Theorie“ eine „umwälzende wahre Praxis“ vorbereiten, die auf die Auflösung von Herrschaft hinwirkt.

Die unnachgiebige Theorie denkt über die mythologischen Reste auch noch in der Tradition der kritischen Gesellschaftstheorie selbst nach. In diesem Sinn werden Marx‘ Überlegungen im dritten Band des „Kapital“ kritisiert, in dem Marx zwischen einem Reich der Notwendigkeit und einem Reich der Freiheit unterscheidet und die Ansicht vertritt, dass das Reich der Notwendigkeit zwar zurückgedrängt und in sich anders gestaltet werden, aber nicht aufgehoben werden kann. Horkheimer und Adorno kritisieren, dass die sozialistische Tradition, auf diese Stelle von Marx gestützt, für alle Zukunft die Notwendigkeit, also die herrschaftliche Aneignung der Natur, zur determinierenden Basis der Gesellschaft erhob und den Geist depravierte. Auch hier noch werde Natur als ganz fremd gesetzt, das Zusammenleben nicht durch Freiheit bestimmt. Es ist evident, dass Horkheimer und Adorno mit ihrer Kritik sowohl die von Eduard Bernstein geprägte sozialdemokratische Tradition als auch die stalinistische Konzeption des dialektischen Materialismus vor Augen haben. Ihrer Ansicht nach zielt ein negativer dialektischer Materialismus darauf, die determinierende Kraft der Basis und der Notwendigkeit selbst zu überwinden, also jenes mythische Verhängnis des Wechsels von Aufklärung und Mythos. Aufklärung dürfe ihrer Verwirklichung nicht entsagen und müsse, ganz und gar antitotalitär das Einzelne zur Geltung bringen. Adorno formuliert das viele Jahre später so: „Der verwirklichte Materialismus ist zugleich die Abschaffung des Materialismus als der Abhängigkeit von blinden materiellen Interessen.“ (Adorno [1969a]/2003, S. 292)

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  1. 1.Fachbereich GesellschaftswissenschaftenGoethe-UniversitätFrankfurt am MainDeutschland

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