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Prävention und Gesundheitsförderung im Erwachsenenalter

  • Alexander WollEmail author
  • Leon Klos
  • Michaela Knoll
Living reference work entry
Part of the Springer Reference Pflege – Therapie – Gesundheit book series (SRPTG)

Zusammenfassung

In diesem Kapitel wird die Relevanz von Gesundheitsförderung und Prävention diskutiert und aktuelle Ansätze und Entwicklungen für die Zielgruppe der Erwachsenen aufgezeigt. Zunächst werden die Begriffe Gesundheitsförderung und Prävention definiert und voneinander abgegrenzt. Nach einer Übersicht über die gesundheitlichen Probleme im Erwachsenenalter folgt die Beschreibung der Gesundheitsförderung in betrieblichen und kommunalen Settings und die Kombination aus personalen und strukturellen Ansätzen in der Gesundheitsförderung. Mit dem Intervention Mapping-Ansatz und dem Thema „Mobile Health“ (mHealth) werden zwei neue Methoden der Gesundheitsförderung vorgestellt. Ein abschließender Ausblick zeigt Entwicklungstendenzen und Perspektiven von Gesundheitsförderung und Prävention im Erwachsenenalter auf.

1 Relevanz der Gesundheitsförderung und Prävention im Erwachsenenalter

Gesundheitsförderung und Prävention gewinnen in unserer Gesellschaft zunehmend an Bedeutung. Der demografische Wandel führt dazu, dass die Menschen immer älter werden, aber die Lebensqualität auch häufiger und länger durch chronische Leiden und Multimorbidität eingeschränkt wird. Deshalb ist es wichtig, über die Lebensspanne hinweg in allen Altersphasen Gesundheitsressourcen zu stärken und mögliche Gefährdungen zu verringern.

Das Erwachsenenalter lässt sich durch variable Altersgrenzen in „frühes (ca. 20–40 Jahre), mittleres (ca. 40–60 Jahre) und spätes Erwachsenenalter (ca. 60–80 Jahre) unterscheiden“ (Faltermaier 2018, S. 102). In diesem Kapitel liegt der Fokus auf den ersten beiden Phasen.

Im Vergleich zum Kindes- und Jugendalter ist das Erwachsenenalter eine sehr lange Lebensphase, in der Gesundheitsförderungs- und Präventionsprogramme langfristig angelegt werden müssen. Dabei ist die Phase keinesfalls homogen, sondern geprägt von Veränderungen und jeweils phasenspezifischen Entwicklungsaufgaben. So beginnt das frühe Erwachsenenalter meist mit dem Abschluss der Schule oder der ersten beruflichen Ausbildung und dem Eintritt in die Arbeitswelt. Familien werden gegründet und an das Heranwachsen der Kinder knüpft sich eine durchgehende Veränderung, bis diese selbst erwachsen werden. Der Eintritt in den beruflichen Ruhestand bildet danach meist den Übergang vom mittleren in das späte Erwachsenenalter. Diese traditionelle Sicht der Normbiografien verliert angesichts der Pluralisierung und Individualisierung an Aussagekraft. Deshalb ist es wichtig, in der Gesundheitsförderung und Prävention sowohl die gesellschaftlichen als auch individuellen Veränderungen zu berücksichtigen (vgl. Faltermaier 2018).

Gesundheitspolitisch von Relevanz ist die Tatsache, dass die demografische Entwicklung in Deutschland und allen entwickelten Ländern dazu führt, dass Personen im mittleren Erwachsenenalter die zahlenmäßig größte Gruppe in der Bevölkerung stellen. In Deutschland ist der Geburtsjahrgang 1964 der stärkste, diese Personen sind im Jahr 2019 55 Jahre alt.

Aufgrund dieser demografischen Entwicklung und des gleichzeitig sich vollziehenden medizinisch-technischen Fortschrittes entwickelt sich der Gesundheitsbereich dynamisch. Der Gesundheitssektor in Deutschland wächst stetig und trägt im Jahr 2016 mit 356,5 Mrd. Euro zu 11,3 % des Bruttoinlandsprodukts bei. 11,7 Mrd. Euro oder gerade mal 3,2 % werden davon für Gesundheitsschutz und Prävention ausgegeben. Diese Ausgaben sind seit dem Jahr 2000 um fast 64 % gestiegen (Gesundheitsberichterstattung des Bundes 2019) und sind auch auf politische Bemühungen zur Stärkung der Gesundheitsförderung und Prävention zurückzuführen. Das 2015 in Kraft getretene Präventionsgesetz (SGB § 20) gibt den Krankenkassen einen gesetzlichen Rahmen vor, der darauf abzielt, dass „insbesondere gesundheitsförderliche Strukturen in den Lebenswelten aufgebaut und gestärkt werden“ und der die Erhöhung der Ausgaben für Gesundheitsförderung und Prävention vorsieht (Nationale Präventionskonferenz 2018).

In diesem Kapitel werden zunächst die Begriffe Prävention und Gesundheitsförderung voneinander abgegrenzt. Nach einer Übersicht über die gesundheitlichen Hauptprobleme im Erwachsenenalter folgt die Beschreibung der Gesundheitsförderung in betrieblichen und kommunalen Settings sowie lebenslaufbezogener Ansätze und die Kombination aus personalen und strukturellen Ansätzen in der Gesundheitsförderung. Mit dem Intervention Mapping-Ansatz und Mobile Health (mHealth) werden zwei neue Methoden der Gesundheitsförderung vorgestellt. Ein abschließender Ausblick zeigt Entwicklungstendenzen und Perspektiven der Gesundheitsförderung im Erwachsenenalter auf.

2 Gesundheitsförderung und Prävention – Zur Definition

Die Differenzierung der Begriffe Gesundheitsförderung und Prävention ist sowohl in der Wissenschaft als auch in der Praxis und Politik unscharf, z. T. werden beide auch synonym verwandt (vgl. im Überblick: Hurrelmann et al. 2012). Sie lassen sich anhand ihrer Sichtweise von Gesundheit bzw. Krankheit gegeneinander abgrenzen: während die Prävention aus einer naturwissenschaftlich-medizinischen Perspektive vorrangig auf die Beseitigung von Krankheitsursachen und damit Krankheitsvermeidung ausgerichtet ist, stellt die Gesundheitsförderung aus einer gesundheitswissenschaftlichen Sichtweise die Stärkung von Gesundheitsressourcen in den Vordergrund. Auch wenn beide Interventionsformen letztendlich darauf abzielen, Gesundheit zu erhalten und zu verbessern, unterscheiden sie sich in ihren Zielstellungen und Herangehensweisen.

Laut Walter et al. (2012, S. 196) versucht Prävention „eine gesundheitliche Schädigung durch gezielte Aktivitäten zu verhindern, weniger wahrscheinlich zu machen oder zu verzögern. Das wichtigste bevölkerungsbezogene Ziel von Prävention ist die Inzidenzabsenkung von Krankheit, Behinderung oder vorzeitigem Tod.“ Der Präventionsbegriff bezieht sich damit auf das Vermeiden des Eintretens oder der Ausbreitung einer Erkrankung. Diese Ziele sollen durch eine Beeinflussung der sog. Risikofaktoren, die mit dem Auftreten einer (bestimmten) Krankheit zusammenhängen, erreicht werden. Hurrelmann et al. (2018) unterscheiden genetische, physiologische, behaviorale, psychische und ökologische Risikofaktoren.

Präventionshandlungen können ansetzen, sobald erkennbare Risikofaktoren vorhanden sind. Im Kontext des triadischen Strukturmodells der Krankheitsprävention, das auf Caplan (1964) zurückzuführen ist, spricht man von Primärprävention, wenn gesundheitliche Risikofaktoren vorhanden sind, jedoch noch keine manifeste Erkrankung vorliegt. Hier soll der Krankheit durch eine Veränderung des Verhaltens und der Senkung von Risikofaktoren vorgebeugt werden (Tab. 1). In der Sekundärprävention befinden sich die Patienten bereits im Krankheitsfrühstadium, in dem eine Korrektur durch die Beeinflussung der Krankheitsauslöser noch möglich ist. Die Tertiärprävention oder Rehabilitation zielt auf die Vermeidung oder Verringerung von Folgeerkrankungen und Rückfällen nach einer eingetretenen Erkrankung ab. Sie versucht, bleibende Behinderungen und Teilhabeverluste abzuwenden und die Leistungsfähigkeit soweit wie möglich wiederherzustellen (Werle et al. 2005; Hurrelmann et al. 2018).
Tab. 1

Unterscheidung von vier Interventionsschritten (mod. nach Hurrelmann et al. 2012, S. 666)

 

Primordial

Primär

Sekundär

Tertiär

Interventionszeitpunkt

Im Gesundheitszustand

Erkennbare Risikofaktoren

Im Krankheitsfrühstadium

Nach akuter Krankheitsbehandlung

Zielgruppe

Gesamtbevölkerung

Risikogruppen

Patienten

Rehabilitanden

Zielsetzung

Beeinflussung von Verhältnissen und Lebensweisen

Beeinflussung von Verhalten und Risikofaktoren

Beeinflussung der Krankheitsauslöser

Vermeidung von Folgeerkrankungen

Interventionsorientierung

Ökologischer Ansatz

Vorbeugender Ansatz

Korrektiver Ansatz

Kompensatorischer Ansatz

Bezeichnung

Gesundheitsförderung

Primärprävention

Sekundärprävention

Tertiärprävention, Rehabilitation

Wenn es um eine möglichst frühzeitige Bekämpfung von Krankheiten bzw. die Verhütung von gesundheitlichen Risikofaktoren bei Gesunden geht, wird in Erweiterung des Strukturmodells der Krankheitsprävention von „primordialer Prävention“ gesprochen und damit das Modell um eine vierte Säule, die der Gesundheitsförderung, erweitert (Tab. 1).

Der Begriff der Gesundheitsförderung ist jünger als der Begriff der Prävention und maßgeblich durch die Ottawa-Charta der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 1986 geprägt. Sie deklariert: „Gesundheitsförderung zielt auf einen Prozess, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen. Um ein umfassendes körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden zu erlangen, ist es notwendig, dass sowohl einzelne als auch Gruppen ihre Bedürfnisse befriedigen, ihre Wünsche und Hoffnungen wahrnehmen und verwirklichen sowie ihre Umwelt meistern bzw. verändern können. […] Gesundheit steht für ein positives Konzept, das in gleicher Weise die Bedeutung sozialer und individueller Ressourcen für die Gesundheit ebenso betont wie die körperlichen Fähigkeiten.“ (WHO 1986, S. 1).

Im Unterschied zur Prävention mit ihrem pathogenetischen Ansatz liegt der Gesundheitsförderung somit ein salutogenetisches Verständnis zugrunde. Es geht nicht nur um die Krankheitsvermeidung wie bei der Prävention, sondern um die Stärkung der gesundheitlichen Ressourcen. Dabei befindet sich jedes Individuum auf einem Gesundheits-Krankheits-Kontinuum, das durch das Stärken von Schutzfaktoren und Ressourcen zugunsten der Gesundheit beeinflusst werden kann. Hurrelmann et al. (2018) unterscheiden soziale und wirtschaftliche, behaviorale und psychische Schutzfaktoren, sowie den Zugang zu gesundheitsrelevanten Leistungen.

Wie in Abb. 1 dargestellt, sind die Begriffe „Gesundheitsförderung“ und „Prävention“ jedoch nicht streng auf eine Population oder einen Interventionszeitpunkt bezogen. So wirkt Gesundheitsförderung beispielsweise auch bei einer erkrankten Population, wenn zusätzlich zur medizinischen Behandlung bei dem Arzt oder im Krankenhaus mit entsprechenden Interventionsmaßnahmen an den noch vorhandenen Ressourcen angesetzt wird. Durch das Präventionsgesetz von 2015 verschwimmen auch die strukturellen Konturen des traditionellen Modells von starren „Sequenzen im Krankheitsverlauf“ (unspezifische Gesundheitsförderung/medizinische und nicht-medizinische Prävention/Kuration/Rehabilitation/Pflege) zunehmend zugunsten einer integrierten Betrachtung, die beispielsweise auch „Prävention in der Pflege“ vorsieht.
Abb. 1

Interventionsschritte im Gesundheits-Krankheits-Kontinuum (mod. nach Hurrelmann et al. 2012, S. 667)

Beide Interventionsstrategien – „Prävention“ wie auch „Gesundheitsförderung“ – verfolgen somit das Ziel einer individuellen als auch kollektiven Gesundheitsverbesserung – beim Präventionsansatz durch das Zurückdrängen von Risikofaktoren für Krankheit, beim Gesundheitsförderungsansatz durch die Stärkung von Ressourcen für Gesundheit. Während die Prävention stärker auf der Ebene des individuellen Verhaltens mit dem Fokus auf Reduktion von Krankheitsrisiken interveniert, zielt die Gesundheitsförderung auf die Beeinflussung von Verhältnissen, also gesundheitsförderliche gesellschaftliche Rahmen- und Lebensbedingungen, ab. Hieraus hat sich der Setting-Ansatz der Gesundheitsförderung entwickelt, in dem Programme für verschiedene Lebenswelten, wie z. B. Betrieb, Kommune oder Klinik, entwickelt werden, die direkt im Alltag ansetzen.

Gleichzeitig appelliert die WHO (1986) an das Selbstbestimmungsrecht über die eigene Gesundheit und fordert vom Einzelnen, Partizipation und Empowerment, also das Hinterfragen und Verändern ihrer Lebensbedingungen, voranzutreiben (Altgelt und Kickbusch 2012). Diese Eigenverantwortung bzw. die Entwicklung von „Gesundheitskompetenz“, bei der der Aufbau von gesundheitsbezogenem Wissen, die Steigerung der Motivation zu gesundheitsförderlichem Verhalten und das Einüben von gesundheitsgerechtem Handeln im Mittelpunkt steht, wird gerade aufgrund der steigenden Prävalenz chronisch-degenerativer Krankheiten immer wichtiger, wie der folgende Abschnitt zeigt. Erwachsene in ihrer Gesundheitskompetenz zu „empowern“ bedeutet, diesen zu Fähigkeiten und Fertigkeiten zu verhelfen, sich gesundheitsvorsorglich zu verhalten, individuelle Gesundheitsgefährdungen und -lagen verstehen und ggf. ändern zu wollen, zusätzliche gesundheitsdienliche Informationen in Erfahrung zu bringen und Unterstützung einholen zu können.

3 Gesundheitliche Probleme im Erwachsenenalter

Während für Kinder und Jugendliche das Thema „Gesundheit“ häufig kein relevantes Thema im Lebensalltag darstellt, verändert sich dies im Laufe des Erwachsenenalters. Das Auftauchen von gesundheitlichen Risikofaktoren und Erkrankungen steigt mit dem Alter deutlich an. Dies gilt insbesondere für das mittlere Erwachsenenalter (40–60 Jahre) und hier insbesondere für die Zielgruppe der Personen 50+. Bei dieser Zielgruppe wird Gesundheit zunehmend zu einem zentralen Thema und für immer mehr Menschen zu einer „bedeutsamen Tatsache“, da im mittleren Erwachsenenalter die Häufigkeit von manifesten Risikofaktoren und leichteren gesundheitlichen Einschränkungen kontinuierlich zunehmen. Die Sorge um die zunehmend „bedrohte“ eigene Gesundheit steigert die Bereitschaft, sich mit Fragen, wie diese langfristig zu erhalten sei, zu beschäftigen.

Insgesamt wird das Krankheitspanorama von chronisch-degenerativen Erkrankungen dominiert, denen kein einfaches Erreger-Erkrankungs-Prinzip in der Krankheitsentstehung zugrunde liegt, sondern vielmehr ein komplexes, multifaktorielles Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren. Die Wahrscheinlichkeit von schweren Erkrankungen (z. B. Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen) steigt mit dem Alter deutlich an und entsprechend steigen auch Prävalenzraten von chronischen Erkrankungen sowie die Mortalitätsraten. Das höhere Erwachsenenalter ist zudem bei vielen Menschen durch das gleichzeitige Auftreten mehrerer Erkrankungen bei einer Person gekennzeichnet, die sog. Multimorbidität.

Neben den „Alterseffekten“ im Gesundheitszustand kommen weitere – durch gesellschaftliche Entwicklungen – bedingte historische Veränderungen hinzu. Durch zunehmende körperliche Inaktivität und Fehl- bzw. Überernährung steigt in den letzten Jahrzehnten beispielsweise der Risikofaktor „Übergewicht“ deutlich an.

Die Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS) (Kurth 2012) zeigt unter anderen eine Zunahme adipöser Menschen auf 23,3 % bei Männern und 23,9 % bei Frauen seit der letzten Erhebung des Bundesgesundheitssurveys aus dem Jahr 1998. Analog dazu ist auch die Diabetesprävalenz um etwa 2 % auf 7,2 % gestiegen. Diese und die chronisch-degenerativen Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems können gut durch Bewegungs- und Ernährungsprogramme versorgt werden. Die Bedeutung von körperlicher Aktivität bei der Prävention von chronisch-degenerativen Erkrankungen wird in den letzten Jahren verstärkt betont und durch eine entsprechende empirische Evidenz untermauert (vgl. im Überblick Fuchs 2003; Knoll et al. 2006; Woll 2006; Schlicht und Schott 2013; Rütten und Pfeifer 2016).

Eine zunehmende Bedeutung im aktuellen Krankheitspanorama kommt jedoch auch den psychischen Erkrankungen zu. Fast jeder vierte Mann und jede dritte Frau leidet in einem Einjahreszeitraum zumindest zeitweise an einer psychischen Störung. Die häufigsten Störungen sind Angst- und depressive Störungen, sowie Substanz- und somatoforme Störungen. Psychische Erkrankungen sind für 16,7 % der Arbeitsunfähigkeitstage verantwortlich (Abb. 2) und stellen die häufigste Ursache für eine Berufsunfähigkeit dar (Statista 2018a, b).
Abb. 2

Anteile der wichtigsten Krankheitsarten an den Arbeitsunfähigkeitstagen in Deutschland im Jahr 2017 (Statista 2018a)

Die zunehmende Stressbelastung durch die beständige Veränderung der Arbeitswelt ist ein Risikofaktor für die psychische Gesundheit, die besonders in der berufstätigen Altersgruppe ab 50 Jahren gefährdet ist. Hier können Arbeitsplatzmerkmale eine entscheidende Rolle spielen. Beispielsweise führt ein hohes subjektives Stresserleben am Arbeitsplatz nachgewiesenermaßen zu einem Anstieg an psychosomatischen Störungen. Die Verdichtung von Arbeitsinhalten, hohe Anforderungen an Flexibilität und Mobilität, aber auch die Arbeitsunsicherheit hinsichtlich des Erhalts des Arbeitsplatzes und seinen Kernmerkmalen sind Stressoren, die vermehrt auf Arbeitnehmer einwirken. Können diese anhand vorhandener Ressourcen nicht erfolgreich bewältigt werden, steigt das Risiko zu erkranken. Dementsprechend sollten Maßnahmen sowohl an der Verringerung von Stressoren als auch am Aufbau von Ressourcen ansetzen, beispielsweise in Form von Stresspräventionsprogrammen am Arbeitsplatz (Maatouk et al. 2016).

Auch können biografische Aspekte im Übergang von Lebensphasen, wie dem Berufseinstieg, der Familiengründung oder dem beruflichen Ruhestand, mit hohen Belastungen einhergehen, die sich auch auf die Gesundheit auswirken können. Durch das Verlagern der Aufmerksamkeit auf neue Aspekte im Leben kann eine Sensibilisierung für gesundheitliche Themen stattfinden, die mit Offenheit und Motivation angenommen werden. Noch belastender sind Verlustereignisse und Krisen, die auch oft zu einer Neubewertung des Stellenwerts der Gesundheit führen. Ferner gibt es entwicklungstheoretisch begründete Phasen im Erwachsenenalter, die sich an körpernahen Ereignissen orientieren. In der Schwangerschaft, dem Klimakterium oder in einer ernsten Krankheitsphase gewinnt die eigene Körperwahrnehmung an Bedeutung und sensibilisiert für gesundheitliche Themen (vgl. Schwarzer 1997; Jerusalem und Weber 2003; Faltermaier 2018).

Die gesundheitlichen Probleme treffen jedoch nicht alle sozialen, gesellschaftlichen Gruppen gleichmäßig. So zeigen verschiedene aktuelle epidemiologische Studien (u. a. Lampert et al. 2016) immer noch deutliche Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen in der Mortalität und Morbidität in Abhängigkeit von sozialen Einflussfaktoren. Insbesondere Personen mit geringer Bildung, geringem Einkommen bzw. sozial-benachteiligte Personen oder auch erwachsene Personen mit Migrationshintergrund weisen ein höheres Gesundheitsrisiko auf. Auch bei Personen, die dauerhaft mit Umweltbelastungen (Lärm, Schadstoffe etc.) in den Wohn- und Arbeitsverhältnissen umgehen müssen, wird ein erhöhtes gesundheitliches Risiko konstatiert. Gerade die Wohn- und Arbeitsverhältnisse spielen für den Gesundheitszustand im Erwachsenenalter offensichtlich eine zentrale Rolle.

4 Ansätze der Gesundheitsförderung

In der Praxis der Prävention und Gesundheitsförderung dominieren immer noch Interventionen in Trainingsgruppen mit dem Ziel der Verhaltensänderung hinsichtlich Ernährung, körperlicher Aktivität, Rauchen oder dem Umgang mit Stress. Obwohl es auch anspruchsvollere Konzepte gibt, werden in den wenigsten Interventionen die Ressourcen, Risiken und gesundheitlichen Kompetenzen der einzelnen Individuen in der Gruppe mit einbezogen. Idealerweise sollte es eine Verbindung aus personalen und strukturellen Ansätzen in der Gesundheitsförderung geben, in die sowohl die umweltbezogenen Rahmenbedingungen als auch personale Motive, Ressourcen und Kompetenzen mit einbezogen werden, um so passgenaue Strategien – ggf. auch für spezifische, vulnerable Zielgruppen – zu entwickeln. Am ehesten kann dieser Anspruch der Gesundheitsförderung in den sog. Setting-Ansätzen umgesetzt werden. Der Setting-Begriff ist definiert als „Sozialzusammenhang, in dem Menschen sich in ihrem Alltag aufhalten und der Einfluss auf ihre Gesundheit hat. Dieser soziale Zusammenhang ist relativ dauerhaft und seinen Mitgliedern auch subjektiv bewusst“ (BZgA 2018, S. 892). Für Erwachsene sind neben der Familie in erster Linie die Settings „Betrieb“ und „Kommune“ von zentraler Bedeutung.

4.1 Gesundheitsförderung und Prävention im betrieblichen Setting

In Deutschland gibt es im Jahr 2018 rund 45 Mio. erwerbstätige Menschen (Destatis 2019), die potenziell für gesundheitsförderliche Maßnahmen am Arbeitsplatz zugänglich sind. In bestehenden Kommunikationskanälen und geschlossenen Adressatengruppen liegen gute Voraussetzungen für eine hohe Beteiligung und bieten Möglichkeiten der sozialen Unterstützung. Außerdem besteht die Möglichkeit, nicht nur gesundheitliche Gefahren/Risiken, die durch bestimmte berufliche Tätigkeiten entstehen können, z. B. in Form des Arbeits- und Gesundheitsschutzes, zu vermeiden, sondern auch eine Fokussierung auf mögliche Ressourcen zu lenken. Für viele Beschäftigte ist der Arbeitsplatz Quelle von Krankheit, was Folgen für andere Lebensbereiche, wie z. B. das Familienleben, haben kann. Aber auch für die Unternehmen ist die betriebliche Gesundheitsförderung und Prävention von starkem Interesse. Durch gezielte Maßnahmen lassen sich Abwesenheitsraten und Krankheitskosten senken und die Produktivität der Beschäftigten steigern. Umfassende Gesundheitsförderungsmaßnahmen werden außerdem von Betrieben genutzt, um häufigen Arbeitsplatzwechseln der Mitarbeiter entgegenzuwirken und um die Attraktivität des Betriebes zu steigern (Naidoo und Wills 2010).

Trotz der vielseitigen Vorteile für Arbeitgeber wie Arbeitnehmer sind betriebliche Strukturen oft resistent gegenüber Veränderungen und finanzielle Unternehmens- und Gesundheitsziele konkurrieren miteinander. Die häufigsten Maßnahmen beziehen sich so häufig nur auf die Aufklärung und Verhaltensänderung, da ganzheitliche, strukturelle Ansätze wesentlich aufwändiger sind (Faltermaier 2018). Das Feld der betrieblichen Gesundheitsförderung und Prävention hat sich in den letzten Jahren sehr weit ausdifferenziert. Es reicht von „klassischen Maßnahmen“ des Arbeitsschutzes, z. B. Impfkampagnen, gesundheitsgerechte Gestaltung des Arbeitsplatzes, der Arbeitsmittel und der Arbeitsumgebung über die organisatorische Gestaltung (u. a. Planung und Steuerung der Arbeitsabläufe) bis hin zur betrieblichen Personal- und Sozialpolitik als Teil des „Human Ressources Management“ (u. a. Gesunde Führung, Kommunikation).

4.2 Gesundheitsförderung und Prävention im kommunalen Setting

Das zweite wichtige Setting zur Gesundheitsförderung und Prävention im Erwachsenenalter ist die Kommune mit ihren sozialräumlichen und sozialökologischen Bedingungen für die Ausprägung gesundheitsrelevanter Lebensweisen. Mögliche Vorteile von Maßnahmen zur Gesundheitsförderung und Prävention in der Kommune liegen, neben der guten Erreichbarkeit sehr vieler Individuen bei gleichzeitiger Überschaubarkeit des Handlungsfeldes Gemeinde, in der Nutzung vorhandener institutioneller sowie räumlich-materieller Infrastrukturen (Verkehrs- und Versorgungsstrukturen, Sportanlagen, Radwege, Schwimmbäder etc.). Als Gegenstand kommunalpolitischer Entscheidungsprozesse sind diese damit auf lokaler Ebene prinzipiell beeinflussbar und können für Gesundheitsförderung und Prävention genutzt werden, ebenso wie vorhandene soziale Netzwerke (Vereine, Kirchen, Selbsthilfegruppen etc.) als Kommunikations- und Unterstützungssysteme.

Maßnahmen der Gesundheitsförderung und Prävention auf kommunaler Ebene basieren auf der Annahme, dass eine entsprechende Infrastruktur in der Gemeinde individuelles Gesundheitsverhalten begünstigt, somit verhaltens- und verhältnisbezogene Interventionsstrategien kombiniert werden sollten. So ist davon auszugehen, dass z. B. das Vorhandensein von Sport- und Bewegungsräumen (z. B. eines modernen Radwegenetzes) einen bewegungsaktiven Lebensstil der Gemeindemitglieder ebenso begünstigt wie entsprechende populationsbezogene Informationskampagnen und eine Netzwerkförderung kommunaler Gesundheitsanbieter (vgl. z. B. das kommunale Modellprojekt „Gesundheit zum Mitmachen“; Woll 2006).

Für die Effizienz des kommunalen Ansatzes spricht, dass größere Gruppen und nicht nur Einzelpersonen angesprochen werden können, was zu einer Steigerung der Effektivität und Effizienz bestimmter Maßnahmen führen kann. So ist z. B. im Bereich des gesundheitsorientierten Sports die Anzahl der Personen, die in diesem Bereich professionell arbeiten, vergleichsweise gering im Vergleich zum potenziellen Personenkreis, der von gesundheitssportlicher Aktivität profitieren könnte. Um sportliche Aktivität als Maßnahme der Gesundheitsförderung und Prävention zu fördern, ist meist keine 1:1-Betreuung möglich. Deshalb müssen Maßnahmen des sozialen Marketings, der Diffusion von Innovationen und der Organisationsentwicklung eingesetzt werden. Eine wesentliche Bedeutung haben dabei die Methoden, die aus der Kommunikationstheorie stammen. Als Materialien stehen Broschüren, Bücher und audiovisuelle Hilfsmittel (z. B. Filme oder Videospiele) zur Verfügung. Eine wichtige Rolle spielen auch die Massenmedien, die zunehmend zu diesem Zweck genutzt werden, sowie in jüngster Zeit die Möglichkeiten von Multi- und Social Media und des Internet.

Festzuhalten bleibt, dass neben der Verbesserung struktureller gesundheitsförderlicher Rahmenbedingungen die individuelle Aneignung dieser „gesundheitsfreundlichen“ Umwelt durch entsprechende Interventionen unterstützt werden sollten. Anders ausgedrückt: die Menschen müssen in die Gestaltung der Angebote einbezogen und dort abgeholt werden, wo sie sich im Prozess der gesundheitsbezogenen Verhaltensänderung gerade befinden. Wie solche Gesundheitsförderungsprogramme zu gestalten sind, zeigt der folgende Abschnitt.

5 Intervention Mapping-Ansatz

Intervention Mapping (IM) ist ein innovativer Ansatz zur Entwicklung von theoriegeleiteten und empirisch belegten Gesundheitsförderungsprogrammen, der auf einem sozial-ökologischen Modell basiert und relevante Akteure in den Prozess miteinschließt (Eldredge et al. 2016).

Dabei wird eine problemorientierte Perspektive angenommen, die sich ausgehend von dem Problem an mehreren Theorien orientiert, um die Wirksamkeit der Maßnahmen zu erhöhen. Der IM-Ansatz stützt sich zusätzlich auf empirische Belege und Evidenz, die nicht nur aus Forschungsdaten resultieren, sondern auch aus Meinungen und Erfahrungen der Gemeinschaftsmitglieder und Planer. Eine weitere Grundlage bildet das sozial-ökologische Modell. Dieses sieht Gesundheit als Funktion von Individuen und ihrer Umwelt, welche Familie, soziale Netzwerke, Gemeinden und Gesellschaften miteinschließt. Die eng verknüpfte Struktur ermöglicht dabei vielfältige Einflüsse innerhalb und zwischen den Umweltebenen. So können Interventionen, die auf eine Umweltebene abzielen, kausale Faktoren in anderen Ebenen mitbeeinflussen. Durch die Beteiligung der relevanten Akteure am Interventionsprozess können die Interventionsplaner die Anliegen der Teilnehmer mitberücksichtigen und die Breite an Fähigkeiten, Wissen und Kompetenzen dieser nutzen. Außerdem erhöht die Partizipation die Akzeptanz der Maßnahmen, da diese nicht nur von einer Expertengruppe fern der Gemeinschaft geplant werden.

Der Intervention Mapping-Ansatz besteht aus insgesamt sechs Schritten (Abb. 3), die wiederum aus mehreren Aufgaben bestehen. Die Schritte bauen aufeinander auf und sollen deshalb nicht in der Reihenfolge vertauscht oder übersprungen werden. Allerdings ist der Prozess nicht linear, sondern kann als iterativ verstanden werden. Programmplaner können zwischen den Schritten und Aufgaben wechseln, wenn sie neu gewonnene Informationen einarbeiten.
Abb. 3

Die sechs Schritte des Intervention Mapping-Ansatzes (mod. nach Eldredge et al. 2016)

Im ersten Schritt entsteht ein logisches Modell des Problems, also eine modellhafte Problembeschreibung, die eine Bedarfsanalyse, die Beschreibung der Rahmenbedingungen der Intervention, sowie die übergeordneten Programmziele enthält.

Im zweiten Schritt werden erwartete Auswirkungen der Intervention auf das Verhalten und die Umwelt festgelegt, detaillierte Zielvorgaben für diese Variablen bestimmt und entsprechende Determinanten gewählt. Aus den Zielvorgaben und den Determinanten werden Matrizen für die Veränderungsziele erstellt, wodurch die unterschiedlichen Wirkungswege sichtbar gemacht werden können. Ähnlich wie im ersten Schritt entwickelt sich daraus ein logisches Modell, dass diesmal nicht auf das Problem selbst, sondern die Veränderung des Problems abzielt.

Der dritte Schritt beschäftigt sich mit der Gestaltung des Programms. Zunächst werden die Themen, inhaltliche Bestandteile, der Umfang und zeitliche Ablauf der Interventionsmaßnahmen festgelegt und theoretisch und empirisch gestützte Veränderungsmethoden ausgewählt. Im Anschluss folgt das Auswählen und Gestalten von geeigneten Mitteln, um diese Veränderungsmethoden auszuführen.

Schritt vier beinhaltet die konkrete Projektplanung. Dazu gehört die Weiterentwicklung der Struktur und Organisation, das Vorbereiten der Pläne für die Interventionsmaterialen, die Konzeption und das Entwerfen von Botschaften, Materialien und Protokollen. In diesem Schritt erfolgen außerdem Probetestungen des bis dahin entwickelten Programms, um erste Erkenntnisse für die praktische Umsetzung zu erhalten. Anhand dieser kann das Programm frühzeitig angepasst und verbessert werden.

Der fünfte Schritt dient der Konzeption des Implementationsplans des Programms. Es erfolgt die Identifikation und Auswahl potenzieller Teilnehmer und es wird festgelegt, welche Auswirkungen und Ziele das Programm auf diese haben soll. Ähnlich wie im Schritt zwei werden Matrizen mit den programmbezogenen Veränderungszielen erstellt, die bei der Gestaltung der praktischen Durchführung des Interventionsprogramms zu Hilfe genommen werden.

In Schritt sechs entsteht der Evaluationsplan des Programms. Sowohl für die Ergebnis- als auch die Prozessevaluation werden Fragen formuliert. Wichtig für eine umfassende Evaluation ist zudem das Festlegen von Indikatoren und das Entwickeln von dazu passenden Messinstrumenten. Nachdem das Evaluationsdesign genau bestimmt ist, kann der Evaluationsplan abgeschlossen werden.

Der IM-Ansatz bietet einen praxisnahen Leitfaden für Interventionsentwickler in der Gesundheitsförderung, der durch die Integration theoretischer Modelle die Verbindung zwischen Theorie und Praxis herstellt. Die systematische und umfassende Dokumentation der einzelnen Schritte bietet eine solide Basis zur Planung, Durchführung und Evaluation und ermöglicht auch eine Wiederholung der Intervention. In diesem Ansatz werden gesundheitsbezogene Maßnahmen als Mehrebenen-Interventionsmodelle aufgebaut, die strukturelle, interpersonale und personale Elemente kombinieren und darauf gerichtet sind, die jeweils angestrebte Zielgruppe auch tatsächlich zu erreichen.

6 Mobile Health – Ein Tool der Gesundheitsförderung im Erwachsenenalter

Gerade im frühen und mittleren Erwachsenenalter spielt „Mobile Health“ (mHealth) als Tool der Gesundheitsförderung eine immer wichtiger werdende Rolle.

Die WHO (2011, S. 6) definiert mHealth als „medizinische und öffentliche Gesundheitsmaßnahme, die durch mobile Geräte unterstützt wird, wie Smartphones, Patientenüberwachungsgeräte, persönliche digitale Assistenten (PDA) und andere drahtlose Geräte.“ Die extrem dynamische Entwicklung dieses Feldes verdeutlicht Abb. 4.
Abb. 4

Entwicklung des mHealth-Marktes in Deutschland zwischen 2012 und 2017 (GTAI 2017, S. 1)

So beträgt die jährliche Wachstumsrate dieses Feldes im Zeitraum von 2012–2017 ca. 22 % pro Jahr. Neben dem quantitativen Wachstum erfolgt gleichzeitig eine Ausdifferenzierung des Feldes. Es reicht von Tracking- und Support-Technologie zur Unterstützung des individuellen Gesundheitsverhaltens (u. a. Bewegung, Stress, Ernährung) von gesunden oder auch kranken Menschen bis hin zu komplexen Anwendungen für das Versorgungsmanagement (vgl. auch Endl et al. 2015). Insbesondere das Setting „Betrieb“ erfährt in diesem Feld besondere Aufmerksamkeit (vgl. Mehlich 2017). Mit Hilfe dieser Technologien ist es z. B. im Bereich der betrieblichen Gesundheitsförderung zunehmend besser möglich, individuelle Unterstützungsmöglichkeiten zu geben: Wann ist beispielsweise der richtige Moment im Arbeitsalltag, um eine Erinnerung für einen Verhaltenstrigger von gesunder Bewegung oder Ernährung zu geben? Wie muss eine solche Information auf das Individuum angepasst werden?

Diese neuen Technologien lassen jedoch auch präventive Potenziale im Sinne einer Einbeziehung von Technologie für Verhaltens- und Verhältnisänderung erahnen und bieten wohl zukünftig neue Möglichkeiten der Verbindung von personen- und strukturbezogenen Ansätzen z. B. im Sinne eines gesundheitsorientierten „Ambient Assisted Working“. Kritisch muss dabei jeweils die zugrunde liegende Zielmotivation beachtet werden – damit nicht am Ende eine reine individuelle Nutzenoptimierung erfolgt und die Förderung des Gemeinwohls oder auch die zentrale Gesundheitsförderungsperspektive „Empowerment“ (vgl. Altgelt und Kickbusch 2012) vernachlässigt wird.

7 Ausblick

Das Thema Gesundheitsförderung und Prävention bei Erwachsenen wird aufgrund der demografischen Entwicklung in den nächsten Jahren an Bedeutung für die Gesundheitspolitik, die Praxis der Gesundheitsförderung und auch für die mit dem Themenbereich befassten Gesundheitswissenschaften gewinnen.

Rein quantitativ steigt der Anteil der Personen im mittleren und späteren Erwachsenenalter – trotz kleinerer Veränderungen durch die sich abzeichnenden „Migrationsgewinne“ – weiter an. Bei einer gleichzeitig abnehmenden Anzahl jüngerer Menschen wird es neben der individuellen Perspektive zu einer gesellschaftlichen Notwendigkeit, die Gesundheit und Arbeitsfähigkeit dieser Zielgruppe möglichst lange zu erhalten.

Daher werden Fragen nach den spezifischen gesundheitsrelevanten Bedürfnissen der jeweiligen Zielgruppen im Erwachsenenalter immer wichtiger. Welche Interventionsansätze sind besonders geeignet hinsichtlich Erreichbarkeit und Wirksamkeit? Hier gilt es, die häufig postulierte, in der Interventionspraxis jedoch selten realisierte Integration von verhaltens- und verhältnisorientierten Ansätzen voranzutreiben. Der Intervention Mapping-Ansatz bietet hierfür einen hervorragenden Rahmen für eine systematische Planung und Umsetzung von Gesundheitsförderungsmaßnahmen in verschiedenen Settings und für unterschiedliche Zielgruppen.

Als Zukunftsszenario gewinnt die Digitalisierung im Bereich der Gesundheitsförderung an Bedeutung. Diese Technologie bietet zum einen neue Möglichkeiten von hochgradig individualisierten Ansätzen einer personalisierten, in den Alltag integrierten Gesundheitsförderung. Zum anderen ermöglicht sie auch die Integration einer verhaltens- und verhältnisorientierten Gesundheitsförderung im Setting, z. B. im Betrieb im Sinne eines gesundheitsorientierten „Ambient Assisted Working“. Hier gilt es jedoch, die potenziellen Risiken solcher Entwicklungen (z. B. Selbstoptimierung, Datenschutz, Kontrollstrukturen) im Blick zu behalten, damit der Segen der technischen Entwicklungen deren potenziellen „Fluch“ übersteigt.

Die Digitalisierung der Gesundheitsförderung wird gleichzeitig auch neue Anforderungen an die gesundheitswissenschaftliche Interventionsforschung stellen. Aus den sich dynamisch entwickelnden technischen Möglichkeiten einer Echtzeiterfassung von großen Datenmengen in Settings der Gesundheitsförderung im Alltag ergeben sich auch neue Möglichkeiten der Datenerfassung. Es geht um große Datenmengen („big data“), die auch neue Methoden und neue Forschungsstrategien der gesundheitsorientierten Interventionsforschung jenseits des klassischen „Randomized Controlled Trial“-Ansatzes erfordern. Die „Multiphase Optimization Strategy“ zur Entwicklung bzw. Evaluation von Multikomponenten-Interventionsansätzen (vgl. u. a. Collins et al. 2014) im Bereich der Gesundheitsförderung ist hier beispielsweise ein interdisziplinärerer Ansatz (Verhaltens- und Technikwissenschaften), der diese neuen Möglichkeiten nutzt.

Literatur

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Authors and Affiliations

  1. 1.Karlsruher Institut für TechnologieKarlsruheDeutschland
  2. 2.Institut für Sport und SportwissenschaftKarlsruheDeutschland

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