Advertisement

Sportmedizinische Grundlagen: Die sportmedizinische Gesundheitssprechstunde

  • Holger H. W. GabrielEmail author
Living reference work entry

Zusammenfassung

Unter einer ärztlichen Gesundheitssprechstunde wird die medizinisch-praktische Patient-Arzt-Begegnung verstanden. Die konkrete Ausgestaltung ist vom Ort, dem Zeitpunkt, den Rahmenbedingungen, dem Anlass und den Zielen abhängig. Die sportmedizinische Gesundheitssprechstunde wird durch medizinische Fragen und Antworten im Zusammenhang mit Bewegung, Leistung, Training und Sport bei gesunden und kranken Menschen in annähernd der gesamten Lebensspanne instand gesetzt. Die Begrenztheit der Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit ist der wichtigste Konsultationsgrund der sportmedizinischen Gesundheitssprechstunde. Sportmedizinische Hilfe soll auf medizinethischen Grundlagen stehen, die Würde des Menschen achten, auf der Basis wissenschaftlicher Theorien, Modelle und Konzepte sowie mit wissenschaftlichen Methoden zu einem gelingenden Leben beitragen.

Dieser Beitrag ist Teil der Sektion Sportmedizin, herausgegeben vom Teilherausgeber Holger HW Gabriel, innerhalb des Handbuchs Sport und Sportwissenschaft, herausgegeben von Arne Güllich und Michael Krüger.

Schlüsselwörter

Bewegungsfähigkeit Arzt-Patient-Beziehung Patient-Arzt-Begegnung Ethos Leitsymptom 

1 Einleitung

Sportmedizin ist für Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftler ein Lehrgebiet in ihrer universitären Ausbildung. Sportmedizinische Erkenntnisse liefern Theorien, Modelle und Erkenntnisse für die Tätigkeit in den unterschiedlichen Berufsfeldern, für die Sportwissenschaftlerinnen, Sportwissenschaftler, Sportlehrerinnen und Sportlehrer ausgebildet werden (Hottenrott et al. 2017). Darüber hinaus werden auch praktische Fähigkeiten und Fertigkeiten beispielsweise in der Leistungsdiagnostik, Trainingssteuerung bei gesunden und kranken Menschen jeglicher Altersstufe sowie der ersten medizinischen Hilfe vermittelt. Zudem arbeiten Absolventinnen und Absolventen sportwissenschaftlicher Studiengänge in sportmedizinischen Einrichtungen und sind Teil interdisziplinärer Teams in sportmedizinischen Gesundheitssprechstunden.

Für die sportwissenschaftliche Tätigkeit ist es daher wichtig, die Denk- und Arbeitsweise in sportmedizinischen Gesundheitssprechstunden kennen und verstehen zu lernen. Dieser Artikel liefert ausgehend vom Verständnis der Sportmedizin als praktische Wissenschaft die theoretischen Grundlagen der sportmedizinischen Gesundheitssprechstunde. In der praktischen medizinischen Tätigkeit werden diese theoretischen Grundlagen in aller Regel nicht explizit reflektiert, bilden jedoch die entscheidende Grundlage für sportmedizinische Handlungen und ärztliche Entscheidungen (Gabriel 2013, 2015; Maio 2007; Rager 1994). Diese zu kennen, ist die Aufgabe von Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftlern, um ihre eigene fachspezifische Expertise in den sportmedizinischen Kontext angemessen einbringen zu können.

2 Praktischer Zugang zur Medizin

2.1 Medizin, wozu?

Die Frage danach, warum es überhaupt Medizin gibt, warum Menschen den Arzt1 aufsuchen oder warum ein Arzt zu ihnen gerufen wird, lässt sich wohl am besten durch Beispiele des alltäglichen Lebens beantworten. Die nachfolgenden Situationen sind realen Begegnungen von Patienten und Ärzten in einer sportmedizinischen Gesundheitssprechstunde nacherzählt:

Beispiel A:

Ein junger Mann von 22 Jahren kommt in die sportärztliche Gesundheitssprechstunde. Er zeigt auf sein stark deformiertes und bläulich verfärbtes Ohr. Dabei lächelt er und sagt nicht ohne humorvollen Unterton: „Hauptsache gewonnen! Mein Gegner hatte mich schon mehrfach im Schwitzkasten. Ich hatte fast aufgeben wollen. Aber ich bin immer wieder gerade soeben noch aus dem Würgegriff herausgekommen. Dass mein Ohr dabei dick wurde, habe ich erst gemerkt, nachdem mein Trainer mich nach dem Kampf darauf aufmerksam machte.“ Die Frage des Arztes nach Schmerzen oder sonstigen Beschwerden verneint der Wettkampfringer. Wegen der „Kleinigkeit“ wäre er eigentlich nicht zum Arzt gegangen, schließlich wäre ein „Ringerohr“ doch normal in seinem Sport. Allerdings würde er auf dem betroffenen Ohr im Moment nur noch sehr wenig hören. Das würde doch irgendwie stören und er wolle fragen, ob man da etwas machen könnte.

Beispiel B:

Die 25-jährige Marathonläuferin sucht die ärztliche Gesundheitssprechstunde auf, weil sie beim Schlucken Schmerzen und einen Schnupfen habe. Eigentlich sei es nicht der Rede wert. Einen kleinen Infekt bekomme sie doch immer ganz gut selbst in den Griff. Doch nun fühle sie sich plötzlich ziemlich schlapp und ihr Puls würde ziemlich schnell hoch gehen. Sie sagt zum Arzt: „Wissen Sie, vor einem Jahr war ich dabei, wie bei einem Fußballspiel jemand auf dem Platz ganz plötzlich umgefallen ist.“ In der Zeitung habe gestanden, dass er an einer Herzmuskelentzündung gestorben sei. Dabei sei er doch mit 25 Jahren im selben Alter wie sie gewesen. Sie wolle sich nun sicherheitshalber untersuchen lassen, ob sie nicht auch eine Herzmuskelentzündung habe. Sie sei doch ziemlich beunruhigt.

Beispiel C:

Eine Mittvierzigerin wird in der ärztlichen Gesundheitssprechstunde vorstellig. Sie habe in der Woche zuvor ein Rezept in einer Apotheke eingelöst. Dort habe sie „einfach so“ einmal den Blutzucker und den Blutdruck messen lassen. Sie fühle sich insgesamt gesund. Die Apothekerin habe gesagt, dass die Werte zu hoch seien. Sie möge doch bitte zur weiteren Abklärung zum Arzt gehen. Das tue sie nun und habe den Zettel aus der Apotheke dabei. Nun wolle sie sich erkundigen, was der Wert zu bedeuten habe und was zu tun sei. Auf dem Papier aus der Apotheke sind ein Blutzuckerwert von 7,8 mmol ∗ l−1 (140 mg ∗ dl−1), ein systolischer Blutdruck von 147 mmHg, ein diastolischer Blutdruck von 92 mmHg und eine Herzfrequenz von 96 Schlägen ∗ min−1 notiert. Unter standardisierten Ruhe- und Nüchternbedingungen stellten sich die Werte niedriger und innerhalb der aktuell gültigen Referenzbereiche dar. Patientin und Arzt sprachen über das Zustandekommen der unterschiedlichen Werte in der Apotheke bzw. in der Arztpraxis. Sie verständigten sich darauf, dass kein erhöhtes Krankheitsrisiko aus diesen Werten abzuleiten sei. Insbesondere teilt der Arzt der Patientin mit, dass kein Diabetes mellitus und kein Bluthochdruck vorliege. Weitere medizinische Maßnahmen seien nicht erforderlich. Abschließend wurde die Konsultation der Patientin beim Arzt zum Anlass genommen, einige grundlegende präventive und gesundheitsförderliche Aspekte in der Lebensführung zu besprechen. Die allgemeinen Hinweise des Arztes werden mit den bisherigen Erfahrungen der Patientin in Verbindung gebracht.

Beispiel D:

Der Notarzt wird zu einem Rastplatz an der Autobahn gerufen. Passanten hatten gesehen, wie ein Auto auf einen Parkplatz vorgefahren war. Der Wagen sei dann weiter gegen einen Mülleimer gefahren, berichtet ein Beobachter des Vorfalls. Beim näheren Hinsehen hätten Passanten den Fahrer über das Lenkrad vornübergebeugt gesehen. Beim Öffnen der Fahrertür sei der Mann ihnen quasi in die Arme gefallen, wäre nicht ansprechbar gewesen, hätte aber regelmäßig geatmet und der Puls wäre auch tastbar gewesen, aber ziemlich schnell. Sie hätten ihn dann in die stabile Seitenlage gebracht und beruhigend auf ihn eingewirkt, nachdem er so langsam wieder ansprechbar geworden sei. Nun wäre der Mann ziemlich benommen, würde aber über sehr starke Schmerzen im Brustkorb klagen. Außerdem wäre er trotz seiner Benommenheit ziemlich aufgeregt und hätte Todesangst geäußert. Nun wären alle froh, dass der Notarzt rasch gekommen sei, weil sie den Eindruck hätten, die Situation würde ihnen nun entgleiten. Der Notarzt und sein Team versorgen den etwa 50jährigen Mann medizinisch. Danach bringen sie ihn auf die kardiologische Intensivstation der nahegelegenen Klinik.

Beispiel E:

Der Pilot eines Rennwagens erleidet bei der Kollision mit mehr als 300 km/h schwerste und bereits auf den ersten Blick lebensbedrohliche Verletzungen. Nachdem er durch intensivste medizinische Wiederbelebungsmaßnahmen überlebt, wird er mit dem Hubschrauber in die nächste Unfallklinik transportiert. Dort mussten die inneren Verletzungen operativ versorgt und beide Beine oberhalb der Knie amputiert werden.

Beispiel F:

Ein Mann, Anfang 60, wird von seinen erwachsenen Kindern in die hausärztliche Gesundheitssprechstunde gebracht. Sie würden mit dem Vater nicht mehr zurechtkommen. Er würde nicht mehr zur Arbeit gehen. Überhaupt würde er nun das Haus nicht mehr verlassen und sich selbst vernachlässigen. Er würde davon sprechen, „das Leben mache keinen Sinn mehr“. Bis vor einiger Zeit hätte er noch intensiv Sport betrieben. Er sei in seiner Altersklasse ein international erfolgreicher Triathlet und Rekordhalter. Vor wenigen Monaten sei seine Ehefrau plötzlich verstorben. Während die Kinder dem Arzt berichten, bricht der Vater in Tränen aus.

Beispiel G:

Die chronische Nierenkrankheit einer 84 Jahre alten Dame ist so weit fortgeschritten, dass nun eine regelmäßige Dialysebehandlung des Blutes ansteht. Nach den ersten Terminen der Dialyse bemerkt die Dame eine Veränderung an ihrem Dialyseplatz. Die Dialyseliege weist eine ihr unbekannte Besonderheit auf: Ein Fahrradergometer ist hinzugekommen. Da die Dame etwas irritiert ist, wird der Nierenarzt hinzu gerufen. Er erläutert ihr die Funktion des Fahrradergometers und die aus seiner Sicht positive gesundheitliche Bedeutung der Bewegung während der Dialyse. Die Dame quittiert die Erklärungen des Nephrologen mit der Bemerkung: „Das wollen Sie mir in meinem Alter doch wohl nicht mehr zumuten, oder?“

Anhand der sieben kurzen Erzählungen wird die gemeinsame Grundkonstellation sichtbar, die den Kern der Medizin ausmacht: Die Patient-Arzt-Begegnung.

Aus einem mehr oder weniger überlebenswichtigen Grund suchen Menschen die Hilfe der Medizin. Je wichtiger und dringlicher die Anzeichen einer Veränderung des „Normalen“ und „Erwarteten“ im persönlichen Lebensverlauf sind, desto mehr und eher empfinden sie eine existentielle Bedrohung des Lebens eines Menschen. Die existentielle Bedrohung und der damit verbundene Verlust der Verfügbarkeit der eigenen Fähigkeiten sind seit Menschengedenken Anlass, selbst Abhilfe zu schaffen oder andere Menschen darum zu bitten.

Der Kern der medizinischen Aufgaben ist die zielgerichtete Anwendung erfolgversprechender Kenntnisse und Fähigkeiten auf den einzelnen Menschen in seiner spezifischen Situation. Durch spezifische Kenntnisse soll dem einzelnen Menschen praktisch so geholfen werden, dass seine mehr oder weniger große existentielle Not gelindert und seine körperlichen, seelischen sowie sozialen Fähigkeiten möglichst vollständig wiederhergestellt werden.

2.2 Vom Symptom zur praktischen Hilfe

Vom ersten Moment der Kontaktaufnahme bzw. der Begegnung des Patienten ist seitens des Arztes die Wahrnehmung sogenannter Leitsymptome wichtig. Medizinische Leitsymptome können Veränderungen der anatomischen Struktur und Beeinflussung der menschlichen Fähigkeiten zugeordnet werden (Abb. 1). Obwohl Medizin aus Vereinfachungs- und Handhabbarkeitsgründen Klassifikationen für Symptome und Diagnosen nutzt, wird jeder Patient mit seinem medizinischen Anliegen eine individuell einzigartige Konstellation aufweisen. Die medizinische Aufgabe besteht darin, die klassifizierenden Symptombeschreibungen und Diagnosen als technische Hilfsmittel der medizinischen Hilfe zu betrachten. Diese Hilfsmittel dienen dazu, sie zugunsten des zu behandelnden Patienten in Anwendung zu bringen. Der Raum dafür ist die Patient-Arzt-Begegnung, für die das Zusammenspiel der drei Person-Perspektiven (1. Person-Perspektive: subjektive „ich“-Perspektive, 2. Person-Perspektive: kommunikative „du“-Perspektive, 3. Person-Perspektive: objektive „er, sie, es“-Perspektive) eine zentrale Rolle spielen (Abb. 2).
Abb. 1

In medizinischen Entscheidungsprozessen ist es erforderlich, einerseits die anatomischen Strukturen hinsichtlich ihrer krankhaften Veränderungen, ihres Schädigungsausmaßes oder des Verlustes (z. B. durch traumatische Amputation) zu beschreiben. Andererseits ist die Erfassung der für die Lebensgestaltung des Patienten erforderlichen Fähigkeiten notwendig. Für die im Text näher beschriebenen Patientenbeispiele A-F sind beide Dimensionen in einem Koordinatensystem dargestellt. Die Angabe der zentralen Leitsymptome sind die Grundlage für die medizinische Hypothesenbildung, die im Verlauf des diagnostischen Vorgehens zu Diagnosen entwickelt werden, um dann eine medizinische Intervention mit dem Ziel der Prävention, Therapie, Rehabilitation oder Gesundheitsförderung einzuleiten

Abb. 2

Aus der 1. Person-Perspektive spricht der Patient über sein subjektives Kranksein. Der Arzt beschreibt und klassifiziert Krankheiten, womit er aus der 3. Person-Perspektive eine objektive Sicht in die Patient-Arzt-Perspektive einbringt. Beide Perspektiven müssen zum Wohle des Patienten ins Gespräch gebracht werden (2. Person-Perspektive)

2.3 Medizin als Hilfe zum Guten

Ziel der Begegnung zwischen Patient und Arzt ist, dass durch medizinische Hilfe sich das Leben des Patienten zum Guten hin bessern und Schaden von ihm abgewendet werden soll (Bundesärztekammer 2018). Damit ist die Medizin herausgefordert, sich bei ihrer Hilfe an zwei wesentlichen Orientierungspunkten auszurichten. Auf das Gute soll das Förderliche unternommen werden und zugleich Schaden vermieden werden. Was allerdings das Gute ist oder sein soll, worin es sich vom weniger Guten oder gar seinem Gegenteil unterscheidet, ist die Kernfrage sowohl für den Patienten als auch den Arzt und damit die Medizin. Grundsätzlich hat die Medizin die Optionen, aus sich heraus auf die essentielle Frage „Was ist gut für den medizinische Hilfe suchenden Menschen?“ zu beantworten oder von außen Antwortmöglichkeiten zu importieren. Von der Frage nach dem Guten zu unterscheiden ist die Frage nach dem Richtigen. Während die Frage nach dem Guten auf eine Orientierung für das gesamte Leben des Patienten aus ist, zielt die Frage nach dem Richtigen auf richtige medizinische Handlungen gemäß der medizinischen Erfahrungen und der gültigen empirisch-wissenschaftlichen, juristischen, sozialen, ökonomischen und moralischen Normen.

Medizin benötigt demnach Werte und Normen als Orientierung für ihr gutes und richtiges Handeln. Gottes- und Menschenbilder, Weltanschauungen, Werte, technologische Entwicklung, quantitative Zunahme der Weltbevölkerung und die Entwicklung des Zusammenlebens der Menschen in einer sich verändernden Umwelt haben sich über die Jahrtausende außerordentlich prägend auf die Medizin der jeweiligen Zeit ausgewirkt.

Der Wechsel von Verfügbarem zu Unverfügbarem, wie sie (Zer-)Störungen der anatomischen Struktur und Beeinträchtigungen von lebenswichtigen Fähigkeiten auslösen, ist von jeher ein starkes Motiv, das unverfügbar Gewordene möglichst vollständig wieder zurück zu gewinnen (Deuser 2013). Im Zentrum der lebensnotwendigen Fähigkeiten stehen die Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit, die die ermöglichende Voraussetzung für die Fähigkeiten der Arbeit, Leistung, Handlung und des Umgangs mit den vorgenannten Fähigkeiten sind.

Für die Rückgewinnung der unverfügbar gewordenen Strukturen und Fähigkeiten haben Menschen über die Jahrtausende Handlungsstrategien, Technologien und Fertigkeiten systematisch erlernt. Daraus haben sich die Medizin als System, der ärztliche Beruf, die Therapie, Rehabilitation und medizinische Prävention als Handlungsstrategien entwickelt. Die Säkularisierung und die Pluralisierung der Gottes-, Menschenbilder und Weltanschauungen führte spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer systematischen Loslösung der Medizin aus einer umfassenden und in der abendländischen Kultur weitgehend einheitlichen Lebensorientierung an einem christlichen Menschenbild.

Westeuropäische Medizin setzt seither bewusst ein Apriori zum Ausschluss einer Dimension eines sich empirischer Erkenntnis entziehender „göttlichen Jenseits“. Das Apriori dieser Medizin orientiert sich ausschließlich an einer „diesseitigen weltlichen Endlichkeit“ (Schockenhoff 2016, S. 42–43). Die aktuelle Medizin ist weitestgehend nach den Kriterien der sogenannten evidenzbasierten Medizin und den sich darauf ausrichtenden Leitlinien für ärztliches Handeln ausgerichtet (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften – AWMF 2018). Damit ist sie unmittelbar und zentral von empirisch-wissenschaftlichen Erkenntnissen und einem analytisch-erklärenden wissenschaftlichen Zugang abhängig. Andere wissenschaftliche Zugänge wie derjenige der Hermeneutik spielen in der Medizin eine untergeordnete Rolle (Abb. 3).
Abb. 3

Entwicklung des Werte- und Orientierungsrahmens der Patient-Arzt-Begegnung im geschichtlichen Verlauf

Zudem führte die Ablösung der Orientierung an einem weitgehend einheitlichen Menschenbild bis heute nicht dazu, dass Klarheit über die Menschenbilder gewonnen werden konnte, an denen sich Medizin orientiert. Die Diversität der Menschenbilder und ihrer Auswirkungen auf Entscheidungen und Handlungen ist ein alltagsrelevantes Phänomen, das derzeit nicht hinreichend expliziert wird. Während die Medizin ein differenziertes Klassifikationssystem für Krankheiten als Maßstab für Handlungsnormen vorhält, ist vor dem Hintergrund der Diversität der Menschenbilder die Frage danach, wer und was der kranke Mensch als Grundlage für das medizinische Verständnis und Handeln ist, weitgehend unbeantwortet.

Die praktische Relevanz dieses Problems lässt sich an den ethischen Problemen feststellen. Solche ethischen Probleme sind verbunden mit dem Lebensanfang, dem Lebensende, der Technisierung, der Leistungsorientierung, der Ökonomisierung und der Instrumentalisierung für Ideologien. In der Sportmedizin machen sich die Auswirkungen beispielsweise an den Themen Enhancement, wunscherfüllende (Sport-)Medizin und genetische Leistungsoptimierung fest. Die von außen in die Medizin zunehmend einwirkenden Normen und Werte machen es dem Arzt in der konkreten Situation mit dem Patienten zunehmend schwer, dem Menschsein des Patienten angemessen zu begegnen. Die Gefahr der zunehmenden Degradierung der Patient-Arzt-Begegnung zu einer Dienstleistung zur Erfüllung einer technischen Handlung des Arztes am Patienten liegt auf der Hand, wenn das Bemühen um eine notwendige umfängliche Sicht auf das Menschsein des Patienten übergebührlich eingeschränkt wird.

Für die Sportmedizin kann dies an der Frage verdeutlicht werden, ob Sportmedizin auf die Funktion als Instrument für die Leistungsoptimierung reduziert wird. Dadurch würde der Sportmediziner zum Leistungsoptimierer reduziert werden und der Patient/Sportler zum leistungsoptimierenden Objekt. Als eine Alternative könnte die Sportmedizin jedoch auch eine Patient/Sportler-Arzt-Begegnung bevorzugen, die den Patienten bzw. Sportler in den Gesamtrahmen einer sich in umfänglicher, also körperlicher, seelischer und sozialer Hinsicht vom Lebensanfang bis zum Lebensende entwickelnden Person stellt. Beiden Alternativen liegen unterschiedliche Verständnisse der Rolle und den Aufgaben von (Sport-)Medizin zugrunde. In der jeweils extremen Zuspitzung gehen beide Alternativen mit unterschiedlichen Risiken und Chancen einher (Gabriel 2013).

Der Medizin fällt es einerseits schwer, ein eigenes tragfähiges Bild des gesunden und kranken Menschen zu entwerfen. Andererseits scheint ihr der explizite Import eines oder mehrerer Menschenbilder aus anderen Lebensbereichen, Systemen oder Fächern im Konsens nicht möglich zu sein. Dieses anhaltende Defizit ist eine offene Pforte für den Einzug impliziter Menschenbilder und ihrer Normen in medizinische Entscheidungsprozesse. Die darin liegenden Gefahren bestehen u. a. in der Ablösung mitmenschlicher Werte durch quantitative Normen der Leistungsfähigkeit, der ökonomischen Effizienz oder der ideologischen Normerfüllung. Im Konkreten fallen damit Antworten in existentiellen Lebensfragen am Anfang und Ende des Lebens, im Umgang mit starker Einschränkung der Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit, des technologischen Fortschritts, der quantitativen Prädiktion und der wunscherfüllenden Medizin schwer.

Angesichts der Pluralität moralischer Normen und der zugrunde liegenden Menschenbilder versucht Medizin sich durch ethische Reflexion auf Prinzipien und Gebote zu einigen, die je nach Anwendbarkeit in praktischen Entscheidungsprozessen als Prinzipien größerer oder geringerer Reichweite bezeichnet werden. Im Wesentlichen macht der Konsens auf ethische Prinzipien und darauf abgeleitete Handlungsnormen das Berufsethos der Medizin aus.

2.4 Ethisches Entscheiden in der Medizin

Ethik reflektiert die moralischen Vorstellungen einer Gesellschaft. Systeme wie die Medizin entwickeln durch ihre ethische Reflexion ein Berufsethos, das den ethischen Rahmen für medizinische Entscheidungsprozesse beschreibt und normiert (Pöltner 2006).

Im deutschsprachigen Raum ist die Rückbindung an die Menschenwürde ein wichtiger ethischer Ansatz. Die Wahrung der Menschenwürde setzt weitreichende und nicht zur Disposition stehende Gebote (Prinzipien) der unbedingten Subjektstellung des Menschen, des Verbots der vollständigen Instrumentalisierung, der Gleichheit eines Menschen und des Ausschlusses der Gradualisierung voraus (Knoepffler 2009, S. 65–99; Zude 2006).

Mit dem Gebot der Gleichheit ist menschliche Würde nicht gradualisierbar, d. h. sie kann nicht aufgrund von biologischen Strukturen, Eigenschaften oder aufgrund des (Nicht- oder Nicht mehr) Vorhandenseins von Fähigkeiten geteilt oder abgestuft werden. Mit diesem Grundgedanken der Menschenwürde sind demnach sog. unhintergehbare Hintergrundannahmen verbunden. Diese Hintergrundannahmen sind ein Apriori der Menschenwürde. Sie sind eine nicht weiter begründbare Vorannahme. Die Menschenwürde und ihre Vornahmen sind nicht quantifizierter und wirken normativ. Da die Menschenwürde als medizinethisches Prinzip für die konkrete Anwendung in medizinischen Entscheidungssituationen wenig hilfreich ist, werden von ihr medizinethische Prinzipien geringerer Reichweite abgeleitet.

Die in der Medizin am häufigsten diskutierten medizinethischen Prinzipien sind die Gebote der Autonomie des Patienten, der Fürsorge, des Nichtschädigens und der Gerechtigkeit (Beauchamp und Childress 2013). Der Autonomie des Patienten wird in der Medizin ein besonders hoher Stellenwert eingeräumt. Dem Patienten kommt demnach die Freiheit zu, in den sein Leben betreffenden Entscheidungssituationen frei wählen zu können. Dies trifft insbesondere auf medizinische Situationen zu. Im Sinne einer Wahlfreiheit darf (und soll) gewählt werden, welcher Handlungsoption zugestimmt wird und welcher nicht. Von der Wahlfreiheit ist die Handlungsfreiheit zu unterscheiden, denn nicht jede Handlungsoption kann in die Tat umgesetzt werden (Abb. 4). So kommt es in medizinischen Entscheidungsprozessen häufig vor, dass bestimmte Handlungsoptionen gewollt (und damit ausgewählt) werden, sie jedoch real wegen der fehlenden Umsetzungsmöglichkeiten nicht in die Lebenspraxis umzusetzen sind. Der Extremfall wäre das Beispiel eines Menschen, der weiterleben möchte, jedoch unaufhaltsam dem Tode entgegen geht. Der Mensch wählt das Leben, hat jedoch keine Handlungsmöglichkeit, seine Wahl in die Tat umzusetzen.
Abb. 4

Willensfreiheit und Handlungsfreiheit

Nach Möglichkeit soll im medizinischen Wahrnehmungs-, Kommunikations- und Handlungsprozess mit dem expliziten Willen des Patienten und nicht gegen seinen Willen gehandelt werden. Von dieser Regel existieren Ausnahmen wie beispielsweise in Situationen der Selbst- oder Fremdgefährdung durch Gewalt. Die Prinzipien der Fürsorge und des Nichtschädigens durch aktives Handeln oder Unterlassen sollen sicherstellen, dass zum Wohle und nicht zum Schaden des Patienten gehandelt wird. Die Gleichheit der Menschen kommt in dem medizinethischen Prinzip der Gerechtigkeit zum Ausdruck. Medizinisches Handeln soll dadurch gerecht sein, dass Patienten gleichbehandelt werden. Die Gerechtigkeit kommt u. a. im gleichen Zugang zu medizinischen Ressourcen zum Ausdruck (Verteilungsgerechtigkeit). Ein Konflikt dabei besteht darin zu entscheiden, wonach sich die Gleichheit ausrichtet – nach quantitativen Maßen wie beispielsweise einem ökonomischen Budget, Arbeitsfähigkeit, sozioökonomischen Wertigkeit für die Gesellschaft oder nach individueller Bedürftigkeit, Notlage und Leid.

Im Gegensatz zu empirisch erhobenen Daten im Rahmen medizinisch-technischer Diagnostik können medizinethische Prinzipien keiner quantitativen Analyse unterzogen werden. Sie müssen miteinander und ggfs. auch gegeneinander abgewogen werden. Ihnen kommt als Bewertungsmaßstab eine normative Wirkung zu. Die Entscheidungsfindung in der Patient-Arzt-Begegnung ist auf das Zusammenspiel der Beschreibung empirischer (qualitativer und quantitativer) Befunde aus der medizinischen Diagnostik und auf die bewertende Anwendung medizinethischer Prinzipien angewiesen (Abb. 5; Emanuel und Emanuel 2012).
Abb. 5

Medizinethische Prinzipien, Strukturen und Fähigkeiten

Zusammenfassend kann auf die Frage „Medizin, wozu?“ aus gängiger medizinethischer Sicht folgende Antwort gegeben werden: Unter Wahrung der Menschenwürde und der medizinethischen Prinzipien der Autonomie, Fürsorge, des Nichtschädigens und der Gerechtigkeit soll Medizin allen Menschen in Fragen von Gesundheit und Krankheit lebenspraktisch helfen.

2.5 Fragen des Patienten an den Arzt

Fragen an die Medizin sind zunächst und in erster Linie Fragen des Patienten an den Arzt. Sie entstehen aus dem praktischen Lebensvollzug des Patienten und berühren seine Existenz. Der Grund für die existentielle Bedeutung medizinischer Fragen liegt darin, dass sie sich auf die Wechselbeziehung der anatomischen Strukturen des Leibes mit den menschlichen Fähigkeiten beziehen. Die Medizin soll Antworten mit dem Ziel finden, dass sie den vergleichsweise besseren Fortgang des einzelnen Lebens in die Praxis umsetzt.

Wenn Patienten Fragen stellen, bedeutet dies jedoch nicht, dass sie die sprachliche Form eines Fragesatzes verwenden. Die leibliche Erscheinung des Patienten in der Begegnung mit dem Arzt, die Situation, der Zeitpunkt, die Umstände und die Rollenverständnisse von Patient und Arzt sind ein komplexes kommunikatives Geschehen. In der Unfallsituation aus Beispiel E bedarf es keiner expliziten Frage an den Arzt. Der Anblick des Piloten in der Unfallsituation veranlasst den Arzt in Sekundenbruchteilen, das praktische medizinische Handeln zu beginnen. Fragen und Antworten müssen (und m. E. dürfen) in dieser Situation nicht bewusst gemacht und expliziert werden. Auch in der Notfallsituation des Beispiels D sind allenfalls wenige sprachlich ausformulierte Fragen und Antworten erforderlich, um das notwendige medizinische Handeln in der Praxis umzusetzen. In den übrigen Beispielen A–C, F und G sind demgegenüber mehr oder weniger ausführliche Klärungen herbeizuführen, um einerseits den konkreten Willen und Wunsch des Patienten zu klären und andererseits das medizinisch Notwendige oder Mögliche zusammenzuführen. Erst nach dem Aushandlungsprozess zwischen Patient und Arzt kann die medizinische Handlung folgen.

In der medizinischen Praxis haben sich bestimmte grundsätzliche Abläufe in der Begegnung zwischen Patient und Arzt bewährt: Deskription (Beschreibung durch Beantwortung der Frage „Wie ist es?“) und Präskription („Wie soll etwas sein?“) der Situation, Entscheidung, Handlung, Deskription und Präskription der Handlungswirkung.

Sechs Fragenkomplexe sind für das medizinische Handeln wichtig:
  1. 1.

    Was ist das Problem? Wie kann es bestmöglich beschrieben werden? (Deskription der Symptome und der zu den Symptomen führenden Vorgeschichte)

     
  2. 2.

    Welche Bedeutung hat das Problem für den Patienten? Wie kann das Problem im Zusammenhang mit der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftig zu erwartenden Lebensgeschichte des Patienten verstanden werden? (Verstehen der Bedeutung durch Einordnung in die Lebensgeschichte)

     
  3. 3.

    Worin liegen die Ursachen des Problems? Wie können der bisherige Verlauf des Problems und die Symptome erklärt werden? Vor dem Hintergrund der erkannten Ursachen und der Erklärungshypothese: Welchen voraussichtlichen Verlauf werden das Problem und die Symptome mit welcher Wahrscheinlichkeit nehmen? (Erklären durch Analyse und Prädiktion)

     
  4. 4.

    Welche Handlungsoptionen liegen vor? (Deskription der Handlungsmöglichkeiten)

     
  5. 5.

    Wie kann eine für den Patienten bestmögliche Entscheidung getroffen werden? (Bewertung der Handlungsmöglichkeiten durch Anlegen eines Bewertungsmaßstabs und darauf basierende Entscheidung, ob und welche Handlungsoption gewählt wird)

     
  6. 6.

    Wie kann auf der Basis der Entscheidung medizinisch-praktisch zum Wohle des Patienten gehandelt werden? (Medizinische Handlung, Überprüfung und Bewertung des Handlungserfolgs mit Einordnung in die Lebensgeschichte).

     

2.6 Krankheit und Kranksein

In der Medizin ist es üblich, Krankheiten sehr differenziert zu klassifizieren. Die für Deutschland gültige internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information – DIMDI 2016) listet in 22 Kategorien die aus medizinischer Sicht objektiven bzw. objektivierbaren Zeichen aller bekannten Krankheiten auf. Die Klassifikation hat über die beschreibende Funktion hinaus normativen Charakter.

Wenn bei einem Ringer ein „Blumenkohlohr“ diagnostiziert wird, weil durch die Traumatisierung und Einblutungen der Ohrmuscheln eine Deformität entsteht, die zu einem Verschluss des Gehörgangs mit nachfolgender Schwerhörigkeit, Infektionen des Gehörgangs oder Mittelohrs führen kann, dann lautet der Klassifikationscode M95.1. Mit der Klassifikation ist die Anerkennung als Krankheit vollzogen. Damit ist eine Grundlage für therapeutische Interventionen und die Berechnungsgrundlage für eine Kostenerstattung gegeben. Das Fehlen einer Klassifikationsmöglichkeit innerhalb des ICD hat zur Folge, dass die fehlende Anerkennung als Krankheit nach ICD therapeutische Interventionen erschweren, weil eine Entscheidungsgrundlage fehlt, und die Kostenerstattung durch Kostenträger in Frage gestellt wird.

Die ICD ist ein deskriptives und präskriptives Instrument im medizinischen System, um medizinische Handlungen zu dokumentieren, zu ermöglichen und zu rechtfertigen. Die ICD nimmt die Perspektive des Beobachters ein und beschreibt Krankheiten anhand subjektiver Krankheitszeichen des Patienten und objektiver Krankheitszeichen durch den Arzt, z. B. durch die körperliche Untersuchung oder anhand von medizinisch-technischen Hilfsmitteln. Die ICD klassifiziert streng genommen nicht Krankheiten, sondern objektivierbare Krankheitszeichen. Die Krankheitszeichen werden in Krankheitsbezeichnungen kategorisiert. Krankheitsbezeichnungen werden auch als Krankheitsdiagnosen bezeichnet. Diese werden einfachheitshalber und aus statistischen Gründen mit alphanumerischen Zeichen kodiert.

Verliert ein Mensch durch einen Unfall beide Beine, lautet die Krankheitsdiagnose nach ICD-10-GM „Verlust der unteren Extremität, beidseitig“ und wird mit dem Code Z89.7 gekennzeichnet. Die im Verlauf einer Infektion der oberen Luftwege auftretende Rachenentzündung wird häufig als „Akute Pharyngitis, nicht näher bezeichnet“ diagnostiziert und ist mit J02.9 kodiert. Der zum wiederholten Male auftretende Herzinfarkt wird beispielsweise als „Rezidivierender Myokardinfarkt der Vorderwand“ bezeichnet und erhält den Code I22.0. Als letztes Beispiel in dieser Reihe soll die landläufig als Depression bezeichnete Krankheit genannt werden, die in einer schweren Form „Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig Episode mit psychotischen Symptomen“ und F33.3 gekennzeichnet wird.

Die Codes F33.3, I22.0, J02.9, M95.1 und Z89.7 klassifizieren die objektivierbaren Krankheitszeichen. Sie sollen eine Krankheit beschreiben. Über das Kranksein ist damit noch nicht viel ausgesagt, da hierfür ein Perspektivwechsel von der 3. Person-Perspektive zur 1. Person-Perspektive erforderlich ist. Das Objekt der Erkenntnis, der Patient, muss seine subjektive Perspektive einbringen, damit das Kranksein zum Ausdruck kommen kann. Bei der Begegnung zwischen Arzt und Patient werden beide Perspektiven ins Gespräch gebracht. In der Kommunikation über die Patientenperspektive des Krankseins und die Arztperspektive der Krankheit wird die 2. Person-Perspektive sichtbar (Abb. 2 und 6).
Abb. 6

Äußerungen des Krankseins (1. Person-Perspektive) und der Krankheit (3. Person-Perspektive)

2.7 Patient-Arzt-Begegnung

Der Weg zum Arzt ist auch in der heutigen Zeit nicht aus dem Leben der Menschen wegzudenken. Leid und Hilfsbedürftigkeit sind immer noch aktuell. Weil Menschen etwas erdulden und erleiden müssen, werden sie auch als Patienten bezeichnet (lateinisch: patiens, adjektivisches 1. Partizip von: pati = erdulden, leiden). Patienten suchen in einer medizinischen Angelegenheit einen Rat oder bitten um praktische medizinische Hilfe zur Problemlösung. Mit der Problemlösung soll das Leben des Patienten (wieder) zum Guten gewendet werden. Damit ist die Hoffnung verbunden, dass der nächste Lebensschritt gelingen möge, Lebensziele wieder in den Blick gerückt und alltägliche Lebensaufgaben wieder angepackt werden können. Ohne die lebenspraktischen medizinischen Fragen und Probleme der Menschen, ohne ihre Suche nach Hilfe in ihrem Leid würde es keine Medizin geben. Zudem wird eine praktisch ärztliche Tätigkeit erst durch Menschen Instand gesetzt, die mit einem medizinischen Problem den Arzt aufsuchen.

Die Patient-Arzt-Begegnung ist aus dem praktischen Lebensvollzug des einzelnen Menschen im Umgang mit seinem Leib entstanden. Die Erfahrung des Einzelnen ist zugleich eine Menschheitserfahrung über die Jahrtausende hinweg.

Die Medizin des 21. Jahrhunderts findet sich in dieser Tradition wieder. Das Motiv der Menschen ist dem Grunde nach unverändert: Leid und Hilfsbedürftigkeit führen Menschen zum Arzt. Was unter Leid und Hilfsbedürftigkeit verstanden wird und welche konkreten Erwartungen Menschen an das Leben, den Arzt und sich selbst haben, hat sich jedoch einem grundlegenden Wandel unterzogen. Der Wandel von Gottes- und Menschenbildern, Weltanschauungen, Gesetzen, Normen, ethischen Reflexionen, analytischen Möglichkeiten, medizinisch-technischem Fortschritt, gesellschaftlichen Entwicklungen, ökonomischen Möglichkeiten und sozio-kulturellen Zusammenhängen ist im 21. Jahrhundert anders und vielfältiger als noch vor einem Jahrhundert oder einem Jahrtausend (Abb. 3). Das Verhältnis von Leib und Seele, die Bedeutung von Lebensanfang und Lebensende für das Leben, das Verständnis von Gesundheit und Krankheit, der Umgang mit Verfügbarem und Unverfügbarem, die Fragen nach dem Verhältnis von Gott und der Welt im konkreten Bezug auf den kranken und schwachen Menschen sowie die ethischen Fragen nach dem Umgang mit dem Menschen in kritischen Lebenssituationen sind auch im 21. Jahrhundert aktuell, jedoch auf eine andere Art als in den Jahrhunderten und Jahrtausenden zuvor.

Die Patient-Arzt-Begegnung vollzieht sich in den vorgenannten Zusammenhängen der Gegenwart. Umstände, Zeit und Orte nehmen Einfluss auf die Begegnung und ihren Verlauf. In der konkreten Situation und unabhängig von den äußeren Rahmenbedingungen besteht die Patient-Arzt-Begegnung aus der Patientenebene, der Arztebene und dem Zwischenraum zwischen beiden. Gegenstand der Begegnung ist der Patient mit seinen Strukturen und Fähigkeiten. Anlass der Begegnung ist die konkrete praktische Frage des Patienten. Die Patient-Arzt-Begegnung ist ein Teil der Lebensgeschichte des Patienten. Wie der Patient darüber erzählt, wie er sie beschreibt und welche Bedeutung sie erlangt, ist Teil der unverwechselbaren Subjektivität des Patienten. Einige formale Stationen des Krankseins und der Krankheit als medizinischer Teil der erzielbaren Lebensgeschichte ist in Abb. 7 dargestellt.
Abb. 7

Wichtige Stationen des Krankseins und der Krankheit als medizinischer Teil der Lebensgeschichte zwischen Lebensanfang und Lebensende

In den Patient-Arzt-Begegnungen entwickelt sich gerade bei Themen von existentieller Bedeutung für den Patienten eine gewisse Dynamik entlang der Frage, was der Patient für ein Mensch ist. Der Patient bringt implizit und explizit die Frage des eigenen Menschseins, seiner Bedeutung, seiner Dimensionen und seiner Perspektiven ein. Besonders wichtige Themen betreffen den Lebensanfang, das Lebensende, die anatomischen Strukturen, die Fähigkeiten und die Wirkungen des Krankseins bzw. der Krankheit auf die Lebensgestaltung. In den Fragen danach, was der Mensch ist (z. B. anatomische Struktur) und was er hat (z. B. Fähigkeiten) kommen Menschenbilder, Haltungen und Wertmaßstäbe zum Vorschein, die wertvoll für medizinische Handlungen sein können.

Ein zentraler Aspekt kommt in der Patient-Arzt-Begegnung immer wieder zum Vorschein. Der Patient ist in seinen Strukturen und Fähigkeiten auf ein bestimmtes individuelles Maß begrenzt. Aus der Erfahrung der Begrenztheit können Patient und Arzt erkennen, dass der Patient (und damit der Mensch im Allgemeinen) in den unterschiedlichsten Dimensionen existentiell angewiesen ist auf jemanden oder etwas, das er aus sich selbst heraus nicht einbringen kann. Die Begrenztheit des Menschen und seine existentielle Angewiesenheitsdimension sind Grundthemen der Patient-Arzt-Begegnung. Patient und Arzt thematisieren beide immer wieder in Bezug auf die Anerkennung, Gestaltung und den guten Umgang in der jeweils aktuellen Form und Ausprägung.

2.8 Begrenztheit der Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit als Konsultationsgrund

Menschen haben in aller Regel ein gutes „Gespür“ dafür, welche Fähigkeiten sie haben und welche Fähigkeiten ihnen zur Verfügung stehen sollten. Wenn Fähigkeiten von dieser subjektiven Norm abweichen, entstehen Fragen danach, wie sich die Abweichungen als Zeichen bzw. Symptome äußern, welche Gründe vorliegen könnten, welche Auswirkungen sie haben und wie die Perspektive aussehen könnte. Die subjektive Norm ist wesentlich beeinflusst durch äußere Einflüsse wie soziale und moralische (objektive) Normen. Aus biologischer Sicht sind alle menschlichen Fähigkeiten letztlich auf Wahrnehmung und Bewegung zurückzuführen. Daher sind Einschränkungen der Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit der zentrale Grund für die Konsultation des Arztes.

Die subjektiven Einschränkungen der Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit des Patienten veranlassen medizinische Diagnostik und Intervention in Form von Therapie, Rehabilitation, Prävention und Gesundheitsförderung. Was eine Einschränkung der Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit ist, hängt einerseits von der objektiven Beurteilung des Arztes auf Basis der medizinisch-diagnostischen Befunde und andererseits von der Bewertung des Patienten aus seiner Sicht ab. Die analytische Beschreibung der Art und des Ausmaßes der Einschränkung durch den Arzt ist ein wichtiges Hilfsmittel, um Handlungsentscheidungen vorzubereiten. Die Bedeutsamkeit der Einschränkung ist letztlich das Ergebnis der Patient-Arzt-Begegnung mit der Gesamtschau der objektiven und subjektiven Perspektiven. Der Patient wird anhand seines individuellen Bewertungsmaßstabs erst die letztlich entscheidende Einordnung in seine Lebensgeschichte vornehmen können. Bei in ihrer Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit sehr eingeschränkten Menschen muss diese letzte Bewertung offenbleiben. Stattdessen stellt sich im besten Fall und im Konsens ein sorgsamer und einfühlsamer äußerer Eindruck des Arztes, der Angehörigen und nahestehender Personen darüber ein, was wohl die innere Bedeutsamkeit der eingeschränkten Lebenssituation ausmachen könnte.

Die Einschränkungen in der Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit können aus der Perspektive der Sichtbarkeit oder des Aufwandes, eine Sichtbarkeit herbeizuführen wie folgt eingeteilt werden:
  • Unmittelbar sichtbare Einschränkungen der Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit,

  • bedingt sichtbare Einschränkungen,

  • mit einfachen medizinischen Untersuchungstechniken sichtbar werdende Einschränkungen,

  • mit aufwendigen medizinisch-technischen Untersuchungsmethoden sichtbare werdende Einschränkungen,

  • Einschränkungen, die nicht sichtbar gemacht werden können.

2.9 Angewiesenheit auf die Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit

Menschliches Leben ist über die gesamte Lebensspanne hinweg auf die Wahrnehmung und Bewegung sowie die Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit angewiesen. Das zur Verfügung stehende Maß beider Fähigkeiten ermöglicht
  1. 1.

    das Überleben,

     
  2. 2.

    die Selbstversorgung,

     
  3. 3.

    das Erreichen äußerer Anforderungen und/oder innerer Ziele.

     

Einen Zustand ohne Angewiesenheit auf die Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit ist nicht mit dem Leben vereinbar.

Arbeit, Leistung und Handlung sind abhängig von Wahrnehmung und Bewegung. Die Fähigkeit, in Entscheidungssituationen wählen zu können, ist aus biologischer Sicht ohne Wahrnehmungs- und Bewegungsfunktionen des Gehirns nicht denkbar. Die Umsetzung von Entscheidungen in Handlungen ist in höchstem Maß davon abhängig, wie das Zusammenspiel der beteiligten Organsysteme funktioniert. Jede komplexe Handlung ist angewiesen auf Wahrnehmung. Ob es tatsächlich Bewegungen ohne Wahrnehmung gibt, ist eine Frage der Definition von Wahrnehmung. Wahrnehmung und Bewegung können als getrennte oder als eine gemeinsame Entität betrachtet werden.

Für die medizinische Praxis sind Wahrnehmung und Bewegung nicht trennbare Fähigkeiten. Leitsymptome sind in aller Regel sowohl durch Wahrnehmung als auch Bewegung gekennzeichnet. In der medizinisch-diagnostischen Praxis entsteht durch den äußeren Zugang zum Patienten die Schwierigkeit, dass Wahrnehmung schlechter objektivierbar ist als Bewegung. Der damit verbundene systematische Beobachtungstrend bedarf einer besonderen Berücksichtigung in der Patient-Arzt-Begegnung. Anatomische Strukturen und Bewegung können besser aus der objektiven Perspektive der diagnostischen Methoden beschrieben werden, die Wahrnehmung hingegen in aller Regel besser durch die subjektiven Äußerungen des Patienten. Soll die Wahrnehmung objektiviert werden, sind aufwendige technische Methoden oder geschickte Aufgabenstellungen für den Patienten notwendig. Ob durch Surrogate Wahrnehmung überhaupt objektivierbar ist, muss derzeit offenbleiben.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Wahrnehmungsfähigkeit und Bewegungsfähigkeit mit Einschränkungen sowohl der subjektiven als auch objektiven Perspektive zugängig sind. Inwieweit die jeweilige Perspektive für den medizinischen Entscheidungs- und Handlungsprozess wichtig sind, ist Angelegenheit des Aushandlungsprozesses in der Patient-Arzt-Begegnung.

2.10 (Un-)Verfügbarkeit der Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit

Wenn nach der Verfügbarkeit oder der Unverfügbarkeit der Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit gefragt wird, ist es erforderlich, die beeinflussenden Variablen und Eigenschaften zu berücksichtigen:
  1. 1.

    Zeit (Aktualität, Temporalität, Chronologie),

     
  2. 2.

    Innere Bedingungen (anatomische Struktur; physikalische, biochemische, physiologische Funktionen),

     
  3. 3.

    Äußere Einflüsse und Rahmenbedingungen (Umwelt, Systeme),

     
  4. 4.

    Gradualisierbarkeit (absoluter Grad, relative Grade).

     

Die Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit steht immer nur in der Gegenwart, also im jeweiligen Moment, zur Verfügung oder nicht zur Verfügung. Sie sind so temporal wie es das biologische Leben ist. Ansonsten handelt es sich um eine vergangene und für die Zukunft erwartete Geschichte von der Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit. Daher unterliegen Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit dem stetigen Wandel, dem auch das menschliche Leben unterworfen ist. Die Verfügbarkeit kann wie die Unverfügbarkeit der Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit im Verlauf der Lebensspanne relativen oder absoluten Charakter besitzen. Sie kann den zum jeweils aktuellen Zeitpunkt den gesamten Organismus oder Teile davon betreffen. Darüber hinaus kann es sich um eine direkte oder indirekte, also unmittelbare oder mittelbare Verfügbarkeit handeln (Deuser 2013).

Im Gegensatz zur Unverfügbarkeit ist die Verfügbarkeit jedoch für den Menschen von vorübergehender Natur. Vor dem biologischen Lebensbeginn und nach dem Lebensende stehen sie dem Menschen nicht mehr zur Verfügung. Mit dieser Aussage soll die Diskussion um Gottes- und Menschenbilder an dieser Stelle nicht eröffnet werden, denn mit dieser Aussage ist die Klärung der Fragen nach dem Beginn und Ende des menschlichen Lebens verbunden, wer oder was der Mensch ist und ob der Mensch alleinig ein biologisches Wesen ist oder das biologische Wesen Mensch im Verhältnis zu einem größeren Entwurf des Menschseins steht. Dennoch muss angemerkt werden, dass sich die unterschiedlichsten Gottes- und Menschenbilder in der Begegnung von Patient und Arzt zwangsläufig implizit oder explizit wiederfinden. Der Einfachheit halber und für die Zwecke der medizinischen Perspektive soll festgehalten werden, dass mit Eintritt des biologischen Todes die Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit endgültig auf allen biologischen Ebenen verloren geht, die menschliches Leben ausmachen. Einfache Moleküle wie beispielsweise Wasser, molekularer Sauerstoff und Kohlendioxid, Atome und subatomare Teilchen gehen wieder in die Umwelt bzw. Natur ein ohne dass die ihnen innewohnende biochemische und physikalische Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit verloren gehen würde.

Die Unverfügbarkeit der Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit kann im Gegensatz zur Verfügbarkeit sowohl vorübergehender als auch endgültiger Natur sein. Bestimmte Formen der Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit können für einen Menschen bereits zum Beginn des Lebens für immer unverfügbar bleiben. Zu jedem Zeitpunkt des Lebens kann sich eine endgültige Unverfügbarkeit der Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit einstellen. Sie ist im Verlauf des Lebens unausweichlich und jedem einzelnen Menschen vorbehalten. Der Endpunkt ist der biologische Tod.

Von der Deskription der Verfügbarkeit und Unverfügbarkeit der Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit ist zu unterscheiden, wie der Umgang damit erfolgt oder erfolgen soll. Mit dieser Frage sind Unterschied und Verbindung der deskriptiven und präskriptiven Ebenen angesprochen. Wie es um die Verfügbarkeit, die Unverfügbarkeit, den Umgang und die Umgangsfähigkeit tatsächlich bestellt ist, ist Sache der Deskription. Auf der präskriptiven Ebene wird jedoch nicht danach gefragt, wie etwas ist, sondern wie etwas sein sollte.

2.11 Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit im medizinischen Zusammenhang

Im medizinischen Zusammenhang muss leider häufig festgestellt werden, dass zum Zeitpunkt der Konsultation durch einen Patienten ein Teil der Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit bereits verloren gegangen und damit nicht verfügbar ist. Auf dem Entscheidungsweg der medizinischen Handlungen ist es immer wieder erforderlich zu klären, ob es sich um eine relative oder absolute, eine vorübergehende oder endgültige Unverfügbarkeit handelt, da sich hieraus Konsequenzen für die Zielstellung und die medizinischen Interventionsstrategien ergeben. Stellt sich bei einer Wiederbelebungsmaßnahme der irreversible Hirntod ein, werden die Handlungen eingestellt. Die Organfunktionen sind endgültig unverfügbar geworden. Bleiben die Hirnschädigungszeichen aus, setzt die autonome Atmung und Herzaktion wieder ein, werden weitere auf den Erhalt des Lebens ausgerichtete medizinische Maßnahmen eingeleitet. Die Unverfügbarkeit der Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit einzelner Organe bzw. Organsysteme stellt sich, wie im Falle des Autorennfahrers in Beispiel E, als vorübergehend unverfügbar heraus.

Bei dem Rennwagenpiloten aus Beispiel E musste jedoch aufgrund der massiven Gewebezerstörung und aus Gründen der Rettung des Lebens an sich die Amputation der Beine in Kauf genommen werden. Die mit voll funktionstüchtigen Beinen verbundene Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit wurde endgültig unverfügbar. Die medizinische Entscheidung entstand aus der Abwägung des drohenden Ablebens des Piloten unter Akzeptierung einer Amputation beider Beine oder das Ableben billigend in Kauf zu nehmen und dafür die Chance auf zumindest teilweisen Erhalt der Beine und teilweise ihrer Funktionen zu ermöglichen. Letztlich musste a) zwischen der endgültigen Unverfügbarkeit der Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit des gesamten Organismus gegenüber b) derjenigen der beiden unteren Extremitäten abgewogen werden. Die Entscheidung fiel zugunsten der Variante a) aus. Aus medizinischer Sicht wurde der größere Schaden für den Patienten vermieden, es wurde nach dem mutmaßlichen Willen des Patienten aus allgemeinen Erfahrungen, jedoch ohne Kenntnis des konkreten explizit geäußerten Willens, gehandelt.

2.12 Medizinischer Umgang mit der Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit

Für Patienten und Ärzte stellen sich im Zusammenhang mit verfügbarer und unverfügbarer Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit die Fragen danach, wie einerseits der Umgang aussieht und welche Umgangsfähigkeit vorliegt und wie andererseits sie aussehen sollten. Nach der beidseitigen Beinamputation sind dem Autorennfahrer aus Beispiel E alle sensomotorischen Fähigkeiten der Beine und die damit verbundene Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit endgültig unverfügbar geworden. Alle bisherigen Wahrnehmungs- und Bewegungserfahrungen mit den eigenen Beinen gehören der vergangenen Lebensgeschichte an. Sie sind nicht mehr Teil der gegenwärtigen oder der zukünftig zu erwartenden Lebensgeschichte. Aus analytischer Sicht lässt sich die Auswirkung der beidseitigen Beinamputation relativ klar umreißen. Stehen, Gehen, Wandern, Laufen und Springen sind für die Zukunft als Lebensgestaltung im eigenen Gestaltungsraum und als subjektive Leiberfahrung ausgeschlossen. An ihre Stelle kann ein Surrogat mit Hilfe von technischen Geräten wie beispielsweise Prothesen, Gehhilfen, Rollstühlen u. a. m. treten. Ob die Lebensgestaltung mit Hilfe von technischen Geräten und der Hilfe von anderen Menschen in das praktische Leben umgesetzt werden kann, hängt wesentlich davon ab, ob der Umgang mit dem eigenen Leib auf diese Art erlernt, eingeübt und aufrechterhalten wird. Voraussetzung dafür ist die innere Fähigkeit, diesen Weg des Umgangs zuzulassen und ihn zu wollen.

Damit wird die Frage aufgeworfen, welche Art des Umgangs und der Umgangsfähigkeit richtig und gut sind. Die Frage der Richtigkeit lässt sich analytisch-erklärend darstellen, indem die Folgen auf die Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit sowie die Wirkungen für die alltägliche Lebensgestaltung aus empirischen Erkenntnissen mit einer gewissen Präzision voraussagen lassen. Ob ein mehr oder weniger an Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit jedoch gut für die Patienten ist, macht sich an der Bedeutung für den Patienten im Zusammenhang mit seiner vergangenen, gegenwärtigen und zukünftig erwarteten bzw. erhofften Lebensgeschichte fest. Will sich ein Arzt auch über die Bedeutsamkeit der Alternativen im Umgang mit der endgültig unverfügbar gewordenen Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit annähern, wird er über den analytisch-erklärenden Ansatz hinaus in einen Prozess des Verstehens mit seinem Patienten eintreten müssen. Erst dann wird auch für den Arzt des Autorennfahrers aus Beispiel E sichtbar werden, welcher Umgang und welche Umgangsfähigkeit gut ist und sein soll.

3 Wissenschaftstheoretischer Zugang zur Medizin

3.1 Medizin: Eine praktische Wissenschaft

Bei der Suche nach der medizinischen Problemlösung steht die Menschenangemessenheit im Vordergrund. Medizin kann sich daher nicht a priori auf einen bevorzugten wissenschaftlichen Zugang festlegen, um einen Weg zur Problemlösung zu suchen. Medizin ist nicht die Anwendung einer bestimmten und im Vorhinein festgelegten Wissenschaft. Sie ist offen für die beste Problemlösung für den Patienten. Gleichwohl haben sich bestimmte Wissenschaften bei der Problemlösung als wertvoll und mit Blick auf den Patienten besonders nutzbringend herausgestellt. Ohne natur-, verhaltens-, ingenieurswissenschaftliche Erkenntnisse, mathematische und informationswissenschaftliche Lösungswege wären viele diagnostische Methoden und therapeutische Interventionen zum Wohle des Patienten nicht in Anwendung gekommen. Was jedoch für den Menschen gut und angemessen ist, lässt sich nicht innerhalb der Grenzen der empirischen Wissenschaften klären.

Giovanni Maio beschreibt dies wie folgt: „Eine gute Medizin kann nur realisiert werden in der Verknüpfung von solider Naturwissenschaft und der Einsicht, was für den Menschen gut ist“ (Maio 2011). Medizin ist mehr als eine angewandte empirische (Natur-)Wissenschaft. Medizin bedarf der ethischen Reflexion. Die in der Medizin am häufigsten diskutierten ethischen Gebote sind die Selbstbestimmung des Patienten, die Fürsorge, das Nichtschädigen und die (Verteilungs-)Gerechtigkeit (Beauchamp und Childress 2013). Ethik reflektiert moralische Vorstellungen und ist in anthropologischen Entwürfen verwurzelt.

Aus einer praktischen Sicht heraus wäre Medizin ohne empirisch (natur-)wissenschaftliche Erkenntnisse häufig nicht handlungsfähig. Eine Verknüpfung von Medizin mit empirischen Wissenschaften ist notwendig. Medizin ist keine Erkenntniswissenschaft allein um der Erkenntnis willen, sondern bemüht sich um Erkenntnis mit dem Ziel, kranken Menschen helfen zu können. Sie verweist auf den Menschen und wird für ihn betrieben. Sie ist eine Praxis im Dienste des Menschen und greift auf wissenschaftliche Theorien und Methoden zurück. Die praktische Zwecksetzung zum Guten des einzelnen Menschen ist der instand setzende Grund der Medizin, während die Patient-Arzt-Begegnung der Ort der Umsetzung ist.

Zusammenfassend kann festgehalten werden:

Medizin ist eine praktische Wissenschaft. Als solche ist sie vorgeformt durch theoretische Voraussetzungen. Die praktische Wissenschaft Medizin geht von einem lebenspraktischen existentiellen Problem des Menschen aus, sucht in allen zur Verfügung stehenden Wissenschaften nach Erkenntnissen und lebenspraktischen Möglichkeiten, um die bestmögliche Lösungsmöglichkeit praktisch in das Leben des Patienten einzubringen.

In Kurzform: Ziel und Zweck der Medizin ist die Verbesserung des Menschen hin zum Guten. Die Gegenstände der Medizin sind nicht allein Gesundheit und Krankheit, sondern Gegenstand der Medizin ist der gesunde und/oder kranke Mensch.

3.2 Der Mensch als Subjekt und Objekt in Wissenschaft und Medizin

Über den Menschen zu sprechen oder zu schreiben heißt, dass Menschen über Menschen sprechen oder schreiben. Damit ist die Frage verbunden, auf welche Art es möglich ist, über Menschen zu sprechen oder zu schreiben. Welche medizinisch-wissenschaftlichen Aussagen sind möglich? In welchem Verhältnis stehen sie zur Lebenswirklichkeit der beschriebenen gesunden und/oder kranken Menschen? Um diese grundlegenden Fragen zu klären, ist es erforderliche das Verhältnis von Objekt und Subjekt in Bezug auf den Menschen zu klären. In medizinischen Zusammenhängen – und natürlich nicht nur dort – findet sich der Mensch als Objekt und Subjekt wieder.

Der Mensch ist Objekt der Beschreibung und zugleich das Subjekt, das beschrieben wird. Der Patient wird durch den Arzt auf medizinische Art als gesunder und/oder kranker Mensch beschrieben. Der Patient ist damit Erkenntnisobjekt des Arztes. Zugleich ist der Patient Subjekt und kann aus seiner subjektiven Perspektive über sein Kranksein berichten. Umgekehrt hat auch der Arzt seine subjektive Perspektive auf die Begegnung mit dem Patienten und ist auch Objekt der Wahrnehmung durch den Patienten.

Die Begegnung und der Kommunikationsprozess zwischen Patient und Arzt beinhaltet Aussagen aus subjektiven und objektiven Perspektiven. Das Objekt ist der Erkenntnisgegenstand, welches vom Subjekt erkannt und in Form einer Aussage dargestellt wird.

Die Grundkonstruktion Objekt – Aussage – Subjekt ist charakteristisch für den analytischen Ansatz in den Wissenschaften und der Medizin. Sie führt zu Aussagen, die in Lehrbüchern, Handbüchern und sonstigen wissenschaftlichen Publikationen sichtbar werden. Dabei sind Objekt und Subjekt nicht unabhängig voneinander. Der Beobachter beeinflusst den Beobachteten und umgekehrt. Diese Wechselbeziehung ist wichtig für die Forschung. Jedes empirische Experiment mit Menschen muss darauf achten, dass der Einfluss des Beobachters auf den Beobachteten weitestgehend ausgeschlossen wird, es sei denn es ist ein wichtiger Bestandteil des Experiments. Ist der Ausschluss nicht möglich, muss die experimentelle Situation zumindest aber soweit kontrolliert werden, dass der Fehler erfasst und exakt beschrieben werden kann. Ist der Beobachter der Arzt und der Beobachtete der Patient, kommt es ebenfalls zu einer mehr oder weniger großen gegenseitigen Beeinflussung (Balzer 2009; Doering und Bortz 2016; Khakshooy und Chiappelli 2018).

Das Phänomen der Übertragung und Gegenübertragung im Rahmen eines Patient-Arzt-Gesprächs kann als ein Beispiel angeführt werden. Die sogenannte „Weißkittelhypertonie“ ist ein weiteres Beispiel: Das Aufsuchen des Arztes ist für den Patienten ein mehr oder weniger spezifischer Stress, der zu einem erhöhten Blutdruck führt, den er unter normalen Alltagsbedingungen nicht hat.

In der vorgenannten Grundkonstruktion liegt ein Grundproblem der Erkenntnistheorie: Wieso ist es dem Erkenntnissubjekt überhaupt möglich, vom Erkenntnisobjekt, das ja außerhalb von ihm steht, etwas in Erfahrung zu bringen? In der Medizin lautet die Frage: Wieso kann der Arzt oder der Therapeut überhaupt von seinem Patienten einen diagnostischen Befund erheben? Eine einfache Abbildtheorie, bei der die Wirklichkeit im Denken oder in der Sprache gespiegelt wird, ist wegen des damit verbundenen Zerrbilds vom Original nicht tragfähig. Der Grund hierfür ist: Im Subjekt liegen Bedingungen und Grenzen des Denkens und Sprechens zugrunde, die das Erkenntnisobjekt bestimmen. Dies trifft auch auf die Gegenstände der Wissenschaften zu, weshalb die „Objektivität“ vom Erkenntnissubjekt abhängt. Für die Medizin bedeutet dies, dass alle am Erkenntnisprozess einer Befunderhebung und Diagnostik beteiligten Personen mit den Grenzen der Subjektivität des Betrachters, also dem Arzt, dem Therapeuten, den Angehörigen und die Patienten selbst unterliegen. Jeder Wahrnehmung des Patienten, sei es durch den unmittelbaren Einsatz der eigenen Sinne oder durch den Einsatz medizinisch-technischer Untersuchungsmethoden, ist die Subjektivität des betrachtenden Subjekts, also in erster Linie dem Arzt und dem Therapeuten, immanent.

3.3 Sprachen in den Wissenschaften und der Medizin

Wissenschaften liegen als sprachlich formulierte Gebilde vor. In der Medizin spielt die Sprache ebenfalls eine entscheidende Rolle. Einerseits ist die Sprache der medizinischen Experten wissenschaftlich, andererseits müssen die medizinischen Experten mit Laien kommunizieren, für die die medizinisch-wissenschaftliche Sprache fremd und unverständlich ist. Zum Gelingen der medizinischen Bemühungen um den Patienten sind jedoch beide Sprachen in mündlicher und schriftlicher Form essentiell und erfordern eine differenzierte Kommunikation in Abhängigkeit der beteiligten Kommunikationspartner. Der Sender der Information muss seine Information auf den Empfänger abstimmen. Die Rollen als Sender und Empfänger können in der Begegnung von Arzt und Patient je nach Gesprächsverlauf wechseln. Um den Erfolg einer Kommunikation auf der Sachebene sicher zu stellen, müssen sowohl Sender als auch Empfänger sich auf eine gemeinsame Sprache einigen und einüben. Wenn Arzt und Patient sich nicht auf eine gemeinsame Sprache einigen, wird der Patient die medizinischen Erklärungen des Arztes nicht verstehen und umgekehrt wird der Arzt nicht verstehen, was es für den Patienten heißt, krank zu sein oder eine Krankheit zu haben (Abb. 2).

Jeder medizinisch-diagnostische Befund und jede therapeutische Maßnahme muss als Gedanke sprachlich vermittelt werden. Die Einbeziehung theoretischer Überlegungen, medizinethisches Abwägen zur medizinischen Entscheidungsfindung benötigt ein gewisses Maß an Abstraktion. Abstraktion wiederum ist ohne Sprache nicht vorstellbar (Poser 2012, S. 31–45). Sprache ermöglicht Intersubjektivität, d. h. Kommunikation. Sie hat die Form des Ausdrucks, ist sinnlich wahrnehmbar, zeichenhaft, willkürlich und absichtsvoll. In gewissem Maß bestimmt Sprache, was Wirklichkeit ist. Dies trifft insbesondere auch auf die medizinisch-wissenschaftliche Sprache zu. Das Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit ist für die Wissenschaften von fundamentaler Bedeutung, da Ergebnisse, Aussagen und Theorien sprachlich gefasst sind. Dies trifft auch auf die Medizin zu, wenn man beispielsweise an einen Arztbrief mit Befunddarstellung, ärztlicher Bewertung und Handlungsempfehlungen denkt. Die wissenschaftliche und medizinische Wirklichkeit ist demnach auch immer eine sprachlich gefasste Wirklichkeit. Diese Form der Wirklichkeit ist wirkmächtig, da sie zum Denken, zur Kommunikation und zum Handeln anregt. Sie ist jedoch zugleich auch begrenzt, da sie innerhalb sprachlicher Grenzen bleiben muss. Selbst die scheinbar noch so gelungen erscheinende Beschreibung eines kranken Menschen oder einer Krankheit bleibt auf die sprachliche Ebene des beschreibenden Arztes und dem Verständnis der Hörer bzw. Leser beschränkt. Die Beschreibung des gesunden und kranken Menschen darf nicht für den Erkenntnisgegenstand eingetauscht werden. Denn der Erkenntnisgegenstand ist der gesunde und kranke Mensch als Subjekt.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Eine wissenschaftliche und medizinische Publikation wie der vorliegende Artikel vermittelt Erkenntnis durch sprachlich formulierte Gebilde. Die physikalische, biologische und medizinische Wirklichkeit des Patienten und seiner Umwelt wird durch Sprache, durch ihren Wortschatz und ihre Begrifflichkeit vermittelt. Zu einer solchen Sprache gehören als Sender die Autoren, als Hörer die Leser, die Syntax mit ihren Sprachzeichen und Zeichenfunktionen sowie die mit der Semantik verbundene Bedeutungsfunktion. Wissenschaftliche und medizinische Sprachgebilde unterscheiden sich erheblich von der Umgangssprache. Daher ist es erforderlich die intuitiven Projektionen von der Alltags- und Umgangssprache auf die Wissenschafts- und medizinische Sprache zu erkennen und sorgsam zu differenzieren. Dies ist die Aufgabe von Autoren und Lesern im wissenschaftlichen und medizinischen Schrifttum.

Bei dem Umgang von Experten mit Laien, ob in der Wissenschaft und/oder der Medizin, ist in medizinischen Handlungsfeldern daher sorgsam darauf zu achten, dass nicht durch Missverständnisse aus dem Gebrauch unterschiedlicher Sprachen, durch die „Übersetzungen“ der Expertensprachen in die Laiensprachen lebenswichtige Nachteile für Patienten erwachsen. Solche Übersetzungsprobleme können auch entstehen, wenn zwei oder mehrere Wissenschaften am selben Erkenntnisgegenstand arbeiten und zwangsläufig kommunizieren müssen. Für das vorliegende Handbuch ist dies für die Kommunikation zwischen Sportwissenschaftlern und Medizinern sowie beider Berufsgruppen mit Patienten von besonderer Relevanz. Geht man über den analytisch-wissenschaftlichen Horizont hinaus und bezieht die geisteswissenschaftlichen Horizonte mit ein, kommt man um die Betrachtung des Gegensatzes empirischer (Natur-)Wissenschaften und Geisteswissenschaften nicht umhin. Der Leitgedanke Windelbrands sieht in den Geisteswissenschaften das Ziel, mit ihrer Methode des Verstehens das Individuelle, Einmalige und Unwiederholbare in ebendieser Einmaligkeit, Individualität und Unwiederholbarkeit erfassen zu wollen. Demgegenüber wollen nach Windelbrand die Erfahrungswissenschaften mit der Methode des Erklärens in völligem Gegensatz hierzu auf das Allgemeine, Gesetzmäßige, Wiederholbare in Gestalt universeller Gesetzesaussagen abzielen. Johann Gustav Drouysen unterscheidet zwischen idiographischen (nach gr. idios: eigentümlich) und nomothetischen (nach gr. nomos: Gesetz) Wissenschaften, d. h. zwischen Wissenschaften, die Individuelles beschreiben und solche, die Gesetze ihres Gegenstandsbereiches, also Universelles suchen (Poser 2012, S. 217–218).

3.4 Wissenschaftliche Standpunkte und Zugänge in der Medizin

Wissenschaft verändert die Welt, schafft und bewahrt Wissen, ermöglicht Lebensbedingungen, denkt neue Ziele und ruft ebenso Hoffnungen wie Angst und Sorgen hervor. Wissenschaft nimmt Standpunkte ein. Zu den häufigsten Standpunkten zählen die Folgenden (Poser 2012, S. 26–29):
  • Analytisch: Logisch-begriffliche Analyse als Aussageformen

  • Konstruktivistisch: Konstruktionen auf der Grundlage vernünftigen Handelns

  • Hermeneutisch: Erfassen des Verstehens im jeweiligen historischen Horizont

  • Dialektisch: Erfassung des zugrunde liegenden Erkenntnis- und Wissensprozesses, Veränderung des Gegenstandsbereichs als dialektischer Prozess

  • Evolutionistisch: Übertragung des Modells der biotischen Entwicklung auf andere Bereiche

  • Komplextheoretisch: Unzureichende Vereinfachungen sind unzureichend, weswegen die Vielschichtigkeit der unbelebten Natur, der Lebewesen und der Gesellschaft in ein grundsätzlich neues Verständnis überführt werden (müssen)

  • Technikphilosophisch: Auslotung der Differenzen zwischen den Erfahrungswissenschaften und Technikwissenschaften

Die vorgenannten Standpunkte ermöglichen wissenschaftliche Zugänge, die durch die Wissenschaften unterschiedlich genutzt werden. Für die Medizin ist wichtig, dass sie als praktische Wissenschaft sich nicht a priori auf einen Zugang festlegt. Damit Medizin ihre Aufgabe erfüllen kann, nämlich dem kranken Menschen in seinem Leid zu helfen, muss sie vom Grundsatz her für alle potentiellen Standpunkte und Zugänge offenbleiben. Andernfalls würde sie die Gefahr eingehen, nicht alle Möglichkeiten, einen Lösungsweg für die medizinischen Probleme, in Betracht zu ziehen. Im konkreten Einzelfall kann dies durchaus anders sein. Wegen der wissenschaftlichen Erkenntnis, dass ein bestimmter Zugang und der damit verbundene Lösungsweg diagnostisch, präventiv, therapeutisch oder rehabilitativ sich als tragfähig und bestmöglich erwiesen hat, kann beim Auftreten eines praktischen Problems unmittelbar dieser Zugang angewandt werden. In diesem konkreten Fall folgt die Medizin dem Weg einer angewandten Wissenschaft ohne jedoch die wissenschaftstheoretisch grundsätzliche Stellung der praktischen Wissenschaft aufzugeben. Andernfalls würden für die Zukunft Zugänge über andere und bessere medizinische Problemlösungen ausgeschlossen, zumindest jedoch erschwert werden.

Der analytische Ansatz zum wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn ist der dominante Zugang bei der Suche nach diagnostischen, präventiven, therapeutischen und rehabilitativen Methoden und Interventionen. Mit dem, wenn auch auf der wissenschaftlichen Landkarte der Medizin nur punktuell erkennbarem Denken über den analytischen Ansatz hinaus beginnen beispielsweise der evolutionistische, komplextheoretische und technikphilosophische Ansatz systematischer in den Blick zu kommen. Der hermeneutische Zugang wird in der medizinischen Praxis häufig eher „intuitiv“ als systematisch wissenschaftlich in Anwendung gebracht.

Aufgrund seiner Bedeutung soll kurz auf den analytischen Ansatz eingegangen, die wesentlichen Grundbegriffe in Bezug auf die Medizin dargestellt und ansonsten auf die weitergehende und ausführliche Literatur verwiesen werden. Der analytische Ansatz ist ein zentraler Ausgangspunkt für das Verständnis der sog. evidenzbasierten Medizin, die in den medizinischen Entscheidungsprozessen eine wichtige, aber wegen ihrer Beschränkung auf den analytischen Zugang nicht unumstrittene Bedeutung erlangt hat.

Im Zentrum des analytisch-wissenschaftlichen Ansatzes steht der Begriff der Erklärung, der in einem gegensätzlichen Spannungsverhältnis zum Begriff des Verstehens steht.

Wissenschaftliches Wissen ist in Aussagen präsent. Wissenschaftliche Aussagen haben den Anspruch, wahr zu sein. Wissenschaftler, im Falle der Medizin Ärzte, aber auch Patienten fragen nach dem Wahrheits- oder Wahrscheinlichkeitsnachweis einer Aussage. Wie bereits zuvor dargestellt, benötigt die analytische Wissenschaft die Grundkonstruktion Erkenntnisgegenstand (Objekt) – Aussage – erkennendes Subjekt. Da sich wissenschaftliche Erkenntnis als Denken oder in der Sprache spiegeln, liegen Grenzen der Erkenntnis zwangsläufig in der Wahrnehmung des Erkenntnisobjekts und ihren Rahmenbedingungen. Umgekehrt ist es so, dass die Sprache, in der Aussagen, Modelle und Theorien verfasst werden, die Welt gestaltet. Sprache kann die ganze Ontologie und die Weltsicht bestimmen.

Die Beschreibung ein und derselben Situation führt durch verschiedene Sprachen zu ganz unterschiedlichen Aussagen. Das System der Aussage in den unterschiedlichen Sprachen wiederum ermöglicht eine unterschiedliche Sichtweise und Gestaltung der Welt. Eine chirurgische Operation würde anders verlaufen, wenn statt der medizinischen Fachsprache eine medizinische Laiensprache verwendet würde. Es bleibt demnach festzuhalten, dass auch im medizinischen Zusammenhang mit der gestaltenden Kraft der Sprachen gerechnet werden muss. Die medizinische Fachsprache gestaltet die Welt anders als die medizinische Laiensprache. Um jedoch das Ziel der Medizin, den kranken Menschen angemessen zu behandeln und ihm als Mensch gerecht zu werden, muss in der Kommunikation zwischen Patient und Arzt permanent Übersetzungsarbeit mit dem Ziel der guten Verständigung geleistet werden. Entscheidungen sind ganz wesentlich ein individueller Aushandlungsprozess, der im Zwischenraum der Patient-Arzt-Begegnung entsteht.

4 Fazit

Medizin wird durch die Patient-Arzt-Begegnung Instand gesetzt. Der Patient-Arzt-Begegnung wiederum liegt ein medizinisches Anliegen des Patienten an den Arzt zugrunde. Der Gegenstand der Medizin ist der Mensch als Subjekt.

Notwendigerweise müssen medizinische Handlungen gemäß der Hilfsbedürftigkeit Teilstrukturen und selektive Fähigkeiten zum konkreten Gegenstand der Diagnostik und Intervention machen. Solche selektiven Handlungen sind unverwechselbar und einzigartig im Subjekt und seiner Lebensgeschichte verankert. Die medizinethischen Entscheidungen erfordern die Abwägung der ethischen Prinzipien Autonomie, Nichtschädigen, Fürsorge und Gerechtigkeit, die an die Menschenwürde und das Menschsein rückgebunden sind.

Ethische Entscheidungen sollen beitragen, dem hilfebedürftigen Menschen nicht nur richtig, sondern auch zum Guten zu verhelfen. Was richtig ist, lässt sich mit Hilfe empirischer, moralischer, sozialer, ökonomischer oder juristischer Normen in aller Regel eingrenzen und im besten Falle eindeutig festlegen. Was gut ist, ist eine Frage der Rückbindung an die Werte der zugrunde liegenden Menschenbilder.

Die sportmedizinische Gesundheitssprechstunde folgt den Normen der Medizin. In der sportmedizinischen Gesundheitssprechstunde findet das medizinische Ethos Anwendung. Normen und Ethos gelten für das gesamte interdisziplinäre Team einer Gesundheitssprechstunde.

Fußnoten

  1. 1.

    Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleich- zeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sofern nicht speziell hervorgehoben, gelten sämtliche Personenbezeichnungen gleichwohl für beiderlei Geschlecht.

Literatur

  1. Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften – AWMF. (2018). https://www.awmf.org/awmf-online-das-portal-der-wissenschaftlichen-medizin/awmf-aktuell.html. Zugegriffen am 24.07.2018.
  2. Balzer, W. (2009). Die Wissenschaft und ihre Methoden – Grundsätze der Wissenschaftstheorie. Freiburg/München: Karl Alber.Google Scholar
  3. Beauchamp, T. L., & Childress, J. F. (2013). Principles of biomedical ethics. Oxford/New York: Oxford University Press.Google Scholar
  4. Bundesärztekammer. (2018). (Muster-)Berufsordnung für die in Deutschland tätigen Ärztinnen und Ärzte. Deutsches Ärzteblatt.  https://doi.org/10.3238/arztebl.2019.mbo_daet2018b.
  5. Deuser, H. (2013). Unverfügbarkeit. In R. Gröschner, A. Kapust & O. L. Lembcke (Hrsg.), Wörterbuch der Würde (S. 202–203). München: W. Fink UTB.Google Scholar
  6. Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information – DIMDI. (2016). Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (10. Revision, German Modification, Version 2018). https://www.dimdi.de/dynamic/de/klassifikationen/icd/icd-10-gm/. Zugegriffen am 24.07.2018.
  7. Doering, N., & Bortz, J. (2016). Forschungsmethoden und Evaluation in den Sozial- und Humanwissenschaften. Wiesbaden: Springer.CrossRefGoogle Scholar
  8. Emanuel, E. J., & Emanuel, L. L. (2012). Vier Modelle der Arzt-Patient-Beziehung. In U. Wiesing (Hrsg.), Ethik in der Medizin (S. 107–109). Stuttgart: Philipp Reclam jun.Google Scholar
  9. Gabriel, H. (2013). Leistungsoptimierung in der sportmedizinischen Gesundheitssprechstunde. In C. Baumbach-Knopf, J. Achatz & N. Knoepffler (Hrsg.), Facetten der Ethik. Kritisches Jahrbuch der Philosophie (S. 141–160). Würzburg: Königshausen & Neumann.Google Scholar
  10. Gabriel, H. (2015). Physiologische und sportmedizinische Grundlagen der Gesundheitsförderung in der Gesundheitssprechstunde. In R. Albrecht, N. Knoepffler & W. H. Eberbach (Hrsg.), Wozu gesund? Prävention als Ideal. Kritisches Jahrbuch der Philosophie (S. 141–160). Würzburg: Königshausen & Neumann.Google Scholar
  11. Hottenrott, K., Baldus, A., Braumann, K. M., Hartmann-Tews, I., Holzweg, M., Kuhlmann, D., Seyfarth, A., Strauß, B., Sygusch, R., & Vogt, L. (2017). Memorandum Sportwissenschaft. German Journal of Exercise and Sport Research, 47, 287–293.CrossRefGoogle Scholar
  12. Khakshooy, A. M., & Chiappelli, F. (2018). Practical biostatistics in translational healthcare. Wiesbaden: Springer.CrossRefGoogle Scholar
  13. Knoepffler, N. (2009). Angewandte Ethik. Köln/Weimar/Wien: Böhlau.Google Scholar
  14. Maio, G. (2007). Medizin im Umbruch: Ethisch-anthropologische Grundfragen zu den Paradigmen der modernen Medizin. Zeitschrift für medizinische Ethik, 53, 229–252.Google Scholar
  15. Maio, G. (2011). Mittelpunkt Mensch: Ethik in der Medizin. Stuttgart: Schattauer.Google Scholar
  16. Pöltner, G. (2006). Grundkurs Medizin-Ethik. Wien: facultas.Google Scholar
  17. Poser, H. (2012). Wissenschaftstheorie: Eine philosophische Einführung. Stuttgart: Philipp Reclam jun.Google Scholar
  18. Rager, G. (1994). Medizin als Wissenschaft und ärztliches Handeln. In L. Honnefelder & G. Rager (Hrsg.), Ärztliches Urteilen und Handeln (S. 15–52). Frankfurt/Leipzig: Insel.Google Scholar
  19. Schockenhoff, E. (2016). Ethik des Lebens: Grundlagen und neue Herausforderungen. Freiburg: Herder.Google Scholar
  20. Zude, H. U. (2006). Medizinethik (Bioethik II). In N. Knoepffler, P. Kunzmann, I. Pies & A. Siegetsleitner (Hrsg.), Einführung in die angewandte Ethik (S. 105–133). Freiburg/München: Karl Alber.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  1. 1.Lehrstuhl für Sportmedizin und GesundheitsförderungFriedrich-Schiller-Universität JenaJenaDeutschland

Section editors and affiliations

  • Holger HW Gabriel
    • 1
  1. 1.Lehrstuhl für Sportmedizin und GesundheitsförderungFriedrich-Schiller-Univesität JenaJenaDeutschland

Personalised recommendations