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Zur Zahlungsbereitschaft für nationale sportliche Erfolge

Forschungsstand und Forschungsperspektiven
  • Freya GassmannEmail author
  • Tim Meyer
  • Eike Emrich
  • Christian Pierdzioch
Living reference work entry

Zusammenfassung

Medaillenspiegel werden in den Medien zur Darstellung der sportlichen Leistungsfähigkeit von Nationen verwendet und politisch als öffentliches Gut betrachtet. Dabei wird der Bevölkerung in der Regel eine hohe Nachfrage nach Medaillen unterstellt und medial häufig der Eindruck erzeugt, es würden zu wenige Medaillen von Athleten gewonnen. Mittels der „Methode“ der Willingness to Pay (WTP) wird in der sportökonomischen Forschung versucht, die Zahlungsbereitschaft der Bevölkerung zur Finanzierung sportlicher Aktivitäten und internationaler Veranstaltungen zu ermitteln. Die Studien kommen u. a. durch differente Methodik in verschiedenen Kontexten (regionale und überregionale Veranstaltungen) zu unterschiedlichen Ausprägungen der WTP in der Bevölkerung. Die Debatte um den Medaillenspiegel bzw. die Zahl gewonnener Medaillen wird ungeachtet der Befunde zur WTP durch die nutzenmaximierenden Rationalitäten der (sport-)politischen Akteure und der Medien zu einem persistenten Phänomen.

Dieser Beitrag ist Teil der Sektion Sportökonomie, herausgegeben von den Teilherausgebern Eike Emrich und Christian Pierdzioch, innerhalb des Handbuchs Sport und Sportwissenschaft, herausgegeben von Arne Güllich und Michael Krüger.

Schlüsselwörter

Medaillen Ӧffentliche Güter Willingness to Pay Medaillenproduktion Wert sportlichen Erfolgs Politische Ökonomie Erhebungsmethoden 

1 Einleitung

Obwohl das Internationale Olympische Komitee die olympischen Wettbewerbe ursprünglich als Konkurrenz von Individuen und nicht als solche von Nationen betrachtet,1 wird regelmäßig während und nach den Spielen das Abschneiden der Nationen im Medaillenspiegel in den Medien und zwischen der Politik und den Verbänden diskutiert. Medaillen und die Positionierung im Medaillenspiegel werden dabei als öffentliches Gut dargestellt, von dessen Konsum niemand ausgeschlossen und welches rivalitätslos konsumiert werden kann (zum Medaillenspiegel und seiner nationalen Bedeutung Haut et al. 2016 sowie Emrich et al. 2016).

Interessanterweise entsteht, gewöhnlich vermittelt über mediale Resonanz, der Eindruck, es würden von deutschen Sportlern nicht genügend Medaillen „produziert“. Da sich diese Betrachtungsweise oftmals im öffentlichen Raum in immer neuen konjunkturellen Wellen im Kontext von Großereignissen ansteckungsartig verbreitet, stellt sich für die sportökonomische Forschung die grundlegende Frage, wie es um die tatsächliche Nachfrage nach Medaillen in der Bevölkerung steht. Die Beantwortung dieser Forschungsfrage leitet über zu der grundlegenderen Frage, ob der Staat überhaupt die Aufgabe der Förderung des Medaillengewinns im Besonderen bzw. nationaler sportlicher Erfolge im Allgemeinen auf Kosten des Steuerzahlers hat.

Insbesondere die Frage nach der Willingness to Pay (WTP), also der Zahlungsbereitschaft der Bevölkerung für (nationale) sportliche Erfolge, ist in der jüngeren Forschung in einem stark wachsenden sportökonomischen Literaturzweig aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet worden. In diesem Beitrag werden in Abschn. 2 wesentliche Ergebnisse dieses Forschungszweiges vorgestellt. In Abschn. 3 wird der Forschungsstand kritisch gewürdigt und es wird argumentiert, dass die vorliegenden Forschungsergebnisse noch nicht derart belastbar sind, dass sie für politische Entscheidungen nutzbar gemacht werden können und insofern weiterer Forschungsbedarf besteht. Abschn. 4 enthält sodann einige politökonomische Überlegungen zur Persistenz der Debatten rund um den Medaillenspiegel.

2 Forschungsstand: Empirische Studien zur Willingness to Pay

Seit einigen Jahren wird die „Methode“ der WTP eingesetzt, um die Zahlungsbereitschaft der Bevölkerung zur Finanzierung sportlicher Aktivitäten und Veranstaltungen zu ermitteln. Im Folgenden werden zunächst Studien zu regionalen Veranstaltungen, danach zu olympischen Spielen und abschließend zum Fußball aufgeführt.

2.1 Zahlungsbereitschaft für regionale sportliche Veranstaltungen

Johnson und Whitehead (2000) erhoben mittels Fragebogen, ob Einwohner in Kanada einverstanden wären, wenn die Steuer um einen bestimmten Betrag angehoben wird, damit ihre Stadt in der Lage wäre, das städtische NFL-Profisportteam zwecks Vermeidung eines Umzug in eine andere Stadt aufzukaufen. Die Befragten wurden dabei mit unterschiedlichen Beträgen konfrontiert (1 $, 5 $, 10 $ oder 25 $), die die Stadt als zusätzliche Steuer in Erwägung ziehen würden. Darüber hinaus folgte die Frage, wie hoch ihre maximale WTP wäre. Zwecks Operationalisierung wurde dann eine Liste mit Geldbeträgen aufgezeigt (payment card), denen die Befragten zustimmen konnten oder nicht. Es zeigt sich, dass Personen desto näher sie am Stadion leben, desto eher bereit sind, die Finanzierung zu unterstützen.

Johnson et al. (2007) erhoben die WTP im Amateursport und Freizeitprogramm in der kanadischen Provinz Alberta (N = 967). Dazu wurden den Befragten zwei hypothetische Szenarien (Kunst und Sport) vorgestellt. Im Sport-Szenario sollte zum Ausbau des Amateursports sowie des Freizeitprogramms die regionale Steuer aufgestockt werden, um das Ziel einer Erhöhung des Anteils von teilnehmenden Personen zu erreichen. Dazu wurde vorab erhoben, ob die Befragten eine Steuererhöhung diesbezüglich begrüßen würden. Die eine Hälfte der Probanden wurde zuerst gefragt, ob sie höhere Steuern für Sport und Erholung zahlen würden und anschließend, wie sie diesbezüglich zu Kunst und Kultur stehen würden. Bei der anderen Hälfte wurde die Reihenfolge verändert. Nachfolgend wurden sie darüber informiert, dass die Steuererhöhung $ 10, $ 25 oder $ 50 ausmachen würde, wobei die genannte Zahl unter den Befragten variiert wurde. Danach wurde bekannt gegeben, dass es ein Referendum für Sport und Freizeitprogramme geben könnte und sie wurden gefragt, ob sie dafür oder dagegen stimmen würden. Anschließend wurde dies auch für eine Steuer zur Finanzierung von Kunst- und Kulturprogrammen erhoben. Über alle Befragten hinweg ergab sich eine WTP von 2,60 $, wobei die Höhe der WTP damit zusammen hängt, wie wahrscheinlich die Befragten das Szenario einschätzten. Nur 514 Befragte, also etwas mehr als die Hälfte der Befragten, glaubten daran, dass durch eine Erhöhung der Steuer eine höhere Beteiligung der Bevölkerung möglich ist und in dieser Population lag die WTP bei $ 18,32.

Barget und Gouguet (2007) erhoben Daten (ohne Angabe der Stichprobengröße) zur WTP während des Davis Cup zwischen Deutschland und Frankreich 1996 in Limoges. Der Fragebogen enthielt 34 Fragen aus vier Inhaltskategorien. Die erste Kategorie widmet sich mit generellen Fragen dem Thema Sportevents sowie deren politischen Funktionen in der Region. Der zweite Bereich beschäftigte sich zentral mit der WTP, indem erfragt wurde, wie hoch der maximale Betrag wäre, den der Befragte bereit wäre jährlich zu zahlen (als Steuer), um Sportevents in der Region zu unterstützen. Die dritte Kategorie bezog sich auf Davis-Cup-spezifische Meinungsfragen und die WTP-Motive bezüglich des Davis Cups und der letzte Abschnitt ermöglichte die Untersuchung der Reliabilität der Antworten. Die gestellten Fragen zur WTP wurden dabei unter einem strengen sowie unter einem weichen budgetären Zwang erfragt. Zu den strengen Budgetfragen gehörten beipielsweise: „You know that sporting events are generally subsidised and therefore partly financed by the taxpayer. What is the maximum amount you would personally be prepared to pay in taxes annually to finance the organization of sporting events in Limousin? In order to help you, I can tell you that an adult in Limousin pays 75 € p.a. in taxes for secondary education, 18 € for building sports facilities and 5 € for organising festivals“ und „In reality, public authorities in Limousin spend 7,20 € p.a. per adult for organising sporting events in Limousin. Knowing that, do you wish the maximum amount that you have agreed to pay to be maintained? If not, what amount would you now agree to?“

Zu den weichen Budgetfragen gehörten: „Supposing that your taxes remained the same, would you be in favour of increasing the financing of sporting events at the expense of other public expenditure, of decreasing the financing of sporting events in favour of other public expenditure, or to maintain the status quo?“ (1.1) „Having said that you would like to increase the amount devoted to sporting events, how many euros per adult would you like to see transferred from other items of public expenditure?“ und (1.2) „Having said that you would like to decrease the amount devoted to sporting events in favour of other activities, how many euros would you like to transfer?“ Die Ergebnisse zeigen, dass die WTP je nach Geschlecht stark variiert. Sie beträgt für Männer im Mittel 14,72 € und für Frauen 10,60 €. Genauere Angaben zur Höhe der WTP nach den harten und weichen Budgetfragen und nach der genauen Fragestellung wurden in der Studie nicht gemacht.

2.2 Zahlungsbereitschaft für nationale olympische Erfolge

Walton et al. (2008) untersuchten im Rahmen der Finanzierungsmöglichkeiten der Olympischen Spiele 2012 in London die WTP im Gastgeberland. Die hierzu angewandte Befragungsmethode zielte darauf ab, eine möglichst große Reduzierung strategischen Antwortverhaltens zu erreichen, indem zum Thema WTP nur Fragen mit dichotomen Antwortmöglichkeiten (Ja/Nein) benutzt wurden. Die erhobenen Daten stammen von einheimischen Befragten (N = 167) aus der britischen Stadt Bath. Unter der Grundannahme, dass die Olympischen Spiele keine „Londonspiele“ seien, sondern das ganze Land betreffen und somit „Großbritannienspiele“ wären, wurde explizit nicht die Stadt London ausgewählt. Zu Beginn wurde den Befragten folgendes Szenario vorgelesen: „Imagine that the rest of the funding for the Olympics would come from a national tax that everybody had to pay. This would be in addition to the sum paid by London residents. The national tax would be a fixed rate for everyone, and would last for one year only. Imagine that the amount of tax that would be paid would be decided by referendum“.

Während der Erhebung wurden im Zuge des Wahlkampfs steuerliche Themen in Großbritannien in Wahlkampagnen kontrovers diskutiert. Durch die Betonung des Sachverhalts, dass das Szenario hypothetisch sei, wurde versucht, die Möglichkeit von Protestantworten gering zu halten. Es folgte eine erste Frage zur WTP: „If London’s bid is successful, would you vote in favour to pay X-£ to ensure that the Games can go ahead“. Hierbei wurde der genannte £-Betrag stets zwischen 10 £, 25 £, 50 £ und 80 £ variiert. Je nach Antwortverhalten (Ja/Nein) wurde darauffolgend gefragt, ob man bereit wäre zu zahlen, wenn der soeben bejahte bzw. verneinte Betrag um 50 % erhöht bzw. gesenkt würde. Die durchschnittliche ermittelte WTP der Studie lag bei 70,11 £ pro Person. Die Autoren berechneten ein WTP-Potenzial der Stadt Bath zwischen ca. 2,6 Mio. £ und 9 Mio. £. Danach übertrugen sie die Ergebnisse auf den Südwesten Großbritanniens und ermittelten rechnerisch Werte zwischen 78 Mio. £ und 268,5 Mio. £.

Atkinson et al. (2008) untersuchten in ihrer Studie die WTP von Haushalten im Rahmen der Olympischen Spiele in drei unterschiedlichen Städten: London (N = 558), Manchester (N = 138) und Glasgow (N = 146). Fokus ihrer WTP-Befragung war dabei der Einfluss von intangiblen Kosten und Nutzen. Der befragte Haushalt sollte sechs ausgewählte intangible Kosten und sieben ausgewählte intangible Nutzen mit jeweils einem Wert zwischen 0 und 100 nach subjektiver Wichtigkeit bewerten. Die intangiblen Kosten umfassten: crowding, increased risk of petty theft, increased safety and security risks, local disruption during construction, transport delays und excessive media coverage. Die zu bewertenden intangiblen Nutzen waren: uniting people/feel good factor/national pride, improving awareness of disability, motivating/inspiring children, legacy of sports facilities, environmental improvements, promoting healthy living und cultural and social events.

Danach wurde gefragt, ob der Haushalt bereit oder nicht bereit wäre, Geld zu zahlen, damit die Olympischen Spiele 2012 in London ausgetragen werden können. Es gilt dabei zu berücksichtigen, dass die Befragungen sich insofern unterschieden, als dass die Haushalte in London eine Steuer über entweder 10 Jahre oder auf unbegrenzte Zeit (wurde je nach Haushalt variiert) zahlen müssten, während Haushalte aus Manchester und Glasgow dagegen ein Szenario mit einer freiwilligen Zuschusszahlung (keine Steuer) über exakt 10 Jahre angeboten bekamen. Sollte ein Haushalt bereit sein, etwas zu zahlen, so wurden dieser gebeten, sich einen Betrag zwischen 1 £ und 100 £ aus einer vorgegebenen Übersicht (Payment Card) auszusuchen. Die Ergebnisse zeigen, dass in London die WTP bei 22 £ lag, in Manchester bei 12 £ und in Glasgow bei 11 £.

Humphreys et al. (2011) untersuchten die WTP kanadischer Haushalte für den Medaillenerfolg bei Olympischen Winterspielen. Dazu wurden zwei repräsentative Telefonumfragen durchgeführt, eine vor den Winterspielen 2010 (N = 1540) und eine nach den Winterspielen im Frühjahr (N = 1660). Die beiden Stichproben wurden nach Region und Geschlecht stratifiziert und überschnitten sich zu einem großen Teil (Überschneidung: 758 Befragte). Die Befragung begann mit allgemeinen Fragen zu den Olympischen Winterspielen, danach folgte das hypothetische Szenario zur Erhebung der WTP. Die Befragten wurden über die Platzierung bei den letzten Spielen sowie über die öffentlichen Ausgaben (C$ 120 Millionen pro Jahr [8,6 € Millionen], entspricht pro Haushalt: C$ 10 [6,72 €]) zur Förderung der Athleten bei den Olympischen Sommer- und Winterspielen informiert und gefragt, ob sie damit einverstanden sind. Danach wurde ihnen das „Own the Podium Program“ für zusätzlich $ 3 pro Jahr pro Haushalt vorgestellt und im Anschluss danach gefragt, ob sie bei einer Abstimmung für ein solches Programm stimmen würden. In diesem Kontext wurden sie darüber informiert, dass im Fall einer Ablehnung das Geld für andere Dinge ausgegeben würde. Anschließend wurde ihnen ein weiteres „Own the Podium Program“ für die Winterspiele in 2014 erläutert und ihre Bereitschaft, einer dreijährigen Steuererhöhung über einen der folgenden Beiträge: $ 10, $ 25, $ 35, $ 50 oder $ 65 zuzustimmen, erhoben (in der Befragung nach den Spielen wurde die Bereitschaft zur Steuererhöhung über: $ 15, $ 25, $ 35, $ 50, $ 65, $ 75, $ 100 und $ 150 erfragt). Einer Erhöhung der Ausgaben um $13 stimmten vor den Spielen 54 % und nach den Spielen 80 % der Befragten zu. Über alle Steuererhöhungsfragen hinweg ergibt sich ein Anteil Erhöhungswilliger von 57 % vor den Spielen und von 63 % nach den Spielen. Der Anteil der Zustimmung sinkt mit der Erhöhung der Beträge.

Breuer und Hallmann (2011) untersuchten die Zahlungsbereitschaft für ein Förderprogramm für deutsche Athleten, die an den Olympischen Spielen teilnehmen. Dazu analysierten sie einen Datensatz, der von Mai bis Juni 2011 durch standardisierte Telefoninterviews gewonnen wurde (N = 2006). Den Befragten wurden, nachdem ihnen von dem erfolgreichen kanadischen Förderprogramm berichtet wurde, das jeden Bürger etwa 3€ kostete, Aussagen vorgelegt und ihre Zustimmung dazu abgefragt. Der Aussage „Ein spezielles Förderprogramm für Athleten, die an Olympischen Spielen teilnehmen, würde ich auch für Deutschland begrüßen.“ stimmten 72 % zu, 67 % wären bereit, für ein solches Förderprogramm pro Jahr 3 € zu bezahlen und 30 % wären sogar bereit, mehr als 3 € zu zahlen.

Wicker et al. (2012a) untersuchten die WTP mit dem Szenario, dass Deutschland den ersten Platz bei den Olympischen Sommerspielen 2012 und ein deutscher Athlet eine Medaille im Laufen oder Springen gewinnt, dazu verwendeten sie den selben Datensatz wie Breuer und Hallmann (2011). Den Befragten wurden zwei Szenarien vorgelegt. Zunächst wurden sie über das kanadische Förderprogramm, welches zu einem erfolgreichen Abschneiden des kanadischen Teams führte, vorgestellt. Anschließend wurde den Befragten die Frage gestellt, wie viel sie bereit wären jährlich zu bezahlen, damit Deutschland den ersten Platz bei den Olympischen Spielen belegt. Danach wurden die Befragten darüber informiert, dass der letzte Gewinn einer Goldmedaille in den Sprung- und Laufdisziplinen einige Jahre zurückliegt und anschließend folgte die Frage, wie viel die Befragten für den Gewinn einer Medaille eines deutschen Athleten in einer Sprung- und Laufdisziplinen zu zahlen bereit wären. Für die WTP für den ersten Platz im Medaillenspiegel wurde eine mittlere Zahlungsbereitschaft von 6,13 € ermittelt. Für den Gewinn einer Goldmedaille in den Sprung- und Laufdisziplinen lag die mittlere WTP bei 5,21 €.

Bakkenbüll und Dilger (2017) untersuchten die WTP für deutsche Erfolge bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi. Sie führten eine Onlinebefragung mit insgesamt N = 367 Personen durch und passten die Alters- und Geschlechtsverteilung durch Gewichtung an die bundesdeutsche Verteilung an. Die Befragten waren über alle im Durchschnitt bereit, 12,74 € für einen dritten Platz, 20,35 € für einen zweiten Platz und 33,47 € für einen ersten Platz im Medaillenspiegel zu zahlen. Im Schnitt gaben die Befragten an, 62,59 € für den Gewinn der Goldmedaille durch einen deutschen Athleten in ihrer jeweiligen Lieblingssportart zahlen zu wollen.

Die Präferenzen deutscher Bürger für die sportlichen Erfolge einheimischer Athleten und Mannschaften für die Olympischen Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro untersuchten Rohkohl und Flatau (2017) mit Hilfe eines Discrete-Choice-Experimentes (N = 159). Im Rahmen einer Online-Erhebung wurde die marginale Zahlungsbereitschaft der Probanden in Form einer angenommenen Spende vom monatlichen Bruttoeinkommen gemessen. Ausgehend von einem Referenzszenario sportlichen Erfolges wurde ermittelt, wie viel eine Person bereit wäre zu spenden, um eine Nutzensteigerung durch Veränderung einer Attributsausprägung in einem Alternativszenario zu erfahren. In dem Experiment wurde der olympische Sporterfolg durch die im Vorhinein identifizierten vier relevanten Attribute Art der Zahlung (Steuer oder Spende), Modus des Konsums, Sportart und Gesamterfolg beschrieben. Durch unterschiedliche Kombination dieser vier Attribute konnten verschiedene hypothetische Szenarien erstellt werden, die den Teilnehmern als aus zwei Alternativen bestehende „Choice-Sets“ präsentiert wurden. Im Ergebnis zeigt sich zunächst, dass alle vier identifizierten Attribute einen signifikanten Einfluss auf die Wahlentscheidung der Befragten für die dargestellten Szenarien haben. Die Befragten haben außerdem eine positive Grundeinstellung (im Sinne einer Spendenbereitschaft) gegenüber der monetären Finanzierung des Spitzensports. So sind sie im Durchschnitt z. B. bereit, für das Referenzszenario sportlichen Erfolges monatlich 0,28 € zu spenden. Für eine Liveberichterstattung an Stelle einer Nachberichterstattung liegt die marginale Spendenbereitschaft der Teilnehmer bei 1,26 € monatlich. Um statt einer Goldmedaille in einer weniger populären Sportart (Bogenschießen) eine Goldmedaille in der Leichtathletik zu gewinnen, würden die Befragten 0,66 € monatlich spenden. Schlussendlich liegt die marginale Spendenbereitschaft für eine Steigerung der generellen Medaillenanzahl bei Olympischen Sommerspielen bei 0,76 € monatlich.

2.3 Zahlungsbereitschaft für Erfolge im Fußball

Süssmuth et al. (2010) untersuchten im Rahmen der Fußball-WM 2010 in Deutschland die WTP der Deutschen. Die Daten stammen aus zwei zeitlich versetzten Onlinebefragungen (3 Monate vor der WM und 3 Monate nach der WM) für ein und dieselbe Personengruppe (N = 500). Die Befragten sollten sich folgendes Szenario vorstellen. Vor dem Finale der Fußballweltmeisterschaft treten Zweifel (Stadionbau sowie Terrorverdacht) darüber auf, ob das Endspiel in Deutschland stattfinden kann, daher möchte die FIFA die Spiele in die Schweiz verlegen. Es besteht die Möglichkeit, dies durch erhebliche finanzielle Investitionen abzuwenden, die freiwillig durch die Bevölkerung getragen werden müssten. Die Teilnehmer wurden dann gefragt: „Would you personally be willing to contribute some of your own money to ensure the finals can be hosted in your home country“. Diese Frage konnte mit Ja oder Nein beantwortet werden. Bei einer positiven Beantwortung wurde der Betrag, den die Befragten zu zahlen bereit seien, durch sechs aus den Pretests abgeleitete Zahlungsräume bis 70 € sowie durch die Zusatzmöglichkeit, eigene Zahlungsräume bzw. -wünsche angeben zu können, erhoben. Die Ergebnisse zeigen, dass es einen wesentlichen Unterschied macht, zu welchem Zeitpunkt befragt wurde. Vor der WM waren weniger als 20 % bereit, eine Zahlung zu leisten, nach der WM verdoppelte sich der Anteil auf ca. 40 %, wobei der Verlauf der Veranstaltung dieses Ergebnis sicherlich beeinflusste. Unter den Zahlungswilligen lag die WTP vorher bei 22,90 €, nachher bei 23,62 €. Unter Einbezug auch der Zahlungsunwilligen lag die WTP vorher bei 4,26 € und nachher bei 10,07 €.

Wicker et al. (2012b) widmeten sich ebenfalls dem Wert nationaler sportlicher Erfolge im Fußball. Dazu wurden zwischen Dezember 2009 und Mai 2010 über N = 3000 deutsche Bürger, die älter als 16 Jahre waren, in öffentlichen Gebäuden oder auf der Straße befragt. Die Städte wurden so ausgewählt, dass alle Regionen Deutschlands vertreten waren. Der Fragebogen war aufgrund der Befragungssituation kurz gehalten und enthielt u. a. Fragen zum Interesse an der Fußballweltmeisterschaft und zur Einstellung gegenüber der Nationalmannschaft. Die WTP wurde wie folgt erhoben: „Stellen Sie sich vor, es wäre möglich, wie hoch wäre der maximale Betrag, den Sie für einen Sieg der deutschen Nationalmannschaft bereit wären zu zahlen bei der FIFA Weltmeisterschaft 2010.“ (Wicker et al. 2012b, S. 204, aus dem Englischen übersetzt). Werte über 500 € wurde als unrealistisch angesehen und von den Autoren nicht in die Auswertung einbezogen. Der Mittelwert über alle Befragten beträgt 26 € und für jene, die einen Wert angegeben hatten, 57 €. Insgesamt nannten 47 % der Befragten einen Wert.

Rätzel und Weimann (2006) untersuchten in ihrer Studie mögliche Wohlfahrtseffekte der deutschen Fußball-Nationalmannschaft mittels einer standardisierten quantitativen Befragung, in der sie neben der WTP auch die Willingness to Accept (WTA) erhoben. Befragt wurden N = 338 Haushalte, die durch ein mehrstufiges Flächenauswahlverfahren ausgewählt wurden. Nach allgemeinen Einstellungsfragen zur vergangenen Fußball-EM wurden den Befragten folgende Szenarien vorgelegt, um die Bewertung des WM-Titels zu erheben: „Ein Freund hat bei einem Tippspiel gegen Deutschland im WM Finale für die Person getippt. Ab welchem Betrag wäre dem Befragten lieber, dass Deutschland verliert und er das Geld gewinnt“. Zur Erhebung der WTP wurde ebenfalls ein entsprechendes Szenario entworfen. „Die deutsche Mannschaft muss „neu aufgebaut“ werden, dieser Umbau wird auf jeden Fall zum Gewinn des WM-Titels führen und ist jedoch mit Kosten verbunden.“ Darüber hinaus wurde die WTP für Pay-TV über Payment Cards erhoben, unterteilt nach Szenarien, in denen Deutschland noch im Turnier ist und in denen Deutschland an den entsprechenden Spielen beteiligt bzw. nicht beteiligt ist. Die WTP für die Pay-TV-Übertragung variieren je nach Viertel-, Halb- oder Finale mit und ohne deutscher Beteiligung zwischen 2,44 € und 10,78 €. Der Mittelwert für die WTA liegt bei 255 € und der WTP bei 35 € für den WM-Titel.

3 Forschungsstand: Kritische Würdigung

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass bezüglich der eingesetzten Verfahren zur Messung der WTP für die Finanzierung nationaler sportlicher Erfolge unterschiedliche Personenkreise in unterschiedlichen Nationen befragt wurden und dass sich die Fragen zur WTP (und WTA) z. B. auf den Gewinn der Fußballweltmeisterschaft, auf Olympische Sommerspiele, Olympische Winterspiele, Davis Cup Wettbewerbe oder auf den Kauf eines NFL-Teams in einer US-amerikanischen Stadt bezogen. In einigen Studien wurde direkt nach einer Zahlungsbereitschaft gefragt, zum Teil wurde offen gelassen, ob es um eine regelmäßige oder eine einmalige Zahlungsbereitschaft geht, teils wurde die Zustimmung bzw. Ablehnung für vorgegebene Beträge erhoben, die unterschiedlich in der Klassenbreite gestaffelt waren, in einigen Fällen wurde dagegen mit offenen Kategorien gearbeitet, stellenweise in Mischformen, also sowohl mit unterschiedlich breiten Kategorien als auch mit einer offenen Kategorie. Zum Teil wurde nach der Zahlungsbereitschaft offen gefragt und Kosten für andere öffentliche Güter zwecks Vergleichs genannt, in anderen Studien hingegen nicht. Tab. 1 liefert einen zusammenfassenden Überblick über neuere Studien, das gewählte Vorgehen und jeweils einige zentrale Ergebnisse.
Tab. 1

Übersicht über Studien zur Zahlungs- und Spendenbereitschaft

Autor(en)

Szenario/Steuer/Art der Frage

Befragte Population

Vorher-/Nachherbefragung

Ergebnis

Coates und Humphreys (2003)

Metanalyse bisheriger Erkenntnisse: Bereitschaft für Sportstadien und Sportteams zu zahlen

-

-

WTP abhängig von Nähe zum Investitionsobjekt

Johnson et al. (2007)

Amateursportprogramm und Freizeitprogramm im Vergleich zu Kunst und Kulturprogramm.

Durch Steuererhöhung Finanzierung von Sport, damit sich die Anzahl der Beteiligten erhöht.

Haushalte in der Region in Kanada (n = 971)

Nein

Über alle $ 2,60.

Nur Personen, die eine Erhöhung der partizipierenden Personen im Sport als realistisch erachteten: 18,32

Barget und Gouguet (2007)

Davis Cup Wochenende Deutschland gegen Frankreich (1996, Limoges).

WTP als steuerliches Szenario erfragt

Befragungen vor Ort bei den Davis-Cup-Besuchern (keine Stichprobengröße angegeben)

Nein

WTP Männer 14,72 € und WTP Frauen 10,60 €;

Davis Cup mit Benefit von 215.000€

Walton et al. (2008)

Olympische Sommerspiele 2012: Steuererhöhung für 1 Jahr

167 Einzelpersonen der englischen Stadt Bath. Befragung erfolgte auf öffentlichen Plätzen

Nein

WTP = 70,11 £ pro Person.

WTP-Potenzial der Stadt Bath zwischen ca. 2,6 Mio. £ und 9 Mio. £. WTP-Potenzial des Südwestens Großbritanniens zwischen 78 Mio. £ und 268,5 Mio. £.

Atkinson et al. (2008)

Olympische Sommerspiele 2012: Steuererhöhung (London, 10 Jahre oder unbestimmt) und freiwillige Zahlung (Manchester, Glasgow für 10 Jahre)

Befragungen vor Ort;

London (N = 558), Manchester (N = 138) und Glasgow (N = 146)

Nein

London 22 £, Manchester 12 £ und Glasgow 11 £

Humphreys et al. (2011)

Olympische Winterspiele

WTP: Steuererhöhungen, Abstimmung über ein Programm

Haushalte in Kanada

Ja

Vorher: 57 %

Nachher: 63 %

Breuer und Hallmann (2011)

Zahlungsbereitschaft für ein Förderprogramm für deutsche Athleten

Befragte in Deutschland

Nein

Förderprogramm für Athleten, die an Olympischen Spielen teilnehmen, begrüßen: 72 % pro Jahr 3€ für Förderprogramm: 67 % mehr als 3€: 30 %

Wicker et al. (2012a)

Olympische Sommerspiele 2012

WTP: Erster Platz bei den Olympischen Spielen 2012

WTP: Gewinn einer Goldmedaillen in den Sprung- und Laufdisziplinen

Befragte in Deutschland

Nein

Erster Platz bei den Olympischen Spielen 2012: 6,13 €; Gewinn einer Goldmedaillen in den Sprung- und Laufdisziplinen: 5,21 €.

Bakkenbüll und Dilger (2017)

Zahlungsbereitschaften für

deutsche Erfolge bei den

Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi

Onlinefragebogen. Insgesamt 367 Personen.

Nein

Über alle im Durchschnitt

12,74 € für einen dritten Platz, 20,35 € für einen zweiten Platz und 33,47 € für einen ersten Platz im Medaillenspiegel. Im Schnitt 62,59 € für den Gewinn der Goldmedaille durch einen deutschen Athleten in ihrer jeweiligen Lieblingssportart.

Rohkohl und Flatau (2017)

Messung der Präferenzen und Spendenbereitschaften deutscher Bürger für die sportlichen Erfolge einheimischer Athleten und Mannschaften bei Olympischen Sommerspielen

Online-Fragebogen mit Discrete-Choice-Experiment

und 159 Teilnehmern.

Nein

Befragte haben grds. eine positive Grundeinstellung (im Sinne einer Spendenbereitschaft) gegenüber der monetären Finanzierung des Spitzensports:

Referenzszenario: 0,28 € mtl,

Live statt Nachberichterstattung: 1,26 € mtl,

Gold Leichtathletik statt Bogenschießen: 0,66 € mtl,

Steigerung Medaillenanzahl: 0,76 € mtl.

Rätzel und Weimann (2006)

Fußballweltmeisterschaft

WTA und WTP für WM-Titel

WTP Pay-TV Übertragung

Haushalte in Deutschland n = 338

Nein

WTA = 255 €; WTP = 35 € für den WM-Titel

WTP für Pay-TV zwischen 2,44 € und 10,78 € je

nach deutscher Beteiligung und Spiel

Süssmuth et al. (2010)

Fußball WM 2010 in Deutschland: Einmalzahlung in €, damit die WM in Deutschland stattfinden kann

500 Einzelpersonen per Onlinefragebogen. Die Personen stammen aus einer Datenbank

Ja

Vor der WM 20 % bereit, nach der WM 40 %.

Nur Zahlungswillige: vorher 22,90 €, nachher 23,62 €

Alle: vorher 4,26 €, nachher 10,07 €

Wicker et al. (2012b)

Fußballweltmeisterschaft

WTP: Bereitschaft für den WM-Titel

3000 Befragte in Deutschland, angesprochen in öffentlichen Gebäuden und auf der Straße

Nein

26 € über alle

57 € für Personen mit einem Betrag über 0 €

Aus der Fragebogenforschung ist bekannt, dass die Art der Fragebogenformulierung die soziale Situation, in der sich der Befragte befindet, verändern kann und dies so ein unterschiedliches Antwortverhalten hervorruft (Diekmann 2010). Daher führt eine direkte Abfrage nach der Höhe der Spendenbereitschaft zu einem geringeren Anteil an 0 €-Angaben als eine vorherige Entscheidungs- bzw. Filterfrage danach, ob eine Zahlungsbereitschaft besteht. Antwortet man mit einem „Ja“, erfolgt dann die weitere Frage nach der Höhe der Zahlungsbereitschaft. Während die Frage nach der Höhe ohne vorherige Filterfrage die Situation für den Befragten vorgibt und damit mit sozial erwünschtem Antworten zu rechnen ist, wäre dies bei einer vorherigen Entscheidungsfrage nicht der Fall. Zudem wurden zuweilen ausgesprochen hypothetische Fragen gestellt, wie zuletzt bei Bakkenbüll und Dilger (2017), die z. B. fragten: „Angenommen, es wäre möglich, wie viel Euro würden Sie maximal für einen dritten Platz im Medaillenspiegel der deutschen Olympiamannschaft bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi bezahlen bzw. was wäre Ihnen dieser sportliche Erfolg wert?“ Zum Teil wurden in Studien zur Einführung der Fragen nach der WTP Szenarien vorgestellt, die durch die dort enthaltenen Informationen zu einer Meinungsänderung und/oder zu sozial erwünschtem Antwortverhalten führen können, beispielsweise wenn verkürzt Informationen über ein erfolgreiches Förderkonzept anderer Nationen berichtet werden.

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass die in der Literatur eingesetzten Messvorschriften für die Variable Zahlungsbereitschaft nicht einheitlich und damit auch nicht vergleichbar sind. Auch die in den Auswertungen ermittelte Zahlungsbereitschaft bringt unterschiedliche Werte, je nachdem, ob man den jeweils hohen bis sehr hohen Anteil derer, die ihre Zahlungsbereitschaft mit null angeben, berücksichtigt oder nicht. Zudem kann die Angabe von „Null“ verschiedene Gründe haben. Sie kann bedeuten, dass der Befragte nicht bereit ist, für sportliche Erfolge zu zahlen, möglich ist aber auch, dass es sich um eine Art Protest-Null handelt, weil man nicht davon überzeugt ist, dass die eigene Zahlungsbereitschaft das Problem tatsächlich löst (Banfi et al. 2007).

Des Weiteren taucht bei der Frage nach der Zahlungsbereitschaft aus spieltheoretischer Perspektive das Problem der Trittbrettfahrer auf. Nehmen wir an, Medaillen seien mit hoher Verlässlichkeit mit Geld in der Zahl zu erhöhen und weiterhin, dass eine bestimmte Zahl von Medaillen als öffentliches Gut eine Summe von 500 Mio. kostet und 10 Mio. Menschen, die eine Medaillenpräferenz haben, davon profitieren. Diese haben eine individuelle Zahlungsbereitschaft von 100 Euro pro Jahr. Dann hat jeder bei gegebener individueller Zahlungsbereitschaft von 100 Euro, sofern alle zahlen, einen Nettonutzen von 50 Euro pro Jahr. Da aber niemand von der Nutzung des Medaillenerfolges – als öffentlichem Gut – ausgeschlossen werden kann, zahlt niemand freiwillig (Trittbrettfahrerverhalten), was bedeutet, dass die übrigen Personen dann mehr als 50 Euro bezahlen müssten und der Trittbrettfahrer einen Nettonutzen von 50 Euro hätte. Nun verhalten sich die Individuen in großer Zahl in diesem Sinne und durch jeden, der sich so entscheidet, reduziert sich fortlaufend der Nettonutzen der anderen. Für die Medaillenproduktion würde dies, wenn sie tatsächlich von der Zahlungsbereitschaft abhinge, bedeuten, dass sie nicht stattfände, selbst wenn sie effizient wäre, weil Nicht-Zahlen die dominante Strategie ist.

Forschungsergebnisse zu Interaktionen zwischen der Angabe von Zahlungsbereitschaft aus Gründen der sozialen Erwünschtheit und der Frageform sind derzeit nicht bekannt, jedoch auf Grundlage der Befunde der empirischen Umfrageforschung zu erwarten. Vermutet werden kann, dass insbesondere hypothetische Fragen gerade aus Gründen der sozialen Erwünschtheit (Medaillen sind positiv belegt und wer möchte schon im Sinne des oben angeführten spieltheoretischen Arguments als Trittbrettfahrer dastehen) positiv beantwortet werden, weil ja faktisch keine Folgen im Sinne einer ökonomischen Belastung durch positives Antwortverhalten drohen.

4 Politökonomische Überlegungen

Der Überblick über den Forschungsstand sowie die kritische Würdigung des Vorgehens in der sportökonomischen Forschung zur Zahlungsbereitschaft für nationale sportliche Erfolge zeigen, dass weiterer Forschungsbedarf besteht, um ein belastbares Gesamtbild, welches dann auch in sportpolitischen Diskussionen verwertbar wäre, über die Zahlungsbereitschaft der Bevölkerung für nationale sportliche Erfolge zu erhalten. Da momentan auf der Basis der verfügbaren empirischen Evidenz der Politik ein solches Gesamtbild noch nicht zur Verfügung gestellt werden kann, stellt sich angesichts der Persistenz des Medaillenspiegels und der wiederkehrenden öffentlichen und politischen Diskussionen darüber, ob „genug“ Medaillen gewonnen bzw. sportliche Erfolge errungen und ob die dafür eingesetzten Steuermittel effizient eingesetzt wurden, die Frage: (Emrich et al. 2018) Wer profitiert davon, dass vom öffentlichen Gut Medaillen immer mehr produziert werden soll?

Das Zusammenspiel von Politik, Medien und Sport mündet stets in einen Aufmerksamkeitsgewinn für die Politik, die entweder bürokratische Reformen fordert oder errungene Erfolge feiert, manchmal auch beides angesichts unterschiedlich erfolgreicher Verbände zugleich, und so dem organisierten Sport die Chance eröffnet, fast schon ritualistisch über mangelnde Finanzausstattung zu klagen und, je nach Verband, sportliche Erfolge im Zusammenwirken mit der Politik und den Medien ebenso zu feiern wie mangelnde Erfolge zu beklagen. Für die Verbände bleibt stets ein Problem: Sie können die Bedingungen der Sportförderung nur teilweise beeinflussen, müssen aber nach sportlichen Großereignissen öffentlich die Verantwortung für die manchmal als mangelhaft etikettierten Ergebnisse tragen. Insofern handelt es sich hier um eine systematische Entkopplung von Kompetenz und Haftung, in deren Rahmen der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) die Rolle des Regelsetzers und Kontrolleurs zugleich übernimmt, aber stets die Verantwortung für sportliche Resultate zumindest teilweise delegieren kann.

Der Verdacht drängt sich auf, dass der rivalitätslose Konsum des teuer produzierten unreinen öffentlichen Gutes Medaille auf eine Form der „Joint Consumption Economies“ hinausläuft, wie sie aus der Theorie der Superstars bekannt ist (Rosen 1981). Superstars sind in der Lage, die Nachfrage vieler gleichzeitig zu befriedigen und für die Politik, die den Gewinn von Medaillen subventioniert, bedeutet dies, dass wenige Superstars, die ein großes Publikum, ja die ganze Nation begeistern können und bei denen Charisma, sportliches Talent und Präsentationsleistungen in jeweils hohem Maße zusammenkommen, genügen, die Nachfrage medailleninteressierter Bevölkerungsteile zu befriedigen und eine Multiplikatorwirkung zu erzielen, die politisch in eine „positive“ Stimmung und eine politisch günstige „Großwetterlage“ in Form von Well Being umgesetzt werden kann. Zugleich kann sich die Politik als „kritische Hüterin“ des Geldes der Steuerzahler inszenieren, da man weiterhin einzelne Verbände kritisieren kann, zumal es kein Referenzsystem gibt, ab dem man sicher von Erfolg bzw. Misserfolg sprechen muss. Selbst den Verlierern kommt mithin in einem solchen System noch eine politische Funktion zu.

Ein weiterer Verdacht drängt sich auf: Beim Spitzensport handelt es sich um ein Rattenrennen (Akerlof 1976), in dem ein Akteur im binär kodierten Wettbewerb mit dem Sieg bzw. einer Medaille entlohnt wird (the winner takes it all), während sich die Verlierer vergeblich darum bemüht haben und mit ihrer Niederlage den Sieger bzw. Medaillengewinner erst möglich machen. Wenn die Verlierer leer ausgehen, obgleich auch sie ihren Teil zur Produktion des Gutes „sportlicher Wettkampf“ beigetragen haben, dann muss, da ein Produktionsfaktor ja offensichtlich nicht entlohnt wird, eine Rente anfallen, die im Sportsystem verbleibt. Insofern sichern Verbände, die eine gesellschaftliche Nachfrage nach Medaillen in Interessenverschränkung mit Medien und Politik beschwören, z. B. eine im Sportsystem anfallende Rente der Funktionäre, die etwa darin besteht, dass diese auch dann zu internationalen Wettbewerben und Sitzungen fahren, wenn ihre Athleten keine Medaillen gewinnen. Wenn Verbände im Sinne dieses Ansatzes agieren, handelt es sich im Grunde um ein Phänomen, wie man es von „Spielerberatern“ aus dem Profifußball kennt. Sie verschaffen ihren Sportlern bessere Trainingsbedingungen etc., aber es bleibt ihnen auch ein erheblicher Beitrag für die Intermediation.

Damit wird einsichtig, warum die Debatten um den Medaillenspiegel und die Anzahl der von deutschen Athleten gewonnenen Medaillen eine solche Persistenz haben. Es dürfte weniger um die Frage der Effizienzsteigerung bei der Produktion eines unreinen öffentlichen Gutes gehen, für das eine, wie gezeigt, noch unklare Zahlungsbereitschaft besteht, sondern viel mehr um die Rationalität (sport-)politischer Akteure, die ihre Nutzenmaximierung im Blick haben.

Fußnoten

  1. 1.

    „The olympic games are competitions between athletes in individual or team events and not between countries.“ (IOC 2013, S. 21) bzw. „The IOC and the OCOG shall not draw up any global ranking per country […]“ (IOC 2013, S. 99).

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Authors and Affiliations

  • Freya Gassmann
    • 1
    Email author
  • Tim Meyer
    • 2
  • Eike Emrich
    • 3
  • Christian Pierdzioch
    • 4
  1. 1.Sportökonomie und SportsoziologieUniversität des SaarlandesSaarbrückenDeutschland
  2. 2.Professur für Monetäre ÖkonomikHelmut-Schmidt-Universität – Universität der Bundeswehr HamburgHamburgDeutschland
  3. 3.Professur für Sportökonomie und SportsoziologieUniversität des SaarlandesSaarbrückenDeutschland
  4. 4.Professur für Monetäre ÖkonomikHelmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr HamburgHamburgDeutschland

Section editors and affiliations

  • Eike Emrich
    • 1
  • Christian Pierdzioch
    • 2
  1. 1.Institut für SportökonomieUniversität des SaarlandesSaarbrückenDeutschland
  2. 2.Professur für Monetäre ÖkonomikHelmut-Schmidt-Universität HamburgHamburgDeutschland

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