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Wirkung und Nutzen von Körpersprache in der Mediation

  • Ljubjana WüstehubeEmail author
Living reference work entry
Part of the Springer Reference Psychologie book series (SRP)

Zusammenfassung

Bewusster Umgang mit den Wirkungen der eigenen Körpersprache – nach innen wie nach außen – setzt Ressourcen frei (Selbstmanagement) und verbessert die Gesprächsführung entscheidend. Das Hinterfragen unserer Interpretationen (von nonverbaler Kommunikation der Klient*innen) gehört zur mediativen Grundhaltung von Allparteilichkeit und Respekt und erweitert Interventions- und Handlungsspielräume. Dabei gibt es weder die eine richtige Haltung noch untrügliche Zeichen für versteckte Botschaften. Der Artikel stellt einen konstruktivistischen Blick auf Körpersprache vor und präsentiert praktische Übungen.

Schlüsselwörter

Körpersprache Nonverbale Kommunikation Konstruktivismus Praktische Tools Selbstmanagement 

1 Einleitung

„Die Sprache ist natürlich im ersten Moment immer ein Hindernis für die Verständigung.“ (Marcel Marceau, Pantomime)

… und wenn wir Dinge anschaulich auf den Punkt bringen wollen, bedienen wir uns häufig der zahllosen körpersprachlichen Metaphern, die unsere Alltagssprache bereithält:

Nonverbale Kommunikation ist die Urform unserer Kommunikation. Unbewusste Prozesse und Gedanken werden deshalb häufig besser und unmittelbarer über den Körper abgebildet als sie durch Sprache ausgedrückt werden können. Nonverbale Kommunikation umfasst alle körpersprachlichen Ausdrücke wie Körperhaltung, Mimik, Nähe-Distanz-Verhalten, Gesten und Bewegung. Da der Großteil der nonverbalen Signale unbewusst gesendet wird, geben sie essenziell wichtige Informationen über Gefühle, soziale Beziehung, Glaubwürdigkeit, Sympathie und Vertrauenswürdigkeit und sind damit ein wesentlicher Bestandteil jeder persönlichen Begegnung.

In der Mediation sind all diese Informationen von besonderer Bedeutung. Ziel des Verfahrens ist es schließlich, mehreren Konfliktparteien zu einem konstruktiven Dialog über heikle, emotionale Themen zu verhelfen, das gegenseitige Verständnis zu vertiefen und gemeinsam Lösungen zu finden, denen alle zustimmen können. Dafür wird bisher Ungesagtes zur Sprache gebracht, Konfliktpositionen reflektiert und Vertrauen gefördert. Die körpersprachlichen Signale sind ein wichtiger Hinweis für den Fortschritt des Prozesses und geeignete Interventionen.

Die starke Wechselwirkung zwischen Körper und Psyche ist eine machtvolle Ressource, die sich Mediator*innen zunutze machen sollten. Gleichzeitig ist die Interpretation von nonverbalen Ausdrücken fehleranfällig und nicht frei von Missverständnissen. Dieser Artikel beleuchtet die Hintergründe, warum Körpersprache solch eine wichtige Rolle in der Mediation spielt, stellt Methoden und Ansätze vor, wie dieses Potenzial gezielt genutzt werden kann, und präsentiert praktische Übungen.

Als Grundlage für die Beschäftigung mit den Methoden, wird zunächst unser konstruktivistisches Verständnis von Körpersprache eingeführt. Wir gehen davon aus, dass Körpersprache bzw. ihre Deutung eine Wirklichkeitskonstruktion ist, die alle Beteiligten kontinuierlich neu gestalten. In Anlehnung an ein Grundprinzip der Mediation, die subjektiven Wahrheiten jedes Einzelnen in den Mittelpunkt zu stellen, ist auch bei der Interpretation von Körpersprache in der Mediation stets eine nicht-direktive, aufrichtig interessierte Haltung Grundvoraussetzung.

In der Beschäftigung mit Körpersprache im Kontext von Mediation und Beratung gehen wir auf drei grundsätzliche Dimensionen ein:
  1. (1)

    Umgang mit körpersprachlichen Signalen der Klient*innen: Wie wirkt die Körpersprache der Klient*innen auf mich? Wie kann ich körpersprachliche Signale der Parteien aufnehmen und für gezielte Interventionen nutzen?

     
  2. (2)

    Einsatz der eigenen Körpersprache in der Beziehung zu den Klient*innen: Wie setze ich meine eigenen körpersprachlichen Signale bewusst ein? Wie baue ich Vertrauen aus? Wie unterstütze ich Konfliktparteien auf dem Weg zur Lösungssuche?

     
  3. (3)

    Nutzung der eigenen Körpersprache zum Selbstmanagement: Wie wirkt meine eigene Körpersprache nach innen? Wie kann ich Körpersprache zum Selbstmanagement nutzen? Wie bekomme ich besseren Zugang zu meinen eigenen Ressourcen?

     

2 Grundlegende Annahmen

2.1 Starke Wechselwirkung zwischen Psyche und Körper

Der Volksmund und die Körpersprache-Literatur sind sich sicher: der Körper lügt nicht. Diese Weisheit basiert auf der Annahme einer sehr starken Wechselwirkung zwischen Gedanken und Gefühlen auf der einen und der Körpersprache auf der anderen Seite. Innere unbewusste Prozesse laufen schneller ab als wir sie bewusst kontrollieren können. Deshalb spiegelt der Körper unmittelbar wider, wenn wir nervös oder überrascht sind, uns eine Person sympathisch ist, wir uns freuen oder trauern.

Es besteht eine starke Wechselwirkung zwischen inneren Vorgängen und körperlichem Ausdruck.

Ekman und Friesen (1969) haben mit ihrer Forschung über Mikroexpressionen gezeigt, dass selbst Personen, die versuchen, ihre Emotionen zu unterdrücken oder sich ihrer gar nicht bewusst sind, für Sekundenbruchteile eindeutige Mimikveränderungen zeigen (siehe Abb. 1). Sogar von Geburt an Blinde zeigen diese Gesichtsausdrücke. Darüber hinaus haben Eckman und Friesen herausgefunden, dass es für Grundemotionen wie Freude, Angst und Trauer universelle menschliche Gesichtsausdrücke gibt. Die spannende Frage des kulturellen Einflusses auf Körpersprache sowie die Gefahr der Kulturalisierung von nonverbaler Kommunikation wird in anderen Veröffentlichungen der Autorin näher betrachtet.
Abb. 1

Mimikausdrücke für menschliche Grundemotionen. (Quelle: Ekman (1992))

Die Kopplung zwischen Gemütszustand und körperlichem Ausdruck ist so stark, dass wir sie auch auf umgekehrte Weise nutzen können. Verändern wir Körperhaltung oder Mimik, führt das dazu, dass sich auch unsere Gedanken und Gefühle entsprechend anpassen.1 Belegt wurde dies u. a. in einem Experiment, in dem sich zwei Vergleichsgruppen die gleichen Comics ansahen. Die Gruppe, die beim Anschauen einen Stift quer in den Mund nahm, ohne ihn mit den Lippen zu berühren, fand die Witze signifikant lustiger (Strack et al. 1988).2 Die Aktivierung der Muskeln, die für das Lachen benutzt werden, interpretierte das Gehirn als Signal für Freude, setzt entsprechende Hormone frei und beeinflusst so das Gefühlsempfinden und die Reaktion auf äußere Reize.

2.2 Körpersprache und ihre Interpretation sind eine Wirklichkeitskonstruktion

In der Körpersprache-Literatur wird häufig thematisiert, wie andere Personen dekodiert und Lügen enttarnt werden können oder wie man selbst nützliche Vokabeln lernen kann, um selbstsicherer zu präsentieren, besser zu flirten oder zu verkaufen. Insbesondere die Idee, wir könnten über gutes Training die Körpersprache anderer Personen soweit lesen lernen, dass wir wissen können, was in ihnen vorgeht, halten wir für fragwürdig.

Gemäß dem konstruktivistischen Denken ist die Deutung von Körpersprache eine Wirklichkeitskonstruktion der an der Kommunikation Beteiligten. Es gibt demnach für den Großteil nonverbaler Signale keine standardisierte Bedeutung.3

Körpersprache ist kontextabhängig – ihre Deutung subjektiv.

So wie es im Bereich der verbalen Kommunikation mehrere unterschiedliche Wahrheiten im Sinne von Realitätskonstruktionen gibt (Ich habe das ganz anders erlebt!), ist auch und ganz besonders im nonverbalen Bereich nicht eine Interpretationsweise richtiger als eine andere. Im Mediationskontext ist diese Grundhaltung von besonderer Bedeutung. Sie unterstützt uns dabei, Stereotype zu vermeiden und den Klient*innen unvoreingenommen gegenüberzutreten. Nur so handeln wir modellhaft für die Konfliktparteien, die ihrerseits Vorurteile ablegen müssen, um einen Perspektivwechsel zu wagen.

Hinzu kommt, dass jeder Mensch, abgesehen von wenigen universellen nonverbalen Signalen, ein individuell spezifisches Repertoire von nonverbaler Ausdrücken nutzt und kontextabhängig variiert. Die gute Nachricht ist: Körpersprache ist individuell wiedererkennbar. Mit recht hoher Wahrscheinlichkeit können wir die Bedeutung von nonverbalen Signalen erkennen, wenn uns eine Person sehr vertraut ist oder wir unsere Wiedererkennungsfähigkeit trainieren (siehe Tool Kalibrieren).

Körpersprachliche Signale sind individuell und individuell wiedererkennbar.

Sicher kennen auch Sie die Situation, bei einer wohlbekannten Person sofort zu sehen, dass irgendetwas ist. Diese Intuition gründet auf unserer Kalibrierungs-Fähigkeit. Diese Fähigkeit kann man weiter trainieren, indem man übt, körpersprachliche Ausdrücke und die zu ihnen gehö renden Stimmungen bei unterschiedlichen Menschen zu identifizieren und wiederzuerkennen. Dies trainieren wir gezielt in Mediationsausbildungen. Natürlich besteht immer noch die Möglichkeit der Fehlinterpretation, insbesondere da unsere eigene Befindlichkeit unsere Beobachtungsgabe stets überschattet.

3 Körpersprache der Konfliktparteien: Beobachten und Informationen sammeln

In einer Mediation ist das aufmerksame Beobachten der Körpersprache der Konfliktparteien genauso wichtig wie aktives Zuhören. Wir bekommen wertvolle Hinweise auf Fortschritte in der Mediation und die emotionale Intensität, mit der die Parteien den Konflikt führen. Nonverbale Signale der Parteien können das Gesagte unterstreichen oder ihm (scheinbar) widersprechen. Emotionen und Gefühle, die die Parteien (noch) nicht bereit sind, offen zu äußern, sind in ihrer Körpersprache sichtbar und geben dem/r Mediator*in deshalb wichtige Zusatzinformationen.

Veränderungen der Körpersprache und Körperhaltung sind Anzeiger für innere Veränderungen.

Wie bereits oben dargestellt, ist die Interpretation von Körpersprache höchst individuell. So fragen wir die Teilnehmenden unserer Mediationsausbildungen in einer Übung, wie die Körperhaltung eines/r anderen Teilnehmenden auf sie wirkt – und erhalten jedes Mal viele unterschiedliche Ansichten. Ein und dieselbe Pose wird von einigen als entspannt-interessiert und von anderen als dominant oder distanziert angesehen. Dies liegt nicht daran, dass die Beobachter unzureichend geschult sind. Die Deutung von nonverbalen Ausdrücken ist eben gerade weder eindeutig festlegbar noch offensichtlich.

Die Wahrnehmung nonverbaler Äußerungen und ihre Bewertung sind zwei unterschiedliche Prozesse, die aber von den meisten Menschen kaum unterschieden werden, weil die Interpretation Sekundenbruchteile auf die Beobachtung folgt – quasi mit ihr verklebt. Dies ist ein Produkt der Evolution: in unbekannten Situationen bilden wir uns blitzschnell eine Meinung und es folgt bei Gefahr sofort ein Handlungsimpuls (Flucht, Angriff oder Starre). Dieser Überlebensmechanismus ist nur leider hinderlich für die möglichst vorurteilsfreie Arbeit als Mediator*in. Wir können unserem Anspruch, Nonverbales als individuell-spezifisch anzusehen, nur gerecht werden, wenn wir uns darin trainieren, diese Verklebung zwischen Beobachtung und Bewertung transparent zu machen und dadurch zu schwächen.

Die Trennung von Wahrnehmung und Interpretation schafft Raum zur Hypothesenbildung.

Praktisches Tool: Dreischritt: Beobachtung – Interpretation – Intervention

Für unsere Trainings haben wir den Dreischritt Beobachtung – Interpretation – Intervention entwickelt (Abb. 2). Er dient der bewussten Verlangsamung und Trennung der Prozesse Wahrnehmung und Interpretation und hilft uns, unsere spontanen Hypothesen über die Bedeutung einer bestimmten Körperhaltung zu hinterfragen. Die unbewusste Verarbeitung der Reize wird natürlich trotzdem noch stattfinden, das Instrument wird die subjektive Färbung jedoch abschwächen. Sie zwingt uns dazu, die impliziten Annahmen bewusst zu erkennen und hilft dabei, Handlungsspielräume zu erweitern und Gelassenheit zu bewahren.
Abb. 2

Dreischritt: Beobachtung – Interpretation – Intervention

Schritt 1: Beobachten Sie genau und ohne jede Interpretation, was zu sehen ist.

Zum Beispiel: Sie hat gerade ihre Arme verschränkt, ihren Rücken gerade gezogen und sich aufgerichtet. Die Lippen sind zusammengepresst, ihre Atmung hat gestockt. Wichtig ist dabei vor allem, was sich im Vergleich zur vorherigen Position verändert hat. Nicht erlaubt sind hier Interpretationen wie Sie wirkt verkniffen

Schritt 2: Entwickeln Sie nun mehrere Thesen, was diese Körperhaltung bedeuten könnte.

Ziel ist es dabei, mehrere, konkurrierende Thesen zu bilden, anstatt nach der einen wahren zu suchen. Damit gewinnen wir Gelassenheit und Interesse daran, wie es sich wohl tatsächlich für die Konfliktpartei anfühlt. Die damit verbundene Bescheidenheit ist gerade im Umgang mit Körpersprache wichtig, um den Parteien auf Augenhöhe zu begegnen anstatt sie durchschauen zu wollen. Mögliche Thesen im oben genannten Beispiel könnten sein: Sie ist wütend und fühlt sich angegriffen oder Sie hört gerade etwas Neues, sie hört konzentriert zu. Vielleicht ringt sie auch innerlich mit sich selbst, ob sie etwas bisher Ungesagtes aussprechen soll. Oder ihr ist eingefallen, dass sie etwas vergessen hat (was eventuell gar nichts mit der Mediation zu tun hat). Die Informationen, die wir durch das Kalibrieren (s. o.) gesammelt haben, können uns dabei helfen, Thesen zu bilden. Auch für den Fall, dass bestimmte Physiologien bekannt erscheinen, gilt: immer mehrere unterschiedliche Hypothesen bilden.

Schritt 3: Schließlich werden die Thesen überprüft.

Unsere Motivation sollte aufrichtiges Interesse dafür sein, wie der/die Mediand*in sich gerade fühlt. Bitte vermeiden Sie unbedingt den Eindruck, wir wollten unsere Klient*innen darüber belehren, wie sie sich fühlen. Sätze wie: Ich spüre bei Ihnen einen großen Ärger, sind zwar (leider) in therapeutischen Settings zu finden. Wir plädieren aber für eine respektvolle, deutliche Frageform mit der Möglichkeit, abzulehnen: Ich frage mich, ob Sie sich sehr ärgern? Im sensiblen Bereich der Körpersprache können Interventionen leicht Verlegenheit oder das unangenehme Gefühl auslösen, beobachtet oder erwischt zu werden. Den/die Klient*in mit einer detaillierten Beschreibung seiner Körperhaltung zu konfrontieren, sollte deshalb vermieden werden. Es empfiehlt sich stattdessen, in einer Frage an die Konfliktpartei eine oder mehrere Thesen zu äußern: Mich interessiert, was gerade in Ihnen vorgeht./Könnte es sein, dass sie unzufrieden mit dem sind, was Sie gerade gehört haben?/Sie sehen nachdenklich aus. Bestimmte Beobachtungen sind sozial-akzeptiert und können deshalb verbalisiert werden: Ah, Sie nicken!?/Ich sehe, Sie lächeln./Sie müssen schlucken? Die Intervention sollte ein Anlass für die Konfliktpartei sein, über sich selbst, seine/ihre Gedanken und Gefühle zu reflektieren.

Auch bei der Interpretation der Körpersprache gilt es, respektvoll und auf Augenhöhe zu agieren.

Es empfiehlt sich, den Dreischritt mit Kolleg*innen zum Beispiel in Intervisionsgruppen zu üben und auch während der Beratung innezuhalten und den Dreischritt innerlich anzuwenden. Sie werden sehen, dass auch hier mit ein wenig Übung Ihnen die Denklogik des Dreischritts zur Gewohnheit wird.

4 Beziehungsarbeit und Vertrauensaufbau durch Körpersprache

Körpersprache hat einen großen Einfluss auf die Beziehung zwischen dem/r Mediator*in und den Konfliktparteien: Nonverbales ist entscheidend für die Einschätzung von Glaubwürdigkeit und Sympathie. Mediator*innen sind nur erfolgreich, wenn sie empathisch, wertschätzend und respektvoll auftreten und es ihnen gelingt, eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen. Nonverbale Interventionen sind das Mittel der Wahl, um Empathie, Interesse und Wertschätzung spürbar zu machen. Sie wirken stärker noch als sprachliche Gesprächstechniken, wie Paraphrasieren oder Spiegeln von Emotionen. Verbale Techniken ohne kongruente nonverbale Begleitung bleiben wirkungsschwach.

Vertrauen bildet sich durch und drückt sich über Körpersprache aus.

4.1 Was die Füße verraten

Die Kontrolle über unsere Bewegungen wird umso schwerer, je weiter wir am Körper hinuntergehen. Gesichtsausdrücke, zum Beispiel ein Lächeln oder ein interessierter Blick, können von den meisten Menschen leicht bewusst produziert werden, selbst wenn sie sich gerade anders fühlen. Etwas mehr Training benötigt es aber schon, die Hände beim Sprechen zu kontrollieren. Die Füße steuern wir jedoch am wenigsten und denken selten überhaupt darüber nach, wie sie gerade positioniert sind. Umgekehrt verläuft unsere Interpretation: Unbewusst verlassen wir uns bei unserer Einschätzung von Glaubwürdigkeit des Gegenübers am stärksten auf die am wenigsten kontrollierten Körperteile. Die Stellung der Füße und Beine und ob sie zum Inhalt des Gesagten passt (Kongruenz), haben demnach den größten Einfluss darauf, wie vertrauenswürdig wir eine andere Person empfinden.

Praktisches Tool: Mit den Füßen mediieren

Bewusste Fußarbeit vervielfacht den positiven Effekt einer offenen und empathischen Haltung. Sich mit dem Blick oder dem Oberkörper jemandem zuzuwenden, signalisiert Aufmerksamkeit. Stärker wirkt dies noch, wenn eine Fußspitze auf eine Person gerichtet ist. Mit der Steuerung unserer Füße können wir Kontakt zu den Parteien aufnehmen oder diesen unterbrechen, unsere Allparteilichkeit fördern oder Kontakt zwischen den Parteien initiieren.

Stellen Sie beispielsweise Ihren Fuß so, dass die Zehenspitzen zur Konfliktpartei zeigen. Nutzen Sie ihre beiden Füße, um Kontakt zu beiden Parteien zur gleichen Zeit aufzubauen. Wenn Sie nun mit einer der beiden Parteien sprechen oder ihr intensiv zuhören, achten Sie darauf, einen Fuß weiterhin auf die andere Partei zu richten, möglichst noch unterstützt durch eine Hand, die beispielsweise auf dem Knie oder der Tischseite ruht, die dem zweiten Partei zugewandt ist. Dies hilft der wartenden Partei dabei, geduldig zu sein und nicht das Gefühl zu bekommen, vergessen oder ausgeschlossen zu werden. Umgekehrt gilt: Wenn Sie für einen Moment aus dem Kontakt gehen wollen, beispielsweise weil sie die Parteien miteinander in Dialog bringen wollen, entziehen Sie ihnen Ihre Fußspitzen und deuten mit Gesten an, dass die Personen miteinander ins Gespräch treten sollen.

Achten Sie dabei unbedingt darauf, dass Ihnen die eigene Haltung noch bequem und angenehm sowie nicht unangebracht, verrenkt oder zu offen erscheint.

4.2 Wir vertrauen dem, was uns vertraut ist

Haben Sie schon einmal Ihre Körpersprache beobachtet, wenn sie mit ihrem/r besten Freund*in ein gutes, intensives Gespräch geführt haben? Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie beide eine sehr ähnliche Körperhaltung hatten und ihre Bewegungen fast simultan abliefen (siehe Abb. 3). Wenn wir eine sehr gute Verbindung zu unserem Gegenüber spüren, wenn wir uns sicher und entspannt in der Umgebung fühlen und in einem angeregten Austausch stehen, spiegeln wir meist intuitiv die Körpersprache des anderen, ohne es bewusst wahrzunehmen. Dieses Phänomen können wir uns zunutze machen: mit den Techniken Pacing (im Gleichschritt gehen) und Leading (Führen).4
Abb. 3

Pacing im Alltag. (Quelle: Eigene Fotos)

Praktisches Tool: Pacing

Schon beim Beobachten anderer Personen, können wir uns dank unserer Spiegelneuronen in die anderen einfühlen (Bauer 2006). Übernehmen wir zusätzlich noch Elemente der Körperhaltung, erhalten wir einen weiteren Zugang, um diese Person besser verstehen zu können. Sich ähnlich hinzusetzen, die Arm-, Bein- oder Handhaltung zu übernehmen, einen Gesichtsausdruck nachzuempfinden, die Atmung anzupassen oder ideomotorische Bewegungen zu imitieren, baut eine emotionale Bindung zum Gegenüber auf. Aber Achtung: Es ist kontraproduktiv, das Gegenüber eins zu eins zu kopieren oder zu offensichtlich zu pacen! Bemerkt die andere Person die Intervention, fühlt sie sich in der Regel nachgeäfft und manipuliert. Die Bewegungen sollen dezent sein sowie stimmig zu Ihrer restlichen Körperhaltung und mit Ihren eigenen Bewegungsabläufen harmonieren.

Beim Pacing in der Mediation gibt es einige Dinge besonders zu beachten:

Wie oben beschrieben besteht eine starke Wechselwirkung zwischen der äußeren und der inneren Haltung. Pacing baut nicht nur Vertrauen uns gegenüber auf, sondern hat auch Rückwirkungen auf unsere eigene Empathie. Es besteht also das Risiko, unbewusster Parteilichkeit zu der gepaceten Person. Um zu verhindern, dass sich eine Partei ausgeschlossen oder ungerecht behandelt fühlt, gilt deshalb grundsätzlich: Pacing muss ausgewogen eingesetzt werden. Pacen Sie deshalb nacheinander immer wieder jede der Parteien oder übernehmen Sie gleichzeitig Elemente von beiden Parteien in die eigene Körpersprache.

Gibt es eine Partei, bei der es Ihnen besonders schwerfällt, Kontakt aufzubauen, ist es ratsam, ihr für einen gewissen Zeitraum besonders große körpersprachliche Zuwendung zukommen zu lassen. In Gruppen gibt es beispielsweise immer wieder Teilnehmende, die abgehängt sind und sich nicht am Prozess beteiligen. Versuchen Sie, diese Personen eine Weile lang zu pacen während Sie mit den anderen weiterarbeiten. Sie werden sehen: Nach Ihren geduldigen Bemühungen um körpersprachlichen Kontakt ist die Person wahrscheinlich zur Mitarbeit bereit, wenn Sie sich das nächste Mal an sie wenden. Andersherum gilt entsprechend, wollen Sie eine Partei empathisch Unterbrechen hilft es, das Pacen ebenfalls zu pausieren.

Falls Sie versuchen, eine Partei zu pacen, dabei jedoch merken, dass sie selbst immer wieder von der Bewegung abkommen oder die Körperhaltung ändern, ist dies ein Anlass zur Selbstreflexion. Finden Sie diese Partei vielleicht unangenehm, nervig oder schwierig? Probleme beim Pacing sind ein deutlicher Hinweis darauf, dass Ihre Allparteilichkeit gefährdet ist. Nun gilt es Geduld mit sich selbst zu haben. Das ständige Ringen um Allparteilichkeit ist eine der Hauptherausforderungen für alle Mediator*innen. Wiederholt pacen kann hier helfen, aber auch sich (oder den/die Co-Mediator*in) in der nächsten Pause zu fragen, wo Hindernisse zur Einfühlung liegen.

Pacing wird es dem/r Mediator*in erleichtern, sich in die Konfliktpartei hineinzuversetzen und sich einzufühlen. Aber Achtung: um den Zugang zu unseren eigenen Ressourcen zu erhalten, um konzentriert und selbstsicher zu sein, dürfen wir den Kontakt zu unserer eigenen energievollen Haltung nicht verlieren. Stellen wir uns körpersprachlich zu sehr auf ratlose oder enttäuschte Konfliktparteien ein, besteht das Risiko, dass wir uns selbst verlieren, keine Einfälle mehr haben und überfordert sind (siehe Abschn. 5). Übernehmen Sie deshalb lieber kleinere Elemente und achten Sie darauf, dass es sich für Sie weiterhin stimmig anfühlt und Sie sich nicht verrenken.

Praktisches Tool: Leading

Durch Pacing einen engen Kontakt5 zur Konfliktpartei herzustellen ist die Voraussetzung für die Technik Leading (dt. führen). Dabei unterstützen Sie Parteien körpersprachlich dabei, ihre konstruktiven und kreativen Energien zu aktivieren. Nachdem Sie körpersprachlich (und damit auch von der inneren Haltung her) einen guten Kontakt mit dem Gegenüber hergestellt haben, geben Sie nun der anderen Person Gelegenheit, Ihnen nonverbal zu folgen. Wenn Sie einen guten Kontakt hergestellt haben, wird er/sie auf Ihre Einladung eingehen. Modifizieren Sie aus dem Pacing heraus minimal Ihre Körperhaltung, sodass sich energetisch etwas verändert. So kann man beispielsweise aus einer geschlossenen Armhaltung die Arme ein wenig öffnen. Ihr Gegenüber kann diese Bewegung unbewusst als Anreiz dafür nehmen, sich auch zu verändern. Da dies jedoch von der inneren Motivation und der Stärke des Kontakts abhängt, benötigt es manchmal mehrere Versuche, bis Ihnen die andere Person folgt. Manchmal gelingt es auch gar nicht: ein Zeichen dafür, dass die Partei noch nicht bereit ist.

Dank der beschriebenen Wechselwirkung, hilft die geänderte Körperhaltung Ihren Klienten, innere Ressourcen zu erschließen. (z. B. problemorientierte Denkmuster abzulegen, Lösungsideen zu entwickeln oder einen Perspektivwechsel zu wagen). Deshalb ist es ein faszinierendes und hilfreiches Werkzeug; jedoch keine Manipulation. Wenn das Gegenüber keine eigene Motivation hat, den nächsten Schritt zu machen, wird gelingt auch das Leading nicht. Leading ist kein ungeduldiges oder manipulatives Zerren, sondern ein zartes, einfühlsames Führen und Aufzeigen von neuen Möglichkeiten.

5 Selbstmanagement und Selbstwirkung

Körpersprache trägt unsere momentane innere Haltung, unsere Gedanken und Gefühle nach außen. Umgekehrt können wir unseren Körper dazu nutzen, unsere Gedanken und Stimmungen zu beeinflussen. Wenn wir zum Beispiel die Atmung beruhigen und unsere Muskeln entspannen können wir Stress und innere Anspannung reduzieren. Dem eigenen Spiegelbild zuzulächeln, kann unsere Laune heben, so wie das bewusste Aufrichten des Rückens uns selbstsicherer fühlen lässt. Unter anderem A. Cuddy hat in einer Studie gezeigt, dass schon wenige Minuten Power-Posing, d. h. das Einnehmen einer expansiven Körperhaltung, das Gefühl der eigenen Stärke und Selbstsicherheit erhöht. Berater*innen sollten besonders in kniffeligen Situationen ihren Körper als Instrument nutzen, um eine konstruktive und professionelle innere Haltung aufrechtzuerhalten oder wiederherzustellen.

Die Arbeit mit dem eigenen Körper hilft uns dabei, Ressourcen zu aktivieren.

5.1 Wenn es schwierig wird: Erst einmal für uns selbst sorgen

Eine Mediation durchzuführen ist eine anstrengende Angelegenheit und fordert unsere Konzentration, Aufmerksamkeit und Flexibilität in der Auswahl der Methoden und Interventionen. Um eine faire und allparteiliche Prozessführung zu gestalten und eine vertrauensvolle, offene und sichere Atmosphäre zu schaffen, benötigen wir zusätzlich eine optimistische, wertschätzende und selbstsichere innere Haltung. Das Einnehmen einer entspannten und selbstsicheren Körperhaltung wird es automatisch erleichtern, direkten und leichten Zugang zu unseren Ressourcen zu haben. Der Übergang von einer energielosen Haltung zur eigenen Power-Position kann geübt und trainiert werden (vgl. Wüstehube und Specht 2013). Empathie, Kreativität und Lösungsoptimismus lassen sich so auch in schwierigen Situationen und über einen längeren Zeitraum präsent halten. Das Vertrauen in den Prozess, die eigenen Fähigkeiten und in die Parteien kann auch in Krisen wiederentdeckt werden, wenn wir unseren Körper zu Hilfe nehmen.

Diese bewusste Reflexion und Kontrolle der eigenen Körperhaltung nimmt für einen kurzen Moment Energie und Aufmerksamkeit vom Mediationsgeschehen. Sich die Zeit und den Raum dafür zu nehmen, setzt die Bereitschaft voraus, auch etwas verpassen zu können. Es lohnt sich, diese Gelassenheit zu entwickeln, denn ein/e Mediator*in mit Kontakt zu den eigenen Ressourcen, nützt den Klient*innen mehr als ein/e aufmerksame/r Zuhörer*in ohne Ideen oder Selbstvertrauen.

6 Fazit

Mediator*innen haben als wertvollstes Instrument sich selbst. Körpersprache ist deshalb immens wichtig, wird jedoch in der Praxis (und in vielen Ausbildungen) leider vernachlässigt. Der bewusste Umgang mit Körpersprache und nonverbaler Kommunikation unterstützt uns dabei:
  • Selbstvertrauen und eigene Kreativität zu stärken,

  • Unsere Balance und Allparteilichkeit zu erhalten,

  • Passgenaue Interventionen zu kreieren,

  • Uns aus Sackgassen hin zu neuen Ideen zu führen,

  • Mit emotional stark aufgeladenen Situationen umzugehen,

  • Einzuschätzen, ob ein Thema abgeschlossen werden kann,

  • Unsere gesamten Handlungsspielräume erheblich zu erweitern.

Der konstruktivistische Ansatz macht deutlich, dass das Auslesen der Konfliktparteien weder möglich noch mit einer wertschätzend-empathischen Grundhaltung vereinbar ist. Die Arbeit mit mehreren, konkurrierenden Hypothesen zur Bedeutung nonverbaler Signale öffnet hingegen den Raum für interessierte und zielführende Interventionen. Diese stellen den Parteien eine zusätzliche Reflexionsebene zur Verfügung und machen das nutzbar, was intuitiv in jedem Falle sowieso mitwirkt. Ein respektvoller Umgang fußt zudem auf der Überzeugung, dass die Parteien immer gute Gründe dafür haben, wenn sie sprachlich nicht oder weniger stark ausdrücken, was innerlich in ihnen vorgeht.

In der Beobachtung von Körpersprache gilt wie in vielen Bereichen: Übung macht den Meister. Hat man die Wirkung der beschriebenen Tools erlebt, wächst das Vertrauen und die Souveränität in ihrem Einsatz. Damit kommt auch die nötige Gelassenheit, das verbale Geschehen auch einmal vernachlässigen zu können. Die beschriebenen Übungen dienen dazu, das Unbewusste an die Oberfläche zu holen, von allen Seiten zu betrachten und dann wieder ins Unbewusste zu entlassen, von wo aus es uns konstruktiv beeinflussen wird.

Wir können nicht aus unserer Haut schlüpfen: Unser Körper birgt enorme Ressourcen (Empathiefähigkeit, Kreativität, innere Ruhe, Zuversicht, ja sogar Weisheit), aus denen wir schöpfen können, sofern nicht gerade Zugänge verschüttet sind und sie uns unerreichbar scheinen. Die starke Wechselwirkung zwischen Körperlicherhaltung und inneren Vorgängen gibt uns die Chance, selbst immer wieder für einen effektiven und unmittelbaren Zugriff darauf zu sorgen.

Wir müssen uns also nicht verbiegen, sondern nur auf unsere inneren Signale achten und diese reflektiert nutzen. Zu guter Letzt: Strengen Sie sich bloß nicht zu sehr an, lassen Sie die Reflektionen getrost wieder in den Hintergrund treten! Ihr Unbewusstes und Ihr Körpergedächtnis sind zuverlässige Partner. Und Spaß darf es auch machen, wenn ab jetzt der Blick häufiger auf die Füße oder zu sich pacenden Gesprächspartner*innen wandert.

Fußnoten

  1. 1.

    Wissenschaftlich wird dieses Phänomen unter dem Begriff Embodiment erforscht und in der Körpertherapie und im Coaching genutzt.

  2. 2.

    Zur praktischen Umsetzung siehe Wüstehube (2005) und das Youtube-Video von Vera F. Birkenbihl: In nur 60 Sekunden wieder Gute Laune.

  3. 3.

    Zu Ausnahmen wie lexikalisierten Gesten siehe Abschn. 4.

  4. 4.

    Die Begriffe Pacing und Leading wurden durch Vertreter des Neurolinguistischen Programmierens (NLP) geprägt.

  5. 5.

    Im NLP auch Rapport genannt.

Literatur

  1. Argyle, M. (2002). Körpersprache und Kommunikation. Paderborn: Junfermann.Google Scholar
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  9. Wüstehube, L., & Specht, H. (2013). Körpersprache gewinnbringend nutzen. In P. Knapp (Hrsg.), Konflikte lösen in Teams und großen Gruppen (S. 159–165). managerSeminare Verlags GmbH.Google Scholar

Copyright information

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Authors and Affiliations

  1. 1.inmedio – Institut für Mediation, Beratung, EntwicklungBerlinDeutschland

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