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Basiswissen Mediation: Wirksam verändern – die Veränderung der Gedanken durch die Veränderung der Gefühle

  • Adrian SchweizerEmail author
Living reference work entry
Part of the Springer Reference Psychologie book series (SRP)

Zusammenfassung

Im Kapitel Vertrauensaufbau – oder die mediative Allianz ist die halbe Miete habe ich beschrieben, dass nach den Wirksamkeitsstudien therapeutischer Interventionen des Neurobiologen Roth eine kommunikative Intervention dann Erfolg hat, wenn der Therapeut a) die therapeutische Allianz aufbaut und b) in der Lage ist, dem Klienten zu helfen, seine Gefühle mit anderen Gefühlen zu verändern, damit die Gedanken in eine neue Richtung gehen. Über den Aufbau der therapeutischen oder in unserem Fall mediativen Allianz habe ich dort berichtet. Hier möchte ich nun auf die Fähigkeit eingehen, Gefühle mit Gefühlen verändern zu können und damit den Gedanken eine neue Richtung zu geben. Dazu sollte der Mediator in der Lage sein, den Medianden anzuleiten, seine Wahrnehmungspositionen (Perspektiven) zu wechseln, damit eine Lernerfahrung möglich wird. Dies kann, wie hier vorgeschlagen, entweder durch den Gebrauch einer widerstandsfreien Sprache oder z. B. mit der 4-Stühle-Methode erreicht werden.

Schlüsselwörter

Wirksamkeitskriterien Grawe Roth Gefühle Gedanken Perspektivenwechsel Wahrnehmungspositionen Fühlen – Denken – Lernen Lernkreis Interessen Talking-Stick Metaphern Heldenreise Widerstandsfreie Sprache Milton-Modell 

1 Gedanken verändern keine Gefühle

Roth (Roth und Strüber 2014; Roth und Ryba 2016) hat mit seinen neurobiologischen Forschungen nachgewiesen, dass kognitive Prozesse nicht in der Lage sind, Gefühle zu verändern und damit zu bewirken, dass man seine Gedanken über das Vorgefallene anpasst, also seine Meinung ändert oder seinen Standpunkt verlässt und durch einen anderen ersetzt. Es ist also nicht so, dass man meint, der Udo sei ein Trottel, Betrüger, Gauner oder was auch immer, weil man etwas Falsches über ihn denkt und dann einfach etwas Richtiges über ihn denken muss wie: Der Udo fährt das gleiche Auto wie ich und liebt ebenfalls japanischen Whisky, also kann er kein schlechter Mensch sein!, um sich wieder gut mit Udo zu fühlen. Roth hat keinen einzigen Fall gefunden, dass sich Veränderung im Gehirn in dieser Reihenfolge abspielt: Es sind umgekehrt die Gefühle, welche den Gedanken eine neue Richtung geben!

Das Denken des Menschen scheint also viel mehr von Emotionen bestimmt zu sein, als uns lieb ist. Den rational denkende Homo Oeconomicus scheint es nicht zu geben und wenn, dann nur noch in den Hirnen einiger Professoren an Universitäten, mit Vorliebe an wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten. Dies hat auch schon Antonio Damasio, ein anderer berühmter Neurobiologe herausgefunden und eines seiner bekanntesten Bücher heißt deshalb auch Descartes’ Irrtum: Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn (1994). Zu gleicher Zeit zu ähnlichen Ergebnissen sind auch die Verhaltenspsychologen und -ökonomen gekommen, wie etwa Gerd Gigerenzer (Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin) oder Dan Ariely (M.I.T und Duke University). Ariely’s Bücher heißen deshalb auch Denken hilft zwar, nützt aber nichts. Warum wir immer wieder unvernünftige Entscheidungen treffen oder Wer denken will, muss fühlen. Die heimliche Macht der Unvernunft. (Ariely 2008, 2012). Die Verhaltensökonomen Daniel Kahneman (Princeton University) und Richard Thaler (University of Chicago) sind 2002 und 2017 zu Nobelpreisträgern erkoren worden und Ernst Fehr (Zürich) ist Dauergast auf der Vorschlagsliste. Nicht zuletzt wegen diesen Forschungen hat in den letzten Jahren in der Psychologie das stattgefunden, was man heute als die Emotionale Wende1 bezeichnet: Verstehen hilft nicht weiter!

Was das heißt, zeigt die berühmte Schlussszene in Millers Mad Max: Obwohl der Killer in einer Psychotherapie herausgefunden hat, warum er zum Killer geworden ist, gibt er das Töten nicht auf. Das Ergebnis der Psychotherapie dient ihm nun einzig als Entschuldigung!2

Das heißt, dass der Kern der Mediation, das Herausarbeiten der Interessen, wenn dies rein kognitiv durch festes Nachdenken geschieht, neurobiologisch gesehen wenig geeignet ist, den Medianden zu helfen, ihre Positionen aufzugeben oder wenigstens in Frage zustellen: Gedanken geben Gefühlen keine neue Richtung. Solange die Medianden nur über ihre Positionen nachdenken, finden sie immer wieder neue kognitive Erklärungen, warum sie mit ihrem Denken, Fühlen und Handeln richtig liegen. Einer meiner Studenten erzählte mir von einem sehr langen Einzelgespräch, das damit endete, dass ihm die Mediandin sagte: Am Anfang hatte ich ja noch Zweifel, ob ich das, was ich will, wirklich will. Nach dem Gespräch mit Ihnen, bin ich mir nun aber sicher, dass ich es will!

Wie kommt es aber nun, dass trotz dem reinen Herumdenken manchmal doch Interessen, Optionen und sogar Lösungen gefunden werden? Roth führt das auf eine gelungene therapeutische Allianz zurück. Auf die Mediation übertragen würde dies also heißen, dass, wenn es einem Mediator nicht gelingt, eine mediative Allianz aufzubauen und er nur rein kognitiv vorgeht, die Chancen, dass die Mediation gelingt, eher klein sind. Was ist also zu tun?

Der Schritt von den Positionen zu den Interessen darf nicht rein kognitiv durchgeführt werden, wenn er einen Erfolg bringen soll! Er muss die Emotionen, welche die eigenen Positionen und die dahinterliegenden Interessen induzieren, kontrastieren durch das Nachfühlen der fremden Positionen und vor allem der dahinter liegenden Interessen.

Es scheint deshalb sinnvoll zu sein, die Medianden die eigenen Interessen fühlen zu lassen und sich in die fremden Interessen einzufühlen, damit die Gedanken bezüglich der Positionen, neurobiologisch betrachtet, überhaupt eine Chance haben, sich zu verändern. Damit wird das Finden von Optionen möglich, denn Gedanken verändern nach Roth, um es nochmals zu sagen, keine Gefühle, Gefühle verändern aber Gedanken! Das weiß der Volksmund seit langem, denn vermutlich heißt es nicht umsonst: Urteile nie über einen Menschen, in dessen Schuhen Du nicht gestanden bist!

Das ist alles vermutlich leichter gesagt als getan, oder? Führen Sie die Medianden von einem Gefühlszustand in einen anderen, damit der andere den ersten beeinflusst? Wie geht das?

2 Verändern von Gefühlen mit Gefühlen

Vielleicht zuerst einige Methoden, wie das versucht wird: Seit jeher weiß man, dass der Geist willig, doch das Fleisch schwach ist. Deshalb versuchen seit Tausenden von Jahren Menschen, durch Selbstgeißelung ein anderes Gefühl etwa zu ihrem Gott zu finden. Osterprozessionen, wo Menschen das Kreuz tragen, bis sie zusammenbrechen, sind heute noch Beispiele dafür. Von Ernst Jünger habe ich einmal gelesen, leider weiß ich nicht mehr wo, dass er jeweils, wenn er sehr großen psychischen Schmerz erfahren hat, (sein Sohn Ernstl wurde im 2. Weltkrieg wegen regimekritischen Äußerungen verhaftet und Jünger konnte ihm trotz seines Pour le Mérite nicht helfen; Ernst starb am 29. November 1944 an der italienischen Front) sich eine Nadel durch den Arm getrieben hat. Der psychische Schmerz hat dann nachgelassen und übrig geblieben ist nur der körperliche Schmerz, der für ihn erträglicher war. Eine Radikalmethode, die mir wie die Austreibung des Teufels mit dem Beelzebub vorkommt aber, so befürchte ich, in der Mediation nicht unbedingt anwendbar ist, oder?

Eine andere Methode schlägt Frank Farelly in seiner provokativen Therapie (2005) vor: Er regt an, das Verhalten der Patienten vollkommen ernst zu nehmen und völlig zu übertreiben, so dass sie die Absurdität ihres Verhaltens nachfühlen können. Durch dieses Gefühl des Absurden wird das Normale verändert. So fragte er einmal eine Frau, die vorgab, mit ihrem Mann grundlegende Eheprobleme zu haben: Ihr Mann und Sie kennen also zu wenig sexuelle Positionen, die es Ihnen erlauben, Ihre Ehe für beide mit befriedigender Erfahrung zu vollziehen? Die Frau sah ihn erschrocken an und meinte: „Mitnichten, ich liebe ihn einfach nicht mehr!“ Damit war Farelly mit einer Intervention auf den Punkt gekommen.

Das Zürcher-Ressourcen-Modell von Maja Storch (Storch und Tschacher 2014) arbeitet in der konsequenten Anwendung der Erkenntnisse von Damasio mit somatischen Markern: Bevor ein Problem angegangen wird, wird ein spezifisch auf den Klienten zugeschnittener guter Zustand generiert, da sie davon ausgehen, dass aus einem schlechten Gefühl heraus nur schlechte Gedanken entstehen. Gute Gedanken sind nur aus guten Gefühlen heraus möglich. Sie hat dabei ein Set von Bildern entwickelt, die sie dem Klienten zeigt. Der Klient wählt eins aus und erklärt, was er an dem Bild so toll findet. Damit redet er sich in einen guten Zustand hinein, aus welchem heraus dann mit der Veränderungsarbeit begonnen werden kann.

Diese Verfahren lassen sich vermutlich nur sehr schwer auf die Mediation übertragen. Was ist also zu tun?

3 Verändern von Gefühlen mit neuronalem Perspektivenwechsel

In meiner Praxis hat sich die Technik, für die Medianden den Perspektivenwechsel nachfühlbar zu machen, indem ich die Medianden im Einzelgespräch durch die 4 Wahrnehmungspositionen nach Schweizer et al.3 (Ich; Du; Er/Sie; Es) führe, sehr gut bewährt. Ich betrachte dabei den Perspektivenwechsel nicht nur als philosophische Idee, sondern als neurobiologische, körperliche und nachfühlbare Wirklichkeit. Der Körper ist tatsächlich in der Lage, die Perspektiven zu wechseln, so dass wir als Folge davon andere Gefühle erleben können. Und diese anderen Gefühle sind es, welche das ursprüngliche Positionengefühl verändern und die Gedanken in die Richtung Interessen, Optionen und Lösung leiten können.

Lassen Sie uns deshalb die Wahrnehmungspositionen einmal praktisch üben. Eine Einführung in das Modell der Wahrnehmungspositionen findet sich im Kap. „Basiswissen Mediation: Vertrauen“: Der Aufbau von Vertrauen – oder die mediative Allianz ist die halbe Miete!

Ich sitze im Moment, wo ich diesen Text hier schreibe, auf der Terrasse des Grandhotel Giessbach4 in Brienz. Das Giessbach liegt 200 Meter oberhalb des tiefblauen Brienzersees und ist ein Hotelpalast wie aus dem Märchen (siehe Abb. 1): Hier ein Türmchen, hier ein Balkon, dort eine Veranda. Die Terrasse wird von Bäumen gesäumt. Vögel zwitschern darin, die Giessbachfälle rauschen. Touristen im Wanderkostüm oder amerikanisch bunt gekleidet, sitzen an den Tischen. Einige fragen: Was it here, where Sherlock Holmes almost died?5 Es riecht nach Kaffee und in der Ferne hört man das Abfahrsignal des Kursschiffes.
Abb. 1

Grandhotel Giessbach. Quelle: Grandhotel Giessbach DSC06296 von Krol:k – Eigenes Werk. Lizenziert unter Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 über Wikimedia Commons. (http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Grandhotel_Giessbach_DSC06296.jpg#mediaviewer/Datei:Grandhotel_Giessbach_DSC06296.jpg)

Wenn Sie jetzt aus Ihren eigenen Augen schauen und das sehen, was Sie jetzt gerade sehen, also etwa dieses WORT, dann sind Sie 1st position (ich verwende die englische Bezeichnung position um eine Verwechslung mit unserem Begriff Position (Position/Interesse) zu vermeiden), also in sich selbst. Wenn Sie nun die Augen schließen und in meine Geschichte einsteigen, indem Sie etwa auf einen der Balkone des Grandhotels hochgehen und dann zu mir hinunter sehen, der ich da unten am Tisch sitze und schreibe, dann sind sie 3rd position. Wenn Sie nun noch versuchen, mit meinen Augen zu sehen, also ich zu sein, wie ich da mit Blick auf den See und das Brienzerrothorn schreibe, den Mac vor mir auf dem Tisch, und versuche, Ihnen das näher zu bringen, was es heißt, 2nd position zu sein, dann sind Sie 2nd position. Wenn Sie dann auch noch das Lakritz schmecken, das ich im Mund habe, dann sind Sie wirklich 2nd position! Wenn Sie nun unseren Planeten, unser Sonnensystem und unsere Galaxie verlassen und in Gedanken vom Andromeda-Nebel aus sich selbst sehen, dort wo Sie sich jetzt gerade aufhalten, und wie Sie mich beobachten und mich sehen, dann sind Sie in der 4th position.

Diese Übung ist nicht einfach, da sie von uns verlangt, unsere Sinne als Ganzes anders einzusetzen, als wir es gewohnt sind. Wir werden aufgefordert, nicht nur über einen bestimmten Sachverhalt nach zu denken, sondern bewusst die Position von anderen Personen in diesem Sachverhalt einzunehmen und dann noch wahrzunehmen, welche anderen Informationen uns unser Nervensystem dann liefert: Einmal bin ich Ich selbst, dann ein Anderer, dann der Beobachter und dann schau ich mir alles von außen an! Das ist schon viel verlangt auf einmal, oder?

Die konsequente Einnahme der 4 Wahrnehmungspositionen durch die Medianden beschleunigt den Prozess der Optionenfindung signifikant. Die Interessen dienen dabei als Richtschnur für das Finden der Optionen. Besonders wichtig ist dabei das Einnehmen der 2nd position, also das Erleben des Gefühls, das sich mein Körper vorstellt, dass die andere Person haben könnte. Da dieses, wenn die Einnahme der 2nd position sorgfältig gemacht wird, signifikant anders ist als das Gefühl aus der 1st position, verändert es dieses Gefühl und macht damit den Weg für die Optionen frei Gefühle verändern Gefühle und machen den Weg frei für neue, bis jezt ungedachte Gedanken.

Meine Vermutung ist, dass durch diesen permanenten Wechsel zwischen assoziierten Positionen, die ich mit fühlen oder mitfühlen kodifiziere und den dissoziierten Positionen denken oder erkennen ein Lernprozess initiiert wird. Lernen wäre dann der permanente Wechsel zwischen fühlen und denken (siehe Abb. 2) – Lernen entsteht im Wechsel von fühlen und denken.
Abb. 2

Der Lernkreis (Grafik: R. Wawrzik nach einer Skizze von A.Schweizer)

In Abschn. 4 finden Sie ein Beispiel, wie sich ein solcher Dialog, der unter konsequenter Anwendung der 4 Wahrnehmungspositionen geführt wird, hier dargestellt durch vier Stühle, anhören könnte.

4 Beispiel für einen neuronalen Perspektivenwechsel

Don war CEO eines Unternehmens, Peggy, eine zertifizierte Treuhänderin, seine CFO. Don beschuldigte Peggy, sie hätte es auf seinen Posten abgesehen und würde ihn deshalb mobben. Ich habe die Mediation mit einem ausgedehnten Einzelgespräch begonnen, in welchem Don mir seine Sichtweise erklärt hat. Er wurde dabei sehr aufgebracht und hat Peggy immer wieder beschuldigt, sie würde ihn wegmobben. Nachdem ich genug wusste, habe ich vier Stühle in den Raum gestellt, sie mit Don, Peggy, Beobachter und Mann im Mond (Schweizer 2016) beschrieben (siehe Abb. 3). Ich bat Don auf seinen Stuhl (1st position) zu sitzen, und Peggy, die er sich auf dem Stuhl gegenüber vorstellen sollte, die Meinung zu sagen. Dies tat er sehr authentisch. Ich bat ihn dann, sich auf den Beobachter-Stuhl (3rd position) zu setzen und sich und Peggy von außen zu betrachten:
Siehst Du Dich und sie kleiner, gleich oder größer als lebensgroß? – Kleiner!
Abb. 3

Die 4 Stühle in einer Mediation (Grafik: R. Wawrzik nach einer Skizze von A.Schweizer)

Warum habe ich diese Frage gestellt? Diese Frage kann nur aus einer dissoziierten Position beantwortet werden. Damit ist sichergestellt, dass Don nicht mehr 2nd position ist.

Okay, dann spiel nun die Rolle von Peggy, indem Du Dich auf ihren Stuhl setzt!

Er tat dies mit großer Leichtigkeit und konterte seine Argumente von vorhin. Als ihm nichts mehr einfiel, bat ich ihn wieder auf den Beobachter-Stuhl, fragte, was die beiden, die er da vor sich sehen würde, für Kleider tragen würden und schickte ihn dann wieder in seine Gestalt hinein. Diesen Wechsel der positions führten wir noch etwa vier- bis fünfmal durch. Dann fragte ich ihn, wie lange er glaube, dass wir dieses Spiel noch spielen könnten, ohne dass sich irgendetwas bewegen würde. Er meinte, sicher noch einige 100 Male.

Und wie fühlst Du Dich nun?- Beschissen! Das bringt nix!

Wichtig ist, dass Don so lange auf der Positionen-Ebene die Wahrnehmungspositionen gewechselt hat, bis er das Gefühl der Frustration erlebt hat und meinetwegen postfaktisch gefühlt hat, dass es zu nichts führt, wenn man sich immer wieder die Positionen an den Kopf wirft. Dieses Gefühl hat das bisherige Gefühl, es könnte was bringen, verändert! Nun erst konnte man den Königsschritt der Mediation, nämlich den Schritt von den Positionen zu den Interessen angehen!

Gut, dann komm raus. Ich schlage vor, dass wir nun die Ebenen wechseln und auf die Interessenebene gehen. Schau einmal Peggy an und sag mir, was Du vermutest, was sie verlieren würde, wenn sie ihre Position nicht durchsetzen könnte? Ist es Freiheit, Sicherheit, Anerkennung, Macht, Harmonie, Intensität, Integrität, Fürsorge oder Wissen?

Selbstverständlich tippte er auf Macht:

Die will mich einfach rausekeln und meinen Job haben!

Ich forderte Don nun auf, sich auf Peggys Stuhl zu setzen, ganz Peggy zu sein und mir gut zuzuhören, was ich ihn/sie nun fragen würde und gleichzeitig in sich hinein zu spüren und mir zu sagen, auf welchen Wert sein Körper am stärksten reagieren würde:

Peggy, ist es wichtig, dass Du tun und lassen kannst, was Du möchtest und/oder dass Du von nichts und niemandem eingeschränkt wirst? Geht es Dir letztendlich um Deine Freiheit, die Du verwirklichen möchtest oder die Du gefährdest siehst?

Kopfschütteln.

Peggy, ist es Dir wichtig, dass Du alles richtig machst und/oder dass Dir keine Fehler unterlaufen? Geht es Dir letztendlich um Deine Sicherheit, die Du verwirklichen möchtest oder die Du gefährdest siehst?

Erstauntes Nicken.

Die gleichen Fragen stellte ich ihm dann noch bezüglich der anderen Interessen Anerkennung, Macht, Harmonie, Intensität, Integrität, Fürsorge und Wissen und fragte am Schluss:

Gut Peggy, was motiviert Dich also?

Sicherheit und etwas Integrität.

Und wie genau glaubst Du, dass Du diese Sicherheit und diese Integrität am besten verwirklichen kannst?

Indem ich keine Fehler mache und Fehler mache ich keine, wenn ich mich genau an die rechtlichen Vorgaben halte. Dann kann mir nicht passieren!

Wenn Du nun Fehler machen würdest, was würdest Du dann verlieren?

Meinen Job!

Und wenn Du Deinen Job verlieren würdest, was würdest Du dann verlieren?

Die Möglichkeit, dass ich mich in zwei bis drei Jahren als Treuhänderin selbstständig machen kann!

Okay Don, dann komm mal raus und schau Dir Peggy von außen an und sag was zu dem, was Du jetzt herausgefunden hast!

Das stimmt, das hat sich voll richtig angefühlt. Sie hat im Kern Angst. Angst, ihren Lebenstraum nicht verwirklichen zu können!

Und was bedeutet das für ihr Verhalten Dir gegenüber?

Sie versucht sich bei allem an die rechtliche Vorgaben zu halten und wo ich das etwas flexibel auslege, widerspricht sie mir. Sie will mich nicht mobben, sondern hat einfach Angst, dass sie ihre Berufspflichten verletzt und dann ihre Zulassung als Treuhänderin verliert! Das hab ich noch nie so gesehen, aber ich glaube, es stimmt!

Was könntest Du also in Zukunft anders machen?

Ich muss ihr mehr erklären, wie ich bestimmte Dinge machen will und dass ich da voll innerhalb des gesetzlich vorgegeben Rahmens bleibe!

Was hier stattgefunden hat ist eine Veränderung der Gefühle durch Gefühle: Don hatte das Gefühl Die will mich mobben! Durch das Einfühlen in Peggy und den Wechsel auf die Interessenebene ist ihm aufgefallen, dass dem nicht so ist. Sie hat Angst um ihre Zulassung! Diese Einsicht hat bei Don das Grundgefühl gegenüber Peggy verändert. Die Einsicht hat wie eine Ressource gewirkt und nun fühlt er sich nicht mehr schlecht oder wütend ihr gegenüber, sondern einsichtig (siehe Abb. 4).
Abb. 4

Gefühle mit Gefühlen verändern (Grafik: R. Wawrzik nach einer Skizze von A.Schweizer)

Folgende Fragen helfen relativ zielgenau, die Interessen herauszufinden und damit die Gefühle zum Gegenüber zu verändern:
  • Freiheit: Ist es wichtig, dass Du tun und lassen kannst, was Du möchtest und/oder dass Du von nichts und niemandem eingeschränkt wirst? Geht es Dir letztendlich um Deine Freiheit, die Du verwirklichen möchtest oder die Du gefährdest siehst?

  • Sicherheit: Ist es Dir wichtig, dass Du alles richtig machst und/oder dass Dir keine Fehler unterlaufen? Geht es Dir letztendlich um Deine Sicherheit, die Du verwirklichen möchtest oder die Du gefährdest siehst?

  • Anerkennung: Ist es Dir wichtig, dass Du gelobt wirst und/oder dass Du verhinderst, dass Du als Verlierer dastehst? Geht es Dir letztendlich um Anerkennung, die Du erhalten möchtest oder die Du gefährdest siehst?

  • Macht: Ist es Dir wichtig, dass Du Dein großes Projekt, Deine Vision für Dich und für andere verwirklichen kannst und/oder dass Du dabei verhinderst, dass Dir jemand in die Quere kommt, der Dich betrügen könnte? Geht es Dir letztendlich um Deine Macht, die Du verwirklichen möchtest oder die Du gefährdest siehst?

  • Harmonie: Ist es Dir wichtig, dass alles für Dich und alle andern rund und easy abläuft, dass alle gleichwertig sind, niemand bevorzugt wird und/oder dass es zu keinem Konflikt kommt? Geht es Dir letztendlich um Harmonie, die Du verwirklichen möchtest oder die Du gefährdest siehst?

  • Intensität: Ist es Dir wichtig, dass Dir niemals langweilig wird, sondern dass Du vor allem auch Spaß hast an dem, was Du tust? Geht es Dir letztendlich um Intensität, die Du verwirklichen möchtest oder die Du gefährdest siehst?

  • Integrität: Möchtest Du Dir selbst treu bleiben können und weiter ein guter Mensch sein oder werden und/oder willst Du vermeiden, dass Du Dir morgen nicht mehr in die Augen gucken kannst? Geht es Dir letztendlich um Deine Integrität, die Du verwirklichen möchtest oder die Du gefährdest siehst?

  • Fürsorge: Ist es Dir wichtig, dass Du für andere Menschen sorgen kannst und/oder willst Du verhindern, dass Du keine Aufgabe mehr hast? Geht es Dir letztendlich um Fürsorge, die Du verwirklichen möchtest oder die Du gefährdest siehst?

  • Wissen: Willst Du so viel Wissen über die Funktionsweise der Welt sammeln wie möglich und/oder willst Du vermeiden, dass genau das behindert wird und Dein Tun somit keinen Nutzen mehr hätte? Geht es Dir letztendlich um Dein Wissen, das Du erweitern möchtest oder das Du nun gefährdest siehst?

5 Veränderung der Gefühle durch die Talking-Stick-Methode

Ist ein Einzelgespräch nicht möglich oder nicht gewünscht, ist die Talking-Stick-Methode (Covey 2006) erfolgsfördernd. Damit wird das gegenseitige Verständnis befördert, die Medianden beginnen sich ebenfalls zu synchronisieren, der Rapport vertieft sich und zwischen den Medianden entsteht plötzlich eine Art Lösungs-Allianz.

Wie funktioniert die Talking-Stick-Methode! Wenn eine Person ihren Standpunkt über einen bestimmten Sachverhalt darstellt, wäre es schön, wenn die andere Person aufmerksam und empathisch zuhören würde. Dies ist aber leider meistens nicht der Fall: Anstatt, dass wir uns in die Darstellung der anderen Person hineinversetzen und nachzuempfinden versuchen, was diese erlebt hat, bleiben wir oft auf unserer eigenen Sichtweise sitzen, hören nicht zu, was der andere sagt oder basteln bereits an Gegenargumenten rum.

Um dies zu verhindern, haben die Indianer Nordamerikas den Talking-Stick erfunden: Die Person, die spricht, nimmt den Talking-Stick und sagt, was sie zu sagen hat. Wenn sie geendet hat, gibt sie den Stick der anderen Person und diese wiederholt nun aus der 2nd position heraus, was sie verstanden zu haben glaubt. Wichtig ist hier, dass der, der wiederholt, sich vorstellt, er wäre der andere, also in die 2nd position geht und dann in der Ich-Form spricht: Ich bin der Meinung, dass… und nicht Du bist der Meinung, dass … . Hat die Person alles wiederholt, gibt sie den Talking-Stick dem Sprecher zurück. War die Wiederholung nicht vollständig, fehlerhaft oder glaubt der Sprechende, die wiederholende Person habe nicht aus der 2nd position heraus gesprochen, so wiederholt er, was er gesagt hat: Ich habe nicht gesagt, dass Du zufällig nicht gekommen bist. Ich habe gesagt, dass Du absichtlich nicht gekommen bist! Der Zuhörer versucht es abermals und vielleicht noch ein drittes oder viertes oder fünftes Mal. Auf jeden Fall so lange, bis der Sprecher mit der Wiederholung zufrieden ist. Dann werden die Rollen gewechselt.

Wird die Talking-Stick-Methode sorgfältig angewendet, ist der gleiche Effekt möglich, wie bei der Methode mit den 4 Stühlen: Beide können das Gefühl hinter den Aussagen nachfühlen und dieses Gefühl kann das eigene Positionen-Gefühl verändern und den Gedanken eine neue Richtung geben: Gefühle werden mit Gefühlen verändert!

6 Veränderung der Gefühle durch den Gebrauch von Metaphern

Sollte auch die Talking-Stick-Methode nicht möglich oder gewünscht sein, dann können wir rein sprachlich auf die Medianden einwirken, wie es etwa Ed Watzke in seinem bekannten Buch Wahrscheinlich hat diese Geschichte gar nichts mit Ihnen zu tun …: Geschichten, Metaphern, Sprüche und Aphorismen in der Mediation (2008) empfiehlt.

Um tatsächlich den gewünschten, die Emotionen verändernden Effekt zu erzielen, ist es hilfreich, dass man das, was man sagen will, mit einer individuellen, parallelen, auf den Konflikt und seine Lösung angepassten (isomorphen) Geschichte, so aufarbeitet, dass es vom Unbewussten verstanden wird. So habe ich einmal in einer Mediation einer Frau, die etwas Mühe hatte, ihren Sohn frei zu geben und nicht übermäßig zu bemuttern, folgende Geschichte erzählt:

Die Gnu-Kuh hatte ihr erstes Kälbchen. Als es gut auf den Beinen war, wollte der Vater mit ihm durch die Savanne trotten, um ihm die Löwen, Geparden und Schakale zu zeigen, damit es weiß, vor was es wegrennen muss. Die Gnu-Kuh schüttelte den Kopf: Unser Kleines ist noch zu zart. Es ist noch zu früh. Die Zeit wird es bringen!

Einige Wochen später wollte er das Kälbchen wieder abholen, aber die Gnu-Kuh schüttelte abermals den Kopf: Unser Kleines ist noch zu zart. Es ist noch zu früh. Die Zeit wird es bringen! Der Vater wartete also weiter, einige Monate sogar und dann sprach er wieder vor. Die Gnu-Kuh schubste das Rind zärtlich nur der Nase und meinte: Unser Kleines ist noch zu zart. Es ist noch zu früh. Die Zeit wird es bringen!

Der Vater fragte dann nicht mehr nach und die Zeit hat es tatsächlich gebracht: Das Rind wurde von einer Löwin gefressen, das zweite Kind, das sie darauf geboren hat, von einem Geparden zu Tode gehetzt und das Dritte von einem Schakal zerfleischt. Nun trottet der Büffel mit seinem vierten Kind durch die Savanne und lehrt es, mit den Gefahren des Lebens umzugehen. Die Gnu-Kuh fragt sich aber immer noch, ob es nicht doch noch ein wenig zu früh ist?

Wie Sie sehen, habe ich aus der Botschaft eine Metapher gemacht. Eine Metapher zudem, die ich individuell angepasst habe. Wem dies zu viel des Aufwands ist, kann sich der größten Metapher der Menschheit bedienen, der sogenannten Heldenreise, wie sie Joseph Campell in Der Heros in 1000 Gestalten (Campbell 1999) dargestellt. Die Metastruktur ist in Abschn. 7 erläutert.

7 Die Heldenreise

Ein Mensch, nennen wir ihn Franz, lebt relativ sicher, aber unbefriedigt in seiner gewohnten Welt. Plötzlich und völlig unerwartet ereilt ihn der Ruf des Abenteuers. Franz weigert sich aber, den Ruf anzunehmen, denn er will ein ruhiges Leben mit Marianne führen, die er bald heiraten will. Da begegnet ihm sein Mentor, der ihn umstimmt. Franz verlässt Marianne und sein Dorf und macht sich auf den Weg ins Niemandsland. Er begegnet seinem Widersacher und ist ihm nicht gewachsen und kommt fast um. Fremde finden ihn und bringen ihn zu ihren Freunden und Verbündeten. Man entschließt sich, gemeinsam in den Kampf mit dem Widersacher zu gehen und es kommt zur entscheidenden Prüfung, in welcher Franz den Widersacher besiegt. Er wird durch diese Tat zum Helden und wird reichlich belohnt. Er kehrt in die gewohnte Welt zurück, heiratet Marianne und alles ist gut.

Dieser Struktur folgen mehr oder weniger sämtliche Romane oder Filme, die wir gelesen oder gesehen haben: angefangen von Wilhelm Meister´s Lern- und Wanderjahre, Der grüne Heinrich, Demian, Der König der Löwen weiter zu Rambo, Riders of the Lost Ark, Star Wars, Harry Potter oder jedem sonntagabendlichen Tatort, besonders, wenn Till Schweiger als Kommissar agiert.

Die Kunst besteht nun darin, den Mediationsprozess durch die Aufbereitung der Fallgeschichte in der Form der Heldenreise zu steuern. Das ist nicht einfach und setzt gewisse geistig-sprachliche Flexibilität und Übung voraus. Genau so, wie der Gebrauch der widerstandsfreien Sprache nach Milton Erickson.

8 Veränderung der Gefühle durch die Verwendung einer widerstandsfreien Sprache

Die Führung der Medianden über die 4-Stühle-Methode, die Talking-Stick-Methode und Gleichnisse wirken noch besser, wenn wir diese nicht in einer normalen, grammatikalischen Regeln gehorchenden Sprache erzählen, sondern in einer funktionalen Sprache. Einer Sprache, die dafür entwickelt worden ist, beim Zuhörer etwas auszulösen. Ein hervorragendes Modell ist das Milton-Modell,6 das von Richard Bandler, John Grinder und Judith DeLozier aus dem Sprachgebrauch des vermutlich erfolgreichsten Therapeuten aller Zeiten, Milton H. Erickson elizitiert wurde.

Das Milton-Modell der widerstandsfreien Sprache

(Richard Bandler, John Grinder und Judith DeLozier)

8.1 Erweitern Sie die Möglichkeiten der Wahrnehmung

  • Verwenden Sie Modaloperatoren der Wahrnehmung! Dem Zuhörer wird eine Wahlmöglichkeit eingeräumt. Er kann sich für oder gegen einen Vorschlag entscheiden. Anstatt: Wir fahren jetzt mit der Interessen-Phase weiter …. Besser: Vielleicht wäre es interessant für Sie, sich nun als nächstes mit den Interessen zu beschäftigen …

  • Verallgemeinern Sie durch Universalquantoren! – Generalisierungen erlauben es dem Zuhörer, indirekt Grenzen für sein Handeln zu erkennen. Anstatt: Sie haben sich an die Vereinbarung zu halten! Besser: Bisher hat sich jeder an unsere Vereinbarung gehalten.

8.2 Verwenden Sie Nominalisierungen anstatt Prozesswörter

Hier werden Hauptwörter für einen nicht beschriebenen Prozess verwendet, den der Zuhörer aus seiner eigenen Erfahrung konstruieren kann. Anstatt: Suchen Sie bitte nach geeigneten Lösungen! Besser: An dieser Stelle könnte nun eine Lösungssuche stattfinden.
  • Lassen Sie Informationen weg! Verwenden Sie unspezifische anstatt spezifische Verben. Der Zuhörer kann das Unspezifische selbst spezifisch machen. Anstatt: Lassen Sie uns die Zusammenarbeit in Team verbessern! Besser: Lassen Sie uns die Zusammenarbeit im Team verändern!

  • Sprechen Sie ohne Inhaltsbezug! Der fehlende Inhaltsbezug veranlasst den Zuhörer, das Gesagte auf sich zu beziehen. Anstatt: Machen Sie eine Pause und erfrischen Sie sich mit Kaffee. Besser: Viele trinken in der Pause gerne einen Kaffee zur Erfrischung.

  • Bilden Sie Sätze ohne Objekte/Substantive! Ein fehlendes Objekt/Substantiv im Satz bewirkt, dass der Zuhörer die offensichtliche Lücke selbst schließt. Anstatt: Im nächsten Schritt geht es darum, aus den Optionen die besten Lösungen herauszufischen! Besser: Lassen wir uns überraschen, wie wir nun weitermachen.

8.3 Verknüpfen Sie Inhalte sinnvoll!

  • Schaffen Sie scheinbar kausale Verbindungen und Abfolgen! Es ist sinnvoll, Verbindungen anzubieten, die sich für den Zuhörer scheinbar zwangsläufig ergeben. Anstatt: Lassen Sie mich ihre Ergebnisse zusammenfassen. Besser: Bevor wir mit der Mediation morgen weiterfahren, hat es sich als nützlich erweisen, an dieser Stelle einmal zu schauen, was bis jetzt schon erschaffen wurde.

  • Lesen Sie Gedanken! Beim Zuhörer wird der Anschein erweckt, als könne der Sprechende seine Gefühle und Gedanken nachvollziehen. Anstatt: Nun zum Nutzen des Ganzen. Besser:

    Vielleicht fragen Sie sich, wie Ihnen das nun weiterhelfen könnte?

  • Verlieren Sie Performative! – Es bleibt unklar und somit ergänzungsnötig, wessen Meinung hier wiedergegeben wird. Anstatt: Bitte wiederholen Sie, was Sie bis jetzt zum Thema vorgebracht haben! Besser: Auch wenn Sie sich sicherlich schon mehrfach mit der Situation auseinandergesetzt haben, scheint es wichtig zu sein, sich mit diesem Thema ein abschließendes Mal zu beschäftigen.

8.4 Treffen Sie Vorannahmen

Hier verwendet der Sprecher in der Satzkonstruktion versteckte Behauptungen, die nicht in Frage gestellt werden. Das klassische Beispiel: Gehen wir zu mir oder zu Dir? Das Satzgefüge setzt voraus, dass man zusammen geht. Offen ist nur noch wohin.
  • Verwenden Sie Zeitformen! Anstatt: Bitte kommen Sie zur Sache! Besser: Darf ich Sie noch, bevor Sie sich über Ihre Erfahrungen austauschen, auf die wesentliche Fragestellung hinweisen?

  • Verwenden Sie Ordnungszahlen! – Anstatt: Als Nächstes machen wir Folgendes. Besser: Wir haben damit begonnen, verschiedene Themen zu sammeln. Im zweiten Schritt haben wir dann festgelegt, was die wichtigsten Themen sind. Im nächsten Schritt ist es nun sicher sinnvoll …

  • Offerieren Sie scheinbare Wahlmöglichkeiten! – Anstatt: Lassen Sie uns nun verhandeln! Besser:

    Die Frage ist, ob Sie jetzt das Thema A oder das Thema B verhandeln wollen?

  • Verwenden Sie Worte der Wahrnehmung! Anstatt: Ich glaube, Sie können sich nun noch mehr beeilen! Besser: Haben Sie auch schon bemerkt, wie sich ihre Zusammenarbeit verändert hat?

  • Verwenden Sie kommentierende Adjektive! Anstatt: Beeilen Sie sich! Besser: Die Lösung wurde von allen schnell erarbeitet und ich sehe schon, dass Sie schon dran sind, im gleichen Tempo weiterzuarbeiten!

  • Verwenden Sie Zeitwörter! – Anstatt: Wechseln Sie mal die Fahrspur! Besser: Wie ich gerade sehe, haben sie sich vor wenigen Minuten entschlossen, einen neuen Weg zu gehen. Gratuliere!

8.5 Formulieren Sie indirekte Auslösungen

  • Geben Sie versteckte Befehle! Anstatt: Hören Sie auf, sinnlos drauflos zu reden! Besser: Vielleicht gilt für einige von Ihnen gottseidank die Aussage: Mundwerk erst betätigen, wenn Gehirn eingeschaltet!

  • Markieren Sie analog! Bestimmte Worte werden durch Betonung, Mimik und Gestik hervorgehoben. Anstatt: Gratulation an alle zu den gemeinsam gefunden Lösungen! Besser: Alle haben jetzt eine einfache Lösung gefunden.

  • Stellen Sie versteckte Fragen! Mit versteckten Fragen fordert der Redner das Unbewusste des Zuhörers auf, die Fragen zu beantworten. Anstatt: Was wollen Sie zuerst drannehmen? Besser: Ich frage mich, ob Sie schon wissen, welches Thema Sie zuerst ansprechen werden?

  • Geben Sie verneinte Befehle! Da im primären, biologischen Verarbeitungsprozess der Informationen ein nein nicht existiert, nimmt der Organismus das sekundäre, sprachlogische nein nicht wahr: Wir können uns kein kein oranges Krokodil vorstellen. Anstatt: Einigen Sie sich in den nächsten zehn Minuten auf ein Thema! Besser: Ich bin mir nicht sicher, ob Sie sich in den nächsten zehn Minuten auf ein Thema einigen können?

  • Formulieren Sie Konversationspostulate! Hier formulieren wir Fragestellungen, die eigentlich digitale Antworten generieren sollten (ja/nein), wegen ihrer Vagheit aber zu einer Reaktion einladen. Anstatt: Bitte diktieren Sie mir die Lösung! Besser: Könnten Sie ihre Lösung noch einmal wiederholen, damit ich sie mir notieren kann?

8.6 Sprechen Sie in Bildern!

  • Zitieren Sie! Wenn zitiert wird, erhöht das einerseits die Wichtigkeit der Botschaft. Andererseits, wenn der Zuhörer mit dem, was gesagt wird, nicht einverstanden ist, geht der Widerstand auf ihn und nicht auf den Sprechenden! Anstatt: Bitte hören Sie zu, was ich Ihnen sage! Besser: Stephen Covey meint: Seek first to understand before you seek to be understood!

  • Gebrauchen Sie Metaphern! Metaphern transformieren Botschaften in Bilder. Der Zuhörer kann das für ihn Wichtige auswählen. Anstatt: Bitte Josephine, versuche, wenn möglich, vernünftig mit mir zu kommunizieren, und lass die hysterischen Ausfälle lieber bleiben. So kommen wir sicher miteinander klar! Besser: Ein Cowboy verheiratete sich und ritt mit der Braut auf seine Farm. Das Pferd strauchelte und er sagte Eins! Das Pferd strauchelte abermals und er sagte Zwei! Das Pferd strauchelte ein drittes Mal. Der Cowboy nahm die Pistole und erschoss das Pferd. Die Braut begann zu schreien: Warum hast Du das getan! Mit einem solchen Mann kann ich nie zusammenleben. Wie wirst Du erst mit unseren Kindern umgehen! Bring mich sofort wieder in die Stadt zurück! Der Cowboy sah ihr tief in die Augen und sagte: Eins!

9 Sleight of Mouth-Kaskade

Eine sehr effiziente Methode, das Weltmodell der Medianden zu verändern, ist die Anwendung der Sleight-of-Mouth-Fragen nach Robert Dilts (2008). Hier wird mit einer sehr ausgeklügelten und aufeinander aufbauenden Frage-Kaskade das Glaubenssystem aufgeweicht, welches das bisherige Verhalten veranlasst hat und durch ein anderes ersetzt. Dies kann im Einzelgespräch gemacht werden. Die Übergänge zwischen Mediation und Coaching sind hier fließend.
  1. (1)

    Weise auf die positive Absicht hin: Was willst Du mit diesem Verhalten Gutes tun? Was würdest Du verlieren, wenn Du es nicht mehr tun könntest?

     
  2. (2)

    Definiere um: Benenne das, was Du tust, mit anderen Verben, die nicht genau das gleiche bedeuten, aber doch etwas Ähnliches. Finde sieben solche Verben.

     
  3. (3)

    Zeige die Konsequenzen auf: Welche positiven und negativen Konsequenzen hat Dein Verhalten für Dich, für Andere, für Dritte, die Euch beobachten und für das ganze System?

     
  4. (4)

    Chunke herunter: Beschreibe Punkt für Punkt, was Du genau tust! Wo und in welchen Umwelten tust Du es und wo nicht? Welche Fähigkeiten brauchst Du dazu, das tun zu können?

     
  5. (5)

    Chunke herauf: An was musst Du glauben um das zu tun, was Du tust? Wenn Du das glaubst, wer bist Du dann und wem dienst du?

     
  6. (6)

    Weise auf Analogien hin: Mach aus dem, was Du tust, Metaphern oder Sprichworte! Welche dieser Analogien bestätigen Dein Verhalten und welche torpedieren Sie? Was bedeutet das für Dich?

     
  7. (7)

    Verändere die Rahmengröße: Gilt das, was Du glaubst und tust für alle Zeit, für alle Menschen und für alle Orte? Für welche Zeiten, Menschen und Orte gilt es? Für welche nicht? Warum ist dem so?

     
  8. (8)

    Induziere ein anderes Ergebnis: Zu welchem Ergebnis führt das, was Du jetzt glaubst und tust? Was möchtest Du stattdessen?

     
  9. (9)

    Führe ein anderes Weltmodell ein: An was müsstest Du glauben, damit das statt dessen, als Alternative zu Deinem jetzigen Ergebnis, eintreffen würde? Wie müsste man die Welt wahrnehmen um das glauben zu können?

     
  10. (10)

    Mache den Realitätsbeweis: Welche Glaubenssätze stützen den neuen Glaubenssatz? An welchem Verhalten würde man erkennen, dass sie dies tatsächlich tun? Welche tun es nicht und woran erkennt man das?

     
  11. (11)

    Bringe ein Gegenbeispiel: Finde ein Gegenbeispiel zu Deinem ursprünglichen Glaubenssatz? Welche persönliche Erfahrung hat Dir gezeigt, dass der Satz wahr ist? Welche, dass er eventuell unwahr ist?

     
  12. (12)

    Führe eine Kriterienhierarchie ein: Gibt es irgendwelche persönliche Kriterien, Werte, Anschauungen, Wahrheiten, die für Dich wichtiger und bedeutender sind als die, von denen wir reden?

     
  13. (13)

    Wende die höheren Kriterien auf den Satz an: Stützen sie diesen oder torpedieren sie diesen? Wie genau tun sie das? Was bedeutet das und warum?

     
  14. (14)

    Etabliere einen Meta-Rahmen: Welcher Glaubenssatz über díesen neuen Glaubenssatz könnte die Wahrnehmung des neuen Glaubenssatzes verstärken oder bereichern?

     
  15. (15)

    Exit: An was glaubst Du nun und was wirst Du jetzt tun?

     

10 Fazit

Wie Sie sehen, ist die Vorgehensweise über die reine Sprachgestaltung ziemlich komplex und erfordert eine jahrelange Ausbildung. Ich ermutige meine Studenten trotzdem, das Milton-Modell und die Sleight-of-Mouth-Kaskade zu erlernen, empfehle Ihnen aber, es zuerst mit der Stuhlmethode zu versuchen. Wenn ihnen auch das zu aufwendig ist, empfehle ich, dass sie sich intensiv mit dem Aufbau der mediativen Allianz auseinandersetzten und vor allem lernen, wie man 2nd position geht. Und wenn Ihnen auch das zu viel ist? Dann sollten sie es bleiben lassen, Konflikte mediieren zu wollen.

Vielleicht zum Abschluss eine kleine Geschichte: Der Schiffsdiesel versagte seinen Dienst und das große Schiff konnte nicht mehr ablegen. Die Mechaniker versuchten tagelang, die Maschinen wieder in Gang zu setzen, aber nichts ging. Da hörte der Kapitän von einem Wundermechaniker, der in der Stadt wohnen sollte. Er ließ ihn holen. Dieser sah sich die Maschine an, ging durch alle Gänge, prüfte dieses und jenes Instrument und holte dann ein kleines goldenes Hämmerchen aus der Tasche und schlug dreimal an eine ganz bestimmte Stelle. Es ging ein Rucken durch den riesigen Schiffsdiesel und er sprang wieder an. Der Kapitän war überglücklich und bat um die Rechnung. Das Männchen schrieb auf ein Blatt: Reparatur Schiffsdiesel 10.000 Dollar. Was?!, schrie der Kapitän, für diese drei Hammerschläge soll ich 10.000 Dollar hinblättern? Das Männchen drehte das Papier um und schrieb eine neue Rechnung: Drei Schläge mit dem Hammer: 1 Dollar. Gewusst wo: 9999 Dollar – Zusammen: 10.000 Dollar!!!

Fußnoten

  1. 1.

    Nach der Abkehr vom Behaviorismus nach Skinner in der Kognitiven Wende, scheint nun ein neuer Paradigmenwechsel in der Psychologie stattzufinden, nämlich die Emotionalen Wende: Ernst, Heiko: Der emotionale Wetterbericht. Psychologie heute, 02/2013.

  2. 2.
  3. 3.

    Ponschab und Schweizer (2009): Kooperation statt Konfrontation: Neue Wege anwaltlichen Verhandelns,Köln: Schmidt.

  4. 4.
  5. 5.

    Sherlock Holmes stürzte zusammen mit seinem großen Widersacher Prof. Moriarty nicht die Giessbach-Fälle hinunter, sondern die Reichenbach-Fälle. Er überlebte, Moriarty nicht.

  6. 6.

    Grinder, John; Bandler, Richard: Patterns of the Hypnotic Techniques of Milton Erickson, M.D. Volume 1. Metamorphous Press; Capitola 1975; Grinder, John; DeLozier, Judith, Bandler, Richard: Patterns of the Hypnotic Techniques of Milton Erickson, M.D., Volume 2. Metamorphous Press, Portland 1975; Grinder, John; Bandler, Richard: Therapie in Trance – NLP und die Struktur hypnotischer Kommunikation. Klett-Cotta, Stuttgart 2007.

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Copyright information

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Authors and Affiliations

  1. 1.GersauSchweiz

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