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Jugendpolitik

  • Barbara ThamEmail author
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Zusammenfassung

Jugendpolitik ist kein eigenständiger Politikbereich der Europäischen Union (EU). Jugendliche sind jedoch in einer Reihe von Gemeinschaftspolitiken eine hervorgehobene Zielgruppe von Maßnahmen und Aktivitäten. Europäische Jugendpolitik im weiteren Sinne kann somit als Querschnittspolitik der Bereiche angesehen werden, in denen Jugendliche besonders von den Maßnahmen betroffen sind. Hierzu zählen u. a. die Bildungs-, Sozial- und Beschäftigungspolitik. Im engeren Sinne bezieht sie sich auf die Fördermaßnahmen und Aktivitäten der EU, welche die grenzüberschreitende Jugendarbeit und den Jugendaustausch unterstützen und das europäische Bewusstsein bei Jugendlichen fördern, wie z. B. das Programm Erasmus+ JUGEND IN AKTION. Durch den Vertrag von Lissabon (2009) und die EU-Jugendstrategie (2010–2018) wurde die Jugendpolitik deutlich gestärkt. Mit der Einrichtung des Europäischen Solidaritätskorps und einem kostenlosen Interrail-Ticket soll die Aufmerksamkeit Jugendlicher für die Angebote und Möglichkeiten in der EU erhöht werden.

Schlüsselwörter

DiscoverEU Erasmus+ EU-Jugendstrategie Europäischer Solidaritätskorps JUGEND IN AKTION EU-Jugenddialog 

Vertragsgrundlage: Art. 6, 165 AEUV

Ziele: Förderung des Jugendaustauschs, Beteiligung der Jugendlichen am demokratischen Leben in Europa

Instrumente: EU-Jugendstrategie, Erasmus+ JUGEND IN AKTION, Europäisches Solidaritätskorps (ESK)

Internet: Europäische Kommission: http://ec.europa.eu/youth/index_de.htm, Jugend für Europa: http://www.jugendpolitikineuropa.de/, ESK: http://www.solidaritaetskorps.de, DiscoverEU: http://europa.eu/youth/discovereu_de

Jugendpolitik als Gemeinschaftsaufgabe

Der Vertrag zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWGV) (1958) enthielt zunächst keine rechtlichen Bestimmungen hinsichtlich der Ausübung einer gemeinsamen Jugendpolitik. Um dennoch jugendrelevante Maßnahmen durchführen zu können, stützte sich die Europäische Gemeinschaft auf Art. 235 EWGV. Das Europäische Parlament hat in einer Vielzahl von Berichten und Vorstößen schon seit Mitte der 1980er-Jahre die Situation von jungen Menschen thematisiert und Anstoß zu jugendrelevanten Programmen gegeben. Mit dem Vertrag von Maastricht (1993) wurden erstmals Aufgaben der Jugendpolitik Bestandteil des Vertrags zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft. Art. 6 Abs. e Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV) nennt Jugend als einen Bereich mit europäischer Zielsetzung, in dem die Europäische Union (EU) Unterstützungs-, Koordinierungs- oder Ergänzungsmaßnahmen ergreifen kann. Art. 165 AEUV listet die Förderung des Jugendaustauschs und des Austauschs sozialpädagogischer BetreuerInnen sowie die verstärkte Beteiligung Jugendlicher am demokratischen Leben in Europa als Ziele. Das Europäische Parlament und der Rat der EU können gemäß dem ordentlichen Gesetzgebungsverfahren und nach Anhörung des Wirtschafts- und Sozialausschusses sowie des Ausschusses der Regionen Fördermaßnahmen unter Ausschluss jeglicher Harmonisierungsbestrebungen der Rechts- und Verwaltungsvorschriften der Mitgliedstaaten erlassen.

EU-Jugendstrategie

2001 veröffentlichte die Europäische Kommission das Weißbuch „Neuer Schwung für die Jugend Europas“. Auf der Grundlage einer allgemeinen Bestandsaufnahme der Situation Jugendlicher in Europa und deren politischer und gesellschaftlicher Forderungen sieht es die Kommission als vorrangig an, dass sich junge Menschen in Europa als solidarische, verantwortungsbewusste, aktive und tolerante BürgerInnen in pluralistischen Gesellschaften behaupten können. Um dies zu ermöglichen, hat die EU einen neuen jugendpolitischen Rahmen geschaffen, der die offene Methode der Koordinierung vorsieht und die Bedürfnisse Jugendlicher bei der Ausarbeitung von Maßnahmen in anderen Politikbereichen stärker berücksichtigt. Im Kontext der Lissabon-Strategie wurde auf dem EU-Gipfel 2005 zudem ein „Europäischer Pakt für die Jugend“ verabschiedet, der die Situation junger Menschen in Europa verbessern soll. In diesem Zusammenhang wurde auch ein „Strukturierter Dialog mit der Jugend“ angeregt, um die Jugendpartizipation in den Mitgliedstaaten nachhaltig zu stärken und junge Menschen aktiv in die Debatten über die Zukunft der EU und die Gestaltung der EU-Jugendpolitik einzubeziehen. 2009 hat der Rat erstmalig eine EU-Jugendstrategie (2010–2018) verabschiedet, mit dem Ziel, die jugendpolitische Zusammenarbeit zu stärken. Mit dieser Strategie beabsichtigte die EU, mehr Möglichkeiten und Chancengleichheit für alle Menschen im Bildungswesen und auf dem Arbeitsmarkt zu schaffen sowie gesellschaftliches Engagement, soziale Eingliederung und Solidarität aller Jugendlichen zu unterstützen. In der neuen EU-Jugendstrategie (2019–2027) stehen die Förderung der Beteiligung junger Menschen am demokratischen Leben (ENGAGE), die Ermöglichung von Jugendbegegnung in der gesamten EU und darüber hinaus (CONNECT) sowie die Befähigung Jugendlicher durch Qualität, Innovation und Anerkennung von Jugendarbeit (EMPOWERMENT) im Vordergrund. Es sollen alle Jugendlichen erreicht, die Zusammenarbeit auf allen Ebenen, global bis lokal, unterstützt sowie die Chancen und Herausforderungen der virtuellen Welt stärker in den Fokus genommen werden.

EU-Jugenddialog

Der EU-Jugenddialog dient der EU als zentrales Beteiligungsinstrument bei der Umsetzung der EU-Jugendstrategie. Mit diesem werden im Rahmen der Trio-Ratspräsidentschaften europaweit die Positionen Jugendlicher zu ausgewählten Fragestellungen systematisch zusammengetragen. Mittels Online-Konsultationen und im Rahmen lokaler, regionaler, nationaler und europäischer Diskursveranstaltungen zwischen Jugendlichen und VertreterInnen aus Politik und Verwaltung werden aktuelle, jugendrelevante Fragestellungen thematisiert. Die hierbei erzielten Ergebnisse und Forderungen werden auf den halbjährig stattfindenden EU-Jugendkonferenzen gebündelt und an die relevanten politischen Entscheidungsebenen weitergegeben. Auf diese Weise sollen sie in konkrete Entscheidungsprozesse auf europäischer und nationaler Ebene einfließen. Ein Ergebnis hiervon sind die 11 EU-Jugendziele (Youth Goals), die auch Eingang in die aktuelle EU-Jugendstrategie gefunden haben.

JUGEND IN AKTION

Innerhalb des EU-Programms Erasmus fördert der Programmteil JUGEND IN AKTION im Bereich der nicht formalen und informellen Bildung die Entwicklung qualitativer Jugendarbeit und -politik in Europa. Das Programm richtet sich an junge Menschen zwischen 13 und 30 Jahren sowie an Fachkräfte und Träger der Jugendarbeit. Insbesondere Jugendliche mit geringeren Chancen und besonderem Förderbedarf sollen angesprochen und unterstützt werden. Im Mittelpunkt der Aktionen stehen Jugendbegegnungen, Mobilitäts- und Weiterbildungsangebote für Fachkräfte der Jugendarbeit, Qualitätsentwicklung und Vernetzung im Bereich der Jugendarbeit, internationale Jugendinitiativen sowie der EU-Jugenddialog. In den Projekten erlangen junge Menschen wichtige Schlüsselkompetenzen für ihre persönliche und berufliche Entwicklung, erfahren kulturelle Vielfalt, Solidarität und Toleranz über Grenzen hinweg, verinnerlichen europäische Werte und erwerben Kenntnisse und Fertigkeiten für eine aktive Unionsbürgerschaft.

Europäisches Solidaritätskorps (ESK)

Das ESK ist ein neues Förderprogramm der EU, das sich an junge Menschen und Organisationen im gemeinnützigen Bereich richtet. Es unterstützt seit 2018 das freiwillige Engagement und eine aktive europäische Bürgerschaft und will damit ein Zeichen für ein solidarisches und soziales Europa setzen. Das ESK ermöglicht es, Menschen und Gemeinschaften in Not zu helfen. Gleichzeitig können die jungen TeilnehmerInnen ihre beruflichen Fähigkeiten und interkulturellen Kompetenzen verbessern. Durch das Programm werden Freiwilligenaktivitäten, Freiwilligenteams, Solidaritätsprojekte sowie Praktika und Arbeitsstellen in gemeinnützigen Einrichtungen gefördert.

DiscoverEU

Mit der Initiative DiscoverEU bietet die EU jungen Menschen ab 18 Jahren die Möglichkeit, durch Europa zu reisen. Interessierte Jugendliche können sich bei der EU für einen kostenlosen Travel-Pass (Interrail-Ticket) bewerben, mit dem sie bis zu 30 Tage in Europa unterwegs sein können. Dies eröffnet ihnen die Chance, Europas Vielfalt zu erleben, seinen kulturellen Reichtum zu genießen, neue Freundschaften zu schließen und sich selbst besser kennenzulernen.

Weiterführende Literatur und Dokumente

  1. Entwurf einer Entschließung des Rates und der im Rat vereinigten Vertreter der Regierungen der Mitgliedstaaten zu einem Rahmen für die jugendpolitische Zusammenarbeit in Europa: die EU-Jugendstrategie 2019–2027, in: Amtsblatt der EU, Nr. C 456 vom 18. Dezember 2018, S. 1–22.Google Scholar
  2. Feldmann-Wojtachnia, Eva/Tham, Barbara (2016): Mehrwert und Verstetigung des Strukturierten Dialogs, München.Google Scholar
  3. Generation and Educational Science Institute (2017) (Hrsg.): Exploring Erasmus+: YOUTH IN ACTION. Effects and Outcomes of the Erasmus+: YOUTH IN ACTION Programme, Wien.Google Scholar
  4. Generation and Educational Science Institute (2018) (Hrsg.): Long-Term Effects of Erasmus+: YOUTH IN ACTION. Interim Transnational Analysis 2018, Wien.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020

Authors and Affiliations

  1. 1.Centrum für angewandte PolitikforschungLudwig-Maximilians-Universität MünchenMünchenDeutschland

Section editors and affiliations

  • Julian Plottka
    • 1
  • Yvonne Braun
    • 2
  1. 1.Institut für Europäische PolitikBerlinDeutschland
  2. 2.Institut für Europäische PolitikBerlinDeutschland

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