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Status von Anerkennung (als Phänomen/Begriff/Theoriegegenstand/ Theorietyp/Kategorie/Konzept oder Konzeption)

  • Thomas Meyer
  • Michael Quante
  • Tim RojekEmail author
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Zusammenfassung

In der Literatur tritt die Rede von Anerkennung als Kategorie oder Prinzip, als Konzeption, als Anerkennungstheorie oder als Name für eine Theoriefamilie unreguliert auf. In diesem Artikel werden die verschiedenen Verwendungsweisen von „Anerkennung“ inhaltlich bestimmt und expliziert, worin die mit ihnen einhergehenden Geltungsansprüche jeweils bestehen.

Schlüsselwörter

Theorie Phänomen Begriff Anerkennungstheorie Prinzip Kategorie 

1 Einleitung

In diesem Artikel soll geklärt werden, welcher Status oder welche Status Anerkennung innerhalb der Philosophie (und z. T. den Einzelwissenschaften) zukommen kann. In der Fülle an Offerten in der philosophischen Literatur, die sich mit Anerkennung auseinandersetzen, übernimmt diese verschiedenste Rollen, die nicht immer klar reflektiert werden. Ziel des Beitrags ist keine vollständige Bestandsaufnahme, sondern die Bildung einer ersten Typologie, die als Sortierungshilfe und Klärung für die Herausforderungen dienlich ist, vor die sich eine philosophische Beschäftigung mit dem Phänomenbereich der Anerkennung gestellt sieht.

Der Eintrag „Recognition“ in der Stanford Encyclopedia of Philosophy enthält allein auf den ersten Seiten die Rede von „recognition“, „theories of recognition“, „recognition theory“ und „concept of recognition“ (Iser 2013, S. 1–2). Allerdings wird nicht geklärt, worin die Unterschiede bestehen (wenn es welche gibt) und wie sich diese Redeweisen zueinander verhalten. Ein Begriff ist keine Theorie und eine Theorie der Anerkennung kann etwas anderes sein als eine Anerkennungstheorie. Daher ist nicht klar, ob es verschiedene Anerkennungstheorien gibt oder nur eine, aber dafür verschiedene Theorien über Anerkennung. Wie verhält sich zudem der Begriff der Anerkennung zur Anerkennung selbst sowie zu Ausdrücken (wie z. B. ‚Anerkennung‘, ‚recognition‘ oder ‚Respekt‘), die diesen Begriff natürlichsprachlich ausdrücken? Ist Anerkennung ein vor- oder außersprachliches Phänomen, das andere hingegen unser sprachlich-begriffliches Verstehen dessen? Die Rede von Anerkennungsdebatten (etwa Sobottka und Saavedra 2009) präsupponiert, es liege tatsächlich ein Diskurs über ein und dasselbe Problem vor: beispielsweise die Frage, ob allen Personen gegenüber eine Pflicht besteht, diese (in einem näher zu qualifizierenden Sinne) anzuerkennen. Zentrale Gelingensbedingungen jeder Debatte sind zum einen, dass ihr Gegenstand (im Sinne von: Gegenstand der Rede) bestimmt, und zum anderen, dass der Sinn der für die Debatte konstitutiven Ausdrücke und Beweisziele transparent ist. Zudem ist der Sinn der in der Debatte vorgetragenen Aussagen zu klären. Weiterhin müssen die Wahrheitsbedingungen und damit auch deren Geltungsansprüche (z. B. könnten diese von empirischer, apriorischer oder normativer Gestalt sein) transparent gemacht werden, um eine Debatte über einen Gegenstand rational führen zu können. Die in der Literatur vorfindliche Vielfalt von Redeweisen, (mutmaßlichen) Geltungsansprüchen und Zwecken legt nahe, dass solche Gelingensbedingungen für eine Debatte noch gar nicht vorliegen. Deshalb droht, dass unterschiedliche Vorschläge, die zu unterschiedlichen Debatten führen (können), unaufgeklärt durcheinanderlaufen. Die hier vorliegende Aufbereitung des oder der Status von Anerkennung ist wichtig, um für die philosophische Literatur die jeweiligen Bedingungen ihrer Debattenführung zu klären; hierzu dienen die folgenden fünf Schritte.

Zunächst wird von Phänomenen die Rede sein, die sich als Fälle von Anerkennung verstehen lassen und zwar von Anerkennung in einem alltäglichen, d. h. vortheoretisch und außerphilosophisch zugänglichen Sinn. Dabei wird unsere alltägliche Sprachverwendung leitend sein (1.). Im Anschluss daran wird die Rede vom Begriff der Anerkennung geklärt (2.). Dem schließt sich ein Abschnitt zum Verständnis darüber, was eine Theorie der Anerkennung ist, an (3.). Viertens sollen dann – davon unterschieden – einige prominente Verständnisse einer Anerkennungstheorie untersucht werden (4.). Abschließend wird ein Vorschlag unterbreitet, in welches Verhältnis man die verschiedenen Status von Anerkennung setzen sollte und mit welchem Geltungsanspruch, resp. welchen Geltungsansprüchen die Rede von Anerkennung dann jeweils einhergeht (5.).

2 Anerkennung als Phänomen

Dem mit ‚Anerkennung‘ bezeichneten Phänomenbereich kann man sich mit alltäglichen Beispielen nähern: Ausbleibende Anerkennung ergibt sich etwa, wenn der Sohn traurig nach Hause kommt und erzählt, dass ihn „die Anderen“ nicht haben mitspielen lassen, oder wenn die Pianistin enttäuscht ist, weil der Applaus des Publikums eher verhalten ausfällt. In beiden Fällen hat sich das Ausbleiben der Anerkennung nicht die Nichtverwendung des Wortes ‚Anerkennung‘ (oder ähnlicher Ausdrücke) manifestiert. Daran sieht man bereits, dass das Phänomen der Anerkennung (zumindest im konkreten Fall) vom Gebrauch eines Anerkennungsvokabulars unabhängig ist. Zugleich gilt für das Phänomen der Anerkennung, dass dieses Anerkennungsvokabular auch verwendet werden kann, um etw. oder jmd. anzuerkennen. Die (deklarative) Redehandlung eines offiziellen Staatsvertreters vor der UN-Vollversammlung ‚Hiermit erkennen wir F als eigenständigen Staat an‘ ist selbst der Vollzug von Anerkennung und ermöglicht die Zuerkennung oder Verleihung eines (in diesem Beispiel rechtlichen) Status.

Wir können sowohl durch redehandelnde als auch nicht-sprachliche Vollzüge Anerkennung geben oder entziehen (z. B. durch Schulterklopfen oder das Fallenlassen statt Überreichen eines Gratulationsstraußes bei Amtsantritt eines Ministerpräsidenten). In jedem Fall aber ist es ein Tun, weshalb hier das grundlegende Phänomen Anerkennungsakt genannt werden soll. Sofern man auch Rechtsverhältnisse als Phänomene von Anerkennung versteht, muss man diese Redeweise entsprechend als derivativ auffassen. Am redehandelnden Vollzug von Anerkennung wird deutlich, dass wir nicht nur Anerkennung als Prädikator zu- oder absprechen können (z. B. „Ich behaupte, dass Petras Arbeitseinsatz von Otto (nicht) anerkannt wird“), sondern auch über Anerkennungsperformatoren verfügen („anerkennen, dass …“), wie im obigen Beispiel der deklarativen Redehandlung der Anerkennung eines Staates in geeigneter (Rede-)Umgebung (vgl. zur Redehandlungsterminologie Gethmann und Siegwart 1991, S. 562 ff.).

Dieses sprachliche oder nicht-sprachliche Tun differiert in dem Grad der <Bewusstheit>, in dem Anerkennung vollzogen wird. Beispielsweise kann das einer-Regel-Folgen beschrieben werden als ein Anerkennen dieser Regel. Ob wir das unserem Handeln eingeschriebene Anerkennen von Regeln selbst auch als ein solches verstehen, kann uns mehr oder weniger bewusst sein. Wenn wir sprechen, halten wir uns (mehr oder weniger) an die Regeln der Sprache und anerkennen diese Regeln damit implizit. Aber wir reflektieren nicht in jedem Sprachvollzug auf dieses Anerkennen.

Anerkennung als Phänomen ist also (zunächst) ein zwischenmenschliches Handeln, das meist im Wertschätzen bestimmter Leistungen oder aber im wechselseitigen Respektieren als Personen besteht, wobei dieses Respektieren nicht im (sprachlichen oder nicht-sprachlichen) Akt des Respekt-Bekundens aufgeht, sondern auch in generellen Haltungen (etwa des Liebens) zum Ausdruck kommt (zu generellen Haltungen als Anerkennungsgestalt vgl. Ikäheimo und Laitinen 2007).

3 Der Begriff der Anerkennung

Mit der Rede vom Begriff der Anerkennung verhält es sich so wie mit vielen (wenn nicht allen) Begriffen: Meistens gibt es den Begriff überhaupt nicht. Deshalb sollte man sich der Gefahr einer Einzigkeitsillusion bewusst sein, die mit der losen Rede von dem Begriff von F einhergehen kann. Um diese zu klären, muss man sich darüber verständigen, was unter einem Begriff zu verstehen sei. Eine häufige Redeweise ist die, dass man den Begriff der Anerkennung verwende oder gebrauche. Da man streng genommen ein Wort verwendet, scheint dies nahezulegen, man verstehe unter einem Begriff ein Wort. Die Identifikation eines Wortes mit einem Begriff ist unangemessen, da wir problemlos Dasselbe mit verschiedenen Worten und Verschiedenes mit demselben Wort sagen können. Die Verwendung eines bestimmten Wortes ist also weder notwendig für die Darstellung eines bestimmten Begriffs noch ist sie hinreichend. Zwar muss man Wörter verwenden, um über Begriffe reden zu können, jedoch deckt sich ein Begriff nicht mit einem Wort. Naheliegend ist, unter einem Begriff ein Wort zu verstehen, dessen Bedeutung explizit festgelegt worden ist, wobei letztere zugleich invariant bezüglich des Gebrauchs synonymer Ausdrücke ist. Der Begriff der Anerkennung muss auch dann gleichbleiben, wenn man z. B. ins Englische wechselt und dort das Wort recognition verwendet. Wie legt man nun aber die Bedeutung explizit fest? Man kann sich die verschiedenen Bedeutungen des jeweiligen Wortes in einem Wörterbuch anschauen, und zwar desjenigen Wortes, das man als das maßgebliche Wort für den in Frage kommenden Begriff ausgewählt hat. Also schaut man sich die verschiedenen Bedeutungen eines in Frage kommenden Ausdrucks in einschlägigen Lexika an (dazu ausführlicher die Artikel: Meyer Anerkennung (2020, Semantik im Deutschen); Meyer/Neuhann (2020, Semantik im Englischen); Picardi (2020, Semantik im Französischen) in diesem Handbuch). Allerdings decken sich diese nicht und so ist man gezwungen, (begründete) Entscheidungen zu treffen; damit gehen in die explizite Bedeutungsfestlegung die eigenen Erkenntnisinteressen und Zwecksetzungen mit ein. Folglich kann es mehrere Anerkennungsbegriffe geben, die jeweils relativ zu den erkenntnisinteressenrelativen Bedeutungsfestsetzungen sind. Im Rahmen einer Debatte ist daher stets darauf zu achten, dass derselbe Begriff der Anerkennung zugrunde liegt. Andernfalls muss explizit nach Begründungen für die Bedeutungsfestsetzungen des Begriffs gefragt werden, sofern man die Begriffsbildung für (relativ zu denselben Erkenntnisinteressen und Zwecksetzungen) inadäquat hält, womit man in eine Explikationskontroverse eintreten würde.

An dieser Stelle ist eine erste Bemerkung zum Verhältnis zwischen (1), d. h. Anerkennung als Phänomen und (2), d. h. einer Anerkennungsbegriffsbildung zu machen. Zwischen der Sprache, die für Anerkennungsakte verwendet wird, und der (Meta-)Sprache, mit der man über Anerkennungsakte spricht, ist zu unterscheiden. Die Beispiele für das Phänomen (aus 1) verweisen auf Anerkennungsakte, die nicht selbst mittels der Sprache der Anerkennung vollzogen werden. So kann man jemandes Leistung anerkennen, indem man sagt „Das ist ein schönes Bild“ oder „Du bist ein echter Freund“. Dabei verwendet man keine sprachlichen Ausdrücke, die inhaltlich von Anerkennung handeln. Einen solchen Satz zu äußern kann aber als Anerkennungsakt (metasprachlich) beschrieben werden. Ähnlich wie verschiedene Redehandlungstypen durch explizite Verwendung des jeweiligen Performators explizit vollzogen werden können, kann auch Anerkennung durch Verwendung von Anerkennungsvokabular vollzogen werden (z. B., wie im obigen Beispiel der Anerkennung eines Staates, mittels des Performators „anerkennen, dass“).

Neben der Rede von dem Begriff der Anerkennung ist mitunter auch von der Idee der Anerkennung zu lesen (so z. B. Honneth 2018). Es wird dort von „Ideen“ geredet, wo hier von „Begriffen“ gesprochen wird, allerdings ohne eine hermeneutische und systematische Begriffsbildungslehre zugrunde zu legen oder (wenigstens in Ansätzen) zu skizzieren. Honneth argumentiert für seinen Anspruch, keine Begriffsgeschichte, sondern stattdessen eine Ideengeschichte vorzulegen, indem er darauf verweist, dass zu den verschiedenen Zeiten und vor allem in verschiedenen natürlichen Sprachen (Französisch, Englisch, Deutsch) nicht immer derselbe Ausdruck verwendet worden sei. Dieser Befund ist wenig überraschend, da derselbe Ausdruck (sofern man damit „derselbe Ausdruck in einer Sprache L“ meint), in verschiedenen Sprachen nicht vorkommen und in diesem Sinne gar keine Ausdrucksgleichheit auftreten kann; dies gilt selbst bei (möglicher) Zeichen- oder Lautgleichheit. Honneth schreibt:

„Insofern lässt sich die Genese und Geschichte der zeitgenössischen Idee der Anerkennung nicht anhand des gleichlautenden Ausdrucks zurückverfolgen; man würde zu viele relevante Seitenstränge, zu viele bedeutende Quellen und Anregungen aus dem Blick verlieren, hielte man sich bei der historischen Rekonstruktion nur an den einen Terminus. Um eine Begriffsgeschichte im engen Sinne kann es sich daher bei dem im Folgenden zu unternehmenden Versuch nicht handeln; verlangt ist vielmehr eine Art von Ideengeschichte, in der ein konstitutiver Gedanke in seiner Entwicklung daraufhin verfolgt wird, welche Bedeutungen entweder durch Korrekturen oder Anreicherungen hinzugetreten sind“. (Honneth 2018, S. 15)

Die damit vollzogene Gleichsetzung von Begriff und Wort verschenkt den Unterschied zwischen Begriffs- und Ideengeschichte. Dagegen handeln etwa die in Geschichtliche Grundbegriffe zu findenden begriffsgeschichtlichen Artikel gerade nicht von jeweils „gleichlautenden“ Ausdrücken, sondern eben von Begriffen, deren Besonderheit auch darin besteht, offen gegenüber alternativer Ausdrucks- und Sprachverwendung zu sein (vgl. Koselleck 2004). Honneths Ideengeschichte lässt sich problemlos als Begriffsgeschichte fassen, wenn man zwischen Begriffen und Wörtern unterscheidet.

4 Theorie(n) der Anerkennung

Hat man das Phänomen der eigenen Überlegungen umschrieben und eine Begriffsbestimmung – etwa durch ein Explikationsverfahren – vorgenommen sowie die Erkenntnisinteressen und -ziele offengelegt, kann man sich einer weitergehenden Beschreibung und Erklärung des durch den gebildeten Begriff scharf gestellten Phänomens zuwenden. Ein solches Vorhaben könnte man eine Theorie der Anerkennung nennen, mit Anerkennung als Gegenstand der Theorie. Eine Theorie der Anerkennung untersucht meist primär (1) und auch (2) auf systematische und ausführliche Weise. Entgegen diesem Vorschlag verwendet Zurn (2009) die Rede von einer „Theorie der Anerkennung“ als Sammelbezeichnung für alles, was in einem weiten Sinne als theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema Anerkennung (in beliebigen wissenschaftlichen Disziplinen) verstanden werden kann. Durch diese lose Redeweise wird ein Ausdruck verschenkt, der sinnvollerweise einem spezifischen Vorhaben vorbehalten werden sollte.

Theorien der Anerkennung lassen sich, analog zu Kausalitäts- oder Handlungstheorien, dann über die jeweils verwendeten Mittel zur Erklärung und Beschreibung von Anerkennung voneinander unterscheiden. Methodisch geht die Einlösung der mit unserem Vorschlag für die Rede von einer Theorie der Anerkennung sich ergebende Aufgabenstellung, der Ausarbeitung z. B. normativer Folgen oder weitergehender empirischer Untersuchungen des Anerkennungsphänomens voraus.

Bei Theorien der Anerkennung (in unserem Sinne) kann ‚Anerkennung‘ kein Fachterminus der erklärenden Sprache sein, da Anerkennung bereits das explanandum der Theorie bildet. Zwar muss dieses selbst in seiner Bedeutung bestimmt sein, aber letztere darf dann nicht zu weitergehenden Beschreibungen oder Erklärungen herangezogen werden. Als Resultat einer Theorie der Anerkennung kann der Ausdruck ‚Anerkennung‘ dann als Fachterminus eingeführt werden. Als gute Anfangsmethodik oder Heuristik hat sich das Vorgehen erwiesen, zunächst anhand alltäglicher Sprachverwendungen (z. B. der Rede von Anerkennung und anerkennen oder kleine Erzählungen, die paradigmatische nicht-sprachliche Anerkennungsakte berichten) gewisse Bedeutungsmerkmale herauszuarbeiten, die von einem systematisch ermittelten Begriff der Anerkennung (relativ zu gesetzten Zwecken und Erkenntnisinteressen) eingefangen werden sollen. In dieser Rolle fungieren diese Merkmale dann als Adäquatheitsbedingungen der Explikation (vgl. dazu Siegwart 1997). Die Artikel zur Semantik von Anerkennung in diesem Handbuch können als solche Vorschläge gelesen werden. Wenn sich verschiedene Anerkennungsbegriffe ausfindig machen lassen, muss eine Theorie der Anerkennung sich entweder für einen bestimmten Begriff entscheiden oder aber zusätzlich noch erklären, in welchem Zusammenhang die verschiedenen Anerkennungsbegriffsangebote zueinander stehen; möglicherweise sind sie kompatibel, taugen aber für unterschiedliche Zwecke. Über Theorien der Anerkennung, die den Begriff und das Phänomen der Anerkennung zu ihrem Gegenstand haben, hinaus, lassen sich, ein jeweils bestimmtes Grundverständnis von Anerkennung vorausgesetzt, weitergehende philosophische Fragen formulieren – was uns zur Anerkennungstheorie führt. Die damit skizzierte Konstellation findet sich auch in anderen Bereichen, beispielsweise in dem bereits erwähnten der Kausalität: Neben verschiedenen Kausalitätstheorien gibt es kausale Theorien aller möglicher Phänomene, etwa die kausale Handlungstheorie, die kausale Theorie der Wahrnehmung oder der Bedeutung.

Gibt es mehr als eine Theorie der Anerkennung, muss beachtet werden, ob man bei der Rede von der Theorie der Anerkennung eine Theoriefamilie oder eine bestimmte Theorie der Anerkennung meint. In der Fachliteratur wird sehr häufig das Adjektiv ‚anerkennungstheoretisch‘ verwendet, ohne dass immer klar wäre, ob damit die theoretische Perspektive auf Anerkennung oder die Perspektive einer spezifischen Anerkennungstheorie gemeint ist. Diese Unklarheit muss in jedem Fall innerhalb einer rational geführten Debatte ausgeräumt werden.

5 Anerkennungstheorie(n)

Im Gegensatz zur Theorie der oder von Anerkennung lässt sich Anerkennung auch zu einem zentralen theoretischen Baustein einer Theorie machen. Geschieht dies, wird im Folgenden von einer ‚Anerkennungstheorie‘ gesprochen; die damit vorgenommene Unterscheidung zwischen einer „Theorie der Anerkennung“ und „Anerkennungstheorie“ wird in der Literatur allerdings häufig nicht gemacht (vgl. als ein Beispiel Zurn 2009, etwa S. 7). Hier ist zu beachten, dass der Ausdruck ‚Anerkennung‘, ein Fachterminus, der zu einer bestimmten philosophischen (oder nicht-philosophischen) Fachsprache gehört, explizit normiert werden muss. Grundsätzlich ist erstens festzulegen, ob es sich um eine empirische oder eine philosophische Theorie handelt, und zweitens anzugeben, ob diese rein deskriptiv verfasst ist oder zusätzlich normativ/evaluative Geltungsansprüche erhoben werden sollen. In Kombination ergeben sich damit vier Optionen (siehe Tab. 1), die in den folgenden Abschnitten erläutert werden.
Tab. 1

Optionen

 

deskriptiv

normativ/evaluativ

empirisch

Anerkennung als Theoriebegriff (z. B. Psychologie oder Soziologie)

Politik(en) der Anerkennung (z. B. Ch. Taylor)

nicht-empirisch/philosophisch

Anerkennung als Begriff einer Sozialontologie (z. B. Hegel)

Anerkennung als Prinzip der praktischen Philosophie (z. B. Siep)

Anerkennung als Prinzip der kritischen Theorie (z. B. Schmidt am Busch)

Anerkennung als Prinzip politischer Philosophie (z. B. Kloc-Konkolowicz)

5.1 Anerkennung als Analysebegriff/Fachterminus der Psychologie

Da der Ausdruck ‚Anerkennung‘ rein deskriptiv verwendet werden kann, bietet er sich – bei entsprechender Bedeutungsfestsetzung und Operationalisierung – für empirische Untersuchungen an, die etwa einen Zusammenhang zwischen fehlender Wertschätzung und der Entwicklung der Persönlichkeit erforschen. So sind beispielsweise Zusammenhänge zwischen Arten des Lobens und der Ausprägung von Selbstvertrauen und intrinsischer Motivation bei Kindern erforscht worden (vgl. Aronson et al. 2014, S. 161 f.). Als Vorreiter einer psychologischen Untersuchung bestimmter Anerkennungsverhältnisse kann Frantz Fanon angesehen werden, der sowohl in seinem Schwarze Haut, weiße Masken (1952) als auch in Die Verdammten dieser Erde (1961) die (mutmaßlichen) psychischen Auswirkungen von Sklaverei, Ausbeutung und Kolonisation und die damit einhergehenden Anerkennungsstrukturen beschreibt, jedoch ohne dabei die normativen und evaluativen Gehalte der Rede von Anerkennung explizit abzublenden (siehe auch den Beitrag zu Fanon von Bird-Pollan 2020 in diesem Handbuch). Auch in der Psychoanalyse hat eine Begriffsbildung zur Fassung des Anerkennungsphänomens stattgefunden, in die ebenfalls normativ/evaluative Gehalte eingehen oder jedenfalls nicht explizit abgeblendet werden (vgl. Wildt 2009).

5.2 Anerkennung als Terminus/Phänomen der Sozialontologie

Im Rahmen der sozialontologischen Debatte spielt der Begriff der Anerkennung bisher kaum eine Rolle (vgl. den Beitrag Stahl 2020: Anerkennung und Sozialontologie, Teil 2, in diesem Handbuch). Hier stellt sich die Frage, inwiefern die den Status eines Akteurs konstituierenden Relationen sich als Darstellung einer Anerkennungsrelation oder verschiedener Anerkennungsrelationen interpretieren lassen. Gelingt eine solche Interpretation, dann könnten soziale Phänomene wie z. B. Staaten, Organisationen usw. als konstitutiv abhängig von den verschiedenen Arten des Anerkennens, d. h. Aktualisierungen von Anerkennungsakten aufgefasst werden. Versteht man bereits die ontologische Konstitution von (individuellen) Personen als abhängig von reziproken Anerkennungsleistungen – beispielsweise der wechselseitigen Zuschreibung und Präsupposition von spezifischen kognitiven Leistungen (z. B. Rechtfertigungsfähigkeit), dann handelte es sich bereits bei individuellen Personen um sozial, im Sinne von durch irreduzibel gesellschaftliche Interaktionsregelsysteme konstituierte, Entitäten (vgl. Quante 2018). In diesem Sinne ließen sich etwa die Angebote Fichtes und Hegels rekonstruieren (vgl. Quante und Schweikard 2009).

Führt man die für die Konstitution sozialer Entitäten relevante Anerkennungsrelation in eine Metasprache selbst bereits als normativ-evaluative Größe ein, dann handelt es sich bei der Sozialontologie nicht mehr um eine rein deskriptive philosophische Teildisziplin der theoretischen Philosophie. Erklärt man dann wiederum die Konstitution von Identitäten bestimmter Gruppen oder Individuen im Rahmen einer „Politik der Anerkennung“ mithilfe eines (mutmaßlich) deskriptiven und zudem empirischen Machtbegriffs, entzieht man der normativen sozialontologischen Theoriebildung selbst die Geltungsgrundlage. Dieser Gefahr sind, entgegen dem erhobenen Anspruch, ideologiekritisch einen Schleier zu lüften, möglicherweise die Beiträge von Butler (1987) oder Bedorf (2010) ausgesetzt. Die dabei auftretenden Paradoxien der sozialen Kategorisierung bestimmter Personen(typen) oder von sozialen Gruppen, die gelegentlich in die radikale Forderung münden, generell auf Kategorisierungen zu verzichten, erinnern an die entsprechenden Problemlagen in den Erziehungswissenschaften und der Sozialpädagogik (zu der Debatte um diese Forderung nach genereller Dekategorisierung vgl. Quante und Wiedebusch 2018). Auszuarbeitende sozialontologische Theorien stehen vor mehreren Herausforderungen: Zum einen ist zu fragen, welche Entitäten durch Anerkennungsakte sozial konstituiert werden (können) sollen, mithin, wie basal die Rolle sein soll, die Anerkennung für den Aufbau einer Sozialontologie zukommen soll. Ist der Anerkennungsakt sprachlich verfasst, so setzt dieser z. B. die (soziale) Institution der Sprache bereits voraus, womit zumindest die soziale Entität der Sprache selbst nicht zirkelfrei mithilfe eines Anerkennungsakts konstituiert werden kann. Möglich bliebe freilich eine nicht-sprachliche Konstitution (einiger) sozialer Entitäten durch nicht-sprachliche Anerkennungsakte.

Eine weitere Herausforderung besteht darin, die konzeptionellen (deskriptiven wie normativen Ansprüche) einer solchen Theoriebildung klar zu fassen und von empirischen Aufgabenstellungen abzugrenzen. Mithin ist die inter- und transdisziplinäre Dimension der Theoriebildung zu klären. Ob das Phänomen der Anerkennung in solchen Theorien operativ zum Einsatz gebracht werden sollte oder aber vielmehr zu den zu erklärenden Phänomenen zählt, ist dabei eine weitere offene Frage.

5.3 Anerkennung als Prinzip einer Praktischen Philosophie

Eine Anerkennungstheorie muss nicht zwingend eine Theorie der Anerkennung enthalten und kann mitunter sogar weitestgehend ohne den Fachterminus ‚Anerkennung‘ auskommen. In diesem Sinne etwa kann man Hegels Grundlinien der Philosophie des Rechts mit guten Gründen eine Anerkennungstheorie nennen, auch wenn Anerkennungsvokabular eher selten vorkommt.

Die Anerkennung zum Prinzip erhoben haben einerseits Siep, der „Anerkennung als Prinzip der Praktischen Philosophie“, andererseits Schmidt am Busch (2011), der „Anerkennung“ als Prinzip der Kritischen Theorie“ vorgeschlagen hat; unlängst ist ihnen Kloc-Konkolowicz für die politische Philosophie darin gefolgt. Was bedeutet es aber, Anerkennung zu einem Prinzip zu erheben? Die Rede von einem Prinzip wird bei Siep rückgebunden an die damalige (sein Buch erschien erstmals 1979) Praktische Philosophie, die einerseits „formale Verfahren“ (Siep 2014, S. 68) wie etwa „Diskurs, Beratung, Vertrag, Entscheidungsverfahren“ (Siep 2014, S. 69) als Prinzip verstand in dem Sinne, dass damit „konkrete Normen, Werte, Institutionen etc. der Prüfung unterzogen oder mittels derer sie sogar abgeleitet werden sollen“ (Siep 2014, S. 69). Andererseits wurden Prinzipien als „Idealisierungen oder Formalisierungen eines Typs von sozialem Handeln“ (Siep 2014, S. 69) verstanden. Anerkennung wird von Siep nun insofern als Prinzip aufgefasst, als vermittelst eines bestimmten Anerkennungsverständnisses sowohl Normen begründet als auch soziale Institutionen beschrieben und erklärt werden können sollen; so die auf Hegels Jenaer Philosophie sich stützende Grundthese des Buches (vgl. Siep 2014, S. 69).

Bei Schmidt am Busch trägt das Wort ‚Anerkennung‘ insbesondere die Bedeutung der Wertschätzung. Als solche ist sie Prinzip der Kritischen Theorie in dem Sinne, dass vermittelst des Anerkennungsbegriffs marktförmig organisierte soziale Beziehungen beschrieben und kritisiert werden können sollen. Die Rede von einem Prinzip scheint hier ähnlich wie bei Siep zum einen die Funktion zu übernehmen, dass sowohl Beschreibung als auch Kritik des Beschriebenen möglich sein soll. Zum anderen bringt sie zum Ausdruck, dass Anerkennung als Wertschätzung ein grundlegender Bestandteil sozialer Verhältnisse ist, mittels dessen sehr viele normativ relevante Phänomene beschrieben und erklärt werden können. Beide Ansätze sind in ihrer bisher vorliegenden Form allerdings semantisch nicht soweit konkretisiert worden, dass ihre theoretischen Erklärungsansprüche bereits erlauben würden, den Theorien empirische Geltungsansprüche zuzusprechen. Bei Schmidt am Busch (2011, S. 272 f.) wird diese Anschlussfähigkeit und Grenzziehung aber explizit als relevanter Gesichtspunkt genannt.

Die Geltungsansprüche von Kloc-Konkolowicz bleiben hingegen ganz im normativen Rahmen. Es geht ihm darum, mittels einer kritischen Rekonstruktion der Vorschläge Kants, Fichtes und Hegels normative Grundprinzipien zur (politischen) Unterscheidung zwischen gerechtfertigten und ungerechtfertigten Anerkennungsansprüchen von (z. B.) politischen Minderheiten auf spezifische staatliche Schutz- oder Förderleistungen bereitzustellen. Zu diesem Zweck entwickelt er (in Grundzügen) eine Theorie der Anerkennung und daraufhin eine normative Anerkennungstheorie für die politische Philosophie, die zu zwei Grundprinzipien führt, die aber keine Ableitung, sondern kontextuell Orientierung für die Anspruchsprüfung auf Anerkennung bieten sollen (vgl. Kloc-Konkolowicz 2015, S. 164–179).

5.4 Anerkennung als Kategorie?

Die in der Literatur ebenfalls zu findende Redeweise von Anerkennung als „Kategorie“ (vgl. etwa Fraser und Honneth 2003, S. 7) ist problematisch, wenn unklar bleibt, was genau eine „Kategorie“ auszeichnet. Wenn dies nur emphatisch ausdrücken soll, es handele sich um einen sehr wichtigen Begriff, dann sollte vielleicht besser weiterhin von einem Begriff gesprochen werden. Wenn mehr damit gemeint ist, wäre als nächstes zu klären, was genau eine Kategorie ist (vgl. dazu Wille 2012, S. 202–250). Den Ausdruck ‚Kategorie‘ kennt man natürlich aus der philosophischen Tradition, er findet sich etwa bei Aristoteles, Kant oder Nicolai Hartmann. Wille (2012, S. 206) zufolge ist der Ausdruck ‚Kategorie‘ im Rahmen der Erkenntnistheorie vorgesehen für „genau jene apriorischen irreduziblen Begriffe, die notwendigerweise durch Einzeldinge instanziiert sein müssen, damit Erfahrung möglich ist, und die in ihrem empirischen Gebrauch einen sortalen Charakter aufweisen“. Ob sich Anerkennung nach diesen Maßstäben als Kategorie ausweisen lässt bedürfte jedenfalls eingehenderer Analysen und Abtragungen der damit einhergehenden Beweislasten. Mit diesem Befund soll nicht die Möglichkeit ausgeschlossen werden, den Begriff der Anerkennung als Analyseinstrument für eine Praktische Philosophie zum (heuristischen) Leitbegriff zu machen. Selbstverständlich kann man auch den Ausdruck „Kategorie“ zu anderen Zwecken explizit regulieren, sollte dies dann aber zum Nutzen einer rationalen Debatte auch offenlegen. So neu normiert ist der Anerkennungsbegriff dann allerdings keine Bedingung der Möglichkeit etwa von Selbstbewusstsein. Das Phänomen der Anerkennung selbst mag durchaus konstitutive Arbeit für die Instanziierung von Selbstbewusstsein leisten, wofür z. B. Fichte (1796) transzendentalphilosophisch argumentiert hat (vgl. zu Fichte Ikäheimo 2014, S. 29–62; sowie die Studie von Wildt 1982). Gleiches gilt jedoch ggf. nicht für das Verfügen über entsprechendes Vokabular.

5.5 Anerkennung als Konzept oder Konzeption?

Seit John Rawls Buch A Theory of Justice ist die Unterscheidung zwischen Konzept und Konzeption fester Bestandteil philosophischer Terminologie. Zugleich ist nicht unbedingt klar, was mit dieser Unterscheidung selbst gemeint ist. Die Idee ist grob gesagt, dass verschiedene Personen, die über dasselbe Konzept verfügen, sich zum Beispiel einig sind, „Gerechtigkeit“ sei ein wichtiges Merkmal einer guten Gesellschaft, zugleich aber verschiedene Konzeptionen oder Vorstellungen von der inhaltlichen Ausfüllung (also weiteren intensionalen Merkmalen) dieses Begriffs haben. Dann ist das Konzept über einige inhaltliche Merkmale bestimmt, über die Konsens herrscht (beispielsweise im Fall der Gerechtigkeit, dass es (auch) um die Verteilung von knappen Gütern geht). Reichert man jedoch diese Merkmale weiter an, indem man Angaben dazu macht, worin eine gerechte Verteilung besteht, treten Differenzen auf, die dann zu verschiedenen Konzeptionen führen.

Anerkennung sollte als Konzept verstanden werden und nicht als Konzeption, denn Konzeptionen oder Vorstellungen von Anerkennung kommen dann ins Spiel, wenn es um eine inhaltliche Ausgestaltung dessen geht, worin im Einzelnen Anerkennung besteht. Hier können mögliche Dissense zwischen verschiedenen Theorien der Anerkennung diskutiert werden, mithin eine Debatte über die Leistungen und Geltungsansprüche verschiedener Anerkennungskonzeptionen auf der Basis eines geteilten Konzepts, d. h. eines minimalen Begriffs der „Anerkennung“ geführt werden. Für jede solche Debatte ist, wenn sie rational geführt werden soll, die Voraussetzung eines geteilten Konzepts unerlässlich. Liegt kein solcher minimaler Konsens vor, verschiebt sich die Debatte darauf, einen solchen allererst herzustellen und z. B. (erneut) eine Explikationskontroverse zu führen.

5.6 Die Politik der Anerkennung

Spätestens seit einer Publikation Charles Taylors ist immer wieder auch von „Politik der Anerkennung“ die Rede. Was hat es damit auf sich? Taylor bezieht sich mit diesem Ausdruck auf eine Leitidee politischen Handelns bzw. die Ausgestaltung eines politischen Gemeinwesens. Dabei ist „gleichheitliche Anerkennung“ das grundlegende Prinzip, wobei Taylor zwei Richtungen ausweist – seine Rede von „gleichheitlich“ weist damit eine Ambiguität auf. Der einen Richtung zufolge geht es um eine

„Politik des Universalismus […], die betont, daß Würde etwas ist, das allen Bürgern in gleichem Maße zukommt, und die ihrem Inhalt nach auf die Angleichung und den Ausgleich von Rechten und Ansprüchen zielt“. (Taylor 2009, S. 24)

Diese Lesart folgt dem neuzeitlichen Moralverständnis der Würde eines jeden Menschen und fokussiert auf dessen grundsätzliche Gleichheit. Zugleich weist Taylor jedoch dem neuzeitlichen und modernen Moraldenken eine Verstärkung der Individualität, die er Authentizität nennt, nach, die zu einem zweiten Verständnis „gleichheitlicher Anerkennung“ führt. Diese „Politik der Differenz“ (Taylor 2009, S. 25) verlangt im Gegensatz zur ersten „die unverwechselbare Identität eines Individuums oder einer Gruppe anzuerkennen, ihre Besonderheit gegenüber allen anderen“ (Taylor 2009, S. 25). Der Konflikt zwischen den beiden Ansichten drückt sich in dem Vorwurf insbesondere der differenzorientierten Position gegenüber dem Liberalismus aus, er würde unter dem Deckmantel der Gleichheit und des Universalismus allen Menschen die inhaltlichen Vorstellungen einer partikularen Gruppe von Menschen und damit eine spezifische kulturelle Identität aufzwingen. Hier sind zwei Dinge anzumerken:

Erstens bezieht sich die Rede von „Politik“ auf die Tatsache, dass die genannten Ideen politisches Handeln antreiben und in öffentlichen Debatten diskutiert werden. In diesem Fall geht es also nicht um eine wissenschaftliche Thematisierung von Anerkennung oder eine Anerkennungstheorie, die zu Zwecken der praktischen Philosophie den Begriff der Anerkennung bemüht. Stattdessen stehen sich zwei Ansichten politischer Werte (Gleichheit/Differenz), die öffentlich, politisch und rechtlich eine Anerkennung dieser Werte einfordern, gegenüber. „Anerkennung“ meint dann nichts weiter als „rechtlich Geltung verschaffen“, „berücksichtigt werden“, „respektiert werden“, „nicht verletzt werden“. Taylors Ansatz ließe sich daher ohne Bedeutungsverlust auch als „Politik der Gleichheit“ oder „Politik der Differenz“ bezeichnen.

Zweitens handelt es sich bei Taylors Text selbst um eine philosophische Thematisierung der soeben beschriebenen Konstellation. In diesem Fall geht es um eine Praktische Philosophie, die „Anerkennung“ zu einem ihrer Prinzipien oder dem Prinzip schlechthin macht. Diese besteht wesentlich in einer kritischen Diskussion dessen, was genau Gegenstand der Anerkennung sein muss, wenn man darauf aufbauend eine Politische Philosophie entwickeln will. Dabei ist der Begriff der „Anerkennung“, der ihm als Prinzip dient, inhaltlich nur minimal bestimmt. Es geht auch in dieser Diskussion wieder darum, dem, was da anerkannt werden soll, politisch-rechtlich Geltung zu verschaffen, indem etwa bestimmte Personengruppen die gleichen Rechte erhalten, wie andere Personengruppen usw. (vgl. zur Politik der Anerkennung: Ikäheimo 2014, S. 101–134). Hier lauern bei unvorsichtiger Zwecksetzung und ungenauer Begriffsexplikation ähnliche Gefahren, wie die oben im Rahmen der sozialontologischen Theoriebildung bereits benannten.

6 Das Verhältnis zwischen (1)–(4) und Geltungsansprüche

Nachdem vier Weisen, in denen Anerkennung eine Rolle spielen kann, untersucht wurden, kann nun deren Verhältnis zueinander in den Blick genommen werden. Um das Phänomen der Anerkennung (1.) zu fassen, muss der Begriff der Anerkennung geschärft werden (2.). Dies setzt einen vortheoretischen Zugang zu dem Phänomen voraus, der über umgangssprachliche Rede sowie (nichtsprachliche und sprachliche) Praxen möglich ist. Auf Grundlage des begrifflich scharf gestellten Phänomens lässt sich dann eine Theorie der Anerkennung entwickeln (3.). Diese muss das Phänomen und angrenzende Begrifflichkeiten weiter explizieren, systematisieren und erklären. Eine Anerkennungstheorie wäre dann eine philosophische Erklärung bestimmter Phänomene mittels des Begriffs und des Phänomens der Anerkennung (4.). Während eine Theorie der Anerkennung diese selbst zum Gegenstand hat, verwendet eine Anerkennungstheorie das Phänomen der Anerkennung und einen eingeführten Anerkennungsbegriff, um andere Phänomene zu beschreiben, zu erklären oder auch zu begründen. Anhand der verschiedenen Ziele (Beschreibung, Erklärung, Begründung), die einerseits teils empirisch, teils nicht-empirisch gefasst werden können, und die andererseits teils deskriptiv und teils normativ zu verstehen sind, kann man verschiedene Theorietypen von Anerkennungstheorien systematisch unterscheiden. Diese Theorietypen lassen sich dann relativ zu weiteren Kriterien (z. B. geteilten inhaltlichen Grundüberzeugungen, wie derjenigen, ‚Anerkennung‘ als Prinzip für die Begründung normativer Ansprüche zu gebrauchen) zu Theoriefamilien zusammenfassen. Projekte können mehrere Ziele mit je unterschiedlichen Geltungsansprüchen verfolgen (und tun dies faktisch häufig auch). Zur Rekonstruktion und zur Prüfung der Geltungsansprüche dieser Theorien sind die entsprechenden Ziele aber auseinanderzuhalten. Solche Rekonstruktionen aufzubereiten stellt ein Desiderat der Forschung dar, da bei den meisten Theorievorschlägen nicht explizit (genug) gemacht wird, welche Ansprüche erhoben werden und welche nicht. So ist in vielen Beiträgen nicht immer leicht zu erkennen, an welcher Stelle empirische Annahmen zur Stützung herangezogen werden, an welcher Stelle empirische Theoriebildung betrieben wird und an welchen Stellen auf empirische Theorien für philosophische Begründungs- oder Rechtfertigungszwecke zurückgegriffen wird. Dies ist misslich, denn mit jeder dieser Beziehungen zur Empirie gehen unterschiedliche Geltungsansprüche sowie entsprechende Begründungslasten und -verfahren einher. So ist beispielsweise nicht klar, welche Geltungsansprüche mit der schon von Karl Marx folgenreich vollzogenen „materialistischen Wendung“ der Hegelschen Dialektik einhergehen (vgl. dazu Quante 2016). Gleiches gilt für die aktuelle Umdeutung von Hegels Sozialphilosophie im Sinne der Meadschen Sozialpsychologie oder die Integration der Studien Donald Winnicotts in eine philosophische Theoriebildung (so Honneth 1992, Kap. 4). Programmatische Aussagen zu einer nachmetaphysisch-philosophischen Arbeit, mit der wohl neben der Ablehnung von Letztbegründungsansprüchen auch die Integration der Ergebnisse und Methoden empirischer Einzelwissenschaften gemeint ist, sind zumeist nicht hinreichend operationalisiert, um diese Theorieangebote der Philosophie einer empirischen Prüfung aussetzen zu können. Versteht man derlei Aussagen zudem als Beschränkung auf Fragen nach der empirischen Genese von Phänomenen (oder gar Begriffen), dann lässt sich auf diesem Wege kein normativer Anspruch mehr aufrechterhalten. Damit löst sich die Geltungsbasis philosophischer Theoriebildung auf, sofern und solange Philosophie mehr (oder anderes) sein soll als eine empirische Einzelwissenschaft (vgl. dazu Quante und Rojek 2019). Letztlich liegen an dieser Stelle ungeklärte und der Aufklärung bedürftige Vorstellungen bezüglich der trans- oder interdisziplinären Rolle der Philosophie im Zusammenspiel mit den (empirischen und nicht-empirischen) Einzelwissenschaften zugrunde (vgl. dazu Gethmann et al. 2015). All dies verweist auf das Desiderat einer inter- und transdisziplinären Klärung der Frage, ob und inwieweit das Phänomen der Anerkennung im Zusammenspiel verschiedener Einzelwissenschaften mit der Philosophie zu bearbeiten ist. Über die Bestandsaufnahme hinaus formuliert unser Beitrag damit eine Aufgabenstellung für die Zukunft: Die spezifischen Geltungsansprüche und deren Einlösung, die mit den verschiedenen Anerkennungstheorietypen einhergehen, müssen klar(er) differenziert und die dafür nötigen Mittelbestände (z. B. im Falle empirischer Forschung) methodisch kontrolliert eingesetzt werden. Nur so besteht die Chance, dass Anerkennungstheorien die von ihnen gesetzten Zwecke rational erfüllen können.

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Authors and Affiliations

  1. 1.Institut für PhilosophieHumboldt-Universität zu BerlinBerlinDeutschland
  2. 2.Philosophisches SeminarWestfälische Wilhelms-Universität MünsterMünsterDeutschland
  3. 3.Westfälische Wilhelms-Universität MünsterMünsterDeutschland

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