Advertisement

Aufstellungsarbeit zur Therapie der metakognitiven Störung von Abhängigkeitskranken

  • Reinhard T. KrügerEmail author
Living reference work entry

Zusammenfassung

Abhängigkeitskranke leiden an einer Ich-Konfusion. Sie wechseln, ohne es zu merken, zwischen einem süchtigen und einem gesund erwachsenen Denken hin und her. Störungsspezifische Aufstellungsarbeit kann den Betroffenen helfen, ihre Ich-Konfusion als solche zu erfassen, den Als-ob-Modus in ihr süchtiges Denken zu integrieren und so ihre Ich-Konfusion aufzulösen. TherapeutInnen können sich in der Beziehung zu Abhängigkeitskranken orientieren und aus einer Gegenübertragung befreien, indem sie mithilfe der Aufstellungsarbeit ihre drei aufgabenbezogenen Ich-Zustände aus ihrer Blockade befreien. Das sind die Ich-Zustände der „Therapeutin als begegnender Mensch“, die „kompetente fachkundige Therapeutin“ und die „grandiose Therapeutin“. Der Autor schildert den psychodramatischen Umgang mit den Ich-Zuständen der Patientin oder des Patienten und den Ich-Zuständen der Therapeutin in Theorie und Praxis.

Schlüsselwörter

Psychodrama Aufstellung Ich-Zustände Gegenübertragung Metakognition Mentalisieren Abhängigkeit Alkoholkrankheit Sexsucht Ich-Spaltung 

1 Probleme in der Behandlung von Abhängigkeitskranken

Viele Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten vermeiden, abhängigkeitskranke PatientInnen in Behandlung zu nehmen. Sie schicken sie weiter zu Selbsthilfegruppen oder verweisen sie an Spezialeinrichtungen. Als Gründe werden genannt: „Ich habe keinen Erfolg mit denen!“, „Ich kann ihnen nicht vertrauen.“, „Ich kann mit dem Alkohol nicht konkurrieren.“, „Die Drogenabhängigen haben mich so oft in die Irre geführt. Ich habe die gehasst!“

Was macht die Psychotherapie von Abhängigkeitskranken so schwer? PatientInnen mit Abhängigkeitserkrankungen ziehen ihre TherapeutInnen oder BeraterInnen schnell in ihre metakognitive Fehlregulation mit hinein. Sie tun trotz offensichtlichem Leiden so, als ob nichts wäre, verharmlosen ihren Suchtmittelkonsum und „lügen“. Sie sind im Vergleich mit anderen PatientInnen weniger verlässlich in der Einhaltung von Verabredungen. Die Fortschritte in der Therapie gehen oft durch Rückfälle in den Suchtmittelmissbrauch wieder verloren. TherapeutInnen mit einem naiven Suchtverständnis lassen sich zunächst von dem Leiden der PatientInnen berühren, sie reagieren auf das selbstdestruktive Handeln der PatientInnen dann aber mit Gefühlen von Enttäuschung und Ohnmacht und beschließen: „Bei Abhängigkeitskranken scheitere ich mit meinen therapeutischen Möglichkeiten. Deshalb nehme ich sie nicht mehr in Therapie!“

Eine andere Möglichkeit ist aber, als Therapeutin die eigenen Gefühle von Ohnmacht und Enttäuschung für die Therapie oder Beratung fruchtbar zu machen. Dazu ist es erforderlich, dass die Therapeutin ihren Gefühlen innerlich Berechtigung gibt und sie als angemessene Reaktion auf das dysfunktionale Handeln des Patienten betrachtet. Die Therapeutin muss ihr eigenes Scheitern in der Suchttherapie annehmen, um Suchttherapie machen zu können (siehe Abschn. 3).

2 Die Entwicklung einer Abhängigkeitserkrankung und ihre psychodynamischen Folgen

Normalerweise denken Menschen nur über die Inhalte ihrer Erfahrungen nach, aber nicht über die inneren metakognitiven Prozesse, die die Inhalte ihres Denkens hervorbringen. Die zentrale Störung von abhängigkeitskranken Patienten ist aber eine metakognitive Störung (Krüger 2015, S. 462 ff.). Wenn die Therapeutin „nur“ empathisch auf die von dem Patienten selbst spontan vorgebrachten Klagen und Gesprächsinhalte eingeht, kann sie nicht störungsspezifisch beraten und behandeln. Rein empathisches Vorgehen hilft den PatientInnen zwar, Krisen zu meistern. Es ändert aber nichts an der zentralen Störung der PatientInnen. Denn die Konflikte der PatientInnen mit Angehörigen und am Arbeitsplatz und ihre seelischen und körperlichen Symptome sind zwar Folgen der Abhängigkeitserkrankung. Sie sind aber nicht das zentrale Problem. Das zentrale Problem von Abhängigkeitskranken ist ihre Sucht.

Die WHO hat 1957 Sucht gut verständlich und handlungsnah definiert: Bei einer Abhängigkeitserkrankung besteht trotz eines durch den Suchtmittelgebrauch schon eingetretenen Schadens 1. ein unbezwingbares Verlangen zur Beschaffung und zur Einnahme des Suchtmittels, 2. eine Tendenz zur Dosissteigerung und 3. die physische und meist auch psychische Abhängigkeit von der Wirkung der Droge. Wenn der oder die Betroffene trotz schädlicher Folgen weiter Alkohol oder Drogen konsumiert, geht der „nur“ schädliche Gebrauch eines Suchtmittels in das Stadium der Abhängigkeit über. Denn um nicht aufzufallen, müssen die Betroffenen ihren Alkoholkonsum vor anderen und vor sich selbst verheimlichen und verharmlosen. Durch Scham und Schuldgefühle entsteht in den metakognitiven Prozessen ihrer Konfliktverarbeitung eine Ich-Spaltung (Krüger 2004, S. 170 ff.): Abhängigkeitskranke wechseln, ohne das bewusst zu merken, zeitversetzt zwischen zwei konträren Ich-Zuständen hin und her, zwischen einer gesund erwachsenen Konfliktverarbeitung und einer süchtigen Konfliktverarbeitung (siehe Abb. 1). Sie leben innerlich zeitversetzt gleichsam in zwei konträren Welten. Für die Betroffenen ist es so, „als ob es da behelfsmäßig wechselnde Personen gäbe, deren Identitäten mit einer leichten Veränderung des Bewusstseins übernommen werden können“ (Shengold 1989, S. 146). Ein Betroffener beschrieb das einmal mit den Worten: „Einen Tag denke ich ‚Ich bin Alkoholiker, deshalb trinke ich nicht.‘ Am nächsten Tag denke ich ‚Ich bin Alkoholiker. Deshalb trinke ich. Denn 90 Prozent der Alkoholiker trinken. Also ist das Trinken doch normal!‘ Und dann bin ich losgegangen, um zu trinken!“ Bei chronischer Abhängigkeit (siehe Abb. 1) wird die Ich-Spaltung zu einer Ich-Konfusion zwischen dem gesunden Erwachsenendenken und dem süchtigen Denken.
Abb. 1

Die Entwicklung und die Behandlung der Ich-Spaltung bei Suchtkranken (Krüger 2015, S. 463)

Abhängigkeitskranke PatientInnen haben gleichsam „zwei Seelen in ihrer Brust“ (Krüger 2004). Sie betäuben ihre Scham- und Schuldgefühle durch Steigerung des Suchtmittelgebrauchs. Im Ich-Zustand des gesunden Erwachsenendenkens spüren sie wegen ihres Suchtmittelkonsums Schuldgefühle und Scham. Sie versuchen, ihren Suchtmittelkonsum zu reduzieren oder das Suchtmittel ganz wegzulassen. Wenn Abhängigkeitskranke aber gerade süchtig denken und fühlen, mentalisieren sie im Äquivalenzmodus. Sie setzen durch Autosuggestion ihr gesundes Erwachsenendenken außer Kraft. Sie verwechseln, wie Fonagy et al. (2004, S. 96 ff.) sagen, „innere Zustände (wie Gedanken, Fantasien und Gefühle) mit der äußeren Realität und empfinden diese als Realität – statt als bloße innere Repräsentationen der Realität“. Sie projizieren also innere Annahmen auf die äußere Wirklichkeit und nehmen den Unterschied zwischen der äußeren Wirklichkeit und ihren inneren Interpretationen dieser Wirklichkeit nicht mehr wahr. Wenn der Patient Schuldgefühle hat, meint er, seine Frau mache ihm Vorwürfe. Wenn er Wut fühlt, provoziert er seine Ehefrau, bis diese ihn kritisiert oder ihn sogar anschreit. Der Ärger seiner Frau ist für ihn dann ein Grund, zu seinen „Freunden“ in die Kneipe zu gehen und wieder zu trinken. Der Patient nimmt die äußere Realität also so wahr, wie sein innerer süchtiger Ich-Zustand es vorgibt, und interagiert in der Realität des Alltags entsprechend. Sein immer wieder einspringender Ich-Zustand des süchtigen Denkens und Handelns führt in seiner inneren kognitiven Konfliktverarbeitung zu immer den gleichen dysfunktionalen „süchtigen“ Konfliktlösungen. Alkoholkranke trinken nicht, weil sie Probleme haben. Sie haben Probleme, weil sie trinken.

Fallbeispiel 1 (Krüger 2015, S. 443, verändert): Ein neuer Gruppenteilnehmer, Herr C., erzählte in der Suchtkrankengruppe von seinen Eheproblemen und fragte am Ende: „Ich trinke wegen der Probleme in meiner Ehe. Was kann ich dagegen tun?“ Eine erfahrene Gruppenteilnehmerin antwortete spontan: „Lösen Sie doch Ihre Eheprobleme, dann brauchen Sie nicht mehr zu trinken!“ Der einfühlsame Therapeut hatte sich empathisch mit dem Patienten identifiziert und in der Gruppe eigentlich weiter über dessen Eheprobleme reden wollen. Er erschrak über die konfrontative Antwort. Langsam wurde ihm aber klar: „Genau das ist es. Solange der Patient trinkt, wird er seine Eheprobleme nicht angehen und lösen können. Vielleicht braucht er die Eheprobleme sogar, um vor sich selbst zu rechtfertigen, dass er trinkt.“

3 Die Auflösung der Ich-Konfusion von Abhängigkeitskranken durch Aufstellungsarbeit und die psychodramatische Arbeit mit ihren Ich-Zuständen

In der Therapie von Abhängigkeitskranken wird die Therapeutin oder der Therapeut, wenn sie oder er die PatientInnen „nur“ empathisch begleitet, selbst in deren Abwehr durch Spaltung mit hineingezogen. Ohne es zu merken, agiert die Therapeutin dann ko-abhängig: Sie verleugnet vor sich selbst ihre unguten Gefühle und verharmlost mit dem Patienten zusammen seine wahre Not. Sie freut sich zum Beispiel mit ihm, wenn er es schafft, weniger Suchtmittel zu sich zu nehmen. Je mehr die Therapeutin aber in ihren Hoffnungen von der Patientin oder dem Patienten enttäuscht wird, desto mehr gerät sie in eine Gegenübertragung: Sie lässt sich von dem Patienten narzisstisch ausbeuten und reagiert mit Erschöpfung. Oder sie denkt einseitig nur noch gesund erwachsen und konfrontiert den Patienten mit seinen Schwächen. Der Patient fühlt sich dadurch entwertet und entwickelt seinerseits eine negative Übertragung auf die Therapeutin. Die therapeutische Beziehung ist blockiert. Der eigentlich intrapsychische Konflikt des Patienten wird auf der Ebene der therapeutischen Beziehung interpersonell ausgetragen als gemeinsamer Widerstand gegen den Fortschritt in der Therapie.

TherapeutInnen, die Abhängigkeitskranke störungsspezifisch behandeln oder beraten wollen, sollten ihren PatientInnen stattdessen helfen, ihre metakognitive Störung aufzulösen, ihre Ich-Konfusion. Die Auflösung der Ich-Konfusion gelingt durch die folgenden 10 Schritte:
  1. 1.

    Die Therapeutin führt mit dem Patienten ein psychodramatisches Gespräch (Krüger 2015, S. 21 ff.). Dabei stehen im Therapiezimmer zwei zusätzliche Stühle für die Konflikte des Patienten in seinem Alltag, für seine „Symptomszene“: Ein Stuhl steht neben dem Patienten für seine Selbstrepräsentanz in seinem Alltagskonflikt und ein anderer diesem gegenüber für seine Objektrepräsentanz. Immer wenn der Patient über sich selbst spricht, weist die Therapeutin mit der Hand auf den Stuhl seiner Selbstrepräsentanz. Wenn er aber über einen Konfliktgegner spricht, zeigt sie auf den Stuhl seiner inneren Objektrepräsentanz. Die Arbeit mit der „Symptomszene“ hilft dem Patienten, seine Alltagskonflikte Schulter an Schulter mit der Therapeutin durchzudenken und Lücken in der Verarbeitung seiner Konflikte zu schließen.

     
  2. 2.

    Störungsspezifische Aufstellungsarbeit: Solange die Therapeutin nur empathisch den Inhalten des Denkens des Patienten folgt, ist Suchttherapie Vielfalt und Chaos. Dieses Chaos entsteht durch den immer wieder neuen unbemerkten Wechsel des Patienten zwischen den beiden gegensätzlichen Logiken seines Denkens, zwischen seinem gesunden Erwachsenendenken und dem süchtigen Denken. Die Therapeutin stellt nun aber einen zweiten Stuhl neben ihn und benennt diesen: „Dieser Stuhl steht für Ihr Alkoholproblem. Ich meine, in Ihnen gibt es neben Ihrem gesunden Erwachsenendenken ein süchtiges Denken! Einmal denken Sie gesund erwachsen und ein anderes Mal denken Sie süchtig und handeln dann auch entsprechend.“

     
Die Aufstellung des zweiten äußerlich sichtbaren Stuhls für das „süchtige Ich“ neben dem Patienten löst die Gegenübertragungsreaktion der Therapeutin auf. Denn die Therapeutin sieht den Patienten vor sich ganz konkret äußerlich nicht nur als „Süchtigen“, sondern auch als „gesund erwachsen denkenden Menschen“. Auch der Patient selbst nimmt sein inneres süchtiges Denken äußerlich als Stuhl auf der Objektebene wahr. Durch die Externalisierung seines „süchtigen Ichs“ übernimmt er innerlich automatisch die komplementäre Gegenrolle, die er vorher auf die Therapeutin delegiert hatte, und denkt gesund erwachsenen. Er erlebt den vorher interpersonell ausagierten Konflikt neu als einen intrapsychischen Konflikt. Die Therapeutin verlässt bei dieser Aufstellung die Gesicht-zu-Gesicht-Position und blickt zusammen mit dem Patienten Schulter an Schulter auf sein „süchtiges Ich“, das außen als Stuhl repräsentiert ist. Sie wird zur Doppelgängerin bei dem nachträglichen Mentalisieren und Ausdifferenzieren seiner Suchterinnerungen. Versuchen Sie als Leserin oder Leser einmal, einen Ihrer Abhängigkeitskranken auf sein Suchtproblem anzusprechen, ohne sein Suchtproblem dabei mit einem zweiten Stuhl zu symbolisieren. Bei einem anderen süchtigen Patienten repräsentieren Sie aber bitte während des Gesprächs sein Suchtproblem mit einem zweiten Stuhl neben ihm. Sie werden merken: Ohne den zweiten Stuhl für das Suchtproblem oder das „süchtige Ich“ verschließt sich der abhängigkeitskranke Patient schnell und wehrt stärker ab.
  1. 3.

    Die Zuordnung der Symptome: Die Therapeutin legt für jedes der von dem Patienten genannten Symptome oder Probleme auf den Stuhl seiner Selbstrepräsentanz in der Symptomszene einen bunten Bauklotz. Anschließend einigt sie sich mit ihm, welche seiner Probleme ursächlich mit seiner Abhängigkeitserkrankung zu tun haben. Gegebenenfalls legt sie den betreffenden Bauklotz von dem Stuhl der Selbstrepräsentanz in der Symptomszene auf den Stuhl für sein „süchtiges Ich“.

     
  2. 4.

    Den Wechsel von einem Ich-Zustand in den anderen als solchen kennzeichnen: Die Therapeutin hilft dem Patienten, auch innerlich sein süchtiges Denken und Fühlen von seinem gesunden Erwachsenendenken zu trennen: Sie zeigt äußerlich mit der Hand auf den zweiten Stuhl seines „süchtigen Ichs“, wenn der Patient aktuell süchtig denkt oder wenn er von Suchterfahrungen erzählt und dabei zum Beispiel von seinem Verharmlosen und „Lügen“ berichtet: „Diese Ihre Erfahrung würde ich ihrem Alkoholproblem zuordnen!“ Die Therapeutin zeigt aber äußerlich mit der Hand auf den Stuhl für sein gesundes Erwachsenendenken, wenn der Patient in seiner Erinnerung innerlich Distanz zu seinem süchtigen Denken gewonnen hatte oder in der Gegenwart gewinnt: „Wenn Sie Trinkpausen gemacht haben, haben Sie Ihre Art zu trinken offensichtlich als problematisch erkannt. Sie haben sich geschämt, weil Sie anders getrunken haben als andere. Und Sie haben gemerkt: Wenn Sie erst einmal ein Bier getrunken hatten, konnten Sie nicht mehr aufhören. Deshalb haben Sie in den Trinkpausen dann vernünftigerweise gar nichts getrunken.“ Bei dauerhaftem süchtigem Denken des Patienten in der Gegenwart kann die Therapeutin den Patienten in der Therapiestunde bitten, real äußerlich auf den Stuhl seines süchtigen Denkens zu wechseln: „Ich habe den Eindruck, Sie denken auch jetzt hier gerade süchtig. Setzen Sie sich deshalb bitte auf den Stuhl für Ihr süchtiges Ich.“

     
  3. 5.

    Die Therapeutin arbeitet als Doppelgängerin des Patienten immer wieder die Logik seines süchtigen Denkens heraus:

     

Fallbeispiel 2: Herr A. hatte sich entschieden, alkoholkrank zu sein, und nahm seit einem Jahr an einer Suchtkrankengruppe teil. In einer schweren Arbeitsplatzkrise meinte er aber am Anfang des therapeutischen Gesprächs: „Ich glaube, ich bin doch nicht alkoholkrank. Ich werde wohl wieder trinken.“ Der Therapeut war enttäuscht und traurig. Statt aber diese Enttäuschung auszuagieren, stand er auf und ergriff den Stuhl für das „süchtige Ich“ des Patienten: „Gut, wenn Sie nicht süchtig sind, dann entferne ich den Stuhl für Ihr süchtiges Ich und stelle ihn hier hinter die Gardine. Dann sehen wir ihn nicht. Wir beide können ja zusammen so tun, als ob Sie nicht alkoholkrank wären! Also: Worüber wollen wir reden?“ Der Therapeut stellte sich durch dieses Vorgehen dem Abwehrprozess des Patienten, seiner Abwehr durch Verleugnung, nicht entgegen. Stattdessen verwirklichte er die Verleugnung durch die symbolische äußere Handlung des Versteckens des „süchtigen Ichs“ hinter der Gardine im Als-ob-Modus des Spiels. Durch die spielerische äußere Verwirklichung der Verleugnung wurde dem Patienten das Absurde in seinem Denken bewusst. Der Therapeut musste ihn nicht mehr verbal konfrontieren.

Ein solches psychodramatisches Vorgehen hilft dem Patienten, Problembewusstsein auch für sein süchtiges Denken und Fühlen zu entwickeln und nicht nur für sein süchtiges Handeln. Das süchtige Denken und Fühlen ist das allgemeine metakognitive Prinzip hinter seinem selbstverletzenden Handeln. Der Patient soll mit der Zeit lernen, sein süchtiges Denken in seinem Alltag in immer früherer Zeit zu bemerken. Er kann es im Lauf der Zeit schon innerlich im Als-ob-Modus des Denkens vollziehen, ohne gleich auch Suchtmittel zu sich zu nehmen. Dadurch gewinnt er eine Wahlmöglichkeit: Er kann zwar, wenn er süchtig denkt, auch süchtig handeln und Suchtmittel nehmen. Er muss es aber nicht. Er gewinnt Distanz zu seinem süchtigen Denken und Handeln und wird spontan im Sinne von Moreno (1974, S. 13): Er handelt „neu in einer alten Situation“.
  1. 6.

    Die Entscheidung, suchtkrank zu sein: Die Therapeutin fragt die Patientin oder den Patienten, ob sie oder er selbst sich als alkoholkrank versteht oder nicht. Der Patient soll sich klar entscheiden, ja oder nein. Die freie Entscheidung, suchtkrank zu sein, setzt voraus, dass der Patient sein süchtiges Denken, Fühlen und Handeln im Als-ob-Modus denken kann. Wenn der Patient nur deshalb nicht mehr trinkt, weil er Angst vor Strafe hat, bleibt er innerlich in der Ich-Konfusion gefangen. Die freie Entscheidung aber hilft ihm, sein inneres süchtiges Denken vom äußeren süchtigen Handeln abzukoppeln. Es geht in der störungsspezifischen Suchttherapie nicht nur darum, das Suchtmittel wegzulassen, sondern auch darum, die eigene innere Realität der Ich-Spaltung zu erkennen und zu lernen, sich von dem eigenen Ich-Zustand des süchtigen Denkens und Fühlens zu distanzieren. Die Entscheidung, suchtkrank zu sein, ist schwer. Denn sie hat eine existenzielle Dimension (Krüger 2015, S. 484). Der Patient lässt mit dieser Entscheidung einen Teil seiner Identität sterben. Er gibt die lange mit großen Anstrengungen bewahrte Illusion auf, doch noch irgendwann zu lernen, kontrolliert trinken zu können. Er akzeptiert, dass er, solange er sein Suchtmittel konsumiert, die Kontrolle über sich selbst verliert.

    Die Entscheidung kommt einer Kapitulation gleich: „Ich konnte mein Leben nicht mehr meistern. Der Alkohol war stärker als ich!“ Die Entscheidung, abhängigkeitskrank zu sein, ist immer ein Prozess von mehreren Monaten: Wenn der Patient der Therapeutin gegenüber anfangs abstreitet, alkoholkrank zu sein, lernt er in der Therapie, was Sucht ist, und entscheidet sich dann oft erst nach sechs Monaten, suchtkrank zu sein. Andere Patienten bestätigen der Therapeutin gegenüber oberflächlich zwar sofort, dass sie alkoholkrank sind. Sie wissen aber emotional nicht, was diese Zustimmung eigentlich bedeutet. In diesem Fall fragt die Therapeutin den Patienten als Doppelgängerin für sein gesundes Erwachsenendenken nach Kriterien für seine Abhängigkeit: „Wieso glauben Sie denn, suchtkrank zu sein?“ Meistens braucht der Patient dann ebenfalls sechs Monate, um seine eigenen Suchterfahrungen als solche zu erkennen und um zu erfassen, was seine frühere Entscheidung, alkoholkrank zu sein, eigentlich bedeutet. Durch den Prozess der Entscheidung lernt der Patient mit der Zeit, sein süchtiges Denken im Als-ob-Modus, getrennt von der Verwirklichung im Außen, zu denken und in immer früherer Zeit zu merken: „Ich denke wieder süchtig!“ „Ich trinke wieder trocken!“

     
  2. 7.

    Kriterien zur Diagnostik der Abhängigkeit: Die Therapeutin kann bei der Zuordnung der Suchterfahrungen des Patienten zu seinem süchtigen Ich die Liste der 30 Suchtkriterien von Jellinek (1960) benutzen. Sie schreibt sich jedes der Suchtkriterien auf, das bei dem Patienten vorhanden ist, und repräsentiert es jeweils mit einem bunten Bauklotz auf dem Stuhl seines „süchtigen Ichs“.

     
Diagnostisch wichtig sind:
  1. 1.

    Gedächtnislücken nach dem Trinken,

     
  2. 2.

    heimliches Trinken,

     
  3. 3.

    häufiges Denken an Alkohol,

     
  4. 4.

    der Patient trinkt die ersten Gläser hastig,

     
  5. 5.

    er vermeidet in Gesprächen Anspielungen auf Alkohol,

     
  6. 6.

    er nimmt sich vor, weniger oder eine Zeit lang gar nichts zu trinken. Er hält diesen Vorsatz aber nicht ein und verliert so also die Kontrolle über seinen Suchtmittelkonsum. Nach den ersten Gläsern fühlt er ein unwiderstehliches Verlangen, weiterzutrinken.

     
  7. 7.

    Er gebraucht Ausreden, warum er Alkohol trinkt, und verharmlost seinen Konsum. Er „belügt“ andere ganz nach dem Motto: „Wenn die anderen das glauben, dann wird es bei mir ja wohl noch nicht so schlimm sein.“ Er belügt dadurch auch sich selbst.

     
  8. 8.

    Zu den Suchtkriterien gehören zusätzlich auch aggressives Verhalten gegenüber der Umwelt,

     
  9. 9.

    auffallendes Selbstmitleid,

     
  10. 10.

    allgemeiner Interesseverlust,

     
  11. 11.

    regelmäßiges morgendliches Trinken,

     
  12. 12.

    morgendliches Zittern und/oder

     
  13. 13.

    Krankenhausaufenthalte wegen Suchtmittelmissbrauch.

     

Nach Jellinek ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die betroffene Person alkoholkrank ist, wenn mindestens fünf der oben genannten Suchtkriterien vorhanden sind. Je mehr Krankheitssymptome die Patientin oder der Patient mit seinem Substanzmissbrauch in Zusammenhang bringen kann, desto besser. Denn gerade die Suchtsymptome verschwinden oder bessern sich schon allein dadurch, dass der Betroffene seinen Suchtmittelmissbrauch beendet. Alkoholkranke werden zum Beispiel oft depressiv. Sie versuchen immer wieder, den Alkohol zu reduzieren oder wegzulassen, und scheitern daran. Das Scheitern führt zu Selbstwertproblemen und depressiven Verstimmungen. Wenn die Betroffenen dann aber abstinent leben, verschwinden meiner Erfahrung nach 80–90 Prozent der Depressionen innerhalb eines halben Jahres.

Im Unterschied dazu sind die folgenden Suchtkriterien dem gesunden Erwachsendenken des Patienten zuzuordnen. Die Therapeutin repräsentiert sie deshalb mit Bauklötzen auf dem Stuhl des gesunden Erwachsenendenkens des Patienten:
  1. 1.

    Schuldgefühle wegen des Trinkens. Dabei ist ein realitätsangemessenes Schuldgefühl zu unterscheiden von einem pathologischen selbstverletzenden Gefühl „andauernder Zerknirschung“. Ohne Schuldgefühle sich selbst und anderen gegenüber gibt es aber keine Abstinenz.

     
  2. 2.

    der Versuch, periodenweise abstinent zu leben,

     
  3. 3.

    das Erleben von Würdeverlust und von Scham, hilflose Person gewesen zu sein,

     
  4. 4.

    die Angst vor dem Tod durch den Suchtmittelkonsum.

     

Die geschilderten Suchtkriterien sind letztlich alle Ausdruck einer Abhängigkeitserkrankung und spiegeln die Definition von „Abhängigkeit“ durch die WHO wider (siehe Abschn. 2). Die hier aufgeführten Suchtkriterien können auch bei nicht-substanzgebundenen Abhängigkeitskranken zur Diagnostik herangezogen werden.

Fallbeispiel 3 (Krüger 2015, S. 512 ff., verändert): Ein 29-jähriger Mann kam wegen Partnerschaftsproblemen und einer Depression bei Sexsucht in Behandlung. Trotz perfekter bürgerlicher Fassade war er in den letzten Jahren zu etwa 45 verschiedenen Prostituierten gegangen. Der Therapeut und der Patient einigten sich in der 10. Sitzung, dass der Patient die folgenden Suchtkriterien erfüllte: 1. Sein süchtiges Handeln erfolgte heimlich. 2. Er dachte oft daran. 3. Er hatte Schuldgefühle wegen seines süchtigen Handelns. 4. Er vermied Gespräche darüber. 5. Wegen seines unwiderstehlichen Verlangens hielt er seine Vorsätze, nicht wieder zu Prostituierten zu gehen, nicht ein und verlor also die Kontrolle über sich. 6. Er benutzte Ausreden: „Das Leben ist langweilig.“ „Meine Freundin hat ein zu breites Becken.“ 7. Er verhielt sich seiner Freundin und anderen gegenüber aggressiv. 8. Er machte bewusst Pausen in seinem süchtigen Handeln. 9. Er litt an Interessenverlust, er ging nicht mehr zum Sport usw. 10. Er hatte übertriebenes Selbstmitleid. Die Zustimmung zu fünf Kriterien hätte ausgereicht, um eine Abhängigkeitserkrankung zu vermuten.
  1. 8.

    Das Ausarbeiten der idealen persönlichen Suchtszene (Krüger 2015, S. 506 ff.): Bei substanzabhängigen Süchten verändern die Suchtmittel das Bewusstsein des Menschen chemisch. Das erleichtert das süchtige Denken im Äquivalenzmodus. Bei nicht-substanzgebundenen Abhängigkeitskranken schließen die künstlichen äußeren Angebote vorübergehend als Objektersatz Lücken in der Selbstorganisation (Krüger 2015, S. 505 f.). Die PatientInnen verwirklichen ihre Sehnsüchte nicht in der Realität, sondern in einer Art selbsthypnotischem Spiel in der Realität. Der sexsüchtige Patient des Fallbeispiels 3 zum Beispiel berichtete: „In der Begegnung mit Prostituierten weiß ich natürlich, dass die Theater spielen, aber das blende ich dann aus!“ Nach dem Ende eines solchen „Spiels“ bricht die Selbsthypnose wieder zusammen und der Patient nimmt sein Mangelgefühl umso stärker wahr: „Hinterher habe ich immer ein schlechtes Gewissen gehabt und mich blöd gefühlt.“

     
Therapeutisch ist es bei nicht-substanzgebundenen Abhängigkeitskranken hilfreich, das „Spiel in der Realität“ in ein psychodramatisches Spiel zu überführen. Die Therapeutin arbeitet dazu paradox den in dem süchtigen Handeln des Patienten versteckten persönlichen psychischen Gewinn heraus. Sie orientiert sich dabei an dem Motto: Die Seele des Patienten macht nichts umsonst. Sie lässt den Patienten dazu seine persönliche ideale Suchtszene entwickeln (Krüger 2015, S. 506 ff., verändert):
  1. 1.

    Sie stellt für den Patienten neben ihn einen zusätzlichen Stuhl auf für sein „süchtiges Ich“.

     
  2. 2.

    Sie vollzieht mit ihm das Denken, Fühlen und Handeln bei seinem süchtigen Handeln zeitlich Schritt für Schritt nach und sucht darin eine spezifische, von der Norm abweichende Handlungssequenz des Patienten. Bei einer Frau mit einer Essstörung kann das das hastige Essen am Kühlschrank sein, bei einem Mann mit Automatenspielsucht seine Art des Bedienens des Spielautomaten.

     
  3. 3.

    Die Therapeutin lässt den Patienten auf den Stuhl seines „süchtigen Ichs“ wechseln und fragt ihn: „Was ist bei Ihrem süchtigen Handeln, Ihrem hastigen Essen, Ihre eigentliche Sehnsucht? Wenn sich erfüllen würde, was Sie dabei eigentlich suchen, was ist das? Was sollte dann sein? Und wenn das dann eintreten würde, wie würden Sie sich dann fühlen?“

     
  4. 4.

    Die Therapeutin tritt neben den Patienten und erkundet mit ihm zusammen zum Beispiel, was er beim Bedienen von gleichzeitig fünf Spielautomaten gefühlt, gedacht und getan hat.

     
  5. 5.

    Sie arbeitet mit ihm Schulter an Schulter seine in dem süchtigen Handeln verborgene eigentliche Sehnsucht heraus.

     
  6. 6.

    Die Therapeutin stellt dabei keine Fragen, sie macht Aussagen und verdeutlicht als seine Doppelgängerin bis ins Absurde hinein fantasiereich, was beim Erfüllen der eigentlichen Sehnsucht eintreten soll.

     
  7. 7.

    Der Patient fasst mithilfe der Therapeutin seine eigentliche Sehnsucht in einem symbolischen Satz zusammen, der diese Sehnsucht treffend ausdrückt. Der Patient des Fallbeispiels 3 fand für sich zum Beispiel den Satz: „Mein Wille geschehe!“ Bei einer magersüchtigen Patientin könnte der Satz lauten: „Ich kann meine Gier kontrollieren! Anders als andere!“

     
  8. 8.

    Die Therapeutin lässt den Patienten wieder auf den Stuhl seines Alltags-Ichs zurückwechseln.

     
  9. 9.

    Beide suchen nach einer Amplifikation für sein sehnsüchtiges Denken, Fühlen und Handeln in Geschichten von anderen Personen oder von Tieren. Im Fallbeispiel 3 zum Beispiel meinte der Therapeut: „Auch Cäsar hat schon gesagt: ‚Ich kam, ich sah, ich siegte!‘“

     
  10. 10.

    Oft erkennt der Patient durch die Aktualisierung seines Selbst in der spielerischen Erfüllung seiner Sehnsucht spontan einen Zusammenhang mit Defiziterfahrungen oder einem eigenen Trauma in seiner Kindheit. Die Therapeutin gibt einem solchen spontanen Einfall des Patienten Bedeutung, indem sie neben ihm im Therapiezimmer einen zusätzlichen leeren Stuhl für sein „verlassenes Kind“ oder sein „traumatisiertes Kind“ aufstellt. Der Patient differenziert bei diesem Vorgehen sein süchtiges Handeln im Als-ob-Modus des psychodramatischen Spiels aus. Er lernt dabei seine eigentliche Sehnsucht kennen, die sich in seinem süchtigen Handeln versteckt. Dadurch wird ihm der kompensatorische Charakter seiner eigentlichen Sehnsucht bewusst. Er unterscheidet durch die paradoxe Bestätigung seiner Fantasie klarer zwischen Fantasie und Wirklichkeit. Erfahrungsgemäß wird es für ihn in der Folge schwerer, in seinem süchtigen Handeln weiter Befriedigung zu finden.

     
  11. 11.

    Im süchtigen Handeln ist also latent ein neurotischer Wiederholungszwangs enthalten. Die Therapeutin zentriert ihre Arbeit aber trotzdem auf die sekundäre Sucht. Denn bei einer Abhängigkeitserkrankung handelt der Patient in der Gegenwart nicht süchtig, weil er neurotische Probleme hat. Er hat vielmehr inzwischen Probleme, weil er süchtig handelt. Die Therapeutin versucht deshalb mit ihm zusammen seinen Tiefpunkt herauszuarbeiten. Das soll ihm eine Kapitulation vor seiner Sucht erleichtern: Die Therapeutin lässt sich von dem Patienten differenziert erzählen, was für ihn gefühlsmäßig bisher die schlimmste Erfahrung gewesen ist, die er durch den Suchtmittelmissbrauch oder sein süchtiges Handeln gemacht hat. Sie arbeitet, wenn vorhanden, die existenzielle Dimension dieses bisherigen psychischen Tiefpunkts heraus: die tiefe Verletzung durch den Verlust der eigenen persönlichen Würde oder die Bedrohung durch den Tod durch den Suchtmittelkonsum. Denn der Würdeverlust und die Angst vor dem Tod sind erfahrungsgemäß die qualitativ wichtigsten Erfahrungen, die abhängigkeitskranke Patienten motivieren, dauerhaft abstinent zu leben. Bedeutsamer als ein bloßer Arbeitsplatzverlust sind für den Patienten deshalb solche Handlungen, mit denen er sein eigenes Leben oder das Leben anderer gefährdet hat, zum Beispiel ein ungeplanter Selbsttötungsversuch unter Alkoholeinfluss oder die Tatsache, dass er betrunken Auto gefahren ist.

     
  12. 9.

    Repräsentation eines fiktiven hilfreichen Doppelgängers: Um das gesunde Erwachsenendenken des Patienten zu unterstützen, kann die Therapeutin im Therapiezimmer mit einem zusätzlichen Stuhl auch die Person eines fiktiven Doppelgängers repräsentieren: „Stellen Sie sich bitte vor, dass auf diesem Stuhl ein alter, weiser Alkoholiker sitzt, der schon lange abstinent lebt, bzw. eine alte, weise Alkoholikerin. Diese/-r kann sie auf Wunsch beraten. Ich selbst habe einige solche weisen alkoholkranken Menschen kennengelernt und viel von ihnen gelernt.“ Im weiteren Gespräch deutet die Therapeutin bei Bedarf mit der Hand auf den Stuhl dieses fiktiven Doppelgängers und berichtet von dessen Erfahrungen: „Ein erfahrener trockener Alkoholiker würde jetzt sagen: 1. ‚Ja, das ist so! Als ich mich entschieden habe, mit dem Alkohol aufzuhören, wusste ich auch nicht, wie das gehen soll. Ich wusste nur, wenn ich so weiter mache, gehe ich kaputt. Ich musste kapitulieren, ohne Wenn und Aber. Ich wäre sonst schon tot.‘ Oder er würde jetzt sagen: 2. ‚Ich rate Dir: Versuche immer, nur für 24 Stunden trocken zu bleiben! Am nächsten Tag kannst Du Dich dann neu entscheiden. Bei mir sind daraus inzwischen eine ganze Reihe von Tagen geworden.‘ Oder 3. ‚Ich bin nie rückfällig geworden, wenn es mir schlecht ging, sondern immer nur, wenn es mir gut ging.‘ Oder 4. ‚Wenn ich Saufdruck hatte, hat es mir nicht geholfen, daran zu denken, was ohne Alkohol jetzt alles besser geworden ist. Ich habe stattdessen bewusst an mein Erleben und meine Gefühle an meinem Tiefpunkt gedacht und mir die Situation ganz genau vorgestellt. Dann wusste ich: Das will ich nicht noch einmal!‘ Oder 5. ‚Wenn Du alkoholkrank bist, ist in Deinem Leben nichts wichtiger als trocken zu bleiben. Denn wenn Du rückfällig wirst, geht über kurz oder lang gar nichts mehr, und Du fängst wieder ganz von vorn an.‘ Oder 6. ‚Jedes Mal, wenn Du bewusst Alkohol zu Dir nimmst, ist das ein Rückfall. Das gilt auch, wenn das nur eine mit Alkohol gefüllte Praline war. Denn mit dem bewussten Genuss von Alkohol, und sei die Menge auch noch so klein, verharmlost Du die existenzielle Dimension Deiner Entscheidung, alkoholkrank zu sein und abstinent leben zu wollen. Du verlierst dann die Orientierung in Deinem zentralen Problem.‘“ Die Technik des fiktiven hilfreichen Doppelgängers ersetzt in der Einzeltherapie die Sharings von Gruppenmitgliedern aus der Suchtkrankengruppe.

     

4 Die Aufstellung der Ich-Zustände der Therapeutin in chaotisierenden therapeutischen Beziehungen

PatientInnen mit Abhängigkeitserkrankungen ziehen ihre TherapeutInnen oder BeraterInnen durch ihr Agieren schnell in ihre metakognitive Fehlregulation mit hinein. Je depressiver der suchtkranke Patient die Welt sieht, desto mehr wird die Therapeutin einseitig in ihrem Ich-Zustand des empathischen „begegnenden Menschen“ fixiert. Je fordernder und grandioser ein Patient auftritt, desto mehr fühlt die Therapeutin sich gezwungen, selbst schnell grandiose Lösungen für den Patienten zu finden und das Unmögliche möglich zu machen. Je unzugänglicher ein Patient jede Beziehungsaufnahme abweist, desto mehr reagiert die Therapeutin einseitig als „kompetente Fachfrau“ mit frühen Interpretationen und Sachinformationen. Diese Gegenübertragungsreaktionen der Therapeutin engen ihre eigene innere metakognitive Prozessarbeit ein. Sie kann in der therapeutischen Beziehung nicht mehr angemessen und spontan zwischen ihren aufgabenbezogenen Ich-Zuständen als „begegnender Mensch“, als „fachkundige Therapeutin“ und als „grandiose Therapeutin“ (siehe Abb. 2) hin und her wechseln.
Abb. 2

Aufstellung der drei verschiedenen Ich-Zustände der Therapeutin und der Stuhl für die negative Übertragungsfigur (Krüger 2015, S. 152)

Die Therapeutin kann solche Gegenübertragungsreaktionen aber auflösen und sich aus ihrer Blockade befreien, indem sie ihre eigenen drei aufgabenbezogenen Ich-Zustände als Stühle aufstellt (siehe Abb. 2): 1. die Funktion der Therapeutin als begegnender Mensch. Als solche folgt sie empathisch den Mitteilungen des Patienten, gibt ihren eigenen Gefühlen in der Beziehung Berechtigung und spricht diese dem Patienten gegenüber offen aus. 2. die Funktion der Therapeutin als kompetente Fachkraft. Als diese gibt sie dem Patienten mit ihren Erfahrungen und ihrem Wissen Sachinformationen, stellt diagnostische Fragen und interpretiert. 3. die Funktion der Therapeutin als grandiose Therapeutin. Als solche handelt sie nach dem Motto „Warum nicht!“ Sie folgt ihren Idealen als Heilerin und Helferin und versucht, für den Patienten einen Weg zu finden auch dort, wo es zunächst keinen zu geben scheint.

Die Therapeutin geht bei der Arbeit mit ihren eigenen Ich-Zuständen die folgenden Schritte: 1. Sie versteht den Stuhl, auf dem sie sitzt, als den Stuhl des „begegnenden Menschen“ und benennt dem Patienten gegenüber offen und authentisch ihre Gefühle: „Wenn Sie sagen, dass Sie wieder anfangen wollen zu trinken, merke ich als Mensch: Ich werde ganz traurig!“
  1. 1.

    Wenn die Therapeutin merkt, dass sie innerlich in einen anderen Ich-Zustand wechselt, stellt sie für diesen ihren anderen Ich-Zustand einen zusätzlichen Stuhl neben sich, wechselt real äußerlich handelnd auf diesen anderen Stuhl und lebt diesen anderen Ich-Zustand im Rollenwechsel aus: „Als grandiose Therapeutin möchte ich Ihnen schnell und effektiv helfen. Ich würde gern zaubern. Ich überlege: Vielleicht fällt mir ja eine tolle Technik ein, die es Ihnen leichter macht, Ihren Alkoholkonsum besser zu kontrollieren.“

     
  2. 2.

    Die Therapeutin kann auch einen dritten Stuhl aufstellen und aus diesem dritten Ich-Zustand heraus ergänzen: „Aber als kompetente Suchttherapeutin weiß ich: Wenn Sie alkoholkrank sind, werden Sie nicht lernen, ihren Alkoholkonsum zu kontrollieren. Kein Abhängigkeitskranker schafft das ohne Abstinenz. Es gehört sogar zur Definition von Abhängigkeit, dass Betroffene ihren Suchtmittelkonsum nicht kontrollieren können.“

     
  3. 3.

    Eine spielfreudige Therapeutin kann dem Patienten auch in Form eines Teamgesprächs zwischen ihren eigenen Ich-Zuständen antworten. Dazu führt sie selbst einen psychodramatischen Dialog mit Rollentausch zwischen ihren eigenen drei Ich-Zuständen. Sie wendet sich zum Beispiel von dem Stuhl des „begegnenden Menschen“ dem Stuhl der „grandiosen Therapeutin“ zu und spricht diesen Stuhl an: „Als Mensch darf ich Dich vielleicht daran erinnern, Birgit, dass Du schon oft versucht hast, Unmögliches möglich zu machen. Und dann bist du aber gescheitert.“ Oder die Therapeutin wechselt auf den Stuhl der kompetenten Therapeutin und blickt die Therapeutin als begegnender Mensch an: „Als kompetente Fachkraft sage ich dir: Ich finde das ja sehr lieb von Dir, dass Du traurig wirst, wenn Herr A. wieder trinken will. Aber ich darf Dich daran erinnern: Nur jeder dritte Alkoholkranke schafft es, abstinent zu leben. Vielleicht gehört Herr A. ja zu denen, die es nicht schaffen.“

     

Die Therapeutin spürt durch die äußere Aufstellung ihrer drei aufgabenbezogenen Ich-Zustände die konflikthafte Beziehung zwischen ihnen. Das erleichtert es ihr, im Als-ob-Modus des Spiels äußerlich zwischen ihnen frei hin und her zu wechseln. Es löst die von dem Patienten ausgelöste Blockade im Denken der Therapeutin auf. Denn sie wechselt dabei auch innerlich in ihrer Vorstellung wieder frei zwischen ihren drei inneren Haltungen hin und her: „Als fachkundige Therapeutin sage ich …“ „Als grandiose Therapeutin überlege ich mir …“ Die Therapeutin geht in eine der drei verschiedenen inneren Haltungen hinein und merkt, dass sie jederzeit auch in eine andere innere Haltung wechseln kann: „Aber ich bin auch anders.“ Sie weiß, aus welchem Ich-Zustand heraus sie in diesem Augenblick denkt und handelt. Sie hat dadurch wieder die Kontrolle über den Wechsel zwischen ihren drei aufgabenbezogenen Ich-Zuständen. Sie kann frei wählen, aus welchem Ich-Zustand heraus sie dem Patienten gerade begegnen will.

Fallbeispiel 4 (Krüger 2015, S. 151 f., gekürzt): Herr A. kam mit 39 Jahren in Behandlung wegen schwerer Depressionen, einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (ICD F60.31) und chronischem Alkoholmissbrauch (ICD F10.2). In der dritten Therapiestunde sieht Herr A. bei einem Gespräch über die therapeutische Beziehung sich selbst „als Playmobilzwerg“, den Therapeuten aber „als einen zehn Meter hohen Riesen“. Der Patient wünscht sich von dem Therapeuten: „Sie sollen mich total durchschauen. Dann können Sie mich schnell reparieren! Ich möchte gern meine Kindheit aufarbeiten!“ Der Therapeut erschrickt, weil er sich von den Erwartungen des Patienten überfordert fühlt. Er stellt rechts neben sich einen leeren Stuhl hin und setzt sich auf diesen: „Das ist mein Stuhl als fachlich kompetenter Therapeut. Als derjenige sage ich: Es wird Ihnen gegen Ihre Depression nicht helfen, Ihre Kindheit aufzuarbeiten. Im Gegenteil, es wird Ihnen vermutlich sogar eher schaden. Wahrscheinlich werden dann in Ihnen alle früheren Mangelerfahrungen wieder lebendig werden. Das macht Sie dann vermutlich eher noch labiler.“ Der Therapeut stellt einen zweiten leeren Stuhl links neben den ersten und setzt sich auf diesen: „Das ist der Stuhl für mich als grandioser Therapeut. Ich würde Ihnen Ihren Wunsch, die Kindheit aufzuarbeiten, gern erfüllen. Warum nicht! Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg!“ Er setzt sich zurück auf den mittleren Stuhl: „Als Mensch aber, als Reinhard Krüger, macht mir die Vorstellung, dass ich alles möglich machen soll, Angst. Denn meine Erfahrung ist: Wenn ich als Therapeut zu viel auf einmal wollte, bin ich gescheitert. Ich bin dann sozusagen als Tiger gestartet und als Bettvorleger geendet!“ Der Therapeut wechselt wieder auf den Stuhl des kompetenten Therapeuten: „Dabei sehe ich mich durchaus als fachlich kompetenten Therapeuten an! Als solcher meine ich: ‚Lassen Sie uns doch bitte Ihre vielen Probleme eines nach dem anderen angehen!‘“ Herr A. ist irritiert: „Ich fühle einen richtigen depressiven Schub, da ist wieder ein Druck im Bauch, in meinem Kopf, in den Beinen! Ich fühle mich allein gelassen. Ich sehe schon: Ich bin Ihnen zu kompliziert, ich bin nicht therapierbar!“ Der Therapeut wertet diese Feststellung des Patienten als Einspringen einer negativen Übertragung. Er stellt deshalb rechts neben den Stuhl des „kompetenten Therapeuten“ noch einen dritten leeren Stuhl auf für die negative Übertragungsfigur des Patienten: „Das ist der Stuhl für Ihre Mutter, die Sie als Kind in das Kinderheim weggegeben hat, und für die Lehrerin, die Sie nicht als Pflegekind annehmen wollte. Auch ich erfülle Ihre Erwartungen nicht so, wie Sie es sich wünschen. Aber anders als die Bezugspersonen in Ihrer Kindheit schiebe ich Sie nicht weg! Ich lasse Sie nicht allein! Ich möchte mit Ihnen arbeiten. Ich will mit Ihnen aber an den Problemen arbeiten, die Sie in der Gegenwart haben, schrittweise nacheinander, und nicht an Ihren Erfahrungen in der Kindheit!“

In den letzten zwanzig Minuten der Therapiestunde spricht der Therapeut mit dem Patienten über dessen Alkoholproblem: „Ich stelle hier neben Sie zusätzlich einen Stuhl hin für Sie als jemand, der zu viel Alkohol trinkt. Vielleicht kommen Ihre Depressionen ja auch von Ihrem Trinken.“ Der Therapeut lässt den Patienten einen Fragebogen mit den 30 Jellinek’schen Fragen ( Krüger 2015 , S. 453) ausfüllen. Dabei kreuzt Herr A. 17 der 30 Fragen mit „Ja“ an. Fünf Zustimmungen reichen schon, um anzunehmen, dass man „wahrscheinlich Alkoholiker ist“. Herr A. ist zutiefst erschrocken. Er schließt sich einer Therapiegruppe für Suchtkranke an.

Die Therapeutin verwirklicht bei ihrer Arbeit mit ihren eigenen Ich-Zuständen das Ja-Aber in der Kommunikation mit dem Patienten durch äußeren Rollenwechsel zwischen den drei Stühlen ihrer Ich-Zustände. Der Patient sitzt gleichsam drei qualitativ verschiedenen Therapeutinnen gegenüber. Die äußere Repräsentation der drei verschiedenen inneren Haltungen der Therapeutin durch Stühle lässt die drei qualitativ verschiedenen und zum Teil widersprüchlichen Aussagen der Therapeutin in der inneren Vorstellung des Patienten nebeneinander existent werden. Sie bleiben dadurch nebeneinander gültig und löschen sich in der Wahrnehmung des Patienten anders als bei einer rein verbalen Antwort nicht gegenseitig aus. Die Therapeutin lässt den Patienten bei der Stühlearbeit mit ihren eigenen Ich-Zuständen an ihrem eigenen Prozess der Selbstorientierung teilhaben. Dadurch merkt der Patient, dass sie sich anders als die Bezugspersonen in seiner Kindheit um ihn Gedanken und Sorgen macht und dass sie ihn ernstnimmt. Auch regt die spielerische Selbstorientierung der Therapeutin ihn an, sich auch seinerseits in der therapeutischen Beziehung zu orientieren. Sein Misstrauen wird geringer.

Die Therapeutin arbeitet in der hier vorgeschlagenen Therapie von Abhängigkeitskranken mentalisations-orientiert (Krüger 2015, S. 71 ff.). Sie versteht das Selbststeuerungsdefizit von Suchtkranken als Ergebnis eines metakognitiven Abwehrprozesses durch Spaltung. Sie macht deshalb durch Aufstellung der beiden konträren Ich-Zustände den unbewussten Wechsel des Patienten zwischen seinem gesunden Erwachsenendenken und seinem süchtigen Denken und Fühlen zum Gegenstand der therapeutischen Kommunikation. Die abhängigkeitskranken PatientInnen vollziehen ihren inneren metakognitiven Prozess der Abwehr durch Spaltung im Als-ob-Modus des Spiels im Rollenwechsel zwischen ihren konträren Ich-Zuständen nach, differenzieren ihn aus und erweitern ihn. Sie gewinnen dadurch störungsspezifisch Distanz zu ihrem süchtigen Denken und Fühlen. Diese metakognitive Therapie erweitert die rein kognitive Therapie, die versucht, im Rollenspiel ungünstige Denkinhalte direkt durch ein angemesseneres Denken, Fühlen und Handeln zu ersetzen.

Literatur

  1. Fonagy, P., Gergeley, G., Jurist, E. L., & Target, M. (2004). Affektregulierung, Mentalisierung und die Entwicklung des Selbst. Stuttgart: Klett-Cotta.Google Scholar
  2. Jellinik, E. M. (1960). The disease concept of alcoholism. New Haven: Hillhouse Press.CrossRefGoogle Scholar
  3. Krüger, R. T. (2004). Zwei Seelen in der Brust haben – Theorie und Praxis der störungsspezifischen Psychodramatherapie mit suchtkranken Menschen. Zeitschrift für Psychodrama und Soziometrie, 3(2), 161–194.CrossRefGoogle Scholar
  4. Krüger, R. T. (2015). Störungsspezifische Psychodramatherapie. Theorie und Praxis. Göttingen: Vandenhoeck und Rupprecht.CrossRefGoogle Scholar
  5. Moreno, J. L. (1974). Die Grundlagen der Soziometrie. Wege zur Neuordnung der Gesellschaft (3. Aufl.). Opladen: Westdeutscher.Google Scholar
  6. Shengold, L. (1989). Soul murder. The effects of childhood abuse and deprivation. New Haven: Yale University Press.CrossRefGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  1. 1.BurgwedelDeutschland

Personalised recommendations