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Methoden in der Politikwissenschaft – eine pluralistische Annäherung

  • Claudius WagemannEmail author
  • Achim Goerres
  • Markus B. Siewert
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Part of the Springer Reference Sozialwissenschaften book series (SRS)

Zusammenfassung

Was die Politikwissenschaft von der journalistischen, künstlerischen oder amateurhaften Beschäftigung mit Politik u. a. unterscheidet, ist das spezifisch wissenschaftliche Repertoire systematischer Methoden. Dieses Handbuch ist die umfangreichste deutschsprachige Darstellung aktueller Methoden der Politikwissenschaft am Ende des zweiten Jahrzehnts (2020). Die Herausgeber Claudius Wagemann, Achim Goerres und Markus B. Siewert haben dieses Projekt umgesetzt, weil sie die grundsätzliche Professionalisierung der Politikwissenschaft im Bereich Methoden unterstützen und eine Plattform schaffen wollen, auf der die Besten ihres Faches konzise und leicht zugängliche Beiträge zu einem methodischen Teilthema für Studierende und andere Wissenschaftlerinnen geben können. Die Lektüre eines Handbuchbeitrags erlaubt es den Leserinnen, sich zeiteffizient einen Überblick zu verschaffen, um sich danach entweder anhand der vorgeschlagenen weiterführenden Literatur weiter zu informieren oder einem anderen Methodeninstrumentarium zuzuwenden.

Schlüsselwörter

Systematische Methodenverwendung Methodenentwicklung Qualität von Methodenanwendung Methodenpluralismus Handbuchstruktur 

1 Methoden als zentraler Gegenstand der Politikwissenschaft

Was die Politikwissenschaft von der journalistischen, künstlerischen oder amateurhaften Beschäftigung mit Politik u. a. unterscheidet, ist das spezifisch wissenschaftliche Repertoire systematischer Methoden.1 Dieses Handbuch ist die umfangreichste deutschsprachige Darstellung aktueller Methoden der Politikwissenschaft am Ende des zweiten Jahrzehnts (2020). Die Herausgeber Claudius Wagemann, Achim Goerres und Markus B. Siewert haben dieses Projekt umgesetzt, weil sie die grundsätzliche Professionalisierung der Politikwissenschaft im Bereich Methoden unterstützen und eine Plattform schaffen wollen, auf der die Besten ihres Faches konzise und leicht zugängliche Beiträge zu einem methodischen Teilthema für Studierende und andere Wissenschaftlerinnen2 geben können. Die Lektüre eines Handbuchbeitrags erlaubt es den Leserinnen, sich zeiteffizient einen Überblick zu verschaffen, um sich danach entweder anhand der vorgeschlagenen weiterführenden Literatur weiter zu informieren oder einem anderen Methodeninstrumentarium zuzuwenden.

Wie eingangs gesagt, werden Politik und politisches Handeln nicht nur von der Wissenschaft, sondern auch von anderen Akteurinnen in den Blick genommen. Beispielhaft sind hier Journalistinnen, Romanautorinnen und Dokumentarfilmerinnen zu nennen (Ragin 1994), die allesamt versuchen, die Komplexität politischer und sozialer Lebensumwelt einzufangen, aufzuarbeiten und einem kleineren oder größeren Publikum nahe zu bringen. Es steht natürlich außer Frage, dass all diese Akteurinnengruppen zwar ähnliche Themen behandeln und oftmals auch zu vergleichbaren Schlussfolgerungen kommen, aber dennoch würde wohl niemand bezweifeln, dass bemerkenswerte Unterschiede vorliegen. Diese beziehen sich in besonderer Weise auf die verschiedenen Vorgehensweisen, die angewendet werden, und für die im wissenschaftlichen Bereich vor allem der Begriff der Forschungsmethoden verwendet wird. Selbstverständlich folgt auch der Plot eines fiktiven politischen Kriminalfalls, der ja auch soziale Realität abzubilden versucht, methodischen Vorgaben, aber auch ein noch so gut gemachter Roman (noch dazu fiktiv) wäre für die politikwissenschaftliche Fachwelt wohl nicht akzeptabel. Und es sorgt bei Anfängerstudierenden eben immer auch wieder für ein gewisses Erstaunen, wenn sie erfahren, dass ein wissenschaftliches Interview zum Teil sehr große Unterschiede zu dem aus dem Fernsehen und anderen Medien bekannten (und dort auch sehr angebrachten) journalistischen Format aufweist. Insofern ist es gerade die spezifische Variante methodisch-fundierter und -reflektierter Herangehensweise, die die (Politik)Wissenschaft von anderen genannten Betrachtungsweisen abgrenzt (King et al. 1994, S. 7–9).

Wenn nun die Methoden für den Erkenntnisgewinn so entscheidend sind, dann ist es nur selbstverständlich, dass sich Wissenschaftlerinnen mit ihren Methoden beschäftigen müssen. Diese Beschäftigung erfolgt mitunter verzögert. Zum einen mag dies daran liegen, dass Wissenschaftlerinnen ihre Gegenstandsbereiche aufgrund der Faszination wählen, die die entsprechenden Inhalte auf sie ausüben, und weniger aufgrund der Affinität zu methodischen Vorgehensweisen.

Zum anderen gibt es Disziplinen wie die relativ junge Politikwissenschaft, deren Gegenstandsbereich nahe an den Fragestellungen anderer, üblicherweise relativ älterer Disziplinen liegt, die sich eines bereits ausreichend entwickelten Methodenrepertoires erfreuen. In einem solchen Fall disziplinär späterer Entwicklung liegt es natürlich nahe, die eigene Methodennutzung auch von diesen Nachbardisziplinen zumindest inspirieren zu lassen. Was dann folgt, ist nichts anderes als ein normaler und erwartbarer Diffusionsprozess wissenschaftlicher Praktiken. Beispiele hierfür gibt es genug: So sind zahlreiche statistische Verfahren, die die Politikwissenschaft verwendet, auch in der Ökonometrie oder der Psychologie schon länger etabliert. Die Umfrageforschung findet viele Vorläufer in der Soziologie. Ethnographische Methoden sind gleichermaßen in der Ethnologie, der Anthropologie und der Soziologie typisch. Historisch ausgerichtete Politikwissenschaft orientiert sich an Methoden der Geschichtswissenschaft. Viele textanalytische Verfahren nutzen Methoden der (Computer-)Linguistik, während die Netzwerkanalyse ihren Ursprung in der Organisationssoziologie hat. Die Mathematik beeinflusst formal-logische Vorgehensweisen in der Politikwissenschaft. Und die Entwicklung, die generell mit dem Begriff von ‚Big Data‘ beschrieben wird, steht in enger Verbindung zu den im Englischen Computer oder Data Science genannten Disziplinen. Diese Aufzählung kann natürlich nicht vollständig sein, und es soll auch weder beklagt werden, dass die Politikwissenschaft keine eigenen Methoden habe, noch, dass dieser Prozess immer nur in eine Richtung verlaufe. Die Betrachtung der Methodenentwicklung in den Nachbardisziplinen zeigt aber doch auf, dass es nahezu unmöglich ist, einen Exklusivitätsanspruch auf Methoden der Politikwissenschaft zu erheben, was aber auch für Methoden anderer Wissenschaften nicht möglich ist. Dennoch hilft der Blick über die Politikwissenschaft hinaus dabei, Ideen dahingehend zu entwickeln, warum die Methodenentwicklung in der Politikwissenschaft verzögert Fahrt aufgenommen hat, bzw. warum viele Darstellungen sehr allgemein auf Methoden der Sozialwissenschaften abzielen (siehe etwa Bauer und Blasius 2019; Schnell et al. 2018).

Bei aller Freude an den Ähnlichkeiten zwischen verschiedenen Sozialwissenschaften, die die gemeinsame Methodennutzung motivieren mögen, sei aber dennoch nicht übersehen, dass die in den Nachbarwissenschaften gepflegten Methoden vielleicht nicht immer direkt in die Politikwissenschaft übertragbar sind und deswegen die unterschiedlichen Gegenstandsbereiche der Fächer auch Anpassungsnotwendigkeiten in der Anwendung von Forschungsmethoden nach sich ziehen. Nicht zuletzt deswegen gibt es zunehmend auch Politikwissenschaftlerinnen, die sich in Methoden der Politikwissenschaft spezialisieren. Dies trägt im deutschsprachigen Bereich auch institutionell einige Früchte: Zunehmend werden universitäre Einführungsveranstaltungen in Methoden und Statistik eben nicht mehr gemeinsam mit den Nachbardisziplinen durchgeführt und dann von Soziologinnen und Ökonominnen mit den entsprechend fachfremden Beispielen und Schwerpunktsetzungen übernommen (wie es bis in die 2000er-Jahre Standard war), sondern politikwissenschaftliche Institute bedienen den Bedarf in der Methodenausbildung selbst. Als Teil dieses Trends werden entsprechende Positionen unter den Hochschullehrerinnen geschaffen. Parallel dazu institutionalisieren sich Methodensektionen in den nationalen und internationalen politikwissenschaftlichen Fachverbänden.

Wenn sich nun die Subdisziplin der Methoden oder gar der Methodologie (also der Lehre über die Methoden, die üblicherweise über den reinen Anwendungsbezug hinausgeht) etabliert (hat), dann wird auch diese nicht statisch agieren, sondern sich entwickeln, ausdifferenzieren und vernetzen, wobei diese Entwicklungen nicht reibungslos und konfliktfrei ablaufen. Dazu gehören beispielsweise Diskussionen, „wie man es denn mit der Methode halte“, ob man quantitativ oder qualitativ vorgehe, oder interpretative, beschreibende oder erklärende, gar generalisierende Interessen habe, ob randomisierte Auswahlverfahren zum Einsatz kommen sollten, oder ob es nicht doch vertretbare Alternativen dazu gibt, welche Erhebungs- und Auswertungsmethoden sich denn für welche Fragestellung eignen. Im Falle der Politikwissenschaft kommt noch dazu, dass die Diskussionen im deutschsprachigen Raum, wie in großen Teilen Europas, auch sehr von der US-amerikanischen Politikwissenschaft, die sich schon länger spezifisch mit Methoden der Politikwissenschaft auseinandersetzt, beeinflusst werden. All dies unterstreicht den Bedarf nach einer grundsätzlichen Professionalisierung im Umgang mit politikwissenschaftlichen Methoden im deutschsprachigen Raum.

2 Grundlegende Zielsetzung des Handbuchs

Mit diesem Handbuch legen wir einen Überblick für die deutschsprachige Wissenschaft vor, der in insgesamt 38 Beiträgen das Politikwissenschaftlerinnen zur Verfügung stehende Methodenrepertoire darstellt und den Anwendungsbezug auf die Politikwissenschaft herausstreicht. Um gleichzeitig die Einheit der Methodendiskussion zu betonen, ist das Buch methodenpluralistisch angelegt und stellt Ansätze verschiedener Paradigmen und unterschiedlichen Innovationsgrades gleichberechtigt dar.3 Unsere Zielgruppe sind dabei aber nicht hoch spezialisierte Methodologinnen, sondern Kolleginnen, die um eine Methodenanwendung bemüht sind, die den State of the Art berücksichtigt. Und noch mehr: Dieses Handbuch soll auch für diejenigen eine Hilfestellung sein, die höchst spannende politikwissenschaftliche Fragestellungen umtreiben, die aber angesichts der Fülle des Angebots an Methoden und vielleicht sogar aufgrund eventuell hitzig geführter Diskussionen um Methoden verunsichert sind, welches Vorgehen denn nun angeraten ist, bzw. nicht einmal von den unterschiedlichen Methodenoptionen wissen.

Wir sind der Meinung, dass sich Methoden am besten in der Praxis bewähren, und dass ihre Tauglichkeit für interessierende Fragestellungen nicht zuletzt durch solche ‚Praxistests‘ illustriert werden kann. Deswegen beinhalten viele Kapitel dieses Handbuchs Hinweise auf Beispielstudien. Insofern stimmen wir auch der Aussage zu, dass es die Forschungsfragen sein sollen, die die Methoden bedingen, und nicht umgekehrt (Shapiro 2002). Dabei erkennen wir natürlich auch an, dass Forscherinnen durchaus unterschiedliche Schwerpunkte in ihrer Methodenkenntnis und -verwendung haben, die vermutlich mit entsprechenden ontologischen und epistemologischen Verortungen einhergehen, d. h. sich gegebenenfalls in Bezug auf ihre theoretischen Zugänge zur empirischen Wirklichkeit und zu wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn unterscheiden. Jedes Kapitel enthält auch kommentierte Lektüretipps für eine weiterführende Beschäftigung mit den dargestellten Methoden, entweder mit tiefergehender Methodenliteratur oder mit Best-Practice-Beispielen aus der Anwendung.

Keines der Kapitel kann spezialisierte Lehrbücher ersetzen, noch wollen wir standardisierte Ablaufpläne für Methodenanwendung anbieten. Unser Ziel ist es, einen strukturierten Überblick darüber herzustellen, welche Methoden in der (deutschsprachigen) Politikwissenschaft wie und zu welchem Zweck verwendet werden, wo Anwendungsfelder liegen, was die jeweiligen Spezifika der Methoden sind, und welche Vor- und Nachteile sich in der Verwendung daraus ergeben. Jedes Kapitel ist ein effizienter Einstieg in einen Teilbereich der Methoden. Die Kapitel können unabhängig voneinander gelesen werden. Nichtsdestotrotz sorgen zahlreiche Querverweise dafür, dass der größere Zusammenhang nicht verloren geht und Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Methoden leichter sichtbar werden.

3 Struktur und Inhalt des Handbuchs

Das vorliegende Handbuch beginnt mit einem ersten Abschnitt zu grundlegenden Vorüberlegungen der Methodenanwendung. Den Auftakt macht der Beitrag von Dirk Berg-Schlosser, welcher die epistemologischen Grundlagen politikwissenschaftlicher Forschung näher beleuchtet. Es werden einerseits zentrale wissenschaftstheoretische Begrifflichkeiten eingeführt, andererseits unterschiedliche Kausalitätsverständnisse vorgestellt. Die nächsten beiden Aufsätze widmen sich dann zentralen Schritten politikwissenschaftlicher Forschung: So gehen Özgür Özvatan und Markus B. Siewert zunächst auf Konzepte und Konzeptformierung ein, wobei sowohl die grundlegende Natur von Konzepten als auch verschiedene Strategien der Konzeptformierung aus interpretativer wie empirisch-analytischer Perspektive behandelt werden. Daran anknüpfend präsentieren Raffael Heiss und Jörg Matthes in ihrem Beitrag zu Operationalisierung und Messung unterschiedliche Skalen und Messkonstrukte und diskutieren dabei zentrale Gütekriterien wie Reliabilität und Validität. Den Abschluss des ersten Abschnitts bildet der Aufsatz von Sebastian Netscher und Alexia Katsanidou, der sich auf den immer wichtiger werdenden Themenkomplex Understanding and Implementing Research Data Management fokussiert. So werden eine Reihe von Maßnahmen der Datenaufbereitung und -aufbewahrung vorgestellt, die dazu beitragen sollen, Transparenz und Reproduzierbarkeit politikwissenschaftlicher Forschung zu gewährleisten bzw. zu erhöhen.

Der nächste Abschnitt des Handbuchs nimmt den pluralistischen Anspruch auf und stellt unterschiedliche Forschungsdesigns vor, welche üblicherweise in Bezug auf politikwissenschaftliche Studien zu finden sind. Natürlich geht es hier auch um die berühmte Dichotomie quantitativer und qualitativer Forschung, die wir aber nicht in dieser Zweiteilung stehen lassen, sondern vielmehr auf unterschiedliche und vor allem mehr als zwei Denkansätze, wie mit Erkenntnissen über die politische Welt umzugehen ist, zurückführen. Der Beitrag von Ina Kubbe stellt zunächst Experimente und experimentelle Forschungsdesign vor und diskutiert hierzu deren grundlegende Logik sowie Typen. Daran anschließend gehen Anne-Kathrin Fischer und Achim Goerres auf Groß-N Designs ein, wobei einerseits zentrale Vorgehensweisen wie auch Potenziale und zentrale Anwendungsfelder präsentiert werden. Der Beitrag von Markus B. Siewert und Claudius Wagemann widmet sich vergleichenden Fallstudien und Einzelfalldesigns; sie führen unterschiedliche Varianten fallorientierter Forschung an Beispielen ein und arbeiten deren zentralen Merkmale heraus. Ulrich Franke und Ulrich Roos gehen dann auf Rekonstruktiv-interpretative Designs als weiteren Typ politikwissenschaftlicher Forschungsdesigns ein und diskutieren deren methodologischen wie erkenntnistheoretischen Prämissen. Der Beitrag von Martino Maggetti konzentriert sich auf Mixed-Methods Designs, die in jüngster Zeit einen erheblichen Aufschwung in der Politikwissenschaft erfahren haben. Dabei werden sowohl statistische wie auch fallorientierte Ansätze multimethodischer Forschung näher beleuchtet und Vor- und Nachteile kritisch dargelegt.

Ein gesonderter Abschnitt fokussiert sich auf Strategien der Fallauswahl, wobei diese aus zwei sich komplementär ergänzenden Perspektiven betrachtet werden. So geht der Beitrag von Kai-Uwe Schnapp und Olaf Bock unter dem Titel Auswahl von Untersuchungsobjekten zuvorderst auf Strategien der Stichprobenziehung ein und beleuchtet hierbei bewusste wie zufallsbasierte Auswahlmechanismen. Das Gegenstück bildet der Aufsatz zu theoriegeleiteter Fallauswahl von David Kuehn, der eine Reihe von Strategien sowohl für vergleichende wie auch Einzelfallstudien diskutiert.

In der Folge finden sich dann zahlreiche Kapitel zu unterschiedlichen Erhebungs- und Auswertungstechniken.4 Den Auftakt zum Abschnitt Erhebungstechniken machen unterschiedliche Verfahren der Befragung und Beobachtung. In drei Beiträgen werden zunächst unterschiedliche Formen von Interviews behandelt: Felix Goldberg und Achim Hildebrandt konzentrieren sich zunächst auf die Anwendung, Durchführung und Auswertung von Experteninterviews, wobei anhand von Beispielstudien die Erstellung von leitfadengestützten Interviews diskutiert wird. Das Pendant bildet der Beitrag von Robert Kaiser, der sich mit offenen Interviews beschäftigt und semi-strukturierte und narrative Verfahren in den Mittelpunkt rückt und wesentliche Typen der offenen Befragung sowie einige wesentliche Regeln vorstellt. Katrin Prinzen behandelt in ihrem Beitrag dann Gruppendiskussionen und Fokusgruppeninterviews als Erhebung von Gruppendaten und Einzeldaten in Gruppensituationen. Sina Birkholz, Annett Bochmann und Jan Schank widmen sich dem Thema Ethnografie und Teilnehmende Beobachtung. Der Beitrag erläutert zentrale Prinzipien ethnografischer Forschung und bettet diese in unterschiedliche Strömungen der Ethnografie ein. Bernd Schlipphak und Mujtaba Isani führen mit ihrem Beitrag Designing Survey Questions and Choosing Survey Formats grundlegend in die Umfrageforschung ein. Mithilfe vieler Beispiele formulieren sie so eine Reihe von Regeln, welche die Konstruktion von Fragebögen anleiten können. Die letzten drei Beiträge nehmen dann jüngere Entwicklungen von Datenerhebungsmethoden in den Blick: Der Aufsatz von Simon Munzert und Dominic Nyhuis widmet sich der Nutzung von Webdaten in den Sozialwissenschaften. Anhand praktischer Beispiele bietet der Beitrag eine Übersicht grundlegender Webtechnologien und führt in Techniken des Web Scraping ein. Jochen Maier und Thorsten Faas fokussieren dann auf Real-Time-Response-Messung als Methode zur rezeptionsbegleitenden Erfassung von Zuschauerbewertungen am Beispiel von TV-Duellen. Geodaten und deren Analyse in der Politikwissenschaft behandelt zuletzt dann noch der Beitrag von Nils B. Weidmann und Kristian Skrede Gleditsch, wobei räumliche Methoden grundsätzlich eingeführt und verschiedene Ansätze zur Erforschung räumlicher Phänomene vertiefend besprochen werden.

Mit einer Reihe von Beiträgen zu statistischen Verfahren beginnt der Abschnitt zu Auswertungstechniken. Kilian Sengs Beitrag bespricht zunächst multiple Regressionen mit unabhängigen Beobachtungen und stellt damit einige der zentralen Instrumente im Werkzeugkasten der Politikwissenschaft vor. Hieran aufbauend diskutiert der Beitrag von Conrad Ziller zu multiple Regression mit voneinander abhängigen Beobachtungen weiterführende Verfahren, wobei der Fokus auf Random- und Fixed-Effects Modellen liegt, die die gegenseitige Abhängigkeit von Beobachtungen unterschiedlich modellieren. Manuela Pötschke führt grundlegend in Mehrebenenmodelle zur Analyse von hierarchischen Datenstrukturen und Phänomenen ein. Carl C. Berning präsentiert Strukturgleichungsmodelle, die die gleichzeitige Messung latenter Variablen und die Modellierung komplexer kausaler Beziehungen ermöglichen. Sebastian Jäckle stellt in seinem Beitrag einige der gängigen Verfahren der Event-History-Analysis vor, die zur Analyse von Transitionsprozessen eingesetzt wird. Der Beitrag von Philip Leifeld konzentriert sich auf die Netzwerkanalyse in der Politikwissenschaft und behandelt eine Reihe von Methoden zur Analyse von Interaktionen oder Beziehungen zwischen Akteuren. Martin Neumann und Jan Lorenz geben einen Einblick in Verfahren zur agentenbasierten Simulation in der Politikwissenschaft, die sich zuvorderst dazu eignet, Mikro-Makro Schnittstellen und Interaktionen sozial eingebundener Akteure zu untersuchen. Der Beitrag Datenvisualisierung für Exploration und Inferenz von Richard Traunmüller präsentiert ein innovatives Instrumentarium zur angewandten Datenanalyse mittels Visualisierungsstrategien und führt diese anhand diverser Anwendungsbeispiele ein. Arndt Leiningers Aufsatz widmet sich mit Forecasting ebenfalls einem wachsenden Forschungsfeld und liefert einige grundlegende Überlegungen zur Prognose von politischen Phänomenen. Jeff Gill und Richard Traunmüller stellen Bayesianische Inferenz als Alternative zur klassischen Statistik vor, wobei die wesentlichen Grundzüge Bayesianischen Denkens und zentrale Techniken behandelt werden.

Der Beitrag von Derek Beach diskutiert Process Tracing Methods, die in jüngster Zeit einen regelrechten Boom erfahren haben. Ausgehend von unterschiedlichen Verständnissen von Kausalmechanismen werden hier verschiedene Techniken und Ansätze zur Analyse selbiger erörtert. Der Beitrag von Claudius Wagemann und Markus B. Siewert gibt einen umfassenden Überblick über Qualitative Comparative Analysis als Ansatz zur Untersuchung mengentheoretischer Zusammenhänge und zeichnet die Technik anhand zentraler Analyseschritte nach. Der Aufsatz von Sabrina J. Mayer zu Hauptkomponentenanalyse und explorative Faktorenanalyse führt die Messung von komplexen Variablen anhand von Datenreduktion und explorierender Messmodelle ein. Clusteranalysen stehen dann im Mittelpunkt des Beitrags von Pascal D. König, wobei vor allem hierarchisch-agglomerative Techniken, das K-Means-Verfahren und modellbasierte Gruppenbildungen auf Basis angenommener Wahrscheinlichkeitsverteilungen besprochen werden.

Ein weiter Themenblock widmet sich der Analyse von Texten und Diskursen. Sven-Oliver Proksch stellt hier zunächst einige wichtige Verfahren der computergestützten Textanalyse vor, die in den vergangenen Jahren enorm an Bedeutung gewonnen haben. Er vermittelt einen Überblick über die wichtigsten Techniken wie die der wörterbuchbasierten Analyse, Textskalierung, Textklassifikation oder Topic Models. Der Beitrag von Swen Hutter präsentiert dann die Grundzüge und Begrifflichkeiten der quantitativen Inhaltsanalyse, wobei zentrale Schritte der Datenerhebung sowie des Kodierprozesses im Mittelpunkt stehen. Arvid Schors geht in seinem Beitrag noch auf die historische Quellenanalyse ein. So werden einige allgemeine Spezifika der historischen Perspektive herausgearbeitet und aufgezeigt, wie diese auch für politikwissenschaftliche Fragestellungen hilfreich ist. Ruth Wodaks Beitrag behandelt die Diskursanalyse und stellt mit dem Ansatz der Kritischen Diskursforschung ein Forschungsprogramm vor, welches sich besonders zur problemorientierten Untersuchung komplexer sozialer Phänomene eignet. Den Abschluss des Handbuchs bildet der Aufsatz Videographie von Dorothee Gronostay und Sabine Manzel, der einen Einblick in die Analyse von Videodaten gibt und bespricht, wie diese sowohl quantitativ wie auch qualitativ ausgewertet werden können.

Dieses Handbuch verfolgt den Anspruch, Qualität im Hinblick auf Methodenverwendung zu sichern. Gerade in einer Zeit, in der die Wissenschaftsforschung Transparenz- und Replikationselemente zu vermissen beginnt und anzunehmen ist, dass wissenschaftliche Erkenntnisse durch problematische Anwendung von Verfahrensweisen unerwünschten Verzerrungen unterliegen (siehe z. B. Baker 2016; Camerer et al. 2018; Freese und Peterson 2017), stellt sich die Qualitätsfrage drängender denn je. Dazu kommt, dass auch die öffentliche Aufmerksamkeit für sozialwissenschaftliche Forschung zunimmt und Forschungsergebnisse nicht selten Gegenstand öffentlicher Debatten sind (Nichols 2017). Würde es also noch einer externen Motivation bedürfen, um das eigene politikwissenschaftliche Arbeiten methodisch hoch-qualitativ machen zu wollen, so fallen unseren Leserinnen sicher genügend aktuelle gesellschaftliche Prozesse ein, die genau diese Notwendigkeit unterstreichen.

Insofern verweisen wir bewusst und gerne nochmals auf unsere anwendungsbezogene Perspektive auf Methoden: Eine Methode mag noch so elaboriert und formal korrekt in Lehrbüchern existieren, letztlich kommt es aber eben doch auf den Modus ihrer Verwendung an. Schließlich dienen Methoden dazu, uns zu mehr Wissen über politische Zusammenhänge zu führen. Und an diesem Anspruch sind letztendlich dann auch die Methoden der Politikwissenschaft zu messen.

Fußnoten

  1. 1.

    Wie wir unten darstellen werden, heißt dies weder, dass die anderen Herangehensweise keine Methoden nutzen (sie nutzen vielmehr wiederum ihnen eigene Methoden), noch dass es nur die Methoden sind, die die unterschiedlichen Zugänge zum Gegenstandsbereich ‚Politik‘ differenzieren. So greifen alle vorgestellten Akteurinnen auf unterschiedliche Repertoires bereits zuvor erarbeiteten Wissens zurück, und die wissenschaftliche Betrachtungsweise ist zusätzlich auf eine besondere Art durch den Rückgriff auf und die Verwendung von Theorien gekennzeichnet.

  2. 2.

    Die Verwendung der weiblichen Form soll weder Männer noch andere Geschlechtsverständnisse diskriminieren. Angesprochen fühlen sollen sich vielmehr alle. Gleichzeitig verwenden wir bewusst die weibliche Form, weil gerade im Methodenbereich die Unterrepräsentation von Frauen noch eklatanter scheint als ohnehin schon in der Politikwissenschaft. Die Herausgeber (allesamt Männer, wie im Methodenbereich so oft) würden sich freuen, wenn dieser Band gerade auch Frauen in der deutschsprachigen Politikwissenschaft ansprechen würde.

  3. 3.

    Wir setzen dabei aber das Vorhandensein irgendwelcher Daten voraus. Das heißt, während wir anerkennen, dass auch Subdisziplinen wie die Politische Theorie oder die Didaktik der Politikwissenschaft einen Begriff von Methoden haben, behandeln wir diese aufgrund ihrer großen Unterschiedlichkeit zu den hier dargestellten Methoden nicht in diesem Band.

  4. 4.

    Selbstverständlich ist diese Unterteilung stets etwas künstlich: So gehen die einzelnen Phasen des Forschungsprozesses, die damit beschrieben werden, im Regelfall ineinander über und bedingen einander. Insofern ist unsere Gliederung vor allem organisatorischer Natur, und informierte Leserinnen mögen alternative Ideen hinsichtlich der Zuordnung haben.

Literatur

  1. Baker, Monya. 2016. 1,500 scientists lift the lid on reproducibility. Survey sheds light on the ‚crisis‘ rocking research. Nature. https://www.nature.com/news/1500-scientists-lift-the-lid-on-reproducibility-1.19970. Zugegriffen im März 2020.
  2. Bauer, Nina, und Jörg Blasius, Hrsg. 2019. Handbuch Methoden der empirischen Sozialforschung, 2. Aufl. Wiesbaden: Springer VS.Google Scholar
  3. Camerer, Colin F., et al. 2018. Evaluating the replicability of social science experiments in nature and science between 2010 and 2015. Nature Human Behavior 2:637–644.CrossRefGoogle Scholar
  4. Freese, Jeremy, und David Peterson. 2017. Replication in social science. Annual Review of Sociology 43(1): 147–165.CrossRefGoogle Scholar
  5. King, Gary, Robert O. Keohane, und Sidney Verba. 1994. Designing social inquiry. Scientific inference in qualitative research. Princeton: Princeton University Press.CrossRefGoogle Scholar
  6. Nichols, Tom. 2017. The death of expertise. The campaign against established knowledge and why it matters. Oxford: Oxford University Press.Google Scholar
  7. Ragin, Charles C. 1994. Constructing social research. Thousand Oaks: Pine Forge Press.Google Scholar
  8. Schnell, Rainer, Paul B. Hill, und Elke Esser. 2018. Methoden der empirischen Sozialforschung, 11. Aufl. München: de Gruyter Oldenbourg.Google Scholar
  9. Shapiro, Ian. 2002. Problems, methods, and theories in the study of politics, or what’s wrong with political science and what to do about it. Political Theory 30(4): 596–619.CrossRefGoogle Scholar

Copyright information

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Authors and Affiliations

  • Claudius Wagemann
    • 1
    Email author
  • Achim Goerres
    • 2
  • Markus B. Siewert
    • 3
  1. 1.Institut für PolitikwissenschaftGoethe Universität FrankfurtFrankfurt am MainDeutschland
  2. 2.Institut für Politikwissenschaft (IfP)Universität Duisburg-EssenDuisburgDeutschland
  3. 3.Hochschule für Politik, TU MünchenMünchenDeutschland

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