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Ethnografie und Teilnehmende Beobachtung

  • Sina BirkholzEmail author
  • Annett Bochmann
  • Jan Schank
Living reference work entry
Part of the Springer Reference Sozialwissenschaften book series (SRS)

Zusammenfassung

Die Ethnografie fahndet nach Wegen und Methoden, um gelebte und praktizierte Sozialität sowie lokales Wissen empirisch zu untersuchen. Sowohl in der eigenen Gesellschaft als auch in fremdkulturellen Kontexten erforschen EthnografInnen Subkulturen, Organisationen oder Institutionen. Dieser Artikel führt in die Ethnografie als einen Forschungsansatz ein, der durch die Prinzipien der Iterativität, Gegenstandsangemessenheit und die Methode der teilnehmenden Beobachtung gekennzeichnet ist. Neben konkreten Hinweisen, wie ethnografische Forschung methodisch durchgeführt werden kann, geben wir einen Überblick zu theoretischen und methodologischen Strömungen der Ethnografie und ethnografischer Forschung in der Politikwissenschaft.

Schlüsselwörter

Qualitative Methoden Ethnografie Teilnehmende Beobachtung Methodologischer Situationismus Praxistheorie 

1 Einleitung

Die Ethnografie ist ein Forschungsansatz, der nach Wegen und Methoden fahndet, um gelebte und praktizierte Sozialität sowie lokales Wissen1 empirisch zu untersuchen. Sowohl in der eigenen Gesellschaft als auch in fremdkulturellen Kontexten nähern sich EthnografInnen Subkulturen, Organisationen oder Institutionen an. Sie erforschen die fortlaufende Organisation des Sozialen und Politischen.

Auch wenn jeder ethnografische Forschungsprozess in Abhängigkeit vom theoretischen Hintergrund, Erkenntnisinteresse und den Eigenheiten des spezifischen Feldes einzigartig ist, lässt er sich aus unserer Perspektive schematisch folgendermaßen skizzieren: Die EthnografIn begibt sich an einen Ort (bzw. mehrere)2 bspw. in ein Parlament oder Flüchtlingslager (Bochmann 2018), je nachdem, in welchem Kontext geforscht werden soll. Sie beobachtet dort über einen längeren Zeitraum hinweg Alltagspraktiken (bspw. die Gremiensitzungen oder die Verteilung von Hilfsrationen) und protokolliert ihre Beobachtungen und Reflektionen darüber in ihren Feldnotizen. Dabei sammelt sie auch weiteres Datenmaterial (z. B. Handbücher, Informationsbroschüren, Korrespondenzen) und/oder macht Aufzeichnungen von Gesprächen. Sie führt auch selbst Gespräche oder Interviews mit den Beteiligten im Feld durch. Dieses Material wird zu einem späteren Zeitpunkt weiter bearbeitet und analysiert. Die weiter ausgearbeiteten Feldnotizen liefern dann die ersten Bausteine für einen Text. In der Regel werden dieser Prozess des Datensammelns und die Verdichtung zu einem Text, sowie des Ein- und Austreten in das Forschungsfeld mehrmals wiederholt; der Prozess verläuft daher explorativ und iterativ. Über diesen Prozess erarbeitet sich die ForscherIn einen immer genaueren Fokus des Beobachtens, Notierens, Schreibens und damit letztlich die Forschungsergebnisse.

Diese kurze Skizze zeigt, dass Ethnografie keine reine Erhebungstechnik ist, sondern ein holistischer Forschungsansatz, der den gesamten Forschungsprozess bestimmt. Die teilnehmende Beobachtung bildet zwar den methodischen Kern des ethnografischen Forschungsprozesses; die Ethnografie geht zugleich jedoch weit über die Beobachtung hinaus. Sie beinhaltet einen spezifischen Umgang mit Fragen des Forschungsdesigns, der sich durch die Grundprinzipien der Induktivität, der Iterativität und eine grundsätzliche Gegenstandsangemessenheit auszeichnet. Damit teilt die Ethnografie die Grundprinzipien der interpretativen Sozialforschung (Flick 2016; Strübing und Schnettler 2004).3 Ethnographische Forschung arbeitet nicht mit theoriegeleiteten Variablen, der Berechnung hypothetischer Verhältnisse, oder dem Testen von Hypothesen. Stattdessen zeichnet sie sich durch ein betont induktives Schlussverfahren aus, in dem allgemeine Erkenntnisse aus beobachtbaren Phänomenen entwickelt werden. Zentral ist bei jeder Ethnografie die maximale Nähe der Forschenden zum Feld mit einer langfristigen Teilhabe an den und Beobachtung der Alltagspraktiken sowie die Dokumentation dessen. Das Entwickeln und Modifizieren theoretischer Konzepte und Kategorien aus der Arbeit am empirischen Material und die Perspektive der Teilnehmenden spielen eine herausragende Rolle. Die besondere Leistung der Ethnografie ist die analytische Beschreibung und Repräsentation sozialer Praktiken. Ihre Stärke besteht darin, Komplexitäten und vor allem Widersprüchlichkeiten sozialer und politischer Phänomene im Forschungsprozess zu würdigen, zu respektieren und ihnen methodisch Rechnung zu tragen (Verran 1999). EthnografInnen folgen daher keiner standardisierten Methodik, sondern entwickeln methodische Vorgehensweisen in Abhängigkeit des Gegenstands und des spezifischen Forschungsfeldes.

Angesichts dessen kann der folgende Aufsatz kein ethnografisches Regelwissen darstellen, welches befolgt werden soll. Das Ethnografieren wird vor allem über die Praxis gelernt. Als gute Vorbereitung für die eigene ethnografische Forschung gilt auch das Lesen anderer Ethnografien. Ziel des vorliegenden Artikels ist es daher, einen ersten Einblick in ethnografisches Arbeiten und Denken zu geben, Möglichkeiten aufzuzeigen, wie ethnografische Forschung gestaltet werden kann und Inspiration für die weitere Auseinandersetzung mit ethnografischer Forschung anzubieten. In Abschn. 2 führen wir zunächst in die historische und (inter-)disziplinäre Entwicklung sowie verschiedenen Theorien und Methodologien der Ethnografie ein. Den Grundprinzipien der Transparenz und Reflexivität folgend machen wir deutlich, dass unterschiedliche Schulen jeweils eigene Schwerpunkte und Ansprüche formulieren, und dass unsere eigene Verortung im methodologischen Situationismus den vorliegenden Artikel prägt. Anschließend geben wir in Abschn. 3 einen Einblick in die Relevanz und Präsenz der Ethnografie speziell in der Politikwissenschaft. Hier haben wir uns für einen kursorischen Überblick entschieden, um LeserInnen thematisch relevante Ansatzpunkte zu bieten. In Abschn. 4 des Artikels erläutern wir, wie ethnografische Forschung praktisch durchgeführt werden kann, und stellen etablierte Arbeitstechniken vor, die – bei aller Differenz der Ansätze und individueller Forschungsprojekte – breite Anwendung finden. Dabei verweisen wir an passenden Stellen gezielt auf detailliertere Ausführungen in politikwissenschaftlich relevanten Ethnografien und umfassenderen Handbüchern zur Ethnografie.

2 (Inter-)Disziplinäre Entwicklung und Theorien der Ethnografie

Ethnografische Forschung wird von verschiedenen theoretischen und methodologischen Traditionen geprägt. Zum Nachteil der Leserschaft wird der theoretische Hintergrund häufig nicht expliziert. Im Folgenden werden daher kurz zentrale Strömungen und Entwicklungen diskutiert, ohne dabei den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben (Gobo 2008, S. 15–32; Breidenstein et al. 2013, S. 10–11).

2.1 Die Entstehung der Ethnografie in der Ethnologie und der Soziologie der Chicago School

Wir skizzieren zunächst die Entwicklung der Ethnografie von einem Ansatz zur Erforschung fremder Kulturen in der Ethnologie zu ihrer Etablierung in der Soziologie durch die Chicago School und die Soziologie des Alltags. Die Ethnografie entstand im 19. Jahrhundert in der Ethnologie bzw. Sozial- oder Kulturanthropologie.4 Als Forschungsansatz wurde sie zunächst kontrastierend bzw. ergänzend zur Ethnologie begriffen, deren zentrale Datenbasis vor allem Berichte von Reisenden, Kolonialbeamten und Missionaren waren. Seit den 1920er-Jahren avancierte die ethnografische Feldforschung jedoch zum zentralen Forschungsansatz innerhalb der Ethnologie. Sie wurde maßgeblich geprägt von Bronislaw Malinowksi (1979 [1922]) und bezieht sich in diesem Kontext vornehmlich auf die Erforschung fremdkultureller Gesellschaften, mit einem Aufenthalt der Forschenden über einen mehr als einjährigen Zeitraum hinweg in einem Dorf, Stamm bzw. einer überschaubaren Kleingruppe. Malinowski entwickelte die teilnehmende Beobachtung als Methode, um den native’s point of view, die sogenannte „emische“ Perspektive, zu verstehen (Malinowski 1979). Das Ziel ethnologischer Feldforschung war es, das charakteristische Leben, die Kultur sowie die soziale und politische Organisation einer fremden Gruppe zu dokumentieren, interpretieren und beschreiben (Geertz 1987). Die Ethnologie versteht sich bis heute als ethnografisch arbeitendes Fach.

Parallel dazu entwickelte sich die ethnografische Vorgehensweise, mit ihren sogenannten first hand observations, auch zu einem Vorbild für Forschungen in Gemeinschaften in den USA und Europa. SoziologInnen, die zwischen den 1920ern und den 1950ern an der Universität von Chicago erarbeiteten sich neue methodische Zugänge, um soziales Leben zu erforschen. Diese waren der ethnologischen Feldforschung sehr ähnlich, auch wenn hier zunächst eher von ‚Fall-‘ oder ‚Milieustudien‘ gesprochen wurde als von ‚Ethnografien‘ (Whyte 1943). Die Arbeiten der Chicago School verdeutlichen, dass angesichts der Existenz ethnisch ausdifferenzierter Stadtviertel sowie der Spezialisierung und Professionalisierung von Wissen auch in unserer eigenen Gesellschaft Fremdheitserfahrungen allgegenwärtig sind.

Die sogenannte Alltagssoziologie wiederum fokussiert alltägliche Formen von Fremdheit. Sie wurde vornehmlich von Alfred Schütz (1972) auf den Weg gebracht. Schütz zeigt, dass das Wissen über unseren Alltag selbstverständlich erscheint und im Alltagshandeln routiniert und unreflektiert eingesetzt wird.5 Wir können uns auf unsere Alltagsroutinen blind verlassen, gerade auch in unserer täglichen Arbeit in beruflichen Kontexten. Ohne diese Selbstverständlichkeit würden wir handlungsunfähig. Während diese für gelingendes Alltagshandeln zentral ist, geht es der Alltagssoziologie genau darum, derartige Selbstverständlichkeiten aufzudecken. Des Weiteren lernen wir von Schütz, dass das Problem des Fremdverstehens ein allgemeines Problem des Sozialwissenschaftlers (Konstruktionen zweiter Ordnung) wie auch des ordinary man (Konstruktionen erster Ordnung) ist -und eben nicht nur ein ethnologisches Dilemma (Schütz 1972, S. 3–54). Auch Erving Goffmans Arbeiten müssen in diesem Kontext genannt werden, da sein Konzept der Interaktionsordnung wegweisend für ethnografisches Arbeiten ist (Goffman 1974).

Die Chicago School wie auch die Soziologie des Alltags zeigen, dass wir nicht weit reisen müssen, um ethnografisch arbeiten zu können. Neuere Debatten zur Ethnografie fordern die aktive Befremdung der eigenen Kultur, um unhinterfragte Annahmen unseres Alltagswissens explizieren zu können (Hirschauer und Amann 1997).

2.2 Vom Naturalismus zur ‚Writing Culture‘-Debatte

Auch wenn die Ethnografie in der Ethnologie und Soziologie groß geworden ist, ist sie durch ihre Betonung der Gegenstandsangemessenheit auch für politikwissenschaftliche Phänomene interessant, relevant Die Forschungspraktiken, -routinen und -methoden sowie auch das Erkenntnisinteresse sind vom Gegenstand, dem Forschungsfeld und/oder der Empirie abhängig zu machen. Dabei sind die Methoden nachrangig gegenüber dem Gegenstand (Garfinkel 2002, S. 175).

Vor allem die Annahmen des Naturalismus beeinflussten diese Entwicklungen, sowie die interpretativen Theorien und Methodologien im Allgemeinen. Insbesondere sind hier der Pragmatismus, der symbolische Interaktionismus (aus dem die populäre Grounded Theory hervorgegangen ist), die Phänomenologie, die Hermeneutik und die Ethnomethodologie zu nennen. Diese theoretischen Traditionen argumentieren, dass die soziale Welt nicht mit einfachen kausalen Beziehungen oder durch subsumptionslogische Schlüsse verstehbar ist. Es gibt keine universellen Regeln, die soziales Verhalten erklären können. Stattdessen wird Sozialität kontinuierlich konstruiert und rekonstruiert, auf Basis der Interpretationen der Menschen und durch die Situationen, in denen sie handeln.

Der Naturalismus orientiert sich an einem naturwissenschaftlichen Modell der Wissenschaft. Ausgangspunkt ist ein epistemologischer Realismus, der bis in die 1950er in der Wissenschaftsphilosophie dominierte. Im Naturalismus gilt es, die soziale Welt möglichst ohne Einflussnahme der Forschenden zu untersuchen sowie natürliche Daten zu sammeln und nicht durch Forschende hervorgebrachte Experimente oder Interviews. Daraus entstand die Prämisse, dass die Forschung und ihre Methodik dem Forschungsgegenstand angepasst werden müssen. Qualitätskriterium ist hier die möglichst getreue Wiedergabe des untersuchten Phänomens und nicht spezifische methodologische Prinzipien. Der Naturalismus versteht soziale Phänomene als objektiv, real existierend, unabhängig von den Forschenden. Er folgert, dass Forschung Wissen über die soziale Welt erbringen kann, und dass dieses höheren Wert oder höhere Gültigkeit hat als das Wissen der Menschen, die untersucht werden (Hammersley und Atkinson 2007, S. 11).

Spätestens seit den 1960er-Jahren begannen EthnografInnen, diesen Naturalismus zu hinterfragen. Es wurden Zweifel an der Fähigkeit von Ethnografien geäußert, soziale Welten nach Art des Naturalismus zu fassen, und zunehmend alternative Positionen entwickelt (Geertz 1987). Konstruktivistische und kulturell relativistische Perspektiven argumentieren, dass Forschungsergebnisse und Aussagen über die soziale Wirklichkeit grundsätzlich abhängig von den Interpretationen der WissenschaftlerInnen sind. Es existiert keine neutrale Beobachtungsbasis, da das Wissen über die Welt zwischen verschiedenen paradigmatischen Vorannahmen ausgehandelt wird (Kuhn 1962). Des Weiteren problematisierte die sogenannte Writing Culture Debatte (Clifford und Marcus 1986) die ethnografische Repräsentation. Dies führte zu einer Sensibilisierung für und Reflexion der Macht von EthnografInnen gegenüber ihren Forschungsfeldern (Berg und Fuchs 1993). Metaethnologische Analysen ethnografischer Texte zeigten, dass EthnografInnen einen rhetorischen Stil nutzen, um möglichst glaubhaft und realistisch Beobachtungen wiederzugeben. Diskutiert werden Autorenschaft und Autorität, Ethnozentrismus und Probleme des sogenannten Otherings, sowie die Herausforderung, dass persönliche Eigenschaften der ForscherIn (Geschlecht, Alter, Race und andere sozio-strukturelle Merkmale) die produzierten Ergebnisse auf mehreren Ebenen (bspw. Zugang zum Feld, Art der Beobachtung und Analyse, Schreibstil) beeinflussen. Die Politiken der Ethnografie (Clifford und Marcus 1986) wurden stark vom Marxismus und der Kritischen Theorie beeinflusst, sowie vom Feminismus und Poststrukturalismus.

2.3 Gegenwärtige Ethnografie zwischen Konstruktivismus und Naturalismus

Was genau bedeuten die Debatten zum Naturalismus, Realismus und Konstruktivismus nun für den Forschungsprozess der Ethnografie? Ein starker Naturalismus, der naiv von der Korrespondenz von Realität und Repräsentation ausgeht, also die Vorstellung, dass ethnografische Berichte die soziale Realität ohne weiteres wiedergeben könnten, wird heute zwar weitgehend abgelehnt. Dass Daten und Forschungsergebnisse von WissenschaftlerInnen konstruiert sind, heißt jedoch nicht automatisch, dass diese nicht ein soziales Phänomen repräsentieren können. Entscheidend für ethnografische Untersuchungen ist zu erkennen und zu reflektieren, dass Erklärungen und Beschreibungen über ein soziales Phänomen produziert werden, die durch selektive Beobachtungen und theoretische Hintergründe der Forschenden beeinflusst sind. Der Forschungsprozess beinhaltet also eine Spannung zwischen Konstruktivismus und Naturalismus, die schwer aufzulösen ist (Breidenstein et al. 2013).

Die hier kurz vorgestellten Debatten spiegeln zentrale theoretische Probleme qualitativer Methoden im Allgemeinen, wie sie auch von den unterschiedlichen Theorien und Methodologien interpretativer Sozialforschung thematisiert und bearbeitet werden (Strübing und Schnettler 2004). Daran anschließend möchten wir auf die komplexe Diskussion der Kriterien für gute qualitative Sozialforschung verweisen (Flick 2016; Schwartz-Shea und Yanow 2006, 2012). Innerhalb der durchaus diversen interpretativen Sozialforschung ist man sich zwar weitgehend einig, dass sich die Qualität interpretativer Sozialforschung nicht an denselben Gütekriterien messen lässt, die für quantitative Forschung etabliert wurden (Flick 2016; Schwartz-Shea und Yanow 2012, S. 92–95; Steinke 2008).6 Bisher gibt es jedoch keine von allen Strömungen unterstützte Festlegung auf bestimmte Gütekriterien. Bereits die Frage, ob eine derartige Festlegung sinnvoll sei, ist umstritten (Pachirat 2006, S. 376–377). Als kleinster gemeinsamer Nenner der diversen Ansätze ließen sich aber das Prinzip der Gegenstandsangemessenheit, die Empirienähe der Konzeptbildung, sowie die Transparenz und Reflexivion der eigenen Positionalität und der Entscheidungen im Forschungsprozess nennen (Schwartz-Shea und Yanow 2012, S. 91–114).

2.4 Praxistheorie und methodologischer Situationismus in der Tradition der Alltagssoziologie

Unsere folgende Darstellung der ethnografischen Verfahrensweise (Abschn. 4) orientiert sich am methodologischen Situationismus, der Praxistheorie und der Ethnomethodologie. Diese Traditionen erscheinen uns besonders fruchtbar für die empirische Erforschung aktueller politikwissenschaftlicher Themen, wie zum Beispiel der (beruflichen) Alltagspraktiken in Organisationen und politischen Institutionen. Der methodologische Situationismus geht davon aus, dass soziale Ordnung in und durch Situationen und situative(n) Praktiken realisiert wird (Knorr-Cetina 1981). Dieser Situationsbegriff ist in der Tradition der Alltagssoziologie insbesondere von Goffman (1974, 1963) zu verstehen und von Adele Clarkes (2012) Situationsbegriff zu unterscheiden, der in der Tradition der Grounded Theory und des (Post-) Strukturalismus steht.

Die Praxistheorie kann als eine Art Familie bezeichnet werden, die verschiedene Methodologien, Theorien und AutorInnen integriert.7 Trotz ihrer Heterogenität teilen diese zentrale Merkmale, die ein ethnografisches Vorgehen nahelegen: Soziale Ordnung wird über Materialität sozialer Praktiken hergestellt, die Verankerung dieser in Körpern und Artefakten steht im Mittelpunkt der Untersuchung. Auch empirisches Forschen und Theoriearbeit wird stets zusammen gedacht (Schmidt 2012, S. 33–37). Einigkeit herrscht zudem darüber, dass die Herstellung sozialer Ordnung ein öffentliches, beobachtbares Geschehen darstellt.8 Demzufolge ist das Beobachten auch die grundlegende Form praxistheoretischer Forschung. Die Ethnomethodologie wird als Teil dieser praxistheoretischen Familie verstanden. Sie zeichnet sich gegenüber den verwandten Ansätzen dadurch aus, dass sie den Situationismus methodisch und theoretisch außerordentlich fokussiert. Ethnomethodologische Studien untersuchen, wie über alltagspraktische Handlungen soziale Wirklichkeit methodisch hergestellt wird. Ethnomethodologen bleiben während der Feldforschung möglichst nah an Situationen und Ereignissen, da sie soziale Ordnung als eine fortlaufende und situative Hervorbringung von organisierten Praktiken verstehen (Garfinkel 1967). Über die situativen Durchführungen (doings) wiederum stellen Mitglieder einer Gesellschaft soziale Ordnung her. Die ForscherIn ist bestrebt, diese „zu sehen, zu beschreiben und zu erklären“ (Zimmerman und Wieder 1970, S. 289).

3 Ethnografische Ansätze in der Politikwissenschaft

Auch wenn sich die frühe Politikwissenschaft durchaus für „close encounters with politicians’ daily life“ (Stepputat und Larsen 2015, S. 8; Schatz 2009c, S. 4) interessierte, und die ethnografischen Arbeiten James Scotts (1987) und Richard Fennos (1990) Berühmtheit erlangten, gilt die Ethnografie in der Politikwissenschaft als marginalisiert. So diagnostiziert Jan Kubik noch 2009, dass politikwissenschaftliche Forschung meist in einer (naiv) naturalistischen Ontologie des Sozialen gründe und teilnehmende Beobachtung daher nicht nutze (Kubik 2009, S. 28). Angesichts der politikwissenschaftlichen Orientierung an naturwissenschaftlicher Methodologie wurde der Ethnografie in dieser Disziplin wenig „professioneller und institutioneller Raum“ gegeben (Schatz 2009c, S. 1; Stepputat und Larsen 2015, S. 8).

PolitikwissenschaftlerInnen, die ethnografisch forschen wollen, finden daher methodische Anregungen bisher vor allem in Standardwerken der qualitativen Sozialforschung (Baur und Blasius 2014; Flick 2013, 2016). In der spezifisch politikwissenschaftlichen Methodenliteratur ist die Ethnografie unterrepräsentiert, und die teilnehmende Beobachtung wird oft als eine Daten-Sammel-Methode unter vielen behandelt (Alemann 1995; Behnke et al. 2012; Westle 2009; Schöne 2005).9 Epistemologische Fragen, welche eine Entscheidung für die Ethnografie als Forschungsansatz aufwerfen, werden kaum reflektiert (Vrasti 2008). Die teilnehmende Beobachtung wird mitunter unhinterfragt in ein realistisches, naturalistisches Forschungsverständnis eingebettet (Behnke et al. 2012).

In den vergangenen Jahren haben sich die Teildisziplinen der Politikwissenschaft jedoch zunehmend für interpretative und ethnografische Ansätze geöffnet. Lie (2013) spricht gar von einem „ethnographic turn“ in den Internationalen Beziehungen (IB). Dieses zunehmende „Momentum“ (Stepputat und Larsen 2015, S. 8) hat auch zur Ausbildung epistemischer Gemeinschaften geführt, die methodologische Debatten zu interpretativen und ethnografischen Ansätzen in ihren Feldern vorantreiben. Im folgenden Abschn. 3.1 werden kurz die zentralen Punkte dieser methodologischen Auseinandersetzungen kritisch dargestellt, bevor ein Überblick über politikwissenschaftliche Ethnografien gegeben wird.

3.1 Methodologische Anpassungen der Ethnografie in der Politikwissenschaft

Als Meilensteine in der politikwissenschaftlichen Diskussion um ethnografische (und allgemeiner: interpretative) Ansätze gelten die Bände Dvora Yanows und Peregrine Schwartz-Sheas (2006; 2012), sowie Edward Schatz’ Political Ethnography (Schatz 2009a). In Political Ethnography ist der Untertitel „what immersion contributes to the study of power“ Programm: die Beiträge zu Themen wie industrielle Schlachthäuser in den USA (Pachirat 2009), baskische Separatisten (Zirakzadeh 2009) und Bürgerkrieg in El Salvador (Wood 2009) teilen einen gewissen Grad an „Immersion“10 und ein Interesse an Machtverhältnissen. Gerahmt werden die diversen Artikel vom Begriff der „Politischen Ethnografie“ sowie den Ideen der „ethnographic sensibility“ und des „nearest possible vantage point“ (Schatz 2009a). Mit dem Konzept der ethnografischen Sensibilität trennt Schatz allerdings die Ethnografie von der teilnehmenden Beobachtung: „If ethnography is a sensibility, participant observation is only one among the methods that might be used“ (2009, S. 6). Ethnografie definiert er als eine Haltung, die sich durch das Interesse an den Bedeutungen auszeichnet, die Menschen der sozialen und politischen Realität zuschreiben, und durch die Bereitschaft für das emotionale Engagement, das mit dieser Art von Forschung einhergeht (Schatz 2009c, S. 5–6).

Während diese Forschungshaltung durchaus mit einer ethnografischen Forschungslogik in Einklang steht, wäre sie unseres Erachtens jedoch präziser als „interpretative Forschungshaltung“ zu benennen (Schwartz-Shea und Yanow 2012). In unseren Augen kann in einer Ethnografie die teilnehmende Beobachtung nicht einfach durch den Anspruch ersetzt werden, einen „nearest possible vantage point“ einzunehmen (Schatz 2009b, S. 307). Dies unterschlägt zentrale Unterschiede zwischen einer Ethnografie, deren methodischer Kern die teilnehmende Beobachtung ist, und die die Körperlichkeit und Situationsgebundenheit sozialer Praktiken erfasst, und anderen Formen interpretativer Forschung, die Bedeutungen und Interpretationen fokussieren, aber ohne Teilnehmen und Beobachten auskommen. Für die politikwissenschaftliche Forschung erscheint daher eine Unterscheidung von field research im Allgemeinen und den site-intensive methods Ethnografie und teilnehmende Beobachtung (Kapiszewski et al. 2015) sinnvoll. Nicht jede Forschung im Feld verdient den Namen Ethnografie, und nicht jedes Notieren von Beobachtungen ist teilnehmende Beobachtung.11

Ebenso wie Schatz ist auch Yanow daran interessiert, das Potenzial der Ethnografie für die Politikwissenschaft zu mobilisieren und betont, dass ethnografische Forschung und politikwissenschaftlich relevante Themen eine gemeinsame Vergangenheit haben (Schatz 2009c, S. 3–4; Yanow 2009). Es ginge somit mehr darum, die Ethnografie für politikwissenschaftliche Anliegen wieder zu entdecken. Zugleich schlägt sie eine Anpassung der Ethnografie und/oder teilnehmenden Beobachtung an das Erkenntnisinteresse der Politikwissenschaft vor. Eine Variante der Anpassung besteht in einer Spezifizierung der Ethnografie, z. B. als Organisationsethnografie oder Policy-Ethnografie (Ybema et al. 2009; Yanow 1996). Verglichen mit den meisten etablierten Varianten soziologischer und ethnologischer Ethnografie zeichnen sich diese durch früh feststehende, relativ enge Foki, eine starke Zentrierung auf Dokumentanalysen sowie relativ kurze Feldaufenthalte aus. Dies entspricht in etwa dem Verständnis Tanja Pritzlaffs, welche bemerkt, dass die ethnografische Politikforschung „ihre Anknüpfungspunkte eher in jenen ethnografischen Verfahren, die entlang einer enger zugeschnittenen inhaltlichen Fragestellung operieren“, gefunden habe (2006, S. 126). Sie entspricht dem, was in der Soziologie als fokussierte (Knoblauch 2001) oder thematische Ethnografie (Wiesner et al. 2003) - zum Teil rechtkritisch - diskutiert wird (Knoblauch 2001; Hirschauer 2001).

3.2 Überblick ethnografischer Studien zu politikwissenschaftlichen Themen

Der beschriebenen Öffnung der Politikwissenschaft zum Trotz lohnt sich auf der Suche nach Ethnografien zu politikwissenschaftlich relevanten Themen der Blick in andere Disziplinen (Kubik 2009, S. 30–49).12 Oft entstehen Studien auch an der Schnittstelle zwischen Vergleichender Politikwissenschaft und Regionalwissenschaften (Apter 1973, S. 5, zit. in Schatz 2009c, S. 3; Kubik 2009). Zu nennen sind hier beispielsweise Studien zur politischen Legitimität und Zauberei in Subsahara-Afrika (Schatzberg 2001) und zu Drogenhandel, Gewalt und Sicherheit in Lateinamerika (Arias 2006). Politikwissenschaftlerinnen mit Nahost-Fokus forschten ethnografisch z. B. zur politischen Symbolik in der syrischen Autokratie (Wedeen 1999) und zu informellen Netzwerken und politischer Partizipation in Kairo (Singerman 1995; Harders 2002). Auch in der deutschen politischen Soziologie finden sich ethnografische Studien, die innovative Perspektiven auf zentrale politikwissenschaftliche Themen eröffnen, wie Helmar Schönes (2010) Studie zur parlamentarischen Kultur in Deutschland, Teresa Koloma-Becks Arbeit (2012) zu Normalität im Bürgerkrieg oder Katharina Inhetveens (2010) und Annett Bochmanns (2017) Monografien zur Ordnung des Flüchtlingslagers im Globalen Süden. Klaus Schlichte (2016) und Alex Veit (2010) wiederum verweben in ihrer Forschung zu (internationalisierter) Herrschaft und Staatlichkeit in Subsahara-Afrika ethnografische Elemente mit historischer Soziologie.

Der (Re-)Import der Ethnografie in die IB ist aus der sozialkonstruktivistischen Wende hervorgegangen und stark mit dem practice turn verwoben (Vrasti 2008, S. 291–293).13 Hierzu zählt Ivers Neumanns (2007) teilnehmende Beobachtung zum Verfassen von Reden im norwegischen Außenministerium, die eine alternative Perspektive auf deren institutionelle Funktion aufzeigt, sowie Rebecca Adler-Nissens und Vincent Pouliots (2014) Analyse zur Produktion von Macht in Verhandlungen zur Libyen-Intervention.

In der Interventionsforschung scheint sich die Adaption ethnografischer Ansätze aus der Beschaffenheit des Untersuchungsgegenstandes zu ergeben. Sowohl bei der konventionellen Entwicklungszusammenarbeit als auch den (liberalen) State- und Peacebuilding-Interventionen folgen die PraktikerInnen wie auch die Forschenden dem Pfad der klassischen (administrativ-kolonialen) Ethnografie und begeben sich in einen fremdkulturellen Kontext.

Es ist daher kaum verwunderlich, dass gerade in diesen Feldern verstärkt ethnografische Ansätze adaptiert werden.14 Morten Boas’ Forschung zum Beispiel befasst sich schwerpunktmäßig mit der Handlungsmacht lokaler Akteure und den politischen Dynamiken in den Interventionsgesellschaften (Jennings und Boas 2015; Boas und Tom 2016). Berit Bliesemann de Guevara (2017) analysiert die offiziellen Feld-Visiten deutscher Politiker als Performances und fragt nach deren Rolle für Wissensproduktion und deutsche Außenpolitik. Lisa Smirls (2008) und Mark Duffields (2010) Texte konvergieren bezüglich ihrer raumbezogenen Kritik interventionistischer Architektur, der bunkerisation of aid, und den damit produzierten Subjektivitäten. Duffield stützt sich dabei v. a. auf Beobachtungen, die während seiner Arbeit für die UN im Sudan entstanden. Séverine Autessere, deren Bücher The Trouble with the Congo (2010) und v. a. Peaceland (2014) als Aushängeschilder der ethnografischen Peacebuilding-Forschung gelten, baute ihre Forschung auf ihren Erfahrungen als Praktikerin auf. Auch David Mosses (2011) stark rezipierter Sammelband Adventures in Aidland15 zeigt die Nähe von Praxis und Forschung in Interventionen, was die Karrieren der AutorInnen wie auch die Inhalte betrifft. Gerade angesichts der Parallelen zur Rolle kolonialer Ethnografie ist eine kritische Reflexion der eigenen Involviertheit, von Macht und Positionalität umso nötiger. Während diese Problematiken in der Ethnologie und Anthropologie spätestens seit der Writing Culture Debatte (Clifford und Marcus 1986; siehe Abschn. 2.2) und dem Entstehen der Post-Kolonialen Theorie stark thematisiert werden, scheint die politikwissenschaftliche Ethnografie diese Diskussionen weitgehend zu ignorieren (Vrasti 2008).

Auch in der Policy-Forschung scheint das Aufgreifen der Ethnografie stark theoretisch motiviert. Die in diesem Zusammenhang entstandene Interpretative Policy-Analyse (IPA) zeichnet sich vor allem durch eine Nähe zu pragmatistischen und interpretativen Theorien der Sozialwissenschaften aus. Die IPA sieht sich in der Tradition von Michael Lipsky (1980), der in Street-level Bureaucracy die entscheidende Rolle der alltäglichen Arbeit und der Entscheidungen von Angestellten auf den unteren Rängen der Bürokratie für die Policy-Implementierung hervorhebt. Gegenwärtige Vertreter der IPA sind Vincent Dubois (2017a, b) mit seiner Ethnografie des französischen Wohlfahrtsstaates, Yanow (1993, 1996) mit ihrer Forschung zur Israel Corporation of Community Centers sowie die AnthropologInnen Chris Shore16 und Susan Wright (1997; Altmann und Shore 2014), die die IPA ebenfalls maßgeblich prägen. In Yanows und Wrights Arbeiten wird in besonderem Maße auch die Nähe der IPA zur interpretativen Organisationsforschung deutlich (Wright 2002; Yanow 1992, 1993; Ybema et al. 2009). Als deutschsprachige Studie ist vor allem die Micro-Policy-Analyse der Hochschulpolitik von Achim Wiesner, Tanja Pritzlaff und Frank Nullmeier (2003) bekannt. Wie Ethnografien im Allgemeinen sind auch diese politikwissenschaftlichen Ethnografien extrem unterschiedlich verfasst, und kein Handbuchartikel kann die Lektüre der konkreten ethnografischen Texte ersetzen. Auch die nun folgende Beschreibung ethnografischer Methoden und Arbeitstechnik skizziert daher nur einen Möglichkeitsraum und kein Regelwerk.

4 Ethnografische Methoden und Arbeitstechniken

In diesem Abschnitt stellen wir etablierte Techniken und Praktiken vor, die zeigen, wie die eingangs dargestellten methodologischen Grundprinzipien der Ethnografie in der Forschungspraxis umgesetzt werden können. Wie qualitative Forschung allgemein, geht die Ethnografie von einer gegenseitigen Verschränkung von Theorie und Empirie aus (Kalthoff et al. 2008). Der Forschungsprozess zielt darauf, „dass das empirische Material theoretische Konzepte irritieren, sich gegen zu schnelle Vereinnahmungen wehren und auch zu Überraschungen und damit auch zu Neuerungen führen kann“ (Kalthoff 2008, S. 23–24).

Wie dieses Ziel erreicht werden kann, stellen wir in diesem Abschnitt dar, indem wir die wesentlichen Arbeitstechniken ethnografischer Forschung skizzieren. Dazu geht Abschn. 4.1 auf die zentrale Methode der teilnehmenden Beobachtung ein und erläutert, wie mit der Spannung zwischen teilnehmen und beobachten umgegangen werden kann. Abschn. 4.2 bespricht kurz die verschiedenen Textsorten, die als Ergebnis der teilnehmenden Beobachtung entstehen, und deren Verhältnis zueinander. Die Abschn. 4.3, 4.4 und 4.5 adressieren jeweils ergänzende Materialformen (Ton- und Videoaufzeichnungen, natürliche Daten und Dokumente sowie Interviews und Gespräche) und wie diese die teilnehmende Beobachtung in der ethnografischen Forschung ergänzen (können). Abschn. 4.6 stellt den ethnografischen Schreib- und Analyseprozess vor.

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, kann es sich hier um kein Rezeptwissen handeln, sondern die jeweiligen Verfahrensweisen sind stets an die eigenen, spezifischen Forschungsinteressen und -situationen anzupassen.17 Unser oben dargestellter methodologisch-situationistischer Hintergrund hat Konsequenzen für die Praxis der ethnografischen Forschung. Sie zielt nicht auf eine Beobachtung „von nirgendwo“, sondern stellt den situativen Charakter sozialen Geschehens in den Mittelpunkt der Untersuchung und versteht sich selbst ebenfalls als situierte Praxis (s. 2.4). Forschende platzieren sich zunächst „inmitten“ dieses Geschehens. Diese Involviertheit der Forschenden im Feld erfordert ein hohes Maß an Reflexivität und Transparenz gegenüber der LeserIn. Der Feldzugang zu diesem Platzieren kann mit strukturellen Problemen verbunden sein und erfordert, „ungewohnte Zumutungen in Kauf zu nehmen“ (Wolff 2008a, S. 334). Schwierigkeiten beim Feldzugang werden mitunter als Argument gegen Ethnografie in der Politikwissenschaft angeführt. Pouliot (2013, S. 50–51) z. B. erkennt explizit das Potential der Ethnografie für das Herausarbeiten impliziten Wissens und praktischer Logiken an, erklärt die teilnehmende Beobachtung im selben Atemzug jedoch – ohne Angabe konkreter Gründe – als „oft impraktikabel“ für die IB. Diese Schlussfolgerung erscheint uns voreilig. Auch in schwer zugänglichen Institutionen wie Parlamentsfraktionen (Laube et al. 2017; Schank 2016; Scheffer 2015) und politisch brisanten Kontexten wie Flüchtlingslagern und (Nach-) Kriegsgesellschaften (Bochmann 2017; Koloma-Beck 2017) ist ethnografische Forschung möglich. Der Feldzugang kann bereits Auskünfte über die Logiken des Feldes geben (Pachirat 2009). Im Falle Bochmanns (2017) beispielsweise war ein langfristiger und offizieller Aufenthalt westlicher Personen in burmesischen Flüchtlingslagern in Thailand verboten – lokale Autoritäten entschieden jedoch anders. Dieser Feldzugang verweist auf Logiken im Feld, nämlich die Macht lokal etablierter Mikrostrukturen, die von offiziellen Regelungen auf anderen politischen Ebenen abweichen können (Bochmann 2017).

4.1 Die Teilnehmende Beobachtung

EthnografInnen nehmen an Situationen teil, um die Praktiken rekonstruieren zu können, anhand derer die Teilnehmenden ihre situierten Aktivitäten vollziehen. Im Unterschied zu den Teilnehmenden steht die EthnografIn jedoch vor der Herausforderung, die Methoden, mit denen die Teilnehmenden die Situation und ihre Handlungsprobleme bearbeiten, detailliert dokumentieren und beschreiben zu müssen (Garfinkel 1967, S. 75). Dies führt zu einer gewissen Spannung zwischen den beiden Polen der Teilnahme und der Beobachtung: je stärker die FeldforscherIn in die Situation involviert ist (je höher also der Grad der Teilnahme), desto schwieriger wird die Beobachtung; umgekehrt stehen ein aufmerksames Beobachten und mitlaufendes Notieren der Eindrücke u. U. einer starken Teilnahme im Weg. Die Möglichkeiten, die Forschenden zur Verfügung stehen, um teilzunehmen, sind sehr stark abhängig von der jeweiligen Situation sowie allgemeineren Charakteristika des Feldes (Wertordnung, etablierte Positionen, typische Aktivitäten usw.; Breidenstein et al. 2013, S. 71–75). An einer parlamentarischen Sitzung oder einem Treffen zwischen FlüchtlingsvertreterInnen in einem Flüchtlingslager bspw. wird man wahrscheinlich nur in der Position der „ZuhörerIn“ teilnehmen. Diese Situationen bieten mit ihren relativ geringen Anforderungen an die Teilnahme den Vorteil, dass unterschiedliche Aspekte im Wechsel beobachtet und diese Beobachtungen auch mitlaufend notiert werden können. Andere Kontexte hingegen ermöglichen andere Arten der Teilnahme, wie bspw. das Verfassen von Textentwürfen als PraktikantIn in einem ReferentInnenbüro. Die hohen Teilnahmeanforderungen bieten der FeldforscherIn die Möglichkeit, den praktischen Anforderungen dieser Aktivität an die Teilnehmenden deutlich näher zu kommen und selbst zu erfahren, was dazu gehört, einen parlamentarischen Text zu entwerfen. Während dieser eher teilnehmenden Situationen lassen sich Beobachtungen jedoch kaum unmittelbar notieren, was daher zeitnah nachgeholt werden muss.

Allgemein empfehlen wir in einem ersten Schritt, möglichst viele unterschiedliche Situationen mit ihren Orten, Akteuren und Aktivitäten zu sammeln und zu dokumentieren. Die FeldforscherIn erstellt eine Art „Inventar“ an Situationstypen, relevanten Orten, Akteuren und Aktivitäten sowie darin/dafür benutzten Materialien („grand tour“; Spradley 1980). Diese anfänglich offenen, explorativen Beobachtungen werden dann im weiteren Verlauf – abhängig von konkreten Forschungsinteressen, sich im Feld ergebenden Gelegenheiten sowie vorläufigen Ergebnissen – sukzessive fokussiert (Spradley 1980) und intensiviert (Breidenstein et al. 2013). Georg Breidenstein et al. (2013, S. 75–80) nennen vier Techniken, über die eine Intensivierung der Beobachtung erreicht werden kann:
  1. (1)

    Die Wiederholung der Beobachtungen: z. B. kann durch das teilnehmende Beobachten vieler einzelner Gremiensitzungen im parlamentarischen Betrieb oder der Distribution von Rationen in einem Flüchtlingslager ein Verständnis über typische und untypische Verläufe, mögliche Hindernisse und Störungen, die impliziten Gütekriterien der Teilnehmenden usw. erwachsen.

     
  2. (2)

    Bei der Mobilisierung der Beobachtung folgen Forschende den beobachteten Aktivitäten anhand der durch die Teilnehmenden bewerkstelligten Verknüpfungen verschiedener Situationen. Die teilnehmende Beobachtung wird so in Bewegung versetzt (Bourdieu 1991). In dieser Weise kann aus der Beobachtung vieler, praktisch verketteter Arbeitssituationen im Parlament, in einer Partei oder einer internationalen Organisation eine dichte Beschreibung ganzer Prozesse bzw. Verfahren erwachsen (Scheffer 2001, 2015).

     
  3. (3)

    Perspektivenwechsel werfen Licht auf mögliche Verständnisprobleme, unterschiedliche Wissensbestände oder ganz allgemein verschiedene Handlungsprobleme unterschiedlicher Gruppen im Forschungsfeld. Mit der teilnehmenden Beobachtung in Institutionen wie Lagern (Bochmann 2017) kann z. B. durch den Wechsel der Perspektiven der unterschiedlich präsenten Akteure (Paramilitär und LagerbewohnerInnen) rekonstruiert werden, mit welchen alltäglichen Herausforderungen die jeweilige Seite konfrontiert wird und welche Mittel zu deren Bearbeitung diese – gemeinsam oder auch gegeneinander – entwickeln und ins Felde führen (vgl. Scheffer 2001). Wie genau solche Perspektivenwechsel zu vollführen sind, ist selbstverständlich von den organisatorischen Charakteristika des Feldes abhängig. So ist es z. B. relativ unproblematisch, bei einer Ethnografie im Parlament die dort vollzogene Praxis für je einige Wochen aus der Perspektive der Abgeordneten bzw. der ReferentInnen einer Fraktion zu verfolgen; ein (rascher, offener) Wechsel zwischen Fraktionen würde aber sehr wahrscheinlich das für einen fortgesetzten Zugang notwendige Vertrauen überstrapazieren. Eben diese Zugangsgrenzen und die Praktiken ihrer Kontrolle durch die Teilnehmenden ermöglichen dann Rückschlüsse auf Charakteristika des Feldes, wie z. B. Konkurrenz- und Kooperationsverhältnisse zwischen den Akteuren sowie die daran geknüpften Beobachtungs- und Kontrollpraktiken.

     
  4. (4)

    Unabdingbar ist die Fokussierung der Beobachtung. Fokussierungen sollten so gewählt werden, dass sie besondere Einblicke in die praktischen Logiken des Feldes, seine Strukturen, Werte und Normen sowie die Praktiken ihrer Realisierung und/oder besondere theoretische Einsichten und Überraschungen ermöglichen. Hinweise dafür liefern z. B. Situationen, die für die Teilnehmenden besonders kritisch sind und entsprechend vorbereitet werden, oder auch solche, die für die Forschenden besondere Irritationen oder Rätsel aufwerfen (Schank 2016). Breidenstein et al. (2013) bezeichnen die Fokussierung als „ein entscheidendes Qualitätsmerkmal der sich entwickelnden Beobachtungen: Man lernt genauer hinzuschauen, mehr Details wahrzunehmen und präziser auszuwählen.“ (S. 79; Hervorh. i. O.)

     

4.2 Feldnotizen, Beobachtungsprotokolle, Memos

Die teilnehmend beobachteten Situationen und Aktivitäten sind hochgradig flüchtig (Bergmann 1985). Die teilnehmende BeobachterIn muss das soziale Geschehen in einer Weise rekonstruieren, die es ermöglicht, es später am Schreibtisch im Hinblick auf die situativen Herausforderungen und Handlungsressourcen der Teilnehmenden zu analysieren. Teilnehmende Beobachtung ist also kein Datenerhebungsverfahren im üblichen Verständnis; vielmehr generiert sie das, was der Analyse als „gegeben“ (lat. datum) gilt, aus den Beobachtungen. Neben dem Auflesen „natürlicher Daten“ (siehe Abschn. 4.3) und dem technisch unterstützten Aufzeichnen einzelner Gespräche und Situationen ist das wichtigste Mittel die Verschriftlichung der eigenen Sinneseindrücke der Forschenden.

Mit dem Schreiben beginnt bereits der Prozess der Analyse. Dies liegt am damit implizierten Zwang zur Selektion (der auch bei Nutzung technischer Hilfsmittel bestehen bleibt). Jegliche Beschreibung ist notwendig selektiv. Damit stellt sich für Forschende das Problem zu entscheiden, was relevant ist. Hierfür kann es keine allgemeingültige Lösung geben, wohl aber einige Richtlinien und etablierte Prinzipien. Während in den frühen Phasen der teilnehmenden Beobachtung (fast) alles relevant und interessant erscheinen wird, treten mit zunehmender Sozialisation der Forschenden in das Forschungsfeld immer mehr Aspekte der TeilnehmerInnenaktivitäten in den Hintergrund. Beides steht einer intensiven Beobachtung offensichtlich im Wege: im einen Fall übersteigen die neuen Eindrücke die Fähigkeit der NovizIn zu deren Aufnahme, im anderen ist die ForscherIn als ExpertIn bereits so gut mit den Abläufen vertraut, dass es immer schwieriger wird, überhaupt etwas als interessant zu erkennen (Nicolini 2009). Ein sorgfältiges Dokumentieren der Schritte dieses Sozialisationsprozesses, der idealerweise immer wieder von feld-ferneren Phasen der reflektierenden Bestandsaufnahme unterbrochen sein sollte, ist daher unabdingbar für eine ethnografische Forschung (Breidenstein et al. 2013; Spradley 1980; Emerson et al. 1995).

Es entstehen verschiedene Arten von Texten, die grob anhand ihrer zeitlichen und sachlichen Nähe zum teilnehmend beobachteten Geschehen sortiert werden können: mitlaufende Feldnotizen (und ggf. technisch gestützte Aufzeichnungen), Gedächtnisprotokolle, Memos und analytische Notizen. Wann immer möglich, sollten in Echtzeit Notizen zum teilnehmend beobachteten Geschehen angefertigt werden. Aufgrund der oben beschriebenen Spannung zwischen Teilnahme und Beobachtung sind diese Notizen meist kursorisch. Daher ist es für die Analyse unabdingbar, diese zeitnah zu ausführlicheren Memos auszuarbeiten. Sollte ein mitlaufendes Notieren nicht möglich sein, müssen ex post Gedächtnisprotokolle des Geschehens angefertigt werden, die später ebenso wie die Notizen zu Memos ausgearbeitet werden. Am weitesten vom Geschehen im Feld entfernt sind analytische Notizen, welche die dokumentierten Beobachtungen mit wissenschaftlichen Kategorien, der eigenen Fragestellung und/oder theoretischen Konzepten in Verbindung bringen.

4.3 Ton- und Videoaufnahmen

Um der Flüchtigkeit des sozialen Geschehens entgegenzuwirken, können auch ergänzend technische Hilfsmittel (Ton- und Videoaufnahmen) eingesetzt werden. Sie können u. E. jedoch die Feldnotizen nicht einfach ersetzen. Das Schreiben von Notizen fordert mehr Reflexion der eigenen Beobachtungsleistung sowie der Aufmerksamkeit und ihrer Grenzen und erlaubt einen deutlich flexibleren Umgang mit Foki während der Beobachtung, z. B. durch die nachträgliche Überarbeitung der Notizen.

Technisch unterstützte Aufzeichnungen bieten allerdings die Möglichkeit, die Gedächtnisleistung zu unterstützen: so können einzelne wörtliche Äußerungen oder körperliche Darstellungen wiederholt und sehr detailliert betrachtet werden. Dies kann genutzt werden, um die schriftlichen Beschreibungen des Geschehens zu vervollständigen und zu verdichten. Dennoch ist es unerlässlich, auch während der Teilnahme an den aufgezeichneten Situationen v. a. solche Details, Stimmungen usw. zu notieren, die sich dem menschlichen Beobachter aufdrängen oder in anderer Weise nicht von der Technik aufgefangen werden können. Die körperliche Anwesenheit der ForscherIn ermöglicht es, Stimmungen (seien es Langeweile und Müdigkeit in Sitzungen oder auch die Hektik und Unübersichtlichkeit einer Demonstration) am eigenen Leib zu erleben. Damit wird auch eine andere Qualität und Intensität des Nachvollzuges der situativen Dynamiken und Zwänge sowie der Umgangsweisen der Teilnehmenden möglich.

4.4 Dokumente, Texte, Artefakte

Während der ausgedehnten Feldaufenthalte ergeben sich i. d. R. zahlreiche Gelegenheiten, die eigenen Beobachtungen durch weitere, natürliche Daten (also solche, die nicht speziell zum Zwecke der Forschung hergestellt wurden, sondern auf die praktischen Anliegen im Feld verweisen) zu erheben. Gerade in formal-organisationalen Kontexten werden dies v. a. Akten, Dokumente, Broschüren, Formulare u. ä. Schriftstücke sein (Wolff 2008b, S. 502). Die teilnehmende Beobachtung liefert dann wertvolle Hinweise, wie diese in ihre praktischen Kontexte eingebettet sind, bzw. dient als Mittel, zu rekonstruieren, welche konkreten Leistungen Texte und andere Artefakte in bestimmten Situationen für den Vollzug der Aktivitäten im Feld erbringen. Eine Feldforschung, die sich in erster Linie für die Praktiken des Erstellens „politischer Sachpositionen“ im Betrieb einer Parlamentsfraktion interessiert (Scheffer 2015; Laube et al. 2017), wird z. B. zahlreiche Episoden der Arbeit an und mit Texten wie Anträgen, Positionspapieren, Reden beobachten. Deren feld-interne (Zwischen-)Produkte, wie fortfolgende Versionen, Sitzungsprotokolle usw. sind zu sammeln und gemeinsam mit Feldnotizen der jeweiligen Arbeitsepisoden zu dokumentieren.

4.5 Ethnographische Interviews und Feldgespräche

FeldforscherInnen führen zahlreiche Gespräche (oder auch Interviews) mit Teilnehmenden im Feld. Diese sollten je nach Situation und etablierten Vertrauensverhältnissen dokumentiert werden. Derartige Gespräche können bspw. Aufschluss über Erfolgs- und Misserfolgsgeschichten geben, die im Feld typischerweise zirkulieren. Speziell Geschichten, die Forschenden in den frühen Phasen der Feldforschung erzählt werden, ähneln häufig Lehrstücken, anhand derer NovizInnen in die Qualitätskriterien und normativen Ordnungen des Feldes eingeführt werden. Als solche bieten sie potenziell wertvolle Hinweise auf analytische Schlüsselthemen. Schließlich können dokumentierte Gespräche auch genutzt werden, um (Versionen von) Beschreibungen und Deutungen von Ereignissen zu erhalten, bei denen die ForscherIn nicht selbst zugegen sein konnte. Dabei gilt zu beachten, dass diese – aus Sicht des methodologischen Situationismus – nicht dekontextualisierte Abbildungen der berichteten Ereignisse oder Dokument stabiler subjektiver Zustände darstellen. Interviews liefern also keine getreuen Abbilder vergangener Erfahrungen oder Meinungen und Einstellungen, die ein „Subjekt“ immer und überall gleichermaßen kennzeichnen, sondern sie sind situationsspezifische, praktisch vollzogene Darstellungsleistungen der Teilnehmenden, die jeweils auch auf die konkrete Forschungsperson und Interaktion abgestimmt sind. In einer praxissensiblen Ethnografie sind sie daher eher in Bezug auf die eingesetzten Darstellungsformen und -praktiken als auf den darin repräsentierten Inhalt zu analysieren.

4.6 Schreib- und Analysetechniken

Bei den Phasen der Analyse und des Schreibens steht die EthnografIn vor den Herausforderungen, aus dem Material auszuwählen und analytische Themen zu fokussieren. Feldforschung häuft meist Berge von Notizen, Memos, aufgesammelten Artefakten, Ton- und Videoaufzeichnungen an. Diese gilt es zu systematisieren und relevante Beispiele auszuwählen. Nur die wenigsten der während der zeitaufwendigen Feldaufenthalte gesammelten Materialien werden es in den finalen Text schaffen. Doch ist der Aufwand nicht umsonst: gerade aufgrund der langen Feldaufenthalte und der Teilnahme an der Praxis kann die FeldforscherIn fundiert einschätzen, welche Beobachtungen mehr oder weniger typisch waren, welche Situationen Ausnahmen und welche die Regel darstellen, welche für die Teilnehmenden aus welchen Gründen mehr oder weniger erfolgreich verlaufen waren, usw.

Zum (anfänglichen) Erschließen des Materials empfiehlt sich das Codieren der Materialien nach formalen Gesichtspunkten. Dies führt zur Explikation und Abstraktion der Daten zunehmend nach analytischen (anstelle der vorher im Vordergrund stehenden beschreibenden) Kriterien. Damit werden Relationen zwischen einzelnen Beobachtungen, Ereignissen und Episoden hergestellt, und diese – im Feld meist chronologisch notierten – Elemente nach inhaltlichen Gesichtspunkten sortiert (Breidenstein et al. 2013, S. 124–138; Emerson et al. 1995, S. 142–168). Das Sortieren erlaubt das Identifizieren regelmäßig wiederkehrender Muster in den Materialien. Diese Muster interpretiert die Ethnografie (wie andere praxistheoretische Ansätze auch) als routinisierte Lösungen auf regelmäßig auftretende praktische Probleme. Regelmäßigkeiten im Material werden also genutzt, um die Maschinerie zu rekonstruieren, die zu der beobachteten Regelmäßigkeit geführt hat (Sacks 1992). So werden über die Zeit im Wechselspiel zwischen den praktischen Relevanzen des Feldes und den analytischen Relevanzen der Forschenden analytische (Schlüssel-)Themen und/oder Fallstudien generiert, die den entstehenden ethnografischen Text strukturieren und fokussieren (Spradley 1980, S. 140–159; Emerson et al. 1995, S. 170–196; Breidenstein et al. 2013, S. 156–161).

In der Analyse wechselt ethnografische Forschung typischerweise von einer eher naturalistischen zu einer eher konstruktivistischen Forschungshaltung (vgl. Abschn. 2.3). Während die Feldphasen v. a. davon geprägt sind, in einer naturalistischen Haltung die Aktivitäten der Teilnehmenden zu dokumentieren, sind die (meist abwechselnd mit den Feldphasen sequenzierten) Schreibtischphasen eher konstruktivistisch gerahmt. Sie sind in erster Linie darauf ausgerichtet, aus dem anfallenden Berg an Material auszuwählen, Verbindungen herzustellen und die teilnehmend beobachteten und dokumentierten Aktivitäten auf ihre praktischen Probleme, Zwecke und Lösungen hin zu befragen. Damit kommt dem Schreiben eine zentrale Rolle im Forschungsprozess zu: durch das fortlaufende Umschreiben der Feldnotizen, das Komponieren einzelner Beobachtungen zu Serien oder Vignetten, der Wahl eines analytischen Fokus und der passenden Materialien und Episoden sowie der regelmäßigen Diskussion der Zwischenprodukte im KollegInnenkreis entsteht nach und nach eine analytisch aufschlussreiche Beschreibung. In diesem Prozess werden sich i. d. R. allmählich auch die Relevanzen der Forschung selbst verschieben. Das ethnografische Schreiben changiert ständig zwischen den Relevanzen der Teilnehmenden selbst, der eigenen Forschungsfrage und den dadurch implizierten analytischen Relevanzen. Im Verlauf der Forschung werden diese einander sukzessive angepasst, bzw. neu gewichtet. So entsteht schrittweise ein immer stärker fokussierter Text, der ein politisches Phänomen (z. B. die Ordnung eines Flüchtlingslagers oder die Arbeit an politischen Sachpositionen) inklusive seiner Komplexitäten und Widersprüchlichkeiten darstellt.

5 Fazit

Zusammenfassend zeichnet sich die Ethnografie durch ein iteratives und induktives Forschungsdesign aus, in dem Empirie, Theorie und Methode ständig in Abhängigkeit von sich entwickelnden Einsichten und Forschungsinteressen neu austariert werden. Wichtig sind aus unserer Sicht dafür zum einen die teilnehmende Beobachtung als zentrale Methode und der relativ lang andauernde und intensive Kontakt der Forschenden mit den Praktiken sowie den Teilnehmenden im Feld und die Dokumentation dessen. Nur so können die praktischen Anforderungen, routinisierten Lösungen und unhinterfragten Annahmen alltäglicher Arbeit – in politischen Kontexten wie andernorts – detailliert rekonstruiert und so der für die Ethnografie grundlegende Anspruch gegenstandsangemessener Beschreibungen zufriedenstellend bearbeitet werden.

Der ethnografische Forschungsstil entfaltet sich nicht zuletzt auch in einem fortwährenden Schreibprozess, der vom Registrieren und Dokumentieren im Feld über das Umarbeiten und Codieren der Feldnotizen bis zum Verfassen wissenschaftlicher Publikationen reicht. In diesem und durch diesen Prozess entstehen dichte Beschreibungen sowie Fallstudien und/oder analytisch herausgearbeitete Themen, die das jeweilige Feld mit seinen praktischen Logiken in besonderer Weise charakterisieren und theoretisch gehaltvolle wissenschaftliche Anschlüsse ermöglichen. Gegenstandsangemessenheit, die Dichte der erzielten Beschreibungen, ein Bewusstsein für die praktischen Zwänge und routinisierten Methoden des Feldes sowie ein reflektierter Umgang mit der eigenen Positionalität im Feld zählen zu den wichtigsten Qualitätskriterien ethnografischer Forschung. Dennoch steht die Ethnografie als Forschungsansatz vor den Herausforderungen der ethnografischen Repräsentation, und es gilt, diese Probleme in den einzelnen Studien zu bearbeiten. Trotz dieser Schwierigkeiten, des hohen Zeitaufwandes und der oft nicht einfachen Feldzugänge sollte die Ethnografie nicht abgelehnt oder verkürzt ausgenutzt werden. Wir hoffen, mit diesem Kapitel Interesse an ethnografischer Forschung geweckt und dazu ermuntert zu haben, das Potential der Ethnografie für die Politikwissenschaft weiter auszuschöpfen.

6 Kommentierte Literaturhinweise

Breidenstein et al. (2013) bieten eine umfassende, sehr anschauliche Einführung in die Methodologie und Praxis ethnografischer Forschung. Die zahlreichen Beispiele aus der praktischen Forschung zeigen die Bandbreite ethnografischer Vorgehensweisen und Ergebnisse. Der Band ermöglicht NovizInnen, sich für ihr jeweiliges Projekt passende Strategien auszuwählen. Der Sammelband von Stefan Hirschauer und Klaus Amann (1997) diskutiert das Potential und die Herausforderungen ethnografischer Forschung in der eigenen Kultur. Im Vordergrund steht die Heuristik des befremdenden Blickes gegenüber uns auf den ersten Blick bekannten und vertrauten Phänomenen, die Wissensinnovation und Theoriebildung ermöglicht. Dieses Forschungsprogram wird an einzelnen Studien bspw. zu behördlichen Kategorisierungen von Asylbewerbern, bürokratischen Veränderungs- und Übergangsprozessen oder zum Insasseninventar einer Haftanstalt veranschaulicht.

Michael Dellwings und Robert Prus’ (2012) Einführung orientiert sich am Interaktionismus und der klassischen Ethnografie der Chicagoer Schule und bietet umfangreiche, praxisorientierte Überlegungen zum Umgang mit Feldnotizen und dem Verfassen des ethnografischen Textes an.

Einschlägig für die Politikwissenschaft ist der Sammelband von Schatz (2009a), dessen einleitendes Kapitel einen möglichen Rahmen für Politische Ethnografie absteckt und dessen Einzelbeiträge eine große Bandbreite politikwissenschaftlich relevanter Phänomene abdecken. Einen sehr aktuellen und innovativen Einblick in gegenwärtige Debatten zur Ethnografie bietet Timothy Pachirat (2017). Unter anderem wird auch der je nach Fachkultur sehr unterschiedliche Umgang mit der Ethnografie, die Hinwendung zur Multi-sited Ethnografie und das koloniale Erbe der Ethnografie thematisiert. Die gewählte Darstellungsform – ein Theaterstück in sieben Akten – macht die verschiedenen Positionierungen greifbar und garantiert darüber hinaus ein spannendes Leseerlebnis.

Fußnoten

  1. 1.

    Mit lokalem Wissen meinen wir situatives Wissen; der Begriff ist hier also nicht im Sinne des Gegensatzes von „global“ und „lokal“ zu verstehen.

  2. 2.

    Spätestens mit Marcus’ (1995) Artikel zur „multi-sited ethnography“ ist in der Ethnographie eine Debatte entbrannt, ob in der gegenwärtigen Phase der Globalisierung eine Fokussierung auf Orte, d. h. Lokalitäten noch gegenstandsangemessen ist (Pachirat 2017, S. 27–29; Marcus 1995; Burawoy 2000). Viele gegenwärtige Ethnographien wenden sich globalisierten Prozessen und Phänomenen zu, die nicht an einem Ort lokalisierbar sind (Autessere 2014; Horst 2006).

  3. 3.

    Siehe Schwartz-Shea und Yanow (2012) für eine umfassende Darstellung interpretativer Forschungsdesigns im Allgemeinen, sowie Kapitel 12 dieses Bandes.

  4. 4.

    Während in Deutschland der Begriff der „Ethnologie“ am geläufigsten ist, setzte sich in den USA „Kulturanthropologie“ und in Frankreich und Großbritannien „Sozialanthropologie“ als Bezeichnung für die Disziplinen durch, die fremde Kulturen beforschen.

  5. 5.

    Dies sollte nicht zu dem Schluss führen, dass Menschen unreflektiert seien, doch erfordert Reflexion eine besondere Aufmerksamkeit und Anstrengung (Berger und Luckmann 1980).

  6. 6.

    Roos und Franke plädieren in diesem Band jedoch dafür, die Kriterien der Reliabilität, Repräsentativität, und Validität auch auf interpretative Forschung anzuwenden und um das Kriterium der Muße zu ergänzen. Dieser Position folgen wir nicht.

  7. 7.

    Darunter v.a.: die Ethnomethodologie, Goffmans Interaktionsstudien, die Sozialtheorie, die an den späten Wittgenstein anknüpft, die Figurationssoziologie Norbert Elias’, Anthony Giddens, Pierre Bourdieu sowie auch Bruno Latour, Michel Foucault und Judith Butler.

  8. 8.

    Öffentlichkeit ist dabei aber nicht gleichzusetzen mit Offensichtlichkeit und Sichtbarkeit (Schmidt 2012, S. 35).

  9. 9.

    Eine Ausnahme ist Behnke et al. 2006.

  10. 10.

    Dieses „Eintauchen“ ins Feld reicht von mehrmonatiger verdeckter Arbeit im Schlachthaus (Pachirat 2009) bis zur selektiven teilnehmenden Beobachtung von Community Meetings (Wood 2009).

  11. 11.

    Natürlich kann ein übertriebenes Beharren auf überbrachten Standards der Ethnographie, was z. B. Länge des Feldaufenthalts betrifft, in ein (selbst auferlegtes) „Polizieren“ der disziplinären Grenzen münden (Yanow 2009, S. 33). Wir möchten aber darauf hinweisen, dass die Benennung z.B. einer um gelegentliche Beobachtungen ergänzten Interviewstudie als Ethnografie nicht im Sinne der jeweiligen VerfasserIn sein kann, da eine so benannte Studie riskiert, von der wissenschaftlichen Community an anderen Qualitäts-Standards gemessen zu werden.

  12. 12.

    Auch aufgrund der Vorgaben von Verlagen wird in vielen der hier zitierten Studien die methodische Vorgehensweise nicht ausführlich dargestellt. Wir werden daher in Teil 4 Beispiele aus der Soziologie nutzen, um methodische Feinheiten besser herausarbeiten zu können.

  13. 13.

    Für eine Perspektive auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Ethnografie und Praxistheorie, siehe Bueger und Gadinger (2014).

  14. 14.

    Das genaue Ausmaß der teilnehmenden Beobachtung ist dabei nicht immer transparent. Tendenziell stehen bei Feldaufenthalten in der Politikwissenschaft nach wie vor das Sammeln von Dokumenten und die Interviewforschung im Vordergrund.

  15. 15.

    Stepputat und Larsen (2015) ordnen Mosses Arbeiten der IPA zu.

  16. 16.

    Weniger einschlägig aber empfehlenswert: Haller und Shore (2005).

  17. 17.

    Interessierte LeserInnen seien auch auf umfassendere Einführungstexte verwiesen, die je spezifische Varianten ethnographischen Forschens explizieren (Atkinson et al. 2001; Breidenstein et al. 2013; Dellwing und Prus 2012; Hitzler und Eisewicht 2016; Ybema et al. 2009).

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© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  1. 1.SFB Governance in Räumen begrenzter StaatlichkeitFreie Universität BerlinBerlinDeutschland
  2. 2.Allgemeine Soziologie, Philosophische FakultätUniversität SiegenSiegenDeutschland
  3. 3.Centre for Security and SocietyUniversität FreiburgFreiburg i.Br.Deutschland

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