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Natürlichkeit — Eine Besondere Form der Inhaltsfreiheit

  • András Horn
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Zusammenfassung

In Kunstformen, bei denen die ihnen eigentümliche menschliche Erscheinungsweise an sich „natürlich“, d.h. auch ausserhalb ihrer, realiter existierend ist (so z.B. in der Epik und im Drama), kann der Inhalt wohl nur dann vollends frei genannt werden, wenn er sich seiner Eigengesetzlichkeit gemäss manifestieren darf, wenn die betreffende menschliche Erscheinungsweise im Einklang bleibt mit der menschlichen Natur. Unter „Natur“ möchten wir in diesem Zusammenhang die Gesamtheit jener Gesetzmässigkeiten verstehen, die einen konkreten Menschen (und in ihm den Menschen) in einer konkreten Situation so und nicht anders bestimmen. Eine konkrete menschliche Subjektivität „natürlich“ darzustellen heisst, sie so zu bestimmen, wie sie bestimmt wäre, wenn sie real existierte; es heisst, im Geiste der Natur, „laut“ der Natur zu schaffen. Es geht nicht darum, etwas so darzustellen, wie es von der Natur geschaffen wurde, sondern wie es von ihr hätte geschaffen werden können. Dies ist, wie uns scheint, die einzig legitime, weil auf die grosse Kunst tatsächlich anwendbare Fassung der Natürlichkeit oder Wahrheit in der Kunstdarstellung, des viel bemühten Begriffes der Nachahmung der Natur.1

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Literatur

  1. 1.
    Dies ist nicht Hegels Interpretation. Er fasst den Begriff der Nachahmung eng und lehnt sie aus später noch darzulegenden Gründen ab. (Vgl. S. 89, Anm. 17). Die hier vertretene Auffassung ist jedoch seiner Ästhetik so wenig fremd, dass die Notwendigkeit und Anziehungskraft der weit interpretierten Nachahmung erst mit seinen ästhetischen Begriffen, erst im Zusammenhang mit den Problemen der Inhaltsfreiheit hinreichend erklärt werden können. Mit den Gründen, deretwegen die Natürlichkeit, wie ja überhaupt die Inhaltsfreiheit genossen wird, wird sich das letzte Kapitel dieses Buches zu befassen haben.Google Scholar
  2. 2.
    Wobei die blosse Scheinhaftigkeit des selbständigen Seins durch die notwendige Idealität und allgemeine Scheinhaftigkeit der Kunstwelt bedingt ist. Näheres hierüber siehe auf S. 67f, 89, 102.Google Scholar
  3. 3.
    Hegel hat sich in seiner Ästhetik der Bezeichnung „Illusion“ nicht bedient und auch dem Phänomen kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Bloss in einigen wenigen Formulierungen, so z.B. da, wo er von der „unabhängigen, für sich gilltigen und lebendigen Existenz der besonderen Seiten“ im Epos spricht, scheint er den Begriff der Illusion im Sinne gehabt zu haben (Ä/888, 973). Vgl. auch S. 6.Google Scholar
  4. 4.
    Kallias, S. 37f. Für die Hegelsche Analyse dieser scheinbaren Freiheit vom Grundinhalt, wie sie sich in Epik und Lyrik darbietet, siehe A/973, 1019. In diesem Zusammenhang darf es uns übrigens nicht stören, dass hier z.B. vom „Willen“ eines Baumes die Rede ist. Die „Menschlichkeit“ der Kunst zeigt sich bei nicht-menschlichem Thema nicht nur darin, dass alles Dargestellte notgedrungen im Spiegel eines menschlichen Bewusstseins, eben in dem des Künstlers erscheint, sondern auch in der Tatsache, dass in die künstlerische Form — ob sie an sich Menschliches darstellt oder nicht — ganz allgemein Seele projiziert wird und uns somit der Kunstinhalt immer als Subjektivität, als Willenhaftes erscheint. (Hierüber näheres siehe auf S. 72ff.)Google Scholar
  5. 9.
    Vgl. dazu die bereits zitierte Arbeit von Nicolai Hartmann: Hegel und das Problem der Realdialektik, sowie die ebenfalls ausserordentlich aufschlussreiche Abhandlung von Agnes Dürr: Zum Problem der Hegelschen Dialektik und ihrer Formen, Berlin 1938.Google Scholar

Copyright information

© Springer Science+Business Media Dordrecht 1969

Authors and Affiliations

  • András Horn
    • 1
  1. 1.BaselSchweiz

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