Advertisement

Die Entwicklung des „Gesetzes über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung“ (AVAVG) und der Arbeitslosenunterstützung

  • Claudia Brunner
Chapter
Part of the Reihe Geschichtswissenschaft book series (REIGE)

Zusammenfassung

Das am 1. Oktober 1927 in Kraft getretene „Gesetz über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung“ (AVAVG) kennzeichnete eine tiefgreifende Strukturreform, mit der das gesellschaftliche, politische und soziale Problem „Arbeitslosigkeit“ durch die Schaffung neuer Institutionen der Arbeitsverwaltung und die Programmierung einer zentralstaatlichen Arbeitsmarktpolitik effektiv bekämpft werden sollte. Das nach langwierigen parteipolitischen Auseinandersetzungen als Kompromißlösung zustandegekommene Gesetz, das eine der größten sozialpolitischen Errungenschaften der Weimarer Republik darstellte, unterlag in den Krisenjahren nach 1929 einem permanenten Korrosionsprozeß, der sich in ständigen Beitragserhöhungen bei gleichzeitigen Leistungseinschränkungen und -verschlechterungen bemerkbar machte und das hart erkämpfte Versicherungsprinzip mehr und mehr aufweichte. Eine ganze Reihe von Notverordnungen und Gesetzesänderungen schränkte nicht nur die politisch definierte Zugangsberechtigung und -dauer zu AVAVG-Leistungen ein, wodurch sich der ursprüngliche Versichertenkreis immer mehr reduzierte, sondern führte auch für alle Unterstützungsempfänger zu sukzessiven Leistungskürzungen, die auf dem Höhepunkt der Krise im Jahr 1932 einen Tiefstand erreichten. Ab diesem Zeitpunkt gewährte man Arbeitslosen- und Krisen-unterstützung nach stark gekürzten Einheitssätzen für eine Höchstbezugsdauer von nur noch sechs Wochen, so daß die meisten Arbeitslosen nach dem Ausscheiden aus der Arbeitslosenversicherung und nach Ablauf auch der Krisenunterstützung auf die äußerst knapp bemessenen Sozialleistungen der kommunalen Wohlfahrtspflege angewiesen waren. Noch vor der Machtübernahme reduzierte sich auf diese Weise die AVAVG-Unterstützung auf die Hälfte der 1927 gesetzlich vorgeschriebenen Leistung1.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Anmerkungen

  1. 1.
    Vgl. Frank Niess, Geschichte der Arbeitslosigkeit. Ökonomische Ursachen und politische Kämpfe: ein Kapitel deutscher Sozialgeschichte, Köln 1982, S. 183 ff.; Brunner, Arbeitslosigkeit, S. 55 ff.Google Scholar
  2. 2.
    Diese und die folgenden Ausführungen zur Arbeitslosenversicherung in der NS-Zeit entstammen der noch immer einen guten Überblick bietenden und sorgfältig zusammengestellten Publikation von Michael T. Wermel/Roswitha Urban, Arbeitslosenfürsorge und Arbeitslosenversicherung in Deutschland (Neue Soziale Praxis, Heft 6/111), München 1949, S. 73 ff.;Google Scholar
  3. sowie Volker Herrmann, Vom Arbeitsmarkt zum Arbeitseinsatz. Zur Geschichte der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung 1929 bis 1939, Frankfurt-Main/Berlin/Bern/New York 1993, S. 60 ff., 80 ff., 100 ffGoogle Scholar
  4. Hitler selbst lehnte die Arbeitslosenunterstützung als „Almosen“ zur Lösung des Problems „Arbeitslosigkeit” prinzipiell ab.Google Scholar
  5. Vgl. Jouko Jokisalo, Vom Bockmist zur geschichtsmäßigen Kraft. Determinanten und Wirkung der Heilsversprechen des „deutschen Sozialismus“ (1933–1939), Frankfurt-Main/Berlin/Bern/New York 1994, S. 140 f.Google Scholar

Copyright information

© Centaurus Verlag & Media UG 1997

Authors and Affiliations

  • Claudia Brunner
    • 1
  1. 1.MünchenDeutschland

Personalised recommendations