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Zur Ideologie des nationalsozialistischen Arbeitsstaats: die Durchsetzung des Arbeits- und Leistungszwangs

  • Claudia Brunner
Chapter
Part of the Reihe Geschichtswissenschaft book series (REIGE)

Zusammenfassung

In Abgrenzung zum verhaßten Weimarer Staat versuchten die Nationalsozialisten einen veränderten, „völkischen“ Vorstellungen entsprechenden Arbeitsbegriff und eine genuin „deutsche“ Arbeitsideologie durchzusetzen, die den Stellenwert sowohl der „Arbeit“ als auch des „Arbeiters” im „Dritten Reich“ neu definieren sollten. Da ein freier Arbeitsmarkt das Angebot von und die Nachfrage nach Arbeitskräften den selbstregulierenden Marktmechanismen überließ und sich an freiwilligen Vertragsverhältnissen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern orientierte, sollte ein Wechsel in der Terminologie die gänzlich andersgearteten Zielsetzungen der NS-Arbeitsmarktpolitik verdeutlichen. Die liberal-demokratische Prinzipien einschließenden Begriffe „Arbeitsmarkt“ und „Arbeitsmarktpolitik“ wurden schon kurze Zeit nach der Machtübernahme durch die Bezeichnungen „Arbeitseinsatz“ und „Arbeitseinsatzpolitik“ ersetzt 1, um diese Bereiche als staatspolitische Mittel zur Realisierung langfristiger politischer Ziele zu klassifizieren und die frühere Arbeitsmarktpolitik aus ihrer demokratischen Vergangenheit herauszulösen. „Arbeitseinsatz“ kennzeichnete die Aufhebung individueller Freiheitsräume und Gestaltungsmöglichkeiten zugunsten dirigistischer staatlicher Zwangseingriffe und die Funktionalisierung eines Politikbereichs fir ideologische Zielsetzungen. Der Terminologie-wechsel und die Angleichung von Sprache und Politik scheiterten jedoch teilweise am Beharrungsvermögen der Bürokratie und veranlaßten den Reichsarbeitsminister noch im Jahr 1942 zu folgender Anweisung:

„Vermeidung der Bezeichnung ‚Arbeitsmarkt.‘

Behörden und Stellen des öffentlichen Dienstes verwenden bei Erörterung von Angelegenheiten des Arbeitseinsatzes immer noch den Ausdruck ‚Arbeitsmarkt‘. Selbst in Rechtsvorschriften wird diese Bezeichnung gewählt.

Ich weise darauf hin, daß die Bezeichnung ‚Arbeitsmarkt‘ im nationalsozialistischen Staate durch den Begriff ‚Arbeitseinsatz’ abgelöst worden ist. Die Bezeichnung ‚Arbeitsmarkt’ beruht auf der liberalistischen Vorstellung, daß die Arbeitskraft der schaffenden Menschen eine Ware darstelle, deren Bezahlung sich wie auf einem Markte nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage richte. Der Begriff ‚Arbeitseinsatz’ dagegen bringt den Gesichtspunkt der staatlichen planvollen Lenkung der Arbeitskräfte nach übergeordneten staatspolitischen Notwendigkeiten zum Ausdruck, die Inhalt und Aufgabe der Arbeitseinsatzpolitik im nationalsozialistischen Staate ist.

Ich ersuche, den Ausdruck ‚Arbeitsmarkt‘ künftig in Schriftstücken und bei Erörterungen von Angelegenheiten des Arbeitseinsatzes nicht mehr anzuwenden.“ 2

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Anmerkungen

  1. 3.
    Erwin Guido Kolbenheyer, Arbeitsnot und Wirtschaftskrise biologisch gesehen, München 1935, S. 15, 17 (Hervorhebungen im Original).Google Scholar
  2. Zu Kolbenheyer, einem der bekanntesten Schriftsteller des „Dritten Reichs“, und zur NS-Literatur und ihrer Propagandawirkung vgl. Elisabeth Fix, „Wer die Jugend hat, dem gehört die Zukunft”. Nationalsozialistische Erziehung, Sprach- und Kulturpolitik im Zweiten Weltkrieg, in: Johannes Hampel (Hg.), Der Nationalsozialismus. Bd. III: Das bittere Ende 1939–1945, München 1993, S. 153–210, hier: S. 182 f.Google Scholar
  3. 4.
    Karl Arnhold, Leiste, Führe. Ein Leitfaden für den deutschen Betrieb, Dresden 1943 (3. Auflage), S. 65 f.Google Scholar
  4. Ähnlich auch der Münchner Professor Johannes Gerhardt, Deutsche Arbeits- und Sozialpolitik, Berlin 1939, S. 15.Google Scholar
  5. 5.
    Walter Schuhmann/Ludwig Brucker, Sozialpolitik im neuen Staat, Berlin 1934, S. 9 f.,14. Zynisch mutet in diesem Zusammenhang die Beteuerung an: „Der Mensch ist Mittelpunkt des irdischen Seins, nicht das Leihkapital“. A.a.O., S. 14.Google Scholar
  6. Eine ähnliche Definition der Notwendigkeit von Arbeit und der Hinweis auf die staatliche Nichtduldung von Untätigkeit findet sich auch in: Nationalsozialistischer Volksdienst. Heft 3/Dezember 1933, S. 62.Google Scholar
  7. 6.
    Achim Holtz, Laßt mir das Leben frei! München 1936, S. 25 (Hervorhebung im Original). Derselbe Autor fordert ein Recht auf Arbeit auch in seiner Schrift: Nationalsozialist - warum? München 1936, S. 31.Google Scholar
  8. Die notfalls mit Zwangsmitteln durchgesetzte Pflicht zur Arbeit im NS-Staat betont dagegen mehrfach die offenbar für Schulungszwecke verwendete Publikation: Das Deutsche Volk. Sein Wesen - seine Stände. Bd. 14: Die Deutsche Arbeitskunde, Leipzig o.J., S. 2, 168, 385.Google Scholar
  9. 7.
    Vgl. Führer durch die Ausstellung „Schönheit der Arbeit“ und „Die Arbeit in der Kunst”, München (Ausstellungspark) 16. Oktober 1937–6. November 1937, München o.J. (1937). „Schönheit“ wurde bezeichnenderweise stets mit „Sauberkeit” gleichgesetzt. So heißt es in der Broschüre (und in zahlreichen anderen NS-Publikationen): „Saubere Menschen im sauberen Betrieb. Dreck gehört oft zur Arbeit, aber nicht zum deutschen Arbeiter.“ A.a.O., S. 11.Google Scholar
  10. Die Darstellung von „schönen“ und „sauberen” Menschen, Betrieben, Bauwerken, Straßen, Kunstwerken usw. nimmt in der nationalsozialistischen Bildpropaganda einen auffallend großen Umfang ein.Google Scholar
  11. Vgl. hierzu auch Marita Krauss Bernhard Grau (Hg.), Die Zeichen der Zeit. Alltag in München 1933–1945, Berlin 1991, S. 115 ff;Google Scholar
  12. Elisabeth Angermair/Ulrike Haerendel, Inszenierter Alltag. „Volksgemeinschaft“ im nationalsozialistischen München 1933–1945, München 1993;Google Scholar
  13. Rudolf Herz, Hoffmann & Hitler. Fotografie als Medium des Führer-Mythos, München 1994, S. 70 ff.; sowie allgemein Wolfgang Benz, Herrschaft und Gesellschaft im nationalsozialistischen Staat. Studien zur Struktur- und Mentalitätsgeschichte, Frankfurt/Main 1990, S. 10 ff.Google Scholar

Copyright information

© Centaurus Verlag & Media UG 1997

Authors and Affiliations

  • Claudia Brunner
    • 1
  1. 1.MünchenDeutschland

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