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Die Artikel 5 und 6 der Europäischen Menschenrechtskonvention, die Praxis der Straßburger Organe und des Verfassungsgerichtshofes und das österreichische Verfassungssystem

  • Heinz Peter Rill

Zusammenfassung

Die Europäische Kommission und der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte erachten es als ihre Aufgabe, die EMRK “autonom” und “evolutiv” auszulegen. “Autonom” meint in diesem Zusammenhang, daß die in der Konvention verwendeten Begriffe nicht einfach unter Orientierung an der Qualifizierung nach nationalem Recht zu interpretieren seien, sondern als Begriffe einer eigenständigen, nämlich der durch die Konvention geschaffenen Ordnung verstanden werden müssen, ohne daß dabei allerdings auf einen wertenden Vergleich der einschlägigen Regelungen in den Konventionsstaaten verzichtet werden dürfe1. “Evolutiv” bedeutet, daß die in der Konvention gewährleisteten Rechte im Lichte der sich wandelnden sozialen Gegebenheiten und politischen Einstellungen auszulegen sind2. In jüngerer und jüngster Zeit haben diese beiden Merkmale der Straßburger Spruchpraxis eine neue Ausprägung erfahren. In der autonomen Auslegung tritt die wertende Rechtsvergleichung mehr und mehr in den Hintergrund. Die interpretative Evolution geht über die Berücksichtigung gewandelter sozialer Gegebenheiten und politischer Einstellungen hinaus und zeigt Tendenzen zum Umschlag in. die Revolution. Nicht von ungefähr spricht der VfGH angesichts dieser Entwicklung von “offener Rechtsfortbildung”3. Diese Rechtsfortbildung läßt — sei es qua Völker- und verfassungsrechtlicher Bindung, sei es kraft auch außerrechtlich begründeter Autorität der Straßburger Instanzen4 “ das österreichische Verfassungssystem nicht unberührt und weist — wie der VfGH meint — Tendenzen zu einer die Grenzen der Teiländerung der Bundesverfassung übersteigenden Fortentwicklung der in der Konvention verankerten Garantien auf.

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Notes

  1. 2.
    Berka, Die Europäische Menschenrechtskonvention und die österreichische Grundrechtstradition, ÖJZ 1979, 365 (366); EGMR-Urteile in den Fällen Lawless v 1. 7. 1961, Serie A Nr 3, 5 Z 14; Wemhoff v 27.6. 1968, Serie A Nr 7, 23 Z 8; Neumeister v 7. 5. 1974, Serie A Nr 17, 13 Z 30; Golder v 21. 2.1975, Serie A Nr 18, 16 f Z 36 uam; jüngst im Fall Deumeland v 29. 5. 1988, EuGRZ 1988, 6 Z 62; ebenso EKMR, Appl 788/60, YB 4 (1961) 116 (136); Appl 6289/73, EuGRZ 1978, 548.Google Scholar
  2. 5.
    Vgl dazu Gerhard Stadler, Internationale Einflüsse auf die österreichische Grundrechtsordnung, EuGRZ 1982, 210 (214).Google Scholar
  3. 7.
    Heinz Schäffer, Der Zivilrechtsbegriff der Menschenrechtskonvention, ÖJZ 1965, 511 (520).Google Scholar
  4. 11.
    Heinz Schäffer, Privatrecht und Gerichtsbarkeit, JBl 1965, 502 (506 ff).Google Scholar
  5. Heinz Mayer, Zivilrechtsbegriff und Gerichtszuständigkeit, ZfV 1988, 473 (478).Google Scholar
  6. 12.
    Heinz Schäffer, JBl 1965, 502 (504 ff).Google Scholar
  7. Velu, Le problème de l’application aux jurisdictions administratives, des règles de la convention europléenne des droits de l’homme relatives là la publicitlé des audiences et des jugements, RDIDC 38 (1961) 129 (132f).Google Scholar
  8. 14.
    Vgl zur methodologischen Grundlegung Rill, Juristische Methodenlehre und Rechtsbegriff, ZfV 1985, 461, 577 (585).Google Scholar
  9. 15.
    Anders die Einschätzung Kopetzkis, Zur Anwendbarkeit des Art 6 MRK im (österreichischen) Verwaltungsstrafverfahren, ZaöRV 42 (1982) 1 (39, 46 f), der der in Rede stehenden Rechtsprechung eine verfehlte psychologisierende Tendenz vorwirft. Wenn der VfGH zB den Vorbehalt zu Art 5 EMRK auch auf Art 6 EMRK erstreckt sieht, so geht er durchaus vom Text und Kontext aus, von dem auf den Willen des Organs, das den Vorbehalt erklärt hat, zurückzuschlielßen ist. Im Prinzip ist das eine richtige und im übrigen von Kopetzki in seinen allgemeinen Äulßerungen ohnedies gebilligte Vorgangsweise (46 f). Fraglich ist nur (und hier liegt in Wahrheit die Differenz), ob der VfGH angesichts des Art 64 EMRK den Text in jenen Zusammenhang stellen durfte, in den er ihn gestellt hat. Zu Art 64 EMRK siehe weiter unten im Text.Google Scholar
  10. 16.
    Kopetzki, ZaöRV 42 (1982) 28.Google Scholar
  11. 17.
    So aber Kopetzki, ZaöRV 42 (1982) 30.Google Scholar
  12. 18.
    So aber Kopetzki, ZaöRV 42 (1982) 28 ff.Google Scholar
  13. 21.
    So jedoch Kopetzki, ZaöRV 42 (1982) 48, der diesen Wertungswiderspruch zu übersehen scheint.Google Scholar
  14. 46.
    Ress, Wechselwirkungen zwischen Völkerrecht und Verfassung bei der Auslegung völkerrechtlicher Beiträge, in Berichte der Deutschen Gesellschaft für Völkerrecht, Heft 23 (1982) 21, 54 f (These 4).Google Scholar
  15. 56.
    Rosenzweig, Die Entwicklung der Grundrechte in Österreich, 2. ÖJT (1964) II/2, 26 (45 f).Google Scholar
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  17. 57.
    Morscher, Entscheidungsanmerkung zu VfSlg 5021, JBl 1966, 363 (364).Google Scholar
  18. 72.
    In Übereinstimmung mit Rosenzweig, 2. ÖJT 1964, II/2, 34 und Herbert Haller, Die Prüfung von Gesetzen (1979) 136: Rill, Kommentierung von Bestimmungen des B-VG, in: Svoboda — Dyens (Hrsg), Handbuch für Umweltschutz und Raumordnung (1973 ff) Ö 11-0-01 (S 62).Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag/Wien 1989

Authors and Affiliations

  • Heinz Peter Rill

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