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Zusammenfassung

Auf Grund der in der Literatur1) niedergelegten Resultate phänomenologischer Untersuchung auf dem Gebiete der Psychologie, Psychopathologie und klinischen Psychiatrie kann man die Behauptung aufrechterhalten, daß, wenn es auch noch eine Anzahl ungelöster methodologischer Streitfragen geben möge, doch jetzt schon mit hinlänglicher Sicherheit gesagt werden kann, worin der praktische Wert dieser Methode besteht. Die phänomenologische Methode (hier gemeint in der ihr von Jaspers gegebenen Form) hat sich als ein hervorragend geeignetes Mittel zum Erkennen und Erkennbarmachen des gesunden und kranken psychischen Geschehens erwiesen. Der Wert für die klinische Psychiatrie liegt in erster Linie in der durch sie ermöglichten feineren Unterscheidung von, oberflächlich betrachtet, gleichen Zustandsbildern. Sie bietet die Möglichkeit dar, intuitiv gefühlte Unterschiede in Worte zu kleiden und so mitteilbar zu machen. Durch diese Eigenschaft kann die phänomenologische Methode eine wichtige Rolle im Rahmen der Arbeit an einem nosologischen System erfüllen, auch wenn dieses System teilweise auf heterologische Kennzeichen eingestellt ist. So kennzeichnet sich die Phänomenologie nicht als eine isolierte, etwas revolutionäre Strömung in der heutigen psychiatrischen Wissenschaft, sondern als ein Grenzen kennendes und respektierendes Hilfsmittel bei der Rubrizierung klinisch wahrgenommener Erscheinungen.

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Literatur

  1. 1).
    Vgl. das Referat von Kronfeld: Über neuere pathopsychisch-phänomenologische Arbeiten. Zentralbl. f. d. ges. Neurol. u. Psychiatr. Bd. 28. 1922.Google Scholar
  2. 1).
    Lipps, der sehr deutlich den qualitativen Unterschied zwischen verschiedenen Gefühlen betont, führt uns doch auch nicht zur Kenntnis des Glücksgefühls als Qualität.Google Scholar
  3. 1).
    Wenn das Lebensgefühl eine Verschmelzung von Empfindungsgefühlen wäre, dann müßten diese völlig in das Lebensgefühl aufgehen, und sie könnten nicht noch neben dem Lebensgefühl bestehen. Sie können aber mit dem entgegengesetzten Zeichen gleichzeitig vorkommen, z. B. vitales Kraftgefühl und zugleich ein Gefühl von Schmerz in einer Wunde, das Gefühl von Mattigkeit und zugleich ein Gefühl sinnlicher Lust.Google Scholar
  4. 1).
    Hieraus wird es verständlich, daß jeder praktische Eudämonismus notwendigerweise die Neigung annehmen muß, alle Willenswirkungen auf die Vermehrung der sinnlichen Lust zu richten, d. h. hedonistisch werden muß; denn allein die Ursachen sinnlicher Lust kann man unmittelbar praktisch beeinflussen. Aber auch wird es klar, daß allein von Einkehr bis in die tiefsten Schichten des Selbst Wiedergeburt und Heil zu erwarten ist.Google Scholar
  5. 2).
    Für einen Phänomenologen im Sinne Husserls oder Schelers, die durch „Wesensschau“ zu ihren Resultaten gelangen, ist Kasuistik unnötig; denn wenn die „essentia“ von etwas auf diese Weise erfahren wird, dann muß das Gefundene eine allgemeingültige Wahrheit sein.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1924

Authors and Affiliations

  • H. C. Rümke
    • 1
  1. 1.AmsterdamNiederlande

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