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Recht und Ethik

  • Helmut Schreiner

Zusammenfassung

Recht und Moral stehen im Sprachgebrauch des Alltags in enger Verbindung. Ganz besonders deutlich ist dies im Strafrecht, wo es um den Schutz von bestimmten Gütern geht, die in den Vorstellungen der Bürger durchwegs mit Werten verbunden sind, deren Befolgung diese als moralisch geboten erachten und deren Schutz sie, darüber hinaus, vom Staat erwarten. Man denke z.B. an den Wert des menschlichen Lebens einerseits und die rechtliche Lösung der Kollision zwischen dem Interesse der werdenden Mutter und dem heranwachsenden Leben des Embryos im Rahmen der sogenannten „Fristenlösung“1 andererseits. Moralische Vorstellungen, die als verpflichtend erlebt werden, finden sich aber genauso auch in den anderen Teilen der Rechtsordnung: Dies zeigt z.B. die enge Verbindung, in der die sogenannten „Sozialhilfegesetze“ der Bundesländer mit den verschiedenen Ausfaltungen der Idee der Gerechtigkeit2 stehen.3 Die sogenannten „Grundrechte“, die die Position der einzelnen gegenüber dem und im Staat festlegen, werden heute immer mehr auch rechtlich als Ausdruck von Werten verstanden, deren Verwirklichung moralisch gefordert sei. Die modernen Theorien der „civil society“4 legen eine ganz besonders starke Betonung auf die moralische Verpflichtung des einzelnen und des Staates zur Verwirklichung der Gemeinschaftswerte. Schließlich liegen moralische Fragen auch der Privatrechtsordnung5 zugrunde: Ist bzw. unter welchen Bedingungen ist der Markt ausreichend, um eine gerechte Verteilung von knappen Gütern zu gewährleisten? Die vielen staatlichen Eingriffe zum Schutze sonst strukturell schwächerer Positionen, etwa zum Zwecke des Konsumentenschutzes, sind allgemein bekannte Belege dafür.

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Literatur

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Copyright information

© Springer-Verlag Wien 1996

Authors and Affiliations

  • Helmut Schreiner

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