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Über einige Grundprobleme der verstehenden Soziologie

  • Alfred Schütz

Zusammenfassung

Unsere Untersuchungen haben im vorigen Abschnitt Ergebnisse gezeitigt, die es uns gestatten, unsere Theorie des Sinnverstehens kurz zusammenzufassen und endgültig zu präzisieren. Wir sind von den Unklarheiten ausgegangen, mit welchen Max Webebs Begriff des gemeinten Sinnes menschlichen Handelns behaftet ist. Solange Handeln nicht definiert wird, kann füglich von dem gemeinten Sinn, „welchen der Handelnde mit seinem Handeln verbindet“, nicht gesprochen werden. Eine Definition des Handelns konnte aber erst nach mühevollen Konstitutionsanalysen gewonnen werden. Wir kamen hiebei zu dem Ergebnis, daß Handeln ein vorentworfenes Erlebnis aus spontaner Aktivität sei, also ein Erlebnis, welches durch eine Zuwendung besonderer Art von allen anderen Erlebnissen abgehoben und unterschieden wird. Auf Grund dieser Definition kann die Phrase: „der Handelnde verbinde mit seinem Handeln einen Sinn“ nur als eine sprachliche Metapher aufgefaßt werden: denn nur die besondere Weise der Zuwendung zu dem Erlebnis, welche es zum Handeln macht, ist eben jener Sinn, der ihm fälschlich prädiziert wird.

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Literatur

  1. 1.
    Röscher und Knies und die logischen Probleme der historischen Nationalökonomie“, Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, S. 81, Anm. 1.Google Scholar
  2. 1.
    Vgl. hiezu Hussekls Logik, S. 29 f. und 206.Google Scholar
  3. 3.
    Logik, S. 23.Google Scholar
  4. 2.
    Vgl. hiezu §49, S. 275ff.Google Scholar
  5. 1.
    Walther, Max Weber als Soziologe, Jahrbuch für Soziologie, II. Band, S. 1 bis 65, Schelting, Die logische Theorie der historischen Kulturwissenschaft von Max Weber und im besonderen sein Begriff des Idealtypus, Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik 49, 1922, S. 623 bis 752, Hans Oppenheimer, Die Logik der sozialwissenschaftlichen Begriffsbildung mit besonderer Berücksichtigung von Max Weber, Heidelberger Abhandlungen zur Philosophie, V, 1925. Freyer, Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft, S. 145ff., 175ff., 207ff. usw. Zur Entwicklung der Persönlichkeit Webers siehe ferner Voegelin, Über Max Weber, Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geisteswissenschaft, Bd. Ill, S. 177ff., und derselbe, Gedenkrede auf Max Weber, Kölner Viertel]ahrshefte für Soziologie, Jahrgang IX, S. Iff., schließlich das große und bedeutende Werk Marianne Webers, Max Weber, ein Lebensbild, Tübingen 1926.Google Scholar
  6. 2.
    Wirtschaft und Gesellschaft, S. 1.Google Scholar
  7. 3.
    Ebd. S. 9.Google Scholar
  8. 1.
    Ebd. S. 9, 10.Google Scholar
  9. 2.
    Wirtschaft und Gesellschaft. S. 1.Google Scholar
  10. 3.
    Ebd. S. 4.Google Scholar
  11. 1.
    Über Webers Auffassung von Geschichte und Statistik vgl. den bereits zitierten Aufsatz von Mises: Soziologie und Geschichte.Google Scholar
  12. 1.
    Über den Begriff der objektiven Möglichkeit und einige Anwendungen desselben, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie 1888, S. 180ff.; zum Begriff der Kausaladäquanz siehe insbesondere S. 201 f. Über Max Webers Auffassung vgl. den diesem Thema gewidmeten Aufsatz, Wissenschaftslehre, S. 266ff.Google Scholar
  13. 2.
    Eine Kritik derselben, welche in diesem Zusammenhang nicht geboten werden kann, würde deren Allgemeingültigkeit recht fragwürdig erscheinen lassen. Vgl. zur Frage ihrer Brauchbarkeit in der strafrechtlichen Theorie Felix Kaufmann, Lehre von der Strafrechtschuld, S. 78ff.Google Scholar
  14. 1.
    Anders freilich, soweit es sich um Abläufe von Naturerscheinungen handelt, welche ja grundsätzlich „unverstehbar“ und „sinnlos“ bleiben, weil sie dauertranszendent und zeiträumlichen Charakters sind. Allerdings ist hier nicht der Ort, auf diese sehr komplizierte Frage der Abgrenzung der Geisteswissenschaften von den Naturwissenschaften näher einzugehen.Google Scholar
  15. 2.
    Da „sinnhaft“ nur Prädikat eines Erlebnisses in einem Bewußtsein überhaupt sein kann, bedarf es hier nicht einer ähnlichen Unterscheidung zwischen Objekten des Geistes und Objekten der Natur, wie wir sie anläßlich des Postulates der Kausaladäquanz vernehmen mußten.Google Scholar
  16. 1.
    Über diesen Begriff vgl. oben S. 217.Google Scholar
  17. 1.
    A. a. O. S. 228ff.Google Scholar
  18. 2.
    Vgl. zu diesen Begriffen § 11, S. 69.Google Scholar
  19. 1.
    Zur Analyse des Begriffes vgl. die wertvolle Monographie von Hermann J. Grab: Der Begriff des nationalen in der Soziologie Max Webers, Karlsruhe 1927, mit welcher ich allerdings, da sie im Anschlüsse an Scheler von vorgegebenen objektiven Werten ausgeht, nur teilweise übereinstimme.Google Scholar
  20. 1.
    Über die Rückführbarkeit des wertrationalen auf zweckrationales Handeln vgl. Mises, Soziologie und Geschichte, a. a. O. S. 479.Google Scholar
  21. 1.
    Zitat aus Webers Aufsatz: Die Objektivität sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis. 1904. (Aufsätze zur Wissenschaftslehre, S. 191.)Google Scholar
  22. 2.
    Mises a. a. O. S. 474.Google Scholar
  23. 3.
    Ebd. S. 480.Google Scholar
  24. 4.
    Max Webers bekannte Darlegungen über den Idealtypus von 1904, die er selbst »skizzenhaft und deshalb vielleicht teilweise mißverständlich’ nennt, sind besonders insofern Fragment, als sie auf den Idealtypus speziell seiner Geschichtstheorie ausgerichtet sind. Es ist stark zu betonen, daß beim Übergang zur Soziologie die Konzeption des Idealtypus sich durchaus wandelt, was leider Max Webers soziologische Methodik nur in wenigen Sätzen (Wirtschaft und Gesellschaft, S. 10) andeutet. “Walther, Max Weber als Soziologe, a. a. O. S. 11.Google Scholar
  25. 1.
    Das drückt Mises an der vorzitierten Stelle durch den Beisatz aus, daß die theoretischen Sätze immer und überall gelten, wo die von ihnen vorausgesetzten Bedingungen gegeben sind. Google Scholar
  26. 2.
    Dieser Terminus ist in dem ganz präzisen Sinn der Definitionen des §39 zu verstehen. Vgl. oben S. 221 f.Google Scholar
  27. 8.
    A. a. O. S. 482, S. 486.Google Scholar
  28. 1.
    Vgl. Felix Kaufmann: Logik und Wirtschaftswissenschaft, Archiv für Sozialwissenschaften, Bd. 54, S. 614 bis 656, insbesondere S. 650.Google Scholar
  29. 2.
    Daß freilich der Begriff des „wirtschaftlichen Gutes“ weiter auflösbar ist, und zwar ähnlich wie der Begriff des „Bedürfnisses“, welcher, die Anonymität des Idealtypus „Wirtschafter“ durchbrechend, eine psychologistische Wendung zu einer anderen inhaltserfüllteren Konkretisationsstufe der Ihr-beziehung impliziert (hiezu Mises 476), kann als spezifisch nationalökonomisches Problem hier außer Betracht bleiben. Vgl. hiezu die Analyse des Güterbegriffes bei Kaufmann: Logik und Wirtschaftswissenschaft, a.a.O. S. 628.Google Scholar
  30. 1.
    Kelsen: Allgemeine Staatslehre, S. 129 (im Original nicht gesperrt).Google Scholar
  31. 2.
    Ebd. S. 278.Google Scholar
  32. 1.
    Vgl. zu dieser Auffassung der,, Grundnorm“ Felix Kaufmann: „Juristischer und soziologischer Rechtsbegriff“ in der Festschrift für Hans Kelsen: Gesellschaft, Staat und Recht, Untersuchungen zur reinen Rechtslehre, herausgegeben von Verdross, Wien 1931, S. 14 bis 41, bes. S. 19ff. und S. 30f.Google Scholar
  33. 2.
    Kelsen: Die philosophischen Grundlagen der Naturrechtslehre und des Rechtspositivismus, Philosophische Vorträge der Kantgesellschaft Nr. 31, Charlottenburg 1928, S. 24f.Google Scholar
  34. 1.
    Vgl. hiezu die Ausführungen in § 28.Google Scholar
  35. 1.
    Dieses Versprechen haben inzwischen Husserls „Méditations Cartésiennes“ zum Teil bereits eingelöst.Google Scholar

Copyright information

© Julius Springer in Vienna 1932

Authors and Affiliations

  • Alfred Schütz
    • 1
  1. 1.WienÖsterreich

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