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Strukturanalyse der Sozialwelt. Soziale Umwelt, Mitwelt, Vorwelt

  • Alfred Schütz

Zusammenfassung

Wir haben uns im III. Abschnitt mit den Grundzügen einer Theorie des Fremdverstehens befaßt und dabei die auf Erlebnissen vom alter ego fundierte Erfassung fremder Bewußtseinserlebnisse im allgemeinen untersucht. Mit der Annahme eines Du haben wir uns bereits in die gesellschaftliche Sphäre begeben, woferne mit diesem Terminus die von Mitmenschen belebte Welt des einzelnen Ich gemeint ist. Bei unseren Untersuchungen hatten wir aber wiederholt Gelegenheit darauf hinzuweisen, daß die Sozialwelt, in welche der unter Mitmenschen lebende Mensch hineingestellt ist, keineswegs homogen, sondern in mannigfacher Weise gegliedert ist und daß jeder ihrer Sphären oder Regionen sowohl eine besondere Gegebenheitsweise fremder Bewußtseinserlebnisse als auch eine besondere Technik des Fremdverstehens eigentümlich ist.

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Literatur

  1. 1.
    Der treffende Ausdruck Folgewelt, welcher dem Terminus Nachwelt bedeutend vorzuziehen ist, findet sich in Schillers Antrittsvorlesung: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?Google Scholar
  2. 1.
    Vgl. § 2, S. 12.Google Scholar
  3. 1.
    Der Gegenstand der reinen Gesellschaftslehre, Archiv für Sozialwissenschaften, 54. Band, 1925, S. 329ff., insbesondere S. 335.Google Scholar
  4. 2.
    Leider verbietet es der Raum auf Sanders Argumentation, mit der ich keineswegs in allen Punkten übereinstimmen kann, an dieser Stelle näher einzugehen. Der Kenner wird jedoch unschwer ersehen, wo ich von Sanders Auffassung abzuweichen genötigt bin.Google Scholar
  5. 1.
    Wirtschaft und Gesellschaft, S. 11.Google Scholar
  6. 1.
    Ähnlich die Unterscheidung Sanders (in Gegenstand der reinen Gesellschaftslehre, a. a. 0., S. 361) zwischen GZ- und GV-Akten: „Ist es nämlich dem GZ-Akte wesentlich, auf zukünftiges fremdes Verhalten, auf einen zukünftigen fremden gesellschaftlichen Akt gerichtet zu sein, so ist es dem nunmehr erörterten gesellschaftlichen Akte wesentlich, eine intentionale Beziehung auf vergangenes fremdes Verhalten, auf einen vergangenen fremden gesellschaftlichen Akt zu enthalten, weshalb wir ihn als ,GV-Akt’ bezeichnen wollen.“Google Scholar
  7. 1.
    Wirtschaft und Gesellschaft, S. 11.Google Scholar
  8. 1.
    Wirtschaft und Gesellschaft, S. 13, § 3.Google Scholar
  9. 1.
    Wirtschaft und Gesellschaft, S. 14, Punkt 3.Google Scholar
  10. 1.
    Vgl. zu diesem Wort, § 27, S. 149.Google Scholar
  11. 1.
    Ob ich hiebei von meinem Partner als leibhaftiges Individuum oder als Idealtypus erlebt werde, variiert je nachdem, ob es sich um eine umweltliche oder mitweltliche Wirkensbeziehung handelt. Vgl. hiezu § 34, S. 188 f. und § 40, S. 230.Google Scholar
  12. 1.
    Vgl. § 18, S. 102 f.Google Scholar
  13. 1.
    Vgl. hiezu § 20, S. 111 ff.Google Scholar
  14. 1.
    Diese Originalität ist freilich keine „primäre“, da mir das fremde Seelenleben in direkter Wahrnehmung prinzipiell nicht zugänglich ist, sondern — in Husserls Terminologie — eine „sekundäre“. (Husserl, Logik, S. 206.)Google Scholar
  15. 2.
    Ideen, S. 138.Google Scholar
  16. 1.
    Vgl. oben § 19, S. 108.Google Scholar
  17. 1.
    Die Wissensformen und die Gesellschaft, Leipzig 1926, II, Erkenntnis und Arbeit, S. 475 f.Google Scholar
  18. 2.
    Ihnen gelten Husserls IV. und V, Cartesianische Meditation. Vgl. oben S. 41, „Anmerkung“.Google Scholar
  19. 1.
    Vgl. hiezu § 36, S. 197 ff.Google Scholar
  20. 1.
    Unter „Umgebung“ ist hier jenes Segment der Außenwelt zu verstehen, welches dem Ich jeweils in Selbsthabe vorgegeben ist. Umgebung umfaßt daher nicht nur den entsprechenden Ausschnitt der unbelebten dinglichen Außenwelt, sondern auch der belebten, insbesondere der sozialen Umwelt, weiters Erzeugnisse aller Art, wie z.B. Zeichen und Zeichensysteme.Google Scholar
  21. 2.
    Siehe § 20, S. 114f.Google Scholar
  22. 1.
    In gleichem Sinn Husserl, Méditations Cartésiennes, § 55, S. 102ff.Google Scholar
  23. 1.
    Ersteres würde Weber aktuelles, letzteres motivationsmäßiges Verstehen nennen. In Wahrheit macht es aber strukturell keinen Unterschied, ob diese Motivvertauschung in einem Zugriff oder in einer Reihe von Urteilen erfolgt. Hier zeigt sich wiederum der Mangel der Weberschen Unterscheidung zwischen aktuellem und motivationsmäßigem Verstehen.Google Scholar
  24. 1.
    So wird häufig erst von der äußeren Wirkung auf die „Einheit“ eines beobachteten Handelns geschlossen, eine Methode, die vor allem seitens der strafrechtlichen Theorien über das Handeln bevorzugt wird. Vgl. Felix Kaufmann, Strafrechtsschuld, S. 86.Google Scholar
  25. 1.
    In seiner noch viel zu wenig gewürdigten „Allgemeinen Gesellschaftslehre“, Jena 1930.Google Scholar
  26. 1.
    Wirtschaft und Gesellschaft, S. 14, Punkt 4.Google Scholar
  27. 1.
    Die besonderen Modifikationen, die Einstellungs- und Wirkensbezie-hungen in der sozialen Mitwelt erfahren, werden allerdings noch genauer zu beschreiben sein.Google Scholar
  28. 1.
    Der zur Kennzeichnung der Erfassung der sozialen Umwelt gebrauchte Begriff der „Unmittelbarkeit“ umfaßt eben auch die von Husserl so genannte „Erfahrung in sekundärer Originalität“. Vgl. hiezu oben §33, S. 182, Anm. 1.Google Scholar
  29. 1.
    Vgl. hiezu — wie auch zum Problem der Anonymität des Idealtypus — die knappen, aber fundamental wichtigen Formulierungen bei Felix Kaufmann, Soziale Kollektiva, Zeitschrift für Nationalökonomie, I. Bd., S. 294–308.Google Scholar
  30. 1.
    Von der Vorwelt, auf welche diese Erzeugnisse freilich auch rückverweisen können, soll hier abgesehen werden.Google Scholar
  31. 1.
    Vgl. hiezu § 39, S. 220 ff.Google Scholar
  32. 2.
    Wie sich an diese ursprüngliche Erfassung objektiver Sinnzusammenhänge dennoch die Konzeption eines mitweltlichen seine Erlebnisse erlebenden alter ego anschließen kann, auf welches ich in einem subjektiven Sinnzusammenhang hinzusehen vermag, wird in dem der Theorie des personalen Idealtypus gewidmeten folgenden Paragraphen ausgeführt werden.Google Scholar
  33. 1.
    Das nämliche Beispiel verwendet Felix Kaufmann in seinem Aufsatz „Soziale Kollektiva“, a. a. O., S. 299, zur Charakteristik des anonymen Verlaufs, an dem sich menschliches Handeln sinnhaft orientieren kann.Google Scholar
  34. 2.
    R. Stammlers Überwindung der materialistischen Geschichtsauffassung“ Ges. Aufsätze zur Wissenschaftslehre, S. 325.Google Scholar
  35. 1.
    Dies tut auch der „Falschspieler“, der jene als gültig vorausgesetzte Ordnung „bewußt“ übertritt.Google Scholar
  36. 1.
    Wir führen der Bequemlichkeit halber die folgenden Probleme, wiewohl sie sich auf Erzeugnisse und Erzeugungsprozesse aller Art beziehen, nur an dem Beispiel der Handlungen und Handlungsabläufe durch.Google Scholar
  37. 1.
    Dies hat schon Husserl in der Formalen und Transzendentalen Logik ausgesprochen (vgl. a. a. O. S. 51 f. über das Nach verstehen fremder Urteile): „Danach haben wir ... zu unterscheiden ein nicht-explizites Urteil (das fremde), indiziert durch einen explizit auftretenden sprachlichen Satz, und ein entsprechendes explizites, bzw. eine nachträgliche Auseinanderlegung unter Identifikation des Gemeinten“ ... „Handelt es sich um das Urteilen eines Anderen, so habe ich, wenn ich nicht mitglaube, die ,bloße Vorstellung‘ vom Glauben des Anderen, des und des Inhaltes“ usf.Google Scholar
  38. 1.
    So wie ich (vgl. das frühere Beispiel, § 17, S. 95) mich ja auch der Apparatur des Telephons bedienen kann, ohne zu wissen, wie sie funktioniert.Google Scholar
  39. 2.
    Vgl. zur Kritik des Behaviorismus als soziologischer Methode : Mises, Begreifen und Verstehen, Schmollers Jahrbuch, Bd. 54, S. 139ff.Google Scholar
  40. 1.
    Dieses Problem wird anläßlich des Verhältnisses zwischen Kausal- und Sinnadäquanz im V. Abschnitt noch genauer untersucht werden. Vgl. §46, S. 267 ff.Google Scholar
  41. 2.
    Wirtschaft und Gesellschaft, S. 12.Google Scholar
  42. 3.
    Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, S. 7. Vgl. dagegen Kelsens Kritik in seiner Schrift: Der soziologische und juristische Staatsbegriff, Tübingen 1922, S. 156ff.Google Scholar
  43. 4.
    Vgl. zu dieser Problematik die vorzüglichen Analysen Voegelins : Die Einheit des Hechtes und das soziale Sinngebilde Staat. Internationale Zeitschrift für Theorie des Eechtes, 4. Jg. 1930. S. 58 bis 89, besonders S. 71ff.Google Scholar
  44. 1.
    Daß in dem Begriff der sozialen Kollektiva Vorstellungen metaphysischer oder axiologischer Art, sowie bestimmte erkenntnistheoretische Grundvoraussetzungen enthalten zu sein pflegen, kommt für die vorliegende Analyse nicht in Betracht. Vgl. hierüber den bereits wiederholt zitierten Aufsatz von Felix Kaufmann: Soziale Kollektiva, in der Zeitschrift für Nationalökonomie.Google Scholar
  45. 2.
    Vgl. als Beispiel einer Analyse derartiger Begriffe die Kritik, die Mises am Klassenbegriff geübt hat. (Die Gemeinwirtschaft, Jena 1922, S. 316f.)Google Scholar
  46. 3.
    Wirtschaft und GeseUschaft, S. 6f.Google Scholar
  47. 4.
    Vgl. zu diesem Problem und zur Kritik der Weberschen Auffassung: Kelsen, Allgemeine Staatslehre, Berlin 1925, S. 19ff., S. 66 bis 79, und für den Organbegriff S. 262 bis 270.Google Scholar
  48. 1.
    Vgl. hiezu Kelsen, Allgemeine Staatslehre, S. 48 ff., S. 65 ff., S. 310 f.Google Scholar
  49. 1.
    In seinem Stammleraufsatz zeigt Max Weber eine solche sechsfache Typenverschiebung an dem Begriff „Vereinigte Staaten von Amerika“ (Wissenschaftslehre, S. 348f.).Google Scholar
  50. 2.
    Gleicher Ansicht u. a. Vossler, Geist und Kultur in der Sprache, S. 153f., Felix Kaufmann, Strafrechtsschuld, S. 39.Google Scholar
  51. 1.
    Gegenstand der reinen Gesellschaftslehre, S. 370. „Als ,Artefakte sind zu definieren alle der äußeren Wahrnehmung gegebenen Dinge, welche ihre Entstehung menschlichen Handlungen verdanken, die also als Zeichen einem von ihnen bezeichneten „Sinne“ zugeordnet sind.“Google Scholar
  52. 1.
    Hier wie überall zeigt sich der gleitende Übergang zwischen Umwelt und Mitwelt. Als Theaterbesucher etwa bin ich für den Schauspieler, dem ich und der mir leibhaftig vorgegeben ist, nur insofern relevant, als ich einer aus dem Publikum bin. Der ein Buch publizierende Autor denkt an seinen Leser nur insofern, als er typischer Leser ist: Nach dessen Deutungsgewohnheiten und Vorstellungen prüft und wählt er sein Ausdrucksschema. Alle diese Verhältnisse zu beschreiben und zu klären, sie auf ihren umweltlichen und mitweltliehen Gehalt zu untersuchen, wäre Aufgabe einer Formenlehre der Sozialwelt, deren Vorläufer wohl in der WiESEschen Beziehungslehre erblickt werden kann.Google Scholar
  53. 1.
    Über diesen Begriff vgl. V. Abschnitt, § 48.Google Scholar
  54. 1.
    Siehe oben § 34, S. 189.Google Scholar
  55. 1.
    Als Beispiel einer solchen Zwischenstufe sei der „Briefwechsel“ angeführt, dessen soziologische Funktion Simmel in seiner Soziologie, II. Aufl., München 1922, S. 287f., meisterhaft beschrieben hat. Die alltägliche Erfahrung, daß ein Briefwechsel gegenüber mündlicher Aussprache deutlicher und undeutlicher sei, formuliert Simmel wie folgt: „Man kann sagen, daß die Kede durch alles das, was sie an Sichtbarem, aber nicht Hörbarem, und an Imponderabilien des Sprechers selbst umgibt, sein Geheimnis offenbart, der Brief es aber verschweigt. Der Brief ist deshalb deutlicher, wo es auf das Geheimnis des Andern nicht ankommt, undeutlicher und vieldeutiger aber, wo dies der Fall ist. Unter dem Geheimnis des Andern verstehe ich seine logisch nicht ausdrückbaren Stimmungen und Seinsqualitäten, auf die wir doch unzählige Male zurückgreifen, selbst um die eigentliche Bedeutung ganz konkreter Äußerungen zu verstehen.“ A. a. O. S. 288.Google Scholar
  56. 1.
    Dennoch ist Vorwelt wesensmäßig nur in Idealtypen erfaßbar; aber in der Typisierung wird nichts invariant gesetzt, was nicht an sich schon wesensmäßig invariant ist.Google Scholar
  57. 2.
    §30, S. 166f.Google Scholar
  58. 1.
    In seinem Aufsatz: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte ? Vgl. auch Jakob Burckhardt, Weltgeschichtliche Betrachtungen (Kröner-Ausgabe), S. 5f. : „Unser Ausgangspunkt ist der vom einzigen bleibenden und für uns möglichen Zentrum, vom duldenden, strebenden und handelnden Menschen, wie er ist und immer war und sein wird; daher unsere Betrachtung gewissermaßen pathologisch sein wird.“Google Scholar
  59. 1.
    Vgl. hiezu Webers Aufsätze, Wissenschaftslehre, S. 215 bis 265.Google Scholar
  60. 2.
    Über den Zusammenhang zwischen Geschichtsschreibung und Theorie der Sozialwissenschaften und die sich hieraus ergebende Kritik des Historismus vgl. Mises, Soziologie und Geschichte, Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik, Bd. 61, g. 465 bis 512, insbesondere S. 489ff.Google Scholar
  61. 1.
    § 11, S. 68 ff.Google Scholar
  62. 1.
    Vgl. Simmel, Das Problem der historischen Zeit. Philosophische Vor-träge der Kantgesellschaft Nr. 12, Berlin 1916.Google Scholar

Copyright information

© Julius Springer in Vienna 1932

Authors and Affiliations

  • Alfred Schütz
    • 1
  1. 1.WienÖsterreich

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