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Grundzüge einer Theorie des Fremdverstehens

  • Alfred Schütz

Zusammenfassung

Nachdem wir im II. Abschnitt unserer Untersuchungen an Hand einer Analyse des Zeitbewußtseins die Konstituierung von Sinn im einsamen Seelenleben in großen Zügen, aber keineswegs erschöpfend behandelt haben, wenden wir uns jener spezifischen Sinngebung in der Sozialwelt zu, die allgemein mit dem Worte „Fremdverstehen“ bezeichnet wird. Indem wir den Übergang von der Analyse des einsamen Ich zur Untersuchung der sozialen Welt vollziehen, verlassen wir1 die streng phänomenologische Betrachtungsweise, deren wir uns bei Analyse des Sinnphänomens im einsamen Seelenleben bedienten, und nehmen die Existenz der Sozialwelt in naiv natürlicher Weltanschauung so hin, wie wir es im täglichen Leben unter Menschen lebend, aber auch Sozialwissenschaft betreibend, zu tun gewohnt sind. Damit verzichten wir auf jedes Eingehen in die eigentliche transzendental-phänomenologische Fragestellung nach der Konstituierung des alter ego im Bewußtsein des einsamen Ich. Welche Aufgaben einer solchen Untersuchung erwachsen, welche grundwesentliche Bedeutung ihr zukommt, aber auch welche Schwierigkeiten ihr entgegenstehen, hat Husserl in seiner „Formalen und Transzendentalen Logik“ aufgezeigt, ohne aber in die konkreten Probleme einzugehen.2

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Literatur

  1. 1.
    Vgl. hiezu die „Anmerkung“ am Ende des I. Abschnitts, oben S.41f.Google Scholar
  2. 2.
    Husserls Méditations Cartésiennes — vornehmlich die fünfte Meditation — haben die ganze Bedeutsamkeit dieser Fragen in ungemein tiefdringenden Analysen aufgezeigt und bereits die wesentlichen Ansatzpunkte für deren Lösung dargeboten.Google Scholar
  3. 3.
    Logik, S. 212.Google Scholar
  4. 1.
    Die Wissensformen und die Gesellschaft. S. 475 f.Google Scholar
  5. 1.
    Vgl. §5, S. 35 f und „Anmerkung“ zu § 6, S. 41 f.Google Scholar
  6. 2.
    Vgl. hiezu Husserl: Ideen, S. 167: „Eine nähere Betrachtung würde zudem zeigen, daß zwei Erlebnisströme (Bewußtseinssphären für zwei reine Ich) von identischem Wesensgehalt undenkbar sind, wie auch,... daß kein vollbestimmtes Erlebnis des einen je zum anderen gehören könnte; nur Erlebnisse von identischer innerer Artung können ihnen gemein sein (obschon nicht individuell identisch gemeinsam), nie aber zwei Erlebnisse, die zudem einen absolut gleichen,Hof haben.‘Google Scholar
  7. 1.
    Ideen, S. 68.Google Scholar
  8. 2.
    Logische Untersuchungen, II, 1. S. 34.Google Scholar
  9. 1.
    Vgl. hiezu § 3, S. 19.Google Scholar
  10. 1.
    Vgl. §15, S. 88 f.Google Scholar
  11. 2.
    Vgl. Husserls Méditations Cartésiennes, S. 97: L’organisme étranger s’affirme dans la suite de l’expérience comme organisme véritable uniquement par son „comportement“ changeant, mais toujours concordant. Et cela, de la manière suivante: ce comportement a un côté physique qui apprésente du psychique comme son indice. C’est sur ce „comportement“ que porte l’expérience originelle, qui se vérifie et se confirme dans la succession ordonnée de ses phases... C’est dans cette accessibilité indirecte, mais véritable, de ce qui est inaccessible directement et en lui-même que se fonde pour nous l’existence de l’autre.Google Scholar
  12. 3.
    Auch hierüber vgl. Husserls Formale und Transzendentale Logik, S. 210.Google Scholar
  13. 1.
    Durée et Simultanéité. A propos de la théorie d’Einstein, deuxième édition, Paris 1923, S. 66.Google Scholar
  14. 1.
    A. a. O. S. 88 und öfter.Google Scholar
  15. 2.
    Ähnlich Husserl, Méditations Cartésiennes, S. 97: „Au point de vue phénoménologique, Vautre est une modification de „mon“ moi.“Google Scholar
  16. 3.
    Zu dem gleichen Ergebnis kommt von ganz anderem Ausgangspunkt her Husserl in den „Méditations Cartésiennes“ (§55, S. 108): „Elle (l’expérience de l’autre) établit une connexion entre l’expérience vivante et se déroulant sans entraves ni interruption que l’ego concret a de lui-même, c’est-à-dire sa sphère primordiale, et la sphère étrangère représentée dans cette dernière. Elle établit cette liaison au moyen d’une synthèse qui identifie l’organisme corporel de l’autre, donné d’une manière primordiale, et le même organisme, mais apprésenté selon un autre mode d’apparaître. De là elle s’étend à la synthèse de la Nature identique, donnée à la fois, d’une manière primordiale, dans l’originalité de la sensibilité pure et dans l’apprésentation vérifiée. Par là est définitivement et primitivement fondée la coexistence de mon moi (et de mon ego concret, en général) avec le moi de l’autre, de ma vie intentionelle et de la sienne, de mes réalités et des siennes; bref, c’est la création d’une forme temporelle commune. Google Scholar
  17. 1.
    Husserl (Méditations Cartésiennes, S. 104) kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Er bildet den Begriff der „Nature intersubjective“, welcher unserem Begriff der „Umgebung“ entspricht und macht die tiefe Unterscheidung zwischen der Apperzeption im Modus des „hic“ und des „illic“: II (der Andere) apprésente avant tout l’activité immédiate de ce moi dans ce corps (illic), et son action (médiate), au moyen de ce corps, sur la Nature qu’il perçoit, sur la même Nature à laquelle il (illic) appartient et qui est aussi ma Nature primordiale. C’est la même Nature, mais donnée dans le mode du „comme si j’étais, moi, à la place de cet autre organisme corporel.“... L’ensemble de ma Nature est le même que celui de l’autre. La Nature est constituée dans ma sphère primordiale comme unité identique de mes multiples modes de présentation, identique dans ses orientations variables par rapport à mon corps, qui est le „point-zéro“, le hic absolu usw.Google Scholar
  18. 1.
    Siebe IV. Abschnitt, §§ 33 bis 41.Google Scholar
  19. 2.
    Die wesentlich aktuellen Erlebnisse mögen hier, um die Darstellung nicht allzu sehr zu beschweren, außer Betracht gelassen werden.Google Scholar
  20. 1.
    Husserl: Ideen, S. 85.Google Scholar
  21. 2.
    Wir wollen liier gar nicht von jener immer in metaphysischen oder axiologischen Voraussetzungen wurzelnden Hermeneutik sprechen, die neuerdings als Gegensatz zum rationalen Begreifen mit dem Terminus „Verstehen“ bezeichnet wird.Google Scholar
  22. 1.
    Ähnlich Husserl in der VI. Logischen Untersuchung, III. Aufl., II. Band, 2. Teil, S. 89.Google Scholar
  23. 1.
    All dies freilich „innerhalb“ der Generalthesis, vermöge welcher das „Leib“ genannte Ding der Außenwelt als „beseelter fremder Leib“, eben als „Leib eines alter ego“, aufgefaßt wird.Google Scholar
  24. 1.
    Der hier noch in dem nicht genügend geklärten Sprachgebrauch Max Webers verwendete Begriff der „Sozialen Beziehung“ wird in der Folge (§31) ausführlich analysiert werden.Google Scholar
  25. 1.
    Vgl. hiezu und zur Kritik der Einfühlungstheorie Scheler: Wesen und Formen der Sympathie, S. 277ff.Google Scholar
  26. 2.
    Vgl. IV. Abschnitt, § 33, S. 185.Google Scholar
  27. 1.
    Husserl: Logische Untersuchungen, Band II, S. 31.Google Scholar
  28. 2.
  29. 3.
    Vgl. hiezu §3, S. 19f.Google Scholar
  30. 1.
    Hierüber kann allerdings erst eine Analyse der „Mitwelt“ die erforderlichen Aufschlüsse bringen. Vgl. § 37, S. 202 ff.Google Scholar
  31. 1.
    Logische Untersuchungen, II. Band, 1. Hälfte, S. 25 bis 31. Vgl. hiezu die Ausführungen in § 3, S. 19, der vorliegenden Arbeit.Google Scholar
  32. 1.
    Vgl. zu diesem Begriff Husserls VI. Logische Untersuchung.Google Scholar
  33. 2.
    Z. B. VI. Logische Untersuchung, IL Band, 2. Teil, S. 55, Ideen, S. 79 u. ö.Google Scholar
  34. 3.
    Dieses den beiden Deutungsschematen übergeordnete Deutungsschema entspricht dem von Felix Kaufmann so genannten Zuordnungsschema. (Das Unendliche in der Mathematik und seine Ausschaltung, Leipzig und Wien 1930, S. 42.)Google Scholar
  35. 1.
    Man wird unschwer bemerken, in welchen Punkten die hier vertretene Ansicht von den Formulierungen Husserls in der I. und VI. Logischen Untersuchung abweicht.Google Scholar
  36. 2.
    Insoferne vermag ich die grundsätzliche Unterscheidung, die Hans Freyer zwischen der physiognomischen Seite des Handelns und dessen Ob-jektivation in der materialen Außenwelt macht (siehe Freyer: Theorie des objektiven Geistes, S. 29ff.) nicht anzuerkennen.Google Scholar
  37. 1.
    Zitiert nach Vossler: Geist und Kultur in der Sprache, Heidelberg 1925, S. 115.Google Scholar
  38. 1.
    Vgl. oben § 14, S. 82.Google Scholar
  39. 2.
    Vgl. oben § 6, S. 38 und 40.Google Scholar
  40. 3.
    Vgl. Husserl: Formale und Transzendentale Logik, S. 167 sowie oben § 14, S. 82.Google Scholar
  41. 1.
    § 5, S. 31.Google Scholar
  42. 2.
    Ja wir können sogar sagen, daß die Erfassung des objektiven Sinns eines Zeichens ein prinzipiell unerfüllbares Postulat bleibe, welches nichts anderes besagt, als daß die subjektive und okkasionelle Komponente im Sinn des betreffenden Zeichens mit mögliebster Deutlichkeit und Klarheit vermittels rationaler Begriffsbildung expliziert werden solle. Die Kede ist,,präzis“, wenn alle diese subjektiven okkasionellen Bedeutungen den Umständen nach hinlänglich expliziert sind.Google Scholar
  43. 1.
    Jaspers: Psychologie der Weltanschauung, III. Aufl., Berlin 1925, S. 193ff.Google Scholar
  44. 2.
    Vgl. Curtius, Frankreich, Stuttgart 1930, Band I, S. 2ff.Google Scholar
  45. 3.
    Vossler, Geist und Kultur in der Sprache, S. 117.Google Scholar
  46. 1.
    Vgl. hiezu § 9, S. 61 f.Google Scholar
  47. 1.
    Vgl. oben § 16, S. 91 f. und § 18, S. 105.Google Scholar
  48. 1.
    Diesen Terminus verwendet Heidegger, Sein und Zeit, S. 102, für jene Gegenstände der Außenwelt, welche „zu Händen“ sind.Google Scholar
  49. 1.
    Vgl. oben § 24, S. 137 und § 14, S. 82.Google Scholar
  50. 1.
    Wie dieser Begriff des „Man“ weiter aufgelöst werden kann, zeigen die Untersuchungen des § 39 über die Anonymität der Mitwelt.Google Scholar

Copyright information

© Julius Springer in Vienna 1932

Authors and Affiliations

  • Alfred Schütz
    • 1
  1. 1.WienÖsterreich

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