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Einleitende Untersuchungen

  • Alfred Schütz

Zusammenfassung

Der Kampf um den Wissenschaftscharakter der Soziologie ist eines der merkwürdigsten Phänomene in der deutschen G-eistesgeschichte der letzten fünfzig Jahre. Seitdem der Beziehung des Einzelnen zum gesellschaftlichen Ganzen systematisch nachgeforscht wird, herrscht über das Verfahren und Ziel solcher Betätigung erbitterter Streit. Anders als in anderen Wissensgebieten geht der Kampf nicht allein um die Bewährung einzelner Theorien und Methoden, vielmehr wird der Gegenstandsbereich der Sozialwissenschaften selbst und seine Vorgegebenheit als Realität der vorwissenschaftlichen Erfahrung in Frage gestellt. Die sozialen Phänomene werden bald in Analogie zu den Naturereignissen als kausalbedingte Abläufe der äußeren Welt, bald im Gegensatz zu den Naturdingen als Gegenstände einer Welt des objektiven Geistes aufgefaßt, die zwar verstanden, aber nicht unter Gesetzen begriffen werden kann. Stillschweigende oder ausgesprochene metaphysische Voraussetzungen, Werturteile und ethisch-politische Postulate bestimmen oft genug die prinzipielle Einstellung des sozialwissenschaftlichen Forschers zu seinem Gegenstand. Er fühlt sich bei seiner Arbeit von Problemen bedrängt, ohne deren Lösung ihm sein ganzes Unterfangen sinn- und zwecklos erschiene: Hat es die Sozialwissenschaft mit dem Sein des Menschen an sich oder nur mit seinen gesellschaftlichen Verhaltensweisen zu tun ?

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Literatur

  1. 1.
    „Ich bezeichne nun alles das, was in den Individuen, den unmittelbar konkreten Orten aller historischen Wirklichkeit, als Trieb, Interesse, Zweck, Neigung, psychische Zuständlichkeit und Bewegung derart vorhanden ist, daß daraus oder daran die Wirkung auf andere und das Empfangen ihrer Wirkung entsteht — dieses bezeichne ich als den Inhalt, gleichsam die Materie der Vergesellschaftung... Die Vergesellschaftung ist also die in unzähligen verschiedenen Arten sich verwirklichende Form, in der die Individuen auf Grund jener... Interessen zu einer Einheit zusammenwachsen und innerhalb deren diese Interessen sich verwirklichen.“ Simmel, Soziologie, 2. Aufl., München 1922 (1. Aufl., 1903), S. 4.Google Scholar
  2. 1.
    Jaspers: Die geistige Situation der Zeit, Berlin, Leipzig 1931, S. 137.Google Scholar
  3. 2.
    Von den Werken Max Webers sind für unsere Untersuchungen vor allem das leider unvollendet gebliebene Hauptwerk „Wirtschaft und Gesellschaft“, 1. Aufl., Tübingen 1922, und die im Band „ Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre“, Tübingen 1922, enthaltenen Arbeiten von Bedeutung.Google Scholar
  4. 1.
    Vgl. hiezu das Zeugnis Marianne Webers: „Max Weber, ein Lebensbild“, Tübingen 1926, z. B. S. 322.Google Scholar
  5. 1.
    Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft, Leipzig 1930.Google Scholar
  6. 2.
    Einleitung in die Geisteswissenschaften. Der Aufbau der geschichtlichen Welt, jetzt gesammelte Schriften, Band I und IX. Leipzig 1923ff.Google Scholar
  7. 3.
    Gesellschaftslehre, 1. Aufl., Berlin 1914. Kategorienlehre, Jena 1924.Google Scholar
  8. 4.
    Soziologie, II. Auflage, München 1922.Google Scholar
  9. 5.
    Ideen zur Staats- und Kultursoziologie, Karlsruhe 1927.Google Scholar
  10. 6.
    Soziologie, I. Bd. Beziehungslehre, II. Bd. Gebildelehre. München 1924 und 1928.Google Scholar
  11. 7.
    System der Soziologie, I. Bd., Jena 1922/23.Google Scholar
  12. 8.
    Ideologie und Utopie, Bonn 1929.Google Scholar
  13. 9.
    Die Wissensformen und die Gesellschaft, Leipzig 1926.Google Scholar
  14. 1.
    Individuum und Gemeinschaft, III. Aufl., Leipzig 1926.Google Scholar
  15. 2.
    Theorie des objektiven Geistes, Leipzig 1923. 8 Allgemeine Soziologie, Jena 1930.Google Scholar
  16. 4.
    Vgl. hiezu etwa die neunfache Äquivokation, die H. Gomperz (Über Sinn und Sinngebilde, Verstehen und Erklären, Tübingen 1929, S. 5 bis 21) an einigen Beispielen der jüngeren Literatur im Sinnbegriff nachweist.Google Scholar
  17. 4a.
    Demgegenüber die radikal andere Bedeutung des Sinnbegriffes etwa bei Heidegger (Sein und Zeit, Halle 1927, insbesondere S. 144 f., 147, 151 f.)Google Scholar
  18. 4b.
    oder in den sehr wichtigen Arbeiten Paul Hofmanns (Das Verstehen von Sinn und seine Allgemeingültigkeit, Jahrbuch für Charakterologie, Bd. VI; Metaphysik oder verstehende Sinn-Wissenschaft. Erg.-Heft der Kantstudien, 1929).Google Scholar
  19. 1.
    Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, S. 1.Google Scholar
  20. 1.
    Wirtschaft und Gesellschaft, S. 11.Google Scholar
  21. 2.
    Dieser Terminus, welcher später genauer zu klären sein wird, ist von Scheler gelegentlich der Entwicklung der „relativ natürlichen Weltanschauung“ aufgestellt worden. (Wissensformen und Gesellschaft, S. 59.) Felix Kaufmann hat in seinem Buch „Die philosophischen Grundprobleme der Lehre von der Straf rechtsschuld“, Leipzig und Wien 1929, den Begriff im Kahmen seiner Wertanalyse verwendet.Google Scholar
  22. 1.
    So Sander: Gegenstand der reinen Gesellschaftslehre, Archiv für Sozialwissenschaften, Bd. 54, S. 329 bis 423, welcher annimmt, Weber wolle mit „Orientierung“ sagen, daß der Gegenstand jedes gesellschaftlichen Aktes die Verursachung fremden Verhaltens durch eigenes physisches Verhalten (Ausdruckshandlung) bedeute. A. a. O. S. 335.Google Scholar
  23. 2.
    Siehe II. Abschnitt, § 17, S. 94 ff.Google Scholar
  24. 1.
    Wirtschaft und Gesellschaft, S. 12.Google Scholar
  25. 2.
    Wirtschaft und Gesellschaft, S. 12.Google Scholar
  26. 3.
    Wirtschaft und Gesellschaft, S. 14.Google Scholar
  27. 4.
    Wirtschaft und GeseUschaft, S. 12.Google Scholar
  28. 5.
    Siehe V. Abschnitt, § 48; vgl. hiezu Walther: Max Weber als Soziologe (Jahrbuch für Soziologie, zweiter Band, Karlsruhe 1926), S. 1 bis 65, insbesondere S. 35f., ferner Grab: Der Begriff des Eationalen in der Soziologie Max Webers, Karlsruhe 1927, bes. S. 25 bis 35.Google Scholar
  29. 1.
    Scheler, Wesen und Formen der Sympathie, II. Aufl., Bonn 1923, S. 288: „Innere Anschauung ist eine Aktrichtung, zu der zugehörige Akte wir uns selbst und Anderen gegenüber vollziehen können. Diese ‚Aktrichtung‘ umspannt dem“ Können‘ nach von vornherein auch Ich und Erleben des Anderen, genau so, wie sie mein Ich und Erleben überhaupt... umspannt.“ „Vom Akt der inneren Wahrnehmung und seinem Wesen aus gesehen, sowie in bezug auf die Tatsachensphäre, die in innerer Wahrnehmung erscheint, kann jeder das Erleben der Mitmenschen genau so unmittelbar (und mittelbar) erfassen wie sein eigenes.“ (Ebenda S. 296f.) Ähnlich Litt, Individuum und Gemeinschaft, III. Aufl., Leipzig 1926, S. 100f.Google Scholar
  30. 2.
    Vgl. III. Abschnitt, § 19, S. 108 f.Google Scholar
  31. 1.
    Schelers Einwendungen gegen diese Theorie (Sympathie, S. 281 ff.) ist durchaus beizupflichten. Es ist zweifellos unmöglich, die Existenz des alter ego allein aus der Erscheinung seines Körpers, nicht aus der Vorgegebenheit seiner psychophysischen Einheit abzuleiten. Vgl. hiezu III. Abschnitt, § 19, S. 111.Google Scholar
  32. 2.
    Rudolf Caknap: Logischer Aufbau der Welt, Berlin 1928, insbesondere S. 185ff. und Scheinprobleme in der Philosophie, ebenda 1928, insbesondere S. 18 ff. Es ist nicht möglich, in diesem Rahmen eine Kritik der Carnapschen Auffassung zu geben. Carnap beruft sich auf das Zeugnis der formalen Logik, ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, daß deren intersubjektive Gültigkeit bereits den Gegenstandsbereich des Fremdpsychischen naiv voraussetzt.Google Scholar
  33. 1.
    Husserl: Logische Untersuchungen, IV. Aufl., Halle 1928, Bd. II, Teü I, S. 25.Google Scholar
  34. 2.
    Z. B. Freyer, Theorie des objektiven Geistes, S. 14ff., Litt a. a. O. S. 97f., 141 f., 182f. und früher Sander, Gegenstand der reinen Gesellschaftslehre, a. a. O. S. 338, 354. In seiner „Allgemeinen Soziologie“, Jena 1930, hat Sander hingegen in subtilen Untersuchungen den Begriff des „Ausdruckes“ differenziert (z. B. S. 177ff.).Google Scholar
  35. 1.
    Wesen und Formen der Sympathie, S. 301 f.Google Scholar
  36. 1.
    Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, S. 3f. Vgl. ebd. S. 2, Punkt 3, sowie Webers Aufsatz „Über einige Kategorien der Verstehenden Soziologie“ (Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, bes. S. 408ff.).Google Scholar
  37. 2.
    Siehe die oben in § 2, S. 14f., zitierte Stelle.Google Scholar
  38. 3.
    Formale und transzendentale Logik, S. 192 f.Google Scholar
  39. 1.
    Wirtschaft und Gesellschaft, S. 5.Google Scholar
  40. 1.
    Vgl. das in § 3, S. 19, wiedergegebene Husserlzitat.Google Scholar
  41. 1.
    A. a. O. II. Abschnitt, VI. Kapitel, insbesondere § 96, S. 210ff. Seither hat Husserl diese Untersuchungen in seiner vorläufig nur in französischer Sprache erschienenen Schrift „Méditations Cartésiennes“, Paris 1931, insbesondere Méditation V, S. 74 bis 128 weitergeführt.Google Scholar
  42. 2.
    A. a. O. II. Band, I. Teil, S. 80f.Google Scholar
  43. 1.
    Siehe Ideen zu einer reinen Phänomenologie, III. Aufl., Halle 1928, S. 172ff.Google Scholar
  44. 2.
    A. a. O. S. 217.Google Scholar
  45. 3.
    A. a. O. S. 184f.Google Scholar
  46. 4.
    A.a.O. S. 277 f.Google Scholar
  47. 1.
    Essay sur les données immédiates de la conscience, I. Aufl., Paris 1889; Matière et Mémoire, I. Aufl., Paris 1896, Evolution créatrice, I. Aufl., Paris 1907, L’Energie spirituelle, (Arbeiten aus den Jahren 1901 bis 1913) Paris, Introduction à la Métaphysique, Paris 1903, schließlich Durée et Simultanéité, Paris 1922.Google Scholar
  48. 2.
    Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren Zeitbewußtseins, gehalten 1904, herausgegeben von Heidegger, Halle 1928.Google Scholar
  49. 1.
    Vgl. hiezu unten S. 41, „Anmerkung“.Google Scholar
  50. 2.
    III. Abschnitt, § 19.Google Scholar
  51. 1.
    Sander: Der Gegenstand der reinen Gresellschaftslehre, a. a. O., S. 367 ff.Google Scholar
  52. 1.
    Husserls letzte Publikation „Méditations Cartésiennes“ Paris 1931, wurde mir erst nach Abschluß der vorliegenden Arbeit zugänglich und konnte daher für die Darstellung der Husserlschen Lehre im Text nicht mehr herangezogen werden.Google Scholar
  53. 2.
    Siehe oben § 5 S. 34 unten.Google Scholar
  54. 3.
    a. a. O. S. 48–57.Google Scholar
  55. 1.
    Husserl: Nachwort zu meinen „Ideen“ etc. Jahrbuch für Philosophie und phänomenologische Forschung, Bd. XI, Halle 1930, S. 549–570, S. 553.Google Scholar
  56. 2.
    Ebenda S. 554.Google Scholar
  57. 3.
    Ebenda S. 555.Google Scholar
  58. 4.
    Ebenda S. 567.Google Scholar

Copyright information

© Julius Springer in Vienna 1932

Authors and Affiliations

  • Alfred Schütz
    • 1
  1. 1.WienÖsterreich

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