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Abhängigkeit und Selbständigkeit bei den Naturvölkern in Ihrem Verhältnis zur Zivilisation

  • Wilhelm E. Mühlmann
Chapter
Part of the Schriften der Soziologischen Abteilung des Forschungsinstituts für Sozial- und Verwaltungswissenschaften in Köln book series (SCHSAFSVK)

Zusammenfassung

„Naturvölker” nennen wir Menschengruppen mit armer Technik, die sich in gewissen Randgebieten der Oikumene altertümliche Zustände der sozialen und rechtlichen Ordnungen und des Kulturbesitzes haben erhalten können. Der Ter¬minus ist konventionell zu nehmen. Soziologisch sind die Naturvölker gerade das nicht, was ihr Name zu involvieren scheint: Völker. Sie nehmen vielmehr gene¬tisch die Stufen von Horden, Sippen, höchstenfalls Stämmen ein. In ihren sozia¬len Zuständen und ihrer Geistesverfassung herrschen die Spielregeln von Pri¬märgruppen (im Sinne Cooleys), In der Tat vermögen unsere Primärgruppen, das relativ isolierte Dorf oder die Nachbarschaftsgruppe uns die Zustände der Naturvölker noch am ehesten zu veranschaulichen. Räumliche Entlegenheit und relative Isolierung haben bewirkt, daß die geschichtlichen Veränderungen bei den Naturvölkern in langsamerem Tempo vonstatten gegangen sind als in den Zentren der Zivilisation, wo das soziale Leben pulste und die welthistorischen Entscheidungen fielen. Berührungen zwischen Naturvölkern und zivilisierten Völkern haben zwar nie gefehlt; aber es gehört gleichsam zur Existenz und zur Definition des „Naturvolks”, daß diese Berührungen und Auseinandersetjungen stets schmalflächig, diskontinuierlich und ephemer blieben: Werden sie inten¬siver, so wird das Naturvolk in seiner sozialen Struktur erschüttert und auf die Dauer in seinem Bestande absorbiert und assimiliert; es bleibt dann eben nicht länger ein selbständiges „Naturvolk”, es wird „zivilisiert”.

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Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1951

Authors and Affiliations

  • Wilhelm E. Mühlmann

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