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Zusammenfassung

Das griechische ἀ ν α ρ χ ί α, über das lateinische anarchia in den Sprachen der Erde heimisch geworden, findet sich nach Kluge1 seit 1684 im Deutschen, das abgewandelte „Anarchie“ seit 1709. Das deutsche Wort „Anarchist“, dem französischen Revolutionswort „anarchiste“ von 1795 nachgebildet, geht auf Wieland und Görres zurück. In jedem Falle bedeutet das Wort die Verneinung eines Herrschaftsverhältnisses, wobei heute bestimmte Abweichungen im Stimmungsgehalte berücksichtigt werden müssen: so etwa bedeutet „Anarchismus“ die Lehre von der Herrsehaftslosigkeit; „anarchisch“ bezeichnete Zustände, die des Rechts und der Ordnung entbehren; „Anarchist“ ist der gegen eine Herrschaft gewaltsam Kämpfende, aber auch der Theoretiker des Anarchismus. Vielfach verfolgt der kämpf ende Anarchist aber nicht das Ziel, ein menschliches Zusammenleben ohne Herrschaft zu erreichen, sondern er möchte nur eine bestimmte Herrschaft beseitigen, um eine andere, die von ihm geschälte, an die Stelle zu setzen. Hier wird oftmals die Grenze zum Verbrecherischen gestreift. Von der Kritik am kämpferischen Anarchismus aus wird der A. daher vielfach als rechts- und Staatswissenschaftliches Phänomen angesehen, und zwar als rechtszerstörendes und damit verbrecherisches Streben gebrandmarkt2. Das trifft in der Tat für alle Formen anarchistischer Aktion zu. Indessen ist vom tätlich werdenden A. der theoretische A., dessen Ziel ein herrschaftsloses Zusammenleben der Menschen ist, scharf zu unterscheiden. Dieses Ziel einer Herrschaftslosigkeit soll nach der Theorie des A. nur mit friedlichen Mitteln durchgesetzt werden, denn jede Form von „Kampf“ wäre wiederum Versuch zu neuer Herrschaft und ein Widerspruch zum Ideal des A. als Lehre. So wird eine Beschäftigung mit dem Fragenkreis des A.

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Referenzen

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    Friedr. Kluge „Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache“, 11. Aufl. 1930.Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. auch E. Linpinsel „Zur Theorie und Kritik des philosophischen u. ökonomischen Anar chismus“, Zeitschrift f. Politik XIX/Okt. 1929. nung von „Theorie“ und „Kampf“ im Blick behalten und die Eigenart jeder der beiden Erscheinungen herausarbeiten müssen. Während der „tätliche“ A. in erster Linie der Rechtswissenschaft zuzuordnen ist, stellt der theoretische A. Probleme auf, die nur mit Hilfe der Soziologie, der Lehre vom mitmenschlichen Zusammenhang, sinnvoll gedeutet werden können3.Google Scholar
  3. 3.
    Der erste Versuch einer Deutung des A. aus der Soziologie liegt in dem erwähnten Aufsatz v. E. Linpinsel in d. Ztschr. f. Politik vor.Google Scholar
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    Vgl. Karl Diehl: „Sozialismus, Kommunismus u. Anarchismus“, 1923, sowie Diehls Beitrag im Hdwb. der Staatswissenschaften. Wegen der immer noch bestehenden Schwierigkeiten, sich über grundlegende Daten zu orientieren, folgen hier einige Angaben: William Godwin, 1756–1836, ist Begründer des A. Das entscheidende Werk, „Enquiry concerning political justice and its influence on morals and happiness“, erschien 1793. Gekürzte Ausg. in 2 Bdn. New York 1926, ohne die philosophischen Abhandlungen, die sich an Hartley, Helvetius, Hume und Locke anschließen. Pierre Joseph Proudhon, 1809–1865. Da sich im Anschluß an seine Schriften eine entsprechende Bewegung bildete, gilt er als „Vater“ des A. „Qu’est-ce que la propriete?“ 1840. „Systeme des contradictions economiques ou philosophie de la misère.“ 1846. „Les confessions d’un revolutionnaire.“ 1849. „Idée générale de la revolution au XIX. siècle.“ 1851. Die oeuvres complètes umfassen 33 Bde. und erschienen 1867–1876. Das Schrifttum über P. ist umfangreich. c) Max Stirner (Pseudonym für Kaspar Schmidt) 1806–1856. „Der Einzige und sein Eigen tum“ erschien 1845. Neuere Ausgabe 1924 von Dr. Anselm Ruest besorgt. Ruest, ein Anhänger Stirners, war Direktor des Individualistenbundes und Begründer der personalistisch-pädagogischen Zeitschrift „Der Einzige“, die 1919 herausgebracht wurde.Google Scholar
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  7. 7.
    „System der Allgemeinen Soziologie“, 2. Aufl. 1933, XVI u. 671 Seiten. Die Kenntnis dieses Werkes wird für die vorliegende Arbeit vorausgesetzt.Google Scholar
  8. 8.
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  9. 9.
    „Ihr ganzes Leben ward nicht geführt nach Satzung, Regeln noch Statuten, sondern nach eigner freier Wahl. Sie stunden vom Bett auf, wann es ihnen gut schien; tranken, aßen, arbeiteten, schliefen, wann sie dazu das Verlangen ankam. Keiner weckt’ sie, keiner zwang sie, weder zum Trinken noch zum Essen, noch sonst etwas. Denn also war es vom Gargantua eingerichtet. In ihrer Regel war nicht mehr als dieses einzige Gebot: Tu was du willst!“Google Scholar
  10. 10.
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    Dazu vgl. die Beziehungslehre L. v. Wieses, vor allem § 5, S. 170 flg.Google Scholar
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    Dieses innere Streben zeigt sich in den „sozialen Wünschen“. Siehe L. v. Wiese: Beziehungs lehre, S. 167.Google Scholar
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    Wie schon erwähnt, Anm. 12.Google Scholar
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Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1951

Authors and Affiliations

  • Elsbet Linpinsel

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