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Ein Wahlkreis Wählt „Verkehrt“

  • David Schoenbaum
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Zusammenfassung

Marburg — genauer: der Bundestagswahlkreis 131 mit der alten Universitätsstadt und ihren beiden angrenzenden Landkreisen — bot ein verzerrtes, aber doch ein Spiegelbild des Bundestagswahlkampfes insgesamt: dem CDU-Kandidaten entging der sicher geglaubte Sieg; der Vertreter der FDP erhielt — entgegen seinen Erwartungen und Bemühungen — einen ansehnlichen Trostpreis; und der Sozialdemokrat wurde reich beschenkt.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Jahn war ein Sitz im neuen Bundestag auf jeden Fall sicher, da er den 6. Platz auf der hessischen Landesliste der SPD hatte.Google Scholar
  2. 2.
    Nach dem Tode Heinrich von Brentanos rückte Preiß als nächster auf der Landesliste am 2. 12. 1964 in den Bundestag nach.Google Scholar
  3. 8.
    Das galt sogar schon für 1957, als Jahns Plakate mit Schmierereien wie „Jude“ verunstaltet worden waren. Am Ende des Wahlkampfes gewann Jahn mit einer Klage gegen einen katholischen Volksschullehrer, der sich für die CDU im Wahlkampf betätigte und auf einer Dorfversammlung erklärt hatte, a) Ollenhauer habe als Mitglied der RAF Deutschland bombardiert, b) Wehner sei immer noch Kommunist, c) Jahn verdiene keine Stimmen, da er Jude sei. Derselbe Lehrer, der sich öffentlich hatte entschuldigen müssen, tauchte auch im CDU-Wahlkampf 1961 auf, wurde aber offenbar strenger an die Kandare genommen.Google Scholar
  4. 4.
    „Haben Sie, seitdem Sie hier sind, alles in Ihrer Macht Stehende getan, um die Leute davon zu überzeugen, daß Sie interessiert und gewissenhaft sind?“ erinnert sich ein Redakteur der Oberhessischen Presse, Daub gefragt zu haben. „Das is’ ä schwierische Fro och“, antwortete Daub in seinem Frankfurter Dialekt. 1962 wurde Daub durch Dr. Seibert (CDU) als Bürgermeister abgelöst.Google Scholar
  5. 5.
    Interview mit dem Verf. in Berlin Ende Juni.Google Scholar
  6. 6.
    S. Ermenhild Neusüss-Hunkel, Parteien und Wahlen in Marburg nach 1945, unveröffentl. Marburger Diss., S. 33-36.Google Scholar
  7. 7.
    Es ist weniger historisch als vielmehr biographisch von Interesse, daß kurz danach noch eine zweite Gruppe Marburger Studenten auszog — diesmal, um die Republik zu verteidigen. Die Erinnerung daran wurde 40 Jahre danach noch einmal zu einem Bestandteil der politischen Atmosphäre, als einer der Veteranen dieser Gruppe, nach dem Krieg Herausgeber der Lokalzeitung, enttäuschtes Gründungsmitglied der Marburger FDP und 1961 Anhänger der DFU, an seine einstigen Mitstreiter zurückdachte: Viktor Agartz, Gustav Heinemann und Ernst Lemmer Google Scholar
  8. 8.
    Die statistischen Angaben dieses Abschnitts stammen aus der unveröffentlichten Arbeit von Eberhard W. Hübschmann, Der Landkreis Marburg a. d. Lahn — Ergänzung zur Strukturuntersuchung (Landratsamt Marburg, o. J.); aus dem Arbeitsamt Marburg und aus dem Statistischen Amt der Stadt.Google Scholar
  9. 9.
    Das Kopfschütteln ist weniger Ausdruck der Ablehnung als vielmehr der Überraschung. Sie haben 1929 und 1945 überstanden und sich deshalb nie solche Gedanken gemacht.Google Scholar
  10. 10.
    Ein SPD-Slogan lautete etwa: „Das Hessenland wählt Zinn und Brandt“.Google Scholar
  11. 11.
    Jahn war stolz darauf, als erster Marburger Politiker, wie er sich ausdrückte, „diese amerikanischen Techniken“ anzuwenden. Etwas verlegen fügte er hinzu, er besuche nur solche Gruppen, die ihn eingeladen hätten.Google Scholar
  12. 12.
    Selbst die Mutter des DRP-Kandidaten wollte den Wahlkampf nicht recht ernst nehmen; „Ein einfacher Bauernjunge, und der will in den Bundestag“, meinte sie.Google Scholar
  13. 13.
    Abgesehen von dem wertenden Adjektiv war dies tatsächlich der Fall. Der Lehrer, auf dessen Betreiben die Schüler erschienen waren, war der Mann der FDP in Biedenkopf, der bei der Kandidatur für den Wahlkreis als Daubs Gegenspieler aufgetreten und Befürworter des Deutschland-Plans war.Google Scholar
  14. 14.
    Der SPD-Sekretär erklärte, er sei die Marschmusik leid gewesen.Google Scholar
  15. 15.
    Im privaten Gespräch jedoch unterbrach die durch und durch unpolitische Kreissekretärin der Handwerkerschaft eine vorsichtige Erklärung ihres Kollegen für die CDU und wies darauf hin, daß nach Adenauer Strauß käme und Strauß Krieg bedeute. Diese Bemerkung einer Frau, der Adenauers verspäteter Berlinbesuch gar nicht aufgefallen war, muß sicher als symptomatisch für die Schwierigkeiten betrachtet werden, denen die CDU gegenüberstand.Google Scholar
  16. 16.
    In einer zentral gesteuerten Aktion verteilte das Marburger SPD-Büro außerdem Exemplare von Helmut Schmidts Buch „Verteidigung oder Vergeltung“ an Bundeswehr-Offiziere des Wahlkreises.Google Scholar
  17. 17.
    Jahn gab später zu, daß er an diesen „amerikanischen Techniken“ Gefallen gefunden hatte und daß er sie zur Grundlage seines Wahlkampfes 1965 machen wollte.Google Scholar
  18. 18.
    Neusüss-Hunkel, op. cit., S. 236.Google Scholar
  19. 19.
    Die Wahlbeteiligung betrug 1961 84,4 Prozent — 1957 aber 86,6 Prozent.Google Scholar
  20. 20.
    Der GDP-Kandidat lag hinter seiner Liste mit 4141:4794 Stimmen zurück; der der DFU mit 2084:2385; der der DRP mit 946:1091; eine Liste der DG gab es nicht, ihr Kandidat erhielt 231 Stimmen.Google Scholar
  21. 21.
    Angaben addieren zu 100,6 Prozent. Die Zahlen entstammen der „Oberhessischen Presse“ vom 18. 9. 1961, wobei Diskrepanzen leider vor Redaktionsschluß nicht mehr bereinigt werden konnten; andererseits ist dies die einzige verfügbare Quelle für “Wahlergebnisse nach Stimmbezirken.Google Scholar
  22. 22.
    79 „Enthaltungen“ bei den Erststimmen im Jahre 1957 entsprachen ungefähr der Differenz zwischen der Zahl der Stimmen für Preiß und der Gesamtheit der Stimmen für CDU und DP. 1961 gab es bei den Erststimmen nur 15 Enthaltungen. Wiederum unter der Annahme, daß die Enthaltungen 1957 von CDU-Wählern stammten, kam Jahns Stimmenzuwachs 1961 eindeutig von der CDU.Google Scholar
  23. 23.
    Allerdings sind nur etwa 30% der Marburger Arbeitnehmer gewerkschaftlich organisiert, und die größte Gewerkschaft am Ort ist die der Angestellten, die DAG.Google Scholar
  24. 24.
    Obwohl alle die Bedrohung durch den Gemeinsamen Markt erkannten, zeigte sich erstaunlich wenig Widerstand gegenüber der EWG. Dafür herrschte ein geradezu rührendes Vertrauen auf die Bonner Regierung vor, ungeachtet einer zeitweise kritischen Haltung ihr gegenüber. Die Notwendigkeit einer europäischen Einigung wurde allgemein anerkannt, und nur die DRP und die DG stellten sich gegen den Gemeinsamen Markt. Erfolg hatten sie damit nicht.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1965

Authors and Affiliations

  • David Schoenbaum
    • 1
  1. 1.KölnDeutschland

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