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Parteiidentifizierung in der Bundesrepublik und den Vereinigten Staaten

  • Werner Zohlnhöfer
Chapter

Zusammenfassung

In dieser Studie wird versucht, das Phänomen der Parteiidentifizierung in der Bundesrepublik und in den Vereinigten Staaten vergleichend zu untersuchen. Dabei wird unter Parteiidentifizierung das Gefühl der Zugehörigkeit oder Zuneigung bzw. eine geringe psychische Distanz zu einer politischen Partei verstanden1. Im Mittelpunkt steht daher eine vergleichende Untersuchung über die Häufigkeit und Intensität der jeweils vorhandenen parteipolitischen Bindungen, deren Bezug zu soziographischen Merkmalen sowie über deren Zusammenhang mit individuellen Wahlentscheidungen und Ansichten zu politischen Tagesfragen 2.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Diese Begriffsbestimmung deckt sich mit der im amerikanischen Schrifttum üblichen; vgl. dazu vor allem Angus Campbell, Philipp E. Converse, Warren E. Miller und Donald E. Stokes, The American Voter, New York 1960, Kapitel 6 und 7, wo „party identification“ als „sense of attachment with one party or the other“ oder als „the sense of individual attachment to party“ definiert wird (S. 121). Im folgenden werden Bezeichnungen wie Parteipräferenz, Parteiloyalität, parteipolitische Bindung als gleichbedeutend mit Parteiidentifizierung verwandt.Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. dazu Angus Campbell und Henry Valen, Party Identification in Norway and the United States, in: Public Opinion Quarterly 1961, Bd. 25, S. 505-526.Google Scholar
  3. 3.
    Da die amerikanische Erhebung nur Personen von mindestens 21 Jahren berücksichtigt und es in dieser Arbeit vor allem um die wahlberechtigte Bevölkerung geht, wurden von den 1964 deutschen Befragten für den Zweck dieser Untersuchung 169 eliminiert, weil sie zum Zeitpunkt der Erhebung noch nicht wahlberechtigt waren.Google Scholar
  4. 4.
    Über Ablauf und Hintergründe dieses Entwicklungsprozesses vgl. Rudolf Wildenmann, Macht und Konsens als Problem der Innen-und Außenpolitik, Frankfurt a. M. und Bonn 1963. Zur allgemeinen Problematik der Abgrenzung zwischen einem Mehr-(Zwei-) parteien-und einem Vielparteiensystem sowie speziell zur Frage, inwieweit die im Text skizzierte Entwicklung als Tendenz zu einem Zweiparteiensystem zu betrachten ist, vgl. Rudolf Wildenmann, Werner Kaltefleiter und Uwe Schleth, Auswirkungen verschiedener Wahlsysteme auf das Parteien-und Regierungssystem der Bundesrepublik, in diesem Band.Google Scholar
  5. 5.
    Vgl. V. O. Key jun., A Theory of Critical Elections, in: Journal of Politics, Bd. 17, 1955, S. 3-18.Google Scholar
  6. 6.
    Vgl. etwa V. O. Key jun., Politics, Parties and Pressure Groups, 4. Aufl., New York 1960; ders., Public Opinion and American Democracy, New York 1961.Google Scholar
  7. 7.
    Vgl. vor allem: V. O. Key jun., A Theory of Critical Elections, in: Journal of Politics, Bd. 17, 1955, S. 3-18; Bernard R. Berelson, Paul F. Lazarsfeld und William N. McPhee: Voting, Chicago 1954, S. 88-93; Angus Campbell, Gerald Gurin und Warren E. Miller, The Voter Decides, Evanston 1954, S. 97-107 und 176-177; Angus Campbell, Philipp E. Converse, Warren E. Miller und Donald E. Stokes, The American Voter, New York 1960, S. 146-216.Google Scholar
  8. 8.
    Eine detaillierte Untersuchung wird zur Zeit vom Institute for Social Research in Michigan vorbereitet. Zu den ersten Ergebnissen siehe das Referat von Warren Miller, IPSA-Kon-greß, Genf 1964.Google Scholar
  9. 9.
    Die Ergebnisse der “Wahl von 1964 lassen noch nicht klar erkennen, wie weit eine generelle Umorientierung stattgefunden hat oder inwieweit lediglich Barry Goldwater als Kandidat abgelehnt wurde, ohne daß dadurch die Präferenzen republikanischer Wähler generell verändert worden wären.Google Scholar
  10. 10.
    Wir führen hier den Versuch einer idiomatisch äquivalenten — und nicht einer wörtlichen — Übersetzung an. Die Formulierung des englischen Fragebogens klingt noch etwas subjek-tivistischer und „weicher“. Dies sind die Originalformulierungen dieser und der folgenden Frage: „Generally speaking, do you usually think of yourself as a Republican, a Democrat, an Independent, or what?“ „Would you call yourself a strong Republican/Democrat, or a not very strong Republican/Democrat?“Google Scholar
  11. 11.
    Vgl. Tabelle 9.Google Scholar
  12. 12.
    Vgl. insbesondere: Angus Campbell u. a., The American Voter, a. a. O., S. 146-167.Google Scholar
  13. 13.
    Vgl. Gabriel Almond und Sidney Verba, The Civic Culture, Princeton 1963.Google Scholar
  14. 14.
    Campbell u. a., The American Voter, a.a. 0., S. 163.Google Scholar
  15. 15.
    Vgl. beispielsweise: Bernard Berelson u. a., a. a. O., S. 93-100; Angus Campbell u. a., The Voter Decides, S. 97-111, 147-150, 166-170; Angus Campbell u. a., The American Voter, a. a. O., S. 125-145.Google Scholar
  16. 16.
    Vom amerikanischen Wähler werden gewissermaßen zwei Wahlakte gefordert: 1. Registrierung zur Wahl; 2. Der Wahlakt selbst. Hinzu kommt, daß wegen der hohen regionalen Mobilität viele der Amerikaner zu einem gegebenen Zeitpunkt nicht wahlberechtigt sind.Google Scholar
  17. 17.
    Angus Campbell und Henry Valen, a. a. O.Google Scholar
  18. 18.
    Vgl. Angus Campbell u. a., The American Voter, a. a. O., S. 493.Google Scholar
  19. 19.
    Die Abweichungen der SPD-Anhänger in der Zusammensetzung nach Geschlecht von jener der gesamten Stichprobe beträgt 13 Prozent; die entsprechenden Abweichungen für die anderen Parteigruppen betragen dagegen nur: 3 Prozent für die CDU/CSU; 2 Prozent für die FDP; 6 Prozent für die Republikanische und 1 Prozent für die Demokratische Partei.Google Scholar
  20. 20.
    Eine Ausnahme zu dieser Behauptung bildet die sehr kleine Gruppe der überzeugten FDP-Anhänger, die zu 85 Prozent mindestens 45 Jahre alt sind.Google Scholar
  21. 21.
    Als eine für die Struktur unserer Argumentation nützliche Vereinfachung übernehmen wir hier die landläufige, grobe Unterscheidung zwischen „progressiven“ und „konservativen“ Parteien. Damit ist lediglich gemeint die relative Verschiedenheit in der gesellschafts-, wirtschafts-und sozialpolitischen Orientierung einer Partei im Vergleich zu derjenigen der jeweils rivalisierenden großen Gegenpartei desselben Systems. So ist die Demokratische im Vergleich zur Republikanischen Partei in den USA „progressiv“ und umgekehrt. Entsprechendes gilt dann im Vergleich zwischen der SPD und der CDU/CSU in Westdeutschland. Die vergleichsweise „progressiven“ Parteien sind dann die SPD und die Demokratische Partei, die vergleichsweise „konservativen“ dagegen die CDU/CSU und die Republikanische Partei — ohne daß hiermit eine Identität in den inhaltlichen Orientierungen der jeweiligen „progressiven“ oder „konservativen“ Parteien postuliert würde.Google Scholar
  22. 22.
    Zum Begriff der unimodalen Verteilung vgl. V. O. Key jun., American Democracy and Public Opinion, New York 1961, S. 27-93; es heißt dort u. a.: „If the opinions of the people of the nation are sampled on an issue on which agreement prevails, the opinions will cluster closely together on an attitude scale. Such a distribution of attitude is described as ‚unimodal’“ (S. 28).Google Scholar
  23. 23.
    Bemerkung der Herausgeber: Es ist richtig, daß das (oft latente) Generalthema politischer Auseinandersetzungen in den USA seit Roosevelt die Berechtigung und das Ausmaß wohlfahrtsstaatlicher Maßnahmen ist. In der Bundesrepublik ist dies auch ein Hauptthema, aber nicht das allein dominierende. Zwei weitere Themen von bisher vergleichbarer Wichtigkeit sind: die „rechte“ Form der Wirtschaftsordnung und die Sicherheit vor militärischer Bedrohung. Die Trennungslinien der verschiedenen Auffassungen in bezug auf diese drei Themen in der Bevölkerung kreuzen sich teilweise. Die Umfragen im Rahmen der Wahlstudie ergeben folgendes Bild: In der Einstellung zu wohlfahrtsstaatlichen Maßnahmen identifiziert sich eine Mehrheit mit der SPD; für die beiden anderen Themen hält eine Mehrheit die CDU für geeigneter. Die Bedeutung der Themen wechselte in der Nachkriegszeit: Das Thema „Wirtschaftsordnung“ hat inzwischen seine Bedeutung weitgehend eingebüßt; das Thema militärische Sicherheit wird zunehmend als parteipolitisch neutral empfunden; Sozialpolitik beginnt jetzt als Streitpunkt auch in der Bundesrepublik dominierend zu werden. Die Wahl 1961 war der Zeitpunkt, zu dem sich diese letztere Situation abzuzeichnen begann. Die erheblichen Gewinne der SPD seither sind nicht zuletzt auf diese veränderte Bedeutung politischer Trennungslinien zurückzuführen. Da die vorherrschende Einstellung in Fragen des Wohlfahrtsstaates in Deutschland „linker“ ist, hat die SPD von dieser Veränderung heute den größeren Nutzen. Für ganz außerordentlich instruktiv halten wir die Konzeption eines latenten Kontinuums von Einstellungen, das die Parteien in verschiedenen Industriegesellschaften in unterschiedlicher Breite erfassen. Erfolg einer Partei bei Wahlen (bzw. Umfang der Anhängerschaft) wird damit u. a. verständlich als Entscheidung über den Inhalt der politischen Handlungen. In der „klassischen“ Auffassung erscheinen Parteien ja eher als quasireligiöse Bünde, deren Erfolg sich ableitet aus ihrer Fähigkeit, Konvertiten zu ihrer Auffassung zu bekehren; in dieser Betrachtung sind Parteien integrative Institutionen, die zu verschiedenen Zeitpunkten einen unterschiedlichen Abschnitt eines Kontinuums von Einstellungen in der Bevölkerung mobilisieren.Google Scholar
  24. 24.
    Während Präsidentschaftswahlen in den USA alle vier Jahre gleichzeitig mit Kongreßwahlen stattfinden, liegt in der Mitte der Amtsperiode eines Präsidenten eine weitere Kongreßwahl.Google Scholar
  25. 25.
    Es fällt auf, daß im Jahre 1957 (wie bei anderen Bundestagswahlen) die Anhänger der FDP und der Splitterparteien im ganzen relativ weniger häufig „ihre“ Partei wählten als die Anhänger der CDU/CSU und der SPD.Google Scholar
  26. 26.
    Es ist schwer zu sagen, inwieweit der in der deutschen Erhebung gemachte Versuch, durch die der eigentlichen Frage vonangehenden Aufforderung „Sehen Sie jetzt einmal völlig davon ab, welche Partei Ihnen persönlich am sympathischsten ist...“ den Einfluß parteipolitischer Präferenzen auf die Meinungsäußerungen über die besonderen Fähigkeiten der einzelnen Parteien möglichst auszuschalten, die uns hier interessierende Polarisation dieser Anschauungen tatsächlich verringern. Es ist jedoch zu bedenken, daß eine im Einzelfall vorhandene „Parteilichkeit“ der Meinungen dem Betroffenen in der Regel nicht bewußt ist. Hinzu kommt, daß gerade im Westdeutschland der Nachkriegszeit Parteipräferenzen wohl relativ häufig aus der Zustimmung zu parteipolitischen Positionen heraus entstanden sind. Im ganzen dürfte deshalb die durch den genannten Vordersatz als solchen bedingte Tendenz zur Verringerung der hier relevanten Polarisierung nicht sehr erheblich sein.Google Scholar
  27. 27.
    Vgl. vor allem: V. O. Key jun., A Theory of Critical Elections, in: Journal of Politics, Bd. 17, 1955, S. 3-18.Google Scholar
  28. 28.
    Vgl. Anthony Downs, An Economic Theory of Democracy, New York 1957, S. 133-134.Google Scholar
  29. 29.
    Vgl. den Beitrag von Max Kaase.Google Scholar
  30. 30.
    Angus Campbell und Henry Valen, Party Identification in Norway and the United States, a. a. O., S. 524.Google Scholar
  31. 31.
    Sigmund Neumann, Germany: Changing Patterns and Lasting Problems, in: Sigmund Neumann, Hrsg., Modern Political Parties, Evanston 1955, S. 377.Google Scholar
  32. 32.

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1965

Authors and Affiliations

  • Werner Zohlnhöfer
    • 1
  1. 1.FreiburgDeutschland

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