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Zur Dynamik der Bürgerlichen Familie und ihrer Möglichen Alternativen

  • Dieter Claessens
  • Ferdinand W. Menne
Chapter
Part of the Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie book series (KZSS)

Zusammenfassung

Das „Biogramm“ des Menschen, also das phylogenetisch entwickelte gemeinsame Muster der Lebensweise des Homo sapiens, läßt sich in Kontinuität und Diskontinuität herleiten aus den Biogrammen der Vertebraten, Säuger, Primaten. Je stärker die Kontinuität, je intimer und dem emotionalen Untergrund näher die Leistungen des Menschen in einem bestimmten Bereich sind, desto entschiedener bleiben sie offenbar hinter den strukturellen sozialen Wandlungen zurück. „Familie“ war und ist nun in diesem Sinne eine Leistung archaischer Art. Es muß angenommen werden, daß sie sich in einem besonders gespannten Verhältnis zu einer sich schnell wandelnden Welt befindet, eine Tatsache, der die Familiensoziologie Rechnung tragen muß.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Vielleicht läßt sich in kritischer Auseinandersetzung mit Irenäus Eibl-Eibesfeldt (Liebe und Haß. Zur Naturgeschichte elementarer Verhaltensweisen, München 1970), bei der vor allem auch eine Diskussion mit der Psychoanalyse unabdingbar wäre, zu diesem Komplex einmal Entschiedeneres sagen. Eibl-Eibesfeldt spricht — Konrad Lorenz teilweise korrigierend oder zumindest ergänzend — vom Menschen als einem „der Anlage nach geselligen Wesen“, einem „von Natur aus auch sehr freundlichen Wesen“ mit „angeborener Neigung zur Nächstenliebe“.Google Scholar
  2. 2.
    Wichtig ist dabei, daß bei den Alloprimaten (alle Primaten mit Ausnahme des Menschen) Weibchen wie Männchen dominant sein können und daß das dominante Weibchen erst mit dem Eintritt in seine reproduktive Rolle (zu Beginn der Brunst) die Dominanz zu verlieren scheint. Vgl. Earl W. Count, Eine biologische Entwicklungsgeschichte der menschlichen Sozialität. Versuch einer vergleichenden Wirbeltiersoziologie mit besonderer Berücksichtigung des Menschen, 3. Teil, in: Homo 10 (1959), S. 65-91; jetzt auch: in: ders., Das Biogramm. Anthropologische Studien, Frankfurt 1970.Google Scholar
  3. 3.
    Vgl. Earl W. Count, a.a.O., S. 69 ff.; S. 87: „Phylogenetisch ist das älteste sozialisierende Agens die jugendliche Altersgruppe. Sozialisierung durch die Eltern ist phylogenetisch jünger; sobald sie sich aber ausgebildet hat, bildet sie die ontogenetisch frühere Stufe.“.Google Scholar
  4. 4.
    Es ist zu betonen, daß das Sachsystem eines der Familiensysteme ist. Entlarvend für eine Perversion ist die Feststellung Erwin K. Scheuchs: „Nach dem Abbau der ersten Leidenschaft — und die kann nur konstruktiv sein für eine Liebesbeziehung und nicht für eine Ehe — erweist sich als Grundlage der Ehe die Gemeinsamkeit der Interessen an den sachlichen Problemen der Familie“ (in: Krise der Ehe, München 1966, S. 145 f.).Google Scholar
  5. 5.
    Vgl. dazu: Schizophrenie und Familie. Beiträge zu einer neuen Theorie von Gregory Bateson u. a., Theorie 2, Frankfurt/Main 1969; Horst-Eberhard Richter, Eltern, Kind und Neurose. Die Rolle des Kindes in der Familie, Reinbek bei Hamburg 1969; ders., Patient Familie. Entstehung, Struktur und Therapie von Konflikten in Ehe und Familie, Reinbek bei Hamburg 1970.Google Scholar
  6. 6.
    Vgl. Horst-Eberhard Richter, Patient Familie, a.a.O., S. 9 ff.Google Scholar
  7. 7.
    Vgl. Hugh Miller, Progress and Decline. The Group in Evolution, Oxford 1964; Dieter Claessens, Instinkt — Psyche — Geltung, 2. Aufl. Köln—Opladen 1970. Adolf Portmann bezeichnet (in: Das beschädigte Leben, hrsg. v. Alexander Mitscherlich, Grenzach 1969, S. 22) „ein wirkliches Verstehen der Genese eines gestaltlich begrenzten offenen ‚steady-state-Systems‘“ als Zentralproblem in der Analyse evolutiver Anpassung: „Das Problem der Entstehung einer Grenze, die ein, Innen4 gegen ein ‚Außen’ sichert und abschließt und es zugleich nach außen öffnet und Beziehung stiftet — dieses Geheimnis der Haut, die ja nicht nur virtuelle Grenzschicht ist, bleibt noch immer zu lösen.“.Google Scholar
  8. 8.
    Earl W. Count, a.a.O., S. 69; S. 78 ff.Google Scholar
  9. 9.
    Vgl. Dieter Claessens, Familie und Wertsystem. Eine Studie zur, zweiten, sozio-kulturellen Geburt4 des Menschen, 2., überarbeitete Aufl. Berlin 1967.Google Scholar
  10. 10.
    Vgl. zum Begriff der „akzeptierten Unterwerfung“ Dieter Claessens, Rolle und Macht, Grundfragen der Soziologie, Band 6, 2. Aufl. München 1970, S. 101 ff.; S. 145; S. 176.Google Scholar
  11. 11.
    Charles Fourier, zitiert nach Kursbuch 17, 1969, S. 1.Google Scholar
  12. 12.
    Von den alten Menschen in unserer Gesellschaft im Hinblick auf Familie zu sprechen, müssen wir uns hier versagen; unumgänglich aber ist ein Hinweis auf diese noch kaum recht anvisierte Problematik. Vgl. Hans Thomae und Ursula Lehr, Hrsg., Altern. Probleme und Tatsachen Frankfurt/Main 1968; Simone de Beauvoir, La Vieillesse, Paris 1970.Google Scholar
  13. 13.
    Vgl. Dieter Claessens. Rolle und Macht, a.a.O., S. 173 f.; S. 182 f. Noch weniger als die Frau kann das Kind „sein Jahrhundert“ selbst heraufführen; das „Jahrhundert des Kindes“ muß von den Erwachsenen „gemacht“ werden.Google Scholar
  14. 14.
    Horst-Eberhard Richter wendet sich aus psychoanalytischer Sicht gegen Eltern, die ihre Kinder „zu Sündenböcken, erlösenden Wunderkindern, zu politischen Kampfgefährten oder gar zu halben Sexualpartnern machen, je nachdem, wie ihre eigene Neurose gerade strukturiert ist“ (vgl. ders., Patient Familie, a.a.O., S. 35).Google Scholar
  15. 15.
    Erhellend wirkt da eine Formulierung im Bericht der Kommune II (Kursbuch 17/1969, S. 151): „Sieben Erwachsene und zwei Kinder zogen im Februar 1967 in das Berliner SDS-Zen-trum. Sie wollten gemeinsam politisch arbeiten.“ Auch hier geht es selbstverständlich „über die Köpfe der Kinder weg“ die Aufgabe des direkten politischen Anspruchs und der Auszug aus dem SDS-Haus sind dann auch durch private Probleme der Erwachsenen motiviert.Google Scholar
  16. 16.
    Martin Heidegger, zitiert nach: Das beschädigte Leben, hrsg. v. A. Mitscherlich, a.a.O., S. 148; Ernst Block, Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt/Main 1959, S. 871.Google Scholar
  17. 17.
    Für die dänische Großfamilie von Kana (15 Erwachsene) sah das „Traumhaus“ so aus: „30 Räume, 3 Badezimmer, 700 Quadratmeter Wohnraum, 4000 Quadratmeter Garten, vier Hektar bebaubares Land.“ Vgl. Guy Sitbon, Wie errichtet man eine Kommune, und Wie leben die Kommunekinder, in: Neues Forum 190 und 191, S. 531 ff. und S. 589 ff., hier S. 533.Google Scholar
  18. 18.
    Guy Sitbon, a.a.O., S. 534; vgl. Kursbuch 17 (1969), S. 155 ff.Google Scholar
  19. 19.
    Monika Seifert, in: Neuer Rundbrief (des Senators für Familie, Jugend und Sport in Westberlin) 2 (1970), S. 7.Google Scholar
  20. 20.
    In seinem Vorlesungsskript zur „Theorie der Sozialisation“ referiert Jürgen Habermas (SS 1968) empirische Ergebnisse: „Auf der phonologischen Ebene gehen die sozialschichten-spezifischen Entwicklungskurven für die Äußerung differenzierter Laute bereits vom 18. Lebensmonat an auseinander. Analoge Unterschiede zeigen sich vom 3. Lebensjahr an für Sprachschatz und Syntax. Die wichtigste einzelne Variable ist das Ausmaß und der Reichtum der sprachlichen Stimulierung, die das Kind im täglichen Umgang, vor allem mit der Mutter und den übrigen Familienangehörigen, erfährt“ (8./9. Doppelstunde, S. 4).Google Scholar
  21. 21.
    Vgl. dazu Dieter Claessens, Rolle und Macht, a.a.O.; Ulrich Oevermann, Schichtenspezifische Formen des Sprachverhaltens und ihr Einfluß auf die kognitiven Prozesse, in: Heinrich Roth, Hrsg., Begabung und Lernen, 4. Aufl. Stuttgart 1969.Google Scholar
  22. 22.
    „Nicht das Vorhandensein stärkerer Konflikte, sogar eklatanter Kontroversen, beweist einen Defekt der Familie, sondern nur die Unfähigkeit ihrer Mitglieder, derartige Spannungen auszuhalten und miteinander zu klären, ohne einander zu verstoßen, zu bestrafen oder in regelrechte Symptombildungen hineinzutreiben“ (Horst-Eberhard Richter, Patient Familie, a.a.O., S. 30 f.).Google Scholar
  23. 23.
    Horst-Eberhard Richter, Patient Familie, a.a.O., S. 73 ff.Google Scholar
  24. 24.
    Helmut Kentier, Die Wohngruppe. Eine neue Form des Zusammenlebens?, in: Reinhold Ruthe, Hrsg., Ist die Ehe überholt?, München 1970, S. 118. Bei Guy Sitbon (S. 590) sagt ein „Reformist“: „Jetzt geht es darum, auch die Familienmitglieder frei zu wählen. In Freiheit müssen Wärme und Menschlichkeit, die uns verlorengegangen sind, neu geschaffen werden.“.Google Scholar
  25. 25.
    Dietrich Haensch, Zerschlagt die Kleinfamilie?, in: Sozialistische Politik (1969), S. 88.Google Scholar
  26. 26.
    Horst-Eberhard Richter, Patient Familie, a.a.O., S. 32. Typisch für die neue Repression ist die Aussage eines Mitgliedes der dänischen Kommune 0: „Aber ich bleibe dabei, daß man aus Disziplin gemeinsam schlagen soll.“ ‚Aus Disziplin? ‘„Wir werden niemals erwachsen werden, solange wir nicht die Askese praktizieren, die darin besteht, daß ich zusehe, wie mein Freund mit meiner Frau schläft, ohne daß ich dabei das Gefühl habe, daß mein Eigentumsrecht verletzt wird.“ Vgl. demgegenüber die Position von Dietrich Haensch, der sich an Wilhelm Reich orientiert und Wohnkollektive nicht zu Sexualkollektiven umgestalten will.Google Scholar
  27. 27.
    Dies festzustellen heißt sogleich, pauschale Urteile abzuwehren, die aus dieser Tatsache das notwendige Scheitern aller Alternativen behaupten. Auch Eibel-Eibesfeldt sagt mit scheinüberlegender, bestenfalls seine Unkenntnis der Alternativen belegender Attitüde: „Hätten die Betreffenden sich ein wenig in der Völkerkunde umgesehen, dann hätten sie den Ausgang des Experimentes wohl voraussagen können, denn Ehigkeit ist keineswegs nur ein Merkmal bürgerlicher Gesellschaften. Es gibt kein Naturvolk, das die Ehe nicht kennt“ (ders., Liebe und Haß, a.a.O., S. 265 f.).Google Scholar
  28. 28.
    Die Erfahrungen der Kommune II haben gezeigt, daß die rationale Selbstkontrolle und die Kontrolle in der Gruppe destruktiv für die einzelnen wirken, wenn sie zu „wilder Psychoanalyse“ werden.Google Scholar
  29. 29.
    Das negative Gegenbild gibt noch einmal Erwin K. Scheuch mit den Worten: „Auch Universitätsprofessoren unterhalten sich zu Hause öfter über Haushaltsgeld oder die laufende Nase von Fritzchen als über Musikästhetik oder den Krieg in Vietnam. Zumindest tun sie dies in funktionierenden Ehen“ (in: Krise der Ehe, a.a.O., S. 145). Hier wird die Empirie einer durchaus sozialpathologischen Erscheinung zur wertenden Beschreibung einer Sollform.Google Scholar
  30. 30.
    Vgl. Dieter Claessens, Rolle und Macht, a.a.O., S. 98 ff. und S. 147 ff. Bei dem Versuch, Familie unter Warenkategorien zu fassen („Handel“ ist Prototyp des Vertrages), endet mit Sicherheit die Möglichkeit, Familie als Vertragsmodell zu beschreiben.Google Scholar
  31. 31.
    René König, Artikel „Ehe und Ehescheidung“, in: W. Bernsdorf, Hrsg., Wörterbuch der Soziologie, 2. Aufl. Stuttgart 1969, S. 202.Google Scholar
  32. 32.
    An dieser Stelle ist auf eine geläufig werdende Fehldeutung zu verweisen, die sich etwa auch bei Eibl-Eibesfeldt findet. Es wird nicht unterschieden zwischen notwendigen emotionalen Beziehungen des Säuglings und Kleinkinds zu Dauerpflege-und Dauerbezugspersonen und deren (hinsichtlich ihrer Vermeidbarkeit durchaus noch nicht ausreichend untersuchten) pathologischen Form. Es steht etwa der „Ödipuskomplex“ in seiner strengen Freudschen Konzeption durchaus zur Debatte, nicht aber die Notwendigkeit permanenter affektiver Zuwendung zum Kind.Google Scholar
  33. 33.
    Guy Sitbon, a.a.O., S. 589.Google Scholar
  34. 34.
    E. E. Masters, Parents in Modern America. A Sociological Analysis, Homewood, Ill., 1970. S. VIII.Google Scholar
  35. 35.
    Ernst Block, a.a.O., S. 681.Google Scholar
  36. 38.
    In diesem Zusammenhang hat eine Aussage Reimut Reiches (in: Sexualität und Klassenkampf, Frankfurt/Main 1968, S. 160) ziemlich verheerende Wirkung gezeitigt: „Es gibt in den gesamten hochentwickelten Industrieländern nicht ein Beispiel eines praktizierten Modells frühkindlicher Sozialisation außerhalb der Familie, das signifikant befriedigendere Resultate erbracht hätte als die durchschnittlich glücklicheren Fälle (oder Zufälle) von Familien-sozialisation bei normalen oder liebesfähigen Eltern mit durchschnittlich günstigen familiären Randbedingungen...“ denn diese „Stelle“ wird nun gern zitiert zur Feier der Familie, wie sie ist, ohne daß man die Mengen von Voraussetzungen, die Reiche anführt, überprüft. Wenn schon ein „radikaler Linker“.Google Scholar
  37. 37.
    Karl Marx und Friedrich Engels, Ausgewählte Schriften, Bd. I, Berlin 1966, S. 41.Google Scholar
  38. 38.
    Das gilt letzten Endes auch für die Kommune II, die mit bestem Wissen und Meinen erklärt: „Wir hoffen den Luxus größerer Freiheit dadurch zu rechtfertigen, daß wir daran arbeiten, das Privileg für immer abzuschaffen“ (vgl. Kursbuch 17, 1969, S. 150).Google Scholar
  39. 39.
    Siegfried Bernfeld, Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung, Theorie 2, Frankfurt/Main 1967, S. 31; zuerst 1925.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1970

Authors and Affiliations

  • Dieter Claessens
    • 1
  • Ferdinand W. Menne
    • 1
  1. 1.BerlinDeutschland

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