Advertisement

Gesellschaftliche Modernität und Modernität der Familie

  • Erwin K. Scheuch
  • Marvin B. Sussman
Chapter
Part of the Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie book series (KZSS)

Zusammenfassung

Stellen wir uns einmal vor, wir hätten eine verhaltenswissenschaftliche Untersuchung im Jahre 1910 durchzuführen. Gegenstand dieser Untersuchung sollte — so wie es z. B. das zentrale Problem der gegenwärtigen „Cross-National Research Studies on the Family“ ist — die Beziehung zwischen der Sozialstruktur (speziell bürokratischer Organisation) und der Familie im Prozeß des sozialen Wandels sein. In dieser oben genannten Zeit hätten die meisten Sozialwissenschaftler nicht gezögert, einige evolutionistische Gedanken über den sozialen Wandel, der als eine kontinuierliche Entwicklung vom Primitiven oder Elementaren zur „Moderne“ vorgestellt wurde, anzuwenden. „Modern“ hätte für viele eine Gesellschaft bedeutet, in der ein großer Anteil der Bevölkerung im Sinne der „protestantischen Ethik“ (so wie sie Max Weber verstand) motiviert ist; eine Gesellschaft, in der eine öffentliche Ordnung und eine starke Verpflichtung auf allseits akzeptierte Werte gegeben sind; eine Sozialstruktur, die durch eine zunehmende Zahl von bürokratischen Organisationen gekennzeichnet ist, die nach universalistischen und affektiv neutralen Kriterien arbeiten; eine Gesellschaft schließlich, die durch eine Sozialstruktur ausgezeichnet ist, die von beruflicher Differenzierung und Interdependenz arbeitsteiliger Systeme geprägt wird.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Anmerkungen

  1. 1.
    Die „Cross-National Research Studies on the Family“ wurden zunächst initiiert vom „Committee on Comparative Family Studies“ der International Sociological Association. Im Anschluß an den 6. Weltkongreß für Soziologie in Evian 1966 regte Marvin B. Sussman eine spezielle Studie an, um eine moderne Familientheorie aufzustellen und eine Vielfalt von Konzepten auf ihre Brauchbarkeit für großangelegte vergleichende Forschungen in einer großen Zahl von Kulturen zu testen. Die augenblickliche Arbeit dieser Gruppe wird unterstützt durch das Committee on Family Research of the International Sociological Association und finanziell gefördert vom U.S. National Institute of Child Health and Human Development. Feldarbeiten für dieses Projekt werden im Augenblick in zehn Ländern durchgeführt. Eine detailliertere Beschreibung des Projektes ist erhältlich von Cross-National Research Studies on the Family, Sociological Research Building, Case Western Reserve University, Cleveland, Ohio, 44106, USA.Google Scholar
  2. 2.
    Diese Übertragung der Ideen von Ferdinand Tönnies ist das zentrale Thema von Talcott Parsons früher Arbeit „The Structure of Social Action“ (New York 1937). Sehr richtig wies er auf die Ähnlichkeit zwischen anscheinend unverbundenen evolutionistischen Gedankengängen hin, und sehr deutlich deckte er die Ähnlichkeiten in den Wandlungsprozessen der menschlichen Interaktionen auf. Es ist von einigem Interesse für eine zukünftige „Ideengeschichte der Soziologie“, daß mit Parsons „Interaktion“ individualistisch zur Aktion umdefiniert wurde — das ist individualistischer als die Prägung des Begriffs „soziales Handeln“, wie er von Max Weber in Paragraph 1 von „Wirtschaft und Gesellschaft“ (zuerst Tübingen 1921) verstanden wurde, wo „soziales Handeln“ als eine Art Austauschkonzept verwendet wird.Google Scholar
  3. 3.
    In anderen Teilen seiner „Gesammelten Aufsätze zur Religionssoziologie“ (3 Bde., Tübingen 1920/21) kehrte Max Weber die Reihenfolge von abhängigen und unabhängigen Variablen um, und selbst in seiner Arbeit „Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ (in: ders., Gesammelte Aufsätze..., Bd. 1, a.a.O., S. 17-206) verfiel Weber nicht einem psychologischen Reduktionismus. David C. McClelland (z. B. in: ders., The Achieving Society, Princeton 1961) argumentiert wesentlich vereinfachter mit einer direkten Beziehung zwischen dem Prozentsatz von Personen mit gewissen Persönlichkeitsmerkmalen und der Entwicklung. Seine „high achievers“ sind synonym für das, was viele Autoren eine moderne Persönlichkeit nennen.Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. solche Definitionen der Modernität, wie sie z. B. von Marion J. Levy, Jr. (Modernization and the Structure of Societies, 2 Bde., Princeton 1966), T. H. Marshall (Citizenship and Social Class, London 1950), Reinhard Bendix (Nation-Building and Citizenship, New York 1964) oder Everett E. Hagen (On the Theory of Social Change, Homewood, Ill., 1962) gegeben wurden. Wir stimmen mit Arnold S. Feldman und Christopher Hum (The Experience of Modernization, in: Sociometry 29, 1966, S. 378-395) überein, die ausführen: Der Terminus „Modernization has many difficulties as a scientific concept. For example, it is, of course, often vague and all inclusive. Additionally, the term is quite vulnerable to an ethnocentric interpretation.“.Google Scholar
  5. 5.
    Pitirim A. Sorokin beschreibt in seinem Buch „Society, Culture and Personality. Their Structure and Dynamics“ (New York 1945) die Entwicklung in China als eine Oszillation zwischen einem mehr materialistischen und einem mehr idealistischen System der sozialen Organisation. Eine solche Vorstellung von zyklischen Wandlungsprozessen ist unvereinbar mit dem Konzept der Entwicklung-wie nichtlinear man auch immer solchen Wandel definiert. Seit dem Beginn der zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts haben sich verschiedene Theorien herausgebildet, die an die Stelle der evolutionistischen Ideen des 19. Jahrhunderts eine Spielart eines organizistischen Konzepts der Entwicklung und des Niederganges setzen wollen, so z. B. Oswald Spengler. Während des letzten Jahrzehnts hat eine Zahl von Wissenschaftlern versucht, aus empirischem Material die Makro-Merkmale der Gesellschaft zu beschreiben, und durch die Mittel solcher Techniken, wie sie z. B. die Faktorenanalyse darstellt, sind sie in der Lage gewesen, die Beschreibungen von Oszillationen (wenn auch nicht vom „Blühen“ und vom „Niedergang“) zwischen einer endlichen Zahl von organisatorischen Prinzipien zu bewältigen, wobei sich aber kein Entwicklungstrend ergab; vgl. Alvin W. Gouldner und Richard A. Peterson, Technology and the Moral Order, Indianapolis 1962, bei denen ein Wechsel zwischen „dionysischen“ und „apollinischen“ Zeiten postuliert wird.Google Scholar
  6. 6.
    Der Terminus „funktionale Differenzierung“ ist insofern vorzuziehen, als „Arbeit“ im engeren Sinne des Wortes nicht notwendigerweise immer spezialisierter wird durch Teilung der Aufgaben. Mittelalterliche Gilden-und als zeitgenössische Nachfolger manche Handwerkergewerkschaften in den USA und Großbritannien-arbeiten nicht mehr auf ein Ziel hin, sondern teilen sich in Untereinheiten, die sich einen bestimmten Typ von Arbeiten reservieren, und diese Aufsplitterung ist häufig sehr dysfunktional im Sinne des zu erreichenden Ziels.Google Scholar
  7. 7.
    Vgl. Marvin B. Sussman, Some Conceptual Issues in Family-Organizational Linkages, Beitrag zur Tagung der American Sociological Association in San Francisco, 1. September 1969, als einen Diskussionsbeitrag zu den Lebensbereichen, Verknüpfungen und Optionen.Google Scholar
  8. 8.
    Vgl. die beigegebene Abbildung 1.Google Scholar
  9. 9.
    Dieser von Robert Rapoport vorgeschlagene Terminus meint das Gegenteil von „optionslos“.Google Scholar
  10. 10.
    Margaret P. Brooks von der Leitung des „Cross-National Family Research“-Teams wies auf die Notwendigkeit dieser Unterscheidungen hin, und wir sind ihr dankbar für diesen Hinweis.Google Scholar
  11. 11.
    Vgl. Marvin B. Sussman und Margaret P. Brooks, The Concept of Competence, Arbeitspapier der Cross-National Family Studies, als eine theoretische Analyse der Operationalisierung des Konzepts. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Günter Albrecht.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1970

Authors and Affiliations

  • Erwin K. Scheuch
    • 1
  • Marvin B. Sussman
    • 2
  1. 1.KölnDeutschland
  2. 2.ClevelandUSA

Personalised recommendations