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Die anthropomorphe Natur

  • Johannes Balve
Part of the DUV Sprachwissenschaft book series (DUVSWISS)

Zusammenfassung

Wo die erkenntniskritischen Überlegungen auf Aporien hinauslaufen, behilft sich Döblin in den ’Gesprächen’ mit Metaphern. Eingebettet in ein als Ungeheuer vorgestelltes Weltwesen, könne der Mensch “über kein Härlein schauen” (22)1. Er erkenne nur das, was ihm, dem mit bestimmten Denk- und Wahrnehmungsorganen ausgerüsteten Geschöpf, von Natur aus zugänglich sei. Aus dem Gedanken läßt sich folgern, daß die Welt, wenn denn über sie etwas ausgesagt werden soll, so geschildert werden muß, wie sie sich dem Erkennenden aus menschlicher Sicht gibt. Läßt sich auch nur ein Ausschnitt aus ihr erfassen, so ist dieser doch kein künstlicher, sondern originaler des Naturwesens Mensch. 2 Als naturgegebene Anlagen wären die menschlichen Erkenntnisfunktionen somit Äußerungen eines Transzendentalen, das menschliche Ich der Spiegel, mit dessen Hilfe die Welt zur Selbsterkenntnis gelangt (28 f.)3.

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Literatur

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    Schopenhauer schreibt: “... wie auf dem tobenden Meere, das, nach allen Seiten unbegränzt, heulend Wasserberge erhebt und senkt, auf einem Kahn ein Schiffer sitzt, dem schwachen Fahrzeug vertrauend; so sitzt, mitten in einer Welt voll Quaalen, ruhig der einzelne Mensch, gestützt und vertrauend auf das principium individuations, oder die Weise wie das Individuum die Dinge erkennt, als Erscheinung.” Schopenhauer, Werke, Bd. II, a. a. O., S. 439Google Scholar
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    S. den Anfang dieses Kapitels. Weltzugewandheit durch passive Hingabe ist auch die politische Strategie und religiöse Haltung der Wu-Wei-Bewegung in ’Die drei Sprünge des Wang-lun’.Google Scholar
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    Wenn Döblin in seinen später erschienenen Schriften (UD, IN) von ’Natur’ und ’Ich’ redet, so bedeutet dies allerdings nicht eine nachträgliche Revision zugunsten eines Leib-Seele-Dualismus, sondern die Formulierung des gleichen Gedankens aus einer neuen Perspektive.Google Scholar
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    Dilthey begründet in seiner Schrift ’Dichterische Einbildungskraft und Wahnsinn’ die Aufhebung von Innen- und Außenwelt in der Kunst psychophysiologisch; Rede gehalten zur Feier des Stiftungstages der militärärztlichen Bildungsanstalten am 2. August 1886. Berlin. In: Festreden der Kaiser-Wilhelms-Akademie. Berlin, 1885–89; S. 25.Google Scholar
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Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1990

Authors and Affiliations

  • Johannes Balve

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