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Studienfachwahl und Sozialstruktur am Beispiel der drei exemplarischen Studienfächer

  • Helmut Apel
Part of the DUV: Sozialwissenschaft book series (DUVSW)

Zusammenfassung

Als eine der wohl wesentlichsten Entscheidungen des Bildungshandeln ist die Ausbildungswahl anzusehen. Mit ihr legt man sich auf einen bestimmten Ausschnitt aus dem Bereich beruflicher Tätigkeiten fest. Diese Festlegung gilt gleichzeitig als die sichtbarste Manifestation der eigenen fachlichen Interessen. So ist auch die Studienentscheidung als eine sehr weitreichende und nur in geringem Maße revidierbare Lebenslaufentscheidung zu begreifen. Denn nach Auskunft der Konstanzer Forschergruppe beträgt der Anteil an Fachwechslern zwischen 10 Prozent in Jura und den Ingenieurwissenschaften und 20 Prozent in den Geisteswissenschaften (BARGEL et al. 1989: 82). Durch die Entscheidung für ein Studienfach findet also eine Generalentscheidung für — und vor allem auch gegen — ganz bestimmte berufliche „Fähigkeitsbündel“ oder „-schablonen“ (siehe Kapitel 2) statt, die in einem zu diesem Zeitpunkt kaum übersehbarem Maße über die spätere Lebenssituation, den Lebensstil und die soziale Position bestimmt. Deswegen sollen Betrachtungen zur Studienfachwahl den Anfang der empirischen Analysen bilden.

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Literatur

  1. 1.
    So beispielsweise in den Untersuchungen der Konstanzer Forschergruppe, etwa: BARGEL et al. 1989: 71 ff.Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. die klassische Studie von La PIERRE zu “Attitudes versus Actions” (1934); generell zu Diskrepanz zwischen Einstellungen und tatsächlichem Verhalten: BENNINGHAUS (1973,1976). Und zur Feststellung aus sozialpsychologischer Perspektive, daß nicht Einstellungen Verhalten, sondern umgekehrt Verhalten Einstellungen formen, die am angemessensten dissonanztheoretisch oder mittels des Konzepts der Selbstwahrnehmung zu interpretieren sind, siehe einführend: HERKNER 1986: 238 ff, SECORD/BACKMAN 1983: 89 ff, GARZMANN 1981.Google Scholar
  3. 3.
    Es handelt sich hierbei um eine sehr eindrückliche Längsschnittuntersuchung, die ehemalige Viertklässler des Jahres 1971 aus NRW bis in das Jahr 1981 verfolgt und deren Bildungsentscheidungen im Kontext exemplarischer Regionalbeschreibungen bezüglich des Arbeitskräftebedarfs interpretiert. Diese Studie entstand am Institut zur Erforschung sozialer Chancen ( ISO ), Köln.Google Scholar
  4. 4.
    Daß ich solche milieu-oder ressourcenangepaßten Orientierungen oder Entscheidungen aus der Perspektive des individuellen Akteurs als durchaus rational und sinnvoll ansehe, habe ich insbesondere in Kapitel 3.1.3 dargelegt.Google Scholar
  5. 5.
    KOHLI 1975:160, zitiert nach SANDBERGER 1981: 105.Google Scholar
  6. 6.
    Differenzen zwischen der Marburger und der Siegener Pädagogik und zwischen Maschinenbau und Elektrotechnik werden der Übersicht wegen als gemeinsamer Mittelwert wiedergegeben, sofern die Mittelwertdifferenz unter 5 Prozent liegt.Google Scholar
  7. 2.
    Die Angaben zu Schul-und Ausbildungsabschluß der 40–60-jährigen männlichen Wohnbevölkerung sind als ungefähre Anhaltswerte zu lesen. Sie wurden berechnet als Mittelwerte aus den Angaben zur Altersgruppe der 40–50-Jährigen und zur Gruppe der 50–60-Jährigen. Datenbasis: Grund-und Strukturdaten des BMBW zur Bevölkerung 1987 (Mikrozensus) (BUNDESMINISTER FÜR BILDUNG UND WISSENSCHAFT 1989: 310 ff) Die Angaben zur arbeitsrechtlichen Stellung der männlichen Wohnbevölkerung wurden dem Datenreport 1987 entnommen (STATISTISCHES BUNDESAMT 1987: 87 )Google Scholar
  8. 3.
    Die Angaben zu Schul-und Berufsabschluß der Väter von Studierenden an einer Fachhochschule-und an einer wissenschaftlichen Hochschule (FH/Univ.) entstammen der 11. Sozialerhebung des Deut. Studentenwerkes (BUNDESMINISTER FÜR BILDUNG UND WISSENSCHAFT 1986: 99, 112). Angaben zur arbeitsrechtlichen Stellung der Väter von Studierenden entommen: Grund-und Strukturdaten des BMBW zur beruflichen Stellung der Väter von Deutschen Studenten im 1. Hochschulsemester für das WS 1988. (BUNDESMINISTER FÜR BILDUNG UND WISSENSCHAFT 1989: 200 )Google Scholar
  9. 5.
    Die Werte der Kategorie Meister wurden eingeklammert, weil sie im Falle der Mikrozensus-Daten für die BRD auch Technikerabschlüsse und gleichwertige Fachschulabschlüsse enthalten. Von daher fallen diese Werte höher aus als die Angaben aus der “Studium und Biographie”-Erhebung, welche nur auf der expliziten Nennung “Meister” beruhen. Es müßte wahrscheinlich ein Großteil der “sonstigen” Nennungen der Studentenstichprobe zu den Berufsabschlüssen noch zur Kategorie des Meisters hinzugerechnet werden, um adäquate Werte zu erhalten. Dies ist aber aufgrund der Unbestimmtheit dieser Restkategorie nicht möglich.Google Scholar
  10. 6.
    Für die Berechnung und Datenbasis der Angaben zur weiblichen Wohnbevölkerung und zu den Müttern von Studierenden wurde analog der Datenaufbereitung für die männliche Wohnbevölkerung bzw. Vätern von Studierenden verfahren. Siehe deshalb entsprechende Anmerkungen zur vorhergehenden Tabelle 5.1.1 zu den Vätern der Studierenden, mit einer Ausnahme: Die Angaben zur arbeitsrechtlichen Stellung der Mütter von Studierenden sind in den Grund-und Strukturdaten des BMBW nicht enthalten, es wurde deshalb auf die Daten des 11. Sozialbericht des Deutschen Studentenwerkes für das Jahr 1985 zurückgegriffen. (BUNDESMINISTER FÜR BILDUNG UND WISSENSCHAFT 1986: 99). Denn in der 12. Sozialerhebung sind diese Angaben nicht mehr zu finden.Google Scholar
  11. 11.
    ALLEHOFF et al. (1983) konnten zeigen, daß ein aus Berufsprestige, Bildungsstand und Einkommen beider Elternteile gebildeter Kompositscore einfachen, nur den väterlichen Beruf berücksichtigenden Maßen zwar überlegen ist, jedoch konnten alle signifikanten Ergebnisse durch das Berufprestige des Vaters allein auch erreicht werden.“ (ALLEHOFF 1985: 28) Im übrigen fällt auch die Statusinkonsistenz zwischen Eheleuten gar nicht so hoch aus wie oft angenommen. Dies konnte beispielsweise Johann HANDEL (1988) mit der Arbeit ”Berufschancen und Heiratsmuster von Frauen“ zeigen. Vor allem ist der Fall, in dem die Frau einen höheren Bildungsabschluß als der Ehemann aufweist, (noch) die Seltenheit: Nur in 15% der Fälle ist bei der ”Irle-Stichprobe“, die ALLEHOFFS (1985) Arbeit zugrunde liegt, die Schulbildung der Mutter höher als die väterliche. (ALLEHOFF 1985: 64).Google Scholar
  12. 12.
    Daß eine dualistische Erhebung der Berufe im Sinne MARX’ oder eine Trennung in manuelle und nicht-manuelle oder Arbeiter und Angestellte/Beamte (FEND 1974) wenig Erklärungskraft besitzt, konnte für die Sozialisationsforschung nachgewiesen werden (SCHNEEWIND and HERRMANN 1980)“. (ALLEHOFF 1985: 31)Google Scholar
  13. 13.
    Wie beispielsweise OFFE/HEINZE (1990: 54 ff) darstellen, sind zwar relativ gesicherte Angaben über das durchschnittliche Vermögen der Bevölkerung möglich, nicht aber für einzelne. Denn nicht über das Berufseinkommen erworbenes, sondern z.B. geerbtes Vermögen, wird in kaum einer Sozialerhebung adäquat erfaßt.Google Scholar
  14. 14.
    Der “Normalstudent” wird in der 12. Sozialerhebung zur Unterscheidung vom “Elternwohner”, “Verheiratetem” und “Zweitstudiumsstudenten” folgendermaßen definiert: “ledig, nicht bei den Eltern wohnend, im Erststudium” (BMBW 1989: 18). Knapp 60 Prozent der 1988 Studierenden fallen unter diese Kategorie.Google Scholar
  15. 15.
    Die Restkategorien ‘Sonstiges’ beim Berufsabschluß des Vaters und der arbeitsrechtlichen Stellung wurden vernachlässigt, die Kategorie ’Meister’ wurde wegen der wenigen Nennungen der Kategorie ’Lehre’ zugeordnet. Die einzelnen Merkmalsausprägungen wurden zu jeweils binären (“qualitativen”) Variablen umcodiert, damit auch nichtlineare Zusammenhänge deutlich werden können. Alle so erhaltene 14 Variablen wurden Z-standardisiert, aber nicht neu gewichtet. Dadurch gehen der Bildungsstatus des Vaters und der Mutter jeweils mit drei Variablen in die Clusteranalyse ein, die arbeitsrechtliche Stellung des Vaters mit vier Variablen. Was zwar eine Überbewertung dieses Merkmals gegenüber dem Bildungsstatus des Vaters bedeutet, nicht aber gegenüber der gemeinsamen Bildungsdimension von Mutter und Vater (=6 Variablen). Das dichotome Situsmerkmal geht mit zwei Variaben ein (technisch-produzierend “ja/nein” und nicht technisch-produzierend “ja/nein”; diese doppelte Verkodung wurde wegen einiger fehlender Werte notwendig). Ebenfalls mit zwei getrennten Variablen ist die finanzielle Lage der Studierenden berücksichtigt (DM-Beträge der elterlichen Unterstützung und des BAföGs).Google Scholar
  16. 16.
    Distanzmaß: quadrierte Euklidische Distanz, Agglomerationsverfahren: Ward’s method.Google Scholar
  17. 17.
    Die Fusionsschritte verlaufen in folgender Reihenfolge: Cluster 5 “FH-Ingenieure” fusioniert als erstes mit Cluster 3 “Angestellte mit Lehre” (aufgrund der Ähnlichkeit der arbeitsrechtlichen Stellung und der Schulbildung der Mütter). Mit diesem neuen “Angestellten”-Cluster vereinigt sich im nächsten Schritt das “Selbständigen-Cluster” (5) aufgrund der ähnlichen Situs-Werte, der Einkommenslage und der wiederum ähnlichen Bildungswerte der Mütter. Die Bildungswerte der Mütter sind jedoch auch im letzten noch zu vereinigenden Cluster, dem “Beamtencluster” (2) fast identisch mit den anderen Subclustern. Aufgrund der aber ansonsten höchsten Abweichungen der Situsvariable und der Einkommenslage wird dieses als letztes der vier Subcluster mit den anderen vereinigt.Google Scholar
  18. 22.
    Siehe hierzu auch Heft 7 der Projekt-Reihe “Studium und Biographie”: Aufbau und Konzeption des Fragebogens (ENGLER 1990: 19 f.)Google Scholar
  19. 23.
    Die Denkweise und Begrifflichkeit des “Passungs-Konzeptes” machen hier in besonderer Weise die teilweise große konzeptionelle Nähe des theoretisch-empirischen Ansatzes des Forschungsprojektes zu BOURDIEUS alltagskulturellem Denken deutlich.Google Scholar
  20. 27.
    Die empirische Verfolgung der Selbstselektion durch Studienabbruch oder Fachwechsel ist aus zwei Gründen nicht möglich. Zum einen, weil die Stichprobe zu klein ist, um aus den “verbliebenen” Studierenden in den höheren Semestern Rückschlüsse auf (Selbst)Selektionprozesse zu ziehen. Zum anderen läßt auch das Design der Querschnittsbefragung, welches im Grunde eine gesamte Studentengeneration (1. bis 9. Semester) umfaßt, solche Prozeß-Interpretationen kaum zu. Die unterschiedlichen Studienbedingungen zwischen dem WS 1984 und dem WS 1988 können durchaus kohortenspezifische Effekte erzeugt haben, die eine eindeutige Erklärung durch Selektionseffekte ausschließen.Google Scholar
  21. 28.
    Daß die Kinder aus Arbeiterfamilien, wenn sie an die Hochschule gelangen, schon besonders hohe Selektionsbarrieren überwunden haben und sie deswegen im Sinne einer “Arbeiterelite” zu interpretieren sind, gehört zum heutigen Common Sense der Bildungsforschung und bedarf keiner weiteren Erläuterung oder Begründung. Diesbezüglich wurde von mir auch schon in Kapitel 3.2.1 (S. 78, Anmk. 14) angemerkt, daß gerade die oft zu beobachtenden überdurchschnittlichen Leistungen der Arbeiterkinder im den Institutionen der höheren Bildung nicht etwa Theorien über die Benachteiligung bildungsferner Schichten widerlegen, sondern im Gegenteil als Ausdruck ihrer besonders hohen Selektivität zu werten sind, die vor allem auf die große Mehrheit derer verweist, die nicht in die Anstalten höherer Bildung gefunden haben.Google Scholar
  22. 29.
    Die Werte entstammen den Grund-und Strukturdaten fir das WS 1988 (BUNDESMINISTER FÜR BILDUNG UND WISSENSCHAFT 1989: 200), die auch in Tabelle 5.1.1 dargestellt wurden.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1993

Authors and Affiliations

  • Helmut Apel

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