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Treffpunkt Berlin

Wechselbeziehungen der literarischen und künstlerischen Avantgarde in den zwanziger Jahren
  • Hermann Haarmann
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Zusammenfassung

„Man spricht des Oefteren von Berlin, wenn man amerikanische Städte nennt, und meint hiermit dem Wesen dieser Stadt näher zu kommen, ja es fast zu erklären und in eine bestimmte Gattung von Stadtcharakteren einzuordnen. Dies scheint mir falsch.“1 Hier formuliert der Querdenker Carl Einstein gegen das Klischee, das die Entwicklung einer europäischen Stadt zur Großstadt, zur Metropole unters Etikett des Amerikanismus stellt. Wie schillernd dieser Begriff auch immer angewendet wird, in seiner Grundbedeutung meint er den alle Lebensbereiche umwertenden Prozeß der Industrialisierung. Synonym für die damit statthabende soziale Umstrukturierung ist die Technisierung, die ihren Vorreiter in Amerika und dort beispielhaft in Henry Ford hat. Dessen Funktionalismus, idealtypisch an der Durchrationalisierung der Fabrikarbeit festgemacht, wird allenthalben als das Epochensignum der Moderne rezipiert. Die Auseinandersetzungen mit dem Amerikanismus beschränken sich deshalb nicht auf die Bereiche industrieller Produktion; auf dem groBen Feld der Kultur diskutieren und praktizieren Künstler unterschiedlichster Provenienz dieses Phänomen. „Unabstrakt und unsentimental, also in einem positiven Sinne naiv: so ist die Methode des Amerikanismus, und zwar im seelischen und geistigen Leben ebenso wie im praktischen. Keinerlei Bildungslasten beschweren diese Methode. Sie ist jung, barbarisch, unkultiviert, willenhaft.“2 Gerade die absolute Traditionslosigkeit des Amerikanismus, die hier überschwenglich gefeiert wird, kann sich in der alten Welt und ihren Metropolen nicht ungebrochen realisieren. Die Manifestationen der europäischen Zivilisation verhindern einen reibungslosen Transfer. Amerikanismus verspricht Reinigung, Verschlankung, Versachlichung — dies sein pragmatischer Aspekt, wogegen ideologisch Amerikanismus für Internationalität steht. Durch sie werden die Metropolen einander nähergerückt über Ländergrenzen hinweg. Der vergleichende Blick allerdings läßt das je Spezifische einer Stadt dann um so deutlicher werden:

„Schneller als Moskau selber lernt man Berlin von Moskau sehen. [...] Heimkehrend findet man vor allem eins: Berlin ist eine menschenleere Stadt. Menschen und Gruppen, die in seinen Straßen sich bewegen, haben die Einsamkeit um sich. Unaussprechlich erscheint der Berliner Luxus. Und er beginnt schon auf dem Asphalt. Denn die Breite der Bürgersteige ist fürstlich. Sie machen aus dem ärmsten Schlucker einen Grandseigneur, welcher auf der Estrade seines Schlosses wandelt. Fürstlich vereinsamt, fürstlich verödet sind die Berliner Straßen. Nicht nur im Westen.“3

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Anmerkungen

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