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Auf dem Weg zum Stadtroman

Friedrich Spielhagens Sturmflut als Darstellung des Berlins der „Gründerzeit“
  • Bernd Neumann
Chapter
Part of the DUV: Literaturwissenschaft book series (DUVSWISS)

Zusammenfassung

Friedrich Spielhagen als Romanautor ist heute nahezu vergessen, und das nicht zu unrecht. Sturmflut ist als der Intrigenroman, der er auch ist, fast ungenießbar. Interessant ist der Roman jedoch als Darstellung der damals noch sehr jungen Hauptstadt des Deutschen Reiches Berlin und seiner Zeit, eben der „Gründerjahre“. Als eine Station auf dem Weg zum Stadtroman bzw. zum Großstadtepos soll der Text im folgenden gelesen werden; seine Ästhetik interessiert unter diesem Aspekt, und allerdings auch, wie diese mit dem Stück Kulturgeschichte zusammenhängt, das in Spielhagens Text aufbewahrt erscheint. Denn Sturmflut ist ja ein intendierter Zeit- und Gesellschaftsroman mit dem zentralen Thema der Großstadt Berlin als der neuen Hauptstadt des Wilhelminischen Reiches. Damit griff Spielhagen ein Thema auf, das in Deutschland so gut wie keine Tradition hatte. Die ersten, die in deutscher Sprache ein Bild der Großstadt zeichneten, waren die Emigranten in Paris, Heine und Börne vor allem. Berlin war Großstadt wohl seit ca. 1850, Hauptstadt erst seit 1871. Man kann mit Friedrich Sengle darauf hinweisen, „daß bis in die Gründerjahre nur ein geringer Prozentsatz der Deutschen [etwa 5 %] in großen Städten lebte, und daß Treitschke mit Recht feststellen konnte, Deutschland sei ohne Weltstadt zur Weltmacht aufgestiegen“1. Es ist bezeichnend, daß Hegels „Ästhetik“, so weit ich sehen kann, das Problem der Großstadtdarstellung noch gar nicht kennt. Goethe ist der großen Stadt sehr reserviert gegenübergestanden und hat die sehr deutsche Tradition des Stadt-Land-Dualismus mit begründet. Sie findet sich, untergründig und dennoch bestimmend, auch in Sturmflut. Goethes Wahlverwandtschaften, die wichtig waren für Fontanes Effi Briest und für den, der diesen Tatbestand diagnostizierte: für den Sturmflut-Autor Spielhagen selbst, spielten programmatisch auf dem Lande. Man kann sagen, daß Spielhagen neben (und zeitlich: vor) Fontane unter den ersten war, die den deutschen Gesellschaftsroman à la Wahlverwandtschaften in die Großstadt verlegten. Dem soll im folgenden nachgegangen werden.

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Anmerkungen

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    Friedrich Sengle: Wunschbild Land und Schreckbild Stadt. In: Studium Generale XVI/ 10 (1963). S. 626.Google Scholar
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Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1992

Authors and Affiliations

  • Bernd Neumann

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